Mentira 1: Stadt der Lügen - Christina Hiemer - E-Book

Mentira 1: Stadt der Lügen E-Book

Christina Hiemer

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**In einer Welt, in der nur die Wahrheit zählt, kann eine einzige Lüge alles verändern.** Melia ist ein Mitglied der Ruína und als solches ist die Wahrheit tief in ihr verwurzelt. Doch durch den Auftrag, ein mysteriöses Buch aus vergessenen Zeiten ausfindig zu machen, gerät das Vertrauen in ihre Schwesternschaft ins Wanken. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und flieht. Aber außerhalb der Stadtmauern Mentiras liegt eine Welt, in der die Wahrheit kein Gewicht hat, in der Lügen und Betrügereien zum Alltag gehören. Hier trifft sie auf Jaron, einen verstoßenen Wächter. Und obwohl sich Melia der Gefahr bewusst ist, schenkt sie dem Mann mit den stechend grünen Augen ihr Herz … Nominiert für den Fantasy-Literaturpreis "Seraph" 2019 Lass dich von Christina Hiemer in eine magische Welt entführen, in der Wahrheit und Lüge um die Vorherrschaft ringen. Eine bildgewaltige Fantasy-Serie über Liebe, Verrat und Mut. Leserstimmen: "Für mich ein absoluter Geheimtipp." "Eine grandiose Idee." "Einfach ein Must-Read." Textauszug: "Dieses Buch", sie blickte mich aus weit aufgerissenen Augen an, "irgendetwas stimmt damit nicht." "Wieso?", fragte ich, obwohl ich längst wusste, was sie meinte. Ich spürte es. Das war kein normales Buch. //Alle Bände der magisch-düsteren Fantasy-Liebesgeschichte: -- Mentira 1: Stadt der Lügen  -- Mentira 2: Stadt der Verstoßenen (erscheint im Februar 2020)//  Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Christina Hiemer

Mentira 1: Stadt der Lügen

**In einer Welt, in der nur die Wahrheit zählt, kann eine einzige Lüge alles verändern.**Melia ist ein Mitglied der Ruína und als solches ist die Wahrheit tief in ihr verwurzelt. Doch durch den Auftrag, ein mysteriöses Buch aus vergessenen Zeiten ausfindig zu machen, gerät das Vertrauen in ihre Schwesternschaft ins Wanken. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und flieht. Aber außerhalb der Stadtmauern Mentiras liegt eine Welt, in der die Wahrheit kein Gewicht hat, in der Lügen und Betrügereien zum Alltag gehören. Hier trifft sie auf Jaron, einen verstoßenen Wächter. Und obwohl sich Melia der Gefahr bewusst ist, schenkt sie dem Mann mit den stechend grünen Augen ihr Herz …

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Vita

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© privat

Christina Hiemer lebt im schönen Nordrhein-Westfalen und studiert Rechtswissenschaften an der Universität Bielefeld. Die Liebe zu Büchern begleitet sie bereits seit ihrer Kindheit. Doch als kleiner schriftstellerischer Spätzünder begann sie erst im Alter von 23 Jahren selbst mit dem Schreiben und kann seitdem auch nicht mehr damit aufhören.

Für alle, die sich nicht verloren,

sondern nur verirrt haben.

Prolog

In einer Welt, in der jede Lüge ihren Preis hat, überlebt man nur, wenn man bereit ist mit den Konsequenzen zu leben. Wer auch immer dies zu lesen bekommt: Bist du bereit die Konsequenzen für deine Worte zu übernehmen? Wirst du zu deinen Taten stehen, seien sie noch so niederträchtig und verabscheuungswürdig? Nun, ich hätte all diese Fragen, ohne mit der Wimper zu zucken, mit Nein beantwortet, aber Dinge ändern sich. Umstände, die wir nicht beeinflussen können, überrollen uns und plötzlich, ganz still und heimlich, bemerken wir, dass das große Ganze so viel mächtiger ist, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Dass dort draußen etwas lauert, das wir nicht greifen können … dessen Ursprung wir nur erahnen. Aber wo Schatten ist, dort ist auch Licht, und wo Licht ist, wird es immer Hoffnung geben. Wir wachen eines Morgens auf und realisieren, dass in uns vielleicht doch mehr steckt, als wir es uns eingestehen wollen. Glaube an dich! Glaube an deine Kraft, die Dinge zu verändern, die um ein Vielfaches größer sind als du selbst. Hätte ich an mich geglaubt, sähe die Welt nun ganz anders aus. Vielleicht wäre sie weniger grausam und düster, als sie es ohnehin schon war. Vielleicht hätte das Chaos sie schon längst zerstört, ins Verderben gestürzt und dieser Brief wäre nicht mehr als nur ein Haufen Asche. Vielleicht habe ich aber auch alles noch viel schlimmer und auswegloser gemacht. Wer kann das schon so genau sagen, aber was zählt, sind Taten. Handle! Fordere die Welt heraus und ich kann dir versichern, sie wird die Herausforderung annehmen.

R.K., 11. Juli 2035

1. Kapitel

Melia

Vorsichtig legte ich das alte Stück Papier zurück in die Glasvitrine, ehe ich sie wieder verschloss und aus dem Zimmer trat. An tristen Tagen wie diesen gaben mir die Worte Kraft, weiterzumachen und nicht an mir zu zweifeln. Seit ich als Übersetzerin der alten Schriften bei der Schwesternschaft der Ruína arbeitete, hatte ich mir den Zugang zu den Reliquien der vergessenen Zeit hart erarbeitet und dennoch musste ich jedes Mal aufs Neue vorsichtig sein.

Das Lesen der alten Schriften stand für Menschen außerhalb der Schwesternschaft unter Todesstrafe, da sie von einer Zeit erzählten, die lange zurücklag. So lange, dass längst niemand mehr lebte, der aus erster Hand über sie berichten konnte.

Ich hatte bereits einige solcher Schriften gelesen und sie zum Teil in unsere Sprache übersetzt. Dennoch besaß ich längst nicht genug Freigaben, um auf alle Reliquien zugreifen zu können. Aber dieser Brief unterschied sich von all jenen, die ich bisher studiert hatte. In seinen Worten lag so viel Schmerz, so viel Reue über das Geschehene. Sie erzählten die Geschichte einer Welt, die weitaus hoffnungsloser war, als es sich der Verfasser gewünscht hatte.

Das Leben hier in Mentira war geprägt von einer einzigen Regel: Lüge nie! Betrüge weder dich noch deinesgleichen!

Eine Regel, die eigentlich simpel war, und trotzdem hielt sie unsere Welt so fest umschlungen, dass sie unter ihrem Druck beinahe zerbrach.

Der Kodex der Ruína war das Band, das unsere besondere Gemeinschaft zusammenhielt. In dieser Schrift, die von den ersten Schwestern der Ruína verfasst worden war, befanden sich die Grundfesten unseres Zusammenlebens. Denn wenn uns die Vergangenheit eines gelehrt hatte, dann dass ein Zusammenleben ohne Regeln nicht möglich war.

Mentira war groß und glanzvoll. Eine Stadt, die förmlich strahlte. Eine Stadt, deren Licht für Reinheit und Anmut stand.

Alles, was sich nicht im Schatten verbarg, konnte nur Gutes in sich tragen. Zumindest galt das, wenn man den Schwestern der Ruína glaubte. Und ihr Wort stand über allem. Nur durch ihre strenge Führung konnte ich auf all das Wissen zurückgreifen, das in den Schriften verborgen lag.

Die Zeit auf der hohen Schule hatte mich zu der wohl begnadetsten Übersetzerin in ganz Mentira gemacht.

Innerhalb meiner fast dreijährigen Ausbildung hatte ich vier Sprachen aus der alten Welt erlernt und im späteren Verlauf zwei weitere. Das Archiv der Ruína war so umfangreich, dass ich in der Zeit, die ich für sie arbeitete, lediglich einen Bruchteil dessen hatte sichten können, was sich in den alten Kammern verbarg. Briefe, Bücher, Karten … die Sammlung war schier unerschöpflich.

Ein Klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken.

»Melia? Entschuldige, aber Kalyra schickt mich, um dir ausrichten zu lassen, dass sie dringend mit dir sprechen will.«

Ich blickte von meinem Schreibtisch auf und sah in das Gesicht von Cleo, die ängstlich auf meine Antwort zu warten schien. Ihre feinen Gesichtszüge wurden von langen blonden Locken umrahmt, die ihr über die Schultern fielen.

»Danke, Cleo, ich werde mich umgehend bei ihr melden«, antwortete ich lächelnd.

Mit Kalyra sollte man es sich lieber nicht verscherzen, das hatte ich bereits häufiger schmerzlich feststellen müssen. Also stand ich auf und schloss vorsichtig die Tür hinter mir, ehe ich mich mit schnellen Schritten auf den Weg zu ihrer Kammer machte.

Kalyra war eine meiner Ausbilderinnen gewesen. Ihre impulsive, hitzige Art hatte mich in den letzten Jahren täglich begleitet und mich beinahe in den Wahnsinn getrieben. Zum Glück war sie nur für die kämpferische Grundausbildung zuständig gewesen, die jede Schwester hier absolvieren musste. Ihre teils brachialen und schmerzhaften Ausbildungspraktiken hatten sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt und auch einige sichtbare Narben hinterlassen.

Trotzdem hatte ich Kalyra immer die Stirn geboten und sie mit meiner Sturheit das ein oder andere Mal an den Rand des Wahnsinns getrieben.

Kurzzeitig spürte ich ein nervöses Ziehen in meinem Magen. Was immer Kalyra von mir wollte, es konnte nichts Gutes bedeuten.

Die alten Schlossdielen knarrten verräterisch, als ich durch die dunklen Flure schritt. An den Wänden hingen verwitterte Bilder von Menschen, die schon viele Jahre lang tot waren, und auch sonst strahlten die Gänge des Schlosses nichts als Trostlosigkeit aus. Die schweren dunkelroten Vorhänge waren vor die Fenster gezogen und tauchten alles in ein bedrohlich düsteres Licht.

Bereits auf dem Weg zu Kalyra bemerkte ich die ernsten und aufgebrachten Gesichter der anderen Schwestern. Sie standen in den Fluren in kleinen Grüppchen wie Schulmädchen zusammen und tuschelten aufgeregt.

Als ich bei Kalyras Kammer angekommen war, holte ich tief Luft, klopfte an und öffnete die Tür.

Ein holziger Geruch erfüllte den hellen Raum. Leise durchquerte ich das Zimmer, das mit einem sandfarbenen Teppich ausgelegt war.

Kalyra stand mit dem Rücken zur Tür und blickte aus dem großen Fenster hinaus in den Hof. Ihr langes schwarzes Haar war zu einem kunstvollen Zopf geflochten, der ihr über den Rücken fiel. Die dunkelrote Uniform der Wächterinnen schmiegte sich anmutig an ihren athletischen Körper. Nur unsere besten Kämpferinnen durften diese besondere Kleidung ihr Eigen nennen. Kalyra trug sie voller Stolz und genoss jedes Mal aufs Neue die ehrfürchtigen Blicke der anderen Schwestern.

»Ach, erbarmst du dich auch endlich meiner Anweisung zu folgen?«, fragte sie bissig.

Ich blieb in der Mitte des Raumes stehen und blickte ihr entgegen. Kalyras Haltung wirkte ungewöhnlich angespannt. Ihre braunen Augen fixierten mich und ich bemühte mich darum, ihrem stechenden Blick standzuhalten. Sie war ein zutiefst beherrschter Mensch, verbarg immer sorgsam all ihre Gefühle vor uns anderen. Doch heute sah ich mehr als die gewöhnliche Abscheu in ihren Augen. Etwas Angriffslustiges, Bedrohliches spiegelte sich in ihnen. Etwas, das mir einen kalten Schauer über die Schultern laufen ließ.

»Es hieß, du hättest ein dringendes Anliegen«, entgegnete ich beherrscht, in der Hoffnung, dass sie direkt auf den Punkt kam.

Kalyras kritischer Blick huschte kurz durch den Raum, ehe sie stirnrunzelnd auf mich zukam. »Melia, du weißt sicher, dass Mentira ein Arsenal an alten Schriften in seinen Katakomben birgt. Die Schwesternschaft der Ruína ist zu dem Entschluss gekommen, dass du eine Zugangsberechtigung zu allen Schriften erhalten sollst. Du hast deine Arbeit in den vergangenen Jahren engagiert und leidenschaftlich verrichtet und hast dir dieses Privileg ehrlich verdient.«

Ihre lobenden Worte bildeten das genaue Gegenteil zu der Art, wie sie diese aussprach. Es wirkte eher, als würde sie sie mir voller Abscheu vor die Füße spucken. Dennoch war ich für einen Moment sprachlos.

Ungläubig starrte ich Kalyra an. Ausgerechnet ich sollte mir etwas verdient haben? Die Schwestern behandelten mich wie ihren Fußabtreter, dementsprechend unverständlich war es, dass mir diese Ehre nun zuteilwerden sollte.

»Ich … ich bin überwältigt. Es ehrt mich zutiefst und ich werde mit Freude auch die bisher verborgenen Schriften sichten und ihren Inhalt entschlüsseln, sofern die Schwesternschaft dies wünscht.«

Kalyras Gesicht erhellte sich, so, als hätte sie nur auf dieses Stichwort gewartet, und plötzlich bekam die vermeintliche Ehrung einen bitteren Beigeschmack. Wie hatte ich auch glauben können, dass die Ruína diesen Schritt nicht aus purem Eigennutz unternahm?

»Nun, Melia, es gibt da einen besonderen Fund, den wir gern als oberste Priorität behandelt hätten. Eine unserer Schwestern hat ein Buch in einer Art Geheimfach in der alten Turmbibliothek gefunden, als sie nach einem Werk aus der vergessenen Zeit suchte. Sie berührte versehentlich einen Buchrücken, der sich als Schalter entpuppte und einen uralten Mechanismus in Gang setzte. Lange Rede, kurzer Sinn, das Buch lag im Verborgenen. Es muss demnach eindeutig aus der vergessenen Zeit stammen und das bedeutet: Es hat oberste Priorität!« Kalyras Stimme klang angespannt und ihr Blick war stechend. »Wir haben im Rat darüber abgestimmt und entschieden, dass wir dir diese wichtige Aufgabe übertragen wollen. Als Zeichen unseres Vertrauens und unseres guten Willens. Finde heraus, was sich im Inneren dieses Buches verbirgt, und die Schwesternschaft wird sich dir gegenüber erkenntlich zeigen.«

Kalyras Betonung lag unentwegt auf dem Wir, dabei war mir bewusst, dass sie sicherlich nichts mit dieser Ehre zu tun hatte.

Misstrauisch beobachtete ich sie, während sie sich in ihrem dunklen Holzsessel niederließ. Ihre Art strahlte Stärke und Anmut aus. So, wie sie ihre Augen leicht zusammenkniff und auf meine Antwort wartete, wirkte sie wie ein lauerndes Raubtier, das jederzeit bereit war seine Beute zu reißen.

»Wann kann ich mit der Übersetzung beginnen?«, fragte ich.

Mir war es zuwider, noch länger mit ihr in diesem Raum festzusitzen. Das hier war ihr Revier und das wusste sie.

Ihr Blick erhellte sich kurz, ehe sie mir einen herben Dämpfer verpasste. »Sobald du den Schlüssel zum Buch gefunden hast!«

***

»Was meint sie denn mit Schlüssel?«, fragte Zohera neugierig.

Ich nahm einen großen Schluck Tee und antwortete: »Wenn ich das nur wüsste! Eine Art Feuerprobe vielleicht? Kalyra hasst mich wie die Pest. Als ob sie mir jemals etwas Gutes gönnen würde.« Ich biss mir vor lauter Wut auf die Zunge und Zohera begann zu lachen. »Es ist zu amüsant, wie du dich aufregst. Irgendwann macht dein Herz noch schlapp, Melia.«

Ich versuchte den stechenden Schmerz einen Moment auszublenden und atmete tief ein und aus.

»Wie willst du den Schlüssel finden? Schon irgendwelche Ideen oder Anhaltspunkte? Kalyra hat dir nichts gegeben, was dir hilfreich sein könnte?«

Ich schüttelte den Kopf. Sie hatte mir nur ein süffisantes Grinsen geschenkt, gleich nachdem sie mir verkündet hatte, dass ich mir das Buch morgen früh ansehen könnte.

Jahrelang mühte ich mich in der hohen Schule ab, um ein vollwertiges Mitglied der Ruína zu werden. Doch bereits während der Ausbildung hatte ich festgestellt, dass ich öfter als andere aneckte. Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte mich meist wie das Haar in der Suppe gefühlt. Man aß die Suppe zwar, um satt zu werden, aber der gute Geschmack war mit dem Fund verloren. Die einzige Person innerhalb der Schlossmauern, die mich vollends akzeptierte, saß mir gegenüber. Zohera.

»Ich habe keine Ahnung, wie ich Kalyras Erwartungen gerecht werden soll! Sie war doch sicher die Erste, die bei dem Votum der Schwestern gegen mich gestimmt hat, darauf würde ich mein Leben verwetten.«

Zohera lehnte sich zu mir nach vorn und runzelte nachdenklich die Stirn. »Mach dir doch genau das zum Vorteil. Sie unterschätzt dich und deine Talente sowieso schon. Das heißt, du hast alle Freiheiten, denn in ihren Augen kannst du doch nur scheitern. Du musst es dieser Giftnatter einfach nur richtig zeigen und dann lässt sie dich vielleicht endlich in Ruhe und sucht sich ein neues Opfer. Schlaf eine Nacht darüber und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.«

Ihre aufmunternden Worte ließen mich kurz lächeln. Genau wegen ihres unerschütterlichen Optimismus war Zohera meine beste Freundin. In ihrer Welt gab es für jede verschlossene Tür einen passenden Schlüssel. In meiner hingegen gab es meist nur unüberwindbare Mauern.

»Vielleicht hast du recht. Ich habe das Buch ja noch gar nicht gesehen und im Grunde nichts zu verlieren. Es ist unmöglich, dass Kalyra mich noch mehr hasst, als sie es ohnehin schon tut.«

Ich verabschiedete mich von ihr und machte mich auf den Weg nach Hause. Unterwegs schweiften meine Gedanken immer wieder zu dem alten Brief, den ich nun schon allzu oft in den Händen gehalten hatte. Ich fragte mich jedes Mal, wie die vergessene Welt gewesen war, wie die Menschen dort gelebt hatten und wieso alles dem Untergang geweiht worden war. Ich konnte mir diese Welt nicht vorstellen, eine Welt, in der Lügen noch nicht unter Strafe gestanden hatten. Der Kodex der Ruína beinhaltete aber nicht nur das Verbot zu lügen. Er besagte, dass wir die Schwesternschaft ehren sollten und die Ruína über allem stand. Wir durften uns gegenseitig nicht schaden, uns kein Leid zufügen und waren dazu verpflichtet, uns in schwierigen Situationen beizustehen: Schwestern im Geiste, Schwestern im Kampf, Schwestern bis in alle Ewigkeit und darüber hinaus.

Obwohl die Menschen in Mentira ein riesiges Arsenal an Wissen horteten, hielten es höhere Ordensschwestern aus mir unerklärlichen Gründen streng unter Verschluss. Alles, was uns in der Schule beigebracht worden war, umfasste die Werteordnung der Schwesternschaft und die neue Zeitrechnung Mentiras. Nachdem die alte Welt in Vergessenheit geraten war, hatten die ersten Schwestern den Kodex bei der Gründung der Stadt eingeführt. Mentira, die Stadt ohne Lügen, bestand nun schon seit dreihundertsiebzehn Jahren, ein Umstand, auf den jede Ordensschwester unglaublich stolz war. Demnach schrieben wir in Mentira das Jahr 317. Soweit ich wusste, hatten die übrigen Städte die alte Zeitrechnung einfach übernommen und die Jahre fortgezählt. Nach dieser befänden wir uns im Jahr 2352.

***

Die Straßen innerhalb der Stadt waren durch die vielen Fackeln hell erleuchtet und unmittelbar vor mir türmten sich die hohen Zinnen des Schlosses auf, in dem die Schwesternschaft lebte. Mentira war bereits von der Dämmerung verschluckt worden und so war die gesamte Stadt von gruseligen Schatten durchzogen, die sich gefährlich über die Straße beugten. In den kleinen Gassen war es so ruhig, dass ich meinen Atem hören konnte. Meine Beine umwehte ein leichter, kühler Wind.

Die meisten Schwestern hatten sich entweder in ihre Räumlichkeiten innerhalb des Schlosses zurückgezogen oder aber in ihre kleinen, aber gemütlichen Steinhäuser, die sich rund um das Schloss herum befanden. Im Schloss selbst lebten nicht nur die hohen Schwestern der Ruína, sondern auch die neuen Anwärterinnen, die Gardistinnen und einige Übersetzerinnen. Doch da nicht jede von uns gleich wichtig war, wohnten einige auch außerhalb des Schlosses.

Ich stieg die Treppen zum Marktplatz hinunter, der jetzt vollkommen still und dunkel dalag. Selbst der Wasserspeier, der in dem Brunnen in der Mitte des Platzes thronte, schien in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein.

Das System innerhalb Mentiras war recht simpel. Jedes Mädchen lebte bis zu seinem zwölften Lebensjahr im Schloss. Dort lernte es die wichtigsten Dinge wie Lesen und Schreiben, Kochen, aber auch Reiten. Ab dem zwölften Lebensjahr wurde jede nach ihren Talenten ausgebildet. Ich hatte von Anfang an eine Vorliebe für Buchstaben und Bücher gehabt, weshalb man mich für das Erlernen der alten Sprachen vorgeschlagen hatte. Das Schloss war bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft, ein Anblick, der mir immer wieder aufs Neue einen herrlichen Schauer über den Rücken jagte. Mein liebster Ort war seit jeher die alte Bibliothek, die sich im höchsten Turm des Schlosses verbarg.

Aber Mentira beherbergte auch Köchinnen, Jägerinnen oder Wächterinnen. Jede von ihnen war Teil der Schwesternschaft und eine der wichtigsten Regeln der Ruína besagte, dass es völlig egal war, welchen Beitrag man der Gemeinschaft beisteuerte, solange man sich bemühte, der Schwesternschaft zu dienen. Eine Wächterin war also nicht mehr wert als eine der Köchinnen. Zumindest in der Theorie. Tatsächlich bildeten sich die Wächterinnen manchmal einiges auf ihre Tätigkeit ein und ließen das die übrigen Schwestern auch spüren.

***

Endlich an meinem Zuhause angekommen konnte ich es kaum erwarten, ins Bett zu fallen. Als ich die Tür aufschloss, begrüßte mich der bekannte Duft nach Tannenzweigen und Holz. Müde stolperte ich durch die dunkle Hütte und suchte nach der alten Öllampe. Ich blickte mich um und entdeckte sie schließlich auf der kleinen Anrichte neben dem Kamin. Nachdem ich sie entzündet hatte, ließ ich mich in den muffigen grünen Sessel fallen, der vor dem Kamin stand. Meine Hütte war zwar winzig, dennoch bot sie genug Platz für eine Person. In der hinteren Ecke befand sich eine kleine Kochnische und durch das Fenster neben dem Ofen konnte ich nach draußen blicken. Die meiste Zeit saß ich jedoch an meinem kleinen Schreibtisch und las. Zwar arbeitete ich auch viel vom Schloss aus, aber ich genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit, die mir die Hütte bot. Immerhin besuchte mich, abgesehen von Zohera, nie eine Schwester in meinem Zuhause.

Da ich eine der wenigen Übersetzerinnen war, die bereits nach so kurzer Zeit ein Haus ihr Eigen nennen konnte, genoss ich die Privatsphäre umso mehr. Eigentlich war es uns so früh nicht gestattet, die Gemeinschaft des Schlosses zu verlassen, denn Übersetzerinnen waren selten und lebten normalerweise in einem kleinen abgetrennten Teil des Gemäuers. Da ich allerdings schon während meiner Ausbildungszeit so gut wie keinen Anschluss unter den anderen Anwärterinnen gefunden hatte und es sowieso zu wenig Platz in den Kammern des Schlosses gab, hatte Schwester Larysa eine Ausnahmeregel gefunden.

Nachdem ich mich aus meiner unbequemen Hose gequält hatte, legte ich mich ins Bett. Der morgige Tag würde anstrengend werden und da ich nicht gerade mit Geduld gesegnet war, würde die Suche nach diesem verschwundenen Schlüssel mir bestimmt einiges abverlangen.

2. Kapitel

Melia

Als ich am nächsten Morgen aufstand, war meine Laune an einem absoluten Tiefpunkt. Ich hatte die ganze Nacht darüber nachgedacht, was für mich auf dem Spiel stand, wenn ich versagen würde. Die Schwestern duldeten kein Scheitern und meine hart erarbeiteten Privilegien wären für immer verloren. Wer sich nicht für das Allgemeinwohl engagierte, endete schnell außerhalb der Stadtmauern. Nur wer sich aktiv ins Stadtleben einbrachte, war für die Schwesternschaft ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft. Ich konnte die unbarmherzige Art der Schwestern nachvollziehen, denn nur durch dieses harte Durchgreifen stand die Stadt überhaupt noch.

Lustlos zog ich mir eine frische Hose an und schnappte mir eines der locker sitzenden Hemden. Anschließend packte ich meine Tasche und brach ohne Frühstück zum Schloss auf.

***

Die Bibliothek befand sich im östlichen Turm. Die Decken waren mit kunstvollen Bildern versehen und erzählten eine ganz eigene Geschichte. Für die meisten Schwestern war dieser Turm tabu und so wusste nur eine Handvoll Menschen von diesem wundersamen Ort. Die Bücherregale berührten beinahe die Decke und überall im Raum roch es nach Papier und altem Leder.

Anscheinend wurde ich bereits erwartet. Kalyra saß in meinem Lieblingssessel und tippte mit ihren Fingern immer wieder auf den Tisch. Als sie mich bemerkte, warf sie mir ein eisiges Lächeln zu. Ihr schwarzes Haar trug sie auch heute wieder zusammengebunden, jedoch fielen ihr einzelne Strähnen ins Gesicht.

Ich durchquerte den Raum, der dunkelrote Teppich dämpfte meine Schritte.

»Und wieder nicht pünktlich, damit war ja schon zu rechnen.«

Ich warf ihr einen gereizten Blick zu und musterte die beiden Leibgardistinnen, die sich hinter Kalyra postiert hatten. Die Wächterinnen trugen ebenfalls die dunkelrote Robe unserer Kriegerinnen und an ihren Gürteln waren scharfe Messer befestigt. Bisher hatte ich noch nie bewaffnete Wächterinnen in der Bibliothek gesehen.

Als ich der Rothaarigen ins Gesicht blickte, umspielte ihre Mundwinkel ein selbstgefälliges Grinsen. Ihre Hand glitt kurz zu dem Messer, ehe sie diese wieder sinken ließ.

»Ich werde dir so ein wertvolles Gut natürlich nicht allein überlassen«, sagte Kalyra und nickte in Richtung der beiden Schwestern. »Sie werden es wieder sicher verwahren, sobald du mit deiner Arbeit fertig bist.« Mit einem knappen Nicken gab sie der Dunkelhaarigen ein Zeichen und sie reichte mir ein kleines Buch.

Die dunkelblauen Buchdeckel zierten aufwendige filigrane Muster. Vorn auf dem Einband erkannte ich vereinzelte silberne Prägungen, die das Licht reflektierten.

»Du darfst jetzt anfangen.« Mit diesen Worten erhob sich Kalyra und drehte mir den Rücken zu.

Ich konnte nicht anders, als genervt mit den Augen zu rollen.

Schweigend wartete ich, bis sie die Bibliothek endlich verlassen hatte, ehe ich mich in einen der alten Sessel fallen ließ. Kritisch begutachtete ich das kleine Büchlein. Die beiden Wächterinnen standen mir gegenüber und ich spürte ihre verächtlichen Blicke auf mir ruhen. Vermutlich waren sie von der Situation genauso genervt wie ich. Als ich mich wieder dem Buch zuwandte, drängte sich mir bereits eine Vermutung auf: Es könnte sich um ein Tagebuch aus der vergessenen Zeit handeln. Der metallische Schließmechanismus am Rand des Buchdeckels war in der vergessenen Welt häufig für diese Art Bücher konzipiert worden. Ich drehte es und beobachtete, wie die Reflexion des Silbers sich an der Wand spiegelte.

»Schöner Einband«, murmelte ich leise.

Die Gardistinnen warfen mir einen kurzen Blick zu, ehe sie sich gelangweilt abwandten und leise miteinander redeten.

Vorsichtig fuhr ich mit dem Daumen über das filigrane Schloss. Eine kleine, herzförmige Öffnung, die von wunderschönen Verzierungen umrahmt wurde.

»Wisst ihr zufällig, wo das Buch gefunden wurde?«, sprach ich die beiden Gardistinnen an.

Die gehässige Rothaarige ignorierte meine Frage. Doch die schmächtigere dunkelhaarige Wächterin zögerte sichtlich.

»Im abgesperrten Bereich«, antwortete sie mit monotoner Stimme. Ich wollte mich gerade erheben, als sie hinzufügte: »Kein Zutritt für dich.«

»Was soll das heißen?«

Die Rothaarige umrundete den Tisch. »Das bedeutet, du bleibst genau hier sitzen und tust, was dir Kalyra aufgetragen hat«, donnerte ihre Stimme durch die ansonsten leere Bibliothek.

»Bei allem Respekt«, antwortete ich unbeeindruckt, während ich von meinem Platz aufstand. »Aber wenn ich einen Schlüssel finden soll, dann ist der erste Platz, an dem ich suche, doch der Ort, an dem das Buch gefunden wurde.«

Die beiden wechselten einen kurzen Blick miteinander, ehe die Dunkelhaarige das Wort ergriff. »Kalyra hat uns eindeutig befohlen, dass du nur das Buch in Augenschein nehmen sollst. Die hohen Schwestern haben das Geheimfach selbst überprüft und keinen Schlüssel gefunden.«

»Und wie soll ich das Buch dann bitte öffnen?«

Sie zuckte desinteressiert mit den Schultern.

»Ist das etwa mein Problem?« Sie drehte sich um und lief gemächlich den langen Gang entlang, bis sie zwischen den Regalen verschwand.

Lustlos legte ich das Buch zurück auf den kleinen Tisch und kramte in meiner Tasche nach einer Sicherheitsnadel. Zugegeben, nicht die allerbeste, aber die naheliegendste Option, um ein Schloss auch ohne passenden Schlüssel zu öffnen. Ich bog die Nadel vorsichtig auseinander und versuchte unter kritischem Blick der Rothaarigen, das Schloss auf ganz altmodische Weise zu knacken. Nachdem ich nicht nur diese, sondern auch zwei weitere Nadeln erfolglos verbogen oder abgebrochen hatte, sich das Schloss aber nach wie vor nicht öffnen ließ, gab ich auf.

Zohera wäre bereits nach dem ersten Fehlversuch in den Handwerksschuppen gestiefelt und hätte eine Zange oder einen Hammer in die Bibliothek geschleift. Aber da Kalyra und die anderen Schwestern davon überzeugt waren, dass dieses Buch etwas Wichtiges aus der alten Zeit in sich verbarg, würde keine der Wächterinnen zulassen, dass ich wie wild auf das Schloss einschlug. Ich musste also vorsichtig sein.

Nach einer kurzen Verschnaufpause versuchte ich es erneut. Als ich die verbogene Sicherheitsnadel in das Schloss schob, wurde mein Körper plötzlich von einem elektrischen Impuls erfasst.

»Aua!« Erschrocken ließ ich das Buch fallen. Der dumpfe Aufprall auf dem Holzboden hallte durch den Raum und sofort kam die Dunkelhaarige zwischen den Regalen hervor.

»Alles in Ordnung da drüben?«, rief sie uns zu.

»Ja. Der Nichtsnutz hat nur das Buch fallen gelassen«, antwortete die andere Wächterin, während sie mich mit einem abfälligen Blick bedachte.

Wehrte sich das blöde Ding?

Meine Hände kribbelten und die feinen Härchen auf meinen Armen stellten sich auf.

Ich wollte erneut ansetzen, als mir die Nadel aus der Hand geschlagen wurde.

»Wenn du das Buch beschädigst, reißt Kalyra uns den Kopf ab!«

Sie klang weniger wütend als vielmehr aufgebracht. Ich ließ die Hand sinken und blickte die Wächterin fassungslos an.

»Wie soll ich bitte meine Arbeit erledigen, wenn ihr ständig dazwischenfunkt?«

Auf diese Weise würde ich nie hinter die Geheimnisse des Buches kommen, so viel stand fest. Irgendwie schien es, als stünde es unter Strom. Wie war so etwas überhaupt möglich?

»Wir tun nur unsere Arbeit«, gab sie herablassend zurück.

»Es ist dein Problem, wie du diese Aufgabe löst«, pflichtete die andere ihr bei.

»Was ihr nicht sagt.« Ich streckte die Hand aus und berührte zögerlich den Einband. Doch ich spürte nichts. Kein eigenartiges Kribbeln, keinen elektrischen Impuls. Nichts. Ein letztes Mal drehte ich es in der Hand, ehe ich es auf die Mitte des Tisches legte.

»Oh, schon fertig? Du musst ja wirklich äußerst talentiert in deinem Metier sein«, stichelte die Rothaarige erneut.

Ich ließ meinen Blick über ihr schmales Gesicht wandern. Ihre von Sommersprossen gesprenkelte Haut war hell und ließ sie kränklich wirken.

»Das alles hier ist reinste Zeitverschwendung«, gab ich zurück. Ohne ein weiteres Wort schnappte ich mir meine Tasche und verließ die Bibliothek.

Als ich auf dem menschenleeren Flur ankam, holte ich tief Luft. Es war nicht so, als wäre ich die negativen Konfrontationen mit anderen Schwestern nicht gewohnt. Allerdings zerrte diese vehemente Ablehnung an meinen Nerven. Rastlos wanderte ich durch die verlassenen Gänge und ließ mich schließlich auf den Treppenstufen, die zum Turm hinaufführten, nieder.

Ich wollte mit dem Buch allein sein. Es erkunden, wenn keine neugierigen Augen auf mir ruhten, die mir das Denken erschwerten.

Ich schloss die Augen und rief mir den Gegenstand ins Gedächtnis. Das kleine Buch war optisch relativ unauffällig. Aber egal, wie angestrengt ich darüber nachdachte, ich kam immer wieder zu demselben ernüchternden Ergebnis: Ich konnte das Buch unmöglich mit der nötigen Gewalt öffnen, wenn ich es nur im Beisein dieser Wächterinnen begutachten durfte.

Dieses Buch weckte etwas in mir, das ich nicht begreifen konnte. Etwas, das über gewöhnliche Neugier hinausging. Ich wusste, dass ich es öffnen musste. Es gab keine Alternative. In mir wuchs das tiefe Bewusstsein heran, dass das, was sich im Inneren befand, für mich allein bestimmt war. Als hätte man einen lang verschollenen Gegenstand aus seiner Kindheit wiedergefunden. Egal was ich unternehmen würde, es musste in meinen Besitz gelangen …

Wie ich Kalyra kannte, würde sie das Buch sicherlich nicht in einer der geheimen Kammern unterbringen, da auch ich jetzt Zugang zu den übrigen Relikten besaß. Blieb also eigentlich nur noch ihr Schlafgemach übrig. Mir war bewusst, wie gefährlich allein der Gedanke eines Diebstahls innerhalb der Ruína war. Gerade ich wusste besser als jede andere Schwester, welche Konsequenzen es mit sich brachte, eine andere zu beklauen und so die strengen Regeln des Kodex zu brechen.

Während meiner Ausbildung hatte jede von uns einen besonderen Füller – als Symbol für unsere Stellung innerhalb Mentiras – bekommen. Doch als Kalyra an meinem Tisch angelangt war, hatte sie nur das Gesicht verzogen und unschuldig entgegnet: »Oh, Melia, das tut mir leid, aber für dich habe ich leider keinen Federhalter. Ich dachte, es gäbe nur vier Mädchen, die dieses Jahr zur Übersetzerin ausgebildet werden sollen.«

Ich weiß noch genau, wie ich unter meinem Tisch meine Hände zu Fäusten ballte. Schon dort hatte Kalyra ihre Abneigung mir gegenüber offen zur Schau gestellt und bis heute wusste ich nicht, was sie zu diesem Verhalten getrieben hatte. Ich war so neidisch auf die anderen Mädchen gewesen und so wütend auf Kalyra, dass ich eines Nachts, als alle Mädchen schliefen, Zoheras Füller stahl und unter meiner Matratze versteckte. Als Zohera am nächsten Morgen bemerkte, dass ihr der Füller fehlte, war natürlich jedem klar gewesen, dass nur ich hatte dahinterstecken können. Kalyra durchsuchte daraufhin gemeinsam mit Schwester Neryna meine winzige Truhe und sah schließlich auch unter der Matratze nach.

Erst Jahre später begriff ich, was für ein unfassbares Glück ich an diesem Tag gehabt hatte, denn eine zweite Chance bekam man von der Ruína äußerst selten.

Und dennoch: Die folgenden Wochen waren die Hölle gewesen. Die anderen Mädchen hatten mich gemieden und Kalyra ließ mich die schlimmsten Arbeiten verrichten, die innerhalb des Schlosses auffindbar gewesen waren.

»Du wirst diesen Fehler niemals vergessen, das verspreche ich dir«, hatte sie gesagt und recht behalten.

Trotzdem war der Gedanke, mir dieses Buch zu schnappen, so präsent, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Es ging um so viel mehr als nur einen Befehl, um so viel mehr als nur ein blödes Buch. Das wusste ich einfach.

Dennoch war ich nach dem Vorfall immer ehrlich geblieben und hatte die Werte der Ruína verinnerlicht. Nicht weil ich es so gewollt hatte, sondern einfach, weil das Leben für mich ansonsten noch härter gewesen wäre, als es ohnehin schon war.

Die Schwestern gehörten mittlerweile genauso zu mir wie meine nervtötende Neugier auf die Welt außerhalb der Stadtmauern. In der Ausbildung zur Übersetzerin hatte ich immer zu viele Fragen gestellt, auf die ich nie eine Antwort erhalten hatte. Zumindest keine, die meinen Wissensdurst auch nur annähernd stillen konnte.

Um mir meine Zweifel und die Neugier auszutreiben, hatten die Schwestern zu unterschiedlichsten Mitteln gegriffen. Die einen ließen mich Hunderte Seiten von alten Schriften abschreiben, bis ich das Gefühl gehabt hatte, meine Finger würden mir von den Händen abfallen. Andere wie Kalyra hatten mich so lange körperlich gequält, bis ich unter Tränen jeglichen Widerstand aufgab.

Ich hatte mich nie wirklich wie ein Teil Mentiras gefühlt eher wie ein Klecks schwarzer Farbe auf einem blütenweißen Blatt Papier. Wie ein Fremdkörper, der so tief mit dem großen Ganzen verwachsen war, dass er zwar nicht abgestoßen werden konnte, aber dennoch nie ein Teil der Vollkommenheit sein würde. Ich war die Diebin in einer Stadt, in der es keine Diebe geben durfte.

Das Buch und dieses merkwürdige Gefühl, das es mit sich brachte, waren die Tropfen auf dem heißen Stein. Es bewegte etwas in mir, als würde es mich antreiben, endlich den entscheidenden Schritt zu tun. Möglicherweise war der Tag gekommen, an dem mein Mut stärker war als die Solidarität zu der Ruína.

Vor etwa drei Jahren hatte ich schon einmal versucht zu fliehen. Kalyra hatte mich damals bei einer kräftezehrenden Übungseinheit beinahe gebrochen. Sie hatte immer und immer wieder mit einem Holzspeer auf mich eingeschlagen, als ich bereits am Boden lag.

»Steh auf! Kämpfe! Wehre dich!« Ihre Stimme war schrill gewesen und ihr Gebrüll hatte mich noch monatelang in meinen Träumen verfolgt.

Ich hatte bewegungsunfähig auf der Erde gelegen und gespürt, wie mein Bewusstsein mehr und mehr geschwunden war.

Als ich irgendwann aufgewacht war, war der Übungsplatz menschenleer gewesen. Sie hatten mich einfach dort zurückgelassen. Niemand hatte sich darum gekümmert, ob ich starb oder nicht. Noch in derselben Nacht hatte ich meine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche gepackt und war geflohen. Doch ich war zu erschöpft gewesen, zu verletzt, um mich auf dem Rücken meines Pferdes zu halten – und war letztendlich gestürzt. Zohera hatte mich am nächsten Tag im Wald wiedergefunden. Halb tot und kaum ansprechbar.

»Bist du lebensmüde?«, hatte sie erbost geschrien, während sie mir aus dem Gestrüpp geholfen hatte. Ohne sie wäre ich dort vielleicht gestorben. Ich musste ihr damals versprechen keinen weiteren Fluchtversuch zu wagen. Natürlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mein Wort zu brechen, aber das Letzte, was ich wollte, war die einzige Freundin zu verlieren, die ich je gehabt hatte. Die Wahrheit wog viel, wenn diese alles war, was die Mauern innerhalb der Stadt zusammenhielt. Also war ich geblieben, obwohl ich mich nach der Freiheit gesehnt hatte.

Es war dieser unbändige Drang zu gehen, der mich auch jetzt wieder überkam. Die Sehnsucht herauszufinden, was für eine Welt sich dort draußen verbarg.

Ich musste dieses Buch öffnen. Dieser Wille in meinem Inneren war ungewöhnlich. Die Kraft, die mich durchströmte, dieser Hunger nach Freiheit, der sich plötzlich in mir regte. Sollte ich mich diesem Gefühl wirklich beugen?

Ich erhob mich und schritt den Flur entlang.

Sollte ich Kalyra doch darum bitten, mir die Stelle zu zeigen, an der sie das Buch gefunden hatten? Vielleicht war den hohen Schwestern ja etwas Entscheidendes entgangen?

Andererseits war ich nicht sehr erpicht darauf, mich mit Kalyras abschätzigen Art erneut herumzuschlagen. Sie wollte sowieso keine Erfolge von mir sehen. Vielmehr genoss sie die Genugtuung, die sie bekam, wenn ich scheiterte.

Schwungvoll drückte ich eine der alten Holztüren auf, die mit einem lauten Knarren aufschwang. In ihren Schlössern steckten keine Schlüssel. Man hatte sie vor Jahren eingelagert.

Nach wenigen Schritten blieb ich stehen. Vielleicht …

Meine Schritte beschleunigten sich, als ich durch die Gänge hastete, die das Schloss zu einem kleinen Labyrinth machten. Immer wieder warf ich einen Blick auf die alten Gemälde. Mich faszinierten die fremden Gesichter, die mich beobachteten. Ihre Blicke waren freundlich, desinteressiert oder gelangweilt.

Nachdem ich die geschwungene Wendeltreppe hinuntergestiegen war, hatte ich mein Ziel beinahe erreicht. Im unteren Stockwerk des Schlosses hatte die Schwesternschaft schon vor Jahren die Dinge eingelagert, die sie in den Wohn- und Arbeitsräumen nicht gebrauchen konnte. Alte Relikte aus der vergessenen Zeit – wie Rüstungen, Büsten oder Statuen. Schwerter, die bedrohlich von den muffigen Wänden hingen, und auch eine Vielzahl von Schätzen, die der Schwesternschaft nicht allzu viel bedeuteten.

»Oh, was verschafft mir die Ehre?«, begrüßte Kassandra mich, als ich die Tür zum Lager aufstieß. Sie musterte mich neugierig.

Kassandra saß auf einem klapprigen Holzstuhl, die Nase in einem braunen Buch vergraben. Vor ihr flackerte eine kleine Öllampe.

»Ich müsste mich hier unten mal kurz umsehen«, entgegnete ich knapp.

Kassandra zuckte nur mit den Schultern und senkte dann wieder den Blick. Auch sie ging mir aufgrund meiner Vergangenheit oft aus dem Weg. Anders als die meisten anderen Schwestern ließ sie mich ihren Hass allerdings nicht durch ihre Worte oder Taten spüren.

Meine Blicke wanderten durch den lang gezogenen Kellerraum, dessen kleine Fenster kaum Licht hineinließen. Hier unten roch es muffig und die Luft war stickig. Vermutlich hatte man die Fenster schon ewig nicht mehr geöffnet.

»Kann ich mir die mal kurz borgen?«, fragte ich Kassandra und wies auf eine alte Öllampe, die im Regal hinter ihr stand.

»Klar, ohne Licht wirst du hier unten vermutlich ohnehin nicht viel finden.« Sie griff hinter sich und reichte mir die staubige Lampe.

»Weißt du zufällig, ob hier unten auch Schlüssel gelagert werden?« Es würde mich vermutlich Stunden kosten, mich ohne ihre Hilfe durch die Berge an Sachen zu wühlen.

»Schlüssel? Was für Schlüssel?« Kassandra klappte ihr Buch zu.

»Ich habe von Kalyra ein altes Buch bekommen, dessen Inhalt wohl wichtig für die Schwesternschaft ist. Allerdings ist der Schlüssel abhandengekommen. Mir kam die Idee, dass er vielleicht irgendwo hier unten liegt.«

Anmutig umrundete sie den Tisch und lehnte sich vor mir dagegen. Sie trug ein olivfarbenes Shirt, das ihre schmale Taille betonte. Kassandra war keine Kriegerin, aber sie war unglaublich geschickt mit dem Bogen. Dass sie hier unten festsaß, war in meinen Augen eine ziemliche Verschwendung.

»Hast du dieses Buch zufällig dabei?«

Ich schüttelte den Kopf. »Kalyra hat es mir nicht überlassen wollen«, antwortete ich missmutig.

»Das macht die Sache natürlich nicht gerade leichter.« Ohne ein weiteres Wort schnappte sie sich ihre Lampe und lief durch den Keller. »Wir bewahren hier unten so ziemlich jeden Schlüssel auf, der keine Verwendung findet. Nur die zu den Schlaf- und Arbeitszimmern haben wir oben gelassen. Ich kann dir allerdings nicht sagen, ob in der Kiste auch dein besagter Schlüssel ist. Mit den Jahren hat sich hier unten so manches angesammelt. Gut möglich, dass du hier fündig wirst.«

Wir liefen an hohen Regalen entlang, die bis unter die Decke vollgestopft waren mit irgendwelchem Zeug. In der einen Ecke standen gruselige Metallrüstungen, deren leere Augenhöhlen uns verstohlen beobachteten, während Kassandra eine schwere Holzkiste aus einem der Regale zerrte.

»Hilfst du mir mal?«, fragte sie leicht gereizt.

Ich stellte meine Lampe ab und ergriff die eine Seite der Kiste. Gemeinsam hievten wir sie auf den Boden. Als Kassandra sie öffnete, staunte ich nicht schlecht. Sie war bis zum Rand voll mit Schlüsseln. Sofort stieg mir ein metallischer Geruch in die Nase.

»Viel Spaß beim Wühlen«, wünschte sie mir, als sie sich zum Gehen wandte.

»Kassandra?«

Sie drehte sich zu mir um. »Ja?«

»War keine der hohen Schwestern hier, um bereits vor mir nach den Schlüsseln zu fragen?«

Ihre grünen Augen verengten sich leicht und ihre Gesichtszüge wirkten plötzlich ernst. »Nein, ich habe hier unten nicht oft Besuch.«

»Das wusste ich nicht«, entgegnete ich ruhig. Jeden Tag hier unten im Dunklen zu hocken, musste wirklich kein Vergnügen sein.

»Wenn noch was ist, du weißt ja, wo ich bin.« Kassandra griff nach ihrer Lampe und nach wenigen Schritten spendete nur noch mein Licht Helligkeit.

Ich hockte mich vor die alte Truhe und ließ meine Finger durch die Schlüssel gleiten.

Es waren Hunderte! Große goldene mit feinen Maserungen am Rücken. Bronzefarbene mit geschwungenen Schlüsselköpfen. Sie klimperten wie Kleingeld. Hell und klar.

Zuerst fing ich an die größeren Schlüssel auszusortieren. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich zufrieden auf zwei Haufen blickte. Leider waren es immer noch zu viele, die möglicherweise passten.

Das war doch alles absolut sinnlos!

Ich nahm den erstbesten Schlüssel in die Hand und schnaubte verächtlich. »So ein Mist«, murmelte ich. Ohne das Buch in meinem Besitz war es unmöglich, den richtigen Schlüssel zu finden.

Ich brauchte dieses Buch!

Wütend schmiss ich alle Schlüssel zurück in die Truhe und schloss sie wieder. Meine Laune war am absoluten Tiefpunkt angelangt.

Als ich wieder bei Kassandra ankam, war sie nicht allein.

»Welch eine Überraschung!«

Genervt rollte ich mit den Augen. Kalyra. Natürlich.

»Und … bist du fündig geworden?« Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus.

Ich knallte die Lampe auf den Tisch. »Nein.«

»Wir haben diese Möglichkeit natürlich auch in Betracht gezogen und alle Schlüssel durchprobiert.«

Kassandra warf ihr ein ekelerregendes Lächeln zu. Sie hatte mich völlig umsonst in der Truhe wühlen lassen. Was für eine falsche Schlange.

»Also kann ich dem hohen Rat heute freudig berichten, dass es keine Erfolge gibt, oder?«

Ich starrte die beiden an, unfähig zu antworten. Diese ganze Aufgabe war unlösbar. Von Anfang an war diese Suche zum Scheitern verurteilt gewesen. Dabei konnte ich nicht leugnen, dass dieses Buch mich anzog. Die Neugierde, die es in mir geweckt hatte, wuchs in meiner Brust zu einem tobenden Sturm heran.

Ich wollte es. Ich brauchte es.

»Mach, was immer du für richtig hältst«, entgegnete ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, stieg ich die Treppen wieder hinauf. Die Anwesenheit der beiden rief ein Gefühl von Übelkeit in mir hervor.

Oben angekommen nahm ich einen tiefen Atemzug. Was sollte ich als Nächstes tun? Ich brauchte dieses Buch, auch wenn es bedeutete, dass ich es mir auf anderem Wege beschaffen musste!

Während ich durch die große Eingangshalle des Schlosses schritt, drang von draußen lautes Stimmgewirr zu mir herüber. Ich lief schneller, um das Gebrüll von draußen besser verstehen zu können.

»Ihr werdet alle untergehen! Es dauert nicht mehr lange, bis eure dunkle Vergangenheit sich ihren Weg bahnen wird und dann wird auch Mentira wieder im Chaos versinken!«

Unruhig ließ ich meinen Blick über den Platz schweifen, auf dem sich viele meiner Schwestern tummelten. Sie beobachteten die ungewohnte Szene genauso fasziniert wie ich.

Die Schreie des fremden Mannes drangen erneut zu mir herüber und jagten mir einen Schauer über den Rücken.

»Ihr werdet alle sterben, denkt an meine …!« Ehe er weitersprechen konnte, wurde er gewaltsam von zwei Gardistinnen vom Vorplatz geschleift.

Sein dunkles, zotteliges Haar fiel ihm ins Gesicht und seine Kleidung war zerschlissen und dreckig. Er bäumte sich immer wieder auf, wehrte sich gegen den Griff der Kriegerinnen. Doch ohne Erfolg.

Wo kam der Mann her und was suchte er hier?

Ich hatte noch nie einen Mann innerhalb der Stadt getroffen. So wie die meisten von uns. Die anderen Schwestern redeten wild durcheinander und schauten dem Mann nach, der wie ein Verbrecher über den Platz geschleift wurde.

Als ich die Stufen zum Vorplatz hinabeilte, pochte mein Herz wild in meiner Brust.

»Ziemlicher Spinner, oder?«, rief Zohera, die links vom Treppenabsatz an eine alte Statue lehnte und mir ein breites Grinsen präsentierte.

Mechanisch nickte ich ihr zu. Die Aufregung saß mir noch immer in den Knochen. So etwas war hier noch nie vorgekommen.

»Aber zugegeben, er sah echt gut aus!«

Ich musste grinsen. Nur wenige Schwestern hatten überhaupt Kontakt zur Außenwelt.

Als es sich um uns herum langsam wieder beruhigte und der kleine Tumult abebbte, nahm ich Zohera zur Seite und schob sie in eine der Nebengassen.

»Hey, was soll denn das?«, meckerte sie.

»Ich muss mit dir reden, aber ich kann wirklich keine Zuhörer gebrauchen.«

Zohera spähte an mir vorbei in Richtung der Straße, als befürchte sie noch etwas zu verpassen, nickte aber schließlich und folgte mir.

Als ich sicher war, dass uns niemand belauschen konnte, sagte ich: »Du musst mir helfen, das Buch aus Kalyras Kammer zu stibitzen. Ich bin mir sicher, dass sie es dort aufbewahrt.«

Ihr Gesichtsausdruck wurde schlagartig ernst. »Glaubst du, nur weil du es ›stibitzen‹ nennst, klingt es weniger bescheuert?« Sie verschränkte die Arme vor ihrem schlanken Körper. »Du kannst doch nicht die höchste Gesandte der Schwesternschaft bestehlen! Diebstahl kommt einer Lüge gleich und wer lügt, dem ist nicht mehr zu helfen. Du weißt, dass das gegen den Kodex verstößt!«

»Zohera, ich muss wissen, was in diesem Buch steht! Ich muss wissen, was es mit all diesen Regeln auf sich hat, die wir stumm befolgen, ohne zu verstehen, welchem Zweck sie eigentlich dienen. Ich muss nur dieses Buch besorgen und dann mache ich mich auf den Weg nach Sombra. Dort stört es die Menschen nicht, dass ich eine Diebin bin. Ihnen ist meine Herkunft egal. Die Schattenstadt ist vermutlich der einzige Ort, an dem ich herausfinden kann, was die Schwesternschaft mit diesem Buch vorhat.«

Ich konnte förmlich sehen, wie die Informationen in Zoheras Kopf verarbeitet wurden. Wie sie alles sorgfältig gegeneinander abwog, ehe sie sich resignierend an die Wand lehnte. »Du willst also das Buch stehlen, dessen Schlüssel du nicht hast, und es nach Sombra bringen? Eine Stadt, in der Lügen, Betrügen, Mord und jede weitere menschliche Abartigkeit nicht nur erlaubt, sondern vom dort herrschenden Zirkel auch noch ausdrücklich erwünscht ist?«

Ich nickte.

»Du bist so was von übergeschnappt! Hast du vergessen, was damals passiert ist, als du meinen Füller gestohlen hast? Du musstest monatelang unter der Schikane von Kalyra leiden und hättest eigentlich verbannt werden sollen!«

Ich blickte Zohera tief in ihre Augen und beobachtete, wie sich ein leichter Schweißfilm auf ihrer dunklen Stirn bildete. Wenn jemand in der Lage war zu verstehen, wieso ich abhauen musste, dann war sie es.

Wir standen uns in dieser engen Gasse gegenüber und schwiegen uns an. Im Grunde war alles gesagt und mit einem Mal erhellte sich Zoheras Gesicht. »Aber da ich dich kenne und weiß, dass du es sowieso versuchen wirst, helfe ich dir, damit du wenigstens den Hauch einer Chance hast, heil aus Mentira zu verschwinden.«

Ich drückte sie fest an mich. Auf Zohera war immer Verlass. Schon damals während der Ausbildung zur Übersetzerin war sie immer für mich da gewesen und hatte mir zur Seite gestanden. Das Kampftraining hatten wir gemeinsam bei Kalyra absolviert und ich hatte irgendwann zu zählen aufgehört, wie oft Zohera mich vor weiteren Demütigungen bewahrt hatte. Sie war meine einzige Verbündete in der Kampfausbildung geworden und dadurch zu meiner besten und einzigen Freundin in Mentira.

»Hast du wenigstens einen Plan?«, fragte sie, nachdem ich meine Umarmung wieder gelöst hatte.

»Ich dachte, du verwickelst sie irgendwie in ein Gespräch und ich klaue in der Zwischenzeit das Buch aus ihrem Schlafzimmer?«

»Jetzt weiß ich wenigstens, wieso du dringend Hilfe brauchst. Dir ist schon klar, dass wir hier über Kalyra reden, oder? Die gerissenste und aufmerksamste Person der ganzen Stadt. Sie würde sich niemals auf ein Pläuschchen mit mir einlassen und das müsstest du eigentlich nur zu gut wissen.« Zohera seufzte und fuhr sich mit ihrer Hand durch die lockigen Haare. Mein Blick ruhte auf ihren Augen, die mich wachsam und neugierig fixierten.

»Statt Pläne zu schmieden, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, solltest du lieber ins Archiv der Gilde gehen und den Rest mir überlassen. Ich besorge dir das Buch.« Sie grinste. »Versuch herauszufinden, wo du in Sombra einen Händler findest, der sich mit Relikten auskennt. Die Stadt ist berühmt für ihren regen Handel mit Dingen aus der vergessenen Zeit und ich weiß, dass wir eine ausführliche Auflistung von Handelskorrespondenzen besitzen. Mit dem richtigen Anreiz wird einer von ihnen dir sicherlich behilflich sein. Du solltest wenigstens ein grobes Ziel besitzen, wenn du schon Hals über Kopf so einen idiotischen Entschluss fasst.«

Auf diese Idee hätte ich allein kommen können. Ohne eine Anlaufstelle in der unbekannten Stadt wäre ich nicht nur aufgeschmissen, sondern auch in ernsthafter Gefahr. Sombra war mit Mentira nicht im Ansatz zu vergleichen, dort vollzog sich das Leben in einem gänzlich anderen Rhythmus. Mit einem Namen und bestenfalls sogar einer Adresse im Gepäck würde ich dort bei Weitem nicht so verloren wirken.

»Ich wünschte manchmal, du wärst nicht so eine chaotische, rücksichtslose Idiotin, weißt du das? Gestern haben wir noch gemütlich Tee getrunken und uns über Kalyra beschwert und nun willst du die Stadt und all deine Schwestern verraten. Du bist mir wichtig, Melia, aber diese Sprunghaftigkeit wird dich eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.«

Kurz senkte ich den Blick. Ich konnte Zoheras Worte nicht ignorieren, aber ich wusste auch nicht, was ich erwidern sollte. So gut wir uns auch verstanden, unsere Herzen schlugen einfach nicht im selben Takt. Zohera liebte Mentira und tat alles, um irgendwann einmal eine der hohen Schwestern zu werden. Sie wollte das Erbe der Stadt wahren, was auch immer sie damit meinte. Mein Herz hingegen schlug wild und unbändig für die Welt hinter den Mauern. Wenn ich in der Turmbibliothek saß, starrte ich stundenlang in die geheimnisvolle Ferne und spürte ein Ziehen in meiner Brust. Manchmal fühlte es sich an, als würde mein Körper zwar in Mentira leben, aber mein Geist an einem völlig anderen Ort ruhen.

»Ich bin doch schon längst in Schwierigkeiten«, entgegnete ich. Vermutlich konnte Zohera trotz allem nicht nachvollziehen, wie sehr ich mich fortsehnte. Wenn es bedeutete, dass ich in eine Stadt voller Mörder, Diebe und Abschaum fliehen musste, dann würde ich das tun.

»Ich werde sehen, was ich tun kann. Sieh du zu, dass du nach deinem Ausflug ins Archiv schon einmal alles zusammenpackst, was du zu deiner Flucht brauchst. Wir treffen uns heute Abend bei dir.«

Die Erleichterung über Zoheras Hilfe beflügelte mich. Sie war wirklich eine wahre Freundin. Der einzige Mensch, dem ich mehr vertraute als mir selbst.

Zoheras Augen ruhten auf mir und ich hätte in diesem Moment gern gewusst, was ihr durch den Kopf ging.

Sie seufzte, griff kurz nach meiner Hand und drückte sie. »Wir schaffen das schon. Hab Vertrauen.«

Ich schenkte ihr ein Lächeln und sah zu, wie sie wieder in einer der Hauptgassen verschwand, während ich ohne weitere Worte mit meinem Entschluss zwischen den kalten grauen Backsteinwänden zurückblieb.

3. Kapitel

Die Traidora

Bald war es endlich so weit! Wie lange hatte ich auf diesen Tag gewartet? Meine ganze Existenz drehte sich um dieses besondere Ereignis. Mir war eine unglaublich große Ehre zuteilgeworden, als man mich ausgewählt hatte, um sie im Auge zu behalten.

Es hatten sich Unzählige um diese Mission gerissen, waren um den Herrscher der Schatten gekreist wie die Motten um das Licht. Sie hätten ihren rechten Arm dafür gegeben, um den einen Menschen zu schützen, der alles in der Hand hielt.

Doch man hatte mich ausgewählt und ich hatte meine Aufgabe bisher gut gemeistert. An jedem dritten Vollmond hatte ich ihnen mitgeteilt, was in der Stadt der Lügen vor sich ging. Wie die Schwestern ihre Anwärterinnen quälten, sie erniedrigten und sie lehrten, ihr Herz vor der Welt dort draußen zu verschließen. Es waren harte Jahre gewesen.

Ich durfte jetzt nur nicht in Panik verfallen. Das Schlimmste, was nun passieren könnte, wäre den Kopf zu verlieren.

Ich stand so kurz davor zurückzukehren. Es fehlte nur noch ein winziger Schritt und sobald dieser hinter uns lag, würde sich alles verändern. Sie musste nur die Stadt verlassen und ihrer wahren Bestimmung folgen.

Er wollte, dass sie zurückkehrte. Die Zeit war reif.

Und nun würde es nicht mehr lange dauern …

4. Kapitel

Melia

Als ich zwei Stunden später mit einem halben Dutzend Bücher im Archiv der Gilde saß, hatte ich immerhin einige Händler in Sombra ausfindig gemacht, die sich auf Relikte der vergessenen Zeit spezialisiert hatten. Nachdem ich mir die Namen auf einem Stück Papier notiert hatte, verstaute ich die schweren Bücher wieder in den Regalen und verabschiedete mich bei Resá, der Archivarin. Sie hatte an ihrem Platz gesessen und mir verstohlen einige fragende Blicke zugeworfen. Ich hielt mich so gut wie nie in ihrem kleinen Archiv auf. Immerhin hatte ich als Übersetzerin die Möglichkeit, auf das Wissen der Turmbibliothek zuzugreifen. Aber da in den Büchern der Schlossbibliothek keine Händler aus anderen Städten verzeichnet waren, blieb mir nur dieser Ort.

Es kam selten vor, dass jemand über andere Städte recherchierte, denn der Kontakt mit diesen war den meisten Bewohnerinnen von Mentira nicht gestattet. Die selbst gewählte Isolation der Stadt war mir immer rätselhaft gewesen, den wahren Grund dafür hatte ich nie erfahren. Die Ruína blieb unter sich und würde dies vermutlich niemals ändern.

Ich hatte eine fadenscheinige Ausrede und das Siegel der Ruína vorgeschoben, um hier recherchieren zu dürfen – und spätestens bei Letzterem traute sich so gut wie niemand zu widersprechen. Dieses Siegel besaßen nur Übersetzerinnen der Stadt und es zeigte den Wächterinnen der Katakomben, dass ich befugt war diese zu betreten. Die filigrane Prägung erinnerte an eine goldene Münze und deutete auf meine wichtige Rolle innerhalb der Ruína hin. Übersetzerinnen sicherten der Schwesternschaft das Wissen aus alten Zeiten. Wann immer jemand das Siegel zu Gesicht bekam, übertrumpfte die Ehrfurcht vor unserer Aufgabe den gesunden Menschenverstand. Das hatte mir schon das ein oder andere Mal einen Vorteil verschafft.

Trotzdem hoffte ich inständig, dass die Archivarin meinen Besuch nicht sofort Kalyra melden würde. Ihre Augen und Ohren waren leider überall.

Als ich das Archiv verließ, hatte sich die Nachmittagssonne bereits durch die Wolken hindurchgekämpft und strahlte mir zwischen den hohen Türmen entgegen. Ich schloss kurz die Augen und genoss die warmen Strahlen auf meiner Haut.

»Träumst du schon wieder?«, riss mich eine helle Stimme aus den Gedanken.

Vor mir stand Freya, eines der Mädchen, die vergangenen Monat zu uns gekommen waren. Ihr helles kupferfarbenes Haar glänzte in der Sonne und die strahlend grünen Augen sahen mich erwartungsvoll an. »Hallo, Freya. Was machst du denn hier?«

Sie kam auf mich zu und fiel mir so plötzlich in die Arme, dass ich ein paar Schritte zurückstolperte. »Nicht so stürmisch. Was ist denn passiert?«, fragte ich besorgt.

Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie orientierungslos und verloren ich mich anfangs gefühlt hatte. Streng genommen hatte ich dieses Gefühl der Einsamkeit niemals abgelegt.

Freya hob den Kopf und sah zu mir hinauf. »Sie war wieder gemein zu mir«, sagte sie zögerlich, senkte den Blick und musterte ihre Schuhe.

Als ich Freya das erste Mal begegnete, war Schwester Aurelia gerade dabei gewesen, sie fürchterlich anzuschreien. Ihr Gekeife war fast im gesamten Schloss zu hören gewesen. Ich hatte aus dem Fenster geblickt und die störrische Alte dabei beobachtet, wie sie Freya am Arm gepackt und daran herumgerissen hatte.

Damals war ich hinuntergelaufen und hatte Aurelia wütend zur Rede gestellt. Ihre Hand war ihr bereits zuvor einige Male ausgerutscht, aber an diesem Tag hatte ich nicht länger wegsehen können. Die Art, wie Freya sie verängstigt angeblickt hatte, hatte das Wegsehen für mich unmöglich gemacht. Doch Aurelia wies mich nur hämisch darauf hin, dass mich das nichts anginge.

Doch da hatte sie sich geirrt.

»Sie hat schon wieder herumgeschrien und gedroht mich mit dem Besenstiel zu verhauen.«

Freyas Stimme klang ängstlich und so, wie sie vor mir stand, wirkte sie noch jünger als ohnehin schon. Ich streichelte ihr sanft über den Kopf, ehe ich sie kurz umarmte. Nur mit Mühe konnte ich meine Wut unterdrücken. Ich wollte nicht, dass sie genauso litt wie ich einst gelitten hatte. Ohne eine Freundin an meiner Seite, wie Zohera es war, hätte ich diesen Albtraum nicht überstanden.

»Komm, ich bring dich zurück zu den anderen Mädchen, bevor es noch mehr Ärger gibt.«

Freyas Augen waren glasig, aber sie weinte nicht. »Können wir nicht zu Ryno gehen?«

Ich schmunzelte kurz, bevor ich nach ihrer Hand griff. Sie meinte das Pferd, dessen Stall wir öfter gemeinsam ausmisteten. Die Kleine hatte den Hengst von Anfang an in ihr kleines Herz geschlossen.

»Leider geht das heute nicht. Wir verschieben das auf ein anderes Mal, in Ordnung?«

Sie nickte und ein feines Lächeln zeichnete sich auf ihren jugendlichen Zügen ab.

Gemeinsam liefen wir über den belebten Vorplatz. Einige der Schwestern warfen mir fragende Blicke zu, doch ich ignorierte sie. Mir war nur wichtig, dass Freya keine Strafe bekam. Als wir die Gemüsebeete erreichten, kam Aurelia bereits auf uns zugeeilt.

»Freya! Wo bist du gewesen?«, zischte sie.

»Hallo, Schwester Aurelia«, erwiderte ich ernst.

Doch sie ignorierte mich und richtete das Wort stattdessen an Freya. »Dir ist klar, dass so ein Verhalten nicht geduldet wird, oder? Das wird ein Nachspiel haben!«

Das junge Mädchen wirkte wie ein Häufchen Elend und ich ballte meine Hände zu Fäusten, um nicht die Beherrschung zu verlieren.

»Sie hat sich nur verlaufen«, versuchte ich die Aufmerksamkeit der Schwester auf mich zu lenken.

»Wie kann man den Weg vom Brunnen zurück zu den Beeten bitte vergessen? Selbst ein Esel könnte sich das merken.«

Aurelia griff nach Freyas Arm und zerrte sie zurück zu den anderen Mädchen, die uns stumm beobachteten. Doch als Aurelia auf sie zugelaufen kam, arbeiteten sie augenblicklich weiter und senkten ihre Blicke wieder auf die Gemüsebeete.