Meinefeld 1925-2015 - Joachim Krull - E-Book

Meinefeld 1925-2015 E-Book

Joachim Krull

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 1925. Gerade einmal 7 Jahre sind seit Beendigung des Ersten Weltkriegs vergangen. Der Kohlebergbau ist Wirtschaftsfaktor Nummer eins im Freistaat Schaumburg-Lippe. Ein drängendes Problem ist die Wohnungsnot. Neues Bauland auszuweisen ist nur schwer möglich. Welche Zufälle und Umstände es dann doch zuließen und welch persönlicher Einsatz dahinter stand, ist hier im Detail beschrieben und durch Dokumente belegt. Die Gründung der Bergmannssiedlung Meinefeld ist untrennbar mit dem Gut Meinefeld verbunden. 1186 wird das Gut erstmals urkundlich erwähnt, 1925 wird es an den Kreis Stadthagen verkauft. Alsbald werden Teile der Gutsländereien als Bauland ausgewiesen. Die Gründerjahre, die Kriegs- und Nachkriegszeit, das Leben auf dem Lande, der Schacht schließt, es geht weiter, Handel und Wandel, Erinnerungen, Meinefeld braucht einen Verein - dies sind die Themen. Wir begleiten Menschen die sich für ihre Ideen eingesetzt haben, wir teilen ihre Erfolge und Niederlagen. Joachim Krull, 1951 in der Bergstadt Obernkirchen geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in Liekwegen. Durch Umzug und Heirat wurde er 1975 zum "Meinefelder". Eine engere Beziehung zu Meinefeld begann 2003 mit seiner Wahl zum Schriftführer der Siedlergemeinschaft Meinefeld. Die Idee eine Ortschronik zu erstellen existierte schon lange im Ort und wurde letztlich von ihm aufgegriffen und umgesetzt.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Fotonachweise:

S. →, →, →, →, →, →, →-→, →, →-→, →-→, →, →, →, →, →, →, →, →-→, → © J. Krull

S. →, →, →, →-→, →, →, →, →, →, →, →, →, →, → © K.-H. Röhrkasse

S. →, →, →, →, → © H. Koller

S. →, → © I. Grudzus

S. →, →-→ © H.-H. Damke

S. →, → © H.-W. Schröder

S. → © R.-J. Schmidt

S. →, → © L. Kammer

S. → © F. Kappe

Das Titelbild zeigt das alte Gutsgebäude von Hof Meinefeld ©Gemeinde Nienstädt

Abbildungsnachweise:

S. →, →-→, →, →-→, →, →-→, → Protokollsammlung der Siedlergemeinschaft Meinefeld

S. →-→, →, →, →, →, →, → © Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg, NLA BU

S. →-→, →-→, →-→ © Grundbuchamt Bückeburg

S. →, → © Prof. K.-H. Schneider

Presseartikel:

S. →, →, →, →, →-→, →, →, →, →, →, →, → © GENERAL-ANZEIGER

S. →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, →, → © Schaumburger Nachrichten

S. →, →, →, →, →, →, →, →, →-→ © Schaumburger Wochenblatt

Vorwort

Im Jahre 2015 blickt die Siedlung Meinefeld auf eine 90jährige Geschichte zurück, Anlass genug um Rückschau zu halten.

Wir treten unsere Zeitreise im Jahr 1186 an. Wir werden die Geschichte des ehemaligen Gutes Meinefeld erfahren, Keimzelle der Bergarbeitersiedlung Meinefeld. Alte amtliche Unterlagen des ehemaligen Landratsamtes Stadthagen geben uns Auskunft über die Umstände der Siedlungsgründung.

Aufbaujahre, Kriegszeit, Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder nehmen einen breiten Raum ein. Was passierte während dieser Zeitabschnitte in der jungen, im Aufbau begriffenen Siedlung? Wir nehmen am täglichen Leben der Menschen teil. Augenzeugen berichten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.

Was bewog Meinefelder Bürger 1975 dazu, einen Verein ins Leben zu rufen, aus dem 1990 ein zweiter Verein erwuchs und wer waren die Initiatoren?

Die Geschichte beider Vereine, mit ihren Höhen und Tiefen, ist hier beschrieben.

Die intensive Beschäftigung mit dem Ort, in dem ich seit nunmehr 43 Jahren lebe, mit seiner Geschichte und mit seinen Menschen hat mir viel Freude bereitet.

Auch ist es an der Zeit, meinen zahlreichen Unterstützern Dank zu sagen. Zu nennen ist Karl-Heinz Röhrkasse, der mit seinen ersten Aufzeichnungen den Anstoß zu dieser Chronik gegeben hat und mir immer beratend zur Seite stand. Ebenso Helmut Koller, der über lange Jahre den Vorsitz in beiden Meinefelder Vereinen innehatte und mir, über die Jahre, immer wieder wertvolle Informationen zukommen ließ. Mein Dank gilt den vielen Meinefelderinnen und Meinefeldern, die mir Bildmaterial wie auch anderweitige Unterlagen zur Verfügung gestellt haben.

In meinen Dank einschließen möchte ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesarchivs in Bückeburg, ebenso die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Grundbuchamtes Bückeburg, die mich umfassend unterstützten, wenn Akteneinsicht nötig war.

Die Schaumburger Nachrichten, das Schaumburger Wochenblatt wie auch die Schaumburg-Lippische Landeszeitung sollen nicht vergessen werden.

Abschließend bedanke ich mich besonders bei meiner Frau Ingrid, die es geduldig ertragen hat, wenn ich wieder einmal hinter Aktenbergen verschwunden war.

Eine Chronik zu schreiben ist gleichbedeutend dem Aufstoßen einer Tür in die Vergangenheit.

Joachim Krull

Inhaltsverzeichnis

Das Gut Meinefeld 1186-1924

Der Kaufvertrag

Versteigerung auf Gut Meinefeld

Gründung der Siedlung Meinefeld

Wir bauen ein Haus in Meinefeld

Wohnkomfort anno 1930

Das erste Haus Meinefelds

Goldene Zwanziger und Wirtschaftskrise

Die lokale Presse 1929

Strom für Meinefeld

Telefon für Meinefeld

Eine Hühnerfarm auf Gut Meinefeld

Die Kreisstraße zum Georgschacht

Meinefeld und die Eisenbahn

1933-1945

Die Nachkriegszeit

Ich hab da noch was zu erzählen

25 Jahre Siedlung Meinefeld

Die Jahreszeiten

Es geht aufwärts

Der Schacht macht zu

Es wird wieder gebaut

Wasserwirtschaft in Meinefeld

Das politische Leben in unserer Gemeinde

Meinefeld im Kirchspiel Sülbeck

Handel und Gewerbe

Bildung muss sein

Meinefelder und ihre Steckenpferde

1975 – ein bedeutsames Jahr für Meinefeld

Gründung der Siedlergemeinschaft Meinefeld

1976 –1980

1981 – 1985

1986 – 1990

1991 – 1995

1996 – 2000

2001 – 2005

2006 – 2010

2011 – 2015

Nachlese

Das Gut Meinefeld 1186-1924

Die Siedlung Meinefeld, gegründet 1925, hat Wurzeln, die bis in das zwölfte Jahrhundert zurückreichen. Die Siedlung ist aus dem Gut Meinefeld mit seinen zugehörigen Ländereien hervorgegangen. Der Name Heilevelde – so hieß das Gut Meinefeld seinerzeit – findet erstmals im Jahre 1186 Erwähnung.

Bereits im Jahre 1192 erscheint der Name Heilevelde ein weiteres Mal. Zugunsten des Augustiner-Chorfrauenstifts zu Obernkirchen verzichtete das Moritzstift in Minden auf eigene Ansprüche an dem Gut. 1387 wird vor dem Gogericht1 in Vehlen von einem Wilken Meyer von Meyenfelde berichtet.

Erstmalig werden die Namensähnlichkeiten zwischen Meyenfelde und dem heutigen Meinefeld deutlich.

Um 1390 muss es um das Stift Obernkirchen finanziell sehr schlecht bestellt gewesen sein. In jener Zeit war es durchaus üblich, dass bei finanzieller Schwäche, Besitz des Stiftes an den Propst2, die Äbtissin, aber auch an andere Stiftsbewohner – welche oft aus begüterten Häusern kamen – veräußert wurde. War wieder Geld vorhanden, wurde der ehemals vom Stift verkaufte Besitz zurückerworben. Fügte es sich aber, dass Gläubiger vor dem Rückkauf durch das Stift verstarben, so fiel der ehemals veräußerte Besitz dem Stift auf dem Erbwege wieder zu.

1391 wurde das Gut Meyenfelde zum ersten Mal verkauft. Folgendes ist urkundlich festgehalten:

Der Probst Henrich Trepel, die Priorin Hille von Winnighehausen und der ganze Convent des Stifts zu Obernkirchen verkaufen den Klosterjungfern Alheit von Vinke und Greteken von Helbek, welche das Amt aller Christen Seelen verwahren, mit Vorbehalt des Wiederkaufs:

ihren Hof zu Meinefeld und

den Zehnten zu Ekwerdinghausen für 410 Rheinische Gulden, womit diese Güter von Henrich Block, dem sie versetzt gewesen, eingelöst worden.

Aus diesem Gute werden jährlich zu Michaelis erhoben: 2 Fuder Roggen, 2 Fuder Gerste und 2 Fuder Hafer.3

Von Interesse dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass der Propst Johann Dehne 1423 aus den obengenannten Lieferungen je ein Fuder Roggen, Gerste und Hafer für 55 gute Rheinische Gulden4 an die Stiftsdamen Aben van Zerssen und Gieselen von Post verkaufte.5 Dieses unterstreicht, dass das Stift einmal mehr in sehr großer finanzieller Bedrängnis war. Eine der Ursachen hierfür kann wohl darin gesehen werden, dass die aufwendige Unterhaltung der Stiftsgebäude über die finanziellen Kräfte des Stiftes ging.

Im Jahre 1427 wird erstmalig bekannt, dass Meinefeld – in der betreffenden Urkunde auch Menenfelde genannt – nach Sülbeck abgabepflichtig ist. Anlässlich der Ausstattung der zu diesem Zeitpunkt gebauten Kirche in Sülbeck mit Land sowie Abgaben der Bauern, wird nun auch für das Gut Meinefeld eine jährliche Abgabe von einem Schinken, zwei Broten, 12 Eiern und einem Opfer festgesetzt (der spätere Wert eines Opfers beträgt 40 Pfennig).

Im Pflugschatzregister des Amtes Bückeburg heißt es für Sülbeck, der Meier to Meinefelde bezahlt einen Gulden.

Im Einnahmenbuch des Konvents in Obernkirchen heißt es vom Gut Meinefelde, Johann Kramer (das war der Name des damaligen Besitzers, der zwar oft auch Meier6 genannt wurde, aber wohl nur, weil er auf einem Meierhof ansässig war) ist dem Stift eigen, seine Frau dem Herrn (gemeint ist der Graf zu Schaumburg).

Er gibt Zinsen, 4 Malter7 Roggen, 4 Malter Gerste, 4 Malter Hafer, 4 Hühner und 4 Stiegen Eier.

Von 1563 an muss der Meier von Gut Meinefeld sämtliche Abgaben nach Sülbeck zahlen. Bis 1620 hat er jährlich 5 Gulden zu zahlen. Ab 1620 sind 5 Taler und 20 Groschen Michaelisschatz zu entrichten.

Laut Maßregister von 1686 besitzt der "Meier" Hans Röbbecke das Gut Meinefeld. Er hat in Sülbeck 10 Stück Saatland, 4 Gehren auf dem Klosterfelde, eine Wiese für Heuwachs, zusammen 22,75 Morgen8 und 23,5 Ruthen.9 Im Besaatregister von 1726 wird das obengenannte Land nicht mehr aufgeführt. Der Name Röbbecke bleibt dann etwa 200 Jahre mit dem Gut verbunden.

In einer Gemarkungskarte von Sülbeck aus dem Jahre 1815, welche die Ländereien aufführt, die den „ Zehnten" an den Bruchhof zahlen, ist das Land des Meiers von Meinefeld noch im Wackerfelder Feld eingezeichnet. In der Verkoppelungskarte von 1875 gehört das vorgenannte Land nicht mehr zur Gemarkung Sülbeck, sondern zu Wackerfeld.

Der Besitzer Röbbecke muss um die Mitte des 19. Jahrhunderts als sehr vermögender Mann gegolten haben. Obwohl er kein Baumeister war, wurde ihm der Umbau der Sülbecker Kirche übertragen, und zwar zu einem Angebot von 11.000 Talern.10 Er ermäßigte dieses Angebot dann noch um 200 Taler und belegte bei der Abrechnung Gesamtkosten von 10.740 Talern. Nach Abschluss der Bauarbeiten kaufte er sich für 300 Taler in das Gestühl der Kirche ein. In der Chronik heißt es, dass der Röbbecke ein ordentlicher und kautionsfähiger Mann sei. Gutsbesitzer Anton Röbbecke verstarb am 21. Januar 1876.

Zu diesem Zeitpunkt soll das Gut allerdings hoch verschuldet gewesen sein, weil Röbbecke sich, mit Beteiligungen am Mindener Brückenbau und an Holzhandelsgeschäften, finanziell übernommen hatte.

So gelangte das Gut Meinefeld über Adolf Hagedorn in Besitz von Johann Bellstedt, welcher das Gut nach kurzer Zeit an Baron Julius Friedrich Wilhelm Goddert von Oheimb auf Rittergut Helpsen verkaufte. Dieser löste 1902 alle Abgaben an die Pfarre mit 422,60 Reichsmark11 ab. In den folgenden Jahren fand eine Eigentumsübertragung durch Baron Julius von Oheimb auf seinen Sohn statt. William Parm Georg Franz von Oheimb blieb dann bis Ende 1924 Besitzer des Gutes Meinefeld.

1 Die örtliche, für einen bestimmten Bezirk zuständige Gerichtsbarkeit.

2 Das Stift Obernkirchen untersteht klösterlichen Regularien unter Leitung eines Propstes.

3 Quelle: NLA BU Orig. Dep. 2 Nr. 356.

4 Der Rheinische Gulden enthielt 3,396 Gramm Feingold.

5 Quelle: NLA BU Orig. Dep. 2 Nr. 400.

6 Ursprünglich ist Meier die Bezeichnung für einen von der Obrigkeit eingesetzten Verwalter eines Gutes bzw. einer Liegenschaft.

7 Altes Getreidemaß – 1 Malter ca. um 180 Liter, zu dieser Zeit und in dieser Gegend (nach alten Überlieferungen).

8 1 Morgen entspricht der Fläche von ca. 2500 m2.

9 1 Rute (Ruthe) entspr. 4,67 m, vermtl. ist die Quadratrute gemeint, entspr. ca. 21,8 m2.

10 Der Taler hatte ein Silber-Feingewicht von 16,704 Gramm.

Der Kaufvertrag

Am 22. Dezember 1924 sollte das Gut an den Holzhändler Heine in Stadthagen verkauft werden. Der Kaufvertrag war bereits vom Käufer wie auch vom Verkäufer unterzeichnet. Der vereinbarte Kaufpreis betrug 270.000 Goldmark.

Warum dieser Kaufvertrag – rechtmäßig und rechtsgültig mit dem Holzhändler Heine aus Stadthagen geschlossen – nicht wirksam wurde, hatte folgenden Grund.

Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte landesweit große Wohnungsnot. Bauwillige gab es genug, aber Bauland war rar. Nach den Erfahrungen mit der gerade erst überstandenen Inflation erklärte sich kaum jemand bereit, Land zu verkaufen.

Wirtshäuser waren von jeher nicht nur Orte geselligen Beisammenseins, sondern dienten auch dem Informationsaustausch. Der Zufall wollte es, dass Friedrich (Fritz) Botermann, damaliger Kreistagsabgeordneter und Vorsitzender des Kreistages, bei einem Wirtshausbesuch von besagtem Kaufvertrag erfuhr (so die mündliche Überlieferung). Seine Absicht war daraufhin, das Gut Meinefeld mit den dazugehörigen Ländereien als potenzielles Siedlungsland zu sichern. Weiter war seine Vorstellung, dass das Land Schaumburg-Lippe das Gut kaufen sollte, um es dann an den Kreis Stadthagen weiterzugeben.

Als Grundlage sollte das staatlich gesicherte Vorkaufsrecht – verankert im Reichssiedlungsgesetz vom 11. August 1919 – dienen. Dieses Vorkaufsrecht ermöglichte und erleichterte, gemeinnützigen Siedlungsunternehmen12 den Landerwerb, notfalls auch durch die Möglichkeit der Enteignung. Für dieses Vorhaben fand Botermann Unterstützung durch die Bürgermeister Schade aus Enzen und Heinrich Hofmeister aus Nienstädt. Dann begann ein Wettlauf gegen die Zeit. In einem Schreiben des Landratsamtes ist sinngemäß Folgendes nachzulesen:

Der Fristablauf für das Geltendmachen des Vorkaufsrechtes ist am 14. oder 15. Januar dieses Jahres. Daher lade ich für den 8. Januar zu einer außerordentlichen Sitzung des Kreistages ein. Der Kreistag möge die Finanzierung sicherstellen und den Landkauf beschließen.

Als Vorsitzender des Kreistages, Botermann, 8. Januar 1925.13

In besagter Sitzung legte Botermann ausführlich sein Anliegen dar und es gelang ihm, den Kreistag vom Nutzen seines Vorhabens zu überzeugen. Die Landesregierung stellte Finanzierung und Kauf sicher.

Am 12. Januar 1925 machte das Siedlungsamt für Schaumburg-Lippe – unter Leitung von Oberregierungsrat Dr. Meyer, Bückeburg – von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch. Aufgrund der Auflassungserklärung vom 21. Januar 1925 erfolgte am 27. Januar die Eintragung der Eigentumsübertragung ins Grundbuch.

In einem anwaltlichen Schreiben machte von Oheimb druckvoll darauf aufmerksam, dass die im Kaufvertrag mit Holzhändler Heine getroffenen Zahlungsvereinbarungen, auch seitens des Siedlungsamtes entsprechend einzuhalten wären. Widrigenfalls würde er auch rechtliche Schritte einleiten, um seine Ansprüche durchzusetzen.

Hintergrund dürfte gewesen sein, dass von Oheimb kurz zuvor selbst einen Landerwerb getätigt hatte und seinerseits an Zahlungsverpflichtungen in nicht unerheblicher Größenordnung gebunden war.

Wie man sich seinerzeit die Finanzierung vorstellte, geht aus der Abschrift eines Finanzierungsplanes hervor.

Ankauf von Gut Meinefeld.

14

Vorrat aus Rechnung 1923 und 1924 25% Zuschlag zur Grundvermögenssteuer bzw. Umlage auf Gemeinde.

70.000 M

Zu erheben in den Monaten Januar bis März 1923 30.000 M (Evtl. Gemeinden anheimgeben, Zuschläge zur Gewerbesteuer zu erheben.)

Aus Verkauf von 25 Morgen Land a 2.000 M Restkauf aus Hypothek

50.000 M

120.000 M

Dazu Abfindungssumme an L. Wilhelm

15

Etwas verwirrend mag erscheinen, dass in der Zeit von etwa 1900 bis 1925 die verschiedensten Währungsbezeichnungen auftauchen. Klarheit bringt ein Blick in die währungspolitische Historie dieses Zeitabschnittes.

Mit der Reichsgründung im Jahre 1871 wurde die goldgedeckte Mark eingeführt. In der Zeit des Ersten Weltkrieges hob man die Golddeckung auf. Aufzeichnungen des Statistischen Bundesamtes dokumentieren die dramatischen Folgen. War 1873 eine Mark, auf heutige Währung umgerechnet, 6,40 Euro wert, so stieg die Kaufkraft um 1900 sogar auf 6,70 Euro. 1913 hatte die Mark eine Kaufkraft von 5,20 Euro, um bis 1918 auf 1,60 Euro abzusinken. Die inflationäre Geldentwertung fand dann um 1923 ihren Höhepunkt. Im täglichen Leben verwendete Banknoten hatten durchaus einen Wertaufdruck von 20.000 Mark, was aber noch längst nicht die Grenze darstellte, wie ein gezeigtes Beispiel belegt.

Um die Inflation zu stoppen, wurde am 15. November 1923 die Rentenmark eingeführt. Die Rentenmark war eigentlich als Übergangswährung gedacht. Sie hielt sich aber parallel zur Reichsmark, deren Einführung am 30. August 1924 erfolgte, bis beide, Rentenmark und Reichsmark, in der Währungsreform von 1948 ihre Gültigkeit verloren.

Wie dann aus der Reichsmark die "Goldmark" wurde, erklärt sich aus den Befindlichkeiten der Zeit um 1924 – wir erinnern uns an die Bezeichnung Goldmark im Kaufvertrag über das Gut Meinefeld. Nach der erlebten Inflation bestand im Volke eine große Sehnsucht endlich ein Zahlungsmittel in Händen zu halten, welches eine Wertbeständigkeit vermittelte. In Erinnerung war vielen noch die Werthaltigkeit der ehemals goldgedeckten Mark und so wurde im Volksmund der Begriff "Goldmark" für die Reichsmark geläufig. Die Bezeichnungen Goldmark und Reichsmark, aber auch Mark sind also wertbezogen gleichzusetzen.

Postwertzeichen und Banknote 1923

Der Kaufvertrag über Gut Meinefeld16

Geltendmachung des Vorkaufsrechtes17

11 Die Mark, auch Reichsmark genannt, hatte ein Feingewicht von 0,358 Gramm Feingold.

12 In diesem Fall das Siedlungsamt für Schaumburg-Lippe.

13 Quelle: NLA BU, L102b, Nr. 4121.

14 Quelle: NLA BU L102b, Nr. 4111.

15 Pächter auf Gut Meinefeld.

16 Quelle: Grundbuchamt.

17 Quelle: Grundbuchamt.

Versteigerung auf Gut Meinefeld

Der Finanzierungsplan18 berücksichtigte aber noch nicht die Finanzmittel, die zum Ausgleich für das tote und lebende Inventar des Gutes zu beschaffen sein würden. Dabei ging es um die Summe von 40.000 Reichsmark. Letztlich wurde dieser Betrag durch die Versteigerung desselben aufgebracht.

Mit der Versteigerung beauftragte man den Auktionator Friedrich Sauter aus Stadthagen. Dieser verfasste sodann selbigen Aufruf:

Vieh- und Inventurverkauf

Am 5.6.1925 vormittags 10 Uhr auf Gut Meinefeld.

8 Pferde

22 Milchkühe

1 tragendes Rind

1 angekörten Bullen

6 tragende Sauen

3 Sauen mit Ferkeln

3 kompl. Kastenwagen

1 Leiterwagen

1 einsp. Wagen

1 Getreidemähmaschine

2 Grasmähmaschinen mit Handablage

1 Breitsaemaschine

1 Drillmaschine (2 m)

1 Hackmaschine

1 Pferderechen

1 Heuwender

1 Hedderichspritze

2 einteilige Ringelwalzen

1 Cambridgewalze

1 Göpel

2 Grubber

2 Kultivatoren

9 Pflüge

1 Kartoffelroder

Eggen

2 Öfen

3 Herde

Wagen, Gewichte, Geschirre und viele andere landwirtschaftliche Gebrauchsgegenstände.

Stadthagen den 28. Mai 1925 Fr. Sauter, beeidigter Auktionator.19

Ein Auszug aus der Versteigerungsliste zeigt, welche Erlöse für verschiedenste Objekte erzielt wurden.

1 Schleifstein 10 Mark, 1 Pflug 27 Mark, 1 Jauchepumpe 35 Mark, 1 Löffelegge 5 Mark, 1 Futterkiste 8,50 Mark, 1 Kuh 450 Mark, 1 Rind 240 Mark, 1 Pferd 1.100 Mark, 200 leere Säcke 40 Mark, 2 Hühner 4,20 Mark.20

Auch die Presse griff dieses Ereignis auf. Der GENERAL-ANZEIGER berichtete in seiner Ausgabe vom 30. Mai 1925.

Nienstädt 28. Mai. Während bei Kleeverkäufen in kleineren Parzellen 100 Mark pro 0,5 Morgen erzielt werden, wurden beim Verkauf mehrerer Morgen Klee auf Gut Meinefeld nur 90 Mark pro Morgen geboten.

In einem weiteren Artikel des GENERAL-ANZEIGER heißt es.

Nienstädt 11. Juni. Selten hat eine freiwillige Versteigerung soviel Menschen angelockt als die dieser Tage auf Gut Meinefeld veranstaltete. Mit 500 dürfte die Zahl der Käufer nicht zu hoch veranschlagt sein. Für Milchkühe wurden 400 bis 600 Mark geboten, Jungvieh 150 bis 200 Mark, Pferde rund 1000 Mark, auch für Stroh und Mist, Hafer usw. höhere Preise erzielt, als man vermutete.

In einem Schreiben der Nordsehler Sparkasse an das Landratsamt, vom 21. März 1927, ist folgender Vermerk enthalten:

Von dem Auktionator Rauter, hierselbst, sind für den Verkauf des lebenden und toten Inventars sowie des Feldinventars im ganzen 41.621,49 RM vereinnahmt worden; hierzu kommen die aufgelaufenen Zinsen mit 1.281,92 RM, zusammen 42.903,41 RM.

Dieser Betrag ist in Kreiskasse, Titel: "Gut Meinefeld" zu vereinnahmen.21

18 Siehe Seite →.

19 Quelle: NLA BU, L102b, Nr. 4121.

20 Quelle: NLA BU, L102b, Nr. 4124.

Gründung der Siedlung Meinefeld

Protest ließ nicht lange auf sich warten. Während der Entscheidungsphase, im Januar 1925, gab es durchaus auch Stimmen gegen den Landkauf. In der Schaumburg-Lippische-Landeszeitung (Ausgabe vom 12. Januar 1925) protestierte der Schaumburg-Lippische Landbund gegen diese, nach seiner Meinung, "Verschwendung von Steuergeldern". Aus seiner Sicht wäre der Ankauf des gesamten Gutes unnötig gewesen. Zum einen wäre in den Gemeinden Hörkamp, Enzen und Rusbend sowie in Stadthagen und Bückeburg noch genügend Bauland vorhanden, zum anderen hätte der Holzhändler Heine Bereitschaft erkennen lassen, ebenfalls 25 bis 28 Morgen für Bauland zur Verfügung zu stellen. Stattdessen würden Steuergelder aufgewendet und ein Hof zerschlagen, was der Kreis doch verhindern möge.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass durch den Kauf des gesamten Gutes, im Wege des Landtausches, auch in anderen Gemeinden Bauland zur Verfügung gestellt werden konnte. Profitiert haben davon Gemeinden wie Steinhude, Hagenburg, Großenheidorn, Hörkamp und Langenbruch, die jetzt zusätzliches Bauland zur Verfügung hatten. Somit konnten Bauwillige in ihren Heimatorten ihr neues Haus bauen, waren also nicht zum Umzug gezwungen.

Der Begriff Landtausch muss aber wohl auch beim "gemeinen Volk" angekommen sein. Der Schneidermeister Wilhelm Knake aus Volksdorf hat es jedenfalls versucht. Er machte sich zum Landratsamt auf und ließ dort seine Wünsche zu Papier bringen.

Stadthagen, den 19. Januar 1925.

Es erscheint der Schneidermeister Wilhelm Knake in Volksdorf Nr. 29 und trägt vor:

Ich habe die Absicht, baldigst ein Wohnhaus mit Laden zu bauen und zwar wegen der geschäftlichen Lage möglichst in Stadthagen oder in nächster Nähe. Meine Bemühungen, in der Stadt Stadthagen einen Bauplatz käuflich zu erwerben, sind erfolglos geblieben.

Ich beabsichtige nun, den Versuch zu machen, im Wege des Austausches einen Platz an der Nordsehler Straße zu bekommen und zwar dadurch, dass ich mich um einen Bauplatz vom Gut Meinefeld bewerbe und dass dieser Platz dann einem Bewerber aus der Stadt Stadthagen überlassen wird, wogegen sich die Stadt Stadthagen verpflichten müsste, mir einen Bauplatz an der Nordsehler Straße zu überlassen.

Ich bitte, die weiteren Verhandlungen mit der Stadt Stadthagen einzuleiten. Mit dem Bau soll dann sofort begonnen werden. Ich rechne darauf, dass mir ein Darlehn aus dem Hauszinssteueraufkommen vom Kreis gewährt wird, da ich den Bau aus eigenen Mitteln nicht fertigstellen kann.

Die 2. Wohnung in dem zu errichtenden Hause ist für meinen Schwager, den Tischler Ernst Hanna aus Volksdorf, in Aussicht genommen. Dieser will mich bei dem Bau nach Kräften unterstützen, insbesondere auch die Tischlerarbeiten ohne Bezahlung ausführen, unter der Voraussetzung, dass er die 2. Wohnung beziehen kann.22

Ob dem Wunsch des Schneidermeisters Wilhelm Knake letztlich entsprochen wurde, kann hier nicht beantwortet werden.

Unmittelbar nach der Besitzübergabe an den Landkreis Stadthagen konnte mit den Planungsarbeiten für die Siedlung Meinefeld begonnen werden. Man bedenke, dass das Land, auf dem die Siedlung heute steht, seinerzeit Ackerland war. Bauplätze mussten ausgewiesen werden, Straßen waren zu bauen und ein Entwässerungssystem anzulegen. All dies geschah in kürzester Zeit. Schnell waren die ersten 100 Bauplätze festgelegt. Jeder Bauplatz maß ca. 1250 m2. Der Kaufpreis betrug 1 RM pro Quadratmeter. Wie groß das Interesse an diesem Baugrund war, belegt der Kaufvertrag vom 22. Juli 1925 zwischen den "im § 1 genannten Personen" und dem Kreis Stadthagen.

Insgesamt umfasste dieser Vertrag 94 Eintragungen, wovon allerdings 3 Eintragungen wieder gestrichen wurden.

Verkauf von Bauland durch den Kreis Stadthagen23

Die ersten 100 ausgewiesenen Bauplätze der Siedlung Meinefeld (Handskizze J. Krull).

Weshalb man Meinefeld mit Fug und Recht als Bergarbeitersiedlung bezeichnet wird beim Studium der Berufsbezeichnungen im Kaufvertrag deutlich.

75 Prozent der ersten Grunderwerber waren Bergleute, die meisten davon auf dem Georgschacht beschäftigt. Die restlichen 25 Prozent teilten sich auf in Handwerker, Fabrikarbeiter, Ziegeleiarbeiter, waren bei der Bahn beschäftigt oder fanden in einem der umliegenden Steinbrüche Arbeit. Andere wiederum waren in der Landwirtschaft tätig. Die ersten Siedler kamen nachweislich aus den Dörfern der Umgebung.

Nach Abschluss des Landkaufes diskutierte man im damaligen Kreistag, wie der im Entstehen begriffene Ort Meinefeld verwaltet werden sollte. Es wurde der Vorschlag gemacht, Meinefeld keiner Gemeinde zuzuordnen, sondern als kreiseigene Siedlung zu verwalten. Das Ergebnis dieser Diskussion war dann doch die Anbindung an die Gemeinde Nienstädt.

21 Quelle: NLA BU, L102b, Nr. 4111.

22 Quelle: NLA BU, L102b, Nr. 4113.

23 Quelle: Grundbuchamt.

Wir bauen ein Haus in Meinefeld

Nach Abschluss der Planungs- und Vermessungsarbeiten begann man zügig mit der Bautätigkeit. Die ausführenden Handwerker wie Maurer, Zimmerleute, Dachdecker und Klempner kamen ausnahmslos aus dem näheren Umland. War die Bauzeichnung fertig und die Finanzierung sichergestellt – ein Haus zu bauen kostete zwischen 13.000 und 15.000 Mark24 – konnte es losgehen. Eine Baugrube war auszuheben, um die Unterkellerung des Wohnbereiches erstellen zu können. Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre waren die Arbeitsgeräte dieser Zeit. Eine Vollunterkellerung, mindestens aber eine Teilunterkellerung, galten als obligatorisch, denn Kellerraum war wegen der Kühle wichtig. Man war in der Regel Selbstversorger. Kartoffeln, Obst und Gemüse wurden im eigenen Garten und auf zugepachteten Ackerflächen selbst angebaut und geerntet. Als Lagerraum diente, nach entsprechender Verarbeitung und Konservierung der Ernte, der Keller. Durch seine Kühle verlängerte er die Haltbarkeit der eingelagerten Lebensmittel erheblich. Zudem benötigte man einen Lagerraum für das Heizmaterial. Kohlen wurden in einer gesondert abgemauerten Buchte im Keller gelagert. Eine sogenannte Waschküche im Keller war immer vorgesehen, in der Regel mit einer Kochstelle ausgestattet. In heißen Sommermonaten konnten dann viele Haushaltstätigkeiten in den kühlen Keller verlegt werden. Anhand dieser Aufzählung vermag man zu ermessen, welch hohen Stellenwert diese Räumlichkeiten hatten. Wie tief der Keller ins Erdreich gebaut werden konnte, hing im Wesentlichen vom Grundwasserspiegel, aber auch von den Möglichkeiten der Grundstücksentwässerung ab. Eine Tiefe von 1-1,3 m war üblich, selten konnte tiefer gebaut werden. Aus dieser Gegebenheit resultierte, dass fast alle in der Vorkriegszeit gebauten Häuser über einen Treppenaufgang verfügten.

Ganz wichtig war auch der Brunnenbau, da für jedes Haus eine eigene Wasserversorgung sichergestellt werden musste. Zu diesem Zweck wurde ein Wünschelrutengänger beauftragt, die Lage einer Wasserader zu erkunden.

War er fündig geworden, konnte an dieser Stelle ein Brunnen gegraben werden, wobei durchaus auch Probleme auftraten. Schwemmsand konnte einen Brunnen innerhalb kurzer Zeit zuspülen, dann musste an anderer Stelle neu gegraben werden.

Anfangs schöpfte man das Wasser mit Eimern, um es dann ins Haus zu tragen. Später gab es Handschwengelpumpen, die, über ein Rohrsystem, eine Verbindung mit dem Brunnen herstellten. Die Pumpen hatte man überwiegend in der Kellerwaschküche installiert, in einigen Häusern gab es solch eine Wasserversorgung auch in der ersten Wohnetage.

Die Baupläne für die Häuser in Meinefeld sind von den Baufirmen frei entworfen worden. Ein bestimmter Baustil war nicht vorgeschrieben. Die Bauart, zweigeschossig mit Stallanbau für Nutztierhaltung, die Wohnräume mit einer durchschnittlichen Größe von 10-16 m2, würde man heute als weitgehend standartisiert bezeichnen. Als Baumaterial wurde überwiegend der rote Ziegelstein aus den Ziegeleien des Schaumburger Landes verwendet, für die Fundamente und Sockel kam aber auch der Obernkirchener Sandstein zum Einsatz, der sich durch besondere Festigkeit auszeichnete. Der Transport des Materials wurde überwiegend mit Pferdefuhrwerken bewerkstelligt. Der Durst bei der Arbeit wurde, nach Zeugenaussagen, auch damals schon gern aus der Bügelverschlussflasche gestillt, so sie denn mit Bier der heimischen Schaumburger- oder Städtischen Brauerei befüllt worden war. Notfalls tat es aber auch das eigene Brunnenwasser, wenn selbst erzeugter Himbeersaft beigemischt war.

Das sogenannte "Kaffeemühlenhaus" – wegen seiner Bauart oft so bezeichnet, weil sie der seinerzeit in jedem Haushalt gebräuchlichen handbetriebenen Kaffeemühle glich – entsprach der beschriebenen Bauweise.

Das Haus Friedrich-Ebert-Straße 24 in den 50er Jahren (Foto I. Krull)