Memento Mori (Band 2) - Jamie L. Farley - E-Book

Memento Mori (Band 2) E-Book

Jamie L. Farley

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Beschreibung

Taremia verliert sich. Stück für Stück. Ihrer Seele beraubt und von ihrer Magie getrennt, wird sie zunehmend ein Schatten ihrer selbst. Auch ihr Mann Hastor ist vom Schicksal gezeichnet und mit einem Fluch belegt worden, der ihn zur wilden Bestie werden lässt, sobald ihm die Kontrolle über seine Emotionen entgleitet. Einzig auf einer Insel weit im Meer gibt es Hoffnung auf Rettung für sie beide. Doch als die Götter selbst sich ihnen offenbaren, begreifen sie, wie prekär ihre Lage ist. Trotz der Aussichtslosigkeit weigern Taremia und Hastor sich, aufzugeben. Selbst wenn es bedeutet, sich erneut den Albträumen ihrer Vergangenheit zu stellen.

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Seitenzahl: 466

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Mirek

Kapitel 2 - Mirek

Kapitel 3 - Taremia

Kapitel 4 - Taremia

Kapitel 5 - Hastor

Kapitel 6 - Taremia

Kapitel 7 - Hastor

Kapitel 8 - Hastor

Kapitel 9 - Taremia

Kapitel 10 - Hastor

Kapitel 11 - Taremia

Kapitel 12 - Hastor

Kapitel 13 - Taremia

Kapitel 14 - Hastor

Kapitel 15 - Taremia

Kapitel 16 - Taremia

Kapitel 17 - Hastor

Kapitel 18 - Mirek

Kapitel 19 - Hastor

Kapitel 20 - Hastor

Kapitel 21 - Taremia

Kapitel 22 - Taremia

Kapitel 23 - Hastor

Kapitel 24 - Taremia

Kapitel 25 - Mirek

Kapitel 26 - Hastor

Kapitel 27 - Hastor

Kapitel 28 - Taremia

Kapitel 29 - Askan

Kapitel 30 - Hastor

Kapitel 31 - Taremia

Kapitel 32 - Hastor

Kapitel 33 - Taremia

Glossar

Dank

Jamie L. Farley

 

 

Memento Mori

Band 2: Insel der Verfluchten

 

 

Fantasy

 

 

 

 

 

Memento Mori (Band 2): Insel der Verfluchten

Taremia verliert sich. Stück für Stück. Ihrer Seele beraubt und von ihrer Magie getrennt, wird sie zunehmend ein Schatten ihrer selbst. Auch ihr Mann Hastor ist vom Schicksal gezeichnet und mit einem Fluch belegt worden, der ihn zur wilden Bestie werden lässt, sobald ihm die Kontrolle über seine Emotionen entgleitet. Einzig auf einer Insel weit im Meer gibt es Hoffnung auf Rettung für sie beide. Doch als die Götter selbst sich ihnen offenbaren, begreifen sie, wie prekär ihre Lage ist. Trotz der Aussichtslosigkeit weigern Taremia und Hastor sich, aufzugeben. Selbst wenn es bedeutet, sich erneut den Albträumen ihrer Vergangenheit zu stellen.

 

 

Der Autor

Jamie L. Farley wurde 1990 in Rostock geboren. 2010 zog er nach Leipzig und machte dort eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Schnell merkte er jedoch, dass das nicht der richtige Job für ihn ist, weshalb er sich entschlossen hat Pokémontrainer zu werden. Er ist in Leipzig geblieben und wohnt zusammen mit seiner besten Freundin Anika, einer Ente namens Dave und dem Haus-zombie Bradley in einer WG. Neben der Schreiberei gehören Videospiele zu seiner liebsten Freizeitbeschäftigung. Nach dem Veröffentlichen von zwei Kurzgeschichten, erschien sein Debüt ‚Adular (Band 1): Schutt und Asche‘ Anfang 2019 im Sternensand Verlag.

 

 

 

 

 

 

 

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Februar 2026

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2026

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Lektorat: Lektorat Laaksonen | Stefan Wilhelms

Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-389-9

ISBN (epub): 978-3-03896-390-5

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

Für meine Mama.

Ich hab dich lieb. ♡

Kapitel 1 - Mirek

Vergangenheit

 

Ächzend stemmte Mirek die Tür zum ungenutzten Teil des Dachbodens auf. Eine Welle schlechter Luft traf ihn und ließ ihn husten. Es war, als würde er gegen eine Wand aus Abgestandenheit, Staub und Zerfall laufen. Hinter ihnen fiel Mondlicht in den Raum. Mirek jedoch befand sich vor einer undurchdringlichen Schwärze, die sich ihm aufgrund der verschlossenen Fensterläden in den Weg stellte.

»Geht es dir gut?«, fragte Gromig. Der andere Zwerg knetete nervös den Beutel in seinen Händen. Wenigstens hatte er aufgehört, sich ständig durch das rotblonde Haar zu fahren. Auf den Barthaaren an seiner Unterlippe kaute er jedoch immer noch herum. »Und du bist wirklich sicher, dass wir …«

Mirek stöhnte genervt. »Ja, Gromig. Zum allerletzten Mal: Niemand wird uns hier oben erwischen. Es sind Ferien, die Akademie ist offiziell geschlossen. Wir werden den Schlüssel rechtzeitig zurückbringen und all unsere Spuren verwischen. Keiner wird merken, dass wir überhaupt auf dem Dachboden waren.«

Er schniefte. Hätte er nicht dringend die Assistenz einer vertrauenswürdigen Person benötigt, hätte er den anderen Schüler aus der Sache herausgelassen. Er war Mireks einziger Freund an dieser Akademie und dummerweise ein riesiger Feigling. Hätten seine Eltern ihm nur erlaubt, nach Anilin zu reisen. Die Akademie Krähenfels hatte seine Aufnahme bestätigt, alles, was ihm fehlte, war das Einverständnis seiner Eltern. Aber nein. Anilin war ihnen zu nah am verfluchten Adular. Zu nah an Kaiser Galdir und seinen Sklaventreibern. Sie fürchteten, dass er an die falschen Leute geriet.

»Ich bin kein Dunkelelf«, hatte Mirek argumentiert. »Niemand will einen Zwerg als Sklaven haben!«

Doch all seine Proteste hatten nichts genutzt. Er saß an einer zweitklassigen Magierschule fest. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das hier zu tun. Wie sollte er sonst seine hochgesteckten Ziele erreichen? Um das zu werden, was er sein wollte, brauchte er Macht. Viel mehr, als ihm der gewöhnliche Unterricht vermitteln konnte. Mehr, als es einem Sterblichen erlaubt war.

»Wäre dein Mut nur halb so groß wie deine Bestrebungen, würdest du nicht an mir zweifeln«, grummelte Mirek.

Gromig senkte den Blick auf den Beutel. »Hast ja recht. Ich fühle mich bloß unwohl, etwas … nun ja … Verbotenes zu tun.«

Mirek betrat die Dunkelheit und beschwor vier kleine Lichtkugeln, die er in einem Radius von sieben Metern um sie herum schweben ließ. Das weiche, weißblaue Licht warf Schatten auf den Boden, die im Staub tanzten und mit den Spinnweben spielten. »Manchmal muss man Regeln und Normen seinen Ambitionen opfern. Die Entdeckung und Bändigung der Elementarmagie verdanken wir den Leuten, die sich über das Verbot hinweggesetzt haben, mit dem Feuer zu spielen. Haben sie einige Landabstriche niedergebrannt und dadurch das ein oder andere Leben ausgelöscht? Mit Sicherheit. Aber ohne sie hätte dieser Zweig der Magie nie erblühen können, sondern wäre unter lauter Gesetzen verdorrt.«

Gromig grinste leicht und legte den Beutel auf den Boden. »Ich hoffe, du kannst das in ähnlich beeindruckenden Worten unserer Erzmagierin erklären, sollte sie herausfinden, was wir hier veranstalten und drohen, sich unsere Ärsche als Trophäen über den Kamin zu hängen.«

Mirek schnaubte, konnte aber eine gewisse Belustigung nicht unterdrücken. »Nicht nötig, weil sie hiervon nichts erfahren wird.« Er kniete sich zu dem anderen Zwerg und half ihm dabei, die Utensilien für das anstehende Ritual auszupacken.

Kreide und Asche, um die Runen auf den Boden zu zeichnen. Einen scharfen Dolch, um das notwendige Blut beizumischen. Eine Schale aus Ebenholz, die getrocknete Kräutermischung, die sie verbrennen würden. Zuletzt die Buchseite, auf der die Inkantation niedergeschrieben stand, die sie wiedergeben mussten, und eine kleine, versiegelte Schatulle.

Gromig sah sich auf dem Dachboden um, trat auf der Stelle und wirbelte so unnötig mehr Staub auf. »Was, wenn es nicht funktioniert?«

Mirek zuckte mit den Schultern. »Dann haben wir heute Abend unsere Zeit verschwendet.« Er betrachtete die Schatulle eingehend. Sie war weiß und glatt wie ein polierter Knochen und enthielt die wichtigste Zutat für ihr Ritual. »Alles hängt von diesem guten Stück hier ab.«

Ein Splitter vom Horn des elfischen Kriegsgottes Ruber. Er erschien häufig in der Gestalt eines großen, roten Stiers auf diversen Schlachtfeldern. Manchmal, um blutige Schneisen durch die Heere zu schlagen. Manchmal, um den Kämpfenden mit seinem markerschütternden Brüllen neuen Mut einzuimpfen.

Mirek hatte seinem Freund gegenüber behauptet, er habe diesen Splitter von einem Händler erworben. In Wahrheit jedoch hatte er ihn natürlich gestohlen. Von einem Magier, den Mirek im Zuge seiner Recherche über die elfischen Götter kennengelernt hatte. Es gab nicht genug Gold auf dieser Welt, um ein solches Stück bezahlen zu können.

Gromig ging neben ihm in die Hocke. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass dieser Splitter wirklich echt ist. Ich meine, das würde bedeuten, dass Götter verwundbar sind, oder nicht?«

Leise sprach Mirek die Formel, die das magische Siegel brach, mit dem die Schatulle verschlossen war. Er öffnete sie behutsam und betrachtete den Splitter. Etwa daumendick und knapp neun Zentimeter lang. »Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Stück vom Horn geschlagen wurde, war Ruber kein Gott mehr.«

Gromig kaute wieder auf seinem Bart. »Aber … zuvor wurde er an den Punkt einer Niederlage gebracht … Und das ist doch geschehen, indem er irgendwie verletzt wurde … oder?«

Mirek schielte zu seinem Freund und musterte ihn einen langen Moment. Gromig schien unter seinem Blick zu schrumpfen und malte schweigend mit dem Zeigefinger im Schmutz. »Ja, da magst du recht haben. Wenn alles funktioniert, wie es soll, dann können wir ihn das selbst fragen.«

Sie zeichneten den Bannkreis mit Mireks Blut, Kreide und Asche. Dann legten sie den Splitter in die Mitte und zündeten die Kräutermischung an.

Mirek räusperte sich laut und rezitierte eine alte Legende, die kaum noch jemand kannte. »Alle tausend Jahre ist es den Sterblichen möglich, die elfischen Götter herauszufordern und ihnen ihren Platz streitig zu machen. Unzählige haben es versucht, die besten Krieger, die klügsten Gelehrten und die mächtigsten Magier. Gelungen ist es bisher nur zwei Individuen.« Er blickte zu Gromig. »Fang an, die Formel zu sprechen!«

Sein Freund gehorchte. Zunächst langsam und leicht stotternd, dann zunehmend mit Sicherheit, las er die Beschwörung von der losen Buchseite ab.

»Einst wart Ihr bekannt als Ruber der Kriegsgott, bis ein Sterblicher daherkam und Euch in Eurem eigenen Spiel geschlagen hat. Doch auch nach Eurer Niederlage habt Ihr nicht aufgegeben. Ihr habt Euch geweigert, ins Nichts zu verschwinden und von der Welt, die Euch früher angebetet hat, vergessen zu werden«, fuhr Mirek fort und schloss die Augen. »Ich rufe Euch, Glaucus! Gefallener Gott, Schatten des Göttervaters Aureus! Ich rufe Euch und flehe Euch an, mir zu erscheinen!«

 

Als Mirek die Augen wieder öffnete, befand er sich nicht länger auf dem Dachboden der Akademie. Er befand sich nicht einmal mehr im eigenen Körper. Fremde Gedanken füllten seinen Kopf wie Wasser, das durch ein Leck in einen Schiffsrumpf drang.

Hier muss er sein. Ich habe nur diese eine Chance. Entweder sterbe ich in einem ehrenvollen Kampf oder ich erlange göttliche Kraft.

Langsam ließ er den Blick schweifen. Er stand auf einem Schlachtfeld inmitten einer Einöde, roch Leder, Stahl und kalte Asche. Überreste gefallener Krieger säumten den Boden, Knochenhände hielten verrostete Schwerter und zerbeulte Schilde. Zerbrochene Speere ragten wie spitze Zähne aus den Rippen der Toten. Es war so still, dass er hören konnte, wie das Blut durch seine Adern floss.

»Ruber!«, brüllte er mit unbekannter Stimme. »Ihr habt meine Herausforderung angenommen und mich in Euer Reich gebracht. Nun stellt Euch mir!«

Das matte Grau des Himmels färbte sich tiefrot, als würde das Firmament in Blut getränkt. Donnernder Trommelklang wurde vom Wind zu ihm getragen. Der Boden bebte, die alten Knochen klapperten beinahe hämisch. Sie lachten ihn für den Versuch aus, sich ihrem Herrn entgegenzustellen.

Mirek zog sein Schwert in einer fließenden, geübten Bewegung. Das Gewicht der Waffe lag vertraut in seiner Hand, obwohl er nie eine geführt hatte.

Verzerrte Gesichter formten sich in der schwarzen Rinde der abgestorbenen Bäume um ihn herum. Das Antlitz der Gefallenen, erfüllt von einer Mischung aus Entschlossenheit und ungebrochenem Stolz. Ihre Seelen bis zum Ende der Zeit Teil des Ewigen Heeres, das vom Kriegsgott angeführt wurde. Sie öffneten ihre hölzernen Münder und stimmten den rauen Marschgesang Rubers an:

 

›Wenn Himmel, wenn Seele in Blutrot sich färbt

Und Ruber voll Macht unsre Herzen bestärkt,

Dann schreitet das Heer mit flammendem Mut,

Mit eisernem Willen und brennender Wut.

Er ist unser Schild, führt kraftvoll das Schwert,

Weicht niemals zurück – so wird Sieg uns beschert.‹

 

Dutzende Stimmen dröhnten aus allen Richtungen. Ohrenbetäubend, schier lähmend in ihrer Lautstärke. Dennoch lag eine unbestreitbare Harmonie in ihrem Klang und Mirek spürte, wie er, statt davon niedergedrückt zu werden, von einer berauschenden Stärke erfüllt wurde.

Dann erblickte er ihn: Aus der Ferne stieg ein riesiger, roter Stier empor. Seine Augen glühten wie zwei Kohlestücke und Flammen hüllten seine Hufe ein.

Ruber schritt bedächtig näher, heißer Dampf stieg bei jedem Atemzug aus seinen Nüstern. Den Kopf stolz erhoben, seine spitzen Hörner drohend gen Himmel gerichtet.

Mireks Herz schlug ihm bis zum Hals, kalter Schweiß rann seinen Rücken hinab. Doch er war nicht ängstlich. Er war bereit zu kämpfen.

Die toten Bäume wogen sich knarzend im aufkommenden Sturm, während die Seelen der Gefallenen ihren Gott mit Ehrfurcht empfingen.

 

›Ruber, erhör uns – wir singen im Chor:

Trag unsre Stimmen dem Feinde ans Ohr.

Wir kämpfen erfüllt von göttlicher Macht,

Den Tod an der Seite – auf in die Schlacht!‹

 

Mirek hob seine Waffe und stürmte mit einem markerschütternden Kampfschrei auf den Stier zu. Ruber schnaubte und rannte ihm entgegen. Sein Schwert prallte vom Schädel des Stiers ab wie vom härtesten Stahl. Er taumelte zurück, riss seinen Schild hoch und wehrte den Hornstoß ab, der seine Brust durchbohrt hätte.

Ruber bäumte sich auf, ragte vier oder fünf Meter in den blutroten Himmel, die brennenden Hufen über Mireks Kopf gereckt. Der rettete sich mit einem Hechtsprung zur Seite, rollte sich ab und kam auf die Füße zurück. Er machte einen Satz nach vorn, bekam eines der Hörner der Gottheit zu packen und schwang sich daran auf ihren Rücken.

Ruber stieß einen zornigen Laut aus und versuchte, ihn wieder von sich zu werfen. Mirek presste seine Beine so fest er konnte gegen den mächtigen Stierkörper und rammte das Schwert bis zum Heft in seinen Rücken. Blut, heiß wie Lava, spritzte ihm ins Gesicht.

Das Brüllen des Gottes schien sein Trommelfell zu zerreißen. Mireks Ohren klingelten, als er den Halt verlor und im grauen Staub landete. Hastig rollte er sich weg, Rubers Hufe prallten auf den Boden. Er stand auf und zog die Axt aus der Halterung an seinem Gürtel. Sein Schwert steckte immer noch in Rubers Leib.

»Mi… Mirek.« Gromigs Stimme ging fast in dem nassen Gurgeln unter. »Hör a…«

 

Er blinzelte heftig und fand sich auf dem Dachboden wieder. Schwer atmend kniete er auf dem Boden, inmitten des Bannkreises. In seinen Händen hielt er den blutverschmierten Dolch. Vor ihm lag sein Freund, in einer Lache seines eigenen Blutes und übersät mit unzähligen Stichwunden.

Gromig starrte mit tränenden Augen zu ihm hoch. »Mirek …«

Langsam senkte Mirek die Klinge. Was hatte er getan? »Nein«, murmelte er. »Nein, nein, nein. Ich war auf einem Schlachtfeld, Gromig. Ich habe gegen Ruber gekämpft!«

»Hilf mir«, flehte sein Freund kraftlos.

»Es hat funktioniert«, fuhr Mirek aufgeregt fort. »Glaucus hat mich erhört!«

Gromig streckte zitternd eine Hand nach ihm aus. »Du musst mir helfen!«

Mirek richtete sich auf. Er war zu aufgeregt, um Mitleid zu empfinden. Glaucus war hier. Er spürte seine unheimliche Präsenz überall im Raum. »Was muss ich tun, damit ich mich als würdig erweise, Euch zu erblicken?«

Gromig schluchzte. »Ich will nicht sterben.«

Mirek wirbelte zu ihm herum. »Ein Opfer. Natürlich. Ich habe damit begonnen, ich muss es beenden.« Hastig kniete er sich zurück zu Gromig. »Glaucus, nehmt das Blut meines Freundes als Gabe. Nehmt seinen Schmerz und erkennt meine Hingabe!« Dann schnitt er seinem ehemaligen Freund die Kehle durch und wartete.

Momente lang. Minuten lang. Vielleicht eine Stunde? Das Blut trocknete an seiner Haut und Gromigs Körper wurde allmählich kalt. Doch Mirek zweifelte nicht. Er rezitierte abwechselnd die Formel auf der Buchseite und die alte Legende.

Schließlich nahm er etwas im Augenwinkel wahr. Graublauer Rauch kroch über die staubigen Dielen auf ihn zu. Er türmte sich vor ihm auf und nahm eine vage humanoide Gestalt an. »Ich bin stolz auf dich, Mirek.«

Er ließ sich auf die Knie fallen und senkte demütig sein Haupt. »Glaucus, Gefallener Gott. Es ehrt mich, dass Ihr mir erschienen seid.«

Glaucus gab ein dröhnendes Lachen von sich. »Deine Unterwürfigkeit soll gewürdigt werden. Steh auf!«

Mirek gehorchte.

»Du bist der Erste seit Jahrhunderten, der es gewagt hat, mich anzurufen«, fuhr Glaucus fort. »Als Belohnung dafür, will ich dir schenken, was dein Herz am meisten begehrt: Macht. Eine Macht, die es wert war, deinen Freund zu töten.« Die Rauchgestalt streckte ihm die Hand entgegen. »Verschreib dich mir und du wirst noch mehr davon bekommen. Ich kann dich Magie lehren, die dir keine Akademie je ermöglichen wird.«

Ohne zu zögern, schlug Mirek ein und besiegelte einen Pakt mit dem Gefallenen Gott.

Kapitel 2 - Mirek

Gegenwart

 

Allmählich verblasste sein Tagtraum. Im Austausch für Macht hatte Mirek sich bereit erklärt, Glaucus zurück zu alter Stärke zu verhelfen. Sein Bestreben nach Unsterblichkeit war eng damit verbunden, seinen Teil des Paktes zu erfüllen. Denn Glaucus hatte Wort gehalten und ihn mächtig werden lassen.

Dank des Gefallenen Gottes beherrschte Mirek Seelenmagie. Er war nicht länger ein einfacher Zwerg, sondern konnte in jede Gestalt schlüpfen, die ihm beliebte. Heute eine Menschenfrau, morgen ein Waldelf, übermorgen vielleicht eine Dunkelelfin.

Gromigs Tod war tragisch, aber notwendig gewesen. Dennoch dachte er manchmal an seinen alten Freund zurück und fragte sich, was aus ihm geworden wäre. Natürlich hatte Mirek nie jemandem erzählt, was in jener Nacht geschehen war, und Gromig galt seither als verschollen.

Zwar sollte die Zeit angeblich alle Wunden heilen, doch die Ungewissheit über seinen Verbleib nagte mit Sicherheit noch heute an seinen Verwandten.

Zeit war ein faszinierendes Konzept, wenn Mirek genauer darüber nachdachte. Jeder Tag hatte vierundzwanzig Stunden, die allerdings für den Einzelnen unterschiedlich schnell vergingen. Während er in Erinnerungen an die Vergangenheit geschwelgt und die Gegenwart ausgeblendet hatte, warf die ungewisse Zukunft einen finsteren Schatten über ihn.

Natürlich konnte er sich in allen glorreichen Bildern ausmalen, was einst sein würde. Was er einst sein würde. Aber die letzten Tage hatten ihm deutlich gezeigt, dass nichts in Stein gemeißelt, sondern eher in losen Sand geschrieben war.

Denn die Zeit arbeitete unermüdlich gegen ihn und nicht zum ersten Mal fragte Mirek sich, warum es bisher keinem ambitionierten Magier gelungen war, sie zu manipulieren. Er verzichtete bereits auf Schlaf, dennoch konnte er nichts daran ändern, dass ein Tag nun einmal nicht mehr als vierundzwanzig Stunden hatte, und das waren mindestens acht Stunden zu wenig.

Das Portal hinter ihm schloss sich und er fand sich in einem Raum wieder, den er gern als Wartezimmer betitelte. Interessenten der Arena jeglicher Art – freiwillige Kämpfer, Investoren oder der gewöhnliche Durchschnittssadist – wurden zuallererst hierhergebracht.

Ein grün getünchtes Landschaftsbild, über dessen Qualität man sicher streiten konnte, hing an der Wand rechts von ihm. Darunter stand eine gepolsterte Bank, die von zwei nutzlosen Topfpflanzen flankiert wurde.

Mit schmutzigen Stiefeln lief er über den hellen Teppich, der in der Mitte des Raumes ausgebreitet worden war.

Mirek deaktivierte den Teleportationskristall und atmete tief durch. Wenn Glaucus von ihm enttäuscht war, hatte der Gefallene Gott es ihn nicht spüren lassen.

Wie auch?, dachte er und betrachtete das Gemälde missbilligend. Amateurhaft war eine schmeichelhafte Bezeichnung für die Pinselführung dieses Künstlers. Er kann mich nicht verletzen oder wirklich bestrafen. Höchstens verbal schelten.

Er hatte seine anfängliche Ehrfurcht vor dem Gefallenen Gott schon vor langer Zeit verloren. Spätestens als Mirek bemerkt hatte, dass Glaucus wirklich bloß ein Schatten seiner selbst und nicht viel gefährlicher war als ein Windzug. Manchmal bäumte er sich auf, warf lautstark Fenster und Türen zu, wenn er durch das sinnbildliche Haus pfiff, aber Schaden anrichten konnte er nicht.

Mirek massierte sich das Genick. Sein Nacken war steif und seine Schläfen pochten – Spannungskopfschmerzen. Er hoffte sehr, dass Hiriana gute Nachrichten für ihn hatte. Sie konnten sich keinerlei Verzögerung leisten.

Obwohl nicht notwendig, klopfte er an die Holztür vor sich.

»Kommt rein«, rief eine Frau.

Mirek trat über die Schwelle in das kleine Büro. Hinter einem breiten Schreibtisch saß eine Hochelfin. Das lange, weiße Haar war zu einem straffen Dutt hochgebunden und hinter dichten Wimpern verbargen sich zwei stechend gelbe Augen. Sie trug ein azurblaues Kleid mit schwarzen und silbernen Elementen. Ihre Aufmerksamkeit galt den zahlreichen Dokumenten, die vor ihr ausgebreitet lagen.

»Grüße, Frau Hiriana«, sagte Mirek und verneigte sich leicht.

Hiriana sah zu ihm auf und legte das Papier aus der Hand. »Mirek.«

Er trat an den Schreibtisch heran. Mirek war ein Zwerg von hundertvierzig Zentimetern Höhe, die Tischplatte reichte ihm bis zur Brust. »Sagt mir, dass Ihr etwas für mich habt!«

Hiriana legte die schmalen Finger an ihre Stirn und zog gezielt ein Papierstück aus den Stapeln. »Unsere Kontakte bei der Stadtwache haben Lari aus dem Kerker von Malachit geholt.«

Mirek hatte das Gefühl, dass sich ein Teil der Verspannung in seinem Genick löste. Es tat gut, zu wissen, dass sich eine ihrer zuverlässigsten Mitarbeiterinnen wieder in der Arena befand. Die Dunkelelfin gehörte zu ihren Jägern, die ihnen regelmäßig neue Kämpfer brachten. Sie war damals an Hastors Entführung und der Ermordung seiner ältesten Schwester beteiligt gewesen.

Laris Komplizen, ein Menschenmann namens Odon, hatten ihre Leute gestern in einer alten Waldhütte gefunden. Seine Hände waren grässlich verstümmelt und er von seiner Gefangenschaft gezeichnet, aber er lebte, und das war die Hauptsache.

Mirek hielt sich damit zurück, erleichtert zu seufzen, und nahm den Zettel entgegen. Rasch überflog er den Bericht ihrer Spione und stellte zufrieden fest, dass es Lari zumindest körperlich gut ging. Das bedeutete, dass sie vermutlich nicht gefoltert worden war, um ihr Informationen zu entlocken.

»Was wollt Ihr nun mit dieser Grauhaut?«, fragte Hiriana missbilligend.

»Zum einen: Verkneift Euch endlich diese rassistischen Beschimpfungen! Es ist wirklich unerträglich.« Er konnte förmlich hören, wie sie die Augen verdrehte. »Zum anderen: Lari wird uns nützlich sein. Außerdem ist sie eine hervorragende Ansagerin für die Kämpfe. Das Publikum sieht sie gern.«

Hiriana schnaubte verächtlich. »Ansagerin für Kämpfe, die auf unbestimmte Zeit nicht stattfinden werden. Wir können uns glücklich schätzen, wenn die Grauhaut den Mund gehalten hat.«

Mirek funkelte sie über das Papier hinweg an.

Sie gab einen frustrierten Laut von sich. »Obwohl ihr Schweigen hinfällig ist. Odon hat vermutlich genug für sie beide geplappert. Und Hastor wird dem Palast längst alles übermittelt haben, was er über die Arena weiß. Allen voran unsere Namen.«

Mirek murrte in seinen nicht mehr vorhandenen Bart. Die schweren Wunden, die er beim Kampf gegen Taremia und wenig später auch durch Hastor erlitten hatte, waren zwar magisch geheilt worden. Von dem stolzen Zwergenbart, der sein Kinn einst geschmückt hatte, war allerdings nichts mehr übrig. Er würde die nächste Zeit in einer anderen Form verbringen, um die traurigen Stoppeln nicht jeden Tag im Spiegel sehen zu müssen.

»Ihr habt es exakt ein Mal geschafft, Hastor davon abzuhalten, seine Informationen weiterzugeben«, fuhr Hiriana fort. »Und dafür Euren Posten im Palast verloren. Was habt Ihr Euch überhaupt dabei gedacht? Ihr seid doch nicht ernsthaft davon ausgegangen …«

»Ich musste handeln«, unterbrach Mirek sie scharf. »Und wäre alles nach Plan gegangen, befände Taremia sich jetzt in meiner Gewalt und ich hätte Hastor erpressen können.«

Hiriana lehnte sich vor und taxierte ihn mit dem vernichtenden Blick einer Richterin, die ihr Urteil fällte. »Dem ist aber nicht so. Stattdessen wart Ihr derjenige, der sich retten musste, und letztlich habt Ihr nur verloren.«

Mirek knirschte mit den Zähnen. Was sich dieses Weibsstück alles herausnahm, war unfassbar. Das Papier raschelte leise, als er es fester umschloss. »Ich würde es mehr einen Rückschlag als eine Niederlage nennen.«

»Natürlich würdet Ihr das«, murmelte Hiriana.

Ehe er etwas erwidern konnte, klopfte es abermals und auf ihr Zeichen trat Ivoron ein. Ein hagerer Hochelf, der wie alle Vertreter seines Volkes viel zu groß geraten war. Sein weißes Haar reichte ihm bis zur Hälfte seines Rückens, durch die eingefallenen Wangen stachen die Jochbeine deutlich hervor. Einer seiner Arme war auffällig schmal und auch die Augen passten nicht richtig in sein Gesicht. Das lag daran, dass es nicht seine eigenen Körperteile waren, sondern die seiner ermordeten Tochter.

»Ivoron.« Mirek verneigte sich grüßend. »Ich nehme nicht an, dass du dir meinen Vorschlag noch mal überlegt hast?«

Der Hochelf verzog das Gesicht, als hätte er etwas Bitteres im Mund. »Ich habe dir mein letztes Wort dazu gegeben, Mirek: Du hältst den Rest meiner Familie aus dieser Sache raus!«

»Dürfte ich erfahren, worum es hier geht?«, fragte Hiriana.

Mirek vollführte eine wegwerfende Handbewegung. »Wie ich vorhin schon sagte, wäre ein Druckmittel gegen Hastor sehr hilfreich. Taremia ist uns entkommen. Aber soweit ich weiß, ist sein Verhältnis zu Eurer Schwester Hebriel recht gut. Nicht so innig, wie es zu Halvien war, aber fest genug, dass er alles stehen und liegen lassen würde, um ihr zur Hilfe zu eilen.«

Hastor und seine Schwestern waren Vierlinge, Halvien die Älteste und Hiriana die Jüngste von ihnen.

Ivoron schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Meine Entscheidung steht.«

»Ich befürworte das.« Hiriana drehte den Federkiel zwischen ihren Fingern. »Ich will nicht noch eine Schwester beerdigen müssen.«

Der Hochelfin nahm Mirek es noch am ehesten ab, dass der Tod von Halvien sie mitnahm, ihrem Vater aber nicht. Glaubte Ivoron tatsächlich, dass er um Halvien trauerte oder redete er sich das ein?

Ich hätte ihn allein ansprechen sollen. Vielleicht hält Hirianas Gegenwart ihn davon ab, die vernünftige Entscheidung zu treffen. Ob sie weiß, wer ihm seine neuen Augen und Gliedmaßen gespendet hat?

»Und wie gedenkst du, Hastor davon abzuhalten, seine Informationen an Valion weiterzugeben?«, fragte Mirek.

Valion war ein Dunkelelf, der zu Zeiten der Revolution die Rebellen angeführt hatte. Heutzutage kümmerte er sich um die Sicherheit im Kaiserreich, wie es einst Hastor getan hatte, und arbeitete Hand in Hand mit dem Kaiserpaar. Er war es gewesen, der Hastor den Auftrag erteilt hatte, die Vermisstenfälle der letzten Monate zu untersuchen und die Arena zu finden.

»Wenn das nicht ohnehin längst passiert ist«, fuhr Hiriana schnippisch dazwischen.

Bei allen Göttern, warum hielt sie nicht einfach die Klappe?

»Gar nicht.« Ivoron schlenderte auf den Schreibtisch zu. »Du konntest das erste Mal eingreifen, aber ich denke, wir sind uns beide darüber im Klaren, dass er sofort ein neues Schreiben aufgesetzt hat. Das bedeutet, die Grauhaut hat unsere Namen, die Namen von Wachen und Gefangenen und vermutlich auch einen groben Plan von diesem Ort. Alles, was ihm noch fehlt, ist der Zugang zur Arena.«

»Und das ist das Einzige, was noch zwischen der kaiserlichen Armee und uns steht«, brummte Mirek.

Lange würde das nicht so bleiben. Jeder hier im Raum wusste, dass es bloß eine Frage der Zeit war, bis ihre Gegner einen der Teleportationskristalle in die Finger bekamen.

»Wir haben dafür gesorgt, dass niemand außer uns hier reinkommt«, sagte Ivoron. »Die Kristalle sind deaktiviert und sollten zerstört werden. Wir tauchen unter und warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist.«

»Und die restlichen Gefangenen hier?«, hakte Hiriana nach.

Ivoron zuckte mit den Schultern. »Sie sind ohnehin dem Tod geweiht gewesen. Lass sie töten und verfahr mit den Leichen wie gehabt.«

Die Hochelfin nickte und notierte sich etwas.

»Von mir aus.« Mirek hatte keine Lust auf weitere Diskussionen und ohnehin Wichtigeres zu tun. »Würdet Ihr die Gefangenen bitte zu mir bringen lassen, Hiriana? Sagen wir in zehn Minuten. Odon in die Folterkammer. Lari ins Verhörzimmer.«

 

Über eine versteckte Wendeltreppe gelangte Mirek in die tieferen Ebenen der Arena. Hier unten befanden sich einige Isolierzellen, das Verhörzimmer und dahinter die Folterkammer. Allerdings war diese wenig beeindruckend. Es gab keine großen Gerätschaften oder sichtbare Instrumente, die schon beim Betreten Eindruck schindeten. Das Meiste, was sie besaßen, befand sich auf zwei breiten Tischen, die von Tüchern verhüllt wurden.

Eine Schande, dass Hiriana es in all der Zeit nicht für nötig erachtet hatte, in anständige Folterinstrumente zu investieren. Aber darüber hatte Mirek sich schon ausreichend aufgeregt.

Er ging zu einem hohen Spiegel, der an einer Wand lehnte, und drehte ihn mit der Vorderseite zu sich. Mirek starrte sich in die dunkelbraunen Augen unter buschigen Brauen. Langsam veränderte sich seine Gestalt. Aus dem schwarzhaarigen Zwerg wurde innerhalb weniger Sekunden eine blonde Menschenfrau. Ihre Iriden waren hellgrün, weizenblondes Haar fiel über ihre breiten Schultern. Sie war stämmig mit einem üppigen Busen und weiten Hüften. Mit einem Fingerschnipsen wandelte sich ihre Kleidung in die Rüstung der Stadtwache.

Mira würde es vermissen, in dieser Gestalt durch Adular zu streifen. Doch nachdem sie Valion attackiert hatte, konnte sie sich nicht mehr im Kaiserreich blicken lassen, ohne Gefahr zu laufen, eingekerkert zu werden.

Und dann habe ich das auch noch völlig umsonst getan, dachte sie frustriert. Sie hatte eingreifen müssen, um zu verhindern, dass ein Schreiben von Hastor in Valions Hände fiel. Vielleicht war sie zu impulsiv gewesen, hatte gehandelt, ohne nachzudenken. Aber ich konnte den Dingen auch nicht einfach ihren Lauf lassen. Wenn Ivoron bloß auf mich hören und Hebriel opfern würde, könnten wir Hastor mundtot machen.

Sie drehte den Spiegel wieder um und schlug ein Laken von einem der Tische zurück. Je länger sie grübelte, desto schlechter wurde ihre Laune.

Die Tür zur Kammer wurde aufgeworfen.

»Ich hatte keine andere Wahl«, schrie Odon. »Bitte, glaubt mir doch! Ich habe mich so lange zurückgehalten, wie ich konnte. Ich habe dieser Frau bloß die Richtung genannt, es ist Laris Schuld, dass sie hier reinkommen konnte.«

Mira würdigte ihn keines Blickes. »Fesselt ihn und lasst uns allein«, wies sie die Wachen an, denen sie ebenfalls den Rücken zukehrte.

»Ich bin schon genug gefoltert worden«, rief Odon. »Seht Euch meine Hände an und sagt mir, dass ich noch nicht genug gelitten habe!«

Eigentlich stecken wir nur wegen dir in der Klemme, dachte Mira naserümpfend. Hättest du Lari nicht an Taremia verraten, würde sich Hastor immer noch in unserer Gewalt befinden. Valion, das Kaiserpaar und Taremia würden im Dunklen tappen und ich könnte mich auf die wichtigen Dinge konzentrieren, statt Zeit und Kraft darauf zu verschwenden, diesen Karren hier aus dem Dreck zu ziehen.

Nein, selbst wenn Odon es verdiente, verspürte sie nicht die geringste Lust, ihn zu foltern. Er war nutzlos geworden und sie wollte sich nicht weiter mit ihm aufhalten. Sie nahm sich eine scharfe Axt und drehte sich endlich um.

Odon war ein glatzköpfiger Mann mit Vollbart, dessen Kleidung einige getrocknete Blutflecken aufwies. Seine Hände bestanden bloß noch aus zwei fingerlosen Stümpfen. Mit weit aufgerissenen, panischen Augen starrte er zu ihr hoch. »Nein, nein, nein. Hört mich an, ich …«

Mira trat ihn mitsamt Stuhl um. »Ihr habt genug geredet«, zischte sie.

»Diese Frau hat mich gefoltert«, wiederholte Odon weinerlich. »M-Meine Hände …«

»Sind mir vollkommen egal«, fauchte Mira. »Ihr hättet Euch nicht einmal fangen lassen dürfen. Wisst Ihr, wie viel uns die Schadensbegrenzung, die wir betreiben müssen, kostet? Ich musste meinen Posten im kaiserlichen Palast aufgeben!«

»Ich …«, setzte Odon neu an.

Doch Mira hatte genug von ihm. Sie holte aus und trennte ihm mit einem kraftvollen Schlag den Kopf ab. Blut spritzte auf ihre Stiefel und ergoss sich dunkel über den rauen Steinboden. Der schwere metallische Geruch füllte ihre Nase und den Mund gleichermaßen.

Sie leckte sich über die Lippen, die wie Kupfermünzen schmeckten, und spuckte aus. Die Axt ließ sie zurück, Odons Haupt las sie am Bart auf und verließ die Folterkammer.

Lari saß in einem der quadratischen Verhörräume. Hier gab es nichts außer zwei Stühlen, einer davon ausgestattet mit dicken Lederriemen, und einem Tisch dazwischen. Sie war an Armen, Beinen und dem Oberkörper mit den Gurten gefesselt.

Die Dunkelelfin hielt den Blick gesenkt, als Mira sich ihr gegenüber niederließ, und ignorierte auch das penetrante Tropfen. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar hing strähnig in ihr Gesicht und die anthrazitfarbene Haut wirkte fahl. Sie trug noch immer die muffige Gefängniskluft, bestehend aus einem langärmligen Hemd und einer verschlissenen Hose. Beides sah aus, als wäre es aus einem alten Kartoffelsack geschneidert worden.

»Willkommen zurück, Lari.«

»Ich habe ihnen nichts verraten«, presste die Dunkelelfin hervor.

»Das hoffe ich für Euch«, erwiderte Mira kühl und donnerte Odons Kopf auf den Tisch. »Je weniger Ihr gesagt habt, desto weniger Gründe habe ich, Euch wehzutun.«

Ruckartig hob Lari den Kopf und stieß einen entsetzten Schrei aus. Ihre hellroten Augen waren blutunterlaufen. Sie presste sich fester gegen die Rückenlehne. »Kein Wort, ich schwöre!«

»Warum sollte ich Euch glauben?«, fragte Mira. »Ihr seht, was mit Eurem Komplizen geschehen ist.«

Die Dunkelelfin starrte unentwegt in Odons totes Gesicht. »Ich weiß, wie mächtig die Betreiber dieser Arena sind, und habe jederzeit damit gerechnet, dass man mich aus dem Kerker holt. Ich weiß, welche Strafen mich erwarten würden, hätte ich geredet.«

Mira verschränkte die Finger ineinander und musterte sie schweigend. Der Blutgeruch war mittlerweile auch in diesem Raum so dicht, dass ihr übel wurde.

»Verdammt, seht mich an! Ich bin eine Dunkelelfin, denkt Ihr, ich hätte nicht gelernt, was es bedeutet, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen?«, rief Lari.

»Nun, meiner Information nach habt Ihr Euch während der Rebellion den Grauwölfen angeschlossen«, gab Mira unbeeindruckt zurück.

Lari wurde ruhiger. Sie schien Odons Tod zu akzeptieren und löste sich endlich von dem grauenhaften Anblick vor sich. »Und es hat mich meinen Mann gekostet«, erwiderte sie verbissen. »Ihr könnt mir glauben, dass ich gelernt habe, die Klappe zu halten, wenn es angebracht ist. Und dass ich in der Lage bin, mich für das kleinere Übel zu entscheiden. Im Kerker von Malachit ist man gut mit mir umgegangen. Wäre ich als Verräterin zurück in die Arena gekommen, könnt Ihr darauf vertrauen, dass ich in diesem Moment ein zitterndes Häufchen Elend wäre. Weil ich weiß, was mich erwarten würde.« Sie schielte abermals auf den Tisch und schauderte. »Ich habe keine Beweise für mein Schweigen, nur mein Wort.«

Mira schmunzelte. Sie hätte die Dunkelelfin gern noch ein wenig länger zappeln lassen. Aber es war gerade keine Zeit für Spiele. Mit einem Fingerschnipsen ließ sie den abgetrennten Kopf verschwinden. Bloß das vergossene Blut blieb zurück. »Gut. Ich will Euch Glauben schenken.«

Lari entspannte sichtlich und atmete langsam aus.

»Mein Name ist Mira. Wahrscheinlich habt Ihr schon von mir gehört.«

»Ja, Ihr seid die Spionin bei der Stadtwache. Mirek spricht wohlwollend von Euch«, sagte Lari bedächtig.

Miras Mundwinkel zuckten. Ein bisschen Eigenlob schadete nie. »Ich habe der Truppe, die Euch aus dem Kerker geholt hat, den Weg geebnet. Nun schickt Mirek mich, um Euch ein Angebot zu unterbreiten.«

Lari straffte sich angespannt. »Wie lautet es?«

Mira legte die Unterarme auf die Tischplatte, darauf achtend, sich nicht noch weiter mit Blut zu besudeln. »Anders als beim bedauernswerten Odon sind wir bei Euch bereit, zu verzeihen und Euer Leben zu verschonen.«

Lari ballte die Fäuste. »Ich …«

»Sht!« Mira hob die Hand und ließ sie verstummen. »Taremia ist ein gnadenloses wie skrupelloses Miststück. Mir ist bewusst, dass sie Euch die ganze Nacht und länger gefoltert hätte, um an Informationen zu kommen. Odon hat das am eigenen Leib erfahren und letztlich den Preis dafür gezahlt. Vielleicht ist das ganze – nennen wir es ›Projekt‹ – jetzt dem Untergang geweiht. Viele Leute müssen untertauchen und vermutlich ist Valion Briel samt dem Kaiserpaar bereits auf unseren Fersen.« Sie machte eine Pause und die Dunkelelfin schwieg. »Dennoch sind wir, wie gesagt, dazu bereit, Gnade vor Recht walten zu lassen. Wenn Ihr im Gegenzug alles dafür tut, Euren Fehler wiedergutzumachen.«

»Warum ich und nicht er?«, fragte Lari leise.

Mira vollführte eine wegwerfende Geste. »Was sollen wir mit einem Helfer, der nicht einmal in der Lage wäre, sich an der Nase zu kratzen?«

Lari schien noch blasser zu werden. Offenbar realisierte sie gerade, dass sie großes Glück gehabt hatte. Aber selbst wenn Taremia auch sie nachhaltig verletzt hätte, wäre Mira nicht bereit gewesen, die Dunkelelfin so schnell aufzugeben. Sie erkannte Potenzial in ihr, das noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft worden war.

»Ihr müsst sehen, die beiden stecken in erheblichen Schwierigkeiten. Hastor wurde ein Fluch aufgehalst, der dafür sorgt, dass er sich in eine wilde, mordende Bestie verwandelt, sobald seine Gefühle ein bisschen mit ihm durchgehen. Habt Ihr schon von den Voskul gehört?«

Für viele nichts weiter als eine gruselige Geschichte, mit der Eltern dafür sorgten, dass ihre Kinder nicht nach Sonnenuntergang draußen blieben. Voskul waren Gestaltwandler. Der Legende nach handelte es sich bei Tag um gewöhnliche Zwerge, Menschen oder Elfen. Doch in bestimmten Mondnächten, ob Voll- oder Neumond unterlag dem Erzähler, verwandelten sie sich in blutrünstige Bestien.

Soweit die Geschichten. Doch nicht die Mondphasen waren es, die eine Verwandlung auslösten, sondern die Emotionen des Verfluchten. Ob Freude, Angst oder Trauer, wenn die Gefühle stark genug waren, schlugen sie in eine zerstörerische Wut und letztlich die Transformation in ein Monster um.

Die Dunkelelfin nickte. »Eine ehemalige Freundin hat mir damit gerne Angst eingejagt, als wir noch Kinder waren. Ihr … wollt mir sagen, dass Hastor ein Voskul ist?«

»Ihr solltet Euch schnell damit abfinden, dass dieses alte Volksmärchen sehr real ist«, erwiderte Mira. »Taremia hingegen hat ihre Seele verloren. Mirek hat sie ihr aus dem Körper gezogen und sie in ein Steingefäß gesperrt. Ohne ihre Seele hat sie keinen Zugang zu ihrer Magie.«

Ein Schatten wanderte über Laris Gesicht. Etwas Boshaftes funkelte in den Tiefen ihrer roten Augen. Mira konnte sie fast schmecken, diese Rachsucht, die an der Seele der Dunkelelfin fraß – und sie war köstlich. Hass und Rache waren zwei schlechte Berater und soweit Mira sie einschätzen konnte, würde sich die Dunkelelfin nur allzu gern davon blenden lassen. Was sie zu einer perfekten, kleinen Marionette machte.

»Es gibt nur einen einzigen Ort, an dem sie Hilfe finden können: die Insel Velmora, auch die Insel der Verfluchten genannt. Und es gibt nur ein Schiff, das für die Überfahrt auf die Insel infrage kommt: die ›Goldstern‹ von der zwergischen Kapitänin Jinvian. Sie liegt im Hafen von Steinmünde. Wir haben dafür gesorgt, dass sich die Abfahrt um einige Tage verschiebt.«

Die Dunkelelfin zögerte, biss sich auf die Unterlippe. Sie schien mit sich zu hadern, ob sie das, was in ihrem Kopf vorging, aussprechen sollte oder nicht.

Mira entschied sich, ihr die Zeit für eine angemessene Entscheidung zu geben.

Schließlich räusperte sich Lari. »Was ist so besonders an dieser Insel? Ich meine … sicherlich würden sie doch auch hier irgendwo Hilfe finden?«

Keine dumme Frage und demnach auch keine Grenzüberschreitung in Miras Augen. »Velmora dient seit jeher als Rückzugsort für all jene, die vom Voskul-Fluch betroffen sind. Hastor ist eine Gefahr für sich und andere. Auf der Insel kann er von anderen Voskul lernen, mit seinem Fluch umzugehen.« Sie beobachtete, wie Odons Blut langsam auf die Tischkante zufloss. »Zudem lebt dort eine Magierin, von der sich Taremia erhofft, dass sie ihr ihre Seele wiedergeben kann.« Ein feiner roter Faden rann von der Tischplatte gen Boden. »Zusammengefasst befindet sich die Lösung all ihrer derzeitigen Probleme auf Velmora. Und dafür sind sie bereit, Adular hinter sich zu lassen und eine lange Reise auf sich zu nehmen.«

»Verstehe. Und … ich nehme an, Mirek will, dass ich sie verfolge?«, fragte Lari leise.

»In erster Linie müsst Ihr etwas an Bord des Schiffes schmuggeln«, sagte Mira. »Einen kleinen Orb, der als Fokuspunkt für einen Portalzauber dient. Ihr haltet Mirek quasi die Tür zu Hastor und Taremia auf. Und wenn Ihr schon mal dort seid, könnt Ihr auch gleich für uns spionieren. Liefert Mirek jedes Detail, das Ihr aufschnappt.«

Lari wand sich unsicher. »Wie soll ich das machen? Sie kennen mein Gesicht und werden in meiner Nähe keine privaten Gespräche führen. Außerdem: Wenn ich mit ihnen auf das Schiff gehe, werden sie genau wissen, dass Mirek mich geschickt hat.«

»Darüber müsst Ihr Euch keine Sorgen machen«, entgegnete Mira. »Wir werden Euch natürlich entsprechend tarnen.«

Die Dunkelelfin zögerte, als würde ihre Antwort nicht ohnehin längst feststehen, wenn ihr Leben ihr lieb war.

»Was ist los, Lari?«, hakte Mira nach, zwar mit freundlicher Stimme, doch einem drohenden Unterton. »Soll ich Euch Odons Kopf noch einmal zeigen? Oder seine verstümmelten Hände?«

Lari wand sich auf dem Stuhl. »Nein«, rief sie hastig. »Nein, das ist nicht nötig, ich … Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Ich bin einverstanden.«

Mira holte einen Zettel aus der Tasche und schob ihn über den Tisch. »Die Kapitänin heuert gerade an. Ich war so frei, Euch anzumelden, das hier ist die Bestätigung. Ich hoffe für Euch, dass Ihr seefest seid.«

Lari wurde ein wenig bleich. »Woher soll ich das wissen? Ich habe das Meer nie gesehen.«

»In dem Fall empfehle ich Ingwertee, der wirkt beruhigend auf den Magen«, sagte Mira lapidar. »Ich sagte Jinvian, dass Ihr keine Erfahrung habt, aber dringend das Gold braucht. Ihr werdet also als Leichtmatrosin anheuern und anderen bei ihrer Arbeit assistieren.«

Lari legte den Kopf in den Nacken und schloss einen Moment die Augen. Dann sah sie wieder zurück. »Wann kann ich aufbrechen?«

Mira stand auf. »Ihr macht Euch sofort auf den Weg nach Steinmünde und meldet Euch bei Jinvian.« Sie schlenderte um den Tisch herum und löste die Fesseln. »Folgt mir! Ihr bekommt ein Bad, neue Kleidung und eine Mahlzeit. Danach gebe ich Euch Eure Ausrüstung und lasse ein Portal nach Steinmünde für Euch öffnen.«

Kapitel 3 - Taremia

Vergangenheit

 

Vierundachtzig Jahre, sieben Monate, zwei Wochen und fünf Tage war es her, dass ihre Eltern sie diesem verfluchten Ritual unterzogen hatten. Rund 741915 Stunden und viele, so unendlich viele Minuten mehr.

Taremia starrte in die erdrückende Dunkelheit der winzigen, fensterlosen Kammer, in die ihre sogenannte Mutter Deluwen sie eingesperrt hatte. Sie lag ausgestreckt auf der blanken Holzpritsche, ohne den Komfort von Decke und Kissen. Nur Môrien schenkte ihr etwas Wärme. Die Katze hatte sich auf ihrer Brust zusammengerollt und schnurrte besänftigend.

Sie streichelte ihr abwesend durch das weiche Fell und wartete schlaflos darauf, dass jemand sie aus ihrem Gefängnis entließ.

Vor dem Ritual war sie hier regelmäßig panisch geworden, hatte schreiend und bettelnd gegen die Wände geschlagen. Heute nicht mehr. Sie sah keinen Grund dazu, zu schreien oder weiter gegen etwas zu kämpfen, das sie nicht bezwingen konnte. Die Angst von früher war bloß ein leises Wimmern irgendwo in den Schatten ihres Unterbewusstseins.

Taremias Leben war ein betäubender Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab. Nachts war sie eine Schattenklinge, eine gefürchtete und effiziente Assassine. Tagsüber die Sklavin ihrer Eltern, die deren Experimente über sich ergehen ließ. Jeder Tag schien der gleiche zu sein. Erwachen, Morde, Schmerzen, Demütigungen, Schlaf. Getränkt in die resignierte Hoffnungslosigkeit, dass sich jemals etwas ändern würde. Es war so repetitiv, dass sie das Gefühl hatte, langsam innerlich zu verrotten. Sie lebte seit Jahrzehnten nicht mehr, funktionierte nur noch. Tat, was sie musste, um zu überleben, weil niemand sie sterben lassen wollte.

Und doch gab es zwei Gründe für sie, sich weiter durch diesen Kreislauf zu schleppen.

Der erste war Môrien. Ihre beste und treueste Freundin. Ohne ihre Katze hätte Taremia längst vollends den Verstand verloren und wäre heute nicht gleichgültig, sondern wahnsinnig.

Der zweite war Hastor, wohl die einzige Person in dieser grauen Welt, der sie vertrauen konnte. Die wusste, wie es sich anfühlte, weiteratmen zu müssen, obwohl sich alles in einem dagegen sträubte.

Erst gestern hatte Môrien ihr wieder einen Brief von ihm überbracht. Dadurch, dass die Katze ihnen als Botin diente, war es ihnen bisher gelungen, ihren Briefwechsel geheim zu halten.

Denn auch Hastor war immer noch ein Gefangener. Trotz all seiner Erfolge und der Tatsache, dass er sich mittlerweile einen respektablen Ruf in Adular erarbeitet hatte, hielt Ivoron ihn an einer unsichtbaren Leine.

›Egal wie weit ich mich entferne, ich kehre unfreiwillig hierher zurück‹, hatte er einst geschrieben. ›Ich lege mich in meinem Haus hier in Malachit schlafen und erwache kurz darauf gefesselt in seinem Haus in Tartrazin.‹

Schon damals war klar gewesen, dass Magie im Spiel war, denn Taremia hatte ähnliche Erfahrungen gemacht. Es hatte einige Jahre an vorsichtiger Nachforschung gedauert, aber letztlich hatten sie herausgefunden, was sie an ihre Eltern band.

Es sind die Narben, dachte sie. Meine auf dem Rücken. Seine auf dem Bauch. ›Ratte‹ hat Ivoron ihm ins Fleisch geschnitten. Damit er nie vergisst, dass er in den Augen seines Vaters ein Schädling ist. Ungeziefer. Wertlos.

Genau wie ihre Eltern ihr jeden Tag deutlich machten, dass sie nichts weiter als ein Versuchskaninchen für ihre Experimente war. Bislang waren sämtliche Versuche, den Zauber brechen zu lassen, kläglich gescheitert.

›Ich bin so müde von diesem sogenannten Leben, Taremia. Du und meine Schwestern sind das Einzige, was mich hält. Und dennoch hoffe ich bei jeder Klinge, die auf mich zukommt, dass ich sie nicht abwehren kann.‹

Die restlichen Zeilen dieses Briefes standen so deutlich vor ihrem inneren Auge, als würde sie ihn abermals lesen. Wie gut sie ihn verstehen konnte. Wie sehr sie gleichzeitig fürchtete, dass es eines Tages tatsächlich dazu kam, dass er starb und sie in dieser Welt zurückließ.

Taremias Lider wurden schwer. In ein paar Stunden begann der Kreislauf von Neuem.

Môrien glitt von ihrem Oberkörper und schmiegte sich an ihre Flanke. ›Die Herrin sollte sich drehen. Sie hat zu lange still gelegen.‹

Sie wälzte sich auf die Seite, schob den angewinkelten Arm unter ihren Kopf und zog die Beine an.

›Gut‹, lobte Môrien zufrieden. ›Und nun muss sie schlafen. Môrien passt auf, dass die Herrin nicht von Albträumen gequält wird.‹

»Danke«, raunte Taremia tonlos und kraulte sie sanft zwischen den Ohren.

Von draußen erklang ein schleifendes Geräusch. Das Bücherregal, das den Zugang zu ihrer Kammer verbarg, wurde zur Seite geschoben. Môrien verschwand augenblicklich und Taremia setzte sich auf.

Die Tür wurde geöffnet und der Hochelf Camrik trat ein. Ihr Vater und die rechte Hand der Gildenmeisterin Deluwen. Ihrer Mutter. Er stand mit verschränkten Armen im Gegenlicht, sodass ihr seine Visage großenteils erspart blieb. »Folge mir!«

Sie zog sich ihre Stiefel an und tat stumm wie geheißen. Sie durchquerten das leere Büro von Deluwen, und Taremia erhaschte einen kurzen Blick nach draußen. Es war noch dunkel, was erklärte, warum ihre Mutter nicht hinter dem Schreibtisch saß.

Camrik führte sie hinab in den Kerker der Gilde. Ein kalter Stich der Angst durchdrang ihre emotionale Taubheit. Taremia hielt sich davon ab, in die Zellen zu schauen oder zu tief zu atmen. Stur sah sie zu Boden, auf die tristen, grauen Steinplatten. Der Gestank nach Schmerz und Elend war hier unten schier unerträglich.

Welchen Grund könnte er haben, mich herzubringen?

Ketten rasselten zu ihrer Rechten und ein Mann stöhnte schmerzerfüllt.

Für Experimente haben sie mich entweder zu zweit geholt oder von einer dritten Person bringen lassen. Er wäre in gänzlich anderer Stimmung, wenn es darum ginge.

Vermutlich gab es keinen triftigen Grund. Camrik würde irgendetwas vorschieben; er sei mit ihrer Leistung nicht zufrieden, sie habe sich einen fatalen Fehler erlaubt, den er nie erläutern würde …

Er hat schlechte Laune und braucht ein Ventil für seine Aggressionen.

Ein leiser, verlorener Teil von ihr wollte wütend darüber werden. Doch so wie ihre anfängliche Angst wieder von der kalten Gleichgültigkeit erstickt worden war, erstarb auch dieser Funke schnell. Es hatte keinen Zweck, aufbrausend oder ängstlich zu sein. Keine Gefühlsregung würde irgendetwas an dem ändern, was sie erwartete. Nichts zu fühlen, machte die Dinge erträglicher.

Camrik wies in das Verhörzimmer, das sich vor der Folterkammer befand. »Setz dich!«

Taremia ließ sich auf dem Stuhl nieder und legte die Hände flach auf den zerkratzten Tisch vor sich, wie sie es immer tun musste.

Ihr Vater verschwand in der Folterkammer. Sie starrte dumpf vor sich hin und wappnete sich dafür, dass er sie mindestens mit irgendeinem Gegenstand verprügeln würde. Vielleicht kam sie mit einem blauen Auge und einer gebrochenen Nase davon. Unwillkürlich bohrte sie ihre Nägel ins Holz, als sich ihre Finger verkrampften.

Hoffentlich holt er nicht die Daumenschraube. Bitte nicht die Daumenschraube.

Ein klägliches Maunzen ließ das Blut in ihren Adern gefrieren. Taremia riss den Kopf so abrupt hoch, dass ihr schwindelig wurde.

Camrik schloss die Tür hinter sich und stellte einen Käfig auf den Tisch. Môrien kauerte hinter den Stäben, ihr schwarzes Fell gesträubt, den Schwanz fest an den Körper gepresst.

›Môrien durfte die Herrin nicht warnen‹, flüsterte die Katze. ›Sonst hätte das Männchen der Herrin etwas angetan.‹

Camrik schlug gegen den Käfig. »Ruhe! Ich bekomme nach wie vor mit, wenn du mit ihr sprichst.«

Môrien zuckte zusammen und drängte sich weiter in eine Ecke.

Taremia war vollkommen gelähmt. Lange war ihr nicht mehr derart kalt gewesen. Sie krallte sich in die Tischplatte, während ihre Gedanken sich wild überschlugen. So verängstigt hatte sie ihre Katze zuletzt gesehen, als sie noch ein gewöhnliches Tier gewesen war. Bevor Taremia sie zu ihrer Vertrauten gemacht hatte, hatte sich Môrien vor Gewittern gefürchtet. Nach dem Ritual war sie schier unerschrocken gewesen.

Jeden anderen hätte sie angefaucht. Vor ihm zittert sie.

Ein Gefühl grub sich durch ihre Brust, das sie nicht erklären konnte. Es war wie ein Gewicht, das ihre Rippen langsam verbog und zu brechen drohte. Es waren scharfe Dornen, die sich in ihr Herz bohrten.

Selbst sie zittert vor ihm.

Camrik ließ sich ihr gegenüber nieder. Sein langes, weißes Haar gekämmt und störende Strähnen weggesteckt. Die in Schwarz und Dunkelbraun gehaltene Gildenkluft hatte weder Flecken noch Falten. Sein Gesicht eine geduldige, berechnende Maske. Alles an ihm war widerwärtig falsch und perfekt.

»Ich bin ehrlich erstaunt, dass du sie so lange vor mir geheim halten konntest«, begann er ruhig. Sie hasste es, wenn er so sprach. Es bedeutete jedes Mal, dass er kurz davor stand, vor Wut zu explodieren. »Weder Deluwen noch ich haben dir gestattet, dir eine Vertraute zuzulegen. Warum hast du es dennoch für eine gute Idee gehalten, Mädchen?«

Taremia konnte ihren Blick nicht von Môrien lassen. Sie schluckte trocken und räusperte sich. »Sie ist meine Spionin«, antwortete sie mit einer Stimme, die fremd in ihren Ohren klang. »Überwacht für mich meine Zielobjekte und hält die Augen nach Störungen offen.«

Camrik verpasste ihr eine Ohrfeige. Mit der flachen Hand wie bei einem ungezogenen Kind. »Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst!«

Taremia löste sich widerwillig von ihrer Katze und taxierte ihren Vater. Das Brennen in ihrer Wange ignorierte sie. »Sie ist eine große Hilfe bei meinen Aufträgen.«

»Darum geht es hier nicht«, zischte Camrik. Er stemmte die Hände auf den Tisch und richtete sich betont langsam auf, bis er sich über sie beugen konnte. »Seit wann trifft ein Werkzeug eigenständige Entscheidungen? Was du zu tun oder zu lassen hast, bestimmst nicht du, sondern wir. Wie lange hast du sie schon?«

Taremias Brustkorb schien immer kleiner zu werden, sodass ihre Organe kaum noch Platz hatten, um richtig arbeiten zu können. Sie atmete flach und drohte zu ersticken. Ihr Herz schien bis in ihre Kehle zu schlagen. »Seit …«

Camrik packte ihr Haar und donnerte ihr Gesicht auf den Tisch. Er stemmte sich mit dem Handballen auf ihre Schläfe und drückte sie fest nach unten. »Wie lange?«

»Seit meinem sechzehnten Sommer«, presste Taremia hervor.

Magie erfüllte den Raum. Ihre Kopfhaut kribbelte unangenehm und die Narben auf ihrem Rücken spannten. Môrien maunzte.

»Wann hast du sie an dich gebunden?«, fragte Camrik weiter.

»Vierzehn Monate nach dem Ritual.«

Ihr Vater wiederholte den Zeitraum. »Ich bin … fast ein wenig beeindruckt davon. Wir hätten dich von Anfang an wesentlich schärfer beobachten sollen.«

Er schnipste einmal. Heißer Schmerz schien ihren gesamten Rücken in Brand zu setzen. Die Muskulatur in ihren Gliedmaßen verkrampfte so stark, dass sie die Kontrolle darüber verlor.

Camrik zerrte sie hoch und nahm den Käfig wieder an sich. »Das hat jetzt ein Ende. Du hast genug mit dieser Katze gespielt.«

›Er darf Môrien nichts antun‹, rief die Katze. ›Môrien muss die Herrin beschützen!‹

Die schrille Panik in der sonst so zarten Stimme ihrer Katze war wie ein heißer Stich im Innenohr. Zunächst subtil, selbst für sie kaum wahrnehmbar, braute sich ein Sturm in ihr zusammen.

Taremias gekrümmte Finger zuckten. »Bitte, tut ihr nichts! Mit ihr als meiner Vertrauten bin ich schneller und effizienter. Die Gilde profitiert von ihr. Ich nehme jede Strafe auf mich, nur lasst sie bitte gehen!«

»Oh, du wirst Strafen auf dich nehmen«, bestätigte Camrik.

Er fesselte sie auf einen Stuhl, der an den Armlehnen, der Rückenlehne und Sitzfläche mit Eisendornen bespickt war. Je länger sie darauf saß, desto tiefer würden sich die Stacheln in ihr Fleisch graben.

»Dieses Vieh sollte nicht existieren«, fuhr er fort und stellte den Käfig auf einem Tisch ab.

›Herrin! Er wird Môrien töten!‹

»Ich flehe Euch an, verschont sie!« Taremia ignorierte die Stacheln, die sich gegen ihre Haut drückten, und wand sich heftig. »Ihr dürft ihr nichts antun!«

Camrik gluckste amüsiert. »Ich habe dich lange nicht mehr derart … emotional gesehen. Oder so schön und ehrlich betteln hören.« Er beschwor eine Flamme in seiner Handfläche und brachte Môriens Käfig zum Schweben. »Mir gefällt das. Wenn du noch ein bisschen armseliger klingst, erlöse ich das Vieh vielleicht schneller.« Er hielt die Flamme unter den Käfigboden.

Môrien trat unruhig auf der Stelle und stieß leise, verstörte Laute aus. Immer wieder rief sie telepathisch nach Taremia. ›Môrien fürchtet sich. Der Boden wird heiß. Sie will keine Schmerzen haben!‹

Egal, was Taremia tat, wie sehr sie flehte und bettelte, es würde ihr nichts nutzen. Es hatte ihr noch nie etwas genutzt. Ihre einzige Freundin, eines der letzten Lichter in ihrem Leben würde ihr genommen werden. So, wie ihre Eltern ihr schon alles andere genommen hatten.

Taremias Kopf pochte. Der Sturm in ihrem Inneren tobte stärker und doch wurde ihre Panik zunehmend leise. Die kalte Taubheit wich aus ihr und wurde durch eine siedend heiße Wut ersetzt. Sie starrte in das Gesicht ihres Vaters, taxierte das gehässige Grinsen und die unverhohlene Schadenfreude in seinen Augen.

Môrien maunzte kläglich.

»Lass sie gehen«, knurrte Taremia.

Camrik zog eine Braue hoch. »Das ist …«

»Lass sie gehen!«, wiederholte sie. »Lass sie gehen!«

Der Stuhl zersprang unter ihr. Sie erhob sich in die Luft, ihr Haar peitschte in ihr Gesicht, Blitze umhüllten sie wie ein schützender Schild.

Camrik fluchte und ließ vom Käfig ab. »Hör sofort auf damit!«

Zuerst versuchte er erfolglos, ihrem Zauber die Kraft zu entziehen. Doch statt einer alles verschlingenden Flutwelle war seine Gegenwehr nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ihr Vater wich zurück, seine Lippen bewegten sich permanent. Obwohl seine Worte sie nicht erreichten, wusste sie, dass er sie mit Hilfe der Narben auf ihrem Rücken unter Kontrolle bringen wollte.

Doch Taremia spürte keinen Schmerz. Alles, was sie noch wahrnahm, war der unbändige Hass auf ihren Vater. Sie stieß einen langen, schrillen Schrei aus und warf ihm die gebündelte Kraft der Blitze entgegen. Sie schrie weiter, während gleißendes Licht den gesamten Raum erfüllte. Sie schrie auch dann noch, als ihre Stimme allmählich versagte.

›Herrin?‹

Taremia stand wieder auf dem Boden. Ihr Hals kratzte und ihr Atem ging schwer. Sie starrte geradeaus ins Leere, ohne wirklich zu sehen, was sich vor ihr befand.

›Herrin!‹

Langsam richtete sie ihren Fokus auf die Katze.

›Sie hat es geschafft! Sie hat das böse Männchen bezwungen!‹

Taremia blinzelte. Allmählich realisierte sie, was sie getan hatte. Von Camrik waren lediglich ein paar verkohlte Überreste geblieben.

Er ist tot, dachte sie. Ich habe meinen Vater getötet.

Wie in Trance befreite sie Môrien aus dem Käfig und drückte die Katze sanft an sich. »Geht es dir gut?«

Môrien maunzte bestätigend. ›Sie hat alles gesehen. Sie hat gesehen, wie die Herrin das Männchen verbrannt hat, weil es Môrien verbrennen wollte. Sie hat gehört, wie das Männchen gebrüllt hat, als es gestorben ist. Und sie hat gefühlt, wie mächtig die Herrin ist.‹ Schnurrend schmiegte sie den Kopf an Taremias Brust. ›Die Herrin hat Môrien gerettet.‹

Taremia ließ sich auf einem harmlosen Stuhl nieder und setzte Môrien auf ihrem Schoß ab. »Er hätte dich nicht bedrohen sollen«, murmelte sie.

Kapitel 4 - Taremia

Gegenwart

 

Taremia erwachte abrupt im Hier und Jetzt. Sie tastete nach ihrer Katze und fand sie neben sich.

»Mrrmp?«, gab Môrien verschlafen von sich.

Sie hörte ihre Stimme nicht. Obwohl es schon seit Tagen so war, versetzte es Taremia jedes Mal aufs Neue einen schmerzhaften Stich. »Schon gut«, raunte sie.

Müde schloss sie die Augen und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. Seit vier Tagen saßen sie in der kleinen Hafenstadt Steinmünde fest. Das Schiff, das sie auf die Insel der Voskul bringen sollte, konnte nicht ablegen, weil ihnen wichtige Handelsgüter fehlten. Die Händler waren auf unbekannte Schwierigkeiten gestoßen und sie sollte verdammt sein, wenn Mirek nicht mindestens eine davon verursacht hatte.

Taremia stand der anstehenden Reise mehr als skeptisch gegenüber. Bei besten Bedingungen würde die Überfahrt zehn Tage dauern. Und dann gab es keine Garantie dafür, dass ihnen auf Velmora wirklich jemand helfen konnte. Oder wollte.

Das Zimmer, das sie sich mit dem Dunkelelfen Askan und ihrem Mann Hastor teilte, war in Schweigen und Dunkelheit gehüllt. Sie lauschte nach Stimmen aus der Schankstube im Erdgeschoss oder Schritten auf dem Flur. Doch das gesamte Gasthaus schien in stillen Schlummer versunken zu sein.

Askan hatte die Insel ins Spiel gebracht. »Ein sicherer Hafen für alle Voskul«, hatte er sie genannt. Er war selbst vom Fluch betroffen und hatte dort gelernt, seine innere Bestie zu kontrollieren.