Memmingen - Christoph Engelhard - E-Book

Memmingen E-Book

Christoph Engelhard

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Beschreibung

Vergleichbar mit anderen Städten in Oberschwaben gelang es Memmingen im 13. Jahrhundert, sich als eine Stadt des Heiligen Römischen Reiches zu etablieren. In der anschließenden Blütezeit erhielt die Altstadt ihre bis heute prägende Gestalt. Eine 1347 eingeführte Zunftverfassung sorgte für Ausgleich und Dialog – beides gute Argumente für die oberschwäbischen Bauern, sich 1525 in Memmingen zu einer "Christlichen Vereinigung" zusammenzuschließen. Mit der Integration ins bayerische Staatswesen begann 1802 ein neuer Zeitabschnitt, in dem es einiger Anstrengungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedurfte, um zu neuer Blüte zu gelangen. Was zeichnet eine Stadt wie Memmingen aus? Ganz bestimmt die guten und auch schlechten Erfahrungen, die ihre Bewohner*innen in den vergangenen Jahrhunderten gemacht haben.

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Christoph Engelhard

Memmingen

Kleine Stadtgeschichte

Gewidmet den Memminger Bürgern Paul Hoepp,Adam Bechtinger, Hans Lutz, Georg Lamprecht undGeorg Teufel, die am 11. Juni/4. Juli 1525 zum Todeverurteilt und auf dem Marktplatz hingerichtet wurden.

BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DERDEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg

Tel. 0941/920220 | [email protected]

ISBN 978-3-7917-3275-6

Reihen-/Umschlaggestaltung und Layout: www.martinveicht.de

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany 2021

eISBN 978-3-7917-6206-7 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter

www.verlag-pustet.de

Inhalt

Vorwort

Vor- und Frühgeschichte: Erste Siedlungsspuren im Memminger Raum

Naturkundliche Grundlagen / Keltische und römische Spuren

Stadtwerdung: Memmingen im Früh- und Hochmittelalter

Welfischer Herrschaftssitz / Herzog Welf VI. / Kirchen und Spitäler in der staufischen »Civitas« / Benninger Wunderhostie und Memminger Heiltum / Privilegierung der Stadt / Stadtrecht und Bürgerrecht / Freie Reichsstadt / Diskriminierung der Juden

Zünftisch verfasste Reichsstadt: Memmingen im späten Mittelalter

Zunftverfassung / Zentral- und Gerichtsort im Netz schwäbischer Städte / Stadtgestalt / Heilig-Geist-Spital / Wirtschaft / Kirche, Kunst und Kultur / Hans, Ivo und Bernhard Strigel / Petrus Mitte de Caprariis / Verfassungskonflikte zwischen Kaufleuten und Handwerkern / Albrecht Kunne / Erhard Vöhlin und Elisabeth Lauginger

Aufbegehren des »gemeinen Mannes« und Reform des Kirchenwesens: Memmingen im Reformationszeitalter

Ludwig Vogelmann / Religionsgespräch / Bauernaufstand / Christoph Schappeler und Sebastian Lotzer / Zwölf Artikel / Oberdeutsche Reformation / Eberhard Zangmeister / Lutherische Reformation

Gesellschaftliche Stagnation und große Not: Memmingen zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg

Karolingische Verfassung / Simultaneum zu Unser Frauen / Stadtregiment zwischen Krisenbewältigung und Ordnungspolitik/ Landeshoheit und Freie Pirsch / Lutz von Freyburg / Dreißigjähriger Krieg

Wirtschaftliche Erholung und bescheidene Blüte: Memmingen im späten 17. und im 18. Jahrhundert

Spanischer Erbfolgekrieg / Innerstädtische Spannungen / Barock in Stadt und Land / Handelsgesellschaften / Kulturelle Glanzlichter / Manufakturen und gesellschaftliche Spannungen / Künersberger Fayencen

Mediatisierung der Reichsstadt und Randlage in Bayern: Memmingen im frühen 19. Jahrhundert

Napoleonische Kriege und Mediatisierung / Stadtverfassung im Kurfürstentum / Neue Kriegsgefahren / Munizipalverfassung / Wirtschaftliche Auswirkungen / Konfessionelle Veränderungen / Reform des Schulwesens / Fürsorge und Armenpflege / Wiederherstellung kommunaler Selbstverwaltung / Elias Küchlin / Biedermeierliche Stagnation / Caroline Rheineck und Amalie Rehm

Aufbruch in eine neue Epoche: Memmingen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Aufbruchstimmung / Landwirtschaftsfest / Anschluss ans Eisenbahnnetz / Eisenbahnkomitee / Gesellschaftlicher Zusammenhalt / Freiwillige Feuerwehr / Ende der Staatskuratel / Modernisierung der Infrastruktur / Julius von Roeck / Bildungs-, Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum / Konfessionen und Religionen / Albrecht Gerstle / Wohnen und Arbeiten / Höhepunkt und Krise zur Jahrhundertwende / Vom Bachabschlagen zum Fischertag / Wechsel im Bürgermeisteramt / Baugenossenschaften / Johann Pfeffer

Revolution – Republik – Diktatur: Memmingen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Erster Weltkrieg / Revolution und Räterepublik / Hedwig Hildenbrand und Marie Köberle / Georg Dannecker / Wirtschaftliche Entspannung in politisch unruhiger Zeit / Jahrmarkt / Veränderungen im Bildungs- und Sozialsektor / Schlacht- und Viehhof / Konfessionelle Spaltung der Gesellschaft / Emil Kerler und Friedrich Wilhelm Göppel / Weltwirtschaftskrise / Ende der Demokratie / Arbeitsbeschaffung und Siedlungsbau / Diktatur und Ausbau der öffentlichen Infrastruktur / Fliegerhorst / Eingemeindungsversuche und Verlust der Kreisfreiheit / Verfolgung von Juden und Vernichtung »unwerten« Lebens / Anpassung und Widerstand / Zweiter Weltkrieg

Nachkriegszeit: (Wieder-)Aufbau in Memmingen nach 1945

Stadtverwaltung und Stadtpolizei / Versorgung von Displaced Persons, Flüchtlingen und Vertriebenen / Entnazifizierung und Demokratisierung / Kunst und Kultur / Wiederherstellung einer freien Presse / Kreisfreiheit und Gemeindepolitik / Ausbau der Infrastruktur im »Wirtschaftswunder« / Kriegsgedenken und Völkerverständigung / Vom Frühlingsumzug zum Kinderfest

Eine Stadt im Wandel: Memmingen im vergangenen halben Jahrhundert

Parteien im Stadtrat und Oberbürgermeister im Rathaus / Bildungsreform / Gebietsreform / Altstadtsanierung / Memminger »Hexenprozesse« / Frauen in der Politik / Auf dem Weg zum Oberzentrum / Landesgartenschau / Landestheater Schwaben / Autobahnkreuz, Airport und Elektrifizierung der Bahn / Klinikum

Ausblick

Anhang

Zeittafel / Eingemeindete Orte / Karte von Memmingen / (Ober-)Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete seit 1804 / Literaturhinweise / Orts- und Personenregister / Bildnachweis

Vorwort

Die vorliegende »Kleine Stadtgeschichte« unterscheidet sich von den früheren Stadtchroniken (von Jakob Friederich Unold und Christoph Schorer) und der großen »Stadtgeschichte« (Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadtzeit/Vom Neubeginn im Königreich bis 1945) dadurch, dass sie holzschnittartig versucht, die Geschichte eines Gemeinwesens zu umschreiben, das unter dem Namen »Memmingen« wohl irgendwann im 11. Jahrhundert das Licht der Welt erblickte und zur Heimat von Frauen und Männer wurde – zunächst unter dem Dach des Heiligen Römischen Reiches, dann in einem Flächenstaat, der sich Bayern nennt, aber auch Franken und Schwaben zu seinen Bewohnern zählt. Dabei können nicht alle Besonderheiten und Kuriositäten im jahrhundertewährenden Gang einer Stadt durch die Geschichte aufgezählt werden.

Auch möge man dem Verfasser verzeihen, dass nur einiger weniger Personen namentlich gedacht werden kann – und wie so oft am allerwenigsten der vielen namenlosen Frauen und Männer im sozialen Dienst für ihre Mitmenschen. Unberücksichtigt muss auch das Leben einiger kreativer Menschen bleiben – wie der Modeschöpferin Lieselotte Hauser (1912–2004) oder des Erfinders Elias Bilgram (1724–1803) sowie all der Persönlichkeiten, die außerhalb Memmingens Großes vollbracht haben: der Kaufmann und Chronist Burkhard Zingg (1396– 1474/75), der Ulmer Bürgermeister und Hauptmann des Schwäbischen Bundes Wilhelm Besserer (gest. 1503), der Leipziger Mathematikprofessor Johann Hommel (1518–1562), der Juraprofessor zu Ingolstadt und Reichsvizekanzler Johann Baptist Weber (1526–1584), die Barockdichterin Sibylla Schuster (1639–1685), der Barockmaler Johann Heiß (1640–1704), der Weltreisende Martin Wintergerst (1670–1728), der russische Staatsrat Jakob von Stählin (1709–1785), der Sandmaler Benjamin Zobel (1762–1831) am britischen Königshof, der Bildhauer Johann Georg Leeb (1790–1863), der sudetendeutsche Geschichtsschreiber Constantin von Höfler (1811–1897), der Alpinist Anton Spiehler (1848–1891), Generalleutnant Paul Ritter von Köberle (1866–1948) oder der Lautenspieler Oskar Besemfelder (1893–1965).

Memmingens Bewohnerinnen und Bewohner waren und sind weltläufig – und nicht nur auf ihre eigene unmittelbare Lebenswelt fixiert, wie der Leser/die Leserin folgender Mär vermeintlich denken könnte: Einst rief ein Memminger Mädchen in Lindau beim Aufgang des Mondes: »Gucket, dau isch dr Mengemer Mau!« Und vor allem: Den Menschen der »Maustadt« ist im Strom der allgemeinen Geschichte gelungen, im Spannungsfeld zwischen Einzel-/Gruppeninteressen und den Bedürfnissen einer Bürgerschaft Einzigartiges zu entwickeln, ehe globale Krisen wie die Erwärmung der Erdatmosphäre, die auch damit einhergehenden Flüchtlingsbewegungen (nicht erst 2015) und nicht zuletzt die Corona-Pandemie (2020/21) auch in Memmingen Spuren hinterließen, deren Tiefen sich noch nicht abschätzen lassen.

Blick vom Martinsturm auf Memmingens Marktplatz mit Steuerhaus, Rathaus und Großzunft

Vor- und Frühgeschichte: Erste Siedlungsspuren im Memminger Raum

Naturkundliche Grundlagen

Seinen »Mineralogischen Briefen« legte 1805 der ehemalige Kanzleidirektor der Reichsstadt Memmingen und nunmehrige Bergkommissar, Friedrich von Lupin (1771–1845) eine »petrographische Charte« bei, mit der er im Raum Schwaben und Tirol die Gebirgszüge und die dort zu findenden Gesteinsarten beschrieb. In den folgenden Jahrzehnten kam die Forschung zur Erkenntnis, dass der Gebirgsbildung in der Tertiärzeit vor 2,4 Millionen Jahren im Quartär diverse Klimaschwankungen folgten; abfließendes Wasser aus dem Lech-Iller-Gletscher trug zur typischen Nordsüdgliederung des Memminger Landes bei, bis sich schließlich nach dem Rückzug des Gletschers vor 18.000 Jahren die für das Voralpenland so typischen Moränen der Gletscher und daran anschließende Schotter-Terrassen auf Molasse bildeten und den großen Wasserreichtum (samt einiger Heilquellen) begründen.

Auf diesen geologischen Gegebenheiten bildete sich eine Flora, die in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach intensiv erforscht wurde, u. a. von Pfarrer Christoph Ludwig Köberlin (1794–1862), Apotheker Julius Rehm (1830–1887) und Arzt Dr. Christoph Huber (1830–1913). Sie entdeckten so manche botanische Seltenheit, darunter Gelber Lein, Schachbrettblume, Gauklerblume und Frauenschuh sowie die Riednelke (Armeria purpurea) unterhalb des Memminger Trockentales im Hochmoor des heute sog. Benninger Riedes.

Dieses Ried besitzt mit der Memminger Ach (Stadtbach) sowie dem Haienbach östlich von Memmingen zwei Abflüsse nach Norden in Richtung Iller. An diesem wasserreichen Ort, der sich – anders als die höheren und niederschlagsreicheren Zonen weiter südlich – auch für den Anbau von Feldfrüchten gut eignete, siedelten sich Menschen an. Damit begann in einer noch weitgehend schriftlosen Zeit die Geschichte Memmingens und die Umgestaltung eines Naturraumes zu Kulturlandschaft und Siedlungsraum, dem so manche Tierart (z. B. der Bär) gewichen ist.

Bei ersten Grabungen an Hügelgräbern bei Volkratshofen fand Studienlehrer Jakob Friedrich Unold 1823 verschiedene Grabbeigaben. Die Fundstücke wurden 1882 der neuen Memminger Altertumssammlung (heute Stadtmuseum) übergeben.

Keltische und römische Spuren

Wohl im Zusammenhang mit Illerübergängen stehen die keltischen Nekropolen aus der Hallstattzeit bei Tannheim, Buxheim und Volkratshofen aus dem 8. bis 5. Jh. v. Chr. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Grabplätze für Angehörige der Oberschicht, die in Holzkammern unter aufgeschütteten Hügeln samt Waffen, Schmuck und Keramikgefäßen (für Nahrungsmittel) bestattet wurden; Überreste von Gehöften mit Wohn-, Stall- und Vorratsgebäuden wurden im Memminger Raum bislang nicht gefunden.

Nur wenige Spuren hinterließen hier auch die Vindeliker. Im Jahr 15 v. Chr. eroberten die Stiefsöhne von Kaiser Augustus, Tiberius und Drusus, das vindelikische Alpenvorland. Funde zeugen von der Bewirtschaftung und Kultivierung des Landes: Münzen in Kellmünz und auffällig häufig an weiteren Stellen, eine villa rustica in Amendingen aus dem 2./3. Jh. n. Chr., Haushaltsgegenstände im Bereich des Antonierhauses aus ebenjener Zeit, Reste eines Ziegelofens und eines Bades am Königsrain bei Dickenreishausen.

Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft (ab 1887 des Altertumsvereins) machten sich im späten 19. Jh. auf, die Vor- und Frühgeschichte im weiten Umkreis um Memmingen zu erforschen. Sie entdeckten einen römischen Burgus aus der Zeit Kaiser Valentinians auch im Bereich der Martinskirche, berichteten solches dem Generalkonservatorium der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns, unterließen jedoch eine exakte Vermessung der Fundstelle, um den Fund und seine tatsächliche Datierung und Bedeutung nachvollziehen zu können. Moderne archäologische Grabungen haben gezeigt, dass in der römischen Spätantike von einer kleinräumigen Besiedlung (villae rusticae, burgi) auszugehen ist. An der Handelsstraße von Caelio monte (Kellmünz) nach Cambodunum (Kempten) dürfte auch in Memmingen eine solche römische Siedlung gewesen sein, bis Alemanneneinfälle ab der Mitte des 3. Jhs. zur allmählichen Aufgabe römischer Kastelle und Villen zwangen. Man geht davon aus, dass zur Mitte des 5. Jhs. das Ende der Römerherrschaft in Schwaben besiegelt war.

Stadtwerdung: Memmingen im Früh- und Hochmittelalter

Orte wie Memmingen, Amendingen, Benningen, Heimertingen oder Woringen (»-ingen«) ordnet die Ortsnamensforschung in die Zeit der Landnahme durch »Alamannen« bzw. »Sueben« ein – schrittweise ab der zweiten Hälfte des 5. Jhs. Der Ortsname »Memmingen« soll dabei auf eine Person namens Mammo verweisen. Die Alemannen stießen auf eine keltoromanische Mischbevölkerung, die im Memminger Raum so manche römische Siedlungstradition fortführte. Im Zuge der weiteren »fränkischen Staatskolonisation« erschloss man in den etwas südlicher gelegenen Gegenden durch Rodungen neue Orte (Ortsnamen mit »-hofen« und »-hausen«).

Für die Christianisierung sorgten zur Mitte des 8. Jhs. Missionare aus Sankt Gallen. Das karolingische Kloster Kempten am östlichen Rand des Bistums Konstanz hatte in Königin Hildegard, der zweiten Frau Karls des Großen, eine große Wohltäterin, deren Wirken bis nach Memmingen ausstrahlte. Jahrhunderte später wurde die Heilige Hildegard neben dem Gaul in der Wiege, dem Basilisk, dem Grünen Teufel, der Blauen Saul, der Wasserkunst und dem Siebendächerhaus zu einem der sieben Wahrzeichen Memmingens.

Vergleichbar dem Kloster Kempten entwickelte sich auch das im Bistum Augsburg gelegene Kloster Ottobeuren ab dem letzten Drittel des 8. Jhs. zu einem Reichskloster inmitten wachsender Siedlungstätigkeit (Ortsnamen mit »-heim«) samt einer ausdifferenzierten Kirchenorganisation, die neben Marien- auch zahlreiche Martinspatrozinien kennt.

Welfischer Herrschaftssitz

Memmingen wird – anders als so mancher Ort der Region – in Urkunden des 8. Jhs. nicht genannt, wenngleich die verkehrsgeografische Lage Memmingens doch für eine durchgehende Siedlungskontinuität und die Existenz eines Königshofes sprechen würde.

Eine Traditionsnotiz auf Pergament zum Gründungsvermögen des Benediktinerklosters Ochsenhausen, ausgestellt am 26. März 1128, berichtet, dass am 31. Dezember 1099 die vier Schwestern von Hawin, Adelbert und Konrad, der Söhne Hattos von Wolfertschwenden, auf einem welfischen Hoftag in deren Ochsenhausener Klosterstiftung einwilligten. Herzog Welf IV. von Bayern hatte dazu seine »comprovinciales« ins (erstmals erwähnte) »oppidum mammingin« geladen. Memmingen war somit ein Ort von Rechtsgeschäften und ein Zentrum welfischer Herrschaft, die von Weingarten-Ravensburg über Memmingen und Kaufbeuren bis nach Schongau reichte. Am westlichen flachen Hang des Memminger Trockentales dürfen wir einen befestigten Herrensitz annehmen. In seiner unmittelbaren Umgebung (»Herrenstraße«) gingen Ministerialen, Handwerker und Handelsleute innerhalb eines »umfriedeten Raumes« ihren Diensten bzw. Tätigkeiten nach.

Die »Historia Welforum« erzählt von bewaffneten Auseinandersetzungen der Welfen mit den staufischen Herzögen. Es ging um die Macht in Schwaben und um die deutsche Königskrone. Um 1130 ließ Stauferherzog Friedrich II. von Schwaben Memmingen niederbrennen; bei Grabungen stoßen die Archäologen bisweilen auf eine entsprechende Brandschicht. Dieses einschneidende Ereignis bedeutete aber nicht das Ende der Siedlung. »In villa nostra Maemingen« fertigte Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen, 1142 eine Schenkungsurkunde aus – zur Vergebung seiner und seines Vaters Sünden im Kampf um die Macht. 1151 traf sich derselbe in Memmingen mit seinem Onkel Welf VI. und mit Stauferherzog Friedrich, um den Streit zwischen Staufern und Welfen zu beenden.

Während 1152 Friedrichs Sohn Friedrich Barbarossa den deutschen Königsthron bestieg, verstärkten die Welfen ihre Herrschaft in Ostschwaben durch diverse Stützpunkte, zu denen neben Landsberg und München (1158) auch die »villa« Memmingen gezählt werden darf.

PORTRÄT

HERZOG WELF VI.

Eine Burg oder ein Schloss sucht man in Memmingens Geschichte und Stadtbild vergeblich. Das hat auch mit der Emanzipation der Siedlung von ihren frühen Stadtherren zu tun, zu denen an entscheidender Stelle auch ein Herzog aus dem Geschlecht der Welfen zählt, dessen Ursprünge in karolingische Zeit zurückreichen. Welf VI., Enkel des bayerischen Herzogs Welfs IV. und Sohn Heinrichs des Schwarzen wurde 1115 geboren. Durch seinen Vater (seit 1120 Herzog von Bayern) und seine vier Schwestern (verheiratet mit Bregenzern, Staufern, Zähringern und Vohburgern) war sein Leben (in Regensburg) früh mit den bedeutendsten, um die Vorherrschaft in Schwaben rivalisierenden Geschlechtern verbunden. Als der Vater 1126 starb, wurde Welf zum Vertreter des welfischen Besitzes vor allem in Oberschwaben und sein Bruder Heinrich der Stolze (wenig später verheiratet mit einer Tochter des Königs) bayerischer Herzog.

1152 belehnte ihn König Friedrich I. Barbarossa mit dem Herzogtum Spoleto und der Markgrafschaft Tuszien (Toskana), um das Reich gegen die Ansprüche des Papstes abzusichern. Zweimal nahm Welf an Kreuzzügen ins Heilige Land teil. Die »Historia Welforum« berichtet von prachtvollen Festen Welfs VI. in Memmingen und andernorts; den Klöstern und Künstlern gegenüber zeigte er sich wohlgesonnen. Seinem Wunsch gemäß bestattete man ihn 1191 im Kloster Steingaden.

Eine »muralia« aus Kalktuffsteinen, wohl im frühen 13. Jh. vollendet und 1270 erstmals in den Quellen erwähnt, schützte die Siedlung, die man von Osten am Heilig-Geist-Spital vorbei betrat, und die bis zum heutigen Weinmarkt reichte. Im Stadtbild dominierten damals neben einigen Wohntürmen vor allem Fachwerkbauten – um den Kirchhof von Sankt Martin herum und am Marktplatz. Südlich von Memmingen stand eine der Gottesmutter Maria geweihte, 1258 erstmals erwähnte Kirche, deren Patronatsrechte ebenso wie bei Sankt Martin zunächst in der Hand des Königs lagen.

Herzog Welf VI. (um 1115/16–1191) stiftete vor seiner Reise 1167 ins Heilige Land »extra muros«, also außerhalb der Memminger Stadtmauern, ein kleines Benediktinerkloster iroschottischer Ausprägung. Nach dem Tod seines einzigen Sohnes zog er sich aus dem Konflikt mit den Staufern zusehends zurück und übergab seinen Besitz 1178 dem Stauferkaiser, um ihn zeitlebens als Lehen übertragen zu erhalten. Memmingen blieb ein bevorzugter Aufenthaltsort des Herzogs bis zu seinem Tod am 15. Dezember 1191.

Alljährlich zogen Bürgerschaft und Geistlichkeit der Reichsstadt am Tag des Heiligen Gregorius (12. März) mit einer Wunderhostie (»Heiltum«) um die Stadt. Das Gemälde Johann Friedrich Sichelbeins zeigt im Hintergrund die Silhouette Memmingens im ausgehenden 17. Jh.

Kirchen und Spitäler in der staufischen »Civitas«

An strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkten gründeten die Staufer planmäßig Städte; aus dem »oppidum« und befestigtem Marktort Memmingen wurde eine »civitas«. Zu Beginn des 13. Jhs. übergab Reichslandvogt Heinrich von Neuffen ein noch kleines Spital (damals noch vor den Mauern der Stadt) an die Chorherren vom Heiligen Geist (Regularkanoniker mit Augustinusregel und Ordenszentrale in Santo Spirito in Sassia/Rom).

HINTERGRUND

BENNINGER WUNDERHOSTIE UND MEMMINGER HEILTUM

Neid stand am Anfang des Geschehens. Ein Müller sah, wie sein Nachbar einen höheren Ertrag einfuhr. An Gründonnerstag des Jahres 1215 legte er erstmals eine Hostie ins Mühlwerk seines Konkurrenten. Der Frevel blieb ebenso wirkungslos wie ein zweiter Versuch am Gregoriustag 1216. Stattdessen rief eine Stimme »Hier wird zermahlt das höchste Gut«. Aus der nun geborgenen Hostie floss in den Händen des herbeigeeilten Benninger Pfarrers Blut – ein Wunder, das sich später nochmals wiederholte, als der Augsburger Bischof die Hostie in eine silberne Monstranz fasste.

Die Hostie wurde mit Einwilligung des Ottobeurer Abtes nach Sankt Martin in Memmingen transferiert, damit sie möglichst viele Menschen in ihrem Glauben und Leben stärke. Man schrieb ihr einige Wunder zu. Jährlich am Gregoriustag (12. März) führten Geistliche und Bürger fortan das sog. Heiltum in einer Prozession um die Stadt herum.

Nach einer Visitation 1444 verkündete der Augsburger Bischof ganz im Sinne des päpstlichen Legaten und Theologen Nikolaus von Kues, dass man das Heiltum nicht mehr als ein Sakrament, sondern als eine Reliquie verehren dürfe. Als sich 1494 König Maximilian mit Herzögen, Gesandten und Königinnen, darunter seine zweite Ehefrau Bianca Maria Sforza, der Reichsstadt näherte, trug man ihm gleichwohl das Heiltum als wichtigsten Schatz der städtischen Gemeinschaft entgegen.

Fast zeitgleich mit der Ankunft des Heilig-Geist-Ordens verlieh König Friedrich 1214 dem Antoniterorden das Patronat zu Sankt Martin. Die Antoniter widmeten sich seit Ende des 11. Jhs. als geistliche Bruderschaft mit Sitz im südfranzösischen Saint Antoine der Behandlung des »Heiligen Feuers« oder »Antoniusfeuers« (Pilzvergiftung/Ergotismus), das nach dem Genuss von Mutterkorn Blutgefäße verengte oder halluzinogene Bewusstseinszustände auslöste. Unweit der Pfarrkirche, möglicherweise am Ort des einstigen welfischen Herrschaftssitzes, erstand ein Hospital, dem sich Personen überwiegend aus dem Bistum Augsburg anvertrauten. Zur Finanzierung des Vorhabens standen der Memminger Generalpräzeptorei die »Antoniusscheine« sowie die Quest (Almosensammlungen) aus den Diözesen Augsburg, Chur, Trient, Eichstätt, Prag, Olmütz und zeitweise auch weiterer osteuropäischen Diözesen zu.

Zu den iroschottischen Benediktinern von Sankt Nikolaus vor der Stadtmauer und den beiden Spitalorden gesellten sich weitere Klöster: Die Augustinerinnen nach der Regel des heiligen Augustinus (Elsbethenkloster) kurz vor 1256 (damals noch vor den Mauern der Stadt) und die Augustiner-Eremiten um 1280 unweit des Marktplatzes.

Privilegierung der Stadt

Im Oktober 1268 ließ Karl von Anjou den letzten staufischen Herzog von Schwaben Konradin auf dem Marktplatz von Neapel hinrichten. Damit war Schwaben herrenlos. In Memmingen konnte sich nun eine »universitas civium« als eigene Rechtspersönlichkeit gegenüber dem König und seinem Vertreter vor Ort, dem Ammann, emanzipieren. Erster Beleg dieser Entwicklung war 1270 ein eigenes »sigillum civitatis« (Stadtsiegel).

Der erste Habsburger auf dem Königsthron, Rudolf I. von Habsburg, versuchte verloren gegangene Besitztümer und Rechte des Reiches wieder geltend zu machen. Im Rahmen dieser Revindikationspolitik etablierte er Reichslandvogteien, darunter diejenige für Oberschwaben mit dem Allgäu und den Gebieten vom Oberlauf des Lechs bis hinunter zu den regionalen Metropolen Augsburg und Ulm (späteres »Vorderösterreich«).

Gleichzeitig befreite der König die »cives imperii« von den Fesseln der Feudalherrschaft von Adel und Kirche. 1286 garantierte er der Stadt Memmingen, sie weder zu verpfänden – was bei königlicher Finanznot häufig vorkam (1273, 1297, 1339, 1349) – noch zu vertauschen, und verlieh ihr subsidiär die Rechte der Stadt Überlingen. Per Stadtrechtsprivileg König Adolfs von Nassau kamen ab 1296 subsidiär die Ulmer Rechte zur Anwendung. Die Reichsstadt Ulm wurde zu einem wichtigen Orientierungspunkt der Memminger Stadtpolitik, zu dem sich später auch Augsburg und Nürnberg gesellten.

König Rudolf I. von Habsburg verlieh Memmingen 1286 erste Stadtrechte, subsidiär diejenigen der Stadt Überlingen.

HINTERGRUND

STADTRECHT UND BÜRGERRECHT

Die beiden Stadtrechtsprivilege von 1286 und 1296 fixierten einen mehrere Jahrhunderte getrennten Status von (freier) Stadt- und (leibeigener) Landbevölkerung, der erst mit der Aufhebung der Leibeigenschaft (zu Beginn des 19. Jhs.), der Gleichstellung von Stadt- und Landgemeinden und einer allgemeinen Partizipation der Bevölkerung unabhängig von Besitz oder Geschlecht (zu Beginn des 20. Jhs.) ein Ende fand.

Im Zentrum des hochmittelalterlichen Stadtrechts standen das Marktrecht und das Recht auf Immobilienbesitz als wesentliche Merkmale des Bürgerrechts. In die Stadt konnten sich Grundholden aus ihrer Leibeigenschaft befreien, indem sie nicht mehr zur Abgabe des Todfalls gegenüber ihren früheren Herren verpflichtet waren. Sie genossen nun den Schutz der Stadt, waren aber gegenüber der Stadtgemeinschaft zu Wehr- und Wachdiensten sowie Abgaben verpflichtet.

1396 führte Stadtschreiber Marquard Neidhardt aus Ulm die Inhalte der bislang erhaltenen Privilegien zu einer neuen Stadtrechtssammlung zusammen, die verschiedene Rechtsmaterien (u. a. Ahndung von Diebstahl, Totschlag, Mord und Unzucht, Pfändung, Bürger-, Erbschafts- und Vormundschaftsrecht, Zoll und Gült, Gewerbe) systematisierte und bis ins 16. Jh. hinein Gültigkeit behalten sollte.

»Bürger« nannten sich in den ersten Jahrzehnten zunächst nur die Angehörigen der Führungsschicht. Später weitete sich der Kreis auf diejenigen Stadteinwohner, die ein Haus ihr Eigen nannten. Um neu aufgenommen zu werden, mussten eine Aufnahmegebühr bezahlt und ein Bürgereid abgelegt werden. Heiratete ein Bürger eine Leibeigene, erwarb diese gemäß Privileg König Heinrichs VII. von 1312 das Bürgerrecht. Hinzu kamen Pfahl- und Ausbürger, die im Umland wohnten, einen bürgerlichen Status genossen oder als Adelige eng mit den Interessen der Stadt verbunden waren. Anders als die Bewohner des Landes und die Mägde, Knechte und Tagelöhner innerhalb der Stadtmauern waren die Bürger (und ihre Frauen) frei von feudalen Herrschaftsbeziehungen.

Freie Reichsstadt

Auf dem Weg zur Reichsstadt, die allein dem König untertan und somit reichsunmittelbar war, gelang es der Bürgerschaft und ihrem Bürgermeister, das Amt des Ammanns als Träger des Blutbannes an sich zu binden – zunächst 1312 durch ein Vorschlags- und Einspruchsrecht. Die Stadt wurde in ihrer Gemengelage inmitten klösterlicher oder adeliger Herrschaften autonom, beschloss eigene Satzungen, sprach Recht, prägte Münzen, erhob Zölle und betrieb auswärtige Politik. Als Teil eines von König Ludwig dem Bayern geförderten regionalen Städtenetzwerkes übernahm Memmingen auch Aufgaben im Rahmen der königlichen Landfriedenswahrung, indem es Hauptleute bestellte und Straftäter innerhalb einer Sicherheitszone verfolgte. 1354 gebot König Karl IV., dass Memminger Bürger nicht vor sein Hofgericht oder ein Landgericht geladen werden dürfen, sondern nur vor das Stadtgericht zu Memmingen.