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Melancholie ist eine wunderbare Charaktereigenschaft, voll von Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft. Am äußersten Ende der Melancholie lagert die Depression, die häufigste Volkskrankheit. Für Depressive wird es eine Erleichterung sein, aus den Tiefen des Tränensees wieder aufzusteigen und sich in das besinnlich schaukelnde Boot der Melancholie zu retten. Dass das möglich ist, zeigt dieses Buch. Man sollte die Melancholie nicht bekämpfen, sondern akzeptieren. Ein Plädoyer für die Melancholie als positive Kraft. Originalausgabe 2001 im Kreuz Verlag (Stuttgart). Die Schöpferkraft der süßen Schwermut wird in diesem Buch neu entdeckt. In ihrem Wert erkannt, sollte deshalb die Melancholie nicht bekämpft, sondern akzeptiert werden. Wünschenswert wäre also nicht weniger, sondern mehr Melancholie auf dieser Welt dann gäbe es weniger Gewalt, weniger Elend, mehr Gleichklang mit dem natürlichen Rhythmus unserer Erde, mehr profundes Wissen und mehr Liebe. Ein Plädoyer für die Melancholie als positive Kraft. Jeder Mensch hat Melancholie befördernde Momente in sich, aufgrund derer er in bittersüßer Stimmung und Schwermut versinken kann. Weil die Melancholie nicht in den heutigen Zeitgeist und zu unserer Spaßkultur passt und zudem verdächtigt wird, Grundlage einer abnormen Geisteshaltung zu sein, leben wir sie nicht aus, sondern verdrängen sie lieber. Die wertvollen Aspekte und Effekte dieser »wunderbaren Charaktereigenschaft«, die durch Ernsthaftigkeit, Tiefgang, und Empfindsamkeit gekennzeichnet ist, arbeitet Josef Zehentbauer in seinem Buch »Melancholie Die traurige Leichtigkeit des Sein« heraus. 300 Jahre nach dem grundlegenden Werk von Robert Burton schlägt Zehentbauer eine Bresche für die Melancholie, die nicht therapiert oder gar bekämpft werden sollte, sondern als »Spannung zwischen Trauer und Licht« ausgehalten sein will. Dabei spannt er einen weiten Bogen. Er rekurriert auf die Philosophie und Geistesgeschichte, bezieht sich auf Gedichte und Zitate, die zum Nachdenken und Innehalten einladen, schildert Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen Praxis und gibt praktische Ratschläge, wie melancholische Menschen ihre oftmals befremdende Schwere in positiv besetzte Lebensenergie wandeln können. Zehentbauer will die Melancholie nicht nur rehabilitieren, weil ihr kreative Potenzen innewohnen. Er weiß an melancholischen Charakteren, die er mit großer Achtung und Empathie beschreibt, vor allem zu schätzen, dass ihre Fragen und ihr Zugang zur Welt von existenziellen Dimensionen getragen sind. So setzen Melancholiker einer primär an Konsum und Spaß orientierten Welt andere, komplexere Werte entgegen. Und genau deshalb, weil sich melancholische Menschen kontraproduktiv zum herrschenden Zeitgeist verhalten und Möglichkeiten eines anderen »modus vivendi« antizipieren, plädiert Zehentbauer für ein Mehr an Melancholie.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2022
Josef Zehentbauer
Melancholie
Die traurige Leichtigkeit des Seins
(Neuausgabe)
Peter Lehmann Publishing
»Melancholie« erschien 2001 original im Kreuz Verlag (Stuttgart) als gedrucktes Buch. Die aktuelle E-Book-Ausgabe erfolgt auf Basis der 2013 aktualisierten und erweiterten Auflage. Daneben ist auch die gedruckte 4. Auflage von 2014 bei Peter Lehmann Publishing erhältlich. Informationen im Internet unter www.peter-lehmann-publishing.com/melancholie.
© 2022 Josef Zehentbauer. Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch oder mechanisch, vervielfältigt oder übertragen werden.
Umschlagbild: Johannes Vermeer, Das Mädchen mit dem Perlenohrring (Ausschnitt)
Umschlaggestaltung: Birgit Vogel, Berlin
Peter Lehmann Publishing, Berlin & Lancaster 2022
www.peter-lehmann-publishing.com · www.antipsychiatrieverlag.de
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-98756-308-9 (eBook) · ISBN 978-3-925931-45-1 (Printausgabe)
Zahllosen Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern der Melancholie, die ihre Melancholie leben, durfte ich begegnen; von ihnen habe ich wertvolle und tiefgründige Weisheiten erfahren.
Die 1. Auflage dieses Buches erschien 2001 im Kreuz Verlag. Mittlerweile gibt es Übersetzungen in mehreren Sprachen, und sicherlich haben einige Zehntausend Menschen das Buch gelesen (den niederländischen Buchtitel finde ich besonders faszinierend: »De troost van melancholie«). Unzählige Male wurde mir von Leserinnen und Lesern dankbar versichert, dass sie sich durch dieses Buch in ihrer Melancholie tief verstanden fühlen.
Alle Menschen können den Reichtum der Melancholie in ihrer Seele spüren – die einen weniger, die anderen mehr. »Melancholie – Die traurige Leichtigkeit des Seins« ist ein Handbuch für Individuen, die sich selbst, die Mitmenschen und die gesamte Welt mehr begreifen wollen und nach Tiefgang, Kreativität und positiver Kraft streben.
Der berühmte Philosoph und Melancholie-Forscher Raymond Klibansky schrieb mir – was mich tief berührt – in einem persönlichen Brief folgende Zeilen: »Ihr Melancholiebuch bereitet mir Freude. Je mehr Menschen Gelegenheit haben, über den problematischen Charakter der Melancholie nachzudenken, desto besser.«
Nach dem Erscheinen des Buches gab es unter meiner Mitwirkung zahlreiche Interviews, Zeitschriftenartikel, Vorträge, Radio- und Fernsehsendungen, und zusammen mit meinem Freund, dem Theologen Alfred Rott, Melancholie-Seminare (wiederholt auf der Fraueninsel / Chiemsee), die ein heftiges Medienecho auslösten.
Die Erstauflage wurde seinerzeit von Monika Littel niedergeschrieben. Bei der jetzt vorliegenden erweiterten und aktualisierten 3. Auflage unterstützte mich mein Neffe, der Kunsthistoriker und Lektor Markus Zehentbauer. Ich danke ihm herzlich für seine kreative Mitarbeit.
Bei der Lektüre dieses Buches werden Sie als Melancholikerin oder Melancholiker spüren, zu den »Besonderen«, den »Außergewöhnlichen« zu gehören, ohne dabei überheblich zu werden. Und Sie werden merken, dass zur Melancholie nicht nur Traurigsein gehört, sondern auch eine große Prise Lust und Freude. Also – viel Spaß beim Lesen!
Im Licht der untergehenden Sonne begegnet uns eine zierliche Frau mit blassblauem Turban ... Als sie schon beinahe vorübergegangen ist, dreht sie sich noch einmal um und schaut uns tiefsinnig, freundlich an, mit einem traurig berührenden Lächeln ... Sie zeigt eine Sehnsucht nach unendlicher Geborgenheit, die es nie geben wird auf Erden ... Melancholie ...
Melancholie erfasst alle Menschen, alle Tiere und wohl auch die Pflanzen und all die Dinge um uns, und Melancholie dringt über das Irdische hinaus und strebt ins Jenseitige. Jeder hat die Melancholie im Herzen, die einen mehr, die anderen weniger, manche verdrängen sie und wieder andere gehen auf in der Melancholie und erleben die traurige Leichtigkeit des Seins.
Die Melancholie ist niemals Krankheit, sondern eine wunderbare Charaktereigenschaft, voll von Tiefgang, innerer Kreativität, Frieden und (stiller) Leidenschaft. Nicht irgendeine Stimmung ist die Melancholie, sondern sie ist lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Vor allem künstlerisch oder lebenskünstlerisch wirkende Melancholiker bauen kunstvolle Brücken zum Unbeschreiblichen, zum Transzendenten. So sind die Melancholischen in einer ungemein privilegierten und gleichermaßen leidvollen Situation: Sie schöpfen aus dem tiefen Fundus menschlicher Existenz, können in traurigem Glück schweben, können aber auch hinabstürzen in die Tiefen ausweglosen Seins, in depressives Leiden.
Am anderen Pol der Melancholie lagert die Trostlosigkeit der Depression. Depression ist ein deutliches Zuviel an Melancholie, doch ist auch die Depression nicht primär Krankheit (auch wenn die Psychiatrie anderes behauptet), sondern Depression ist – oft sehr belastende – Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod. Die Frage, ob und wann Depression zur Krankheit wird, lässt sich einfach beantworten: Ein depressiver Mensch ist dann krank, wenn er sich selbst als krank empfindet. Jedoch: Nicht jedes Leiden ist Krankheit.
Melancholie und Depression sind zwei Begriffe, die Unterschiedliches verkörpern. Nochmals sei betont, dass die Melancholie eine »gesunde« Art ist, in dieser Welt zu sein. Und für einen Depressiven wird es eine Erleichterung sein, wenn er aus den Tiefen des Tränensees hochkommt (oder von anderen hochgezogen wird) und sich – wieder – in das besinnlich schwankende Boot der Melancholie rettet …
Die milliardenteure Neurotransmitter- und Psychopharmakaforschung erklärt bestenfalls einen Teil des stofflichen Äquivalents der Melancholie, geht aber am eigentlichen Wesen der Melancholie vorbei. Die Melancholie – diese Spannung zwischen Trauer und Licht – soll nicht bekämpft oder therapiert werden, sondern man sollte ihren Wert erkennen und respektieren. Wünschenswert wäre nicht weniger, sondern mehr Melancholie auf dieser Welt, dann wäre sie friedlicher und gerechter, das Elend in der Dritten Welt würde man mindern, und vielleicht würden die Männer mit dem Kriegführen aufhören. Mehr Melancholie könnte uns wieder mit den Zyklen der Natur verbinden, brächte mehr profundes Wissen und – mehr Liebe. Dabei geht es nicht darum, in die Strömungen von »new age« und esoterischen Modeerscheinungen einzutauchen, sondern das Phänomen Melancholie soll – wieder – wahrgenommen werden … die Melancholie, die beharrlich die derzeitige Kultur des Konsumismus überdauert und infrage stellt ...
Schon der griechische Philosoph Aristoteles wies darauf hin, dass »außerordentliche Menschen« – ob in Philosophie oder Dichtung – Melancholiker sind. In der Melancholie wohnt schier unerschöpfliches kreatives Potenzial. Die Melancholie zeigt sich uns in vielen Facetten, und wir erleben und betrachten »nur« die menschlich erfahrbaren Varianten. Ein solches Erfahren und Darstellen der Melancholie kann nicht systematisch geschehen. Und auch die Melancholie ist per se nicht einer Systematik unterworfen. Es gilt einfach: Die Melancholie ist. Auch in den nachfolgenden Kapiteln wird nicht nach einer aufgezwungenen Systematik vorgegangen. So werden Sie (scheinbare) Widersprüchlichkeiten finden, surreale Vergleiche, traurige und freundliche Perspektiven und – nicht selten – Pathos.
In den Text des vorliegenden Buches sind Gedichte und Zitate eingestreut, die Sie bitte nicht nur mit den Augen, sondern mit Ihrem Herzen lesen sollten. Wenn innere Reflexion und Kunst zusammenfließen, dann werden bedeutende Aspekte des Seelischen in den Bereich des Aussagbaren gebracht: Solchermaßen entstehende Seelengedichte und Seelenbilder können uns – wenn wir dafür offen sind – mehr berühren und bereichern als tonnenschwere theoretische Abhandlungen.
Die Vernunft wird von einem melancholisch-romantischen Menschen nicht verachtet, aber die Vernunft gibt ihre Rolle als Oberlehrer der Wissenschaft auf und lässt sich einbetten in die Poetik der Emotionen. Kopf und Herz gehen eine Einheit ein, und statt der allseits vorherrschenden vernunft- und zweckbetonten Wissenschaft entsteht eine empfindsame Wissenschaft: Eine zu erforschende Blume wird nicht aus der Erde gerissen und in mikroskopische Feinschnitte zerstückelt, sondern man betrachtet die unversehrte Blume und versucht, sich in sie einzufühlen, versucht, zur Blume zu werden. Die dabei gewonnene Wahrnehmung und Erkenntnis wird nicht mit Tinte, sondern mit Herzblut niedergeschrieben: Das mag pathetisch klingen, und dennoch widerspricht es nicht der Ratio.
Ähnlich wie die unversehrt belassene Blume wird in dem vorliegenden Buch der melancholische Mensch mit großer Achtung und Empathie betrachtet und beschrieben. Es wird nicht nur die Würde des melancholischen Menschen respektiert, sondern zusätzlich wird gefordert, man möge der Melancholie mehr Raum geben und ihr mehr Wertschätzung zeigen, auf dass sie – die Melancholie – zum Vorbild werde für möglichst viele Menschen …
Ziel dieses Buches ist es, den Millionen von Melancholikern zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und die ausgesprochen positiven Aspekte der Melancholie – neu – zu entdecken. Ziel ist überdies, sich als Melancholiker zu outen, ähnlich wie Lesben und Schwule sich zu ihrer – sexuellen – Besonderheit bekennen. Vor ein paar Jahren sagte ein allseits bekannter deutscher Politiker: »Ich bin schwul – und das ist auch gut so!« Ähnlich könnten alle hundertprozentigen Melancholiker in die umtriebige Welt hinausrufen: »Ich bin Melancholiker – und dies ist wunderbar!«
Die Melancholie kann nicht endgültig beschrieben werden, denn beim Sich-hinein-Begeben in die Melancholie kommt man zu keinem Ende … Die Melancholie selbst ist endlos … Wenn Sie wollen, treten Sie nun ein in den gleichermaßen dunklen wie hellen Palast der Melancholie.
Eine Geschichte sollte ich erzählen, und ich erzähle:
Ein traurig lächelnder Mann, der viel erlebt hat, verlässt sein Zuhause und begibt sich auf eine lange Wanderung. Monat um Monat, Jahr um Jahr wandert er dahin … schließlich wird er müde, sehr müde und er – der gerade ein Tal durchqueren will – setzt sich am Wegrand erschöpft zu Boden. Da erst sieht er, dass eine hohe Mauer vor ihm steht und ein großes verriegeltes Tor. Vor dem Tor ragt eine Wächterin, groß von Gestalt, mit langen wallenden Haaren und einem Schwert in Händen.
»Darf ich eintreten?«, fragt der Mann.
Doch die Wächterin schüttelt den Kopf und sagt: »Nein.«
Da bleibt der Mann auf der Stelle kauern und wartet … und wartet. Manchmal reicht die Wächterin ihm einen Krug mit Wasser, eine Schale mit Reis … und der Mann wartet weiterhin … wartet … wartet… Zeiten vergehen, lange, lange Zeiten …
Schließlich spürt der Mann, dass sein Ende naht, und er wagt noch einmal, die Wächterin zu fragen: »Darf ich eintreten?« Und die Wächterin antwortet: »Warte noch ein Weilchen …«
Der Mann bleibt in sich versunken, doch mit letzter Kraft blickt er erneut zur Wächterin empor und spricht mit leiser, gebrochener Stimme: »Darf ich dich noch etwas fragen?«
Es antwortet die Wächterin: »Ja.«
»Warum?«, so fragt der Mann, »warum ist in all der langen, langen Zeit, in der ich hier kauere und warte, kein anderer Mensch gekommen, um Einlass zu erbitten?«
Die Wächterin lächelt freundlich: »Dieses Tor ist nur für dich bestimmt.«
Da lächelt – unendlich müde – auch der kauernde Mann, lächelt und seufzt tief … schließt die Augen. Nun öffnet die Wächterin das Tor ganz weit, verneigt sich gegenüber dem Mann und macht eine einladende Geste: »Tritt ein …« Alsdann entschwindet die Wächterin … und die Sonne verbleicht im Nebel …
Die eigentlichen Wahrheiten des Lebens werden überaus behütet. Und selbst wenn das Tor zur Wahrheit offen stünde, wissen wir nicht, ob wir es wagen würden, die Schwelle zu überschreiten.
In all den Augenblicken dessen, was wir Leben nennen, spüren wir hinter den lauten Tumulten des Alltags eine monotone Einsamkeit. Und diese Einsamkeit kann sich zum Alleinsein wandeln und dann Wegweiser werden bei der Suche nach der Wahrheit des Lebens. Aber was heißt schon »Wahrheit«?
Jedenfalls verkriecht sich die Einsamkeit, wenn wir im Job aufgehen, mit Kindern herumtollen, laut lachend mit anderen Kaffee trinken, vor dem Fernsehapparat oder vor dem Computer sitzen, Zeitschriften lesen, uns amüsieren, ablenken. Vielerlei Arten von Ablenkung verführen uns, und vielleicht mögen viele denken: Das ist angenehm und (vermeintlich) förderlich für das Wohlbefinden.
Müssen wir denn unbedingt in den Tiefen schürfen und die Grenzen unserer Existenz ergründen? … Müssen wir die Leiden dieser Erde spüren und nach dem Jenseitigen schauen?
Wir müssen nicht. Doch da ist ein amorphes Sein in uns – in jedem Menschen (!) –, ein amorphes, dunkles und dennoch lichtes Sein, das über die Individualität hinausragt. Dieses amorphe Sein hat ein ernst lächelndes Antlitz, zeigt eine traurige, stille Freude und stellt immer wieder fundamentale und ins Jenseits zielende Fragen, die ohne Antwort bleiben. Dieses schwer erfassbare, alle Menschen tief im Herzen berührende Sein hat einen Namen: Melancholie.
Manche Menschen spüren nur wenig Melancholie oder verdrängen sie, andere werden von der Melancholie angezogen wie von einem Magneten und versinken darin. Solche, von der verschwommen-lichten Traurigkeit besonders erfüllte Menschen werden Melancholiker genannt und sind Grenzgänger auf dem schmalen Pfad zwischen Diesseits und Jenseits. Und manchmal bauen die Melancholiker kunstvolle Brücken zum Unbeschreiblichen und zum Transzendenten.
Melancholie ist keine Krankheit, sondern eine – vielleicht tragische – Auszeichnung, die den von der Tiefe des Lebens durchwebten Menschen aus der grauen Durchschnittsmasse hervorhebt, ob die Betroffenen dies wollen oder nicht.
In melancholischen Menschen – wie in anderen Menschen auch – gibt es ein inneres Gleichgewicht, das für Balance sorgt und ein Abstürzen in Qualen, Grauen oder Panik verhindert. Kippt dieses Gleichgewicht aus verschiedensten, individuellen Gründen, dann kann beim melancholischen Menschen die Befindlichkeit umschlagen in leidvolle Schwermut, in tief betrübte Depression. Dieser Zustand von unendlich bedrückender Traurigkeit und schmerzlicher Trostlosigkeit wird meist als Kranksein, gar als depressives Kranksein erlebt und unterscheidet sich erheblich von der – letztendlich gesunden – bittersüßen Melancholie.
»Durch des Lebens Wüste irr ich glühend Und erstöhne unter meiner Last, Aber irgendwo, vergessen fast, Weiß ich schattige Gärten kühl und blühend. Aber irgendwo in Traumesferne Weiß ich warten eine Ruhestatt, Wo die Seele wieder Heimat hat, Weiß ich Schlummer warten, Nacht und Sterne.«(Hermann Hesse, »Irgendwo«)
Der melancholische Mensch geht nie konform mit dem Modischen, dem Zeitgeist oder dem Trend von Werbung oder Showbusiness, er durchschaut die oberflächlich leeren Fassaden und leidet an der Hohlheit der derzeitig herrschenden Religion des Konsumismus. Der Melancholische ist hierbei kein laut polternder Kritiker, sondern zeigt durch sein resigniertes Verhalten und durch sein betrübtes Gesicht, dass er das blendende Theater voll von Pseudo-Fröhlichkeit nicht teilen mag. Glitzernde Sternchen vollführen allerlei scheinbare Kunststückchen und gefallen sich in der Bewunderung durch das Publikum. Solch sorglos-unbeschwerte, gar um Begeisterung heischende Existenzen werden von melancholischen Menschen mit Argwohn bedacht. Die Melancholischen fungieren ein wenig als Spielverderber: Sie haben gewissermaßen den göttlichen Auftrag, allen Menschen das Endliche und Tiefgründige des menschlichen Seins vorzuleben. Und das tun sie meist mit Inbrunst. Dabei wird die Melancholie oftmals zu einem dauernden, launigen Jammern, das alles infrage stellt und manchmal zum Wahnsinn treibt, aber eigentlich zur Erkenntnis streben will. Wenn der Melancholische zum Wahnsinn treibt, dann betrifft dies keineswegs nur ihn – nicht selten werden vom melancholischen Menschen auch Familienangehörige, Arbeitskollegen, Freunde durch eine Flut von Pessimismus, Seelenschmerz und Todessehnsucht mitgerissen und hineingestürzt in einen Tränensee, oder sie werden dazu gebracht, sich genervt vom Melancholischen abzuwenden.
Das Menschsein zeigt per se etwas Tragisches. Die Melancholischen übersteigern gewissermaßen dieses Mensch-Sein und bringen seine Tragik zur traurig-besinnlichen Blüte. Melancholie wird somit zur stimmigen Antwort auf die – letztendlich so empfundene – Unerträglichkeit des Seins. Der Philosoph und Melancholiker Søren Kierkegaard meint: »Ich sage von meinem Kummer, was der Engländer von seinem Haus sagt – mein Kummer is my castle.«
Manchmal gibt sich die Melancholie als traurige Ästhetik des Seins … Da ist der wehmutsvolle Rückblick in die eigenen vergangenen Jahre oder Jahrzehnte … vergangenes Glück, das nie, nie mehr wiederkehrt … Da ist die Lektüre oder das Theatererlebnis griechischer Tragödien … oder ein herzberührender, tränenbenetzter Film … Der »Tod in Venedig« oder eine andere, emotionsvolle Traurigkeit … Gustav Mahler oder Francesco Guccini … Die gefühlvoll bewegte Stimme einer Popsängerin »… und wenn ich sterb’, dann stirbt nur ein Teil von mir, und stirbst du, bleibt deine Liebe mir …« … In Wehmut und Liebe Abschied nehmen … ein schön trauriges Gedicht … in schwermütigen Träumen tränenverschleiert versinken … und: … seufzen … ja, seufzen …
Das Seufzen ist der existenzerhaltende Odem des melancholischen Menschen und erleichtert ein wenig die Bürde des Lebens. Und das Seufzen kann sehr wohl über lächelnde Lippen kommen, und nach einem besonders inbrünstigen Seufzer kann gar ein fröhliches Lachen stimmig sein.
»Mit leisen Harfentönen Sei, Wehmut, mir gegrüßt! … Du, so die Freude weinen, Die Schwermut lächeln heißt, Kannst Wonn’ und Schmerz vereinen …«(Johann Gaudenz von Salis-Seewis, »Die Wehmut«)
Süße Melancholie wird willkommen geheißen, und als sanfter Schauer bringt sie die Freude zum Weinen und das Weinen zum Lächeln. Freudentränen kennt jeder, doch die meisten haben gelernt, sie meisterlich zurückzuhalten und keine tiefen Regungen zu zeigen – cool bleiben heißt das Motto, cool bleiben wie Humphrey Bogart oder David Bowie oder hyper-cool wie ein Marlboro-Cowboy. Wer dagegen – bewusst – ein melancholisches Bad nimmt, taucht ein in eine sanfte, honiggleiche Tristezza, wo Seelenschmerz und Wonne sich vereinen: Dann beginnt die Schwermut wissend zu lächeln und aus dem Dunkel wird geheimnisvolles Zwielicht. Der müde Kopf darf gelassen auf den ausgestreckten Armen ruhen, und leise nähert sich die große Trösterin – die Hoffnung. Sie schmiegt sich sanft dazu und bringt Glanz in die Augen. Die Hoffnung nimmt das Leiden bei der Hand und weist vielen Melancholischen den Weg zum absoluten Trost: Gottes Sterne leuchten, und seine Sonne wärmt uns, und so kann man – wenn man gläubig ist – sich von Göttlichem getragen fühlen.
Die Melancholiker sind empfänglich für die Worte der Verkünder von Heilslehren und Religionen – ob Christentum oder Hinduismus, ob Osho oder Buddha … und ebenso empfänglich für Ideologien – ob Marxismus oder Kapitalismus. All diese Verkünder sind Propheten des Morgen. Doch das Morgen ist ungewiss, denn jederzeit kann das Heute – im Diesseits – bereits das Ende sein. Und das Jenseits ist mit einer Heilslehre nicht begreifbar.
Die melancholische Freude ist oftmals ernsthaft, ja sogar traurig, aber auch eine traurige Freude erquickt das Herz. Die Freudlosigkeit dagegen entsteht nicht aus der melancholischen Stimmung, sondern hat ihre Ursache im Wissen. Bei manchen Menschen vergehen mehrere Jahre ohne heftige, freudige Erregung. Für ein Kind in einer wohlwollenden Umgebung vergeht kein Tag ohne lebhaft-freudiges Sprühen, und sei es wegen kleiner Anlässe. Die Unwissenheit des Kindes lässt Freude entflammen, das Wissen des Erwachsenen (Alltagssorgen, kleine und große Belastungen, politische Unwetter etc.) drückt und bedrückt und kann gar jegliche Freude ersticken.
Wenn ein Melancholiker Glückliches erfährt – eine schöne Wanderung, berufliche Anerkennung oder Verliebtheit –, dann wird dieses Glückliche nicht einfach angenommen, sondern – wie eine unfertige Speise – sorgfältig gewürzt mit Wehmut, bitterer Zukunftssicht und süßer Traurigkeit. Erst dann entstehen, fein abgeschmeckt, trauriges Glücklichsein und melancholische Freude, die sehr wohl sinnlich genossen werden können. Ein solch »umständliches« Glücksempfinden wird in der modernen Glitzerwelt von »Dont’t worry, be happy« nicht verstanden. Für den Melancholischen gilt eher: »Do worry and – perhaps – be happy.«
Viele Melancholiker fühlen sich schon angesichts der immer wiederkehrenden Anforderungen des Alltags überfordert und wehren sich innerlich, in die alltägliche Tretmühle einzusteigen. Werden Melancholische mit neuen, großen Anforderungen konfrontiert, dann fühlen sich manche von ihnen rat- und hilflos und können eigentlich nur noch resigniert weinen.
Die meisten Leserinnen und Leser kennen wohl das Märchen, das wie folgt beginnt:
»Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich, dass er mit dem König zu sprechen kam und ihm sagte: ›Ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln.‹ Da ließ der König die Müllerstochter alsgleich kommen und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könne sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte, denn sie wusste um ihr Leben keinen Rat, wie das Stroh zu Gold werden sollte …«
Ähnlich ratlos wie Müllers Tochter, aussichtslos ausgeliefert – so empfinden sich Melancholiker angesichts der alltäglichen Herausforderungen; und selten hat man im Alltag das große Glück, das der schönen Müllerstochter beschert wurde: Ihr half ein kleines Männlein mit dem geheimen Namen Rumpelstilzchen, alles Stroh zu Gold zu verwandeln.
Indem ein melancholisch gestimmter Mensch bei einem positiven Erlebnis gleich das Negative oder das potenziell Negative mitbetrachtet, vollzieht er gewissermaßen eine Gesamtschau des Ereignisses, sieht die Licht- und Schattenseiten gleichermaßen. Dies schafft ihm eine einzigartige Übersicht im Leben. Er lässt sich nicht blenden von einer augenblicklichen Versuchung und sagt zu einer Chance, die einmalig scheint, nicht gleich begeistert »ja«. Angesichts einer berghohen Herausforderung flüchtet sich der Melancholische nicht in den Glauben, irgendein Rumpelstilzchen werde ihm schon helfen, sondern er neigt eher dazu, das ganze Vorhaben seufzend aufzugeben. Die Umgebung wirft dem Melancholiker allzu gern vor, er sei zu zauderhaft, ergreife Chancen nicht, sei zu pessimistisch und überhaupt – nichts könne man ihm Recht machen. Wenn der Melancholische es schafft, sich weitgehend von diesen drängenden Meinungen seiner Umgebung zu befreien (was wahrlich nicht leicht ist), dann wird er merken, dass er – entgegen der Meinung der anderen – nicht eingeschränkt wahrnimmt, sondern ein breites Spektrum an Möglichkeiten einbezieht. Wird der Melancholische sich seiner annähernd ganzheitlichen Wahrnehmung bewusst, dann erfährt seine Gestimmtheit erhellende Momente, und er erkennt sein diskret-überlegenes Wissen; er spürt und ahnt mehr als andere, welche Unternehmungen gefährlich, ruinös oder sinnlos sind. Ja, dieses Erkennen ist etwas ganz Besonderes, denn der Melancholiker traut sich ansonsten eher wenig zu und spürt immer wieder die Trauer, weniger zu sein als andere. Dieses Sich-kleiner-Fühlen als andere resultiert nicht aus Misserfolgen oder aus unzulänglicher Begabung, sondern ist eine Grundüberzeugung, die selbst durch offensichtliches Können, durch Erfolge und Anerkennung nicht widerlegt werden kann. Man kann dies einen Mangel an Selbstvertrauen nennen oder aber – richtiger – große Bescheidenheit. Doch in unserer auf Ich-Stärke getrimmten Gesellschaft sind Durchsetzungsvermögen, das »Andere-Überfliegen-Können« und aufgeblasenes Selbstwertgefühl die anerkannten Parameter für individuelles Wohlergehen.
Wenn das Power-Ego der Selbstwertapostel von seinem künstlich errichteten Thron herabsieht, dann lässt sich melancholische Bescheidenheit, die sich selbst klein macht, nicht verstehen.
»Wer sich verneigt, wird Größe erlangen Wer nichts besitzt, dem gehört alles Wer bescheiden ist, der wird erhöht Lerne nachgiebig und weich zu sein – so handeln die Weisen und sind so Kinder der Wahrheit.«
Weise Worte von Laotse. Vergleichbares findet man – so man will – auch im Neuen Testament.
In der herrschenden Kultur des Konsumismus muss man wissen, was man will, man muss Ziele haben, man muss sich beruflich durchkämpfen, und wer mit aller Macht seiner Ellbogen irgendeine Hierarchieleiter erklimmt, der hat gewonnen und gilt als Siegertyp. Bei solchen Wettrennen bleiben die Melancholischen oft auf der Strecke – oder treten erst gar nicht an den Start: Dann gelten sie rasch als Versager, als Feiglinge, als jemand, der nicht weiß, was er will. Tragischerweise sind die melancholischen Menschen besonders empfänglich für solche Negativprädikate: Sie schauen in den Spiegel und sehen sich als Versager, das Selbstwertgefühl ist unter die Nullmarkierung gesunken. In solchen Zeiten – und es gibt unendlich viele dieser Beispiele – ist die Gefahr groß, dass der Melancholische innerlich ins Schwanken gerät und in seine andere Ausprägung – ins Depressive – umkippt. Am anderen Pol der Melancholie tut sich die Depression auf wie ein schwarzer, tiefer Brunnen, in den man hineinfallen kann.
Statt die Melancholiker zu verunsichern und aufzufordern, am täglichen Überlebenskampf teilzunehmen und dabei die Schwerter oder Revolver zu zücken, statt Durchhalteparolen zu verkündigen, könnten die unreflektiert vor sich hin kämpfenden »normalen« Menschen von den Melancholikern gar Bedeutendes lernen: friedlich sein und gleichmütig (= gleichen Mutes), nicht nur nach außen schauen, sondern auch nach innen.
Ähnlich wie die Melancholie ist auch die Angst ubiquitär im Leben auf dieser Erde. Und ebenso wie die Melancholie ist die Angst ein in der Seele jedes (!) Menschen wirkendes Element. Manche Menschen spüren kaum oder nur in zugespitzten Situationen Angst, andere sind von Angst besessen und wie gelähmt. Der Melancholische hat eine ganz besondere Beziehung zur Angst. Zwar begleitet die Angst jeden Menschen das ganze Leben lang, von der Geburt bis zum Tode, doch der Melancholische spürt besonders intensiv diese dauernde Begleitung der Angst. Die Angst ist dem melancholischen Menschen nahe und vertraut, auch wenn er oftmals unter ihr leidet.
Angst ist notwendige Begleiterin und hat im Alltag durchaus schützende Funktionen (Angst vor einem Verkehrsunfall etwa lässt uns vorsichtig sein), doch Angst ist auch eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und unseres Wissens um den Tod. Vor allem die irrreale, unbestimmte Angst, die Angst, die scheinbar grundlos ist und nicht fassbar – diese Angst lässt uns ungeschminkt und nackt unser In-der-Welt-Sein hautnah erfahren. Im Zustand der irreal-unbestimmten Angst werden wir der irdischen Sicherheiten beraubt und leben nun Wand an Wand mit dem uns unbekannten Kosmischen, dem Alles oder dem Nichts.
Zum Melancholiker gehört weniger die spontan entstehende Freude, wohl aber die stille Freude, ein introvertiertes Genießen und – heimliche – Muße. Heimlich bleibt die Muße deshalb oft, weil den Melancholiker zu viele Verpflichtungen rufen und Müßiggang eigentlich nicht erlaubt ist. Sich zuständig fühlen für das Leiden anderer, für Ungerechtigkeit und Elend – auch dies gehört zum Bild des Melancholischen. Der Melancholische übernimmt nicht unbedingt die moralischen Vorstellungen anderer, sondern er selbst ist gelebte Moral – immer im Bewusstsein, nicht eigentlich das zu erreichen, was er »sollte«.
Nicht vermindern, sondern vermehren sollte man die Melancholie auf Erden. Wäre mehr Melancholie auf dieser Welt, dann gäbe es weniger Gewalt, weniger Elend in der Dritten Welt, vielleicht keine Kriege mehr und weniger Ungerechtigkeit und Ungleichheit, es entstünden mehr Gleichklang mit den natürlichen Rhythmen dieser Erde und ein Mehr an tiefem Wissen und … mehr Liebe.
»Trocknet nicht, trocknet nicht, Tränen der ewigen Liebe! Ach, nur dem halbgetrockneten Auge Wie öde, wie tot die Welt ihm erscheint!«(Johann Wolfgang von Goethe, »Wonne der Wehmut«)
Wenn Melancholie und spirituelles Suchen sich verbinden, kann sich der Zugang öffnen zu einer erfüllenden, geistigen Welt. Dabei tut sich der Melancholische leichter, wenn er nicht im Mystischen forschen muss, sondern wenn er sich an relativ festen religiösen Strukturen orientieren kann. Wer als Melancholiker die heiligen Stätten seiner geistigen Welt betritt, kann sich leichter als andere hingeben, sich öffnen und ins Innerste schauen. Das melancholische Ergriffensein kann leise Wunder wirken, Wunder, über die man nicht spricht. Søren Kierkegaard, dessen ganze Existenz von Melancholie, aber auch von quälender Schwermut durchdrungen war, beschreibt in den Tagebüchern sein religiöses Ergriffensein:
»Ein Leben, das mir selber zur Last war, wie sehr ich auch zuweilen all die glücklichen Anlagen verstand, aber wie alles mir verbittert wurde durch den schwarzen Punkt, der das Ganze verdarb … eines solchen Lebens nimmt Gott sich an. Er lässt mich in stiller Einsamkeit vor ihm weinen, meinen Schmerz ausweinen und wieder ausweinen, selig getröstet durch das Wissen, dass er um mich sich kümmert – und indessen gibt er diesem Schmerzensleben eine Bedeutung, die mich nahezu überwältigt, gibt mir Glück und Kraft und Weisheit …«
Ganz anders ist es, wenn man verzweifelt in einem ausweglosen depressiven Loch kauert und sich – trostlos und selbst-verurteilt – dem Göttlichen zu nähern versucht.
»Ob wir flehen oder fluchen …, ob wir flüstern oder schreien, unsere Stimme ist die der armen Menschen. Der armen ungehörten Menschen.«(Piero Meldini)
Nach Erlösung suchen, beten und göttlichen Beistand erflehen: Das kann – wenn man tief depressiv ist – umschlagen in ein Gefühl des Abgelehntwerdens, des Von-Gott-verdammt-Seins. Gottverlassen mehren sich innere Erschütterungen … Angst … Grauen … und führen manchmal zu einer verzweifelten Auflehnung gegen das vormals so verehrte Göttliche und Heilige … Dabei wächst der Wunsch nach Untergang, die Sehnsucht nach dem Tod, und gleichzeitig wächst – bizarrerweise – die Angst vor dem endgültigen Ende des Lebens.
Ein tief Depressiver kann aus Verzweiflung – wie der Prophet Elija – flehen: »Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele …« – Aber was geschieht, wenn Gott meine Seele gar nicht will – oder wenn es Gott gar nicht gibt? »Die Schwermut«, so der Religionsphilosoph Romano Guardini, »ist die Beunruhigung des Menschen durch die Nachbarschaft des Ewigen. Beseeligung und Bedrohung zugleich.«
Manche sind auf der Suche nach Gott … andere auf der Suche nach dem (verlorenen) Glück … und wieder andere sind auf der Suche nach sich selbst … Für die Selbstfindung bietet ein quasi industrieller Psychomarkt ein buntes Panoptikum an – vom Nackt-Encounter bis zur Fünfzig-Stunden-Marathongruppe, von Selbsterfahrung bis zum Ego-Powertraining.
Auch der Melancholische ist auf der Suche nach sich selbst. Oftmals überzeugt, dass diese Suche umsonst sei, sucht er dennoch weiter, ein Leben lang: in Büchern und Begegnungen, in Retreats, Events und Workshops, in Naturerlebnissen, in Exzessiv-Sportarten, Erotik, in kreativem Schaffen, in Träumen, Rausch und Drogen, in Meditation oder sozialer Hingabe … immer auf der Suche nach etwas, was er nie, nie erreichen wird.
Die Suche nach dem kleinen Ich-Selbst oder die Suche nach dem großen Selbst ist mit Risiken behaftet. Ich weiß letztendlich nicht, wer oder was mir da begegnet. Ich fliege hinaus bis zum Ende des Meeres, und dort, wo der Horizont beginnt, steige ich hoch in den Tummelplatz des Weltalls, bis ich mich verirre und mich in den Umlaufbahnen des Jupiters oder des Saturns bewege … Doch die Klangfülle der Bitterkeit und der Bruch mit dem Sein begleiten mich auch in fernste Sphären – so kann ich wohl auch wieder zur Erde zurückkehren und dort warten, bis die Sonnenstrahlen meine Tränen trocknen.
Ist die Suche nach dem Selbst eine geschickt verkleidete Selbstsucht?
Der manchmal kokett klingende Pessimismus des Melancholischen impliziert, dass er sich vom Negativen mehr und nachhaltiger beeindrucken lässt als vom Positiven. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Nach einer langen Fahrt nähert sich ein Mensch einem kristallklaren Bergsee, im Hintergrund schneebedeckte Gipfel, blutrot und prächtig ist die untergehende Sonne … Da entdeckt dieser Mensch eine achtlos weggeworfene Plastiktüte – und schon schwindet das Ergriffensein vom gewaltigen Schauspiel der Natur, und er denkt an Umweltverschmutzung und an qualmende Müllberge in Brasilien, wo halbverhungerte Kinder nach Verwertbarem suchen … Vielleicht gelingt es diesem melancholischen Menschen, mithilfe eines besonders tiefen Seufzers seine belastenden Gedanken und Emotionen – auch wenn sie einer Realität entspringen – zu verjagen und doch noch die Wunder der Natur aufzunehmen …
Die Psychologen lamentieren, der »melancholische Patient« neige zu Introvertiertheit, sei kontaktscheu und würde sich in krankhaft-anmutende Isolation begeben. Dies ist die Sichtweise derer, die Melancholie – fälschlich – als psychische Krankheit, als psychiatrisches Syndrom proklamieren. Doch die Wirklichkeit ist anders: Der Melancholische sucht die Stille, und die ist im Alleinig-Sein (das ist nicht Einsamkeit) leichter zu finden als in lauter Gesellschaft. In diesem eigentlich täglich wiederkehrenden Suchen nach der Stille des Lebens wird der Melancholische – wieder einmal – zum eigentlichen Vorbild für den »Normalbürger«. Eine Umkehrung der noch gültigen Werte ist überfällig: Bislang bemühen sich Psychiatrie und Psychologie – als Vollstrecker des Normalitätsbegriffs –, den Melancholischen wieder an den konturlosen Durchschnittsmenschen anzupassen. Mit Psychopharmaka oder Psychotherapie soll er wieder normalisiert und funktionsfähig gemacht werden. Doch das gerade Gegenteil scheint sinnvoll: Aufmerksam sollten die »Normalen« den Lebensweg eines Melancholischen betrachten und daraus Erkenntnisse ableiten. So lässt sich beispielsweise lernen, sich in die Stille zu begeben, oder – wie andere dies nennen mögen – Für-sich-Sein, in Meditation oder in Kontemplation zu versinken … zu sein mit sich und dem Selbst … Erlauben Sie nochmals, Kierkegaard zu Wort kommen zu lassen, mit den folgenden poetischen Zeilen:
»Es wächst die Stille, wie die Schatten des Nachmittags wachsen; da wird das Schweigen immer tiefer, wie unter einer beschwörenden Zauberformel. Gibt es etwas so Berauschendes wie die Stille? So rasch der Trinker den Becher an die Lippen führt: Der Wein berauscht ihn nicht so rasch wie mich die Stille, die mit jeder Sekunde wächst. Und dieser Becher Weins, ist er nicht wie ein Tropfen, verglichen mit dem unendlichen Meer des Schweigens, aus dem ich trinke? … Du bist ganz versunken und hast die Sprache vergessen …«
