Memokratie - Wolfgang Ullrich - E-Book

Memokratie E-Book

Wolfgang Ullrich

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Memes in den Sozialen Medien sind meist provokant, lustig durch Grenzverletzung, so improvisiert wie prägnant, überspitzt und oft vorurteilsbeladen. Schon im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 wurde deutlich, dass rechte Politik mit Memes nicht nur schrill verpackt wird. Spätestens seit der zweiten Amtszeit des »Shitposter-in-Chief« Donald Trump ist klar: Aggressiver Internethumor, Deep Fakes und KI-Bilder auf offiziellen Accounts werden als effektives Machtinstrument genutzt. Memes dienen der Feindbildproduktion, als Stimmungsbarometer für Themen und Narrative sowie als pseudo-harmloses Mittel zur Polarisierung demokratischer Diskurse. Wolfgang Ullrich diagnostiziert eine neue illiberale Regierungsform: die Memokratie. In ihr herrscht, wer die Plattformen dominiert – oder gleich besitzt. Anhand zahlreicher Beispiele untersucht er Strategien autoritärer Bildpolitik in den USA, aber auch bei europäischen Identitären oder in China. Und Ullrich analysiert, warum es demokratischen Kräften so schwerfällt, diesem enthemmten Bildgebrauch etwas entgegenzusetzen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die US-Regierung verbreitet KI-Bilder von migrantenfressenden Alligatoren und dem Präsidenten als Superman, Anhänger rechter Bewegungen weltweit fluten die Sozialen Medien mit zynischen Memes: Wird die liberale Demokratie durch die autoritäre Mobilmachung der Bilder zerstört?

Wolfgang Ullrich

Memokratie

Soziale Medien und autoritäre Bildpolitik

Verlag Klaus Wagenbach Berlin

IDie Genese der Memokratie

»The left can’t meme« – Ein Format in der Kennenlernphase

»The Great Meme War« – Die darwinistische Logik der Sozialen Medien

»oMg, diD tHe wHiTE hOuSE reALLy PosT tHiS?« – Wie Memes Politik radikalisieren und das zugleich kaschieren

»I am become meme« – Memokratie als Heldenkult

»Vox populi, vox dei« – Warum die Memokratie keine Demokratie ist

»Wenn ich meine Rolle gut gespielt habe, klatscht alle in die Hände« – Die antike Vorgeschichte der Memokratie

IIKolonisierung und Mobilmachung der Bilder

»Ich finde gerade keine Sprache« – Demokratische Ohnmacht

»Repost if you agree« – Vom Rebloggen zur Reconquista

»Revolt against the modern world« – Die Vergangenheit als Ressource für die Zukunft

»A huge white pill« – Empowerment für die Stärksten

»Well if it’s AI, it’s at least true« – Die Rückabwicklung des dokumentarischen Bildes

IIIDas Elend der Memokratie und seine Konsequenzen

»Ex disruptione sequitur quodlibet« – Memokratie als Willkürherrschaft

»Inflate the good vibes« – Widerstand gegen die Memokratie

Anmerkungen

Abbildungsnachweis

Dank

Auf die Frage, was ›Memokratie‹ bedeute, könnte ein KI-Programm in naher Zukunft folgende Antwort geben:

In der Anfangszeit der Sozialen Medien waren Memes launig beschriftete Bilder oder bestanden aus jeweils neu interpretierten Vorlagen; sofern sie politische Inhalte hatten, tauchten sie meist in oppositionellen Nischen auf. Doch ab Mitte der 2010er Jahre gewannen sie zunehmend Einfluss auf Wahlkämpfe und politische Diskurse. Nur ein Jahrzehnt später, seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump, sind Memes sogar zu Instrumenten und Modellen der Machtausübung geworden. Zumindest in den USA hat sich um sie herum eine eigene Herrschaftsform konstituiert, die als Memokratie bezeichnet werden kann. Diese untergräbt und transformiert die Demokratie, ohne sie sogleich durch eine Diktatur herkömmlichen Stils zu ersetzen.

In der Memokratie geht die Macht von den Plattformen der Sozialen Medien aus. Sie liegt bei denen, deren Memes, Bilder und Geschichten die meisten und stärksten Reaktionen hervorrufen und bestenfalls viral gehen. Bei Wahlen lässt sich die Online-Macht in politische Mehrheiten umsetzen, woraufhin die Sieger sich von demokratischen Prinzipien wie Gewaltenteilung oder Rechtsgleichheit abkehren. Sie übertragen ihre im Netz erprobte und rücksichtslos ausgelebte »survival of the fittest«-Mentalität und insbesondere die Erfolgslogik von Memes auf ihr Handeln. Politische Entscheidungen werden ihrerseits memifiziert, was, da sie dann lustig-schrill verpackt sind, über ihre Härte hinwegtäuscht und ihnen einen pseudo-fiktionalen Charakter verleiht. Die Aufmerksamkeit, die mit einer memifizierten Politik erreicht wird, verstärkt sich durch Algorithmen und KI-Programme, während umgekehrt alles, was online ins Hintertreffen gerät, auch jenseits des Netzes marginalisiert wird.

Zentral für die Memokratie ist ein als Populismus getarnter Sozialdarwinismus mit stark ausgeprägten Hierarchien und autoritären Strukturen. In ihr existiert eine enge Verbindung, gar eine Personalunion zwischen denjenigen, die die politische Führung innehaben, und denjenigen, die die großen Plattformen besitzen oder kontrollieren.

Abb. 1

IDie Genese der Memokratie

»The left can’t meme« – Ein Format in der Kennenlernphase

Es gibt nur wenige Sätze, die in verschiedenen politischen Lagern gleichermaßen und fast einhellig auf Zustimmung stoßen. Der Satz »The left can’t meme« ist einer davon. Er kam erstmals im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 in Umlauf und wurde nach dem Sieg von Donald Trump über Hillary Clinton viel diskutiert, in Blogbeiträgen, YouTube-Videos und – natürlich – Memes.1 In diesem Satz sind etliche Leitmotive der politischen Praxis von linken und indirekt zugleich von rechten Strömungen angesprochen, die nicht nur in den Sozialen Medien, sondern auch darüber hinaus und zum Teil sogar schon viel länger eine Rolle spielen, als es Memes überhaupt gibt.

Zuerst einmal handelt der Satz davon, dass sich politische Richtungen in ihren Inhalten und Zielen genauso wie in ihrem Umgang mit Medien unterscheiden. »The left can’t meme« meint dann, Linke würden es nicht schaffen, die Stoßrichtung ihrer Politik in einer so prägnanten Form wie einem Meme zusammenzufassen, sie bräuchten dafür ganze Traktate oder zumindest längere Argumentationsketten, ja seien nach wie vor so stark an das Medium der Schrift gebunden, dass sie das affektive Potenzial Sozialer Medien nicht voll nutzen könnten. [Abb. 1] Aber während sich die Gegner der Linken einfach nur lustig machen über diese Antiquiertheit und etwa Memes posten, in denen die linke Schrift- und Theoriebesessenheit auf die Spitze getrieben wird, versuchen die Betroffenen, die Diagnose zu ihrem Vorteil zu wenden.

So schrieb der linke, anarchistische Aktivist Daniel Baryon 2020 in einem Tweet (damals noch bei Twitter), rechte Memes seien nur deshalb so bündig und erfolgreich, weil sie »an vorhersehbare Vorurteile appellieren«, während Linke versuchten, »die soziale Gehirnwäsche zu durchbrechen«, was »Komplexität und Nuanciertheit« verlange und in keinem schnellen Meme zu kommunizieren sei.2 Damit zeichnet er ein idealistisch-stolzes Bild linker, dialektisch geschulter Gesellschaftsanalyse und erinnert an eine Idee von Aufklärung und Fortschritt: eine schrittweise Veränderung der Gesellschaft im Blick auf Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, so mühsam und rückfallgefährdet das auch sein mag.

Der Umkehrschluss, in autoritären Milieus werde grundsätzlich schlicht und ressentimentgeladen gedacht (und deshalb viel gememt), würde jedoch selbst nur ein gängiges Vorurteil bedienen. Um die Affinität der Linken zur Schrift zu verstehen, hilft dafür ein historischer Rückblick. Seit Erfindung des Buchdrucks waren vervielfältigte Texte das relativ produktionsgünstigste Medium, sodass wirtschaftlich schwächere Teile der Gesellschaft ebenfalls damit erreicht werden konnten. Dagegen waren Herstellung und Vertrieb von Bildern – von Holzschnitten abgesehen – die längste Zeit fast exklusiv eine Sache der Wohlhabenden. An den Höfen, in den Kirchen und im gehobenen Bürgertum stand bildende Kunst über Jahrhunderte hinweg in enger, affirmativer Beziehung zu den Mächtigen und Privilegierten, und selbst in ihren reproduzierten Formen waren Bilder kostspielig und knapp und unterlagen der Kontrolle der Mächtigen. Daher wurde politische Opposition viel häufiger verbal als in Bildern artikuliert. Erst mit modernen Reproduktionstechniken hat sich das geändert, sodass etwa Karikaturen oder Dokumentarfotografien zu wichtigen Gattungen politischer Meinungsbildung und Kritik wurden. Und erst durch die Digitalisierung sind Text und Bild auf einmal gleichartig geworden, höchstens sind die einen Dateien etwas größer als die anderen. Während also autoritäre, rechtslibertäre Milieus (wie noch deutlich werden wird) auf jahrhundertelange bildpolitische Traditionen zurückgreifen können, wenn es um Machtverherrlichung, Hierarchielegitimation, Feindbildproduktion und Affektmanagement geht, steht Linken und nach Emanzipation strebenden Minderheiten nur ein vergleichsweise kleines Repertoire an Vorbildern zur Verfügung.

Das erklärt allerdings nur zum Teil, warum sich Letztere mit einem Genre wie Memes selbst nach eigener Ansicht schwertun. Und man sollte zudem nicht übersehen, dass das Zeitalter der Sozialen Medien für die Linken vielversprechend begann. So gelang es Barack Obama im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008, die Begeisterung für ihn im Netz – auf frühen Social-Media-Portalen wie MySpace und Facebook – im Stil einer Graswurzelbewegung zu multiplizieren, während sein republikanischer Gegenkandidat John McCain auch verlor, weil er noch weitgehend auf die traditionellen Medien vertraute.

Insbesondere das HOPE-Plakat, das Shepard Fairey von Obama machte, wurde zu einem frühen politischen Meme. [Abb. 2] Es war Faireys eigene Initiative und zunächst nur darauf angelegt, im öffentlichen Raum – auf Bauzäunen oder Brandmauern – für Obama zu werben. Sobald Fairey das Motiv aber auf seiner Website zum freien Download anbot, verbreitete es sich rasend schnell im Netz, wurde zudem, typisch für ein Meme, vielfach variiert und parodiert, damals vornehmlich auf Plattformen wie Flickr und Reddit. [Abb. 3]

Abb. 2

Abb. 3

Auch die kapitalismus- und börsenkritische Occupy-Bewegung wäre ohne Memes und den im Netz sich ausbreitenden und verstärkenden Protest nicht groß geworden; vor allem die im Sommer 2011 auf Tumblr gestartete Kampagne »We are the 99 %«, bei der Leute sich zusammen mit Schildern fotografierten, auf denen sie ihre spezifische ökonomische Notlage kundtaten, erlangte Meme-Charakter. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff des Hashtag-Aktivismus geboren, dann jedoch schon bald von einem anderen politischen Lager besetzt. So schlossen sich der Occupy-Bewegung zunehmend Antiglobalisten und Establishmentkritiker mit einem eher rechten Profil an, ja später als Alt-Right-Propagandisten bekannt gewordene Extremisten wie Alex Jones, Andrew Breitbart und Stephen Bannon sammelten hier erste Erfahrungen mit Politik und Bildstrategien im Netz.3

Von 2011 an änderte sich also – sofern man die US-Politik zum Maßstab nimmt – der politische Spin im Netz. Und spätestens 2016, mit dem Sieg von Donald Trump, war allgemein offensichtlich, dass rechte Kräfte in den Sozialen Medien erfolgreicher agierten. So gelang Trumps Anhängern im Netz eine gewaltige Mobilisierung, ganz anders als der Kampagne seiner Gegenkandidatin Hillary Clinton. Deren gesamter Wahlkampf wurde als zu elitär, gar als snobistisch empfunden, während Trump, zuerst krasser Außenseiter, vor allem als prominenter Repräsentant US-amerikanischer Popkultur, als Entertainer und Volkstribun, punkten konnte und unbegrenzt viel Stoff für Content in den Sozialen Medien, ja »Ready-Mades für Memes« lieferte.4 Nach Ansicht einiger seiner engagiertesten Unterstützer war es insbesondere einer speziellen »Zauberkraft von Memes« zu verdanken, dass seine Ruchlosigkeit, seine Verstöße gegen politische Konventionen vielen Wählern auf einmal attraktiv erschienen und er die Wahl schließlich gegen alle selbst innerparteilichen Widerstände gewinnen und damit der gesamten Rechten zu einem großen Sieg verhelfen konnte (»we memed alt-right into existence«).5 Man habe ein Meme zum Präsidenten gewählt, hieß es vereinzelt sogar. Und ob nun mit Memes von Pepe the Frog, einer von Trump und dann der gesamten Alt-Right-Bewegung gekaperten, ursprünglich unpolitischen grünen Froschfigur, oder ob zu Slogans wie »Can’t Stump the Trump« oder »I’m with you« – es gelang, den Kandidaten zu einem coolen, vermeintlich unbesiegbaren Helden aufzubauen.6 [Abb. 4/5] Dagegen wurde einem Mitglied des Social-Media-Teams von Hillary Clinton, das die Kandidatin ebenfalls mit Memes pushen wollte, beschieden: »Wir verwenden keine Meme[s]. Das Internet mag uns nicht.«7

Damit gerät eine weitere Bedeutung des Satzes »The left can’t meme« in den Blick. Er bringt auf den Punkt, dass Linke sich oft schwertun mit Pop- und Massenkultur, Memes jedoch – sowohl was ihr Material anbelangt als auch hinsichtlich ihrer Form – »Bestandteil gegenwärtiger Popkultur« sind.8

Abb. 4

Abb. 5

Pop- und Massenkultur steht bei Linken regelmäßig im Verdacht, Produkt der Kulturindustrie zu sein: allein kapitalistischer Imprägnierung geschuldet und insofern zu korrumpiert, um zu mehr als Manipulation zu taugen. Linke Politik und Theorie gerieten zudem immer wieder in ein Missverhältnis, wenn etwas bieder-volkstümlich, niedrigschwellig und ›low‹ war: Viele russische Revolutionäre hätten nach 1917 lieber mit den radikalen Bildwerken von Avantgarde und Suprematismus als mit dem Sozialistischen Realismus Propaganda gemacht, mussten aber einsehen, dass man das Volk nur mit Bildern erreicht, die weitgehend voraussetzungslos zu rezipieren sind – und deren Ästhetik genau jener bürgerlichen Welt entstammte, gegen die man kämpfte. Und in der 68er-Bewegung gelang es nicht, die Arbeiter mit eng gedruckten, fremdwortfreudigen Theorietraktaten für sich zu gewinnen, selbst wenn man sie am Werkstor abpasste. Zwar gab es Wandzeitungen und andere Formate, die breitentauglich waren, aber als rein hochkulturelle Praxis blieb linke Theorie gegenüber ihrem Gegenstand und ihren gesellschaftspolitischen Zielen fast immer in einem tragischen Fremdverhältnis. Dasselbe gilt für die als woke titulierten Linken, denen man vorwirft, sie würden in ihrem akademisch-postkolonialen Eifer, in ihren minderheitenfixierten politischen Konzepten die Interessen der großen Mehrheit des Volkes, die sogenannten normalen Menschen, übersehen, ja seien völlig abgehoben. »The left can’t meme« ist also nur eine Spielart eines viel umfassenderen und älteren Topos.

Eng verwandt mit der Diagnose, Linke stünden auf Kriegsfuß mit der Popkultur und entsprechend mit Entertainment, ist die Behauptung, sie hätten es nicht so mit Humor und Witz. In Exegesen von »The left can’t meme« wird darauf immer wieder verwiesen – mit unterschiedlichen Implikationen. Etliche Videos rechter und libertärer YouTuber beschäftigen sich etwa damit, warum Memes von Linken oft keine echte Pointe hätten, sondern sich darin erschöpften, die Überzeugung zu verbreiten, dass Kapitalisten oder Nazis böse Menschen seien. Tatsächlich schwache linke Memes werden dann rechten Memes gegenübergestellt, bei denen sogar lachen muss, wer weltanschaulich ganz anders orientiert ist.9

Bleiben solche Gegenüberstellungen kontingent, so finden sich vereinzelt gleichwohl schärfere Analysen. So hält eine rechte Aktivistin in einem Tweet auf X von 2024 Linken nicht nur vor, generell unlustig zu sein und – in ihrer Weltfremdheit – die gesellschaftliche Stimmung nicht richtig einzuschätzen. Sie erhebt zudem den Vorwurf, ihnen sei es wichtiger, mit einem Meme »auf breite Zustimmung« zu stoßen als Leute zum Lachen zu bringen und dafür zu riskieren, vielleicht auch jemanden zu verprellen; im Allgemeinen würden Linke »nach Beifall streben«, statt geradeheraus zu agieren.10 Im Kontext des Tweets wird das rein als Schwäche und Feigheit ausgelegt, ebenso als eine Art von Streberhaftigkeit. Wer links oder woke ist, so die Unterstellung, will sich letztlich nur als guter Mensch in Szene setzen, ja demonstrieren, sensibel zu sein und niemanden zu übersehen. Damit aber würden natürliche Affekte unterdrückt, man verbiege sich bis hin zur Realitätsverleugnung – und verkneife sich aus diplomatischem Übereifer und vorauseilender Rücksichtnahme schließlich jede zugespitzte Äußerung und damit sehr viele Gags.

Doch lässt sich die in dem Tweet geteilte Beobachtung noch anders deuten. Soweit jemand keine simplen Witze macht, mit denen nur negative Klischeebilder bestätigt werden, ist das immerhin Ausdruck der Überzeugung, es sei nicht fair, sich über andere, etwa über eine körperliche Eigenschaft – das Geschlecht, die ethnische Zugehörigkeit oder eine Erkrankung –, lustig zu machen. Einem Affekt nicht nachzugeben erscheint dann nicht als unnatürlich und verklemmt, sondern als zivilisatorischer Fortschritt: als Zeichen des ernsthaften Versuches, alte Muster herabsetzenden Verhaltens zu überwinden. Dagegen muten viele Memes als Rückfall in Zeiten ungehemmter Derbheit an; in ihnen wird geradezu die Lust ausgelebt, anderen wehzutun. In einem wütend-verbitterten Artikel gegen rechten Content generell – von Memes bis zu KI-Bildern – urteilt der Autor und Schauspieler Gareth Watkins, hier gehe es letztlich um die »Ausübung nackter Gewalt einer In-Group gegenüber einer Out-Group«, etwas werde sogar nur »genossen im Wissen, dass es jemanden anderen verletzt«.11

Aber schließt denn, umgekehrt, eine Abneigung, anderen wehzutun, ja eine sensibel-behutsame Grundeinstellung schon aus, dass man scharf und durchaus mal holzschnittartig-beleidigend gegenüber Mächtigen sowie gegenüber Leuten mit einem auf Diskriminierung ausgerichteten Menschenbild auftritt? Sollte es im Namen jenes zivilisatorischen Fortschritts nicht mehr möglich sein, Pointen auf ihre Kosten zu machen, so wie das linke Satire früher ja auch ohne Skrupel getan hat? Sind Karikaturen denn grundsätzlich ein Problem, Memes per se zu aggressiv?

Innerhalb der Linken gibt es diesbezüglich keine Einigkeit. Manche sind sogar stolz darauf, gleichsam aus Gewissensgründen nicht zu memen. So wurde bereits im Juli 2016, Monate bevor der Slogan »The left can’t meme« in Umlauf kam, auf dem links-anarchistischen Online-Forum RevLeft (2018 vom Netz genommen) eine heftige Abrechnung mit Memes publiziert, die man auf die Formel »The left won’t meme« bringen könnte. Dass der anonyme Autor dieses Beitrags, zugleich ein Administrator des Forums, seinen Nickname Rafiq mit einem Foto des Sowjet-Revolutionärs Feliks Dzierżyński und mit pro-revolutionären arabischen Losungen illustrierte, steht dabei in gewissem Widerspruch zu seiner radikal gewaltkritischen Perspektive.12 Schon zu Beginn des Beitrags ist davon die Rede, dass Memes ein »Schlachtfeld« seien, »auf dem die Linke niemals gewinnen« könne. Memes seien nämlich per se »antidemokratisch«, da sie »sich kritischem Denken widersetzen« und man sich mit ihnen – aufgrund ihrer Witzigkeit und Ironie – jeglicher politischen Verantwortung entziehen könne. Das Lachen, zu dem Memes verführten, sei daher oft barbarisch, letztlich könne mit ihnen alles verspottet werden. Linken aber sei einiges zu ernst, um sich jemals darüber lustig zu machen – sei es der Holocaust, Rassismus oder Gewalt gegen Frauen. Memes zu produzieren sei also Ausdruck eines »narzisstischen Egoismus«, den sich nur leisten könne, wer selbst in einer sicheren – privilegierten – Position lebe. Weiter bezeichnet Rafiq die Meme-Kultur als »durch und durch sadistisch« und charakterisiert sie als großen Zynismus, machten ihre Protagonisten doch nicht nur über alles ihre Witze, sondern amüsierten sich auch noch über diejenigen, die das nicht täten, weil sie echte Anliegen hätten.

Memes verderben für radikale Linke wie Rafiq also die politische Kommunikation; wer sich ihrer bedient, demontiert unabhängig von den Inhalten demokratische Prozesse. Denn solange man im Modus des Sich-lustig-Machens ist, ignoriert man den politischen Gegner, akzeptiert ihn nicht als ein Gegenüber, mit dem fairer Streit oder gar Verständigung möglich wäre. In ihrem zudem oft brachialen Humor werden Memes somit als destruktiv empfunden. Leuten, die sie in Umlauf bringen, wird sogar unterstellt, andere Menschen und letztlich den demokratischen Staat und seine Institutionen angreifen, zerstören zu wollen. Und daher gilt gerade nicht, »dass die Linke nicht memen kann, sondern dass sie es vielmehr abgelehnt hat«, zu memen.13

Destruktive Phantasien gibt es bei Alt-Right-Anhängern und in anderen rechtslibertären Milieus tatsächlich zuhauf. Gerade weil sie sich gerne verschwörungstheoretischer Motive bedienen und als fundamentaloppositionell präsentieren, wurden sie zuerst aber vor allem als subkulturelle Bewegung wahrgenommen. Dazu trug ebenfalls bei, dass ihre Vertreter wegen ihrer Ansichten auf Social-Media-Plattformen immer wieder gesperrt wurden. Aber wäre es allein deshalb unpassend gewesen, böse, ihrerseits aggressive Witze über sie zu machen? Weil es sich nicht mehr um legitime Kritik von unten nach oben gehandelt hätte? Gab es bei einigen Linken also vielleicht eine Art von Beißhemmung gegenüber Leuten, die sie politisch-moralisch eigentlich nur verachten konnten? Oder fiel es ihnen leicht, einen so rigoros-puristischen Standpunkt wie Rafiq zu entwickeln, weil sie ihre Gegner gar nicht als echte Gefahr einschätzten?

Es dürfte kein Zufall sein, dass eine konträre linke Position zu Memes ein Jahr später – 2017 – für Debatten sorgte: nach dem Wahlsieg Donald Trumps, als es nicht länger möglich war, Alt-Right lediglich als Gruppe von Sektierern wahrzunehmen. Die (ihrerseits anonyme) Gruppe ANON verfasste das »#AltWoke Manifesto«: einen Text, der sich als Gegenstück zur Alt-Right-Ideologie versteht, aber ebenso als Alternative zu dem, was üblicherweise als woke gilt.

Gegenüber Wokeness werden in dem Manifest auch sonst verbreitete Vorwürfe erhoben: Sie sei zu wenig kapitalismuskritisch, erlaube es Unternehmen, sich allein mit Symbolpolitik gegenüber Minderheiten als moralische Avantgarde zu präsentieren, und viele ihrer Vertreter:innen seien nur an gutem Gewissen und ihrem Status als integre Menschen interessiert; sie scheuten radikalere und utopistische Konzepte (wie zum Beispiel Akzelerationismus und Xenofeminismus) sowie den entschlossenen Einsatz für Biotechnologie, um Krisen wie den Klimawandel anzugehen. Eine Alternative Wokeness solle dagegen aggressiver sein und kein Problem damit haben, ihrerseits als schmutzig wahrgenommen zu werden. Der »Zweck heiligt immer die Mittel«, und wenn »die Rechte unter die Gürtellinie geht, dann schlagen wir noch tiefer, härter und ohne jegliche Rücksicht«. Das war nicht zuletzt ein Seitenhieb gegen Michelle Obama, die im Wahlkampf 2016, in Reaktion gerade auf die derben Memes aus dem Trump-Lager, proklamiert hatte, man müsse umso mehr Niveau zeigen, je mehr es die Gegenseite aufgebe (»When they go low, we go high«). Auch diese Äußerung trug zum Image des Demokraten-Wahlkampfs als dünkelhaft-elitär bei, das mit jenem Manifest überwunden werden sollte. Man wollte aus der Niederlage von 2016 lernen und erkannte daher etwa an, dass »Narrative wichtiger als Fakten« seien. Speziell Memes hätten deshalb große Bedeutung, denn sie seien ein »rebellisches Medium«; in ihnen würden Ideologien »auf den Punkt gebracht und gut verpackt«, sodass sie »schnell verbreitet« werden könnten.14

In dem Moment, in dem Linke sich selbst als Opposition zur Regierung und den sie stützenden Milieus erfahren, können sie sich also leichter mit Formaten identifizieren, denen ein Hang zu Protest und Kritik nachgesagt wird. Und Memes hatten von Anfang an ein derartiges Image; sie wurden als digitale Varianten von Karikaturen oder Satiren wahrgenommen: als ein Medium, das geeignet ist, sich mit Humor und Sarkasmus über bestehende Zustände – und damit üblicherweise über die dafür Verantwortlichen – zu empören. Dabei lassen sich mit Memes kaum einmal Andersdenkende überzeugen, sehr wohl aber Gleichgesinnte finden und aufmuntern.15

In den ersten Jahren der Sozialen Medien fühlten sich fast alle etwas verloren und als einsame, gar ohnmächtige Kämpfer, es gab noch keine stabilen (und großen) Communitys. So posteten viele aus einem unspezifischen Oppositionsgeist heraus, maulten gegen dies und das, testeten Grenzen der Geschmacklosigkeit aus, gespannt, ob es Resonanz geben würde – ohne die Sorge haben zu müssen (oder die Hoffnung haben zu können), viel Wirbel mit einem Meme oder einem anderen Content auszulösen. Dazu passt der ästhetische Charakter von Memes, ihr Flair von Nachlässigkeit und Nonchalance. Man sieht ihnen bis heute fast immer an, dass sie schnell und billig gemacht sind, aus Versatzstücken zusammengeklickt wurden. Daher gibt es auch keinerlei Hemmung, sie zu verändern; das Infinito eines Memes wird zum Imperativ, es zu modifizieren, sobald es auf dem eigenen Bildschirm sichtbar wird. Ein Meme kann sogar so improvisiert, so hastig und schlampig erstellt wirken, als sei es direkte Äußerung eines starken Affekts, gar eine Art Schrei, ein Akt der Notwehr. Zumindest aber denkt man bei Memes an Subkultur und Underground, bildrhetorisch zeugen sie in all ihren Elementen von einer Unten-gegen-oben-Haltung, aufgrund ihrer Erscheinungsweise gehören sie zum ›Proletariat‹ der Bilder.16

Es scheint daher mehr als unwahrscheinlich, vielleicht sogar absurd, in Memes Herrschaftssymbole zu sehen, schließlich eine Herrschaftsform nach ihnen zu benennen: als seien sie Leitmedium der Machtausübung, Instrument und Modell der Machtlegitimation und hegemonialer Interessen. Wie also konnten Memes, diese vermeintlich armen, verweigernden, rotzigen Instant-Artefakte, so mächtig, so prägend werden, dass sich Demokratien in Memokratien zu verwandeln begannen?17

»The Great Meme War« – Die darwinistische Logik der Sozialen Medien

Als es längst eine folgenreiche Tatsache geworden war, dass rechte Strömungen in den Sozialen Medien und vor allem bei Memes die Oberhand gewonnen hatten, wurde dies auch wissenschaftlich thematisiert. Es entstanden mehrere Studien, eine der interessantesten 2018 am MIT in Boston. Ein Team von Informatiker:innen hat darin untersucht, wo und wie sich Memes der Alt-Right-Bewegung – als Vorläufer der ›Make America Great Again‹-Bewegung (MAGA) – zuerst konstituiert und dann durchgesetzt haben.18 Als besonders relevant erwies sich dabei die bereits seit 2011 bestehende Diskussionsplattform /pol/ auf dem Netzwerk 4chan. Denn obwohl sich für die dort geposteten Memes im Allgemeinen nur wenig Einfluss auf andere Plattformen und Soziale Netzwerke nachweisen ließ, entpuppte sich /pol/ (kurz für »politically incorrect«) als über Jahre hinweg wirkmächtigster Ursprungsort für rechten Meme-Content. Der Grund: Nirgendwo sonst wurden annähernd so viele Meme-Vorlagen produziert (der 4chan-Gründer Christopher Poole bezeichnete sein Portal schon 2009 als »Meme-Fabrik«).19 Und die schiere Masse sorgte dafür, dass neben zahllosen Varianten, die ohne Resonanz blieben, einzelne entstanden, die wieder und wieder geteilt wurden. Mit einer bleibend hohen Produktionsgeschwindigkeit, ja mit vielen ähnlichen Varianten, geradezu stur, stumpfsinnig durchgespielten Kombinationsmöglichkeiten, verbesserten sich also die Chancen, ab und zu einen Hit zu landen.

Dieses Studienergebnis lässt die Begriffsgeschichte von ›Meme‹ im Nachhinein umso schlüssiger erscheinen. Lange vor der Existenz Sozialer Medien prägte der Evolutionsbiologe Richard Dawkins 1976 den Begriff ›Mem‹ in Analogie zu ›Gen‹, um darwinistische Denkfiguren auf kulturelle Inhalte zu übertragen und so deren Verbreitung und Etablierung zu erklären.20 Unter Memen verstand er Praktiken wie Kochen oder Objekte wie Kleidungsstücke, also alles, das nachgeahmt und dabei auch variiert werden kann (daher die Begriffsprägung ausgehend vom griechischen μιμεῖσθαι für ›nachahmen‹). In Analogie dazu wurden dann später Inhalte der Sozialen Medien, die von vornherein auf eine möglichst vielfache Reproduktion und Abwandlung hin angelegt sind, als ›Memes‹ bezeichnet. Da durch die Digitalisierung sowie die Infrastrukturen der Sozialen Medien Vervielfältigungsprozesse erheblich erleichtert und begünstigt werden, lässt sich hier exemplarisch erleben, wie sich etwas exponentiell vermehrt, aber ebenso, wie es immer wieder abgewandelt wird. Und beides gehört zu einem erfolgreichen Meme dazu: Je mehr Varianten existieren und im Wettbewerb zueinander stehen, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne sich als flexibel und durchsetzungsfähig erweisen und schließlich an ganz unterschiedlichen Orten des Netzes – in unzähligen Reproduktionen und Mutationen – auftauchen. Die Praxis des Memens funktioniert daher, so die Folgerung in der zitierten MIT-Studie, im Stil eines »survival of the fittest«-Szenarios: eine »unglaubliche Menge an Memes wird auf /pol/ in Umlauf gebracht, aber nur die besten schaffen es und finden einen Weg in andere Communitys«.21

Kein Wunder, dass sich darwinistisch-biologische Denkfiguren im Diskurs über digitale Bild- und Netzphänomene generell großer Beliebtheit erfreuen, man denke nur an die Popularität eines Begriffs wie ›Viral-Gehen‹.22 Dabei ist immer wieder unklar, wann ein solcher Begriff mit dem Ansinnen verwendet wird, bestimmte Prozesse – wie die Verbreitung von Memes – genau zu analysieren, gar wissenschaftlich zu erhellen, wann hingegen es nur darum geht, die damit assoziierte Dramatik – Ansteckung!, Epidemie!, Untergang! – zu nutzen, um ein Phänomen relevanter und gefährlicher oder die eigene Arbeit brisanter erscheinen zu lassen.

So weckt der Gebrauch entsprechender Vokabeln manchmal – erst recht mit etwas zeitlichem Abstand – den Eindruck, hier werde übertrieben. 2011, also noch vor dem durchschlagenden Erfolg von Memes, behauptete etwa der Bildwissenschaftler W. J. T. Mitchell, Bilder besäßen »von jeher« einen »infektiösen, gleichsam viralen Charakter, eine Vitalität, die es schwermacht, sie einzugrenzen oder in Quarantäne zu halten«. Sodann bekräftigte er, dass »Bilder sich wie Viren oder Bakterien verhalten«, aber »wie jede andere Infektionskrankheit […] auch zahlreiche Antikörper in Gestalt von Gegenbildern hervorgebracht« hätten, weshalb es »nicht bloß eine Vermehrung der Bilder, sondern einen Krieg der Bilder« gebe.

Unbefriedigend bleiben derart pauschale Aussagen, solange nicht erörtert wird, was genau Bildern eine virale Qualität verleiht, ja wenn gar suggeriert wird, sie seien (wie) Keime und ›an sich‹ ansteckend. Zwar erwähnt Mitchell, dass »die Entwicklung neuer Medien, insbesondere die Digitalisierung der Bilder in Verbindung mit der Ausbreitung des Internet« die »Zahl der Bilder und deren Distributionsgeschwindigkeit exponentiell« anwachsen ließ, sodass es neuerdings zu einer »globalen Bilderseuche« gekommen sei, aber er versäumt es, darauf einzugehen, dass es sich bei Sozialen Medien um jeweils speziell ausgestaltete Räume handelt, in denen Inhalte gepostet und repostet, kommentiert und adressiert werden, es also viel mehr an den Infrastrukturen als an den Bildern selbst liegt, wenn diese sich – erstmals in der Kulturgeschichte – rasend schnell und in direkter Konkurrenz zueinander verbreiten.23

Lässt sich ein Wissenschaftler vielleicht aus dem Bedürfnis, seinen Gegenstand aufzuwerten, zu Vokabeln aus Bereichen wie Krieg und Krankheit, ja zu darwinistisch-biologischen Denkfiguren hinreißen, so hat man dazu in anderen Milieus aber von vornherein eine weltanschauliche Affinität. So können sich insbesondere Rechte und Libertäre mit Denkfiguren identifizieren, in denen es um Wettkampf, Fitness und Verdrängung – um ein völlig freies Spiel der Kräfte – geht. Für sie spielen nämlich agonale Prinzipien, Dichotomien von Sieg und Niederlage, Ideen von Überlegenheit und Stärke, von rückhalt- und rücksichtslos ausgelebter Freiheit generell eine große Rolle.

Daher verstehen Rechte und Libertäre die Prozesse, die zu Memes führen, gleichsam aus Sympathie; sie haben die darwinistische Logik – oft noch sozialdarwinistisch zugespitzt – verinnerlicht und begrüßen die Produktion von Memes als Zeichen von Stärke und Vitalität. Je durchschlagender die Karriere eines Memes ist, desto beeindruckter sind sie. Und warum sollte sie daher nicht der Ehrgeiz packen, ihre eigenen Kräfte zu messen und es selbst mit Memes zu versuchen? So sind 4chan und sukzessive auch andere Plattformen wegen eines »schier endlosen Pools an darwinistischen Nutzern eine Brutstätte von Supermemen geworden«, wie Johannes Grenzfurthner vom Kunst- und Technologie-Kollektiv »Monochrom« bilanziert und fasziniert-distanziert hinzufügt, einige dieser Meme-Produzenten seien »fast den ganzen Tag online – und das seit Jahren«.24

Sich gegen andere durchzusetzen ist dann ihr primärer Antrieb, ja Memen ist für sie – mutmaßlich viel mehr als für Menschen mit anderen Ansichten – immer schon auf Sieg angelegt, ist eine Art von Kriegsführung.

Anders als bei W. J. T. Mitchell wird militärische Metaphorik in rechtslibertären Milieus also ausdrücklich affirmiert. So gelten Memes in einem rechtsextremen Magazin als »kognitive Biowaffen im Informationskrieg«.25 In einem rechtsaktivistischen »Handbuch für Medienguerillas« ist davon die Rede, dass man »mit Bildern […] hervorragend memetische Kriegsführung betreiben« könne; weiter preist man »memetisches Sperrfeuer« oder spricht von der »Infobombe«, die man »übern Zaun, mitten in die Filterblase des Gegners« werfen solle, ja beschreibt die Nutzung Sozialer Medien durchweg als ein aggressives Strategiespiel, das dazu dient, Andersdenkende zu besiegen und ihnen dann »den finalen Stoß« zu verpassen.26 Und wenn Alt-Right- und andere Aktivisten wieder und wieder einen »Meme War« ausrufen, dann ist das wörtlich zu verstehen: nicht als launige Aussage, sondern als Appell zu Disziplin, Härte, Gnadenlosigkeit.27

Jeff Giesea, als Berater damals sowohl Donald Trump als auch dem libertären Investor Peter Thiel nahestehend, veröffentlichte 2016 einen Artikel in einer Zeitschrift der NATO, in dem er zur »Kriegsführung mit Memes« (»memetic warfare«) aufrief.28 Er prophezeite, dass es zunehmend wichtig werde, sich auf den »Wettstreit über Narrative, Ideen und soziale Kontrolle auf dem Kriegsschauplatz der Sozialen Medien« einzulassen, und beklagte, dass die NATO-Mitgliedsstaaten skrupulöser seien, wenn es um Kampagnen in den Sozialen Medien gehe, als wenn sie ihre Feinde bombardierten.29

Innenpolitisch waren in den USA zur selben Zeit Memes bereits wichtige politische Instrumente. Je genauer man ihre Eignung zu Zwecken der Propaganda, Desinformation und Manipulation erkannte, desto mehr Energie wurde darauf verwendet, immer neues Meme-Material strategisch in Umlauf zu bringen. Im Fall der Rechten wurde dessen Einsatz zum Teil zudem schon früh straff organisiert. So hatte Steve Bannon, zeitweise Berater und Stratege von Donald Trump, als Chef des Alt-Right-Online-Magazins »Breitbart News Network« zusammen mit dem ultrarechten Aktivisten Milo Yiannopoulos seit 2012 eine ganze Armee von Trollen und Aktivisten zur Meme-Produktion auf 4chan, Reddit und anderen Plattformen rekrutiert, darunter Leute von Computerspielplattformen, die dort mit sexistisch-antifeministischem, aggressivem Verhalten aufgefallen waren. Bannon selbst bezeichnete sie als eine »Armee« aus »wurzellosen weißen Männern«, die über »gewaltige Kräfte« verfügten, welche man »auf Politik und Trump umlenken« könne.30

Dieses Umlenken gelang vor allem dadurch, dass man eine gerade unter weißen Männern in den USA oft bereits vorhandene Angst ansprach und bestärkte – ihre Angst, sie könnten ihre angestammte Machtposition verlieren: demografisch von Menschen anderer Ethnien überholt und zugleich aufgrund des Feminismus und einer verstärkten Gender-Sensibilität in ihrer patriarchalen Männlichkeit infrage gestellt werden. Infolgedessen erlebten sie sich zunehmend, so der Kulturwissenschaftler Simon Strick, »als vielseitig deprivilegierte und marginalisierte Minderheit« und »verfestigten dieses Gefühl zu unzähligen Gelegenheiten und in endlosen Meinungsbeiträgen, Posts und Meme-Serien«. Ausdrücklich misogyne Kampagnen gab es in großem Umfang erstmals 2014, nachdem sexistische Stereotype in Computerspielen kritisiert worden waren. Die Aggressionen und Drohungen von Mitgliedern der Gamer-Szene waren daraufhin so heftig, dass das weit über diese hinaus wahrgenommen und unter dem Hashtag #GamerGate diskutiert wurde.31

Um die emotionale Ausgangslage – jene Angst – der Gamer sowie der mit ihnen eng verbundenen Alt-Right-Bewegung genauer zu fassen, könnte man sie im Unterschied zu anderen Minderheiten als neue Minderheit, vielleicht auch als bloß gefühlte Minderheit beschreiben. Ihre Vertreter sehen es nicht als Teil ihrer Identität an, Minderheit zu sein; als weiße Männer sind sie vielmehr im Bewusstsein sozialisiert und von dem Selbstverständnis geprägt, ›die‹ Norm – tonangebende Mehrheit – zu sein. Dass ihnen eine Relativierung ihrer Vormachtstellung droht, nehmen sie als Anomalie wahr, fühlen sich dann auch als »gemobbte Minderheit«.32 Dagegen kämpfen sie mit allen Mitteln: in der Überzeugung, im Recht, Dissidenten im legitimen Widerstand zu sein.