Meine Freiheit - Kathrin Höhne - E-Book

Meine Freiheit E-Book

Kathrin Höhne

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Beschreibung

25 Jahre Deutsche Einheit: 25 Menschen aus Ost und West - ihre Schicksale, ihre Geschichte und ihre Gedanken zur Freiheit - zwei Journalistinnen erzählen. Dafür reisten die beiden Autorinnen quer durch die Republik und trafen unter anderem den Politiker Kurt Biedenkopf, den Bürgerrechtler und Fernsehjournalisten Siegbert Schefke und den Frontsänger der Prinzen, Sebastian Krumbiegel. Die Menschen blicken auf die dramatischen Ereignisse zurück, als in Berlin die Mauer fiel, berichten von ihrem Leben und wie sie heute über das deutsche-deutsche Miteinander denken.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kathrin Höhne und Maren Martell

Meine Freiheit

Geschichten aus Deutschland

Impressum

Copyright: © 2014

Kathrin Höhne / Maren Martell

Verlag: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de

ISBN 978-3-7375-7694-9

Freiheit muss man sich nehmen.

Roland Jahn,

Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen

Inhalt

Niemals wieder möchte ich von einem Staat gezwungen werden, mich vollkommener Presse-, Reise- und Meinungskontrolle unter- werfen zu müssen. Damit stempelt er nicht nur die Bürger unmündig, sondern schränkt die Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung und Freiheit massiv ein.

Siegbert Schefke, Journalist und Bürgerrechtler

Meine Freiheit endet an der Freiheit des Nächsten.

Georg Prinz zur Lippe, Weingutbesitzer

Freiheit ist für mich innere Freiheit. Selbst im Gefängnis habe ich mich nicht unfrei gefühlt.

Carmen Rohrbach, Biologin und Reisebuchautorin

Die Reise- und Bildungsfreiheit ist toll. Hat aber ihren Preis, nicht alle Menschen können sich das leisten.

Karl-Heinz Dallmann, Umweltpfarrer

Wichtige Voraussetzung für Freiheit ist soziale Gleichheit.

Hans Modrow, Politiker

Freiheit ist für mich, sich in einem System wiederzufinden und dort akzeptiert zu werden, wie man ist.

Afrodite Veneti, Sozialarbeiterin

Mit Freiheit im politischen Sinne hatte ich nach der Wende wirklich ein Problem. Im Osten konnte ich nichts sagen, weil Dir ja ständig der Mund verboten wurde. Und im Westen konntest Du sagen, was Du wolltest, aber es hat Dir einfach niemand zugehört.

Bettina Stäbert, Sängerin

Freiheit ist für mich zu wissen, dass ich alles machen kann, was ich will.

Christa Wartig, Bürokauffrau und DDR-Flüchtling

Wo soziale Grenzen bestehen oder Andere betroffen sind, da endet meine Freiheit.

Werner Maiwald, Unternehmer

Freiheit ist die Chance zu verantwortlichem, selbstbestimmten Leben und Handeln.

Wolfgang Thierse, Politiker

Die Freiheit ist auch eine Frage der Gerechtigkeit im gesellschaftlichen System.

Jürgen Ungewiß, Kaufmann

Freiheit heißt für mich, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Sylvia Schreiber-Teschner, Erzieherin

Freiheit ist für mich, mit Sicherheit zu wissen, ein Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, in der alle Individuen frei entscheiden können.

Maria-Teresa Toro-Saez, Galeristin

Freiheit muss man sich täglich neu erobern.

Pascal Raviol, Schausteller

Freiheit ist für mich unverzichtbar. Aber das Eigentliche, über das ich mich definiere, ist nicht die Freiheit, sondern die Verantwortung.

Kurt Biedenkopf, Politiker und Wirtschaftswissenschaftler

Freiheit bedeutet für mich, keine Angst mehr zu haben. Ängste blockieren den Fluss des Lebens und der Liebe.

Arved Birnbaum, Schauspieler

Freiheit ist etwas Schönes. Aber damit verbindet sich die Frage, Freiheit für wen?

Edgar Most, Bankmanager

Freiheit muss man sich auch leisten können.

Sebastian Krumbiegel, Prinzen-Sänger

Freiheit bedeutet für mich zu wissen, dass meine Kinder glücklich aufwachsen und dass sie machen können, was sie wollen.

Uwe Schramm, Almwirt

Freiheit kann nur eine begrenzte Freiheit von und für etwas sein. Ansonsten wäre mir jeden Tag schmerzlich bewusst, dass ich dann nur ein „Rad im Getriebe“, nur ein austauschbarer Teil einer mir deshalb fremden Gesellschaft sein würde.

Gabriele Muschter, Kunsthistorikerin und Kulturvermittlerin

Freiheit ist keine Frage der Definition, sondern eine Frage, die sich jeder persönlich stellen muss. Jeder muss selbst entscheiden, wie er leben möchte. Mit aller Verantwortung und allen Konsequenzen.

Leo Gehl, Musikredakteur

Freiheit bedeutet für mich, meinen Wohnort frei wählen zu können.

Jürgen Brand, politischer Häftling

Freiheit?

Zum Glück brauchst Du Freiheit, zur Freiheit brauchst Du Mut. So formulierte es vor zweieinhalbtausend Jahren schon der griechische Staatsmann Perikles. Die Geschichte der Freiheit ist auch die Geschichte der Menschheit. Um Freiheit wurde immer wieder gerungen. Der Freiheit wegen wurden Kriege geführt. Freiheit war die Antriebsfeder vieler Revolutionen. Freiheit ist die Grundlage unserer demokratischen Verfassung heute.

Der Wunsch nach Freiheit trieb auch im Herbst 1989 die Menschen in der DDR auf die Straße. Am Anfang standen die Mutigen, die mit Kerzen und Gebeten sich gegen einen Unterdrückungsstaat auflehnten. Sie leiteten damit die radikalste Veränderung der deutschen Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg ein. Jedes Jahr im November wird dieser friedlichen Revolution gedacht, kehren die starken Bilder von diesem tief- greifenden Wandel in unser Bewusstsein zurück. Die Geschehnisse damals, als die Mauer fiel, sich die Grenzen öffneten und der Kalte Krieg beendet wurde, bewegen die Menschen weiterhin.

Wohin hat die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland geführt? Wo sehen sich die Menschen heute, wo stehen sie? Welchen Weg sind sie gegangen? Wie beurteilen sie die damaligen Ereignisse heute? Was bedeutet ihnen Freiheit? Das wollten wir, zwei Journalistinnen aus Ost und West, ergründen. Dazu reisten wir quer durch die Republik, gingen auf die Alm in den bayerischen Alpen, ins Allgäu, in den Taunus, in den Süden Brandenburgs, fuhren nach Leipzig, Dresden, Berlin, Köln, Brühl und ins sächsische Elbtal.

Wir suchten Menschen auf, deren Prägung im Osten wie im Westen liegen, die ihren ganz eigenen Weg gegangen sind, nicht aufgehört haben, das Eigene zu tun und zu denken in vielerlei Hinsicht. Sie erzählen von ihren Erlebnissen, von ihren Gefühlen, von ihrem Lebensweg. Es sind Menschen, die aus der DDR geflohen sind, Menschen, die im Gefängnis landeten, Menschen, die geblieben sind, Menschen, die sich auflehnten und auch Menschen, die nach der Wende in Ostdeutschland einen Neuanfang wagten. Wir erzählen auch die Geschichte einer Russin, die die Gunst der Stunde nutzt, um nach Berlin zu kommen, einer Griechin, deren Eltern während des griechischen Bürgerkriegs in den „sozialistischen Bruderstaat" kamen, sowie einer Chilenin, die vor dem Pinochet-System flieht und in der DDR strandet.

Siegbert Schefke

Niemals wieder möchte ich von einem Staat gezwungen werden, mich vollkommener Presse-, Reise- und Meinungskontrolle unterwerfen zu müssen. Damit stempelt er nicht nur die Bürger unmündig, sondern schränkt sie in ihrer persönlichen Entwicklung und Freiheit massiv ein.

Seine Bilder lassen die Mauer fallen

Diesen Tag in seinem Leben wird Siegbert Schefke nie vergessen: Es ist der 9. Oktober 1989.

10.00 Uhr Berlin / Prenzlauer Berg

Bereits seit Tagen stehen Stasi-Leute vor einem Mietshaus in der Gotlandstraße im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg. Ihr Auftrag lautet: Überwachung von Siegbert Schefke, der hier in einer Wohnung lebt. Von seinen Fenstern aus kann er seine Bewacher sehen. Damit sie sich nicht an seine Fersen heften, steigt er auf den Dachboden und klettert aus der Luke raus. Über ein paar Häuser weiter gelangt er wieder ins Freie. An der Schönhauser Straße wartet bereits sein Freund Aram Radomski. Er ist Fotograf, Schefke Kameramann. Beide wollen die Demonstration von DDR-Bürgern in Leipzig filmen und die Bilder der ARD zuspielen. „Denn wenn dort Schüsse fallen, soll es die Welt erfahren.“ Sie wissen, West-Korrespondenten dürfen schon seit Wochen nicht nach Leipzig reisen, geschweige denn dort drehen.

10.30 Uhr Berlin – Leipzig / auf der Autobahn nach Sachsen

Mit einem Trabant machen sie sich auf den Weg nach Sachsen. Kamera und Fotoausrüstung liegen im Kofferraum. Auf der Autobahn wird ihnen erstmals sehr mulmig zumute. Sie kommen an einem langen Konvoi mit Einsatzwagen von Militär und der Volkspolizei vorbei. „Das war ein sehr beängstigender, bedrohlicher Anblick.“ Beide schweigen minutenlang. In der Leipziger Innenstadt hoffen sie, nicht kontrolliert zu werden. Überall sind hier längst Polizei und Stasi präsent.

13.00 Uhr Leipzig / Ringstrasse

Schefke und Radomski laufen über den Ring. Die Kamera haben sie in einer Plastiktüte versteckt. Sie sind auf der Hut. Überall sind Polizisten und Sicherheitskräfte. Sie machen sich auf den Weg zur evangelisch-re- formierten Kirche am Tröndlinring, denn vom Kirchturm aus kann man gut bis zum Hauptbahnhof sehen. Sie klingeln bei Pfarrer Hans-Jürgen Sievers, berichten ihm kurz, dass sie die Kameramänner seien, von denen das Material für die DDR-Dokumentationen der westlichen Sendungen „Kontraste“ und „Kennzeichen D“ stamme. Sie erzählen weiter, dass sie heute noch das Friedensgebet filmen wollen. Der Pfarrer nickt und gibt sein Einverständnis, sie auf den Turm zu lassen.

16.00 Uhr Leipzig / Tröndlinring 7

Die beiden Männer steigen auf den Turm. Der Hausmeister schließt hin- ter ihnen die Tür ab.

19.00 Uhr Leipzig / Tröndlinring 7

Schefke und Radomski haben sich auf der Kirchturmspitze im Tau- bendreck in Stellung gebracht. Sie blicken um sich und entdecken Stasi-Männer auf den Dächern gegenüber. „Werden sie auch gesehen?“ Sie halten das Rotlicht an der Kamera zu. Was sie dann filmen und fo- tografieren, hätten sie selbst nicht erwartet. Trotz eines Großaufgebots von Bereitschaftspolizei und Staatssicherheit gehen tausende Menschen auf die Straße. Es ist die bis dahin größte Montagsdemonstration in der Stadt. Arm in Arm ziehen die Demonstranten friedlich an der Kirche vor- bei und rufen „Wir sind das Volk!“, „Schließt Euch an!“ und „Gorbi, Gorbi!“ und „Wir sind keine Rowdies“. Die Männer auf dem Turm denken unwill- kürlich an das Massaker auf dem chinesischen Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni desselben Jahres. Doch in Leipzig wird nicht geschossen. „Zum Glück!“

21.00 Uhr Leipzig / Tröndlinring 7

Sie schalten die Kamera aus. Sie trauen sich noch nicht auf die Straße. Lange sitzen sie noch bei Pfarrer Sievers in der Küche. Ihnen werden Stullen geschmiert, sie haben Hunger. Erst als es ihnen draußen ruhig erscheint, gehen die beiden ins Hotel „Merkur“. Dort wartet der DDR-Korrespondent des westlichen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Ulrich Schwarz. Er hat seinen Wagen mit Diplomatenkennzeichen am Flughafen Berlin-Schönefeld stehen lassen und ist mit der Reichsbahn nach Leipzig gekommen. Ihm geben sie das Material. Gemeinsam geht es zu dritt mit dem Trabi zurück. Der Motor macht schon etwas schlapp. Mit nur knapp Tempo 60 auf der Autobahn erreichen sie Berlin.

Mitternacht / Berlin

Schwarz schmuggelt das Videoband und die unentwickelten Filme in seiner Unterwäsche in den Westen. Schefke steigt über die Dächer zurück in seine Wohnung. Vor dem Haus lungern nach wie vor Stasi-Leute. Am nächsten Morgen folgen sie ihm wieder zum Bäcker.

10. Oktober 1989 – Tagesthemen ARD

„Wir sind das Volk!“ erklingen die Rufe von 70.000 Demonstranten in Leipzig in den ARD-Tagesthemen. Bürger in beiden Teilen Deutschlands können sehen, dass aus dem Widerstand gegen das SED-Regime eine Massenbewegung geworden ist. Um die Urheber der Bilder zu schüt- zen, sagt Tagesthemen-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs, die Bilder stammten von einem italienischen Kamerateam.

2014, Leipzig, ein Vierteljahrhundert später

Wir treffen Siegbert Schefke an seinem Arbeitsplatz beim MDR in der Leipziger Südvorstadt. Inzwischen kann er überall in Deutschland seine Kamera aufstellen, ohne verfolgt zu werden. Er zeigt uns das Funkhaus auf dem alten Schlachthofgelände, führt uns durch Studios, Schnittplätze und Redaktionsräume. Im 17. Stock nehmen wir in einer Sitzecke in großen schwarzen Ledersesseln Platz. Von hier oben kann man gut über die Stadt blicken, die seit der Wende einen enormen Strukturwandel erlebt hat. Schefke ist hier gern zu Hause. Auch der Revolutionsheld von einst hat sich gewandelt. Inzwischen sind seine schulterlangen Wuschelhaare kürzer und grauer geworden. Der Bart ist ab. Falten haben sich in das markante Gesicht des groß gewachsenen Mannes gegraben. Er trägt ein helles Hemd, Jeans und schwarze Halbschuhe. Bequem. Er wirkt entspannt und gelassen.

Der Mauerfall hat sein Leben gewissermaßen in ein Davor und ein Da- nach geteilt. Darauf zurückzublicken, damit ist er inzwischen bestens vertraut. Denn als Chronist der Leipziger Montagsdemonstrationen und Verfolgter der Staatssicherheit ist er als Zeitzeuge rund um den Globus gefragt und bekommt dazu viele Fragen gestellt. Journalisten gibt er ein- mal folgenden Satz auf einen gelben Klebezettel gekritzelt mit auf den Weg: „Je besser wir Diktatur begreifen, um so besser können wir Demokratie gestalten.“ Damit will er für die Arbeit der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin werben. „Schon aus dem einfachen Grund, dass die Stasi über mich acht Aktenordner angelegt hatte und bisher nur drei aufgetaucht sind. Ich will wissen, was da noch drin stand.“ Denn eins weiß er bereits in jungen Jahren genau: „Ich wollte das DDR-System stürzen und nicht irgendwie reformieren, sondern ganz klar beseitigen.“ Natürlich geht ihm diese Aussage heute viel leichter über die Lippen als damals.

Siegbert Schefke wird im Februar 1959 in Eberswalde in Brandenburg geboren. Seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater Maurer. Ohne Geschwister wächst er als „Kind der DDR“ in der Generation auf, in der es durchaus noch Hoffnungen und einen Glauben an einen Sozialismus als die bessere Gesellschaftsordnung der beiden deutschen Staaten gibt. Im Laufe seines Lebens aber muss er zusehen, dass viele daran scheitern, resignieren, sich in private Nischen zurückziehen und versuchen, minimale Kompromisse im System DDR zu finden. Einige gehen für ihre Überzeugungen ins Gefängnis. Andere ertragen das Eingesperrtsein nicht mehr, wollen fliehen, stellen Ausreiseanträge, flüchten unter Todesgefahr. Wieder andere protestieren, wollen bleiben, so auch Schefke. „Denn es ist auch meine Heimat, und in der will ich frei leben.“ Dabei erlebt er auch die, die um ihres Vorteils willen Menschen ausspionieren und verraten und so das System über viele Jahre stützen. Schon als Kind erfährt er „den fernen Westen ganz nah“. Denn die Familie lebt in beiden Teilen Deutschlands. Alle drei Geschwister seines Vaters sind noch vor dem Bau der Berliner Mauer 1961 in den Westen, ins Ruhrgebiet gegangen. Kommen sie zu Besuch, holt er sie gemeinsam mit seinem Vater am Grenzbahnhof Friedrichstraße in Berlin ab. „Da bekam ich von den Verwandten oft Mars-Riegel und Adidas-Turnschuhe geschenkt“, erinnert er sich. Seine Schulzeit verläuft DDR-typisch: Er ist bei den Pionieren und in der FDJ. Auch die Teilnahme an der sozialistischen Jugendweihe mit 14 Jahren gehört dazu. Parallel dazu besucht er einmal in der Woche den Gottesdienst in der Kirche. Er wird konfirmiert. „Ansonsten habe ich mich wie viele andere Jugendliche auch für Briefmarken, Mopeds und Judo interessiert.“

Während andere drei Jahre zur Armee gehen, um die Chance auf ein Studium zu erhöhen, geht er zum Bau. Macht dort eine Lehre mit Abitur. Der anderthalbjährige Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee bleibt ihm dennoch nicht erspart. Er kommt nach Storkow bei Berlin. „Für mich war das nur ein gezielter Versuch des DDR-Systems, junge Männer von 18 Jahren mit militärischem Drill und Parteipropaganda zu prägen.“ Der große Leitsatz dazu heißt: „Die DDR ist ein Friedensstaat!“

Doch Abrüstungsgegner, kirchliche Friedensaktivisten und Wehrdienstverweigerer werden verfolgt und bestraft. Damit macht er 1982 seine Erfahrung. Inzwischen studiert er an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus. Seine kritische Haltung lässt ihn nicht zögern, einen Appell gegen die Stationierung von Atomwaffen in Ost und West zu unterschreiben. Die Folge: Als Einziger aus seinem Jahrgang wird er zu einer Nachprüfung nicht zugelassen. Den wahren Grund erfährt er Jahrzehnte später aus seinen Stasi-Akten. Er muss sich in der Produktion bewähren und darf erst ein halbes Jahr später sein Studium fortsetzen. Auch nur, weil er sich eine Beurteilung selbst schreibt und den damaligen Brigadier mit einer Kiste Bier und einer Flasche Schnaps zur Unterschrift überredet. Darüber kann er inzwischen entspannt lachen, auch wenn er an seine Diplomarbeit mit dem Thema „Vergleich von Klebern auf Schräg- und Spitzdächern“ denkt. „Nur gab es in der DDR keinen Kleber, der kleben blieb. Es lief einfach nur alles runter, der Teer klebte nicht wirklich. So musste ich noch nachweisen, dass wir nicht in der Lage sind, einen Teer herzustellen, der ab 35 Grad Neigungswinkel und Sonne kleben blieb.“

1983 radelt er sechs Wochen lang durch Osteuropa, bis ans Schwarze Meer und zurück. „Sonst ist einem ja nichts mehr eingefallen.“ An der sächsischen Grenze in Bad Schandau wird er gefilzt. Die Grenzer finden bei ihm westliche Bücher, unter anderem ein Exemplar von Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“. Das nehmen sie ihm weg. „Dieses Eingreifen und Reglementieren in meinem Leben fand ich schon sehr unangenehm.“

Nach den Studienjahren in Cottbus setzt er alles daran, auf die „Insel der Glückseeligen“ zu kommen, nach Berlin in den Prenzlauer Berg. Denn längst hat es sich herumgesprochen, dass in diesem Bezirk viele Regimekritiker und Intellektuelle Zuflucht suchen. 1985 bezieht er dort eine Wohnung. Er wird Bauleiter beim Wohnungsbaukombinat Berlin, errichtet Plattenbauten mit. Seine wesentliche Aufgabe ist es, Giebelwände zu verfugen. „Das Gute war, für Außentermine auf der Baustelle hatte ich einen Trabant und in meinem Büro in Ostkreuz sogar ein Telefon.“ Dass alle Gespräche überwacht werden, ist ihm egal. Ausgerechnet über dieses Diensttelefon kommt ein Kontakt zu Roland Jahn zustande, dem späteren Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Von West-Berlin aus versucht der ehemalige Oppositionelle Jahn aus Jena, Regimegegner in der DDR zu unterstützen. Immer wieder berichtet er in Beiträgen für Westmedien über die menschenrechtsverletzende Situation im anderen Teil Deutschlands, unter anderem für die ARD-Sendung „Kontraste“.

Ab 1986 führt Schefke ein Leben der Gegensätze. Verwegen sieht er aus. Mit langen Haaren und Bart passt er nicht in das Bild eines braven DDR-Bürgers. Während er tagsüber am „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ mitwirkt, engagiert er sich nach Feierabend in kirchlichen Gruppen für die Umwelt. „Einigen von uns reichten aber bald die Baumzählaktionen nicht mehr. Wir wollten ein Informationszentrum gründen, in einem offenen Haus eine offene Arbeit machen.“ Sie fragen bei der Kirche nach, die stellt ihnen zwei Kellerräume zur Verfügung. So entsteht 1986 im Gemeindehaus der Ostberliner Zionskirche die Umwelt-Bibliothek. Die DDR-Führung gesteht der Kirche zu dieser Zeit einen gewissen Freiraum zu. Dafür darf sie sich außerhalb ihrer Mauern politisch nicht engagieren. Aber es dauert nicht lange und verbotene Bücher und Zeitschriften zu Umwelt- und Menschenrechtsthemen finden hier Eingang: Es gibt Lesungen, Veranstaltungen und Rock-Konzerte mit bis zu 1.000 Besuchern. Im November 1987 durchsuchen Stasi-Leute die Räume und verhaften Mitarbeiter. Zum ersten Mal in der DDR-Geschichte dringen sie in Kirchenräume ein. Über die Razzia berichten Westmedien ausführlich. Damit wird die Aktion öffentlich. Es kommt zu Solidaritätsbekundungen im ganzen Land und die Aktivisten werden wieder freigelassen. Schnell wird die Bibliothek so auch zu einem Treffpunkt für Bürgerrechtler, zu einer Schaltzentrale der DDR-Opposition. Zunächst gibt sie die als kirchenintern deklarierten „Umweltblätter“ heraus. Illegal gedruckt wird die Untergrundzeitschrift „grenzfall“ der Initiative für „Frieden und Menschenrechte“. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Bärbel Bohley, Martin Böttger, Werner Fischer, Ralf Hirsch, Ulrike und Gerd Poppe sowie Wolfgang Templin.

Regelmäßige Stasi-Verhöre, oft zwölf Stunden lang, gehören nun zum Alltag von Schefke. Bereits seit 1985 hat er ein totales Reiseverbot, darf die DDR nicht mehr verlassen. Als ihn sein Chef wegen seiner abendlichen „Aktivitäten“ zur Rede stellen will, kündigt er 1987 seinen Job. „Ich wurde vom Teilzeitrevolutionär zum Vollzeitrevolutionär.“ In einem Verhör wird ihm „asoziales Verhalten” vorgeworfen. Das konnte in der DDR mit Gefängnis bestraft werden. Er, darauf vorbereitet, rechnet den Stasi-Beamten haarklein vor, dass er auf seinem DDR-Sparkassenkonto so viel gespart habe, um einige Jahre davon leben zu können. „Ich brauche etwa 50 Ost-Mark im Monat. Jeden Morgen esse ich eine Brötchen- hälfte mit Marmelade, mittags eine Linsensuppe und abends die andere Hälfte vom Brötchen mit etwas Leberwurst. Das kostet um die 24 Mark, die Miete beträgt 26 Mark.“ Sein Stasi-Gegenüber kontert: „Wissen Sie, Herr Schefke, Ihre Antworten sind immer so schön rund, ich glaube Ihnen kein Wort.“ Schließlich lassen ihn seine Peiniger gehen. Warum, erfährt er auch erst Jahre später aus seinen Akten: „Die Stasi wollte nicht nur mich. Sie wollte auch, dass ihnen die Hintermänner, die Unterstützer aus dem Westen, ins Netz gehen.“

Mit Roland Jahn will er öffentlich machen, wie es in der DDR wirklich aussieht. „Wir wollten in die Wohnzimmer der Menschen strahlen, mitten hinein, dahin, wo es den Führenden des SED-Regimes am meisten wehtat. Wir wollten zeigen, in welchem Dreck die Menschen in der DDR lebten.“ Den Anfang machen dabei heimlich im Osten produzierte Hörkassetten, die als „Radio Glasnost“ von einem Westberliner Privatsender ausgestrahlt werden. Später besorgt Jahn eine Video-Kamera und lässt sie in den Osten bringen. Der Oppositionelle Rüdiger Rosenthal zieht als Erster mit ihr versteckt in einem Beutel los. Er dokumentiert Umweltschäden in den Chemieindustriegebieten der DDR und stellt oppositionelle Gruppen wie „Kirche von unten“ vor. Über Diplomaten gelangen die Bilder in den Westen.

Während die SED weiter Jubel-Nachrichten verbreitet, übernimmt nach Rosenthals Ausreise im Frühjahr 1987 Schefke die Kamera. Es kommt ein zweiter Mann dazu, der Fotograf Aram Radomski. Die illegalen Dreh- und Fotoarbeiten führen beide dorthin, wo die Umweltzerstörung besonders gravierend ist. Sie drehen in Espenhain bei Leipzig, wo die riesigen Braunkohlekraftwerke und Kohlebrikettfabriken stehen; in Bitterfeld, wo die Chemieindustrie eine ganze Region verseucht. Sie filmen auch in Halberstadt, wo die verwahrloste Altstadt durch Plattenbau ersetzt wer- den soll; in Potsdam, Greifswald und Görlitz. Zudem macht Schefke im Frühjahr 1989 Aufnahmen von Neonazis in Berlin, deren Existenz die DDR nicht eingesteht. In Dresden und Ostberlin entdeckt er Hakenkreuze auf jüdischen Friedhöfen. Ein dritter Mann, Falk Zimmermann, stößt dazu. Was die anderen nicht ahnen, er arbeitet für die Stasi. Er versucht, die Filmarbeiten zu sabotieren, dennoch entstehen Bilder. Noch schlägt die Stasi nicht zu. Für den Fall der Verhaftung der Kameramänner hat Roland Jahn im Westen Bekennervideos hinterlegt.

Und noch etwas beruhigt Schefke. Bei einem seiner Verhöre legt ihm ein Stasi-Vernehmer einen Pass hin und sagt: „‚Gucken Sie mal, Herr Schefke, da unten steht ein Auto. Wenn Sie wollen, unterschreiben Sie hier. Ein Passbild haben wir schon. In 15 Minuten sind Sie in West-Berlin.‘ Da dachte ich, dass ist ja schon eine ganz passable Ausgangslage. Also einsperren wollen sie mich nicht. Im Westen würden sie mich lieber sehen.“

Im September 1989 versammeln sich die Menschen in Leipzig zu den ersten Montagsdemonstrationen. Auch Schefke und Radomski machen sich auf den Weg dorthin. „Das waren am Anfang noch überschaubare Demos. Du konntest viel Angst in den Gesichtern lesen. Und keiner hat was in der Hand. Nur ich hatte eine große Plastiktüte unter dem Arm. Darin war die Kamera. Sie auszupacken, traute ich mich nicht. Ich habe nur auf den Tonknopf gedrückt, damit wir für das Radio ein paar Sprechchöre auf dem Band hatten.“ Es folgt der 9. Oktober 1989, der Tag der größten Massendemonstration in der DDR seit dem Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953. In Leipzig gehen mehr als 70.000 Menschen auf die Straße. Die Bilder, die Schefke und Radomski aufnehmen, kommen ins Fernsehen und leiten eine neue Ära ein. Schefke hat noch heute den Satz seines Freundes im Ohr, als sie auf dem Kirchturm sind: „Das wird nicht nur Deutschland verändern, das wird die Welt verändern.“

Am 9. November 1989 sind die Beiden in Berlin. Als sie in den Abendnachrichten des DDR-Fernsehens hören, wie Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz verkündet, dass die DDR-Bürger „sofort, unverzüglich“ in den Westen ausreisen dürfen, machen sie sich gleich auf den Weg. Vorsichtshalber versteckt Schefke noch 50 Westmark in seiner Unterwäsche. „Man weiß ja nie.“ Sie gehören zu den Ersten am Grenzübergang Bornholmer Straße. Dort treffen sie auf verunsicherte Grenzbeamte, die keinen rüber lassen wollen. Die Menschen fordern immer lauter die Öffnung. „Es brodelte ganz schön. ‚Nehmen Sie den Dampf aus dem Kessel. Es hieß eben im Fernsehen sofort und unverzüglich können DDR-Bürger ausreisen‘, rief Aram den Grenzern zu. Dann trat ein Major Jäger in Erscheinung. Der ließ die Personalausweise stempeln und öffnete den Schlagbaum. Wir konnten über die Brücke nach Westberlin gehen. Ich hatte immer das Gefühl, jetzt macht die Straße gleich einen Knick und wir sind wieder im Osten. Und da hinten steht ein Auto der Volkspolizei oder der NVA und bringt uns ins Gefängnis.“ Erst später merken sie, dass ihre Ausweise ungültig gestempelt wurden. „Da wurde uns klar, dass sie uns nicht mehr einreisen lassen wollten.“ In West-Berlin besucht Schefke zunächst einen Freund in Schöneberg. Am selben Abend verabredet er sich mit Roland Jahn in der Kreuzberger Szenekneipe „Kuckucksei“. Alle können es kaum fassen, dass die Mauer offen ist. Schefke bleibt gleich für einige Tage in Westberlin. Wenig später fährt er mit einem US-Kamerateam aus New York nach Bitterfeld, „in das Chemie- drecksloch der DDR.“

Danach zieht er sich als Oppositioneller zurück: Mehrere Monate jobbt er als Busfahrer und tourt durch Europa. „Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass ich nach den vielen Kämpfen in der DDR eine Pause brauchte.“ Im Frühjahr 1990 hält er an der Europäischen Akademie in Berlin vor 50 Lehrern aus den USA einen Vortrag über die Verhältnisse in der DDR. „Die Gäste hörten und hörten nicht auf zu fragen.“ Es folgt eine achtmonatige Vortragsreihe durch die USA. „Ich glaube, ich war überall außer im Grand Canyon und in Texas, und habe über das verlorene Land gesprochen.“

An eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten glaubt er aber zunächst nicht. „Doch spätestens bei der Einführung der D-Mark und dem Run auf Westprodukte war mir klar, dass das nur zu einer Übernahme führen kann. Für mich gab es eigentlich auch nie einen besseren Sozialismus oder eine neue andere DDR. Ich machte mir da eher Sorgen, was mit den anderen sozialistischen Ländern passieren wird, die keinen West-Partner hatten.“ Am Tag der Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990, ist er in Montreal. „Ich fand es ein wenig ernüchternd, nur 40 Sekunden Berlin dazu im kanadischen Fernsehen zu sehen. Länger dauerte es nicht. Ich dachte: ,Aha das ist nun die Rolle vom neuen Deutschland in der Welt: 40 Sekunden. Also wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen.‘“

Zurück in Deutschland arbeitet er an journalistischen Beiträgen, unter anderem über das Bildungswesen in Brandenburg. Er lernt darüber die Autorin Gabriele Pattberg kennen. Im Dezember 1991 fragt sie ihn, ob er sich vorstellen könne, in ihrer Redaktion „ARD-Aktuell“ als Reporter zu arbeiten. „Warum gerade ich?“ will er wissen. „Weil Sie mir nicht auf die Füße fallen werden, wenn die Stasi-Akten geöffnet werden. Bei anderen bin ich mir da nicht so sicher, bei Ihnen schon“, lautet ihre Antwort. „Ich hatte in diesen Tagen noch ein Vorstellungsgespräch bei Greenpeace in Hamburg und bei einer West-Berliner Baufirma. Ich entschied mich für ARD-Aktuell in Dresden. Mein erster Dreh war die Öffnung der Stasi-Akten in Suhl. Das war schon aufregend.“ Später wird er freier Autor beim MDR-Fernsehen. Was ihm in Reportagen immer wieder begegnet, „ist der wirtschaftliche Ausverkauf des Ostens insbesondere durch die Treuhandanstalt. Warum gab es nicht hundertmal mehr solche Macher wie Lothar Späth, der einige Jahre erfolgreich Jena Optik in Thüringen leitete?“, bedauert er.

Seit Mitte der 1990er Jahre betreibt Schefke in Leipzig eine kleine Pension. Morgens brüht er für seine Gäste Kaffee auf, stellt die Brötchen bereit. Dann geht es ab ins Funkhaus oder auf Recherchetour. Er blickt nicht nostalgisch auf die DDR zurück. Vom ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat will er nichts zurück haben. „Ich brauche absolut nichts davon, keine Broiler-Bude, keine Kaufhalle, keine stinkenden Trabis. Die Ampelmännchen können bleiben, sonst nix aus der DDR. Das heißt aber nicht, alles Neue vorbehaltlos hinzunehmen.“ Kritischer Begleiter der Gesellschaft zu sein, ist ihm wichtig, ebenso soziales Engagement. Als 2013 weite Teile Ostdeutschlands im Hochwasser versinken, hilft er Flutopfern spontan beim Schlammschippen. Mittlerweile leben seine Frau und seine Töchter in den USA, in Miami. Dort nehmen sie auch ein Pflegekind auf. Er pendelt zwischen den Welten, zwischen Sachsen und Florida. „Heute ist das möglich.“

Noch einmal holt ihn 2009 die Vergangenheit mit voller Wucht ein. Er bekommt aus heiterem Himmel einen Anruf von seinem ehemaligen Stasi-Führungsoffizier Sven Schwanitz, der lange Zeit nur mit dem Fall Schefke beschäftigt war. Er fragt ihn, ob er bereit sei, sich mit ihm zu treffen. „Das war schon krass. Er wollte mich treffen, um mir zu erklären, wie er mich beschatten und beobachten ließ, um mir zu erzählen, warum bestimmte Sachen und Tage in meinem Leben so gelaufen sind.“ Schefke stimmt einer Begegnung zu. „So erfuhr ich, dass er mir aufgrund meines cleveren Verhaltens den operativen Namen ‚Satan‘ gab. Ameise oder Briefmarke hätte schlecht gepasst. Es gab keine Worte der Entschuldigung. Diese Erwartung hatte ich aber auch nicht, und ich hätte sie auch nicht angenommen.“ Es folgen noch zwei weitere Treffen, aber vor laufender Kamera in Talk-Sendungen. „Das war es dann auch. Solche Gespräche kann man nur begrenzt führen. Wobei die erste Begegnung von mehr Misstrauen und Wut geprägt war. Später ist bei mir der Gedanke gewachsen, dass er nicht als Verräter agiert hat, er hat sich nicht verstellt, er hat im vollen Bewusstsein als Geheimagent gearbeitet und deswegen bin ich gar nicht so sauer auf ihn wie auf Freunde, die mich verraten haben.“

Das Lesen seiner Stasi-Akten kostet ihn viel Kraft. Als er die Zeilen des Freundes und damaligen dritten Kameramanns an den Führungsoffizier sieht, wird ihm anders zumute. „Der schrieb: ‚Ich habe jetzt so viel Material über den Schefke gesammelt, wann sperren Sie den endlich ein?‘ Verrat ist eine der schlimmsten Sachen, die es auf der Welt gibt.“ Ein Gesprächspartner, mit dem er sich auch darüber ständig austauscht, ist Roland Jahn. Jeden Sonntag sind sie fest am Telefon verabredet. „Wenn man so was gemeinsam durchgemacht hat, dann bleibt man ein Leben lang verbunden.“ Die Gespräche sind ein vertrautes Ritual. „Das ist einfach schön. Ich weiß ganz genau, dass die Gedanken über den offenen Umgang mit der Vergangenheit und den Wert dieser Gesellschaft ehrlich sind.“ Über sein heutiges Leben ist Schefke sehr dankbar. „Wer wie ich über 30 Jahre in einer Diktatur wie die in der DDR leben musste, der geht mit dem Begriff Freiheit radikaler um. Niemals wieder möchte ich von einem Staat gezwungen werden, mich vollkommener Presse-, Reise- und Meinungskontrolle unterwerfen zu müssen. Damit stempelt er nicht nur die Bürger unmündig, sondern schränkt die Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung und Freiheit massiv ein. Das ist der größte, denkbare Eingriff in die individuellen Menschen- und Persönlichkeitsrechte. Ich weiß auch, dass die heutige Freiheit da ist, weil ich in einer Demokratie lebe, weil ich in Deutschland lebe und nicht in Usbekistan oder in der Ukraine. Ich bin glücklich, dass meine beiden Töchter - Vater wurde ich erst nach dem Mauerfall – anders aufwachsen können als ich. Dass sie frei leben, reisen und drei Sprachen sprechen können. Eine Tochter besucht heute eine Gesangsschule und singt, was sie will. Die andere studiert Kunst in den USA.“

Für Schefke ist das aber nicht alles selbstverständlich. „Dazu passiert zu viel Verrücktes auf der Welt, wie zum Beispiel die NSU-Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern in der Vergangenheit zeigen oder wenn wieder Nazis durch die Straßen marschieren. Da muss man wachsam sein“, mahnt er. „Meinungs- und Reisefreiheit gibt es in vielen Teilen dieser Welt nicht. Wir sollten immer im Kopf haben, wie man mit jemandem umgeht“, plädiert er weiter. Und denkt als TV-Journalist da- bei auch in Bildern. Denn nach Feierabend engagiert er sich bei „Reporter ohne Grenzen“. Für seine Verdienste um die Einheit hat er mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter auch das Bundesverdienstkreuz und den Medien- und Fernsehpreis Bambi. Von den Preisgeldern finanziert er Kameras für Journalisten in Syrien, „damit ihre Bilder in die Wohnzimmer dieser Welt strahlen können und die Menschen sehen, was wirklich geschieht.“

Prinz Georg zur Lippe

Meine Freiheit endet an der Freiheit des Nächsten.

Seine Freunde erklären ihn für verrückt

Gleich nach der Wende lädt Christian Prinz zur Lippe Sohn Georg zu einem Gespräch bei einem Glas Wein ein. Er solle sich für 14 Tage freinehmen und „mal nach Sachsen fahren“, sich die Orte anschauen, wo die Familie früher beheimatet war. Der Vater stellt sich vor, dort vielleicht wirtschaftlich wieder etwas auf die Beine zu stellen, nach Sachsen heimzukehren. In der Region um Dresden besitzt die Familie bis 1945 zahlreiche Industriebetriebe. Auch Immobilien sind darunter und ein Weingut bei Meißen: Schloss Proschwitz.

Schloss Proschwitz ist mittlerweile das größte private Weingut in Sach- sen. Das einst ziemlich heruntergekommene Barockschloss ist wieder restauriert. Auf fast 90 Hektar Fläche entlang der Elbe werden 13 verschiedene Rebsorten angebaut, knapp eine halbe Million Flaschen Wein im Jahr produziert. Prinz Georg ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Neben dem Weingut betreibt der Prinz im Elbdörfchen Zadel eine gemütliche Pension und ein Weinlokal. An einem lauen Sommerabend sitzen wir im Schatten alter Bäume auf der Terrasse des restaurierten Gärtnerhauses. Direkt am Schloss. Hier wohnt Prinz Georg mit seiner Familie, mit Sohn Georg-Moritz und Frau Alexandra. Sie hat jahrelang als Rundfunkjournalistin beim Deutschlandradio in Dresden gearbeitet und macht inzwischen die PR-Arbeit für das Weingut. Die Prinzessin serviert eine dampfende Quiche, frisch aus dem Ofen. Dazu gibt es einen gekühlten Grauburgunder, einen echten Proschwitzer. „Ein guter Tropfen“, meint Prinz zur Lippe genießerisch. Das dichte Haar des stattlichen Endfünfzigers ist schon fast weiß. Kurz nach der Wende war es noch blond gewesen. Die Zeit und die Sorgen um das Weingut sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Gerade von einer Tour durch Thüringen zu- rück, sitzt er uns leger gegenüber, in Cordhose und offenem Hemd, ohne Krawatte. Labradorhündin Liese spielt um uns herum. Sohn Moritz verabschiedet sich ins Bett. Mit verschmitztem Lächeln und leuchtenden Augen erzählt der Unternehmerprinz von seinen Anfängen in Sachsen.

Zur Wendezeit lebt er in München, hat dort einen hochdotierten Job als Berater bei Roland Berger. Im teuren Schwabing besitzt er zwei schöne Penthauswohnungen. „In unserer Familie war ich der Jüngste von sieben Kindern, noch unverheiratet und konnte mir damals eigentlich gar nicht vorstellen, in den Osten zu gehen.“ Schließlich fährt er doch hin, „düst diese 14 Tage durch Sachsen“ und schaut sich vieles an. Seine erste Erkenntnis: „Ich bin zu spät dran. Die alten LPG-‚Fürsten‘ hatten sich im Regelfall schon selbständig gemacht. Westliche Berater empfahlen ihnen, ‚Mensch, Flächen müsst ihr in der Hand behalten.‘ Und Beteiligungen, die wir früher an Unternehmen hatten, waren verstreut, da kam man nicht mehr ran. Im Endeffekt war ich ziemlich gefrustet und kam hier oben auf dem Weinberg an und dachte mir: ‚Jetzt bin ich zehn Tage rumgefahren und da tut sich gar nichts, das können wir abhaken.‘ Dann sah ich aber, wie schön das alles war. Die liebliche Landschaft an der Elbe, Meißen und die imposante Albrechtsburg gegenüber. In dem glanzlosen Schlosspark standen noch Pyramideneichen, Rotbuchen und Gingkobäume, die meine Vorfahren gepflanzt hatten. Nur war alles so grau. Als ich plötzlich et- was laut knattern hörte, dachte ich erst, da kommt ein Rasenmäher. Aber es war ein Trabi. Ein Mann stieg aus, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, wie er in das Auto hineingepasst hatte. Ein langer Lulatsch. Der kam auf mich zu und sagte: ‚Guden Tach, Sie sind der Prinz nich wahr.‘ Ich blickte ihn erstaunt an. ‚Nu, wir haben schon lange damit gerechnet, dass einer von der Familie hier aufschlägt.‘ Ich fragte: ‚Woher wissen Sie das eigentlich?‘ ‚Nu ja, ganz einfach‘, antwortete er: ,Sie waren unten bei der Minol und haben da getankt. Dann waren Sie bei der Post, da haben Sie zwei Briefe aufgegeben und vor gar nicht langer Zeit waren Sie bei uns im Konsum und haben zwei Würstchen gekauft. Richtig?‘ Ich brachte nur ein ‚Jaa‘ heraus. ‚Hier funktionieren noch die Buschtrommeln‘, ließ er verlauten. Dieser Hüne, er hieß Werner Dürichen, war unglaublich. Er kam selber aus einer Bauernfamilie, die einst dreißig Hektar Land zu bewirtschaften hatten. Er musste gleich nach dem Krieg erleben, wie seine Familie zwangskollektiviert wurde.“ Mit Herrn Dürichen kommt Prinz Georg später super klar, auch mit dem Vorsitzenden der LPG. Die erklären ihm aber, dass die großen Ackerflächen schon vergeben sind. Über den Weinbau allerdings könne man reden.

Doch der Weinbaubetrieb ist in keinem guten Zustand. Die Weinberge sind nur noch zum Teil bepflanzt, die Weinstöcke sind nach zwei frostreichen Wintern in einem angegriffenen Zustand. Der Maschinenpark ist überaltert, das Schloss sanierungsbedürftig. In dem Gebäude von 1703 befindet sich eine modellhafte Tagesschule für behinderte Kinder. Die Nazis hatten es schon 1943 beschlagnahmt. Nach dem Krieg wird es enteignet. Es ist zunächst Lazarett, dann Lungenheilanstalt. 1978 zieht dann dort die Förderschule ein. Und die Sache hat noch einen weiteren Haken. Im Einigungsvertrag steht, dass Besitztümer, die in der Bodenreform 1945 und 1949 enteignet wurden, nicht restituiert werden. Dieser Beschluss wird 1991 sogar höchstrichterlich durch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bestätigt. Das bedeutet für Prinz Lippe, dass er den enteigneten Grundbesitz nur Stück für Stück zurückkaufen kann. Doch all das hält ihn nicht davon ab, das „Abenteuer“ zu wagen. Für die Idee, Proschwitz wieder aufzubauen, hat er Feuer gefangen.

Schon sein Patenonkel Graf Radulf zu Castell-Rüdenhausen hatte in Franken einen kleinen Weinbaubetrieb. Das hat den Prinzen früh auf den Geschmack gebracht. Auch während seiner Ausbildung zum Agraringenieur wählt Prinz Georg Weinbau als Prüfungsfach. Er findet „dieses Metier einfach sehr, sehr schön.“ So setzt er sich hin und entwickelt für Proschwitz ein Geschäftsmodell, das er dem Vater vorstellt. Der zeigt sich entsetzt: „Um Gottes willen. Warum ausgerechnet das Weingut? Du wirst zehn Jahre rote Zahlen schreiben. Überleg Dir, was das für Dein Leben bedeutet. Zehn Jahre wirst Du jeden Cent reinstecken müssen, Du wirst gar nicht wissen, wie Du da aus der Klemme wieder rauskommst.“

Die Lippische Familie geht auf germanischen Adel zurück, wird als landes- herrliche Familie erstmals zu Beginn des 12. Jahrhunderts erwähnt. Sie ist bis 1918 eines der regierenden Fürstenhäuser Deutschlands und mit vielen Familien des europäischen Hochadels verwandt. Der Zweig, dem Georg Prinz zur Lippe angehört, ist seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Sachsen ansässig und zählte dort zu den bedeutendsten Unternehmerfamilien. „Wir waren eher großbürgerlich und keine Fürstenfamilie.“ 1945 erfolgt die entschädigungslose Enteignung. Aus ideologischen Gründen wird die Familie in verschiedenen Lagern und Gefängnissen inhaftiert. Später erfolgt die Ausweisung nach Westdeutschland. Dort muss sie von Null anfangen. Das Familienvermögen bleibt im Osten. „Bei uns hatte die D-Mark weder eine Eins noch einen Adler gehabt. Wir haben sie so oft umgedreht, bevor wir sie ausgeben konnten. Ich habe mir alles selber verdienen müssen. Mein erstes Moped oder den Führerschein. Dafür stapelte ich auch Paletten in der Fabrik.“

Zur DDR hat er schon lange vor der Wende einen Bezug. Mit den Eltern ist er ab 1982 immer wieder „drüben“. Vater Christian sucht dort Freunde auf, die er seit dem Krieg nicht gesehen hat. An der Grenze bekommt die Familie viel mit, was die DDR ausmacht. „Das ist schon erniedrigend, wenn man zwei Stunden lang in den Flutscheinwerfern steht und mit Ignoranz gestraft wird. Wenn dann ein Vopo kommt und sächselnd sagt: ‚Machen se mal die Haube auf, los Koffer raus, Sitze raus, ich will alles sehen.‘ Und die dann mit ihren Spiegelchen unter dem Auto unterwegs sind, dann fühlte man sich irgendwie nicht mehr sicher. Das, was man als persönliche Freiheit oder Schutz empfunden hat, das war in der DDR nicht vorhanden.“ Durch die DDR-Besuche wird ihm auch deutlich, dass er nicht in einer Diktatur leben will. Für ihn ist klar: „Ich wollte frei sein, das war für mich ein ganz elementar wichtiges Thema.“

Die Zeit rund um den Mauerfall erlebt er in München. „Das war in einer Phase, in der ich unheimlich viel zu tun hatte, gerade ein Unternehmen neu strukturieren musste.“ Aber jede freie Minute verbringt er vor dem Fernseher, um die Ereignisse im anderen Teil Deutschlands zu verfolgen. Als die Grenzen sich öffnen, ist er 32. Die Entwicklung bewegt ihn emotional sehr. Auch in München ist es spannend. „Die Stadt war rappelvoll mit Trabis und Wartburgs. Die kamen ja alle, um sich das Begrüßungsgeld abzuholen. Auch vor meinem Büro stand eines Abends ein Wartburg Kombi mit beschlagenen, schon angefrorenen Scheiben. Es war lausig kalt. Ich klopfte ans Autofenster und sah, dass der Wagen voller Menschen war, auch mit Kindern. Die wollten dort übernachten, weil sie sonst nichts fanden. Da bot ich ihnen meine Wohnung an. Ich habe sie dort alle untergebracht, mit Schlafsäcken und auf Matratzen: die Eltern, die Freunde von den Eltern und die Kinder. Die Eltern arbeiteten bei dem DDR-Computerriesen Robotron und hatten erst ein Riesenproblem, mit einem Wessi zu reden. Sie hatten auch ein schlechtes Gewissen, extra nach München gefahren zu sein, um sich das Begrüßungsgeld abzuholen. Doch dann haben wir uns bis tief in die Nacht unterhalten, haben am nächsten Morgen noch gefrühstückt, bis sie weitergefahren sind. Das sind so Momente, die mir ein Leben lang im Kopf bleiben. Für mich hat die Wende viel mit einem Kaleidoskop zu tun. Das kann man immer wieder schütteln und es kommt immer noch etwas Neues raus, weil je- der mit seinen Erfahrungswerten, mit seiner Geschichte und seinen Einstellungen lebt.“

Als sich Prinz Georg entschließt, in Proschwitz einzusteigen, werden ihm die Bedingungen diktiert: Nur, wenn er die Weinbau-Brigade 56 der LPG „Wilhelm Pieck“ mit ihren 16 Mitarbeitern und dazu die fast schrottreifen Maschinen und Anlagen übernimmt, erhält er den Zuschlag. Sein Anwalt versucht, ihm den Deal auszureden. Doch der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und Diplom-Agraringenieur ist fest entschlossen. Am Anfang will er Proschwitz noch von München aus steuern und vor Ort nur alle 14 Tage sein. „Das war eine völlige Fehleinschätzung.“ Fast täglich klingelt bei ihm nun das Telefon in aller Herrgottsfrühe, noch lange bevor er ins Büro in München geht. Seine Brigade meldet sich aus dem fernen Sachsen mit immer neuen Problemen: Mal ist es ein kaputter Traktor, mal fehlt der Treibstoff. „Die wollten halt einen Chef zum Anfassen, vor Ort. Das waren sie so gewohnt. Irgendwann nahm bei mir der Schlafmangel überhand. Meine Nerven wurden überstrapaziert. Meine Freunde erklärten mich für völlig verrückt.“