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Die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) wurde von Anthony W. Bateman und Peter Fonagy zur Behandlung von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) entwickelt und gilt als eine der evidenzbasierten Behandlungsansätze für diese Störung. Es handelt sich um einen integrativen Therapieansatz, der psychodynamische Elemente um systemische und kognitive Aspekte erweitert. Der Band vermittelt das Grundkonzept der MBT, erläutert das Störungsmodell, beschreibt die MBT-spezifische Grundhaltung des Therapeuten sowie MBT-spezifische Interventionen und informiert über vorliegende Wirksamkeitsnachweise. Mentalisieren wird in der MBT als etwas grundsätzlich Erlernbares angesehen. Im Störungsmodell für Persönlichkeitsstörungen gehen die Autoren davon aus, dass die Kernprobleme der BPS – interpersonelle Probleme, Affektdysregulation und Impulsivität – mit Schwierigkeiten der Patienten zusammenhängen, Mentalisierung in emotional bedeutsamen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Das Ziel der Therapie besteht in der Stabilisierung oder Förderung von Mentalisierung besonders in interpersonell affektiven Kontexten, wofür sich zunächst die Beziehung zum Therapeuten besonders eignet. Bei dem hier vorliegenden Werk handelt es sich um eine verdichtete Fassung des aktuellen MBT-Manuals in deutscher Sprache, in dem das therapeutische Vorgehen zudem anhand eines ausführlichen Fallbeispiels veranschaulicht wird.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Svenja Taubner
Peter Fonagy
Anthony W. Bateman
Mentalisierungsbasierte Therapie
Fortschritte der Psychotherapie
Band 75
Mentalisierungsbasierte Therapie
Prof. Dr. Svenja Taubner, Prof. Peter Fonagy, Prof. Anthony W. Bateman
Herausgeber der Reihe:
Prof. Dr. Kurt Hahlweg, Prof. Dr. Martin Hautzinger, Prof. Dr. Tania Lincoln, Prof. Dr. Jürgen Margraf, Prof. Dr. Winfried Rief, Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier
Begründer der Reihe:
Dietmar Schulte, Klaus Grawe, Kurt Hahlweg, Dieter Vaitl
Prof. Dr. phil. Svenja Taubner, geb. 1973. Seit 2016 Professorin für Psychosoziale Prävention und Direktorin des gleichnamigen Instituts an der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.
Prof. Peter Fonagy, PhD, geb. 1952. Seit 2003 Geschäftsführer des Anna Freud National Centre in London. Seit 2008 Professor für Psychologie und Leiter des Bereiches Psychologie und Sprachwissenschaften am University College London (UCL).
Prof. Anthony W. Bateman, M.A., geb. 1952. Seit 1999 Gastprofessor am University College London (UCL). Seit 2005 Psychiater und Psychotherapeut am Anna Freud Centre in London, dort auch MBT-Koordinator, sowie seit 2010 Honorarprofessor für Psychotherapie an der University of Copenhagen.
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Satz: Matthias Lenke, Weimar
Format: EPUB
1. Auflage 2019
© 2019 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2834-5; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2834-6)
ISBN 978-3-8017-2834-2
http://doi.org/10.1026/02834-000
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Vorwort
1 Was ist Mentalisieren?
1.1 Geschichte und Definition des Begriffs
1.2 Mentalisieren als multidimensionales Konstrukt
1.3 Indikation für MBT
1.4 Veränderungstheorie der MBT
2 Die Mentalisierungstheorie und abgeleitete klinische Theorien
2.1 Mentalisierungspole
2.1.1 Automatisches implizites vs. kontrolliertes explizites Mentalisieren
2.1.2 Internal fokussiertes vs. external fokussiertes Mentalisieren
2.1.3 Selbstorientiertes vs. fremdorientiertes Mentalisieren
2.1.4 Kognitives vs. affektives Mentalisieren
2.2 Prämentalisierende Denkmodi
2.2.1 Der pseudomentalisierende Denkmodus
2.2.2 Das Denken im Modus der psychischen Äquivalenz
2.2.3 Der Handlungsdruck im teleologischen Modus
2.2.4 Prämentalisierung und impulsives Verhalten
2.3 Klinische Befunde zur Mentalisierung
2.3.1 Mentalisierungsprobleme am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.3.2 Die klinische Theorie vom Fremden Selbst
3 Diagnostik von Mentalisierung
3.1 Methoden der Mentalisierungsdiagnostik
3.2 Mentalisierungsprofile
4 Die Behandlung mit MBT
4.1 Fokusformulierung und Krisenplan
4.2 Psychoedukation: MBT-Inhaltskurs (MBT-I)
4.3 Die therapeutische Haltung
4.4 Interventionen
4.4.1 Der klinische Prozess
4.4.2 Empathische Validierung
4.4.3 Klärung, Exploration und Herausfordern
4.4.4 Affektfokus und Mentalisieren der therapeutischen Beziehung
4.5 Typische Probleme durch die Aktivierung des Bindungssystems und Vermeidung von therapierelevanten Themen
4.5.1 Umgang mit zu starker Bindungsaktivierung
4.5.2 Umgang mit Widerstand über therapierelevante Bereiche zu sprechen und funktionelle Analyse
4.6 MBT-Gruppentherapie (MBT-G)
4.7 Zusammenfassung der zentralen Prinzipien der MBT
5 Die Wirksamkeit von MBT
6 Fallbeispiel einer MBT mit einer BPS-Patientin
6.1 Fokusformulierung und nicht mentalisierende Interaktionsmuster
6.2 MBT-Inhaltsgruppe (MBT-I)
6.3 Die MBT Einzeltherapie
6.3.1 Empathische Validierung
6.3.2 Klärung, Elaboration und Identifikation von Affekten
6.4 Affektiver Fokus der Sitzung und Mentalisieren in Beziehungen
7 Fazit und Ausblick
8 Weiterführende Literatur
9 Literatur
10 Anhang
Karte
Die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) hat sich zunächst als Methode zur Behandlung von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) etabliert, wird aber zunehmend transdiagnostisch mit jeweils kleinen Abwandlungen des klinischen Fokus und Störungsverständnisses eingesetzt. Ziel dieses Buches ist es, die MBT allgemeinverständlich und für unterschiedliche Adressaten darzustellen, gleichwohl die psychodynamischen Wurzeln des Konzeptes und ihr Selbstverständnis als psychodynamische Therapie würdigend. Die MBT wurde in London von Anthony Bateman und Peter Fonagy entwickelt und lässt sich daher schwer in den Kontext der deutschen Richtlinienpsychotherapie einordnen. In London können MBT-Schulungen von Psychotherapeuten jeglicher Schulrichtungen und auch von nicht psychotherapeutisch ausgebildeten Fachkräften des Gesundheitswesens besucht werden. Unter den besten MBT-Therapeuten – im Sinne der Adhärenz- und Kohärenzmessung – befinden sich z. B. Verhaltenstherapeuten. Daher sind wir der Auffassung, dass sich die Lektüre und Auseinandersetzung mit der MBT für Psychotherapeuten und Berater unabhängig von der therapeutischen Ausrichtung lohnt und deren Praxis bereichern wird. So kann stimulierend sein, dass die MBT eine neue Perspektive auf dysfunktionale Kognitionen einnimmt und Hinweise dafür gewonnen werden können, wie dysfunktionale Kognitionen mit diesem neuen Ansatz bearbeitet werden können. Darüber hinaus hat die MBT mit psychodynamischen Methoden ein vergleichbares Ziel wie die in der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) verbreiteten Fertigkeiten-Trainings. Das Training von Fertigkeiten hat sich aus der Erkenntnis heraus entwickelt, dass die Entwicklung von Fertigkeiten wie soziale Kompetenz, Problemlösen, Entspannungsfähigkeit, Stressbewältigung und Emotionsregulation zur langfristigen Bewältigung psychischer Störungen wirksame Therapieelemente darstellen (Fehlinger, Stumpenhorst, Stenzel, Beisel & Rief, 2013).
Transdiagnostische Behandlungsansätze sind dann besonders hilfreich, wenn Probleme adressiert werden, die bei einer Vielzahl von psychischen Störungen auftreten. Dies ist bei Mentalisierungsdefiziten der Fall; sie treten bei vielen verschieden psychischen Störungen auf, wobei hier zwischen generellen Einschränkungen und temporären Einbrüchen der Mentalisierungsfähigkeit unterschieden werden sollte. Des Weiteren sollten Fertigkeiten, wie Mentalisieren, erlernbar und veränderbar sein und können somit systematisch trainiert werden (Stenzel, Fehlinger & Radkovsky, 2015). In der Psychologie wird |2|Begabung als eher biologisch determinierte Kompetenz zur Durchführung bestimmter Leistungen von Fertigkeiten unterschieden, die eine Kombination kognitiver oder behavioraler Strategien oder Kompetenzen darstellen, die auch durch Lernen erworben oder verstärkt werden können. In der psychodynamischen Auffassung von Fertigkeiten hat sich eine etwas andere Begrifflichkeit durchgesetzt, wie z. B. psychische Struktur als sich nur langsam verändernde Traits einer Persönlichkeit, Persönlichkeitsorganisation als eine die Persönlichkeit beschreibende Struktur und, zuletzt beeinflusst durch das DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013), die Definition von Persönlichkeitsfunktionen und Persönlichkeitsniveaus mit den Bereichen Identität, Intimität, Impulssteuerung und Empathie. Hier beeinflussten die empirischen Studien zum Mentalisieren deutlich die Beschreibung des Bereichs (bzw. der Skala) Empathie.
Mentalisieren wird in der MBT als etwas grundsätzlich Erlernbares angesehen. Aus Sicht der Theorie der Fertigkeiten stellt sie somit eine Kompetenz dar, die sowohl Emotions- als auch Beziehungsregulation ermöglicht. Die Begründer des Konzeptes gehen deshalb davon aus, dass Mentalisieren trainierbar ist, allerdings lässt sich dies nicht im Rahmen eines klassischen Skills-Trainings oder über Psychoedukation leisten, wenngleich dies auch Bestandteil des Ansatzes ist. Wie angenommen wird, entwickelt sich Mentalisieren als Kompetenz interpersonell und bindungsbezogen und kann vermutlich deshalb auch bevorzugt im Rahmen einer affektiv wichtigen Beziehung, z. B. zum Therapeuten, oder in einer Gruppe geübt und trainiert werden. Diese Perspektive auf die therapeutische Beziehung als Wirkmechanismus therapeutischer Veränderung entspricht dem allgemeinen Wirkfaktorenmodell der Psychotherapieforschung (Wampold & Imel, 2015).
Das hier vorliegende Buch in der Reihe „Fortschritt der Psychotherapie“ ist in enger Abstimmung mit dem kürzlich erschienenen Manual „Mentalization-Based Therapy for Personality Disorders – A Practical Guide“ von Bateman und Fonagy entstanden (Bateman & Fonagy, 2016), da dies den aktuellen Stand des MBT-Modells darstellt. Im Gegensatz zum Practical Guide soll hier das Kernmodell der MBT auch für Patienten ohne Persönlichkeitsstörungen dargestellt werden und es wurde noch mehr Wert auf die empirische Begründung und Anschlussfähigkeit des Konzeptes auch für nicht psychodynamisch geschulte Therapeuten gelegt. Darüber hinaus wurde die deutschsprachige Literatur ebenfalls eingearbeitet.
Diese Art des Achtgebens auf die innerpsychischen und interpersonalen Befindlichkeiten wird in der Darstellung des Mentalisierungskonzeptes zentral mit dem englischen Begriff „mind“ bezeichnet. In der deutschen Sprache findet sich kein vergleichbarer Begriff, der das subjektiv Psychische und das Achtgeben auf sich selbst und andere verbindet („mind“ als Verb). In unserer Darstellung der MBT für deutschsprachige Therapeuten werden wir daher den |3|Begriff des „mind“ durch verschiedene Synonyme ersetzen müssen wie Gedanken, Geist, Subjektivität und Psyche und bitten den Leser, den Begriff des „mind“ mitzudenken.
Wir danken Dr. phil. Jana Volkert für ihre aktive Unterstützung bei der Erstellung des Manuskriptes und Dr. med. Sebastian Euler, der das Unterkapitel zur MBT-Gruppentherapie verfasst hat. Darüber hinaus danken wir Paul Schröder-Pfeifer für seine unschätzbare Hilfe bei der Erstellung der Abbildungen und Tabellen und Prof. Dr. Timo Storck für seine kritischen Anmerkungen. Nicht zuletzt möchten wir den Herausgebern der Reihe danken, dass sie mit MBT erstmals eine psychodynamische Therapiemethode in den Kanon der Reihe aufnehmen wollten.
Heidelberg und London, Sommer 2019
Svenja Taubner,
Peter Fonagy und
Anthony W. Bateman
Das Mentalisierungskonzept wurde Anfang der 1990er Jahre entwickelt (Fonagy, 1991). Zunächst diente das Konzept dazu, den sogenannten „Transmission Gap“ der Weitergabe von Bindungsmustern von Eltern an ihre Kinder zu schließen. Die englische Arbeitsgruppe konnte an einer Stichprobe von 100 Londoner Elternpaaren zeigen, dass selbstreflexive Kompetenzen der Eltern die Bindungssicherheit ihrer Kinder besser vorhersagen konnten als die Bindung der Eltern allein (Fonagy, Steele, Steele, Moran & Higgitt, 1991). In der Folge wurde das Konzept erweitert und stellt aktuell eine der empirisch begründeten Weiterentwicklungen der Psychoanalyse, der Bindungstheorie und der empirisch-orientierten Entwicklungspsychologie dar.
Mentalisieren bezeichnet eine imaginative Fähigkeit, sich mentale Gründe des eigenen Verhaltens und des Verhaltens anderer vorstellen zu können. Mentale Gründe für Verhalten können Emotionen, Wünsche, Kognitionen und Ziele sein. Über das Mentalisieren wird also hinter dem eigenen und fremden Verhalten ein psychischer Prozess vermutet, der Verhalten erklärbar und auch zu einem gewissen Grad vorhersagbar macht. Frühere Konzepte stammen von der französischen Psychoanalyse. So beschrieb Marty (1991) Mentalisieren als eine Fähigkeit, Trieb-Affekt-Erfahrungen in höher organisierte psychische Erfahrung zu transformieren und zu elaborieren, d. h. die Fähigkeit zur Repräsentation und Symbolisierung körpernahen, affektiven Erlebens in etwas Mentales.
Das Mentalisierungskonzept kann als eine Ergänzung und Erweiterung der Theory-of-Mind (ToM)-Forschung und anderer Ansätze zur Kompetenz des „Perspektivenwechsels“ angesehen werden, unter besonderer Berücksichtigung der Verarbeitung biografisch relevanter Beziehungserfahrungen. Daher greift die Mentalisierungstheorie besonders den sozial-interaktionellen Ansatz der ToM-Forschung auf und erweitert diesen um die Perspektive des Entwicklungskontextes von Bindungsbeziehungen. Die Mentalisierungstheorie knüpft also unmittelbar an die ToM-Forschung an und verbindet diese mit Überlegungen und Erkenntnissen der Bindungstheorie. Auch wenn fast jedes Kind im Alter von fünf Jahren eine kognitive ToM aufweist, die mit Tests zu falschen Überzeugungen („false belief“) erfasst werden können, so unterscheiden sich Individuen stark in dem Ausmaß ihrer Fähigkeit, akkurat über affektiv bedeutsame Beziehungen nachdenken zu können. Mentalisieren als |5|klinisches Konzept fokussiert daher besonders auf den Bereich eines metakognitiven Zugriffs auf eigene Selbstzustände, Bindungsrepräsentationen und Interaktionen in affektiven Kontexten. Besonders dieser Aspekt des Mentalisierens wird als abhängig von der Qualität der frühen Eltern-Kind-Interaktion angenommen und ist bei Persönlichkeitsstörungen und vermutlich auch bei Patienten aus dem schizophrenen Formenkreis eingeschränkt (Fonagy & Luyten, 2009). Damit ist Mentalisieren eine Entwicklungserrungenschaft, die aufgrund misslingender früher Interaktionen und/oder traumatischen Erfahrungen generell oder kontextspezifisch eingeschränkt sein kann. Darüber hinaus wird Mentalisieren als eine dynamische Fähigkeit angesehen, die in Abhängigkeit von der eigenen Emotionalität, der aktuellen Situation und den beteiligten Personen variieren kann, weshalb sie ebenfalls als ein dynamischer Prozess bezeichnet werden könnte.
Die temporäre oder chronische Fehlinterpretation der Intentionen anderer ist ein möglicher Ansatzpunkt, um psychopathologische Phänomene und Interaktionsprobleme zu erklären, die mit schwacher Affektregulation, Impulskontrollproblemen und Schwierigkeiten in interpersonellen Kontexten zusammenhängen. Damit steht Mentalisieren im Zentrum dessen, was mit den Beeinträchtigungen im Funktionsniveau der Persönlichkeit im DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013) beschrieben wird, ebenso wie mit der Strukturachse des OPD-2. Mentalisieren ist daher zunächst ein psychologisches Konstrukt, dessen klinische Implikationen störungsübergreifend genutzt werden können. Einschränkungen des Mentalisierens sind bei den Persönlichkeitsstörungen besonders prägnant, aber können auch bei anderen Patientengruppen, wie z. B. bei Patienten mit affektiven Störungen, vorliegen (Katznelson, 2014).
