Mercers Schwur - Slade Heather - E-Book

Mercers Schwur E-Book

Slade Heather

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Beschreibung

Von der schnelllebigen Welt von New York City zu den sanften Hügeln der Weinfelder an der kalifornischen Zentralküste, Pflicht und Verlangen verflechten sich miteinander, als Geheimnisse drohen, alles zunichtezumachen. Kann Mercers und Quinns Liebe den Sturm ihrer Enthüllungen überstehen?

MERCER Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, andere zu schützen, aber Quinn Hess stellt alles infrage. Mein Auftrag war einfach: Sorg für ihre Sicherheit. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mich in sie verliebe. Als die Gefahren der Vergangenheit erneut auftauchen und Geheimnisse ans Licht kommen, bin ich gefangen zwischen Pflicht und Verlangen. Quinns Gegenwart weckt etwas in mir, von dem ich nicht wusste, dass es existierte. Aber kann ich meinem Herzen vertrauen, wenn jeder Augenblick neue Gefahr bringen könnte? Zwischen den sonnendurchfluteten Weinreben bin ich fest entschlossen, sie vor Schaden zu schützen. Und doch frage ich mich, als sich die Wahrheit offenbart: Kann unsere Liebe der Last von jahrzehntealten Geheimnissen standhalten? QUINN Ich dachte, ich wüsste, wer ich bin, aber alles änderte sich, als ich die Wahrheit über meine Vergangenheit entdeckte. Plötzlich ist meine Welt voller Leibwächter, versteckter Bedrohungen und einer Familie, von deren Existenz ich nicht wusste. Mercer Bryant sollte mein Beschützer sein, aber er ist so viel mehr geworden. Während ich mich durch diese neue Realität laviere, fühle ich mich auf eine Weise zu ihm hingezogen, die ich nie erwartet hätte. Die Gefahr lauert und meine Identität steht infrage. Kann ich da der nicht zu leugnenden Verbindung zwischen uns trauen? Inmitten der Weinstöcke meines Vermächtnisses muss ich entscheiden, ob unsere Liebe stark genug ist, den Sturm der Enthüllungen zu überstehen, der uns auseinanderzureißen droht. Auch wenn jedes Buch der Butler-Ranch-Reihe ein Paar mit einem garantierten Happy End vorstellt, könnte es mehr Spaß machen, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

PUBLISHER: TEKTIME

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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MERCERS SCHWUR

BUTLER RANCH

BUCH IV

HEATHER SLADE

Übersetzt vonSIMONE METZ

Tektime

OHNE TITEL

Mercers Schwur

Butler Ranch – Band vier

Heather Slade

Copyright © 2024, Heather Slade

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in jedweder Form oder mit jedweden elektronischen oder mechanischen Mitteln, einschließlich Informationsspeicher- und -abrufsystemen, ohne schriftliche Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden, mit Ausnahme von kurzen Zitaten in einer Buchbesprechung.

MERCERS SCHWUR

Von der schnelllebigen Welt von New York City zu den sanften Hügeln der Weinfelder an der kalifornischen Zentralküste,

Pflicht und Verlangen verflechten sich miteinander, als Geheimnisse drohen, alles zunichtezumachen.

Kann Mercers und Quinns Liebe den Sturm der Enthüllungen überstehen?

Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, andere zu schützen, aber Quinn Hess stellt alles infrage. Mein Auftrag war einfach: Sorg für ihre Sicherheit. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mich in sie verliebe. Als die Gefahren der Vergangenheit erneut auftauchen und Geheimnisse ans Licht kommen, bin ich gefangen zwischen Pflicht und Verlangen. Quinns Gegenwart weckt etwas in mir, von dem ich nicht wusste, dass es existierte. Aber kann ich meinem Herzen vertrauen, wenn jeder Augenblick neue Gefahr bringen könnte? Inmitten der sonnendurchfluteten Weinreben bin ich fest entschlossen, sie vor Schaden zu schützen. Und doch frage ich mich, als sich die Wahrheit offenbart: Kann unsere Liebe der Last von jahrzehntealten Geheimnissen standhalten?

Ich dachte, ich wüsste, wer ich bin, aber alles änderte sich, als ich die Wahrheit über meine Vergangenheit entdeckte. Plötzlich ist meine Welt voller Leibwächter, versteckter Bedrohungen und einer Familie, von deren Existenz ich nicht wusste. Mercer Bryant sollte mein Beschützer sein, aber er ist so viel mehr geworden. Während ich mich durch diese neue Realität laviere, fühle ich mich auf eine Weise zu ihm hingezogen, die ich nie erwartet hätte. Die Gefahr lauert und meine Identität steht infrage. Kann ich da der nicht zu leugnenden Verbindung zwischen uns trauen? Inmitten der Weinstöcke meines Vermächtnisses muss ich entscheiden, ob unsere Liebe stark genug ist, den Sturm der Enthüllungen zu überstehen, der uns auseinanderzureißen droht.

INHALT

Prolog

1. Quinn

2. Mercer

3. Quinn

4. Mercer

5. Mercer

6. Quinn

7. Mercer

8. Quinn

9. Mercer

10. Quinn

11. Mercer

12. Quinn

13. Mercer

14. Quinn

15. Mercer

16. Quinn

17. Mercer

18. Quinn

19. Mercer

20. Quinn

21. Mercer

22. Quinn

23. Mercer

24. Quinn

25. Quinn

26. Mercer

27. Quinn

28. Mercer

29. Quinn

30. Mercer

31. Quinn

32. Mercer

33. Mercer

34. Mercer

35. Quinn

36. Mercer

37. Quinn

38. Mercer

39. Quinn

40. Mercer

41. Quinn

42. Mercer

Lesen Sie einen Auszug

Kades Rückkehr

Über die Autorin

Bücher von Heather Slade

PROLOG

QUINN

Silvester

Diese Woche würde eindeutig als die schlimmste in Quinns Leben in die Annalen eingehen. Statt nach Hause zu reisen, würde ihr Elend weitergehen, indem sie New York Citys besten Feiertag des Jahres allein auf der anderen Seite des Kontinents verbringen würde, so wie sie auch schon Weihnachten verbracht hatte.

Bei Quinns letztem Gespräch mit ihrer Mutter hatte die ihr gesagt, sie würde die Stadt verlassen und wäre bis zu Thanksgiving nicht erreichbar. Vielleicht länger. Dieser Feiertag kam und ging ohne ein Wort.

Den Dezember über blieb sie noch hoffnungsvoll und dachte, ihre Mutter würde mit Sicherheit anrufen oder eine Nachricht schicken oder so etwas, aber das hatte sie nicht getan. Die zahllosen SMS, Nachrichten und E-Mails, die Quinn geschickt hatte, blieben unbeantwortet.

Sie stand in der Küche des angemieteten Hauses, starrte auf den dunklen, trostlosen und eisig aussehenden Ozean und wünschte sich mehr als alles andere, dass sie nicht allein wäre. Auch wenn sie verstand, warum sie es war.

Statt sich selbst zu bemitleiden, beschloss sie, laufen zu gehen. Vielleicht würde sie sich dadurch besser fühlen. Und falls nicht, zumindest weniger erbärmlich.

Sie zog sich um und machte sich auf die Suche nach einem der Leibwächter, der heute Dienst hatte, um ihn über ihre Pläne zu informieren. Sein Name war Monk, und er redete nur, wenn es unbedingt nötig war. Sie wusste aber, dass er da war.

Beide Männer folgten ihr mit einem geringen Abstand, nachdem sie sich gedehnt hatte und mit langsamem Joggen begann. Sobald sie aufgewärmt war und in ihren Rhythmus gefunden hatte, erhöhte sie ihr Tempo. Normalerweise lief sie nur bis zum Park, aber heute war ihr danach weiterzulaufen. Sie nahm die Holzstufen von der Strandpromenade hinunter zum Sand und setzte ihren Lauf fort.

Am Strand waren wesentlich mehr Menschen unterwegs, als sie erwartet hatte, angesichts der Tatsache, dass es lausig kalt war.

Als sie zu den Klippen am anderen Ende des Strands kam, hielt sie an und checkte ihr Handy, nicht dass sie wirklich eine Nachricht von Mercer erwartete, aber das bedeutete nicht, dass sie sich davon abhalten konnte nachzusehen.

Quinn machte kehrt, um in die entgegengesetzte Richtung zu laufen, als sie mit einer Frau zusammenstieß, die gerade um die großen Felsen herumgekommen war.

„Mist. Entschuldigung. Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hinlaufe“, stammelte Quinn.

„Schon okay. Wahrscheinlich war es meine Schuld. Ich habe auch nicht hingesehen“, antwortete die Frau.

Sie hatte etwas an sich, das Quinn das Gefühl gab, als wären sie sich schon einmal begegnet. Sie blickte sich um und sah, dass sich Monk und der andere Typ in der Nähe aufhielten.

„Du kommst mir bekannt vor“, sagte die Frau und Quinn lachte.

„Ich habe gerade das Gleiche gedacht.“

„Wirklich? Wie witzig. Wohnst du in Cambria?“

„Nee. Bin nur auf Besuch hier.“

„Ich bin Ainsley Butler. Schön, dich kennenzulernen …“

Wie hoch standen die Chancen, dass sie ausgerechnet heute mit einer Butler zusammenstoßen würde?

„Und du bist …“

„Ach, ähm, tut mir leid … Ich bin Quinn. Quinn Hess.“

Ainsley nahm ihre Hand, ließ aber nicht mehr los.

„Hey, Ains. Was ist los?“, fragte ein umwerfend attraktiver Mann. „Wer ist das?“, fügte er hinzu, als er bemerkte, dass Ainsley noch immer Quinns Hand festhielt.

„Cris, das ist …“

„Ich bin Quinn“, antwortete sie.

„Cris Avila, schön, dich kennenzulernen … Warte mal. Quinn?“ Er sah Ainsley an, die sich bei ihr eingehakt hatte.

„Quinn, das hört sich jetzt vielleicht verrückt an, aber es gibt da eine Familie, von der ich gern hätte, dass du sie kennenlernst.“

Sich den Arm einer Person zu schnappen, die sie gerade erst kennengelernt hatte, war vermutlich nicht das Höflichste, was Quinn je getan hatte, aber es war ein Reflex. Sie hatte sich so daran gewöhnt, versteckt gehalten zu werden, dass es sie genügend verblüfft hatte, dass jemand wusste, wer sie war, um gedankenlos zu werden.

„Entschuldige, ich wollte keine Fingernägelmale auf deinem Arm hinterlassen.“ Quinn ließ ihre Hand fallen, schüttelte den Kopf und sah hinaus aufs Meer. „Woher wusstest du es?“

„Mein Bruder Naughton sagte, dass du ihm einen Besuch abgestattet hast.“

„Ja?“

Ainsley drückte ihre Hand. „Er hat mir auch erzählt, dass du die Tochter meines großen Bruders Kade bist.“

„Hast du Tochter gesagt?“ Quinn wurde schwindelig.

„Tut mir leid. Ich dachte, du wüsstest es.“

„Ich wusste es. Ich meine, sein Name steht auf meiner Geburtsurkunde.“

„Was machst du im Moment?“

„Nicht so viel.“ Sie unterließ es zu sagen, dass es so wie an jedem anderen Tag ihres Lebens war.

„Es gibt einen Brief, den ich dir zeigen möchte.“

1

QUINN

IM VERGANGENEN JUNI

Es gab Schlimmeres, als seinen einundzwanzigsten Geburtstag mit seinen vier besten Freundinnen in New York City zu verbringen, aber es gab auch Besseres. Quinns einziger Wunsch war dieses Jahr, von ihrer Mutter zu hören. Es war egal, ob sie anrufen, eine Textnachricht, E-Mail oder eine Botschaft per Brieftaube schicken oder ob sie an der Tür auftauchen würde – Quinn wollte nur, dass dies das Jahr sein würde, in dem sich ihre Mutter an ihren Geburtstag erinnerte.

Sie hatten vor fast einem Monat zum letzten Mal miteinander gesprochen, als Quinn ihren Abschluss am Barnard abgelegt hatte. Es hatte ein Abendessen zusammen mit denselben Freundinnen gegeben, die auch gerade ihren Abschluss gemacht hatten, um dies zu feiern. Danach waren sie in einen Streit geraten. Ihre Mutter war während der gesamten Mahlzeit unhöflich gewesen, und Quinn hatte sie deshalb zur Rede gestellt.

„Du kennst sie schon jahrelang, du hättest dich zumindest zivilisiert benehmen können“, hatte sie gesagt.

Es war mittlerweile offensichtlich, dass ihre Verärgerung Zeitverschwendung war. Ihre Mutter hatte keine Erklärung für ihr Benehmen geliefert, geschweige denn sich entschuldigt.

„Ich würde diesen Sommer gern zu Besuch kommen“, hatte Quinn am nächsten Morgen in der Hoffnung gesagt, die Wogen zu glätten, bevor ihre Mutter zurück nach Kalifornien fliegen würde.

„Das ist keine gute Zeit“, war die Antwort ihrer Mutter.

„Das ist sie nie“, hatte sie gemurmelt, aber ihre Mutter schien es nicht gehört zu haben.

Es hatte ihre Gefühle verletzt, aber das war unsinnig; sie hatten sich nie nahegestanden. Wie hätten sie auch sollen? Ihre Mutter hatte Quinn, als sie sieben war, ins Internat an die Ostküste geschickt, wo sie ihre Mädels getroffen hatte.

Bis dahin war sie auf die noble San Ysidro Day School in Montecito gegangen. Quinn wusste noch immer nicht, warum ihre Mutter sie weggeschickt hatte, aber sie nahm an, sie hatte sie damals genauso wenig um sich haben wollen wie gegenwärtig.

„Du hast solches Glück, dass du nicht den gleichen Mist mitmachen musst wie wir“, hatte sie mehr als einmal von ihren Freundinnen gehört, die sie ihre Clique nannte.

Glück? Das sah sie nicht so. Quinns Vater war vor ihrer Geburt gestorben, deshalb musste sie nicht mit dem nie enden wollenden Drama der Scheidung ihrer Eltern fertigwerden, wie es bei ihren Freundinnen der Fall war.

Es hatte ihr auch nie wirklich an etwas gefehlt. Bei ihrer Ausbildung und ihrem Lebensstandard waren keine Kosten gescheut worden. Das Einzige, was sie sich gewünscht hatte und das ihr niemand hatte bieten können, war eine Familie.

Gestern Abend war ihre Clique mit ihr ausgegangen, um zu feiern, dass sie einundzwanzig geworden war.

Irgendwann nach vier Uhr morgens war Quinn in ihre Wohnung gestolpert und war erst nach ein Uhr mittags aus den Federn gekommen. Sie hätte den ganzen Tag geschlafen, aber heute Abend würde es in Southampton eine weitere Party geben, teilweise ihr zu Ehren. Wenn sie nicht wie der Tod aussehen wollte, musste sie aufstehen, etwas essen und vielleicht sogar ein wenig in die Sonne gehen, ehe es Zeit war aufzubrechen.

Sie checkte ihr Handy, aber seit sie das letzte Mal nachgesehen hatte, waren keine Nachrichten eingegangen, und ganz bestimmt keine von ihrer Mutter.

Als sie ein Klopfen an der Tür hörte, hätte Quinn fast ihre Tasse mit Honig-Kamillentee über die Vorderseite ihres hauchdünnen Spaghettiträger-Tops geschüttet. Sie stellte sie auf der Küchenarbeitsplatte ab und wartete. Sie rechnete nicht mit einem zweiten Klopfen. Die Portiers des Gebäudes waren standhaft darin, Personen, die nicht hier wohnten, keinen Einlass zu gewähren. Und da sie den einzigen anderen Bewohner dieser Etage nicht kannte, außer dass man sich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sie ihn aus der Ferne sah, zuwinkte, musste wer auch immer da klopfte, am falschen Ort sein.

„Miss Sullivan?“, hörte sie eine Stimme rufen, die ihr vage bekannt vorkam. „Sie haben eine Lieferung.“

„Einen Moment bitte.“ Quinn sah an ihrem sogenannten Pyjama hinunter, einem, der so gut wie nichts ihrer schmalen Statur verbarg.

„Ich lasse es einfach hier“, hörte sie die Stimme sagen.

„Danke, aber … ähm … einen Augenblick.“ Sie sah durch den Spion, aber es war niemand da. Nachdem sie die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte, sah sie hinunter auf eine Vase mit weißen Rosen, die jenseits der Türschwelle stand. Sie nahm sie hoch und stellte sie auf das Wandtischchen im Eingangsbereich.

Drei Stunden später fielen Quinn die Rosen wieder ein. In dieser Zeit hatte sie sich mit zwei ihrer Freundinnen, Aine und Ava, die Zwillinge waren, über die Erlebnisse der gestrigen Nacht ausgetauscht und darüber, was sie heute Abend zur Party anziehen würden. Sie hatte geduscht und sich dann auf ihr Bett gelegt. Die fünf Minuten, in denen sie ihre Augen ausruhen wollte, waren zu einem zweistündigen Nickerchen geworden.

Sie stand widerstrebend auf und tappte den Flur entlang, um die Karte zu lesen, die bei der unerwarteten Lieferung dabei war.

„Herzlichen Glückwunsch zum 21. Geburtstag, Schatz.“

Angesichts der fehlenden Unterschrift lief ihr ein Schauder über den Rücken, besonders da ihre Mutter sie niemals, auch nicht ein einziges Mal, „Schatz“ genannt hatte.

Bei dem Gedanken, noch mehr alkoholische Shots zu kippen und mit hundert ihrer engsten Nichtfreunde an der Bucht zu tanzen, wurde Quinn übel. Sie war gelangweilt – zu Tode gelangweilt – und zwar so sehr, dass sie überlegte, den 500-$-Fahrpreis lockerzumachen, die es kosten würde, um allein zurück nach Manhattan zu kommen.

Party im Haus eines ehemaligen Gastgebers einer Frühstücksfernsehsendung zu machen, hatte sich verlockend angehört, aber die Realität stellte sich als irgendetwas zwischen unangenehm und abstoßend heraus.

Während der letzten halben Stunde hatte sie auf einer Bank nah am Sandstrand gesessen und auf das Mondlicht auf dem Wasser gestarrt, während sie sich fragte, wer ihr die einundzwanzig weißen Rosen geschickt hatte.

Wären es Aine oder Ava gewesen, hätten sie es nicht geschafft, das geheim zu halten. Das Erste, was eine von ihnen gefragt hätte, als sie am Nachmittag in ihr Apartment gekommen waren, wäre gewesen, ob sie irgendetwas Interessantes zu ihrem Geburtstag bekommen hätte. Penelope oder Tara wären vielleicht ein wenig subtiler gewesen, aber auch hier, ihre Freundinnen hatten sie nie Schatz genannt.

Quinn stand auf, streckte ihre Beine und beschloss, ihren Freundinnen Bescheid zu geben, dass sie gehen würde. Als sie sich vom Wasser abwandte, erhaschte sie einen kurzen Blick auf jemanden, der ihr bekannt vorkam, aber sie kam nicht darauf, woher.

Der Kiesweg, auf dem sie ging, war nicht gut beleuchtet. Deshalb konnte sie den Mann, der mit hochgezogenen Schultern gegen den Steinbogen gelehnt stand, der die betonierte Umgebung des Pools des Hauses von seinem Garten trennte, besser sehen als er sie.

Als sie näher kam, war sie sich sicher, dass sie ihn von ihrem Apartmentgebäude her kannte, aber was um alles in der Welt machte Mr. Bryant hier?

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem er eingezogen war und sie angenommen hatte, er würde für das Umzugsunternehmen arbeiten. Am Ende des Tages fand sie heraus, dass es anders war, als sie mit den übrigen Möbelpackern in den Aufzug stieg.

„Ich habe meinen neuen Nachbarn noch gar nicht kennengelernt“, hatte sie gesagt. „Ich hoffe, er hat sie heute nicht zu schwer schuften lassen.“

„Nein, Ma’am“, hatte einer der Männer geantwortet. „Mr. Bryant hat mitgeholfen.“

Nachdem sie ihn an diesem Tag gesehen hatte, war sie überrascht gewesen, dass die Eigentümerverwaltung dem Verkauf zugestimmt hatte. Er sah aus wie jemand, der das Cover eines SEAL-Liebesromans zieren sollte, nicht dass sie die las, aber trotzdem – er schrie geradezu Militär.

Als sie sich näher heranschlich, fächelte Quinn sich Luft zu angesichts der harten Konturen seines muskulösen Rückens. Musste der Mann ein Shirt tragen, das so eng war?

Es schien, als würde er nach jemand suchen, aber statt sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, blieb er am Rand.

Sie hatte noch nicht entschieden, ob sie Hallo sagen sollte oder nicht, als er sich umdrehte und sie ansah.

„Hi“, murmelte sie.

Er kniff die Augen zusammen, die dann groß wurden, als er sie erkannte. „Hallo.“

Im Licht der Party bemerkte Quinn, dass seine Haare, von denen sie gedacht hatte, sie seien braun, eher sandfarben waren, und als sie näher kam, dass seine Augen einen hellen Haselnusston hatten, wie Toffee.

„Mr. Bryant …“ Was könnte sie sagen, das ihn nicht beleidigen würde? Ihr erster Gedanke war zu fragen, was er hier machte.

„Mercer.“

Quinns Wangen erröteten. „Entschuldigung, Mr. Mercer.“

„Nur Mercer.“

Oh. Mercer war attraktiv. Sogar tatsächlich sehr, mit einem Körper, der ihren Puls zum Rasen brachte. Sein enges Shirt mit V-Ausschnitt betonte die Muskeln seiner Vorderseite so wirkungsvoll wie seine Rückansicht, und seine Arme erschienen steinhart.

Ihr erster Eindruck, dass er ein Mann des Militärs war, blieb. Er trug seine Haare ordentlich geschnitten, aber sein gepflegter Fünftagebart schloss aus, dass er im aktiven Dienst war. Oder?

Sie schüttelte den Kopf bei der Erinnerung, von der ihr nicht bewusst war, dass sie sie mit sich trug. Es musste Jahre her sein, als sie bei ihren Großeltern war und noch nicht im Internat, aber eine Erinnerung an ihren Großvater war ihr geblieben, wie er ihr von seinen Tagen bei den Marines erzählte.

Sie hatte ihn gefragt, was die Bezeichnung „Jarhead“ bedeutete, und er hatte ihr erzählt, dass der Begriff nichts mit dem extrem kurzen Haarschnitt mit hoch ausrasiertem Nacken zu tun hatte, wie er ihn noch immer trug, sondern eher mit der Bereitwilligkeit eines Marines, Befehle zu befolgen, ohne Fragen zu stellen.

„Unsere Köpfe sind hart wie ein Topf, aber manchmal genauso leer“, witzelte er.

Sie hatten an diesem Tag auch über Bärte gesprochen, denn ihre Großmutter hatte ihn aufgezogen, dass seiner wohl kaum den Anforderungen entsprechen würde.

„Was machst du hier?“ Die Frage rutschte ihr heraus, obwohl sie eben noch entschieden hatte, dass es unhöflich wäre, sie zu stellen.

„Mich mit Freunden treffen“, antwortete er fast zu schnell, als hätte er die Frage erwartet. „Und du?“, fügte er hinzu.

„Bin mit Freundinnen hier, allerdings …“ Quinn gefiel es, dass sein Blick ruhig auf sie gerichtet blieb und er den Satz nicht für sie beendete, als sie zögerte. „Ich habe überlegt zu gehen.“

„Ich auch“, murmelte er.

„Ich wollte gerade einen Fahrdienst rufen, falls du dir die Fahrt mit mir teilen möchtest“, bot sie an.

„Ich habe ein Auto.“

Oh. Hieß das, er bot ihr eine Mitfahrgelegenheit an oder lehnte er ihr Angebot ab, sich ein Auto zu teilen?

Er wandte sich zum Gehen, sah aber zurück, als Quinn nicht mitging. „Kommst du?“, fragte er.

„Ich sollte meinen Freundinnen wahrscheinlich Bescheid …“ Wieder beendete er ihren Satz nicht. „Ich könnte ihnen wohl einfach eine Nachricht schicken.“

Er nickte und winkte sie mit sich.

„Das ist es“, sagte er und blieb neben einem schnittigen Cabriolet stehen, das Quinn an eine Waffengeschoss erinnerte.

„Schönes Auto“, sagte sie, nachdem er ihr die Tür geöffnet hatte, wartete, dass sie sich hineinsetzte, und dann die Tür hinter ihr schloss.

„Danke. Es ist nicht meins.“

„Nicht?“ Interessant. Vielleicht war das auch mit dem Apartment so, obwohl Quinn niemand anders hatte kommen oder gehen sehen. „Wem gehört es?“

„Einem Freund.“

„Es ist nett, dass dein Freund es dich benutzen lässt.“ Quinn fuhr mit der Hand über das weiche, dunkle Leder. „Was für eins ist das?“

„Ein Jaguar E-Type Serie Eins. Äh … zweiundsechzig.“

Er antwortete, als würde er von ihr erwarten, dass sie wüsste, was er meinte. Jaguar war der einzige Teil davon, der ihr bekannt vorkam. Während der letzten vierzehn Jahre in New York City und Umgebung zu wohnen, bedeutete, dass es keinen Grund für sie gab, viel über Autos zu wissen. Sie hatte noch nicht einmal gelernt, Auto zu fahren.

Quinn entspannte sich in dem bequemen Schalensitz und verlagerte ihren Fokus von dem Mann neben ihr auf die warme Sommerbrise auf ihrem Gesicht.

„Kalt?“, fragte er, als sie auf dem Highway waren.

„Es fühlt sich gut an. Obwohl …, vielleicht ein wenig.“

Mercer griff hinter ihren Sitz und zog eine Decke hervor. „Stört es dich, wenn ich das Verdeck offen lasse?“

Quinn kuschelte sich unter die Decke. „Nein. So ist es prima. Was ist mit dir? Hast du eine Jacke?“

„Mir wird nicht kalt“, antwortete er.

„Nie?“

„Nicht im Sommer.“

„Hmm.“

Mercer wandte sich zu ihr und sah sie an, als sie nicht weitersprach. „Ja?“

„Nichts.“

Als er belustigt zu sein schien, wurde ihr bewusst, dass es das erste Mal war, dass sie ihn etwas anderes tun sah, als die Stirn zu runzeln. „Du hast ein nettes Lächeln.“

Er blickte weg, als wäre er das Kompliment nicht gewohnt. „Du auch“, hörte sie ihn murmeln.

Sie betrachtete ihn länger, als sie sollte. Auch wenn es wahrscheinlich war, dass er ihren verweilenden Blick spürte, sprach er es nicht an. Wer war dieser Mann? Und wie konnte sich jemand, der aussah, als wäre er noch keine dreißig, und der wahrscheinlich bei einer Truppengattung des Militärs gedient hatte, ein Zwei-Millionen-Dollar-Apartment im Herzen Manhattans leisten? Quinn nahm an, er könnte ein Treuhandfonds-Kind sein wie sie selbst, aber in dieses Bild schien er auch nicht zu passen.

2

MERCER

Als Quinn eindöste, stieß Mercer den Atem aus, den er gefühlt angehalten hatte, seit sie in das Auto eingestiegen waren.

Sein Vertieftsein darin, was er am Tag getan hatte, hatte ihn nachlässig werden lassen. Und statt sie heute Abend zu finden, ohne dass sie ahnte, dass er sie suchte, hatte sie ihn gefunden. Allerdings war er froh, dass sie ihn gefunden hatte. Wer weiß, wie sie sonst nach Hause gekommen wäre. Southampton lag gute zwei Stunden von ihrem Gebäude entfernt und auf dem Weg dorthin gab es viele einsame Gegenden. Bei dem Gedanken, in welche Gefahr sie sich hätte bringen können, zuckte er zusammen.

Er sah mehrmals zu ihr hinüber, während sie schlief. Das Mondlicht schien auf ihr fast weißblondes Haar und warf ein Leuchten auf ihre erröteten Wangen, was wahrscheinlich von zu viel Zeit in der Sonne herrührte. Sie wurde mit jedem Tag schöner, an dem er ihr zusah, wie sie sich von einer Teenagerin zu einer jungen Frau verwandelte.

Mercer schüttelte den Kopf und verfluchte im Stillen seinen früheren Chef, den Mann, der verantwortlich für die Versuchung war, der er sich jeden Tag gegenübersah.

Als er auf den für ihn bestimmten Stellplatz auf dem Parkplatz des Gebäudes fuhr, rührte Quinn sich nicht.

„Wir sind wieder zurück“, sagte er sanft, so versucht, mit dem Finger über ihre Wange zu streichen.

Sie setzte sich mit einem Ruck auf. „Oh. Es tut mir leid. Habe ich wirklich auf der ganzen Rückfahrt geschlafen? Wie rücksichtslos von mir“, plapperte sie.

„Du warst müde.“

Sie streckte die Arme über den Kopf aus, wobei sich ihr T-Shirt hochschob und die Haut ihres Bauchs entblößte. Als Mercer aufsah und ihren Augen begegnete, grinste sie, als hätte sie ihn bei seinem verstohlenen Blick ertappt.

Als keiner von beiden blinzelte oder aus dem Auto stieg, gab er der Versuchung nach, weil es zu schwer geworden war, ihr zu widerstehen, beugte sich vor, zog sie näher zu sich heran und küsste sie. Quinn legte eine Handfläche auf seinen Schenkel und öffnete ihren süßen Mund für seinen. Er verstärkte seinen Griff und vertiefte ihren Kuss, bis ihr Stöhnen ihn aus etwas herausriss, von dem er wusste, er sollte es nicht tun. Dies war keine Fantasie; seine Lippen lagen wirklich auf ihren und die Frucht, die er kostete, war verboten.

Er zog sich zurück, ohne sich zu erlauben, ihr in die Augen zu sehen. Hätte er das getan, hätte er die wenige Entschlossenheit, die er besaß, verloren. Stattdessen öffnete er seine Tür, ging herum und öffnete ihre.

„Danke“, flüsterte sie, als sie ausstieg, während sie ihre Lippen mit ihren Fingerspitzen berührte.

„Gern geschehen.“

„Sie waren heute Abend mein Retter, Mr. Mercer.“ Sie trat vom Auto weg, damit er die Tür schließen konnte.

„Nur Mercer“, antwortete er geistesabwesend.

Sie hatte keine Ahnung, wie sehr sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Retter war vielleicht nicht das passendste Wort. Beschützer traf es eher.

Sie wartete, dass er den Knopf für den Aufzug drückte, wie sie gewartet hatte, dass er ihre Tür geöffnet hatte. Dies war eine Frau, der beigebracht wurde, dass nichts falsch daran war, einen Mann die Führung übernehmen zu lassen. Ihre Manieren waren tadellos; dessen war er oft genug Zeuge gewesen. Wie immer war er von Stolz erfüllt, auch wenn er nichts mit ihrer Erziehung zu tun hatte.

Als sie die zehnte Etage erreichten, brachte Mercer Quinn nicht bis zu ihrer Tür. Von der abgerundeten Ecke aus, gegen die er sich lehnte, konnte er sehen, dass sie sicher in ihr Apartment kam, ohne die Möglichkeit, dass sie ihn hereinbat.

Sie winkte ihm zu, bevor sie ihre Tür schloss. „Träumen Sie was Schönes, Mr. Mercer“, sagte sie und warf ihm eine Kusshand zu.

„Nur Mercer“, sagte er vor sich hin, nachdem er ihr Schloss klicken hörte.

Seine eigene Wohnungstür war nur ein paar Schritte entfernt. Als er zu ihr kam, gab er den Code auf der kleinen Tastatur ein und legte seinen Daumen auf den Fingerabdruckscanner, bis sich die Tür entriegelte.

Er marschierte hinein, drehte sich zur Wand, an die er seinen Kopf lehnte, schloss die Augen, atmete tief ein und wiederholte im Stillen das Versprechen, das er gegeben hatte.

Mercer hatte geschworen, auf sie aufzupassen, sie zu beschützen und für ihre Sicherheit und die ihrer Familie zu sorgen. Mit ihr zu sprechen, sie zu berühren, sie zu küssen oder von ihr zu träumen, gehörte nicht zu diesem Schwur. Die Träume lagen außerhalb seiner Kontrolle, aber bei dem Rest davon wusste er es besser.

Mercer loggte sich aus seinem E-Mail-Programm und schloss den Laptop. Er war noch immer zu aufgewühlt von der Fahrt, um zu schlafen. Stattdessen tigerte er auf und ab und dachte über jede selbstauferlegte moralische und ethische Regel nach, gegen die er während der vergangenen Stunden verstoßen hatte.

Es würde nicht mehr möglich sein, wieder zu Quinn zu gehen, ohne dass sie wusste, wer er war. Er war vehement gegen die ganze Idee angegangen, in dieses Gebäude zu ziehen, weil er gewusst hatte, dass sie zwangsläufig in Komplikationen schlittern würden, und er hatte recht behalten. Es war eine Sache, dass er heute Abend zufällig auf der gleichen Party war. Wenn er das nächste Mal dort auftauchte, wo sie war, würde es eigenartig sein. Danach wäre es unheimlich.

Er hatte noch nicht einmal die Oberfläche des Kusses angekratzt. Der war ganz so gewesen, wie er es sich in seiner Fantasie vorgestellt hatte. Hätte sie keinen Laut von sich gegeben, würden ihre Lippen vielleicht noch immer miteinander verschmolzen sein – auf den Vordersitzen eines Autos in einem Parkhaus. Himmel.

Er musste ein paar drastische Änderungen vornehmen, und zwar bald. Mercer sah nach der Uhrzeit. An der Westküste war es fast Mitternacht; sein Anruf würde bis zum Morgen warten müssen. Bis dahin würde er Zeit haben zu entscheiden, über wie viel von dem, was heute Abend passiert war, er reinen Wein einschenken würde.

Er nahm sein Tablet, das neben seinem Bett lag, und öffnete das Buch, mit dem er gestern Nacht begonnen hatte. Es ging doch nichts über einen Agentenroman, geschrieben von jemandem, der keine Ahnung davon hatte, wie die Dinge wirklich liefen, um ihn vor Langeweile einschlafen zu lassen.

3

QUINN

Quinn atmete den Duft ihrer Geburtstagsrosen ein, als sie im Flur an ihnen vorbeiging. Sie würde wetten, Mercer war die Art Mann, der einer Frau solch ein Geschenk schicken würde, mit der er zusammen war.

Sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie auf dem gesamten Heimweg geschlafen hatte. Er musste sie für unhöflich halten, obwohl er sich nicht so verhalten hatte, als hätte es ihn gestört. „Du warst müde“, hatte er gesagt.

Es sah ihr nicht ähnlich, so vertrauensvoll bei jemandem zu sein, den sie kaum kannte, aber sie fühlte sich unerklärlicherweise sicher bei ihm, als würde ihm tatsächlich etwas an ihr liegen.

Quinn verdrehte die Augen und sie füllten sich mit Tränen. Sie war erbärmlich. Sie war so verzweifelt auf Liebe und Aufmerksamkeit aus, dass sie sich einredete, ihrem Nachbarn, mit dem sie genau eine Unterhaltung geführt hatte, würde etwas an ihr liegen.

Sie schaffte es, nicht ihr Handy zu checken, bis sie ins Bett kroch. Es würde keine Nachricht von ihrer Mutter da sein, Quinn wusste das, aber sie konnte sich nicht davon abhalten zu hoffen, dass sie sich irrte.

Sobald sie die Augen geschlossen hatte, stellte sich der Schlaf schnell ein, nur weil sie sich erlaubte, von Mr. Mercer und ihrem Kuss zu fantasieren.

Der Traum, den sie hatte, dass ihr Handy ununterbrochen summte, schien zu real zu sein. Quinn richtete sich ruckartig auf und fasste nach ihrem Smartphone auf dem Nachttisch. Aine leuchtete auf dem Display auf.

„Hi“, meldete sie sich.

„Wo zum Teufel bist du?“, schrie ihre Freundin über den Lärm der Party im Hintergrund hinweg.

Mist. Sie hatte vergessen, eine Nachricht zu schicken, dass sie gehen würde. „Es tut mir leid. Ich bin zu Hause.“

„Was? Ich kann dich nicht verstehen.“

„Ich bin zu Hause“, rief sie ins Handy.

„Wo bist du? Es hörte sich so an, als hättest du gesagt, du wärst zu Hause.“

„Ich bin zu Hause“, rief sie wieder.

„Gibt’s doch gar nicht!“ Quinn hörte Rascheln am Handy und Aine sagte zu jemand: „Sie ist zu Hause.“ Mehr Geraschel, dann: „Bleib dran.“

Sie wartete, während der Lärm der Party leiser wurde.

„Du bist einfach verschwunden. Was zum Teufel soll das, Quinn?“

Aine klang betrunken, was hieß, diese Unterhaltung würde sich weiter im Kreis drehen.

„Hör mal“, begann Quinn. „Ich bin zufällig mit jemandem zusammengestoßen, den ich kannte und der zurück in die Stadt fuhr. Da habe ich eine Mitfahrgelegenheit geschnorrt. Es tut mir leid, dass ich euch nicht Bescheid gegeben habe. Lass uns morgen reden, ja?“

„Du bist einfach verschwunden“, sagte Aine wieder.

„Gute Nacht, Süße. Wir reden morgen früh miteinander.“ Quinn unterbrach die Verbindung und schaltete ihr Handy aus. Da ihre Freundinnen nun wussten, dass sie zu Hause war, würde heute Nacht niemand mehr versuchen, sie zu erreichen.

4

MERCER

Um sechs betrat Mercer wie jeden Morgen den Fitnessraum des Gebäudes und legte sich bei seinem Training ordentlich ins Zeug. Er hatte sich die ganze Nacht schlaflos im Bett herumgewälzt und war immer wieder die Zeit durchgegangen, die er mit Quinn verbracht hatte, und alles, was er anders hätte handhaben sollen.

Er war im Flowzustand – diesem perfekten Gleichgewicht zwischen Tempo und Zufriedenheit –, während er lief. Seine Beine waren locker und sein Herz pumpte. Als sich die Tür des Fitnessraums öffnete, hörte er das nur irgendwo tief in seinem Unterbewusstsein. Er war morgens meistens der Einzige hier und er hatte nicht ein einziges Mal die Frau gesehen, deren Augen seinen im Spiegel begegneten. Was zum Teufel führte Quinn im Schilde?

Sie winkte ihm genauso zu wie gestern Abend, bevor sie ihm die Kusshand zugeworfen hatte, dann ging sie zu einem der Ellipsentrainer auf der anderen Seite des Fitnessraums.

Er antwortete mit einem Nicken und konzentrierte seine Aufmerksamkeit dann auf den Fernseher, dem er nie Beachtung schenkte, und versuchte, den Nachrichten zuzuhören, für die er sich vorher noch nie interessiert hatte. So viel zu seiner ausgeglichenen Herzfrequenz. Da ihr Gerät in entgegengesetzter Richtung zu seinem Laufband stand, konnte er im Spiegel ihren festen Hintern sehen, der von ihren viel zu kurzen Laufshorts betont wurde. Das Tanktop, das sie trug, bedeckte kaum ihren beinahe nutzlosen Sport-BH.

Er war nicht der Einzige, der dorthin sah, wohin er nicht sehen sollte. Quinn starrte in den Spiegel vor dem Ellipsentrainer, bis sich ihre Blicke zum zweiten Mal einen Moment lang begegneten. Mercer hielt das Laufband an, stieg hinunter und wischte sich mit seinem Sporthandtuch den Schweiß aus dem Gesicht. Als Nächstes zog er sein Handy aus seiner Sporttasche, tat so, als würde er es checken, und warf es dann wieder zusammen mit seinem Handtuch zurück hinein.

„Schönen Tag noch“, sagte er, als er die Tür öffnete, um zu gehen.

„Moment.“ Sie hielt ihr Gerät an und kam zu ihm. „Du musst nicht meinetwegen gehen.“

„Ich bin fertig“, grummelte er, als er die Tür hinter sich zugehen ließ. Er kam sich wie ein Scheißkerl vor, weil er so mit ihr redete, aber er konnte es sich nicht leisten, dass diese Sache mit Quinn ausuferte.

Das nächste Mal, als er mit ihr zusammenstieß, war über eine Woche später im Aufzug.

„Hi“, sagte sie und sah ihn kaum an, wodurch er sich wie ein Arschloch fühlte.

Er nickte und war wieder zögerlich, eine Unterhaltung anzuregen.

„Schön, Sie zu sehen, Mr. Mercer“, sagte sie, als sich die Tür zur Lobby öffnete. Sie ging hinaus, aber nicht schnell genug, um die verletzten Gefühle zu verbergen, die ihr deutlich ins Gesicht geschrieben standen.

Er wusste, dass sie einsam war; das war sie die meiste Zeit ihres Lebens gewesen. Außer mit den vier Mädels, mit denen sie seit den Tagen im Internat eng verbunden war, knüpfte Quinn kaum Kontakte. Es gab gelegentliche Dates, die seinen Blutdruck in die Höhe schießen ließen, aber es kam bei ihr selten zu einem zweiten Date.

Das Schlimmste war jedoch, dass Quinn niemals die Hoffnung aufgegeben hatte, eines Tages eine Beziehung zu ihrer Mutter zu haben – etwas, von dem Mercer wusste, dass es nie passieren würde.

„Hey, Paps“, meldete Mercer sich bei dem Anruf, der später an diesem Abend von einem seiner Partner einging.

„Wir brauchen dich hier. Triff die nötigen Vorkehrungen und flieg morgen früh her.“

„Was ist los?“

„Razor und ich werden dich ins Bild setzen, wenn du hier bist.“

Weniger als fünf Minuten später, als ein weiterer Anruf einging, war Mercer nicht überrascht, „Barbie“, Lena Hess’ Deckname, als Anruferin auf seinem Display zu sehen.

„Was kann ich für dich tun, Lena?“

„Wie geht es meiner Tochter?“

Was konnte er sagen, das nicht bereits gesagt worden war? Ihn aussprechen zu lassen, was Lena bereits wusste, würde nichts ändern. „Es geht ihr, wie es zu erwarten ist.“

„Hast du schon mit Paps gesprochen?“

„Ja, das habe ich.“

Sosehr er wissen wollte, was vor sich ging, war Lena die letzte Person, die er fragen würde.

„Gibt es sonst noch etwas?“, erkundigte er sich stattdessen.

„Nein.“

„Dann sprechen wir uns morgen“, sagte er, bevor er das Telefonat beendete.

Bis er „die nötigen Vorkehrungen“ getroffen hatte, war es ein Uhr morgens. Er wollte gerade Schluss für heute machen, als er den Aufzug auf ihrer Etage anhalten hörte. Weil er keine Schritte im Flur hörte, rief er unten an. Er wusste, dass Vinnie Dienst hatte; das war einer der Anrufe, die er vorhin gemacht hatte.

„Mr. Bryant. Ich war gerade dabei, Ihre Nummer zu wählen. Miss Skipper ist dabei, das Gebäude zu verlassen.“

„Greifen Sie ein.“

„Ja, Sir.“

Was zur Hölle dachte sie, wo sie mitten in der Nacht hingehen würde?

Als er aus dem Aufzug kam, stand Quinn mit dem Rücken zu ihm und war in eine Unterhaltung mit Vinnie vertieft. Mercer deaktivierte zuerst den Alarm der Notausgangstür und verließ dann durch sie das Gebäude. Er nahm die Gasse, die außenherum zum Vordereingang führte, wo er zwei Möglichkeiten hatte. Er konnte auf sie warten oder er konnte hineingehen und Miss Skipper selbst in ein Gespräch verwickeln.

Als er das Zeichen von Vinnie sah, wusste er, dass die Entscheidung für ihn getroffen worden war.

„Guten Abend, Sir“, begrüßte Vinnie ihn. „Angenehmen Abend gehabt?“

Mercer nickte und sein Blick landete auf Quinn, als wäre er überrascht, sie zu sehen. „Kann ich dich hinaufbegleiten?“ Er berührte mit den Fingerspitzen ihren Ellbogen und sie zog sich leicht torkelnd zurück.

„Ich gehe aus“, stammelte sie.

Hätte ihm ihr Schwanken keinen Hinweis gegeben, ihr Atem hätte es ganz bestimmt. Sie hatte getrunken, und nicht wenig.

Er hob bewusst eine Braue und sie errötete.

„Ein frühes Frühstück?“, fragte er.

Sie beugte sich zu ihm vor. „So etwas in der Art. Sind Sie hungrig, Mr. Mercer?“

Nicht das kleinste bisschen, aber wenn er zustimmte, mit ihr zu gehen, würde er wissen, wo sie war, und könnte sie sicher zurückbringen. „Und wie.“

Vinnie war ihm einen Schritt voraus. „Mmm, mmm. Ich hatte schon ewig keine Buttermilchwaffeln mit Hühnchen von Sarge mehr.“ Er rieb sich den Bauch. „Hört sich mächtig gut an, was?“

Sarges Diner lag nur einen kurzen Fußweg entfernt, aber sie würden das Taxi nehmen, das auf wundersame Weise an der Eingangstür auftauchte.

Mercer legte den Arm um ihre Taille und geleitete sie in das wartende Fahrzeug. Als er nach ihr einstieg, lehnte Quinn den Kopf an seine Schulter. „Ich konnte nicht schlafen …“, murmelte sie.

Er nickte.

Als sie die Augen schloss, machte er ein Zeichen mit dem Zeigefinger und Tom, ebenfalls Teil seines Stammteams, wusste, dass er sich nicht die Mühe machen musste, an dem Restaurant zu halten. Stattdessen fuhr er in Manhattan herum, von Midtown zur Lower East Side, und brachte sie dann nach Hause.

„Wir sind zurück“, sagte er sanft, als Tom am Eingang vorfuhr, und war diesmal nicht fähig zu widerstehen, mit dem Finger über ihre Wange zu streichen.

Wie beim letzten Mal wachte sie mit einem Ruck auf.

„Bin ich wieder eingeschlafen?“

Er lächelte. „Ja.“

„Ich schlafe immer mit dir.“ Quinn errötete. „Das klang nicht richtig, oder?“

Mercer stieg aus und hielt ihr seine Hand hin. „Gehen wir hinein.“

„Wir haben nicht gegessen. Du warst sehr hungrig.“

„Ich werde mir ein Sandwich machen.“ Er führte sie zum Aufzug und erwiderte Vinnies Zwinkern mit einem Nicken, als sie an ihm vorbeikamen.

Als sie zur zehnten Etage kamen, geleitete er sie um die Ecke zu ihrer Tür und wartete, während sie den Code in das kleine Tastaturfeld eingab.

„Möchtest du mit hineinkommen?“

Mercer drückte die Tür auf und lotste sie hinein.

„Ich könnte dir etwas zu essen machen.“

„Nicht nötig“, murmelte er, als er ihr durch die Diele und den Flur entlang folgte. „Sehen wir zu, dass wir dich ins Bett bringen.“

Quinn schlüpfte aus ihren Schuhen und wartete, während Mercer die Laken zurückschlug. Wie ein schläfriges Kind kroch sie hinein und er zog die Laken über sie.

„Bleibst du?“, flüsterte sie.

Als sich ihre Augen schlossen, beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Nicht heute Nacht, Schatz. Schlaf jetzt.“

„Mmm, Sie haben mich Schatz genannt, Mr. Mercer“, sagte sie, bevor sie wieder in den Schlaf glitt.

Mist. Das hatte er. Würde sie sich am Morgen daran entsinnen, oder würde dies alles eine verschwommene Erinnerung sein, die sie für einen Traum halten würde?

5

MERCER

Mercer schob den Zettel unter Quinns Tür durch, ehe er seine Meinung ändern konnte.

Bin für ein paar Tage nicht in der Stadt. Frühstück, wenn ich zurück bin? – Mercer

In seinem Kopf fügte er hinzu: Bitte zieh nicht noch so eine Nummer wie letzte Nacht ab, während ich weg bin.

Es war erst vier Stunden her, seit er sie ins Bett gebracht hatte. Sie würde noch mindestens fünf oder sechs schlafen, wenn nicht mehr.

Er fragte sich wieder, an wie viel sie sich von der letzten Nacht erinnern würde. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, in seiner Nachricht Frühstück zu erwähnen. Es würde ein weiteres Stichwort sein, um sie zu überzeugen, dass sie nicht geträumt hatte. Jetzt war es allerdings zu spät. Er drückte einen Kuss auf zwei Fingerspitzen und legte sie kurz an die Tür, während er hoffte, ihr Leben würde ereignislos verlaufen, während er weg war.

Als er ihr in der letzten Nacht einen Kuss auf die Stirn gab, hatte er die Verschiebung gespürt. Es war nicht nur ein Gedanke; es war eine körperliche Reaktion, bei der er wusste, dass sich die Dinge veränderten. Während Quinn seit einiger Zeit Teil seines Lebens war, würde er jetzt auch Teil ihres Lebens sein.

Die Auswirkungen seines Handelns während der letzten Tage wurden ihm schlagartig bewusst, als das Flugzeug landete. Er hatte mit Quinn eine Grenze überschritten. Mehrere, genau genommen, und damit würde sich eine Menge ändern müssen. Er schloss die Augen und wünschte sich, wie er es so oft machte, dass er diese Situation kurz mit seinem früheren Chef besprechen könnte.

Doc Butler war mehr als ein Vorgesetzter für ihn gewesen. Er war ein Lehrer, Mentor und in mancherlei Hinsicht ein Bruder.

Sie hatten sich kennengelernt, als Mercer Student der internationalen Beziehungen und Fremdsprachen an der Stanford University war. Docs jüngste Schwester, die in Mercers Alter war, studierte ebenfalls an der angesehenen Einrichtung.

Da er auch übergreifend als Student des Marine-Optionsprogramms des NROTC eingeschrieben war – einer studienbegleitenden Offiziersausbildung des US-Navy- und -Marine-Korps –, war er auf Docs Rekrutierungsradar gelandet.

Sobald er seinen Bachelorabschluss hatte, schlug Mercers Leben eine Richtung ein, die er nie für möglich gehalten hätte. Statt Second Lieutenant – der unterste Offiziersrang – mit einer vierjährigen Verpflichtung zu werden, ging er direkt nach Camp Lejeune in North Carolina, um eine neunmonatige Ausbildung der Spezialkräfte zu absolvieren.

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren wurde Mercer das jüngste Mitglied eines Eliteteams für Spezialunternehmungen – der Special Activities Division –, das aus Angehörigen des aktiven Militärdiensts und CIA-Agenten bestand und zum nationalen Geheimdienst NCS gehörte, einer Abteilung der CIA.

Vier Jahre später nahm Mercer eine Stelle bei der privaten Geheimdienstfirma K19 Security Solutions an, die Doc zusammen mit Paps und Razor, zwei weiteren Jungs des Teams, gegründet hatte. Die Stelle wurde zu mehr, als ihm ein Anteil der Firma angeboten wurde. Jetzt, zwei Jahre später, war Mercer wohlhabender, als er es sich je erträumt hatte, durch eine Tätigkeit, die unter anderem aus dem Schutz von Zeugen, ebenso wie der verdeckten Einflussnahme und rigorosen Verhören – oder Schlimmerem –, wenn nötig, bestand.

Mercer schaltete sein Handy ein und schickte Paps eine Nachricht. Gelandet.

Der Stellplatz, an dem normalerweise sein Wagen geparkt stand, war leer. Das hätte sein erster Hinweis sein sollen, dass etwas im Gange war. Er zog sein Handy heraus und schickte eine weitere Nachricht. Fehlendes Transportmittel.

Problem. D4P23.

Er nahm die Treppe zu Deck vier und ging zum dreiundzwanzigsten Stellplatz, auf dem anstatt eines Wagens eine Maschine auf ihn wartete. „Aber hallo“, murmelte er lächelnd, als er den Helm nahm, der auf der Ducati Monster 1200 lag.

Das hier war nichts Problematisches. Das war ein Geschenk von Paps und Razor an ihn.

Danke, Jungs.

Mercer erweckte die Maschine zum Leben und versuchte, sich zu entscheiden, welche der vielen Nebenstraßen er von dem privaten Flugplatz bei San Luis Obispo durch die Hügel von Harmony, einem Städtchen an der Zentralküste von Kalifornien, wo K19 ein Haus besaß, nehmen würde. Das war nicht die einzige Immobilie, die sie besaßen. Es gab viele davon, einschließlich Mercers Apartment in Quinns Gebäude.

Sie hatten sich wegen der relativen Abgeschiedenheit, des Fehlens eines Geschäftsviertels und seiner Nähe zu Paso Robles entschlossen, etwas in Harmony zu kaufen.

Er rollte seine Schultern, als er das Parkhaus verließ. Das hier brauchte er jetzt. Sogar nur fünfzehn Minuten auf der freien Straße, weg von der drückenden Hitze und dem Lärm von New York City, würden ihm helfen, sich dem zu stellen, was auch immer für ein Scheiß ihm vorgesetzt werden würde.

„Danke für den fahrbaren Untersatz, Jungs“, sagte Mercer zu Razor und Paps, als er von der Garage her, in der er die Maschine abgestellt hatte, ins Haus kam.

„Hey, Eighty-eight.“ Paps sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Was ist los?“

„Wir müssen Skippers Schutzauftrag verschärfen“, antwortete Razor.

„Warum?“

„Was sagt dir der Name Rory Calder?“

Eine Menge. Vor vier Jahren hatte er ihn zum ersten Mal gehört, als er an dem Büro seines Chefs vorbeikam und sah, wie er sein Handy fest genug auf seinen Schreibtisch schmiss, dass es kaputtging. „Herrgott nochmal“, blaffte er.

„Is’ was, Doc?“, hatte Mercer gefragt, als er den Kopf in das Zimmer streckte.

„Der Scheiß wird nie langweilig“, fuhr Doc ihn an.

„Tut mir leid, Sir“, murmelte Mercer.

„Mach die verdammte Tür zu.“

Weniger als fünfzehn Minuten später war Mercer über einen Fall informiert, der achtzehn Jahre zurückreichte, zu dem ein Marine namens Rory Calder, der zu einem russischen Spion geworden war, eine Vergewaltigung, eine geheim gehaltene Ehe und ein Baby gehörten.

Die vom NCS beschaffte Geburtsurkunde verzeichnete ihren Namen als Quinn Analise Sullivan.

Die Geschichte zur Verschleierung lautete, dass Quinns Vater, Angus Sullivan, ein Offizier bei den Marines, vor ihrer Geburt im Einsatz gefallen war. Ihre Mutter, Lena Hess, die aus einer prominenten Familie aus Kalifornien stammte, hatte nie den Namen von Quinns Vater angenommen.

In Wirklichkeit war die Sullivan-Identität erschaffen worden, damit niemand die Verbindung des Babys zu seiner Mutter oder zu seinem Vater erfuhr.

Der Grund, warum Doc sein Handy auf den Schreibtisch geschleudert und Mercer mit ins Boot geholt hatte, war, dass Quinn, Deckname Skipper, das Verfahren in Gang gebracht hatte, ihren Nachnamen von Sullivan in Hess abzuändern. Der Anruf war von Lena gekommen, die Doc gebeten hatte, das aufzuhalten. Diese Aufgabe war Mercer in den Schoß gefallen.

Das nächste Mal hatte er Calders Namen direkt nach einem morgendlichen K19-Meeting gehört, als Doc Mercer gebeten hatte, in sein Büro zu kommen.

„Ich habe einen Auftrag angenommen, und der ist der gefährlichste meiner Laufbahn“, begann Doc.

Der Einsatz lautete, erklärte er, einen ehemaligen Agenten zu finden, der abtrünnig geworden war. Ohne dass er es sagte, wusste Mercer, dass Doc von John „Leech“ Hess sprach, Lena Hess’ Vater und Quinns Großvater.

Die Informationen kamen aus verschiedenen Abteilungen und langsam herein, aber laut Doc hatte sich der Agent, der sich vor langer Zeit zur Ruhe gesetzt hatte, auf eine Kamikazeaktion begeben. Seine Absicht war, den russischen Geheimdienst zu infiltrieren und den Spion zu ermorden, der nicht nur sein Land, sondern auch Leech selbst verraten hatte, zusammen mit Dutzenden anderer Agenten, die ermordet worden waren, als ihre Tarnung aufflog. Dieser Spion war Rory Calder.

„Du musst mir ein Versprechen geben, Eighty-eight“, sagte Doc.

„Was immer du willst, Boss.“

„Quinn.“

Ein Wort – ein Name – und Mercer wusste, was Doc von ihm erwartete; er hatte geschworen, sie bis zu dem Tag zu beschützen, an dem sein Chef zurückkommen würde.