Meine deutsche Geschichte - Mihail Groys - E-Book

Meine deutsche Geschichte E-Book

Mihail Groys

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Beschreibung

Mihail Groys wanderte in den 90er-Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus dem Donbass in die Bundesrepublik ein. Nun, 25 Jahre später, betrachtet er das Land, das ihm damals neue Heimat geworden ist in allen seinen Facetten. Dabei hat Mihail Groys nicht nur durch seine ukrainische Herkunft eine ganz besondere Perspektive. Als Jude kann Deutschland für ihn kein Land wie jedes andere sein. Aus diesem einzigartigen Blickwinkel heraus betrachtet er in seinem Buch die Gesellschaft, hält ihr den Spiegel vor und fragt sich, was genau ihr Wesen ausmacht. Heiter und anekdotisch erzählt er von einem Land voller Eigenheiten, beleuchtet die unterschiedlichen Bereiche, die unsere Gesellschaft auszeichnen, und zeigt, wie es gelingen kann, Unterschiede zu überwinden und einem anderen mit offenen Armen zu begegnen. Ein Plädoyer für Verständigung und Dialog.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorneweg

Ich bin viele

Wie ich Deutschland und seine Menschen wahrnehme

Wie es zu diesem Buch kam und für wen es gedacht ist

1. Tatsächlich angekommen?

Neues Land, neues Gefühl

Meine Ratschläge für Eingewanderte

Der Start ins neue Leben als Migrant

2. Erste Schritte – Integration und Identitätsfindung

Probleme in Kindheit und Jugend

Der wahre Anfang meiner deutschen Geschichte

Mein Durchbruch mit START und Stipendium

3. Kulturelle Begegnungen und Konflikte – von Essen bis Auto

Von deutscher Ess- und Trinkkultur

Kleidung: weniger Sport, mehr Lässigkeit

Autoland Deutschland

Deutsche Tierliebe

4. »Oma zu Ostern besuchen« – die migrantische Perspektive auf Eltern und ihre Kinder

Geschichte prägt Familiendynamik

Von Eltern, Fußballvereinen und Familienstrukturen

Der Lauf des Lebens

Umgang mit kranken Verwandten

Drum prüfe, wer sich (ewig) bindet

Tod und Trauer

5. Wie Juden sich in Deutschland fühlen – von Integration, Heimat und Dating

Deutschland besser verstehen – Ein jüdischer Blickwinkel

Jüdischsein in Deutschland

Vielfalt der Juden in Deutschland

Das Verhältnis zur Heimat

Gelebte Kultur

Jüdischsein in der Arbeitswelt

Alltags-Jew: Dating mit Missverständnissen

Ab aufs Spielfeld

6. »Wenn Opa einen Autounfall gebaut hat …« – Sicht auf die Schoah in Deutschland

Das kollektive Gedächtnis

Narrative zur Geschichte und ihre Entstehung

Keine Zukunft ohne die Vergangenheit

Gott in und nach Auschwitz

Eine Nation im Wandel?

Hoffnung auf Aussöhnung

Generationenübergreifende Traumata

7. »Von Schewtschenko, Tschernobyl und Klitschko« – Wer schaut wann wie auf die Ukraine und Osteuropa?

Die wilden 1990er

Die dynamischen 2000er-Jahre

Proteste für die Freiheit 2014 und ihre Folgen

Schwarzer Februar 2022 und der andauernde Ukrainekrieg

8. Persönliches Wachstum und Erfolge – Was will Deutschland von mir?

Schöner scheitern?

Mit Geduld das Ziel angehen

Erfolge im Land der begrenzten Möglichkeiten

Ein Stück Heimat in Deutschland

9. Botschaften für Morgen

Migration und Integration als Erfolgsfaktoren

Wohnen, Arbeit, Familienleben

Ausblick auf jüdisches Leben

Aufgaben und Aussichten der Ukraine

Wohin geht Deutschland?

Meine Botschaft, meine Hoffnung

 

 

 

Dieses Buch widme ich meinen Eltern Yevgeniya und Boris, zudem meinen Großeltern Firah und Mihail sowie Klawdiya und Arkadiy.

Ich möchte einigen Menschen danken, die mich dabei unterstützten, dieses Buch zu schreiben, und sich Zeit genommen hatten, sich damit auseinanderzusetzen.

Ernst Freiherr von Münchhausen

Leonard Naumann

Evgeni Tsynman

Viktoriia Derkach

Katja und Eyal Levinsky

Daniel Ziv

Vorneweg

Am Anfang war die Toilette, die Toilette in der Regionalbahn. Sie bereitete mir nach wenigen Minuten in Deutschland erste Probleme. Ich konnte kein Deutsch und wusste nicht, welche Bedeutung die Tasten hatten. So drückte ich statt der Spülung die Notfalltaste, der gesamte Zug musste für einige Minuten stoppen und der Schaffner nachschauen, ob alles in Ordnung war. Wegen meiner Neugier, gepaart mit fehlenden Sprachkenntnissen, bekam ich natürlich Ärger. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. War also meine Ankunft in Deutschland wortwörtlich »ein Griff ins Klo«?

Meine deutsche Geschichte begann am 4. Juni 1998 an einem heißen und sonnigen Tag am Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Ich war sieben Jahre alt und mit meiner gesamten Familie als jüdische Zugewanderte aus dem Donbass, für mich das ukrainische Ruhrgebiet, nach Deutschland gekommen. Wir standen am Bahnsteig mit nur elf Koffern, viel Hoffnung auf ein besseres Leben und reichlich Enthusiasmus. Wir strebten nach Glück. Uns bewegte dieses Gefühl, das auch vielen Abenteurern und Entdeckern gut bekannt ist.

Ein kleiner Spoiler zu Beginn, in diesem Buch soll es nur in Teilen um mich und meine Familie gehen. Autobiografische Migrantengeschichten und -bücher gibt es genügend und meistens steht am Ende »Hurra Deutschland, danke« oder »Böses Deutschland, alles schlimm hier«. Das finde ich langweilig. Auch halte ich es für übertrieben, mit Anfang 30 bereits eine Autobiografie zu verfassen – als hätte ich schon genug erlebt für ein filmreifes Epos. Allerdings leben wir in Zeiten, in denen selbst junge Menschen Erfahrungen sammeln, die für mehrere Leben reichen würden.

In diesem Buch geht es vor allem darum, die Wesensmerkmale der deutschen Seele zu ergründen. Um meine Perspektiven und Erfahrungen besser einordnen zu können, beschreibe ich anfangs einige familiäre Hintergründe und Anekdoten aus den ersten Jahren in Deutschland. Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich für jemanden, der aus der Ukraine stammt und zugleich jüdische Wurzeln hat, wenn er die deutsche Gesellschaft verstehen will?

Meine deutsche Geschichte spielt sich in den Zwischenräumen unterschiedlicher Narrative und Positionen ab. Um dies zu veranschaulichen, zeichne ich die vielen gesellschaftlichen und sozialen Spannungen des letzten Vierteljahrhunderts nach, ohne dabei in Schwarz-Weiß-Denken verfallen zu wollen. In den Grautönen des Lebens spiegeln sich die bemerkenswerten Geschichten und Begebenheiten wider, die dieses Buch füllen.

Wenn ich auf meine 25 Jahre in Deutschland zurückblicke, möchte ich einige Aspekte besonders hervorheben, die von deutschen Familienverhältnissen über Essgewohnheiten bis hin zu seriösen gesellschaftspolitischen Themen reichen. Dabei will ich mit meinen ukrainisch-jüdischen und neudeutschen Perspektiven ein facettenreiches und tiefgehendes Bild unseres Landes nachzeichnen. Mir geht es nicht darum, als Erklärbär aufzutreten, sondern vielmehr darum, meine persönlichen Beobachtungen und Eindrücke zu schildern. Mein Ziel ist es, zum Nachdenken anzuregen. Gerade freies Denken betrachte ich als eine Grundvoraussetzung für Neues und Fortschritt in jeder Gesellschaft. Auch unserer deutschen Gesellschaft würde es guttun, sich häufiger auf mutige Gedankenexperimente einzulassen. Dieses Buch soll dazu anregen, das eigene Deutschlandbild und unser Miteinander in diesem Land zu reflektieren.

Alle meine Erlebnisse, Abenteuer, Herausforderungen, Tränen der Freude und des Schmerzes haben dazu geführt, dass ich das Land besser verstehe. Verbunden damit war und ist die Hoffnung, mich selbst darin wiederzufinden. Die Wechselwirkung zwischen mir als Individuum und der Entwicklung des Landes empfinde ich als erzählenswert. Die deutsche Seele und das Wesen zeigen sich für mich besonders bei alltäglichen Themen wie Essen, Kleidung, Autos und dem Umgang mit Tieren. Dabei wird mir klar, wie stark mein jüdisch-ukrainischer Hintergrund davon abweicht – und wie er sich zugleich auf interessante Weise mit meiner deutschen Identität ergänzt. Insgeheim glaube ich daran und hoffe ich darauf, dass sich einige Menschen darin wiedererkennen, auch wenn sie nicht aus dem ukrainischen Ruhrgebiet stammen oder wie ich Jiddisch sprechen. Widerspruch und Aufgeregtheit sind ausdrücklich erwünscht.

Ich bin viele

Die meisten werden überrascht, irritiert oder vielleicht auch fasziniert sein, wenn sie lesen, wie das Land der Dichter und Denker durch die Augen eines gewissen Herrn Mihail Groys aussieht. »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« Dieser wunderbare Titel eines Sachbuchs des Philosophen Richard David Precht, der im Zuge des Ukrainekriegs zum Militärexperten mutierte, passt auch auf meine Person. Doch als wer schreibe ich? Der Untertitel verrät schon zu Beginn drei Dinge über mich: Ich bin Jude. Ich komme aus der Ukraine. Ich lebe in meiner deutschen Heimat. Mein Blickwinkel ist daher jüdisch und ukrainisch, aber natürlich auch deutsch. Allerdings beschränke ich meine Person nicht auf diese Identitäten und Themenfelder. Ich bin darüber hinaus studierter Verwaltungswissenschaftler, Sozialdemokrat, Zigarrenraucher, Foodie und aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens. Wer, wie ich, in Deutschland Sozialwissenschaften studiert, kommt nicht darum herum, sehr unterschiedliche Berufserfahrungen zu machen: Ich konnte im Berliner Parlament, bei der Arbeit als politischer Krisenberater in der Musikindustrie, als Angestellter in einer kommunalen Verwaltung und einer diplomatischen Vertretung sowie aktuell als politischer Referent in einem Verband eine große Palette an Erfahrungen sammeln, die ebenso in dieses Buch eingeflossen sind.

An der Universität, in der Politik, bei der Arbeit und in der Freizeit begegnete ich vielen Menschen, mit denen ich faszinierende Gespräche über ihre Perspektiven auf das Miteinander hierzulande führte. Manchmal hätten diese widersprüchlicher nicht sein können. In einigen fand ich mich selbst wieder, andere lehnte ich vehement ab. Ich bin Gott oder für diejenigen, die nicht an ihn glauben, dem Schicksal sehr dankbar, so viele interessante Personen getroffen zu haben. Meine deutsche Geschichte ist ein großes Puzzle, in dem auch diese Erzählungen einen festen Platz haben.

Was die jüdische Identität angeht, zweifelsfrei die prägendste von allen, kam mir der Begriff »Ureinwohner« in den Kopf. Im Jahr 2021 lebten Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1.700 Jahren in dem Gebiet, das heute Deutschland heißt. Somit ist das Judentum ein Dutzend Jahrhunderte länger auf deutschem Boden präsent als das Christentum. Jüdische Gemeinden befanden sich hier kontinuierlich seit der Spätantike über das frühe Mittelalter und alle Epochen hinweg bis zur Moderne. Wenn wir Karl den Großen im 8. Jahrhundert als Anfang dessen nehmen, was Deutschland heute ist, waren wir Juden in Deutschland schon längst da. Das Volk der Deutschen, das aus frühmittelalterlichen Großstämmen rund um das Jahr 1000 entstand, ist unzertrennbar mit der jüdischen Geschichte vor Ort verbunden.

Als ich einem afro-deutschen Freund davon erzählte, dass ich in meinem Buch die Ureinwohnerschaft der Juden in Deutschland thematisiere, sagte er begeistert, wie sehr dies doch den wahren Kern trifft: »Ihr lebt hier doch seit Ewigkeiten. Natürlich seid ihr Ureinwohner dieses Landes und könnt euch so nennen, trotz allem, was euch hier widerfahren ist.« Mein Verständnis dieses Begriffs ist inklusiv und beruht nicht auf der völkischen Argumentation, wonach die ethnische Herkunft entscheidend ist, sondern auf der realen Präsenz. Auch wenn sich die jüdische Herkunft unbestritten im Nahen Osten begründet, im heutigen Israel, kann man nach 1.700 Jahren guten Gewissens davon sprechen, ein deutsch-jüdischer Ureinwohner zu sein, finde ich. Online-Plattformen wie MyHeritage, die es Menschen ermöglichen, ihre Familiengeschichte zu erforschen, Stammbäume zu erstellen und genetische Ahnenforschung durchzuführen, können behilflich sein, diese Wurzeln zu ermitteln.

In diesem Buch verwende ich zudem mehrfach das Wort »Aschkenas«. Das ist eine Sammelbezeichnung für west- und osteuropäische Juden, deren Herkunft sich im Gebiet des heutigen Deutschlands verorten lässt. Ich bin ein aschkenasischer Jude mit Wurzeln in deutschen Landen. Hier sind bedeutende historische Stätten wie die jüdischen Friedhöfe in Worms und Mainz, die mittelalterliche Synagoge in Speyer sowie Überreste alter jüdischer Viertel zu finden. Solche Zeitzeugnisse haben dazu beigetragen, dass diese Städte heute als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt sind.

Wie ich Deutschland und seine Menschen wahrnehme

Mein Anspruch ist es, unser Land nicht mit Plattitüden und Pauschalisierungen zu beschreiben. Das bedeutet für mich auch, nicht unkritisch oder beliebig zu sein. Die messbaren Fakten und einige Zahlen helfen dabei, meine subjektiven Wahrnehmungen besser einzuordnen. Keine Sorge, da ich in der Schule schwach in Mathematik war, wird hier niemand mit einer Flut von Zahlen konfrontiert.

Unser Land und seine Menschen können nicht mit Stereotypen und Vorurteilen beschrieben werden. Das wäre schlicht und ergreifend falsch und widerspricht der Absicht dieses Buches. Ich werde immer sehr hellhörig, wenn die Rede von »allen« ist. Ich finde es gut, dass Menschen die Freiheit haben, in ihrem Leben, sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit, Dinge zu machen, die nicht alle tun. Daher möchte ich nicht von »den Deutschen« oder »den Einwanderern« sprechen. Solche verallgemeinernden Bezeichnungen tauchen dennoch im Buch auf, sollen aber plural, also in Anerkennung und Wertschätzung der Vielfalt der Identitäten und menschlichen Charaktere, verstanden werden.

Wer sich über meine Beobachtungen und Aussagen ärgern sollte, dem sei gesagt: Was trifft, trifft zu. Jeder reflektierte Mensch sollte sich immer zuerst an die eigene Nase fassen und sich vielleicht auch unangenehmen Fragen stellen. Gleichzeitig merke ich, dass wir oberflächlich, oft sogar abwertend diskutieren. Der Kern des Problems wird nicht erfasst, sondern relativiert und verwässert. Klare Aussagen gelten oft als unangemessen. Davon kann ich ein Lied singen, vor allem im Zusammenhang mit meiner politischen Arbeit.

Ich glaube, dass ich in diesem Buch über alle Kapitel hinweg genug Selbstkritik übe. Das gehört zu einer reflektierten Person dazu. Nur dadurch können wir aus uns selbst heraus wachsen. In Max Frischs Tagebüchern findet sich die treffende Formulierung, wie sich Menschen mit den eigenen Erkenntnissen erreichen lassen: »Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, daß er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.« Deswegen möchte ich meine Kritik an den gesellschaftlichen Missständen immer als Denkanstoß verstanden wissen. Hinter diesem Buch steckt nämlich der Anspruch, mit Witz und Schärfe sowie viel Heiterkeit einen seriösen und emotionalen Debattenbeitrag zu liefern. Ich habe mich lebenslang geweigert, abgestempelt oder in eine Schublade gepackt zu werden. Das ist natürlich angesichts meiner sozialdemokratischen Parteimitgliedschaft schwierig, aber das Problem mit der Parteilichkeit haben auch die Fußballfans in diesem Land.

Wie es zu diesem Buch kam und für wen es gedacht ist

Die erste Idee, ein Buch zu schreiben, entstand beim Familienessen anlässlich des 20. Jahrestages unserer Einwanderung nach Deutschland, also im Jahr 2018. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, an diesem besonderen Tag gemeinsam zu essen und zu reflektieren, was in diesen zwei Jahrzehnten des Lebens hier gut und was schiefgelaufen ist. Unzählige Geschichten wurden erzählt, die bis zu meiner frühen Kindheit zurückreichten. Manche hatte ich vergessen, verdrängt oder waren mir unbekannt. Es kamen viele sehr spannende Erinnerungen an unsere ersten Tage in Deutschland auf. Erzählt wurde auch von den vielfältigen Erfahrungen und Enttäuschungen in den Folgejahren während der Integration und der Krisen im Land Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre.

Auf jeden Fall gab es bei diesem Essen genug Gesprächsstoff, der mich dazu brachte, mich tiefer mit meiner deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Eine ehrliche Bilanz dieser Zeit findet sich am Ende dieses Buches. Ich hoffe nur, dass meine Familie noch mit mir sprechen wird, nachdem sie mein Fazit gelesen hat. Ich finde, es gehört Mut dazu, sich der Vergangenheit zu stellen, und noch mehr mit Entschlossenheit, in die Zukunft zu blicken.

Immer wieder werde ich gefragt, für wen ich meine publizistischen Beiträge in Zeitungen oder in den sozialen Medien schreibe, was also meine Zielgruppe ist. Ehrlicherweise habe ich darauf selten eine konkrete Antwort, da ich versuche, jedem Menschen, unabhängig von seiner Herkunft oder religiösen und politischen Einstellung, zuzuhören und wenn möglich mit meinen Argumenten oder Gedanken zu erreichen. Mein Buch kann ein türkisches Gastarbeiterkind ebenso lesen wie ein konservativ denkender Mensch aus dem Adenauer-Haus, eine Musikmanagerin bei Bertelsmann oder der Kfz-Mechaniker von nebenan. Es gibt nur eine grundlegende Bitte, die ich an die Leserinnen und Leser richte: Seid neugierig und offen für unterschiedliche Meinungen.

Die letzten vier Jahre waren für mich persönlich sehr bewegend. Ich überlegte zu schreiben, weil ich etwas zu sagen hatte – und immer noch habe – und auch vieles verarbeiten wollte. Zum einen begann mit der Covid-Pandemie eine besonders schwierige Zeit für jeden Menschen in der Welt, mich eingeschlossen. Die Welt versank unter einer noch nie da gewesenen Welle von Isolation, Unsicherheit und Verlustängsten. Corona war eine globale Krise, die keiner erwartet hatte.

Als die Pandemie 2022 weitestgehend eingedämmt worden war, endete die dunkle Zeit für mich persönlich nicht. Sie setzte sich nahtlos fort, denn Russland startete einen brutalen Angriffskrieg auf das Nachbarland Ukraine, weniger als zwei Flugstunden von Berlin entfernt. Ich bin in der Ostukraine geboren. Das Geschehen traf mich persönlich und meine Familie. Es tat weh zu sehen, was passierte, und ich versank in eine Dystopie bezüglich unserer Gegenwart. Zerstörte ukrainische Städte und Dörfer, verbrannte Weizenfelder und Tausende tote, unschuldige Menschen, Vergewaltigungen in Butscha. In meinem Buch vertiefe ich dieses Thema später und widme mich dem Ukraine-Bild in Deutschland. Und gehe darauf ein, wie ich als gebürtiger Ukrainer jüdischer Herkunft hier wahrgenommen wurde.

Als ich mich langsam, aber sicher, an den Wahnsinn des Ukrainekriegs gewöhnt hatte, kam der 7. Oktober 2023 und damit der Überfall der Hamas auf Israel. Das traf mich noch einmal persönlich. Ich bin nun mal gebürtiger Jude. Wenn das größte Massaker an Juden nach der Schoah begangen wird, geht das an mir nicht spurlos vorbei.

Die beiden prominentesten Konflikte der letzten Jahre in meiner Person biografisch vereint, das hat sicherlich viel in mir bewegt. Die nicht jüdischen oder ukrainischen Menschen in meinem Umfeld fragen mich, wie ich damit umgehe. Oft frage ich mich, wie man in solchen Tagen überhaupt Kraft findet und in die Zukunft schauen kann. Am Ende des Buches wage ich tatsächlich einen Ausblick, wie es mit all den erwähnten Themenfeldern weitergehen wird. Mir scheint es unabdingbar, nicht in der Vergangenheit und Gegenwart zu verharren, sondern heiter und mutig einen Blick nach vorne zu wagen – über den heutigen Tag und auch den eigenen Tellerrand hinaus.

Meine deutsche Geschichte ist vielleicht auch in Teilen eure Geschichte oder unsere gemeinsame, worüber ich mich sehr freuen würde. Wenn mein Buch aber auf Kritik oder Ablehnung stößt und einen praktischen Wert als Stütze für einen kaputten Tisch oder Stuhl hat, dann erfüllt es auch einen Zweck.

1.Tatsächlich angekommen?

Spätestens seit meiner Zeit in der Musikindustrie habe ich mir angewöhnt, Abschnitte und Ereignisse meines Lebens mit Liedern zu verbinden. Das gilt sowohl für gute als auch für traurige Momente. Wenn ich einen bestimmten Song höre, kann ich die Situation dazu wieder nachfühlen. Damit bin ich vermutlich nicht allein auf der Welt. Es gibt auch diejenigen, die ihre Lieder in der Dusche singen, was meinen Nachbarn vermutlich nicht gefallen würde. Mein Freund und ehemaliger Universal-Music-Deutschland-Chef Tim Renner sieht darin weder einen Ausdruck von erhöhter Emotionalität oder besonders großer Empathiefähigkeit meinerseits. Beim Hören von Musik sollte ich wohl mehr als Klang empfinden. »Groyski, du verstehst etwas von Musik«, sagte er zu mir, als wir uns über die Frage nach der Trennung von Werk und Künstler stritten.

Auch die Ankunft in Deutschland und die ersten Jahre hier rufen bei mir musikalische Assoziationen hervor. Zum Beispiel sang die deutsche Pop-Rock-Band »Wir sind Helden« im Refrain ihres Hits »Gekommen, um zu bleiben«:

»Gekommen, um zu bleiben – wir gehen nicht mehr weg (wir gehen nicht mehr weg)

Gekommen, um zu bleiben – wie ein perfekter Fleck (wie ein perfekter Fleck)«

Dieses Lied erinnert mich an unsere Einwanderung. Wir kamen in der Tat, um zu bleiben, und vor allem passten wir wie »ein perfekter Fleck« in die deutsche Gesellschaft hinein, also offenkundig gesagt gar nicht. Wie konnte es auch anders sein? Meine Eltern wanderten in den 1990er-Jahren als Menschen mit sowjetischer Prägung, nach jahrzehntelanger Isolation von der Außenwelt, nach Europa, um hier unser neues Leben aufzubauen. Die Schwester meines Großvaters hatte bereits seit einigen Jahren in Berlin gelebt, sodass die Wahl auf Deutschland durchaus bewusst fiel. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Familie zusammen sein will. Andererseits war es vielleicht auch eine schicksalhafte Fügung unterschiedlicher Umstände, dass ausgerechnet dieses Land zu unserer Heimat werden sollte.

Ich kann bestimmte Lebensabschnitte nicht nur mit Liedern assoziieren, sondern auch mit Düften. Deutschland roch verdammt gut und erfrischend damals, Ende der 1990er-Jahre. Ich hatte das Gefühl, dass alles und überall mit Deodorant besprüht worden war. Die frischgebackene Heimat roch anziehend. Sogar in den Toiletten, wo es nicht selten ein spezielles Parfum gab und leblose bunte Plastikblümchen standen, wie in der erwähnten Regionalbahn am ersten Tag nach unserer Ankunft. Es kann aber auch der Geruch des Ankommens gewesen sein, den jeder Mensch verspürt, wenn er in ein noch fremdes Land kommt. Vermutlich ist es vergleichbar mit einem neuen Menschen im Leben, an dessen Geruch man sich erst einmal gewöhnen muss. Und der besonders gut riecht, nachdem man sich in ihn verliebt hat.

Ob meine Eltern und ich uns in dieses Land auf den ersten Blick verliebten? Das kann ich 25 Jahre später verneinen. Dennoch haben wir uns gut riechen gelernt – wie zwei deutsche Doggen sich gegenseitig beim Gassigehen. Dieses Beschnuppern dauerte etwa fünf Jahre und kann grob als Phase des Ankommens bezeichnet werden. Ein deutsches Sprichwort besagt »Aller Anfang ist schwer«. Alles war neu und kompliziert an Deutschland: die Autos, das Essen und die Häuser. Diese ersten fünf Jahre waren wirklich aufregend.

Merkwürdig finde ich, dass in fast allen Sprachen der Welt Deutschland mit Germanen in Verbindung gebracht wird, nur nicht in der deutschen Sprache selbst – eine meiner vielen Erkenntnisse der anderen Art. Deutschland hieß für mich vor der Ankunft nämlich »Germania«. Das zählt grammatikalisch zu den weiblichen Worten. In meiner Muttersprache Russisch ist das Wort für Heimat »Rodina« (Mutterland) auch weiblich, im Deutschen dagegen neutral (»das Vaterland«) mit männlichem Bezug. Vor einigen Jahren gab es in Deutschland eine Debatte, ob aus »Vaterland« »Mutterland« werden sollte. Ich selbst habe den Wechsel zwischen einem weiblich benannten Mutterland und dem deutschen Vaterland erlebt. Mit Gelassenheit sehe ich solche Begriffe, wie wohl auch Gustav Heinemann, der einst in einem Interview mit dem »Spiegel« im Jahr 1969 sagte: »Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!«

Neues Land, neues Gefühl

Das Gefühl, in einem neuen Land zu sein, kennen sicher auch viele gebürtige Deutsche, denn historisch betrachtet waren Flucht und Vertreibung gut bekannte Themen für Deutschland und die Menschen dort. Im blutigen 20. Jahrhundert wurden zwischen 1945 und 1950 mehr als 17 Millionen Deutsche aus den Gebieten des heutigen Polens, Ungarns, den baltischen Staaten, Rumäniens, Tschechiens, der Slowakei und Jugoslawiens nach Deutschland vertrieben. Die gewaltigen Massen an Geflüchteten mussten innerhalb der vier Besatzungszonen verteilt und integriert werden. Die ältere Generation wird sich noch gut daran erinnern, dass es trotz der gemeinsamen deutschen Sprache und Kultur erhebliche Unterschiede zwischen den Vertriebenen aus Ostpreußen, Böhmen und Mähren und den Deutschen, die auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik lebten, gab. Das Gefühl von Fremdheit, auch im eigenen Land, kennen diese Menschen definitiv aus eigener Erfahrung. Dies scheint mir eine weitere außerordentlich wichtige Betrachtungsebene hinsichtlich der deutschen Identität zu sein.

Wer nach schwerer Fahrt oder Flucht in einem Land ankommt und denkt, dass nun alles überstanden ist, wird merken, dass nun die wirklichen Probleme erst beginnen. Es stellt sich die Frage, was man mit seinem Leben anfangen will. Manche werden sich hier sicherlich nicht an meine deutsche Geschichte aus dem Jahr 1998 erinnern, sondern viel eher an ihre schlesischen oder sudetischen Großeltern, die vor dieser existenziellen Entscheidung standen. Schließlich hatten die ethnischen Deutschen viele Jahrhunderte das deutsche Kernland nicht gesehen und besaßen eine andere Mentalität.

Die Heimat zu verlassen und in eine vollkommen neue Umgebung einzutauchen ist herausfordernd und bedeutet in erster Linie eine Entwurzelung. Für mich als kleinen siebenjährigen Jungen aus der ukrainischen Kleinstadt war es anders. Deutschland war vollkommen wie Disneyland mit vielen Abenteuern und spannenden Erlebnissen. Es ist bemerkenswert, wie die kindliche Psyche funktioniert und vor allem Stress gekonnt verdrängt.

Meine Eltern erzählten mir, wie es ihnen das Herz gebrochen hatte, mich nach der Einschulung den anderen Kindern hinterhertrödeln zu sehen. Als sie mich fragten, wieso ich nicht mit ihnen mitlief, soll ich ihnen entgegnet haben, dass keiner mit mir reden wollte, weil ich die Sprache nicht konnte, und zu weinen angefangen haben. Zwar wussten sie, dass sie das Richtige für mich getan hatten – mich nach Deutschland zu bringen und mir eine Zukunft zu sichern –, wie dies jedoch funktionieren sollte, war anfangs unklar. Etwas Ähnliches soll sich beim Völkerballspielen im Sportunterricht zugetragen haben. Ich wusste einfach nicht, wann ich aufstehen und mich hinsetzen sollte, und rannte weinend hin und her. Offen gestanden hat meine Psyche diese traurigen Erlebnisse vollkommen verdrängt. Es muss so schmerzlich gewesen sein, dass ich es vergessen wollte. Bemerkenswert ist dies, weil ich eigentlich ein sehr ausgeprägtes Erinnerungsvermögen besitze.

Meine Eltern und andere Verwandten konnten nicht wie ich einfach losweinen, obwohl ihnen sicherlich danach war. Sie standen vor grundsätzlichen strategischen Fragen: Wie sollten sie sich beruflich weiterentwickeln? Was wäre ein geeigneter Wohnort und was die beste Schule für mich? Sie mussten stark und mutig sein wie jeder Mensch, der sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft macht. Was waren ihre ersten Schritte in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprachen, dessen Bräuche sie nicht kannten? Das sie nur aus den Geschichtsbüchern oder sowjetischen Kriegsfilmen kannten, und zwar als militärisch besiegtes Deutschland? Das war damals. Vor welchen Fragen steht wohl die heutige Generation von Migranten?

Meine Ratschläge für Eingewanderte

Jede Entscheidung hat bekanntlich Konsequenzen. Das gilt auch für die Einwanderung in ein neues Land, die mit einer Reihe von mittel- und vor allem langfristigen Folgen verbunden ist. In Deutschland anzukommen bedeutet, es zum Lebensmittelpunkt zu machen. Die Werte, Regeln und Gepflogenheiten des Gastlandes müssen beachtet werden. Des Weiteren rate ich Eingewanderten, herauszufinden, wie sie zum Gemeinwohl beitragen, sich in den Arbeitsmarkt integrieren und natürlich die deutsche Sprache lernen können.

Die Verantwortung dafür kann aus meiner Sicht nicht allein bei den eingewanderten Menschen liegen, sondern muss geteilt werden: zwischen denjenigen, die zu uns nach Deutschland kommen, und denjenigen, die sie hier aufnehmen. Das gilt für den Umgang mit Sudetendeutschen und Schlesiern ebenso wie für den mit Nichtdeutschen. Ich hoffe darauf – vermutlich ist es eher Wunschdenken –, dass der Staat und die Menschen, die Eingewanderte aufnehmen, ein gemeinsames Leben mit den zukünftigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern organisieren.

In der deutschen Gesellschaft bestehen große Wissenslücken, wenn es um die Einwanderung geht. Es herrschen sehr schablonenhafte Vorstellungen von den Eingewanderten vor, von ihrer Vergangenheit in den Herkunftsländern und ihrer deutschen Gegenwart. Was die Zukunft angeht, bleiben viele Leerstellen. Ich wage es, mit dem Abstand von 25 Jahren einige Tipps zu geben, was getan werden könnte, um das zukünftige Zusammenleben zu verbessern.