Mein Walk of Fame - Dieter Wahl - E-Book

Mein Walk of Fame E-Book

Dieter Wahl

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Beschreibung

Charles Aznavour, Mireille Mathieu, Mikis Theodorakis, Pierre Richard, Friedrich Dürrenmatt, Milva, Gilbert Bécaud ... Nur einige der ganz Großen aus Showbiz, Kino, Musik und Literatur, die der Autor in 30 Jahren als TV-Auslandskorrespondent kennenlernen durfte. Im amüsanten Plauderton lässt er nun teilhaben an diesen Sternstunden mit Stars und VIPs der Königsklasse, von denen Sir Peter Ustinov von der Académie française sogar den Status der Unsterblichkeit erhielt. Erzählt werden Geschichten, die gespickt sind mit Interviews, Anekdoten, Hintergründen und aktuellen Bezügen. Sie geben aufschlussreiche Einblicke in das schillernde Leben von Weltstars, die - bedacht sowohl mit Lorbeerkranz als auch Dornenkrone - schon heute Denkmäler der europäischen Kulturgeschichte sind.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Widmung 3

Ein Brief als Vorwort 4

Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame 9

Peter Ustinov 9

Mireille Mathieu 31

Jean Marais 68

Marina Vlady 90

Pierre Richard 115

Charles Aznavour 131

Friedrich Dürrenmatt 153

Milva 176

In Memoriam: Dalida und andere –berühmt und tot 202

Jorge Amado 258

Mikis Theodorakis 275

Gilbert Bécaud 304

Robert Merle 321

… Meine VIP-Lounge … Meine VIP-Lounge … Meine VIP-Lounge … Meine VIP-Lounge … Meine VIP-Lounge 337

Manfred Wörner 337

Rudolf Kirchschläger

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-464-9

ISBN e-book: 978-3-99107-465-6

Lektorat: Angelika Mählich

Umschlagfotos: Marion Wahl, Elke Güldner, Dieter Wahl, Photo Simonis Wien, Burin Suporntawesuk | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen:

Foto 1 - Foto 11: Marion Wahl

Foto 12: Elke Güldner

Foto 13: Marion Wahl

Foto 14: Dieter Wahl

Foto 15: Photo Simonis Wien

Foto 16: Birgit Koschella

www.novumverlag.com

Widmung

Für Birgit und Annemarie

Ich danke Dr. Harry Graff und Heinz Drescher für die Erst­lesung und Begutachtung des Manuskripts, das ich durch ihre konstruktiven Hinweise und Vorschläge optimieren konnte.

Ein Brief als Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich schreibe Ihnen den Prolog zu meinem Buch als Brief, weil dies der individuellen, persönlichen Note meiner Geschichten am ehesten gerecht wird. Nun zur Sache – oder besser zum Menschen: Haben Sie nicht auch schon Leute kennengelernt, die Sie beeindruckt oder gar fasziniert haben?! Menschen, die Ihnen im Gedächtnis blieben und sie angeregt haben – zum Nachdenken, zum Nacheifern und zum Weitererzählen. Und eben das möchte ich auch: weitererzählen.

Ich hatte in vierzig Journalisten-Jahren das Vielfachglück bemerkenswerter Bekanntschaften in Ost- und Westeuropa, davon rund drei Jahrzehnte im Ausland. In der spannenden Zeit meiner TV- und Zeitungsarbeit in Berlin, Paris, Moskau und Brüssel traf ich auch Persönlichkeiten mit dem Protokoll-Etikett „VIP“ – „Very Important Person“, definiert in einschlägigen Lexika als Personen, denen durch ihren privilegierten Status eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zukommt.

Dazu gehören in westlichen Gefilden die viel zitierten Reichen und Schönen des Gesellschaftsadels, Großindustrielle und Staatslenker, hochrangige Militärs und Prominente von Leinwand, Theater und Showbühne. Einige von ihnen habe ich in beruflicher Mission kennengelernt.

Manche von ihnen habe ich bewundert, manche nicht. Jene, die in meinem Gedanken-Refugium den Sonderstatus der Unvergesslichkeit besitzen, möchte ich Ihnen auf den folgenden Seiten vorstellen. Es sind keine medial aufgepumpten Möchtegerne, sondern echte Weltstars der Musik-, Literatur-, Film- und Showbranche. Mit CharlesAznavour hat einer von ihnen sogar einen Stern auf dem „Walk of Fame“ von Hollywood bekommen. Sterne fürmeine anderen Favoriten findet man dort nur deshalb nicht, weil sie mit wenigen Ausnahmen die hauseigene Domäne der Amerikaner sind. Den so vernachlässigten europäischen Kulturberühmtheiten und ihremHollywood-PlatzhalterAznavourmöchte ich deshalb mit diesem Buch einen ganz persönlichen „Walk of Fame“ widmen.

Juni 2014 am Hollywood-Stern des von mir ebenfalls verehrten US-Trickfilmpioniers Walt Disney. Gut drei Jahre später glänzte auf dem berühmtesten Bürgersteig Kaliforniens auch ein Stern für den Franzosen Charles Aznavour. Foto: Birgit Koschella

Ein solch fünfzackiger rosa Terazzo-Stern im schwarzen Marmor des Hollywood Boulevard kostet etwa 4000 Dollar. Die Print-Sterne auf meinem Boulevard der Erinnerungen haben für mich den Status der Unbezahlbarkeit. Sie kosteten die Währung Zeit für die authentische Reanimation des Erlebten, das mir Sternstunden mit Prominenten von Weltgeltung bescherte.

Ihnen bin ich nicht nahegekommen bei Zufallstreffen während der aktuellen Berichterstattung, sondern bei geplanten Treffen im journalistischen Eigenauftrag. Es waren Wunschbekanntschaften, die ich mit langem Geduldsfaden organisiert habe. Sie galten Autoritäten, deren Leistungen ich besonders geachtet und bewundert habe. Es reizte mich, sie kennenzulernen, um zu erfahren, ob ich sie nicht nur als Ausnahme­profi, sondern auch als Menschen schätzen kann. Geld und Ruhm verändern den Charakter. Würde mir jenseits der großen Bühne manierierte Gespreiztheit begegnen oder ungestelzte Natürlichkeit? Ich war neugierig, was sich hinter einem großen Namen verbirgt.

Bei diesen Begegnungen bekam ich auch einen Eindruck von der Schattenseite des Ruhms, um mich anschließend zu fragen: Würde Dich das alles – wärest Du einer von ihnen – glücklich machen?

Möglicherweise inspiriert es Sie, sich diese Frage ebenfalls zu stellen – und vielleicht auch zu beantworten. Privilegien im goldenen Käfig bei oft mentalen Problemen hinter Glitzergittern zum realen Leben. Berühmtheit als Glück und Last, Reichtum als Luxus und Bürde, Popularität als Segen und Fluch. Was könnte man davon ertragen, was nicht? Reizvoll, daran einen Gedanken zu verschwenden. Er würde vielleicht sogar helfen bei der Einschätzung des eigenen Lebens, mit dessen unaufgeregter, langweiliger Normalität und täglicher Gleichförmigkeit man mitunter hadert.

Was mir so manche VIP-Tür öffnete, war mein Exoten-Bonus Ost als Westeuropa-Korrespondent des DDR-Fernsehens. Das half mir im Verbund mit einer zuweilen auch penetranten Hartnäckigkeit, meine Wunschkandidaten vor Mikrofon und Kamera zu bekommen – und das nicht selten unter abenteuerlichen Umständen, die ich Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten möchte.

Wichtig dabei ist mir: Ich möchte Ihnen kein Wachsfigurenkabinett zumuten mit steifen, für die Ewigkeit modellierten Figuren, deren Visitenkarten mit simpler Kurzvita in jedem Personallexikon nachlesbar sind, sondern Lebewesen aus Fleisch und Blut, berühmte Mitmenschen mit sowohl Lorbeerkranz als auch Dornenkrone. Und obwohl einige von ihnen wie Sir Peter Ustinov von der Académie française bereits den Status der Unsterblichkeit erhielten und für ihn und seinesgleichen das Ruhmesblatt zur Ewigkeit schon ausgestellt ist, möchte ich sie nicht in ein Panoptikum angestaubter Historie stellen, sondern in ihr sehr lebendiges Umfeld mit oft verblüffenden Bezügen zum Heute. Mit Interviews, Anekdoten und Einblicken in das aufregende Leben von Superstars, die schon jetzt Denkmäler der europäischen Kulturgeschichte sind.

Sie schenkten mir ein Stück ihrer Lebenszeit, wofür ich unendlich dankbar bin. Dabei habe ich Wert gelegt auf eine Arbeitsteilung mit der Paparazzi-Presse, die meist mit dem Charme von Geiern vornehmlich für die Banalitäten der Stars zuständig ist, sie mit in die luftigen Höhen des Wohlwollens nimmt oder auf ihnen herumhackt. Meine Neugier galt weniger der weiblichen Wespentaille oder dem männlichen Bizeps einer Show- oder Filmgröße als vielmehr der Qualität ihres Gehirns, was mitunter Überraschendes zutage förderte.

So hätte ich nicht geahnt, dass der Kino-Weltmeister des Zwerchfells, der „große Blonde mit dem schwarzen Schuh“, Pierre Richard, einen Dokumentarfilm über Kuba und den Revolutionär Che Guevara dreht. Oder dass eine Mireille Mathieu als leichtmusiger „Spatz von Avignon“ in einem UNO-Antikriegsfilm die Handlungsstärke einer humanistischen Gemeinschaft beschwört. Und das nicht nur wegen klingender Münze, die sie zur Genüge hat, sondern weil sie so denkt und fühlt.

Als Kontrast zur Kunstprominenz darf ich Ihnen zwei VIPs der politischen Königsklasse vorstellen: den österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirschschläger und den bisher einzigen deutschen NATO-Generalsekretär Manfred Wörner. Ihnen habe ich eine Extra-VIP-Abteilung eingeräumt.

Auch ein Journalist ist eitel. Ich empfand Genugtuung über nette Nebenbei-Bemerkungen von zwei Schwergewichten der westlichen Gesellschaft. Weltbürger Ustinov meinte, solch nachdenkenswerte Fragen hätte ihm noch keiner gestellt. Und NATO-Häuptling Wörner kommentierte sein einziges Interview für ein DDR-Medium mit dem Satz: „Nun brechen wohl zwischen Ost und West neue Zeiten an!?“ Es wurde ein Interview, das zu einem Streitgespräch zwischen Ost und West eskalierte. Dass es nicht nur der erste, sondern auch der letzte Versuch dieser Art der friedlichen Koexistenz sein würde, hatte weder Honecker noch sein beliebtester Klassenfeind geahnt.

Liebe Leserschaft,

sollten meine Anmerkungen und Einschätzungen zu Leben und Wirken meiner Topstars nicht immer mit der offiziellen Lesart enzyklopädischen Wissens übereinstimmen, so mag das am subjektiven Blickwinkel des Betrachters liegen.

Sollten die Porträtbilder nicht immer der Hochglanz-Aureole bunter Illustrierter entsprechen, so liegt das am bewussten Verzicht auf einen Weichzeichner.

Sollten die Äußerungen der Prominenten nicht immer mit den von Presse und Politik vorgestanzten Meinungsklischees übereinstimmen, so liegt das an den Promis selbst.

Und sollten manche Passagen abschweifend wirken, so ist das dem zwanghaften Bestreben des Autors geschuldet, Erlebnisse in den Zusammenhang von Raum und Zeit zu stellen, sie aus der Isolation des Moments herauszuholen und in ihr gesellschaftliches Umfeld einzuordnen.

Ich wünsche Ihnen ein verständnisvolles, vorurteilsfreies Lesen.

Dafür besten Dank.

Herzlichst

Ihr Dieter Wahl

Ahrensfelde/Eiche, im Februar 2021

Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame … Mein Walk of Fame

Peter Ustinov

wurde berühmt als Oscar-dekoriertes Multitalent, Entertainer und Leinwand-Detektiv Poirot

Vorsichtig kurve ich den Chaillot-Hügel an den Trocadéro-Gärten hinauf, obwohl hier im tiefen Pariser Herbst weder überfrorene Straßen noch Schneekrümel lauern. Aber ich will in der leichten morgendlichen Nebelsuppe an den Uferterrassen der Seine und auf ihrem raureifglitschigen Pflaster nichts riskieren. Denn das Rendezvous, dem wir entgegenfahren, ist mir heilig. Im Kofferraum hat Kameramann Eberhard Güldner unser Filmequipment verstaut mit jeglicher Art von technischem Zubehör, obwohl wir nicht wie gewöhnlich 500 Kilometer nach Genf oder Straßburg oder 300 Kilometer nach Brüssel brettern. Im Gegenteil, von unserem Korrespondentenbüro im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt bis hierher zum Palais de Chaillot gegenüber dem Eiffelturm ist es ein Katzensprung. Aber Eberhard hat das gesamte Arsenal an Produktionsutensilien eingepackt, um auf alles vorbereitet zu sein. Denn die Gelegenheit zu diesem Prominententreff ist zu einmalig. Auch meine Frau Marion ist mit von der Partie, um sich um Ton, Licht und Fotos zu kümmern.

Ich kann es immer noch nicht so recht glauben, dass wir ihn in wenigen Minuten treffen sollen. Aber Peter Ustinov hat es mir fernmündlich hoch und heilig versprochen, nachdem ich ihn mit telefonischer Ausdauer ein gutes halbes Jahr kreuz und quer durch Europa verfolgt habe. Nun also soll das Interview mit ihm am heutigen Montagvormittag, dem 20. Oktober 1986, Realität werden. Vereinbart ist 10 Uhr. Noch bleiben 20 Minuten, was reichen müsste, wenn wir hoffentlich schnell eine Parkmöglichkeit finden.

Von der Unrast des Suchens und dem Glück des Findens

Gottlob sind die alles überschwemmenden Touristenströme des Sommers weitgehend versiegt und plätschern nur noch in verhaltener Gruppenstärke dahin. Ich erblicke nur noch vereinzelte regenschirmschwingende Fremdenführer an den imposanten architektonischen Besuchermagneten mehrerer Pariser Weltausstellungen. Für sie entstand auch hier oben 1878 das Trocadéro-Palais, das dann für eine weitere Weltausstellung 1937 zum Palais de Chaillot umgebaut wurde. Die Freifläche zwischen den beiden Seitenpavillons ermöglicht einen atemberaubenden Panoramablick hinunter zu der an einer Seine-Schleife 324 Meter in den Himmel strebenden Stahlpyramide des Eiffelturms, hochgezogen zur Weltausstellung 1889.

In einem der beiden Museen des Chaillot hat der französische Historiker Henri Langlois 5000 geschichtsträchtige Filmraritäten zusammengetragen und damit einen einmaligen Fundus der Kinematografie geschaffen. Vom Drachen aus dem Nibelungenstreifen eines Fritz Lang über das Kettenhemd Iwans des Schrecklichen aus dem Zweiteiler Eisensteins bis zu Requisiten von Agatha Christies schrulligem belgischem Detektiv Hercule Poirot, dem Peter Ustinov zu bleibender Leinwand-Berühmtheit verhalf.

Nicht minder überzeugend gebärdete er sich als verrückter Kaiser Nero im Monumentalstreifen „Quo vadis“. Dafür wurde er als „Bester Nebendarsteller“ für den Oscar nominiert, bekam ihn aber nicht. Dafür erhielt er den begehrten Academy Award gleich in doppelter Ausführung für seine genial gespielten Charakterrollen in zwei anderen Hollywood-Produktionen – zum einen als sadistischer Sklavenhändler in Stanley Kubricks Historien-Epos „Spartacus“ und zum anderen als Kleinkrimineller in Jules Dassins Agenten-Komödie „Topkapi“. Ustinov, der weltgewandte Grandseigneur der Unterhaltungskunst in all ihren Facetten. Ein Virtuose der Wandlungsfähigkeit, dessen breite Palette er in jede Richtung mit Glaubwürdigkeit ausgefüllt hat – ob als scharfsinniger Polizist, trotteliger Ganove oder mörderischer Imperator.

Das geht mir durch den Kopf und nötigt mir nochmals gehörigen Respekt ab, während ich den „Audi 100“ in eine Parklücke der Avenue Georges Mandel einrangiere und den Automaten füttere. Es ist Viertel vor zehn. Zur vollen Stunde erwartet er uns hier auf dem herbstblättrig geschmückten nebelfeuchten Platz über den Dächern von Paris. Dunst, der vom Fluss weiter unten in seidenzarten Schleiern heraufweht und sich in hauchdünner Bescheidenheit aufs Pflaster legt.

Sollte der Treff missglücken, hätte das keine redaktionellen Folgen. Es ist kein geforderter Pflichttermin, sondern eine hausgemachte Kür. Denn zum knallharten täglichen Brot der Berichterstattung über die aktuelle Politik in unserem weiträumigen westeuropäischen Länderbereich hatte ich begonnen, mir und dem Fernsehpublikum einen selbst gestellten Auftrag zu erfüllen. Ich hatte mir eine Liste ausgeknobelt mit Namen hochkarätiger internationaler Persönlichkeiten, die ich aus der Welt von Kunst, Literatur, Politik, Film, Theater- und Showbühne verehre und näher kennenlernen und befragen wollte – nicht über den letzten Skandal oder die vorletzte Liebschaft. Nein, ich wollte ihre Intelligenz nicht durch Lappalien beleidigen, sondern ihre Meinung zu substanziellen Themen erfahren. Das machte den Reiz meiner Idee aus, deren Verwirklichung ich mir allerdings leichter vorgestellt hatte. Zugute kam mir dabei ein Bonus, den ich voll ausspielte: Als Mann des DDR-Fernsehens war ich inmitten der Westpresse ein Exot, auf den oft auch ein West-Prominenter neugierig war. Da traf Neugier auf Neugier.

Anfangs griff ich mir aus meinem Wunschzettel diesen und jenen Kandidaten heraus, den ich glaubte, problemlos vor die Kamera zu bekommen, weil er unter demselben Himmel in Paris wohnte. Schnell aber dämmerte mir, dass ein Multigenie und Kosmopolit wie Peter Ustinov als Weltbürger in ganz Europa zu Hause ist und man ihm von Paris bis Genf hinterherrecherchieren muss. Das habe ich monatelang immer mal wieder getan, wenn Luftlöcher in der Arbeit es gestatteten. Ihn zu suchen, war eine strapaziöse Telefon-Odyssee – ihn gefunden zu haben, eine überreichliche Belohnung.

Über zahlreiche Umwege hatte ich mir Ustinovs private Telefonnummer von seinem Haus in Bursins zwischen Genfer See und Jura-Gebirge besorgt. Damit begann eine wochenlange Durststrecke vergeblicher Versuche. Nach intensivem Schweigen ließ sich plötzlich die Stimme einer Haushälterin vernehmen und es entspann sich ein nerviger Dialog: „Herr Ustinov ist unterwegs.“„Wo?“„Diesmal in Europa.“„Könnten Sie das bitte präzisieren?“„Fragen Sie in seiner Filiale in Boulogne-Billancourt nach. Das ist bei Paris.“ Ich konnte es nicht fassen. Da horchte ich in aller Welt herum und direkt neben mir nur einige Straßen weiter saß sein Management. Wenigstens hatte ich seine Agentin auf Anhieb an der Strippe. Madame Coutourie hörte sich mein Begehr geduldig an und gab bereitwillig Auskunft: „Monsieur Ustinov ist derzeit in England.“„In London?“„Ja, in einem Hotel in London. Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ Das war schon etwas Genaueres. Ich schöpfte wieder Mut.

Nach weiteren Kreuz-und-quer-Recherchen in Ustinovs Freundeskreis kannte ich schließlich seine Bleibe in der Themse-Stadt. Pech: Der Weltenbummler hatte bereits das Hotelzimmer geräumt. Glück: Der beherzte Portier erwischte ihn noch in der Empfangshalle, wo ihn eine Gruppe von Autogrammjägern umzingelt und damit aufgehalten hatte. Ich bin ihnen dafür heute noch dankbar. Bange Warteminuten erschienen mir wie eine Ewigkeit, aber schließlich war er am Telefon. Endlich! Der Druck des Suchens wich dem Glück des Findens. Ja, es war die filmbekannte Stimme von Peter, dem Großen. Als ich mich als Deutscher oute, wechselt er mühelos vom tadellosen Englisch ins tadellose Deutsch.

Statt Adresse ein Winksignal

Meine von mir dramatisch ausgeschmückte Verfolgungsjagd auf seinen Spuren amüsierte ihn sichtlich. Das war auch spürbar am Tonfall, der in wohlwollender Modulation durch die Leitung drang. Ja, übermorgen sei er in Paris. „Ein Treffen und ein Interview fürs Ostfernsehen? Ein Novum! Warum nicht?“„Wo und wann?“„Kommen Sie gegen zehn zum Trocadéro-Platz, zu der kleinen leicht abschüssigen Straße links hinter dem Palais de Chaillot. Dort warte ich.“„Welche Hausnummer, Herr Ustinov?“„Ist nicht nötig. Ich schaue von der obersten Etage aus dem Fenster und winke mit meinem Schal.“ Ich glaubte mich verhört zu haben, fragte ungläubig und verdattert zurück: „Am Fenster?“ Ich spürte förmlich durch den Hörer, wie er die Situation genoss: „Ja, Sie sehen mich oben am Fenster. Ich werde winken.“ Damit verabschiedete er sich und ließ mich mit meiner Verblüffung allein.

Auf die Minute genau erscheint er Punkt zehn im Obergeschoss eines unauffälligen Altpariser Reihenhauses im Fensterrahmen und wedelt mit einem Schal. Echt Ustinov! Das ist sein Auftritt! Wenn keine Bühne da ist, schafft er sie sich selbst. Gagverliebt, wie ihn alle beschreiben, die ihn erlebt haben. Wir nun auch. Ein Erzkomödiant mit fanatischem Sinn fürs Ausgefallene. Ein geistreicher Gaukler, der seine Zeit kritisch auslotet, ihre Krankheiten mit der Präzision eines Skalpells seziert und mit erbarmungsloser Satire geißelt. Ein Tänzer auf vielen Hochzeiten – und auf einem dünnen Seil über dem Abgrund, wenn er die Mächtigen dieser Welt für ihre Todsünden sowohl mit beißender Satire als auch mit beiläufigem Spott überzieht. Nie laut und polternd, sondern mit leisem, feinsinnigem Humor. Nie Hiebe mit der Axt oder dem Säbel, sondern Pikser mit der Nadel oder Stiche mit dem Florett. Dafür hasst ihn die Schar der Angegriffenen und liebt ihn der Rest der Welt. Ein kreativer Intellektueller und 14-facher Ehrendoktor, ausgestattet mit der Gabe des unverbesserlichen Optimismus. Sein Motto: „Humor ist einfach eine komische Art, ernst zu sein.“

Extrem ungewöhnlich ist er seit jeher, der Sohn eines deutschen Journalisten und einer französischen Malerin, der zudem noch russische und äthiopische Vorfahren hat. Er weiß selbst nicht so recht, was er eigentlich ist. Auf jeden Fall aber ein begnadeter Theater-, Film- und Selbstdarsteller, Regisseur und Schriftsteller, Maler und Karikaturist, Bühnenbildner, Entertainer und Alleinunterhalter, der sein Publikum mit geistreichen Pointen überschüttet. Sie sprudeln nur so aus ihm heraus, als wir zum Café Kleber am Rande des kopfsteingepflasterten Rondells schlendern. Er parliert mit uns in fließendem Deutsch, beherrscht aber mit derselben verbalen Leichtigkeit weitere sieben Sprachen: Englisch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch und Türkisch. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der stets bestens informierte Haudegen der alten Schule sich unterwegs an einem Kiosk mit Zeitungen aus aller Herren Länder eindeckt. Er ist 65 Jahre alt und Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Weißhaarig, gelbgemusterte Krawatte zum hellgrün gemuschelten Seidenschal, weißes Hemd unter dunklem dickwolligem Wintermantel.

Ich vermisse das Presseklischee, er habe es immer eilig. Sollte es so sein, woran ich nicht zweifle, merkt man es ihm nicht an. Er ist die personifizierte freundliche Ruhe und Ausgeglichenheit eines Mannes, der mit sich selbst, seinem Leben, seinem Standpunkt und Stehvermögen im Reinen ist. Ein älterer Herr, der weiß, was er ist, kann und will, wenngleich er sich schon wieder zwischen zwei stressigen Terminen befindet.

Neulich, so berichtet er, habe er in der kirgisischen Hauptstadt Frunse den kommunistischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow besucht, der mit seiner verfilmten und vielfach übersetzten Erzählung „Djamila“ berühmt wurde. Später, in der Perestroika-Zeit, war er Berater Gorbatschows, letzter Botschafter für die Sowjetunion in Luxemburg und anschließend für Kirgisistan in Frankreich und den Beneluxtaaten.

Vor unserem Treffen, so plaudert Ustinov in offener, unverblümter Art weiter, habe er in Washington einen Empfang von Ronald Reagan moderiert. Seine Miene wird verschmitzt. Er habe sich gewundert, dass der Präsident immer als Letzter über seine Witzeleien gelacht habe – bis er mitbekam, dass der Boss des Weißen Hauses wohl schwerhörig sei. Daraufhin habe er ihm sicherheitshalber die Pointen seiner Scherze noch einmal ins Ohr geflüstert. Der Anflug eines schelmischen Lächelns gleitet über sein Gesicht.

Obwohl leichtes Frösteln in der Luft liegt, hat der Wirt vom Café Kleber noch Korbstühle draußen gelassen, wenngleich sie niemand benutzt – außer Peter Ustinov. Wir setzen uns zu ihm und laden ihn zu einem Espresso ein. Der Kellner verschwindet und erscheint mit einem Gästebuch und der Bitte nach einem Autogramm. Es wird gut drei Jahre später noch wertvoller werden, nachdem Frankreich Monsieur Ustinov mit der höchsten Würde beglückt, die einem Ausländer zuteilwerden kann. Die „Académie française der Schönen Künste“ nimmt den England-Schweizer Anfang 1989 in ihren erlesenen Kreis der „Unsterblichen“ auf. Das ist schon für einen Franzosen eine kaum vorstellbare Ehre, für einen Fremdling kommt es einer Heiligsprechung gleich. Und noch ein Jahr weiter wird Ustinovs Autogramm bestimmt glasgerahmt einen Ehrenplatz im Café Kléber erhalten, denn 1990 schlägt ihn Königin Elisabeth II. zum Ritter und adelt ihn mit dem Titel „Sir“.

Ein vermisster Trabi

Der künftige England-Adlige und Franzosen-Heilige hat seinen Zeitungsstapel mit sehr irdischer Bedächtigkeit auf einem Stuhl abgelegt und es sich in seinem flauschigen Mantel bequem gemacht. Während der Kellner dienstbeflissen den Kaffee bringt, macht Eberhard in gewohnter Professionalität die Kamera klar und drückt mir ein Mikrofon in die Hand. Unser Interview auf dem Plateau über den Ufern der Seine kann beginnen.

Typisch Ustinov: Die erste Frage stellt er selbst: „Warum sind Sie nicht mit dem Trabi gekommen?“ Wieder ein Angriff aufs Zwerchfell. „Weil“, erkläre ich ihm, „weil der Trabant zwar ein rustikaler DDR-Volkswagen ist, der aber zu klein ist für die zentnerschwere Fracht von Kamera, Filmbüchsen, Tongeräten, Halogenbeleuchtung, Stativen und vielerlei anderem Zubehör, zumal er uns ja auch nochmitschleppen muss – und das bei Überlandfahrten quer durch Europa. Da ist die große Westkutsche Audi 100 schon geeigneter.“ Das leuchtet ihm ein, dem unsteten Weltreisenden, der selbst immer genug persönliches und berufliches Gepäck mit sich herumschleppt.

„Trabant“-Kenner Ustinov vor dem Trocadéro-Café Kléber über den Dächern von Paris: „Ich bin ein Gratwanderer.“ Foto: Marion Wahl

Nun beginnt ein typisches Wechselspiel à la Ustinov, bestehend aus feiner, leiser Ironie, hintergründigen Bemerkungen und einer geistreichen, trockenhumorigen Schlagfertigkeit, die auch die hohe Politik nicht ausspart. Zunächst aber Fragen zur Person. Welcher andere Beruf, den er zufällig noch nicht ausgeübt hat, käme für ihn noch in Frage? Er überlegt nicht lange:

„Bergsteiger, weil ich ohnehin ein Gratwanderer bin.“

„Fühlen Sie sich jetzt auf dem Gipfel des Ruhms?“

„Ich bin in einem Alter, in dem man Ehrungen erhält. Aber Lorbeeren sind keine komfortable Ruhestätte.“

Mich interessiert, wen und was er besonders liebt. Seine Frau Helene, eine französische Schriftstellerin, und die Oper. Natürlich! Er inszenierte Mozart, Offenbach, Janáček. Wie sieht der überparteiliche Kosmopolit die Welt?

„Sie braucht dringend eine kollektive Intelligenz.“

„Was tut not?“

„Bremsen gegen die Umweltzerstörung einzubauen in den Wagen der Zivilisation. Im Auto hat man Bremsen, im menschlichen Wagen nicht, nur Gasgeber.“

Zum Wettrüsten in Ost und West hat er eine glasklare Meinung:

„Ich weiß nicht, ob die Menschen da aufhören können, wo sie einmal angefangen haben. Aber ein Rüstungsstopp wäre das erste Signal einer gemeinsamen Vernunft.“

Sein Russland-Verständnis

„Wo“, so frage ich ihn, „stehen Sie politisch?“

„In der Mitte. Aber da muss man stark sein, weil man von links und rechts attackiert werden kann.“

Das hat er oft genug erlebt. Über sein Buch „Mein Russland“, erschienen 1983 im Münchener Heyne Verlag, beschwerte sich das englische Journal „Ökonomist“, es sei eine Kapitulation, weil Ustinov vergesse, dass Moskau der Feind sei. So frage ich ihn also: „Glauben Sie, dass Sie mit realistischen Büchern und Filmen westliche Vorurteile über Russland zurechtrücken können?“Peter Alexander Baron von Ustinov zuckt mit den Schultern: „Ein weitverbreitetes westliches Denkklischee scheint mir zu sein, dass man – wie hier so gesagt wird – dem sowjetischen Riesen nur durch hartes Muskelspiel imponieren könne.“

Dieses Klischee, so meint er, hafte dem sogenannten Koloss auf tönernen Füßen seit urdenklichen Zeiten an und werde auch heute sorgsam gepflegt. Er werde daran nichts ändern können, was ihn nicht daran hindere, anderes zu denken, zu sagen und zu schreiben. Dafür ist er bekannt: Ustinov, der Wahr- und Klarsager.

Seinem angefeindeten Russland-Buch hat er den Untertitel gegeben: „Eine Geschichte des Landes meiner Väter und Vorväter, wie sie in keinem Geschichtsbuch steht.“ Und so liest man darin denn auch Dinge, die westliche Elitepolitiker der Hardlinerfraktion so gern hören wie ihre eigene Grabrede. Nachdem der Autor mit bitterem Sarkasmus geschildert hat, wie in einem blutigen Feldzug Napoleons Frankreich und in zwei mörderischen Weltkriegen Kaiser- und Hitlerdeutschland die Sowjetunion überfallen haben, schlussfolgert er:

„Gibt es irgendeinen stichhaltigen Grund dafür, dass die Russen es nicht für klüger halten sollten, ständig für den Ernstfall gerüstet zu sein, oder dass sie argloses Zutrauen zu den friedfertigen Absichten des Westens haben sollten? Historische Belege für die Friedfertigkeit des Westens sind viel schwieriger zu finden als solche, die für die Aufrichtigkeit des russischen Wunsches nach Frieden sprechen. Das dröhnende Schweigen vieler Millionen Gefallener und Getöteter mag dies bezeugen. Russland hat in den vergangenen 200 Jahren mehr unter Kriegen gelitten als jemals ein anderes Volk. Es hat in dieser Zeit französische, britische, deutsche, polnische, österreichische, schwedische, italienische, rumänische, schweizerische, türkische, japanische und amerikanische Truppen als ungebetene Besucher auf seinem Territorium dulden müssen. Und heute soll dieses Land die Welt erobern wollen?“

Es verwundert nicht, dass solche Worte damals wie heute im Westen Ketzerei sind. Die Mär von der Bedrohung aus dem Osten setzten die USA schon in die Welt, als selbige noch in den Trümmern des Hitlerkrieges lag. Wie wir heute wissen, konzipierten die Amerikaner schon ein Vierteljahr nach ihren Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im November 1945 ein brandgeheimes Dossier mit dem Titel „Atombombenziel Sowjetunion“. Auf seiner Grundlage nahmen sie 1959 rund 20 000 strategische Ziele in der UdSSR ins Visier. Da aber hatte Moskau bereits nachgezogen und vier Jahre nach den USA die Bombe ebenfalls im Arsenal.

Diese Gleichrüstung verlangte vom Sowjetstaat einen erneuten gewaltigen finanziellen und materiellen Kraftakt, den er dringend beim Aufbau seines kriegsverwüsteten Landes gebraucht hätte. Solch Großreparatur eines Landes blieb dem kriegsverschonten Übersee-Amerika erspart. Ustinov resümiert: „Eine Invasion fremder Truppen oder eine nennenswerte Hungersnot haben die US-Amerikaner nie erlebt.“ Und wenn – so möchte man hinzusetzen – ihre über 400 000 Opfer des Zweiten Weltkrieges für sie in der Tat eine Katastrophe waren, wie soll man dann die 27 Millionen Toten der Sowjetunion nennen? Ustinovs Fazit: „Verglichen mit Russland haben die Vereinigten Staaten eine kurze und gesegnete Geschichte.“

Weiterdenken in seinem Sinne

Es ist nicht allzu schwer, Ustinovs Gedankenfaden zu verlängern. Mit welchem ins Schwarze treffenden Sarkasmus Sir Peter heute über sein ihn sehr bewegendes Verhältnis des Westens zu seinem Russland urteilen würde, wage ich mir durchaus vorzustellen.

Würde er sich wohl der permanenten Russland-Schelte deutscher Einseitigkeitspolitik und ihrem folgsamen Presse-Echo anschließen? Wäre er damit einverstanden, dass westliche Elitepolitiker Aktivitäten des Kreml in anmaßender Selbstgerechtigkeit so lange hin und her drehen und mit Halbwahrheiten bedenken, bis sie in ihr Feindbild passen? Würde er es richtig finden, dass sie sich mit einer Überdosis an Arroganz und dünkelhaftem Hochmut als Anwälte der Menschenrechte aufspielen und Russland das Fehlen ihrer westlichen „Leitkultur“ vorwerfen? Oder dass sie sich mit missionarischem Eifer in der moralischen Bevormundung Russlands gegenseitig übertreffen und sich ohne Unterlass in seine inneren Angelegenheiten einmischen?

Ich bezweifle sogar, dass er sich bedingungslos der gängigen westlichen Praxis anschließen würde, zwielichtige Kreml-Kritiker mit dem Merkmal eines willkommenen Putin-Hasses zu bejubeln und zu hofieren wie den wegen schwerer ziviler Vergehen verurteilten Aufputschkünstler Nawalny oder den ins Ausland geflüchteten Ex-Oligarchen Chodorkowski, nach dem die russische Justiz wegen des Verdachts des Mordes an einem Bürgermeister der westsibirischen Stadt Neftejugansk fahndet. Es bedarf wohl nicht des messerscharfen Verstandes eines Peter Ustinov, um zu begreifen, dass der NATO und der EU ein dem Westen höriger Nawalny im Kreml allemal lieber sein dürfte als ein dem Westen ungehorsamer Putin mit der Aufsässigkeit eines eigenen Denkens und der Wahnvorstellung eines gleichwertigen Partners.

Und würde Sir Peter es gutheißen, dass die NATO ihren Einflussbereich nach Osten ausweitet und deutsche Panzer wie im Juni 1941 an der russischen Grenze auffahren? Wie würde er es kommentieren, dass Russland mit einer einäugigen Betrachtung der sogenannten Krim-Annexion zum Aggressor abgestempelt wird?

Die Antwort von Ustinov dürfte keine so große Spekulation sein. Denn wie er die europäische Historie bewertet, lässt nur einen Schluss zu: verständnisloses Kopfschütteln über die militärische Drangsalierung Russlands, an der sich mit wehenden Fahnen auch Deutschland beteiligt.

Und was die Krim betrifft? Vielleicht könnte sich der ewige Spötter den köstlichen Seitenhieb nicht verkneifen, dass es just die von Kanzlerin Merkel hochverehrte russische Zarin Katharina, die Große, war, die einst die dem Osmanischen Reich gehörende Krim nach Russland holte. Dies aber durch Krieg und nicht wie am 16. März 2014 durch den Volkswillen eines Referendums auf der Halbinsel. Sie hatte 1954 protestiert, als Kremlherr Chruschtschow sie unter Bruch der russischen Verfassung an die Sowjetukraine weggab. Wen wundert’s, dass die Krim-Bevölkerung nun wieder zurück ins heimatliche Russland wollte. Der Satiriker Ustinov hätte darüber ein hintergründiges Schmunzeln wohl nur deshalb verbergen können, weil er ein ebenso perfekter Schauspieler ist.

Ebenso vorstellbar wäre ein für ihn typischer ätzend lakonischer Satz wie etwa: Jetzt müsste nur noch gesagt werden, dass die Sowjetunion damals den Zweiten Weltkrieg selbst vom Zaune gebrochen hat. Ich denke, ihm wäre das Lachen blitzschnell vergangen angesichts der Absurdität, dass eine hochrangige Politikerin dies tatsächlich behauptet hat. Die US-Botschafterin in Polen, Georgette Mosbacher, hat die abstruse Aussage in klare Worte gefasst. Am 6. Januar 2010 zitierte sie die Berliner Zeitung mit der Aussage: „Hitler und Stalin haben sich verschworen und den Zweiten Weltkrieg begonnen. Das ist eine Tatsache.“

Es ist ein nachsichtiges Erbarmen des Schicksals, dass der sechs Jahre zuvor verstorbene Ustinov das nicht mehr vernehmen musste. Die Sowjetunion hat sich also selbst überfallen. Dann wäre nun die Geschichte grundlegend zu revidieren – oder Frau Mosbacher müsste wegen Volksverhetzung vor Gericht. Nichts von beiden ist passiert.

Die unentwegten Schuldzuweisungen in Richtung Moskau hatte Ustinov zuvor schon mit einer Feststellung gekontert, die im Westen reichlich Unmut auslöste: „Über kein anderes Land der Welt werden so viel Lügen verbreitet wie über Russland.“

Nicht so abwegig ist deshalb die Vermutung, dass er der heutigen deutschen Führungsriege für die von ihr behauptete Moskauer Rüstungswut und Auslandsaggressivität Verleumdung vorwerfen würde. Ebenso wenig absurd ist die Annahme, dass ihn im aufgeheizten Klima von Russenverteufelung ein von Politik und Presse entfachter Hurrikan der Entrüstung niederwalzen würde. Davor schützten ihn auch nicht seine Popularität und hundertfachen Verdienste in Kunst, Kultur, Unterhaltung und Literatur, für die er noch 1998 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Denn dass er sich in der ehrlichen Beurteilung deutschen Verhaltens von dieser Auszeichnung beeinflussen lassen würde, ist auszuschließen. Wenn Ustinov der Gesellschaft seinen scharf geschliffenen Eulenspiegel vorgehalten hat, tat er dies nie mit einem berechnenden Blick nach links oder rechts, vergewisserte er sich nicht ängstlich des Wohlwollens seiner Person und waren ihm Bekundungen von Sympathie und Antipathie so egal wie das Fressverhalten des Beutelmarders, das Paarungsritual der Spinnenschildkröte oder das Beuteschema des Koboldmakis.

Er hat Ost wie West bespöttelt und mit schlagfertigem Wortwitz geohrfeigt. Den ideologischen Dogmatismus des Ostens wie auch die Arroganz des Westens. Einen Breschnew, der vom Krankenbett aus regierte genauso wie einen Reagan, dem mitunter seine eigene Politik erklärt werden musste. Nein, Ustinov und Untertänigkeit – das sind Gegensätze. Ustinov und Offenherzigkeit – das sind Synonyme.

So konstatiert er denn auch in seinem Buch, dass Russland es 1917 gewagt habe, der Kapitalgesellschaft eine Alternative entgegenzustellen. Diese Unverschämtheit, meint Ustinov, habe die westliche Welt dem Land seiner Väter und Vorväter nie verziehen. Wohl die Hauptursache, warum die Sowjetunion durch einen wirtschaftlichen Super-Gau im Verbund mit unfähigen Politköpfen totgerüstet werden musste. Nur logisch, dass dieses Szenario heute mit der Rest-Sowjetunion in Gestalt Russlands wiederholt werden soll. Nachdem die Zerschlagung des großen Brockens gelungen ist, dürfte das mit dem übrig gebliebenen kleinen Felsen erst recht gelingen, dachte auch ein US-Präsident Obama. Er nannte am 25. März 2014 auf einer Pressekonferenz in Den Haag das größte Land der Erde eine„Regionalmacht, die einige ihrer Nachbarn bedroht“.

Auch dieser beleidigende Unsinn hätte Sir Peter nicht verwundert, hat er doch schon früher solche Unsäglichkeiten aus Übersee gehört. Davon eine Kostprobe aus seinem Buch:„Ein amerikanischer Staatsmann hat erklärt, die Sowjetunion sei auf dieser Erde das letzte imperialistische Raubtier, das auf die Erbeutung kleinerer Länder aus ist.“Dazu sein Kommentar:

„Russland war historisch niemals eine imperialistische Macht im üblichen Sinne dieses Wortes, d. h., es spürte kaum den Drang, sich, auf Eroberungen sinnend, in der Welt umzutun. Nicht Russland war es, das seine Schiffe als Freibeuter über die Meere fahren ließ oder fremden Völkern, die in ihrer Welt und mit ihren Göttern in Frieden lebten, die fragwürdigen Wohltaten des wahrenGlaubens aufdrängte.“

Ustinov geht noch weiter. Ich zitiere eine Passage aus seinem Buch, die heute geschrieben sein könnte:

„Angesichts der Rigidität der amerikanischen Russlandpolitik, der Verschärfung des Tons, der kleinlichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit des diplomatischen Personals und anderer provozierender Gesten wie der Rücknahme von Meistbegünstigungsklauseln … Angesichts all dessen haben die Sowjets Grund, sich bedroht zu fühlen.“

Diese Bedrohung, so dachte ich, würde mit dem Übergang der US-Regentschaft vom chaotischen Aggressiv-Psychopaten Chaoten Trump auf den friedfertig tönenden Biden zu Ende sein. Fünf Tage nach dessen Amtseinführung ging am 25. Januar 2021 eine Meldung um die Welt, deren Schlagzeile sich in derBerliner Zeitungso las:„Russland oder China – Die US-Geheimdienste streiten über die Frage, wer der größte Feind Amerikas sein soll.“Im Fließtext wird dann die Frage klar beantwortet: Für Joe Biden ist Russland gefährlicher als China. Zehn Tage später kündigte er in seiner ersten außenpolitischen Grundsatzerklärung die Konsequenz an: Die USA, die eine stärkere Führungsrolle beanspruchten, würden „autoritären Staaten“ wie Russland künftig entschiedener entgegentreten.

Auch für Biden bleibt Moskau also der Hauptfeind oder – wie sich Amtsbruder Reagan einst ausdrückte –„Das Reich des Bösen“. Da dürfte Ustinovs Feststellung, Russland könnte sich bedroht fühlen, auch heute noch für die Merkel-Riege ein frevelhafter Tabu-Bruch sein, ein Sakrileg, obwohl Nachdenklichkeit angeraten wäre – nicht zuletzt für Deutschlands Vorreiterrolle zu einer Schildbürgerei der Russen-Bestrafung: Zehn aus Berlin ausgewiesenen russischen Diplomaten folgen in spiegelgleicher Reaktion zehn aus Moskau ausgewiesene deutsche Diplomaten. Die Regierung kennt das Idiotenspiel und wiederholt es in stupider Regelmäßigkeit, wohl wissend, dass sie zuerst die Russen bestraft und dann sich selbst. Nicht anders ist es bei den Wirtschafts-Sanktionen. Selbst der Vollblut-Humorist Ustinov würde das wohl nicht mehr lustig finden. Vielleicht würde er sich auch die Frage erlauben: Ist denn bisher niemandem im Westen aufgefallen, dass Putin im Gegensatz zu seinen US-Amtsinhabern in seinen Reden keine Feindbilder aufbaut, sondern bei allen Differenzen eine Zusammenarbeit mit dem Westen in den Mittelpunkt stellt?

Sage bitte niemand, Ustinov hätte über Russland und die Sowjetunion anders geurteilt, wenn er die Irrtümer, Verfehlungen und Verbrechen seiner Staats- und Parteilenker bis hin zum Massenmörder und Hitlerbezwinger Stalin gekannt hätte. Er kannte sie! Der im März 2004 verstorbene Sir Peter erlebte in seinen 82 Lebenslenzen die Ära von Stalin, Malenkow, Chruschtschow, Breschnew, Andropow, Tschernenko, Gorbatschow sowie Jelzin – und damit auch die selbstorganisierte Auflösung des sowjetischen Vielvölkerreiches und seinen Zerfall in instabile Nationalstaaten die sich nicht nur untereinander befehden, sondern teilweise sogar zu Gegnern ihrer einstigen Moskauer Schutzmacht wurden.

Der Lästerzunge eines Ustinov wäre allenfalls sein schwarzer Humor zu Hilfe gekommen, um den Zufall zu kommentieren, dass einen Tag nach seinem Tod die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen am 29. März 2004 Mitglied der NATO wurden. Ich könnte mir eingedenk seines Russland-Gens die bittersarkastische Reaktion vorstellen: „Glückwunsch, Old Amerika, zum Erfolg des Konzepts „Teile und herrsche!“ Und „Gratulation auch zur respektablen Leistung der wortbrüchigen Osterweiterung“, denn die westliche Militärkoalition hat mit den drei baltischen Ländern und ihrem Beitrittskandidaten Ukraine Russland fast vollständig eingekreist und damit zumindest räumlich gesehen in die Zange genommen.

Bis zu seinem Dahinscheiden hat Ustinov allerdings noch die ersten vier Amtsjahre Putins verfolgen können. Er wird wohl nach dem Frustschreck des Umbruchs aufgeatmet haben, dass zumindest sein Russland erhalten blieb. Und er wird alle Antennen ausgefahren haben, um die Reaktion des Westens auf den Stabilisator Putin zu erfassen und wird dabei nicht glücklich gewesen sein. Denn in dem Maße, wie es Putin gelang, Russland gesellschaftlich, militärisch und ökonomisch zu normalisieren und zu einem selbstbewussten und gleichwertigen potenziellen Partner des westlichen Establishments zu machen, wuchsen auch dessen Anfeindungen inklusive der Dämonisierung seiner Person.

So mutete der RTL-Nachrichtenkanal ntv am 15.8.2020 seinen Zuschauern eine illustre Talkrunde zu, in der Kreml-Gegner, Dissidenten, Regime-Kritiker, Menschenrechtler und Investigativ-Journalisten dem Sendungstitel gemäß „Die ganze Wahrheit“ über Putin verkünden sollten. Dabei schoss der frühere CIA-Direktor und US-Verteidigungsminister Robert Gates den Vogel ab. Seinen Eindruck von einer Begegnung mit dem russischen Präsidenten fasste er in die Worte: „Ich sah in Putins Augen und sah einen eiskalten Killer.“

Das passte zu der bis dato unbewiesenen Anschuldigung, der russische Dissident Nawalny sei im direkten Auftrag Putins vergiftet worden. Und wie mit so einem „eiskalten Killer“ zu verfahren sei, erklärte kurz darauf am 4.9.2020 der Ex-Minister und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Rötgen, im Radio B2: Als Antwort auf das Verbrechen des Kreml müsse der Bau der russischen Ostsee-Gaspipeline „Nord Stream 2“ gestoppt werden. Der CDU-Experte ist sich sicher: „Das ist die einzige Sprache, die Putin versteht.“ Das EU-Parlament schloss sich Anfang 2021 mit der Forderung nach einem Baustopp und neuen Sanktionen an.

So hat sich nach Ustinovs Tod sein Wort vom westlichen Denkklischee eher noch verschärft, dass den Russen nur hartes Muskelspiel imponiere.

Ich kann nach sechs Moskau-Jahren zuverlässig mitteilen: Wer das glaubt, hat von russischer Mentalität und Geschichte soviel Ahnung wie ein Feuersalamander vom Zahlenlotto. Und wem bei Boykotten und Sanktionen eine wirkungslose vermeintliche Russland-Bestrafung wichtiger ist als der Schaden der einheimischen Wirtschaft, der kann und darf kein Volksvertreter sein – nicht in Berlin und nicht in Brüssel, weil er weder die Vernunft noch sein Volk vertritt. Die Gesellschaft für Trend- und Wahlforschung infratest dimap hatte Anfang 2019 im Auftrag der ARD ermittelt: Ein Drittel der Gesamtdeutschen sieht Russland als vertrauenswürdigen Partner. Und 54 % der Westdeutschen sowie 72 % der Ostdeutschen befürworten eine Annäherung an Russland, konstatierte am 25.7.2019 der Westberliner Tagesspiegel und setzte wörtlich hinzu: „Und die Russlandpolitik des Westens finden wohl fast ähnlich viele falsch.“ So äußert sich eine Mehrheit des Volkes und seine Vertreter hören ihm nicht zu.

Dass solch Russenhass-Virus vom Corona-Virus überlagert wird, macht die Sache nicht ungefährlicher. Da die Bundeskanzlerin aus DDR-FDJ-Zeiten Moskau-erfahren ist und sogar Russisch spricht, wiegt diese Kontra-Politik doppelt schwer, ist sie schon Böswilligkeit. Prinzip: Je rabiater dem russischen Bären das Fell über die Ohren gezogen werden soll und je energischer er auf Druck mit Gegendruck reagiert, umso lauter und hektischer beschwören politische und mediale Gebetsmühlen das Bild vom angriffslüsternen Feind aus dem Osten.

Auch zu dieser unseligen Dialektik hat Feingeist Ustinov schwarz auf weiß seine eigene Meinung:

„Das Besondere an meinem Russland ist, dass ich keine Angst vor ihm habe. Wenn ich seine Geschichte bedenke, meine ich, dass es allen Grund hat, an der Lauterkeit der Absichten anderer Mächte zu zweifeln und entsprechende Vorkehrungen zu treffen.“

Just im Jahre 1983, als Ustinovs Buch mit dieser Warnung erschien, ordnete US-Präsident Reagan mit dem Segen von Kanzler Kohl das Weltraum-Raketenprojekt SDI an, favorisiert auch von den Amtsnachfolgern Clinton und Bush Junior, um nach dem Verpulvern astronomischer Dollarsummen wegen technischer Undurchführbarkeit zu scheitern. Das hatte auch Ustinov vor unserer Kamera prophezeit: „So ein Schachspiel kann man nie gewinnen.“

Vielleicht wurde das auch einem Joe Biden klar eingedenk der jüngsten Schätzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri, wonach weltweit nicht weniger als 13 400 Kernwaffen gehortet sind. Auch in der deutschen Eifel. Jede dieser Raketen oder Bomben mit einer Sprengkraft, welche die US-Atombomben von Hiroshima und Nagasaki wie Feuerwerkskörper erscheinen lässt. Zweifellos wäre Ustinov deshalb erfreut gewesen, dass Biden das Angebot Putins angenommen hat, das vom Trump-Vorgänger ebenfalls stornierte letzte Abrüstungsabkommen „New-Start“ gerade noch rechtzeitig vor dem Auslaufen Anfang Februar 2021 zu verlängern – ungeachtet des Feindbildes Russland, aber eingedenk der Gefahr eines Mega-Overkills der gesamten Erde, die ein Weiterrüsten zum Kamikaze-Fiasko macht.

Damit haben beide Präsidenten ein Stück moralische Tapferkeit gezeigt, höre ich Ustinov sagen. Die hat er auch von jedem Normalbürger außerhalb von Kreml und Weißem Haus in der Haltung zum Auf- und Wettrüsten verlangt. Seine Worte im Original: „Wenn man nicht dagegen etwas sagt, ist man selbst schuldig. Weil heutzutage muss man in gewissem Sinn moralisch tapfer sein.“

Das war am 28. November 2019 mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sogar ein Chefstratege im politischen Olymp Westeuropas. Er stellte dem Generalsekretär der NATO, Jens Stoltenberg, bei einem Pariser Treffen eine hochbrisante rhetorischen Frage, die er gleich selbst beantwortete: „Ist Russland unser Feind? Ich glaube es nicht!“ Der Oberfranzose, welcher der NATO im gleichen Atemzug einen „Gehirntod“ bescheinigte, ging als einsamer Rufer in der Wüste noch weiter. Er plädierte für eine „neue Architektur des Vertrauens und der Sicherheit in Europa“, in die Moskaus einzubinden sei. Ein Abtrünniger der westlichen Wertegemeinschaft, den seine Amtskollegen folgerichtig mit dem Eifer von Inquisiteuren ins Fegefeuer der Russland-Sünder stießen. Wohlgemerkt: Die Botschaft der Stunde kam nicht von dem durch Europa stolzierenden und von seiner eigenen Wichtigkeit beeindruckten deutschen Außenminister Heiko Maas, sondern vom Hausherrn des Elysée. Anzunehmen ist, dass Macron diese vernunftintensive Einsicht nicht aus Ustinows Russland-Buch bezog, sondern aus dem Leben. Trotzdem hätte es Sir Peter gefreut.

Der Irrtum eines Schullehrers

Als liebste seiner Tätigkeiten nannte das Allroundgenie die Schriftstellerei. Der Perfektionist zeitkritischer und zeitloser Kurzweil, der Großmeister einer leichten, aber niemals seichten Hand hat zehn Romane publiziert, zwanzig Theaterstücke geschrieben und neun Drehbücher verfasst. In über vierzig Filmen hat er mitgewirkt und in acht Regie geführt. Rastlos und unverwüstlich.

Auch jetzt nach unserem Interview in der Nähe seiner Pariser Wohnung muss er schon wieder Koffer packen, denn in Den Haag erwartet ihn das UNICEF-Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, dessen ehrenamtlicher Botschafter er ist. Er wird eine Solidaritäts-Gala moderieren. Das Honorar dafür will er spenden. Öfter schon hat er seine Gage bei jungen Erdenbürgern in Armutsvierteln der Welt persönlich abgeliefert. Dass er seine väterliche Wärme nur an seine eigenen vier Kinder weitergeben kann, reicht ihm nicht.

Eine letzte Neugierfrage: „Welchen menschlichen Irrtum halten Sie für den größten?“ Dieser Irrtum, so meint er, sei seinem Lehrer unterlaufen. Der habe einmal über seinen Schüler Ustinov gesagt: „Er besitzt ein gewisses Maß an Originalität, aber man muss ihm unbedingt die Flügel stutzen.“ Eine so große Schere, meint Sir Peter, gebe es nicht. Ihm die Flügel zu stutzen, sei nicht einmal der amerikanischen Einwanderungsbehörde gelungen. Das sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, während wir ihn bis zu seiner Haustür begleiten. Zurzeit schärfster Rassenverfolgung in den USA sollte er auf dem Einreiseformular auch eine Frage nach seiner Hautfarbe beantworten. Da habe er einen Spiegel aus der Tasche geholt, prüfend sein Gesicht betrachtet und dann geschrieben: „pink“. Das amüsiert ihn noch heute, wenngleich er damit bei den verärgerten Beamten nicht durchkam. Aber die Geste war den hintergründigen Spaß wert!

Außerdem, so bemerkt er, gebe es da noch einen Irrtum: „Alle Welt meint, ich sei ein pausenlos kalauernder Witzbold. Das ist Quatsch. Ich bin ein ernster Mensch. Nur wenn ich richtig ernst bin, können die Leute über mich lachen.“

Als er das mit todernster Miene sagt, muss ich prompt lachen. Zugleich fühle ich so etwas wie Ehrfurcht, den wohl blitzgescheitesten, schlagfertigsten Schausteller des Kunst-Universums kennengelernt zu haben. Er ist ein Sonderfall der Natur, ein Schelmen-Unikum, das die Welt mit einem unterhaltsamen Zuckerguss überzieht, um darin mit spitzbübischer Freude seine Animositäten verstecken zu können.

Dann grüßt er mit der Rechten, während seine Linke den Stapel gekaufter Zeitungen an den Mantel drückt. Wenn er nicht kreuz und quer über den Globus trottet, holt er sich den Globus schwarz auf weiß ins Haus oder wie jetzt unter den Arm. Danke, Sir Peter, dass ich Ihnen nahekommen durfte.

Weltmeister der Titel

Als ich später von seiner feierlichen Aufnahme in die Académie française hörte, habe ich mir den unkonventionellen, uneitlen Sir Peter im obligatorischen goldbetressten schwarzen Uniformfrack der sogenannten Unsterblichen vorgestellt. Dieser Nobelclub mit seiner Crème de la Crème der Intellektuellen und Künstler ist so elitär, dass sich seine auserlesenen Mitglieder untereinander in gegenseitiger Ehrfurcht mit „Maître“ ansprechen. Jeder also ein „Meister“, der dies auch noch von den anderen „Meistern“ bestätigt haben möchte. Soviel Respekt muss sein!

Für Ustinov blieb es nicht bei diesem Meistertitel und auch nicht bei seinen 14 Titeln als Doktor ehrenhalber, sprich „Doctor honoris causa“ oder kurz „Dr. h. c.“. Obendrauf auf die Titel-Torte bekam er noch von höchsten royalen Gnaden als Sahnehäubchen den weihevollen Titel „Sir“. Man stelle sich nun die protokollarisch formvollendete Anrede für den berühmten Briten vor, der in seinem vollständigen bürgerlichen Geburtsnamen zudem noch den Titel „Baron“ führt. Also gestatten: Meister Sir Dr. h. c. Peter Alexander Baron von Ustinov. Müssten sich zudem die Preisträger des Hollywood-Oscars mit der Bezeichnung dieser Trophäe anreden lassen, käme zum Vornamen Peter noch ein zweifacher Oscar dazu. Und da Ustinov Kanzler der nordenglischen Universität Durham ist, müsste auch noch dieser Titel angefügt werden. Nicht auszudenken! Eine Anrede als fast abendfüllendes Programm. Wer sich wohl am meisten darüber amüsieren würde, wäre unter Garantie er selbst.

Als ich von seiner Erhebung in den britischen Adelsstand erfuhr, überraschte es mich nicht, dass er auch das auf seine Weise kommentiert hat. Bekanntlich berührt bei dieser Zeremonie des Ritterschlags die Königin beide Schultern des Auserwählten mit einem Degen. Danach gefragt, was er bei dieser Ehrung gefühlt habe, meinte Ustinov, er habe einen Moment Angst gehabt, die Queen würde den Degen von einer Schulter zur anderen durchziehen. Auch eine Weiterverwendung des ihm übereigneten Degens konnte er sich vorstellen: „Vielleicht kommt es einmal zu einem Duell unter Akademikern – wegen eines falschen Kommas.“ Das ist nie passiert, weshalb Sir Peter am 28. März 2004 im Alter von 82 Jahren eines natürlichen Todes gestorben ist. Die unselige Kombination eines schon längeren Herz- und Zuckerleidens hat ihn aus dieser Welt abberufen.

Einst wollte ein westlicher Journalistenkollege von ihm wissen: „Was soll einst auf Ihrem Grabstein stehen?“ Die Antwort: „Das Betreten des Rasens ist verboten.“ Eine Frage zu seinem Tod hätte ich mir nie erlaubt. Schließlich ist Sir Peter mit der amtlichen Beglaubigung von Brief und Siegel ein „Unsterblicher“. Die Zeit nach seinem Weggang hat es bewiesen.

Mireille Mathieu

eroberte als „Spatz von Avignon“ im rasanten Höhenflug die Showbühnen rund um den Globus

Dass sie mir einst ein kleines Privatkonzert gegeben hat, erscheint mir noch heute unwirklich. Und doch ist es wahr. Ebenso wahr wie eine erste ungewöhnliche Begegnung mit ihr. Sie pflanzte sich als Anekdote in meine Erinnerungen und schlägt einen weiten Bogen zu dem späteren persönlichen Ständchen, das mir die französische Primadonna des Schlagers in einem Pariser Fernsehstudio gab. Halten wir die Chronologie ein und wenden uns zunächst der vorausgegangenen Anekdote zu.

Es war an der afrikanischen Atlantikküste. Im September 1970 hatte es mich journalisten-beruflich nach Guinea verschlagen. Ich wohnte am Rande der Hauptstadt Conakry in einem Hotel, das mit seinem gedrungenen Flachbau eher an einen großen Backstein-Bungalow erinnerte. Es war ein Nobelhaus im Vergleich zu den überaus bescheidenen Gebäuden, mit denen nur wenige hundert Meter weiter der ärmliche Arbeitervorort der Millionenmetropole begann. Einst war sie mit ihren feinsandigen Palmenstränden ein Mekka des internationalen Geldadels. Der verzog sich in profitablere Gefilde, nachdem der sozialismus-orientierte Ahmed Sékou Touré 1958 erster Präsident des unabhängigen Landes geworden war.

Nachdem ich die quirlige City erkundet hatte, interessierte mich das Leben abseits der attraktiven Exotik der Hafenstadt. Also schlenderte ich nach getanem Tagewerk auf der Suche nach irgendeiner Form von Gastronomie durch den nahen Arbeitervorort und danach durch das ebenfalls peripher gelegene Armenviertel, dem weitläufigen Hinterhof der Stadt, auf dem sich ein Wellblechdach ans andere reihte. Ich durchschritt staubgraue Gassen mit zumeist heruntergekommenen Fassaden, mit Holperpflaster und langen Holzstützen, an denen ein chaotisches Gewirr von Stromkabeln baumelte. Ich fand weder ein Lokal noch eine imbissähnliche Straßentheke, passierte aber bei meinem Bummel in abendlicher Kühle einige kleine, schon geschlossene Verkaufsläden. Meine Aufmerksamkeit galt einem rissigen, arg verwitterten Schild mit dem handgemalten Schriftzug „Musik- und Souvenirshop“.

Neugierig inspizierte ich die Auslagen hinter dem milchig-matten Glas eines Schaufensters und staunte über ihre bunte Vielfalt inmitten trister Ärmlichkeit. Angepriesen wurden vornehmlich traditionelle einheimische Musikinstrumente. Urige Trommeln, wie die sogenannten Bongas und Talking Drums, Rhythmusinstrumente wie das dem Xylofon ähnliche Balafon sowie Hörner und Flöten in verschiedenen Größen und Ausführungen, wie sie von den Hirten in afrikanischen Savannen gespielt wurden. Besonders angetan hatte es mir die souvenirtaugliche Miniaturausgabe eines Zupfinstruments mit hauchdünnen angelschnurartigen Saiten, die über einen geschnitzten Holzsteg gespannt waren und am fellüberzogenen Resonanzkörper einer halben Kokosnuss endeten. Dieser Verlockung einer optischen Erinnerung in der interessanten Form eines Banjos konnte ich nicht widerstehen, sodass ich mir vornahm, sie am nächsten Tag sofort nach Ladenöffnung zu kaufen – zusammen mit der Souvenirvariante einer ebenfalls reizvollen kleinen Buschtrommel, der traditionellen Djembé mit einem Naturholzkorpus.

Das breite Angebot der Musikinstrumente hinter der schlierigen Scheibe wurde durch eine spärliche Kollektion von Schallplatten komplettiert. Zwischen die Singles-Scheiben mit afrikanischer Folklore hatte sich eine einsame Plattenhülle mit ausländischer Prägung verirrt. Unter dem Titel „Mon Crédo“ las ich die Zeile „Mireille Mathieu chante l’amour“. Natürlich war mir das auf dem Cover abgebildete sehr feminine Konterfei mit unverwechselbarer markanter Pagenfrisur, schwungvollen dunklen Augenbrauen und einem konturenstarken grellen Rotmund vertraut. Schließlich besaß ich eine Autogrammkarte von ihr und auf meinem „KB-100“-Tonband waren alle Songs verewigt, die ich bis dato über Radiowellen ergattern konnte – von „Hinter den Kulissen von Paris“ über „Martin“ bis „Das Wunder aller Wunder ist die Liebe“. Was mir fehlte, war ihr erster großer Hit „Mon Crédo“, den ich nun im Tonrillen-Format in der afrikanischen Abgeschiedenheit einer verwahrlosten, slumähnlichen Gegend an der Peripherie von Conakry entdeckte.

Die Platte würde – so kam mir in den Sinn – in meinem Mathieu-Archiv die Sammlung von Vinyl-Scheiben ergänzen, die beim DDR-Label „Amiga“ erschienen waren. Ich musste sie haben, nahm mir vor, sie anderentags zu kaufen. Zudem wäre sie das Pendant zu einer Originalität, die ich durch eine ebenso ungewöhnliche Quelle erstanden hatte. In meiner Moskauer Korrespondentenzeit hatte ich immer mal wieder einen exzellenten „Gramplastinki“-Musikladen auf dem Kalinin-Prospekt frequentiert, um in einem erstaunlich weltoffenen Fundus von aktuellen Platten-Schätzen der Pop- und Schlagerszene zu kramen.

Dort entdeckte ich auch eine LP mit dem Titel „Merveilleuse Mireille“ – „Wunderbare Mireille“, herausgebracht von der sowjetischen Plattenfirma „Melodija“ als Gestattungsproduktion von „Ariola“. Eine wertvolle Bereicherung, denn die meisten Songs darauf kannte ich nicht. Nun also die Chance, die nächste Rarität zu ergattern und damit eine weitere Lücke im Mathieu-Fundus zu schließen. Als ich am nächsten Tag im Musikladen auftauchte, konnte ich zwar die begehrten Afrika-Variationen von Trommel und Banjo mitnehmen, nicht aber die „Crédo“-Platte. Sie war weg. Ein anderer Käufer war schneller. Und das war auch kein Wunder, denn das Schaufenster-Exemplar war zugleich auch das einzige.

Als schlagerverrückter Tonbandnarr hatte ich die Französin mit ihrer glockenhellen Stimme von Anfang an in das Beuteschema meiner Schlagerstars eingereiht, deren Songs ich möglichst lückenlos besitzen wollte. Ich habe noch lange nach meiner Teenagerzeit die gängigsten Schlagersendungen in Ost und West verfolgt und Glanznummern auf Tonband und später Kassette festgehalten – ob in UKW-Qualität bei der montäglichen „Schlagerrevue“ von Radio DDR mit Heinz Quermann oder mit schwankender Kurzwelle bei der Samstag-„Hitparade“ von Radio Luxemburg mit Camillo Felgen. Das war für mich bedenkenlose friedliche Koexistenz im Äther.

Alles, was ich zudem an Informationen über meine Stars erfahren konnte, wurde notiert oder abgeheftet oder aufgeklebt. So wusste ich denn auch, dass „Mon Crédo“ ihr zum ersten Spitzenplatz in der französischen Hitparade verholfen hatte und sie mit 1,7 Millionen verkaufte Exemplare ihren ersten weltweiten Erfolg landen konnte. Der gefühlvolle Titel war ein Glaubensbekenntnis an die Kraft der Liebe, die sie künftig in hundertfachen Chanson- und Schlagerversionen beschwören sollte – in mehr als fünfzig Karrierejahren und rund 1200 Liedern in elf Sprachen. Für sie wurde die erste Zeile von „Mon Crédo“ zum ewigen Leitspruch:

„Ja, ich glaube, dass ein Leben mit einem Wort der Liebe beginnt.“

Dass mir Mireille Mathieu an abgelegenen afrikanischen Armenviertel-Gestaden des Atlantischen Ozeans als einzige Ausländerin unter einheimischen Interpreten begegnete, fand ich bemerkenswert.

Wäre es der Amerikaner Elvis Presley oder der Engländer Tom Jones gewesen, hätte es mich weniger erstaunt. Aber dass es eine Französin ist, war ungewöhnlich, denn Frankreich als ehemalige Kolonialmacht war in Guinea nicht sonderlich beliebt. Da machte Mireille wohl eine Ausnahme.

Im bundesdeutschen TV hatte sie schon 1969, ein Jahr vor meiner Conakry-Plattenentdeckung, eine eigene ZDF-Show mit dem Titel „Rendezvous mit Mireille“. Und ich wusste von Kollegen der Unterhaltungsredaktion meines Stalles, dass auch das DDR-Fernsehen fürs Jahresende 1970 als erste Farb-Stereosendung einen Galaabend mit ihr aus Leipzig vorbereitete. Das war dann auch so und nach meiner Rückkehr aus Conakry verfolgte ich ihren Auftritt via Bildschirm und schwor mir, sie bei ihrem nächsten DDR-Gastspiel unbedingt live zu erleben.

Dass sie mir mal ein persönliches Ständchen bringen würde, wäre damals ein völlig absurder Gedanke gewesen. Und doch ist es 17 Jahre später passiert.

Auf Spurensuche

Die Geschichte spielt im Mai 1987. Da erhielt ich von ihrem Management die langersehnte Mitteilung, dass Madame Mathieu dem Wunsch des Pariser DDR-Fernsehkorrespondenten nach einem Interview zustimme. Man bitte aber um Verständnis, dass wegen ihres übervollen Terminkalenders Ort und Zeit nur kurzfristig mitgeteilt werden könnten.

Da war sie nun endlich, die erhoffte Zusage auf meine Bitte, die ich monatelang erneuert hatte. Aber im Pariser Büro mit gefalteten Händen auf den Termin zu warten, war realitätsfremd. Denn der Aktionsradius unserer aktuellen Berichterstattung ging weit über unser Gastland Frankreich hinaus, erstreckte sich auch auf Italien, Benelux und die Schweiz.

So katapultierte uns das politische Tagesgeschehen denn auch wieder kurzfristig aus Paris und Frankreich hinaus nach Oberitalien. Also zogen wir los nach dem oft praktizierten Prinzip „Nachts Auto fahren und am Tag arbeiten“ und ich betete, der Termin mit der Mathieu möge bitte nicht in diese Zeit unserer Paris-Abwesenheit fallen. Zugleich kam mir die Idee, auf der Rückfahrt mit einem kleinen Umweg in ihrer südfranzösischen Geburtsstadt Avignon Station zu machen. Der Chef unseres außenpolitischen Magazins „Objektiv“, Paul Rummel, hatte Interesse bekundet und ich wollte diese zuschauerfreundliche Gelegenheit nicht nur für ein stereotypes Interview nutzen, sondern es in ein Porträt des Weltstars einordnen. Gerade recht kämen da Bilder aus ihrem Heimatort, in dem sie Kindheit und Jugend verbracht hatte. Sie hat ihn ja sogar noch besungen – und das auch auf Deutsch:

„An einem Sonntag in Avignon

spielt la musique in Avignon.

Dazu im Kreis dreht sich das Karussell,

bist Du noch traurig, steig ein und das ändert sich schnell.“

Was sie mit stimmgewaltiger Strahlkraft in den Schlager-Olymp hochgejubelt hat, erlebe ich nun mit Kameramann Eberhard Güldner tatsächlich im prosaischen Alltag dieser mediterran angehauchten altehrwürdigen Papststadt am Unterlauf der Rhône. Als wir eintreffen, gibt es zufällig, wie für uns arrangiert, ein turbulentes Markttreiben mit Karussell und Liebespärchen – just wie im Schlager beschrieben, der sich damit authentisch bebildern ließe.

„An einem Sonntag in Avignon“ hatte sich 1970 ganze 13 Wochen in den bundesdeutschen Charts behaupten können. Tatsächlich wurde ein Sonntag die entscheidende Wende im Leben der Mireille Mathieu. Ihr alles bestimmender Tag aber war zunächst ein Montag in Avignon. Da erblickte sie am 22. Juli 1946 als Tochter des Steinhauers Roger Mathieu und der Hausfrau Marcelle-Sophie das Licht der Welt – eine matte Funzel in einer bescheidenen familiären Welt. Ein ärmliches, beengtes Zuhause, das sie samt spärlicher Kost mit ihren 13 jüngeren Geschwistern teilen musste.

Vielleicht war es diese Ärmlichkeit, weshalb die Adresse ihres Geburtshauses, in dem sie auch aufwuchs, später nicht publik werden sollte. Nirgendwo habe ich sie gefunden. Auch ihr Manager Johnny Stark hatte sie mir verweigert. Seinem erfolgsverwöhnten Schützling sollte wohl nicht nachgesagt werden, aus primitiven, nahezu asozialen Verhältnissen zu kommen. So hatten wir auf den vier Rädern unseres „Audi 100“ Norditalien erfolgreich mit Südfrankreich verbunden, standen unter dem Zeitdruck der sofortigen Weiterreise nach Paris in ihrer Geburtsstadt und hätten gern gewusst, wo sich in dieser 65 Quadratkilometer großen Provence-Metropole ihr früheres Elternhaus versteckt. Was blieb mir übrig, als vor Ort zu recherchieren. Einwohnermeldeamt? Datenschutz!

Der rettende Hinweis kam per Zufall, als ich Taxifahrer befragte. Einer von ihnen meinte: Ja, er wisse Bescheid, weil seine Frau mit Mireille in die Schule gegangen sei. Sie habe im Arbeiterviertel „La Croix des Oiseaux“ gewohnt – am Boulevard Georges Clemenceau 29 in einem tristen Mietshaus, das noch heute existiere. Aber das wolle heute kaum jemand mehr wahrhaben, denn die prominenteste Bürgerin der Stadt würde man gern als unbefleckte Vorzeige-Diva präsentieren. Das erinnerte mich an meine Begegnung mit ihr in Afrika. Dort im Arbeiterviertel von Conakry, hier im Arbeiterviertel von Avignon. Der Taxifahrer sollte natürlich auf seine Kosten kommen. Deshalb ließ ich mich hinchauffieren – im Schlepptau hinter uns Eberhard mit unserem technikbestückten Dienstwagen. Mich überfiel die unangenehme Frage: Würde es noch jemand in diesem uralten Wohnblock geben, der sich an die weltberühmt gewordene Mitbewohnerin erinnert?

Glücksfall einer Nostalgie-Plauderei

Ich klingelte aufs Geratewohl an einigen Türen auf verschiedenen Etagen und bekam entweder niemanden zu Gesicht oder keine Antwort. Dann der berühmte Lotto-Glückstreffer. Eine alte Dame hatte die Familie Mathieu noch kennengelernt, hatte nebenan gewohnt, war sogar mit ihr befreundet. Nun gab sie bereitwillig und mit sichtlichem Stolz Auskunft. Aber, bat sie sich aus, ohne zu filmen und ohne ihren Namen zu nennen, der auf dem Klingelschild stand. Ich habe ihr strikte Diskretion zugesagt und sie auch bis heute eingehalten. Für mich war sie „die alte Dame“ – und die legte mit einem überraschend offenherzigen Wortschwall los. Da sprudelte plötzlich eine Fontäne an Eindrücken und Informationen.

Ja, sie erinnere sich noch sehr lebhaft an Mireille, die schon als Kleinkind von sich reden gemacht habe. Als Vierjährige habe sie erstmals in aller Öffentlichkeit gesungen und damit für ein Stadtgespräch und viel Lob gesorgt. Initiator sei damals ihr Vater Roger gewesen, der selbst eine wohlklingende Tenorstimme gehabt habe. Als die, so erfuhr ich, wieder mal bei einer Mitternachtsmesse in Avignon gefragt war, bat Papa um die gesangliche Begleitung seines ältesten Kindes Mireille. Die habe ihm die Schau gestohlen, erzählte die alte Dame mit vergnügtem Unterton und plauderte über die Ambitionen von Vater Mathieu. Er träumte in jungen Jahren von einer Opernkarriere. Was ihm seine Eltern verwehrt hatten, wollte er nun seinem Kind gestatten, an dessen Talent er glaubte. Er animierte die Tochter zum Vorsingen und achtete auf eine präzise Artikulation, die sie später perfektionierte.

Den Teenager Mireille, so berichtete die alte Dame weiter, habe sie oft Gitarre spielend und singend auf dem Hinterhof angetroffen, umringt von Kindern aus der Nachbarschaft. Angetan hatten es ihr Lieder der Chanson-Königin Edith Piaf, die sie in jeder Weise zu kopieren versuchte bis hin zu ihrer Vorliebe für schwarze Kleider. Sie ahmte ihre Stimme nach, trainierte sie in diese Richtung.

Mireille, so sagte mir die frühere Nachbarin, habe ihr immer ein wenig leidgetan. Sie wäre ein sympathisches, lebensfrohes und aufgeschlossenes Mädchen gewesen, obwohl sie in besonders harten und schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sei. Als ältestes Kind habe sie sich mit Hingabe um ihre anderen dreizehn Geschwister gekümmert. Damit immer etwas Ess- und Trinkbares auf dem Tisch stand, habe sie mit dazuverdienen müssen. Deshalb blieb keine Zeit, eine Lese- und Rechtschreibstörung zu korrigieren. Die familiäre Notlage zwang sie, schon mit 14 Jahren die Schule ohne Abschluss zu verlassen, um als Hilfskraft in einer Konservenfirma und einer Papierfabrik mitzuhelfen, das schmale Familienbudget aufzubessern.

Es muss, so vermutete die alte Dame, eine stupide Arbeit gewesen sein. Einen ganzen Tag lang am Fließband stehen oder Briefe falten. Aber es sei eben auch eine Existenzfrage gewesen. Als Ausgleich zur beruflichen Perspektivlosigkeit und zur harten Doppelarbeit daheim und im Betrieb seien Musik und Gesang wohl ihre ständige Stütze gewesen, meinte die alte Dame.„Sie sind doch vom Fernsehen?“ vergewisserte sie sich. Und als ich bejahte, regte sie an: „Wenn Sie wollen, können Sie ihre Schule filmen. Sie steht noch. Nicht weit von hier in der Rue Verdun.“

Beginn einer Märchenkarriere

Die alte Dame hielt kurz inne und es war, als husche ein Sonnenstrahl über ihr Gesicht. Mitten in der Tristesse, so meinte sie, habe die Glückssträhne begonnen. Es sei ihr wie das Märchen vom Aschenputtel vorgekommen, als plötzlich der kometenhafte Aufstieg des Mädchens zur Schlager-Ikone und Pop-Prinzessin begonnen habe. Mireille hatte mit dem Piaf-Chanson „La vie en rose“ einen lokalen Gesangswettbewerb gewonnen – und damit eine Einladung nach Paris zum Vorsingen für die Teilnahme an einem musikalischen Wettstreit in der überaus populären Fernsehsendung „Télé Dimanche“ – „Tele-Sonntag“. Als sie sich dafür qualifiziert hatte, war das wie eine Freikarte zum Weg nach oben.

Sie könne sich, sagte die alte Dame, noch gut darauf besinnen, wie die gesamte Familie zu Mireilles 19. Geburtstag ihr sauer Erspartes zusammengelegt habe, um ihr auch diese zweite Reise nach Paris zu ermöglichen. Diesmal ging es um keinen Eignungstest, sondern um alles oder nichts. Würde sie in der landesweiten Live-Übertragung vor einem Millionenpublikum bestehen können? Als die Familie Mathieu die älteste Tochter an einem Sonntag zum Bahnhof begleitete, war an das Lied vom Sonntag in Avignon noch nicht zu denken. Vielleicht aber hat Mireille eben diesen „Telesonntag“ noch einmal durchlebt, wenn sie später die Zeilen gesungen hat:

„An einem Sonntag in Avignon,

da kommt die Liebe nach Avignon.

Da ist die Einsamkeit vorbei

oh c’est si bon, oh c’est si bon

und es geschieht so allerlei

an einem Sonntag in Avignon.“

Ja, an diesem denkwürdigen Sonntag ist in der Tat so allerlei geschehen. Das Ereignis habe sich in der Stadt wie ein Lauffeuer herumgesprochen, erinnerte sich die alte Dame. Da sie selbst noch keinen Fernseher besessen habe, sei sie damals zu Bekannten gegangen, um diese Premiere nicht zu verpassen. Ganz Avignon saß vor der Röhre und erlebte mit, was auf einer Showbühne in der Landeshauptstadt passierte. Da trat die junge Mitbürgerin Mireille vor die Livekameras, um sich in der Sendung „Le jeu de la Chance“ – zu Deutsch „Glücksspiel“ – gegen einen Schwarm von Mitbewerberinnen zu behaupten. Avignon drückte alle verfügbaren Daumen. Es half.