2,49 €
Die monatliche Zeitschrift AA-DACH der Anonymen Alkoholiker gibt Themen vor, zu denen AAler bis zu 6000 Zeichen schreiben können. Die Beiträge werden nicht bezahlt. Bisher sind 20 meiner Beiträge erschienen. Diese habe ich in diesem Ebook zusammengestellt. Das Abo für das AA-DACH kann bei AA bestellt werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2021
Was ich soweit innerhalb und außerhalb von AA gelernt habe
Sonja, Itzehoe
Februar 2021
Ja, ich bin egozentrisch, ja, ich bin eigensüchtig, ja, ich bin bei Zeiten beherrscht von Allmachtsgefühlen und ja, seit Lebens versuche ich mehr oder weniger, meinen Kern zu beschützen. (Vgl. AA wird mündig, S. 433)
Durch AA habe ich gelernt, zuzuhören und zu lernen, offen für Neues zu sein, den Mut zur Veränderung zu haben, aber an einigen alten Ideen halte ich hartnäckig fest. Das Leben scheint wenig Sinn zu machen, wenn ich auch die noch loslasse. Es geht vor allem um mein Schreiben.
Ich schreibe seit meiner Kindheit leidenschaftlich gern Tagebuch. Ich wollte die Arbeit mit meinen Tagebüchern zu meinem Lebensinhalt machen. Dadurch geriet ich beruflich in Schwierigkeiten. Auch menschlich, weil mir oft das Tagebuchschreiben lieber ist als die Kommunikation mit Menschen.
Ich bin jetzt wegen Depressionen in einer psychiatrischen Tagesklinik, wo mir vermittelt wird, das Schreiben entweder ganz sein zu lassen oder nebenbei zu machen. Die direkte Interaktion sei besser. Ich bin aber egozentrisch, und ständig über mich zu sprechen würde andere bald nerven. Wenn ich mich bemühe, über andere(s) zu sprechen, interessiert mich das Gespräch weniger – außer ich lerne etwas dabei. Mit Therapeuten komme ich gut klar, denn das Gespräch geht um mich, und sie werden dafür bezahlt; win-win situation. Wenn ich mit meinen Büchern arbeite, geht es auch um meine Geschichten.
Nun ist es auch so, dass mein Schreiben eine Selbsterforschung ist, womit ich Licht in die dunklen Seiten meiner Persönlichkeit bringen kann. (Vgl. Wie Bill es sieht, „Aus dem Dunkel“, S. 18)
Ich habe erkannt, dass ich krank bin, was den Alkoholismus betrifft. Ich erkenne an, dass das Schreiben eine alte Idee/Vorstellung ist, und wir sollen alte Vorstellungen komplett loslassen, sollen kapituliere, sonst ist das Ergebnis gleich Null. (Vgl. BB, „Wie es funktioniert“, S. 67)
Aber wer bin ich, wenn ich auch das Schreiben loslasse? Oder auch „nur“ die Obsession mit dem Schreiben? Ist es ähnlich wie mit dem Alkohol? Ich fragte mich: Wer bin ich noch, wenn ich das Trinken weglasse? (Das reduzierte, kontrollierte Trinken funktionierte bei mir nicht.) Ich lernte die Vorteile der Trockenheit zu schätzen, bin sehr dankbar für meine Trockenheit – und die Freiheit, die sie mir gibt. Werde ich also durch die Abstinenz von meinem nächstbesten Freund, dem Schreiben, wiederum mehr Freiheit und seelische Gesundheit erleben? Gibt es dann (mehr) Gelassenheit?
Nach einem Selbstmordversuch schrieb ich drei Jahre lang gar kein Tagebuch. In der Zeit habe ich am meisten Geld verdient, hatte einen Teilzeitjob (meinen ersten und einzigen festen Job überhaupt), arbeitete außerdem freiberuflich, hatte einen Mitbewohner, ging zu Meetings und verdiente bald so viel Geld, dass ich nicht recht wusste, wohin damit. Wenn ich Bücher schreibe und im Selbstverlag herausbringe, dann kauft kaum jemand sie. Mein letztes Buch hat eine Person gekauft, ein AA-Freund, der mir konstruktives Feedback gab; welches mich nicht ermutigte, diese Art zu schreiben (im Tagebuchstil) weiterzuführen.
Wieso halte ich bloß so sehr fest am Schreiben? Wieso fällt mir da der Sechste Schritt so schwer? Wieso sträube ich mich da, völlig bereit zu sein, diese Schwäche von mir nehmen zu lassen? Ich habe das Gefühl, die Angst, mich dann in Luft aufzulösen. *Puff, weg…* Dann bin ich ja nichts Besonderes mehr. Mein krankes Ego! Damit, ein ganz gewöhnlicher – und kein außergewöhnlicher – Alkie zu sein, habe ich mich abgefunden. Mein Fall ist nicht so speziell. Aber wenn ich mir nun auch noch das Schreiben nehme, dann bin ich bald eine von vielen. Tja. Das ist wohl Genesung. Nüchternheit. So wird man ein nützlicher Teil der Gesellschaft. Ich will wohl noch ein Rebell bleiben. Dabei könnte ich mit den Schritten, inklusive dem sechsten (gut, gründlich und gewissenhaft gemacht – ohne päpstlicher als der Papst zu sein), laut Versprechen „eine neue Freiheit und ein neues Glück kennenlernen“ und „erfahren, was Frieden ist“. (Vgl. BB, „In die Tat umgesetzt“, S. 96–7) Vielleicht brauche ich den Trubel noch in meinem Leben. Aber wieso? Nach zehn Jahren Trockenheit. Wann bin ich (nochmal) bereit für die Art Kapitulation, die für den Sechsten Schritt notwendig ist? Beim nächsten Selbstmordversuch? Wenn ich erkenne, dass auch mein Schreiben, so wie es ist, zeigt: „Ich bin krank“, um dann mit Sehnsucht gesund sein zu wollen?
Wann weiß ich, ob etwas Gottes Wille ist (oder mein Wille)? Ein AAler schrieb im April-Heft, er suche nicht, was Gottes Wille ist, sondern dass er erkenne, was nicht Gottes Wille ist (AA-DACH, „Fortschritt mit AA“, S. 11). Es kann ja nicht Gottes Wille sein, dass ich es weiterhin versuche, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen – … es sei denn, er möchte, dass ich darüber schreibe und andere für sich daraus lernen können.
Ehrlich bin ich. Klares, nüchternes Denken hängt von meiner Tagesform ab. Den Punkt mit der Demut kann ich nochmal überdenken. Ist es krank, wenn ich denke, ich kann mit meinem Schreiben Großes erreichen? Hochmut-Alarm!? Meine alte Idee/Vorstellung ist es, dass ich eines Tages mit dem Erfolg durch mein Schreiben und Arbeit mit meinen Büchern für den Rest meines Lebens ausgesorgt habe: Aufmerksamkeit, Anerkennung (menschlich und finanziell) und mein positiver Beitrag zur Gesellschaft. Das geht wohl in Richtung Größenwahn. Bin ja immerhin in der Klinik. Vielleicht ist das Schreiben auch das Letzte, an das ich mich klammere, vom „alten“ Leben. Es heißt ja, wir bekommen in AA nicht ein aufpoliertes, sondern ein ganz neues Leben. Das ist mir vielleicht noch zu unheimlich, vielleicht stecke ich deshalb, was das Schreiben betrifft, im Sechsten Schritt fest. Vielleicht kann ich mich auch erst mal auf anderes konzentrieren, zum Beispiel: Vertraue Gott, räum auf, hilf anderen.
Eine andere Sache: Beim Kegeln fange ich mit großer Wahrscheinlichkeit nach ein, zwei Würfen mit dem Weinen an, weil ich die Bahn verfehle. Bei diesem Charakterfehler bin ich völlig bereit, ihn von Gott beseitigen zu lassen.
Seit der Therapie in der Tagesklinik (fünf Wochen) komme ich kaum zu Meetings. Ich lerne dort zwar sehr viel Hilfreiches, aber ich merke auch, dass mir die Meetings fehlen; ich gehe innerlich die Wände hoch (dry drunk). Zeit für ein Meeting! Get off self! Wichtige AA-Lektionen für mich: Übe Demut, hilf anderen, sei offen für Neues.
(Fast) jeden Abend vor dem Einschlafen mache ich in Gedanken eine Dankbarkeitsliste mit den Sachen, die an dem Tag gut gelaufen sind oder für die ich generell dankbar bin, bevor ich den Gelassenheitsspruch bete. Durch diese Dankbarkeitsliste hat sich meine Wahrnehmung geändert: Ich achte seither tagsüber darauf, was abends in meiner Liste vorkommen kann. Manchmal sind es ganz „einfache“ Dinge, zum Beispiel der schöne Anblick eines Storches auf einem Feld. Früher fokussierte ich mich aufs Schlechte, das, was nicht klappte; heute sehe ich lieber das Gute, das, was klappt. Diese Aufmerksamkeit trägt bei mir zu mehr Lebensfreude bei. Meine Sponsorin hatte mich mal aufgefordert, eine Dankbarkeitsliste zu führen.
Ich bin seit über zehn Jahren trocken, kam im November 2008 zu AA. Anfangs spürte ich monatelang die Euphorie, die Lösung für mein Problem gefunden zu haben. Nach zwei Jahren Abstinenz merkte ich jedoch, Alkohol war bei mir nicht das einzige grundlegende Problem. Mit einem Antidepressivum komme ich nun wieder ganz gut klar und freue mich über das Verständnis in der Gruppe, dass Psychopharmaka (wie verschrieben eingenommen) erlaubt und wichtig sind.
Ich weiß noch nicht – obwohl ich 47 Jahre alt bin –, wo ich auf dem „Ozeanriesen“ mit den Bereichen „vom Maschinenraum bis zur Kommandobrücke“ hingehöre. Da wende ich den AA-Slogan an, den ich in den USA gehört habe: More will be revealed (Mehr wird sich zeigen).
Ich spüre und schätze die „Gemeinschaft, ein gegenseitiges Wohlwollen und Verständnis“ in AA. Ich fühle mich bei AA zugehörig, weltweit. Bei AA habe ich my tribe, eine Art Familie gefunden. Auf AA ist Verlass. Wir besprechen Ernstes (haben Heftiges erlebt/überlebt), wir lachen auch zusammen (heilender Humor hilft). Wir verstehen uns. Ich lerne wertvolle – vorher irgendwie versäumte – Lektionen fürs Leben in AA, lade überhaupt meine Batterien auf, wenn ich zu Meetings komme. Manchmal ist es nur ein Satz aus einem Meeting, der mich für Jahre inspiriert, zum Beispiel es mal zu versuchen, unter dem Radar zu fliegen anstatt wiedermal gesehen werden zu wollen.
Vor AA hatte ich eine andere Art Lebensfreude: Mehr, höher, weiter. Vor kurzem staunte ich über die Fähigkeit, mich auf einer Terrasse eine Weile über die Enten zu unterhalten. In einem AA-DACH-Heft habe ich von einem Mann gelesen, dass er morgens gern gemütlich einen Kaffee trinkt und mal ein Reh dabei sieht, das genießt. Auf solche Freuden achte ich nun auch, und ich habe die innere Ruhe dafür.
