Metal-Nerds - Dominik Feldmann - E-Book

Metal-Nerds E-Book

Dominik Feldmann

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Beschreibung

Aristoteles und Friedrich sind Freunde, Philosophie-Studenten und echte Metal-Nerds! Die beiden Kumpels stolpern durch ihr zweites Universitätssemester und müssen irgendwie diese verflixt schwere Philosophieprüfung bestehen. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn der Kopf voll Heavy Metal, Serien und Filmen ist. Als Rettung kommt ihnen die Idee, ihren Alltag einfach mit Philosophie zu verknüpfen und als Motivation eine Wette abzuschließen, um so die großen Denker der Menschheitsgeschichte besser verstehen zu können. Das Vorhaben würde auch gut klappen, wenn nicht gleichzeitig der Umgang mit dem anderen Geschlecht genauso geübt werden müsste wie die Instrumente bei den Proben ihrer Band. "Metal-Nerds" ist ein krachender wie verrückter Clash der Kulturen, in dem auf leicht verständliche Art gezeigt wird, wie eng die unterschiedlichen Bereiche des Lebens miteinander verknüpft sind. So werden Philosophie, Coming-of-Age, Heavy Metal und Populärkultur auf wahnwitzige und äußerst unterhaltsame Weise verwoben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2025

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My life is a song, a short melody

harmonizing with reality

(Bad Religion – My Sanity)

Über den Autor:

Dominik Feldmann studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und promovierte anschließend. Seit über zwei Jahrzehn-ten schreibt er für verschiedene Webzines über die Musikgenres Metal und Punkrock. Derzeit ist er Redakteur bei POWERMETAL.DE. Außerdem produzierte er von 2012 bis 2017 den erfolgreichen Pod-cast „Griffbrett – Der Podcast für Gitarrenmusik“. Im Jahr 2020 erschien im Phantom Verlag sein weit über die Metal-Szene hinaus rezipiertes Buch Rock Your Brain. Rockmusik und Philosphie in 13 Essays, welches erstmals auf populärwissenschaftliche Art und Weise eine Verbindung zwischen Rockmusik und Philosophie herstellte.

Dominik Feldmann

Metal-Nerds

Jäger der verlorenen Philosophie

© 2025 Dominik Feldmann

Covergrafik unter Hilfe von https://chatgpt.com erstellt.Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Playlist zum Buch bei SpotifyWeitere Infos: www.metal-nerds.de

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Nachwort

Kapitel 1

L

aut schallte Bon Jovi aus dem Radio. You Give Love A Bad Name, es war einer ihrer großen Klassiker. Aristoteles sang lauthals mit. Er war im Badezimmer und frisierte seine mittellangen Haare. Im Spiegel sah er seinen langen, etwas zu dürren blassen Körper. Er wirkte schlaksig. Auf Veränderungen durch regelmäßige Besuche im Fitnessstudio oder zumindest ein Sonnenbad hatte er keine Lust. Freibad und Sport lagen nicht in seiner Natur. Dafür sang er lieber lauthals mit. Für seine nicht ganz so heimliche Liebe zu Bon Jovi wurde er von seinen Freunden immer verspottet. Die Band sei angeblich nicht genug „Metal“, was auch immer das bedeuten mochte. Doch darüber konnte er locker hinwegsehen. Außerdem war Bon Jovi in den letzten Jahren überall in der Gunst gestiegen, seit Barney Stinson in der Serie How I Met Your Mother das Lied You Give Love a Bad Name zum ultimativen Opener eines jeden Mixtapes erklärt hatte.

Plötzlich ertönte von draußen mehrfach ein lautes Hupen. Aristoteles sah aus dem Fenster. Vor der Haustür stand ein grauer VW Golf mit einem großen Slayer-Schriftzug auf der Heckscheibe und dem super-evil Nummernschild seines besten Freundes: FN 666.

Immer wenn er die Kombination sah, musste er grinsen, da er es gleichermaßen großartig wie lächerlich fand. Dafür blieb jetzt allerdings keine Zeit. Er schnappte sich schnell sein Obituary-Shirt mit dem toten, verrottenden Menschen vorne drauf. Es war genau das richtige Outfit für heute Abend. Bei einem Konzert dieser Größenordnung waren einfach zu viele Mode-Fans vorhanden, die nur kamen, weil Konzerte gerade im Trend waren und sich damit brüsten wollten, Metallica gesehen zu haben, obwohl sie kaum mehr als zwei Songs kannten. Von diesen wollte er sich abgrenzen.

Als Aristoteles aus der Haustür trat, hörte er The Four Horsemen aus den Boxen des Autoradios scheppern. Friedrich hatte die Kill ‘em All aufgelegt. Eine gute Wahl. Metallicas erste Scheibe war die perfekte Einstimmung auf den Gig. Freudig setzte er sich auf den Beifahrersitz und nickte seinem besten Kumpel zur Begrüßung zu.

„Hier, nimm dir erstmal ein Bier!“ Er streckte ihm eine Flasche entgegen.

Aristoteles griff zu und öffnete sie mit einem Feuerzeug, welches auf dem Armaturenbrett lag. Plopp! Friedrich schnipste den Kronkorken seiner Flasche ebenfalls weg.

„Ey, du fährst doch“, merkte Aristoteles an.

„Nur die Ruhe. Das ist alkoholfrei!“ Friedrich grinste. „Auf ein gutes Konzert! Prost!“ Die Flaschen stießen klirrend aneinander.

„Wo ist denn Judith? Ich dachte, sie kommt mit?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt. Es hätte für sie nur noch überteuerte Tickets auf dem Schwarzmarkt gegeben“, antwortete Friedrich.

„Achja, stimmt. Konntest du sie nicht überreden? Immerhin sind Metallica Legenden! Wer weiß, wie lange sie in ihrem Alter noch auf der Bühne stehen können.“

„Naja… so richtig drüber diskutiert haben wir nicht. Ich habe doch nur kurz nach dem Uni-Seminar mit ihr geredet. So gut kennen wir uns auch wieder nicht. Wir hatten nur das eine Seminar zusammen und mein Argument scheint daher nicht so überzeugend gewesen zu sein.“ Friedrich zuckte mit den Schultern.

„Womit hast du es denn probiert?“, fragte Aristoteles.

„‘TAALLLLLLLLIIIIIIIICCCCAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!!!“

„Wie tiefgründig! Friedrich, Metallica sind eben nicht SSSSLLLAAAAYYYYYEEEERRRR!!!! Beim nächsten Mal frage ich sie.“

„Das traust du dich doch eh nicht. Du solltest sowieso mehr mit ihr reden und hättest genauso gut fragen können.“

„Klappe! Jetzt fahr endlich los!“

Friedrich schmiss den Motor an und der Golf setzte sich in Bewegung. Gemeinsam wärmten sie ihre Stimmbänder auf und sangen das für diesen Abend passende Motto mit: „Bang your head against the stage like you never did before“.

-----

Sie standen vor einer Schranke. Friedrich hatte das Autofenster heruntergefahren und drückte einem Mann in orangefarbener Schutzweste 5 Euro in die Hand. Der rot-weiß-gestreifte Balken ging in die Höhe und sie konnten auf den Parkplatz fahren. Nach wenigen Metern war auf der rechten Seite eine Lücke frei. Friedrich parkte in drei Zügen ein und stellte das Auto ab.

„Ich lasse meine Jacke in der Karre. Der Weg zur Halle ist nicht weit. Die paar Meter frieren ist kein Problem“, sagte er und warf einen Blick auf den Rücksitz, auf dem sich das Kleidungsstück befand.

„Das ist eine gute Idee. Außerdem sparen wir uns die Kohle für die Garderobe und das nervige Anstehen nach dem Konzert“, stimmte Aristoteles zu.

Als Aristoteles die Autotür zumachen wollte, rief Friedrich von der anderen Seite herüber: „Stopp! Auf drei! Eins…. zwei….drei….!“ Beide knallten die Autotüren mit voller Wucht zu. „Ich liebe es, wenn es scheppert!“

Aristoteles hatte diesen Tick seines Kumpels noch nie verstehen können. Doch nun machten sie sich endlich auf den Weg zum Eingang der Konzerthalle. Dabei reihten sie sich in einen schier endlosen Strom an Menschen ein, der mehr oder weniger schnell vorankam. Sie alle besaßen das gleiche Ziel.

„Was ist das eigentlich für ein Shirt, das du da trägst?“ fragte Aristoteles. „Das Logo kann kein Schwein lesen. Ist das irgendein Underground-Black-Metal-Zeug?“ Er zog die Stirn kraus.

„Sieht super aus, oder?“ sagte Friedrich mit einer Mischung aus Ironie und Stolz. „Das werden ganz große Stars!“

„Jetzt sag schon, wer das ist!“

„Willst du es wirklich wissen?“

„Natürlich!“

„Ehrlich gesagt habe ich mir das selbst drucken lassen. Im Internet habe ich zufällig ein Foto von einem Haufen Äste gesehen, der mich an ein Bandlogo erinnert hat. Ich habe es mit einfacher Fotobearbeitung noch etwas verzerrter gemacht, verdunkelt und anschließend auf ein schwarzes Shirt gedruckt. Tadaaaa, schon haben wir eine perfekte Black-Metal-Band!“

„Echt jetzt? Da steht also nichts?“, war Aristoteles verdutzt.

„Nein! Ich habe es genau für Konzerte wie heute gemacht.“ Friedrich blickte sich um. Es gab etliche Besucher mit Metallica-Shirts. Kleidungsstücke von anderen Bands waren kaum zu sehen. Viele trugen sogar gar kein Band-Shirt. „Ich will die Leute mal ein bisschen verwirren und unter ihnen auffallen – ein wenig echten Metal auf so eine Massenveranstaltung bringen! Die kennen doch alle Master of Puppets nur aus Stranger Things!“

Mittlerweile waren sie an der Halle angekommen und standen in dichtem Gedränge vor den metallischen Eingangsschleusen. Gleich waren sie drinnen. Ein Security winkte sie zu sich. Er tastete schnell Hose und Ärmel ab. Besonders gründlich war er nicht. Dann ging es ein paar Schritte weiter. Die Eintrittskarte wurde eingescannt. Der Weg war endlich frei und sie durften die Halle betreten. Im Vorraum war es bereits recht voll. Überall am Rand befanden sich Getränkestände für Softdrinks, Bier und Cocktails. Daneben gab es Fressbuden für Bratwurst, Burger und Pommes. An mehreren Ecken konnten sie Merchandisestände mit T-Shirts, Pullovern und sonstigen Bandutensilien entdecken, deren Preise groß angeschrieben waren. Gerade als Aristoteles sich über die hohen Preise echauffieren wollte, hörten sie wie ein über 60-jähriger Mann zu seinem gut 40 Jahre jüngeren Sohn sagte: „Das erinnert mich an früher. Da war ich mal bei Jethro Tull. Die Leute sahen genauso aus, nur lag damals mehr der Duft von Gras in der Luft.“

„So etwas nennt sich wohl generationenübergreifend.“ Friedrich schmunzelte. In dem Moment kreuzte ein Typ mit langen dunklen Haaren und einem Craddle-of-Filth-Pulli ihren Weg. Er blieb direkt vor Friedrich stehen und starrte auf dessen T-Shirt. „Endlich mal jemand mit einem vernünftigen Musikgeschmack! Geile Band! Von denen besitze ich ein paar Platten! Das ist nicht so Mainstream wie der ganze Rest hier. Das macht mir Hoffnung.“ Schon war er wieder verschwunden.

Friedrich war irritiert und zu keiner Reaktion fähig. Das war ungewöhnlich für ihn. Normalerweise war er die Schlagfertigkeit in Person. Aristoteles begann zu lachen. „Ich weiß nicht, was witziger ist: dieser extreme True-Metaller oder dein verwirrter Blick! Es sieht so aus als hättest du selbst nicht daran geglaubt, dass dein Plan aufgeht.“

„Der hat mich voll überrascht! So schnell konnte ich gar nicht antworten. Aber ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“ Friedrich hatte seine große Klappe zurück. „Darauf erstmal ein Bier. Lass uns zur Theke gehen und dann rein in die Halle. Ich möchte schon relativ weit vorne stehen.“

„Alles klar, let’s go!“

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Die Lautstärke tat fast schon in den Ohren weh. Riff hinter Riff knallte nieder. Die Gitarren schossen schneller als Maschinengewehrsalven auf ihn ein. Das Wummern des Basses spürte er durch seinen ganzen Körper. 14.000 Menschen waren gemeinsam mit ihm in der Halle. Nichts von ihnen nahm er noch wahr. Alles um ihn herum verschwamm. Er verlor das Gefühl für Zeit und Raum. Klatschen, Grölen, Springen, Bangen. Es existierte nichts anderes mehr. Nur noch er und die Musik. Sie waren eins. Jeder Vers von Master of Puppets war schon vor langer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. Jetzt ließ er jedes Wort in voller Lautstärke heraus. Schweißüberströmt bekam er kaum noch einen Ton raus. Die Heiserkeit kam. Scheiß drauf! Die ersten Töne von Whiplash erklangen. Metallica steigerten das Tempo ins Unermessliche. Mehr geht nicht! Noch einmal alles geben! Den Schädel von links nach rechts schmeißen: „Acting like a maniac // WHIPLASH!“

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Auf der Heimfahrt herrschte Schweigen. Nur die sanft-atmosphärischen Klänge von Anathema waren zu hören. Nach dem Adrenalin-Kick des Konzertes wollten sie etwas herunterkommen. Es gesellte sich das monotone Rattern des Autobahnasphalts hinzu. Am Fenster rauschten die Bäume vorbei. Es wirkte zunächst beruhigend auf Aristoteles, doch gleichzeitig baute sich ein Kribbeln in ihm auf, bis es aus ihm mit leicht heiserer Stimme herausbrach:

„Was für ein Gig! Wahnsinn! Die alten Herren haben doch noch etwas drauf und richtig Gas gegeben. Schön viele Songs der ersten vier Alben. Das war fast wie bei der Liveaufnahme aus Seattle 1989. Zeitweise hatte ich das Gefühl für Zeit und Raum vollständig verloren. Ich fühle mich jetzt total ausgeglichen und eins mit der Welt.“

„Oho, große Emotionen bei dir. Ich dachte immer, du hättest keine Gefühle, sondern bei dir läuft alles nur im Kopf ab“, neckte Friedrich.

„Ach komm, so schlimm bin ich nicht.“

„Doch, bist du. Es ist doch schön, wenn du endlich mal geknackt worden bist. Das tut dir gut. Das gleicht dich aus.“

„Wie meinst du das?“, war Aristoteles verwirrt.

„Naja, ich will nicht gemein zu dir sein, aber manchmal bist du schon etwas steif.“ Um seine Worte zu unterstreichen nahm er den Blick von der Straße und blickte kurz zu seinem Kumpel auf dem Beifahrersitz.

Aristoteles grübelte: steif oder verstockt? Er hielt sich für etwas schüchtern oder introvertiert. Ganz falsch lag Friedrich allerdings nicht. Die Emotionen, die er während des Konzertes gespürt hatte, waren für ihn wirklich außergewöhnlich intensiv gewesen.

„Friedrich, wie war es denn bei dir?“, wollte er wissen.

„Hm… ich bin aufgewühlt und muss mich erstmal ordnen. Es war ein wenig, so als würde ich schweben. Wie eine Art Rausch. Ich suche gerade noch nach den richtigen Worten... “, dachte Friedrich laut nach. „Vielleicht eine transzendentale Ausschweifung?“ Friedrich stockte kurz. Dann rief er: „Jetzt habe ich es! Der richtige Begriff ist dionysisches Erlebnis!“

„Dio-was?“, fragte Aristoteles.

„Deine Vorfahren stammen aus Griechenland, du studierst Geschichte und Philosophie und kennst Dionysos nicht? Willst du mich vereimern? Hat dir dein Opa nie etwas darüber erzählt? Ihr habt doch früher immer über Philosophie gesprochen. Daher hast du doch deinen Namen. Na egal…ich schließe deine Bildungslücke. Dionysos gehörte im alten Griechenland zum Pantheon. Er war einer ihrer Götter. Rausch, Ausschweifung, Leben! Das waren seine Kernkompetenzen. Ihm gegenüber stand Apollon. Er symbolisierte die Mäßigung, die Sittlichkeit und die schönen Künste. Kurz gesagt: Ich Dionysos, du Apollon“, sagte Friedrich. Eine Kombination aus Fassungslosigkeit und Vorwurf lag in seiner Stimme.

„Ach, danke. Ja, da war was. Nur weil ich griechische Vorfahren habe, kann ich mir nicht alles merken. So langsam erinnere ich mich dran. Sorry! Im ersten Moment musste ich natürlich an unseren heiligen Dio – Gott hab ihn selig – denken.“

Daraufhin spreizten beide den kleinen Finger sowie den Zeigefinger und streckten ihre Hand Richtung Autodach, um dem allmächtigen Erfinder der Heavy-Metal-Pommesgabel die Ehre zu erweisen.

Aristoteles musste lachen: „Genug der Ehre für Dio. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was du mir gerade eigentlich sagen willst. Was will der alte griechische Gott von uns?“

„Nichts, aber Friedrich Nietzsche will etwas, oder besser gesagt, er ist derjenige, der das Konzert für mich perfekt beschreibt.“

„Wirklich? Dann erzähl mal. Wenn du einen Philosophen kennst, dann ist es Nietzsche.“

„Japp, immerhin besitzen wir die gleichen Initialen!“

Aristoteles wusste, dass dies nicht der einzige Grund war, warum Friedrich sich so intensiv mit Nietzsche auseinandergesetzt hatte. Nietzsche war sprichwörtlich der Philosoph mit dem Hammer. Diese Destruktivität hatte sein Freund angezogen, aufgesogen und geprägt, nachdem ihn in seiner Jugend ein schwerer Schicksalsschlag ereilt hatte. Aristoteles hatte Friedrich damals über lange Zeit unterstützt und geholfen. Dazu hatte Friedrich zwei weitere Stützen gefunden. Die erste war der Metal, genauer gesagt Death und Black Metal. Die Düsternis der Musik und ihr teilweise bewusst inszeniertes zerstörerisches Gedankengut erfassten ihn emotional. Das hatte ihn nicht heruntergezogen, sondern erstaunlicherweise emotional stabil gehalten. Als zweites waren es die vernichtenden Gedanken Friedrich Nietzsches gewesen, in die Friedrich immer tiefer eingetaucht war. Zufällig hatte er eine kurze Dokumentation im Fernsehen über den Philosophen gesehen. Seine Ideen hatten bei Friedrich einen Nerv getroffen, sodass er sich mehrere Bücher von ihm gekauft hatte. Seit diesem Zeitpunkt feierte es Friedrich sehr, dass er die gleichen Initialen wie Friedrich Nietzsche besaß: FN – Friedrich Nußbaumer – Friedrich Nietzsche.

„Nun erzähl schon. Ich merke doch, dass du nicht an dich halten kannst“, ermunterte Aristoteles seinen Freund, das Gespräch fortzusetzen.

Das ließ sich Friedrich nicht zweimal sagen: „Ausgangspunkt von Nietzsches Überlegungen ist die griechische Tragödie.“

„Also das Theater? Das hat doch Aristoteles in seiner Poetik thematisiert.“

„Genau. Das ist sein Ausgangspunkt. Vor allem die Musik des Theaters. Nietzsche sagt, dass Musik Menschen in einen Rauschzustand versetzen kann. Mir erging es heute so. Ich hatte mich komplett verloren. Es war wie ein neuer Bewusstseinszustand. Als würde ich über der Welt schweben. Als würde ich in diesem Moment alles können. Als würde ich sogar bei Metallica Schlagzeug spielen können“, fuhr Friedrich fort.

„Ach komm, das ist nun wahrlich keine große Kunst. Das weißt du auch. Lars Ulrich gilt nicht gerade als Meister seines Faches.“ Mit seinen Händen trommelte er einen Moment auf dem Handschuh-fach herum.

„Egal. Dann nimm die Soli von Kirk Hammett oder jedem anderen Gitarristen auf der Welt. Darum geht es mir jetzt nicht. Während des Gigs war ich wie in einem Zustand der totalen Selbstüberschätzung. Ich war mit mir im Reinen. Ich war eins mit mir, während ich eigentlich gleichzeitig gar nicht mehr genau wusste, was ich zum Rhythmus der Musik mache. Ich schwebte über den Dingen.“

„Interessant. Soetwas nennt man dionysischen Rausch?“

„Ja. Ich denke, dass Nietzsche genau diese Erfahrung gemeint hat. Vermutlich hattest du ebenfalls diesen Rausch oder den Ansatz davon. Wobei…bei deiner großen emotionalen Stoffeligkeit, war es vermutlich schon ein echter Rausch“. Schelmisch blickte Friedrich ihn an. Aristoteles nickte und überging die Spitze gegen ihn.

„Der Vollständigkeit halber muss ich jedoch anfügen, dass das bei Nietzsche irgendwann bei der Erfindung eines neuen Menschen und dem sogenannten Übermenschen gelandet ist, was von diesen Drecks-Nazis ausgeschlachtet worden ist.“

Nach einer kurzen Pause ergänzte Friedrich: „Vielleicht haben es Metallica selbst sogar auf den Punkt gebracht. Dass sie ausgerechnet heute Whiplash gespielt haben, war schon eine Überraschung. Der Song bringt unser Erlebnis ganz gut auf den Punkt.“

Langsam sagte er den Text des Refrains auf: „Adrenaline starts to flow // you're thrashing all around // acting like a maniac // whiplash!“

„Maniac! Manie! Dionysischer Rausch! Das passt wirklich gut zum heutigen Abend. Vielleicht ist genau das die Essenz des Thrash Metals oder sogar des Metals allgemein“, grübelte Aristoteles.

„Ja, einfach diese ganze gottverdammte Welt hinter sich lassen. All dieses Gequassel von Verantwortung und Werten, Normen und Idealen, Sünde und Gewissen beiseiteschieben. Diese komplette Ökonomisierung des Lebens auf Reichtum, Macht und Glück. Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Pferd. Das ist doch alles Mist! Ich habe keine Ahnung, was ich in fünf, zehn oder zwanzig Jahren machen werde oder welchen beruflichen Weg ich einschlagen möchte. Das Gefühl von heute Abend. Der Rausch. Das war es. Das war das echte Leben!“ Dabei betonte er den letzten Satz besonders laut und deutlich.

„Amen“, sagte Aristoteles etwas ratlos. Er wusste, dass sein bester Freund immer wieder mit der Welt, der Gesellschaft und vor allem seinem eigenen Leben haderte. Nicht immer war er darauf gefasst oder konnte etwas Konstruktives beitragen. Dann nahm er die Äußerungen einfach hin.

Mittlerweile war der graue Golf von Friedrich vor Aristoteles` Haustür zum Stehen gekommen. Die Anathema-Platte lief längst nicht mehr. Gebannt von ihrer Diskussion hatten sie dies gar nicht mitbekommen und keine neue Musik ausgewählt. Nach einem Moment der Stille ergriff abermals Friedrich das Wort.

„Jetzt haben wir beide, die ach so großen Philosophiestudenten, ordentlich herumphilosophiert. Wenn es in der Uni doch auch nur so einfach wäre.“

„Wie meinst du das?“

„Naja… wir haben gerade einfach ein bisschen über Themen dahingeplaudert, in denen wir uns halbwegs auskennen. Wenn wir aber ehrlich sind, kennen wir uns doch recht wenig in der Philosophie aus. Ich habe einfach ein bisschen Nietzsche zitiert, was wiederum der einzige Philosoph ist, mit dem ich mich ernsthaft beschäftigt habe, weil ich während der Pubertät seine Anti-Haltung witzig fand. Unser Studium scheint eine ganz andere Hausnummer zu werden. Das macht mir ein paar Sorgen.“

Sie befanden sich am Anfang des zweiten Semesters ihres Philosophiestudiums. Mittlerweile waren sie gut an der Uni angekommen und mochten das Studentenleben. Das Lernen für das Studium hatte sich bisher in Grenzen gehalten. Während sie in ihren anderen Fächern in den Semesterferien Hausarbeiten hatten schreiben müssen, hatten sie in Philosophie bisher nichts leisten müssen. Das Einstiegsseminar über die Geschichte der Philosophie ging über zwei Semester, an dessen Ende eine Prüfung über die Inhalte beider Seminarteile stehen sollte. Obwohl sie es inhaltlich spannend fanden, hatten sie mittlerweile festgestellt, dass Philosophie in der Universität etwas anderes bedeutete als auf dem Gymnasium oder beim Selbststudium. Aristoteles nahm dies als Ansporn, sich mit den Themen zu befassen. Es erleichterte ihm das Verständnis für die inhaltlich manchmal abstrakte Denkweise. Zudem sah er das Seminar als sinnvolle Grundlage für den weiteren Fortgang des Studiums an. Friedrich wählte dagegen den Weg, den er schon immer genommen hatte: Mit möglichst wenig Aufwand den verhältnismäßigen maximalen Erfolg herausholen.

Friedrich nickte: „Unser Gespräch war jetzt echt spannend und die Philosophie so lebensnah. In der Uni wirkt jedoch alles theoretisierend. Das fällt mir schwer. Wenn ich ehrlich bin, habe ich zum ersten Mal etwas Schiss vor einer Prüfung.“

„Japp. Die Prüfung wird sicher anspruchsvoll. Immerhin müssen wir die gesamte Geschichte der Philosophie und Literaturtheorie in ihren Grundzügen können.“

„Leider. Es ist einfach so fucking abstrakt. Ich habe mir das irgendwie anders vorgestellt. Manchmal fehlt mir die Praxis. So habe ich keine Ahnung wie ich das Semester bestehen soll.“

Aristoteles kratzte sich am Kinn. Ihm erging es ähnlich. Manchmal wurde alles bis aufs kleinste Wort herausgezogen, gedeutet und interpretiert. Jedes Wort lag immer und zu jeder Zeit auf der Waagschale. Trotzdem gab es häufig kein richtig oder falsch. Das irritiere ihn.

„Wir müssen uns einfach mehr damit befassen oder überhaupt mal damit auseinandersetzen. Das gilt vor allem für dich!“, betonte Aristoteles.

„Ach komm schon. Studieren sollte Spaß machen!“, erwiderte Friedrich.

„Es ist aber auch Arbeit! Etwas weniger Metal, Serien und Games und dafür mehr Philosophie! Lass uns doch einfach das Semester der Philosophie ausrufen!“

Friedrich verdrehte die Augen: „Das klingt jetzt irgendwie pathetisch und viel zu strebsam. Dein dionysischer Rausch scheint dich wohl doch nicht verändert zu haben. Ich merke noch zu viel Apollon in dir!“

„Wir studieren, wir müssen strebsam sein“, antwortete Aristoteles.

„Das war schon immer meine stärkste Eigenschaft! Lernen, lernen, lernen! Genau mein Ding!“, wurde Friedrich sarkastisch.

„Hör‘ mir doch erstmal zu!“

„Na gut. Dann erklär‘ mal.“

„Wir versuchen einfach die Philosophie in unseren Alltag zu bringen. Genau wie heute Abend mit Nietzsche, Dionysos und Metal. Alles was wir wissen und bisher gelernt haben…“

„…das ist bei mir jetzt nicht gerade viel…“

„…egal…also alles, was wir wissen, erzählen wir dem jeweils anderen in passenden Situationen. So frischen wir unser Gedächtnis auf und bekommen etwas Lebensnahes. Denn das ist doch der Grundzug von Philosophie: Uns zu hinterfragen, die Welt zu hinterfragen und den Menschen an sich zu hinterfragen.“

„Das klingt gar nicht so übel. Nebenbei haben wir noch Uni und lernen ein bisschen.“

„Und zum Schluss bestehst sogar DU die Prüfung!“ Mit seinem Zeigefinger deutete er auf seinen Kumpel.

„Ha! Aber sicher doch. Ich werde sogar besser abschneiden als du“, rief Friedrich mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Ironie. Aristoteles konnte sich ein lautes Prusten nicht verkneifen.

„Ach, das glaubst du nicht?“, fragte Friedrich. „Lass uns wetten!“

„Ich wette nicht!“

„Ich weiß, du Langeweiler! Komm schon. Wer die bessere Prüfung bei Professor Carstensen ablegt gewinnt und wird vom Verlierer auf eine Currywurst in Gerdis Jet-Grill eingeladen.“

„Hm…“

„Jetzt komm schon. Die zehn Tacken für ein gemeinsames Essen hast du doch wohl über!

„Wer sagt denn, dass ich zahlen werde?“

„Ich!! Ganz sicher!“

„Boah…na gut… du hast mich mal wieder provoziert. Die Wette gilt! Aber nur, wenn wir das Semester der Philosophie ausrufen!“

„Ist gebongt! Yeah!“

Aristoteles begann tief zu Gähnen: „Jetzt sollte ich aber aussteigen und mich dringend ins Bett legen. Es war ein großartiger Abend! Morgen habe ich sicher keine Stimme mehr. Vielen Dank für’s Fahren! Wir sehen uns in der Uni!“

„Du glaubst doch nicht, dass ich dich einfach so aussteigen lassen“, entgegnete Friedrich.

„Das meinst du nicht ernst!?“

„Doch!“

„Dafür sind wir zu alt. Wie viele Jahre willst du das noch durchziehen? Wir sind mittlerweile Studenten und keine pubertierenden Schüler mehr!“

„Das ist doch völlig egal. Tradition ist Tradition! Der Scheiß geht immer! ‚Wayne‘s World, Wayne‘s World, party time, excellent!‘“

„Oh man, na gut. Dann mach an!“

Friedrich fummelte am Autoradio herum und drehte die Lautstärke hoch. Es erklangen die ersten Töne von Queens Bohemian Rhapsody.

Kapitel 2

M

it dem Rucksack auf dem Rücken saß Aristoteles auf seinem Fahrrad. Aus dem Kopfhörer schallten laut die Akkorde von Kreators Pleasure to kill. Es war schöner alter Thrash Metal, so wie er ihn mochte. Die Geschwindigkeit der Musik trieb ihn an, kräftiger in die Pedale zu treten. Eigentlich besaß er genug Zeit, doch die schnellen Riffs schlugen sich direkt in der Kraft seiner Waden nieder. Noch schneller zu treten war kaum möglich. Er war auf dem Weg zur Universität. Das Seminar „Einführung in die Geschichte der Philosophie und Literaturtheorie“ bei Professor Carstensen begann um 10 Uhr. Obwohl er heute lange hatte schlafen können, war er noch recht müde. Jedoch freute er sich auf die Sitzung, da das Seminar einen super Überblick von der antiken bis zur heutigen Philosophie gab. Außerdem freute er sich immer, Judith im Seminar zu sehen.

Aristoteles und Friedrich hatten sich nach dem Abitur für das Studium die gleiche Stadt ausgesucht. Die beiden Freunde wollten dieses Abenteuer zusammen angehen. Dass sie Philosophie studieren wollten, war für sie klar gewesen.

Aristoteles Begeisterung für Philosophie war durch seinen Opa geweckt worden. Dieser war ein großer Fan des antiken Philosophen Aristoteles gewesen. Er hatte sich sogar dafür eingesetzt, dass sein Enkel – also Aristoteles – den Zweitnamen Aristoteles erhalten hatte. Eigentlich hieß Aristoteles mit erstem Vornamen Christos. Mit vollem Namen: Christos Aristoteles Theklab. Doch nachdem im Schulunterricht irgendwann ein Lehrer eine Anwesenheitsliste, auf der auch sein Zweitname gestanden war, in der Hand gehalten und laut „Christos Aristoteles“ vorgelesen hatte, war es zu spät. Alle amüsierten sich darüber, dass sein Zweitname der eines großen Philosophen war. Fortan hatten seine Mitschüler ihn nur noch Aristoteles genannt.

Aristoteles Großeltern wohnten im gleichen Haus wie er. Wenn es regnete und er nicht wusste, was er machen sollte, war er hoch zu ihnen gegangen. Als er ungefähr zwölf Jahre alt gewesen war, lagen eines Tages Texte auf dem Wohnzimmertisch. Sein Opa bat ihn, sich zu setzen. Er würde ihm jetzt erklären, woher sein zweiter Name stamme und ihn in die Welt der Philosophie einführen. Fortan fanden diese philosophischen Sitzungen in unregelmäßigen Abständen statt. Manchmal vergingen zwischen ihnen wenige Tage, manchmal aber auch mehrere Monate. Aristoteles selbst gab den Rhythmus der Sitzungen vor. Wenn er Lust auf Philosophie hatte, ging er aus der Wohnung seiner Eltern heraus und in die große Diele. Von dort führte die Treppe hoch zur Wohnung seiner Großeltern. Er klopfte an die große Holztür und trat ein. Noch bevor er seinen Opa überhaupt richtig sehen konnte, fragte dieser bereits: „Wollen wir wieder?“ Es war immer wieder faszinierend gewesen, dass sein Opa genau erahnte, wann Aristoteles wegen der Philosophie und nicht wegen etwas anderem zu ihm gekommen war. Es war wie ein siebter Sinn gewesen.

Quasi aus dem Nichts zauberte Aristoteles‘ Opa immer einen Teller mit Obst und Süßigkeiten hervor, in dessen Mitte ein Schokoriegel lag. Bereits zu Kindergartenzeiten hatte Aristoteles exakt diesen Schokoriegel von seinem Opa erhalten, wenn er von ihm abgeholt worden war. Sobald der Teller auf dem Wohnzimmertisch stand, setzten sich die beiden auf das Sofa. Aristoteles erhielt von seinem Opa einen kurzen Textauszug, den er lesen sollte. Aristoteles. Sokrates. Platon. Diogenes. Epikur. Und wie sie alle hießen. Nach der Lektüre besprachen sie den Inhalt. Manchmal dauerte es nur zehn Minuten, manchmal diskutierten sie über eine Stunde. Aristoteles liebte, dass es so ungezwungen war. Ansonsten wäre er wohl nicht immer wiedergekommen.

Je älter er wurde, desto mehr merkte er, wie sehr ihn die Philosophie interessierte und prägte. Als er schließlich mit 14 Sofies Welt von Jostein Gaarder gelesen hatte, war es wie die Kirsche auf der Torte. Es war um ihn geschehen und seine Faszination war endgültig geweckt worden.

Als Nebenfächer für sein Studium hatte Aristoteles Literaturwissenschaft und Geschichte gewählt. Literaturwissenschaft lag für ihn auf der Hand. Schon in der Schule hatte er gemerkt, dass es eine enge Verbindung zwischen den Fächern gibt. Viele moderne Literaturtheoretiker waren gleichzeitig Philosophen und umgekehrt. Durch sein Lesen hatte Aristoteles die Auffassung erlangt, dass Sprache ein Tor zur Weisheit sei. Dies wollte er über seine Studienwahl bis zum Letzten exerzieren. Dass die Wahl zusätzlich auf Geschichte gefallen war, war eher eine Verzweiflungstat gewesen, weil er noch ein Fach benötigte. In der Kindheit und Jugend hatte ihn vor allem die antike griechische Geschichte interessiert, da sein Opa als Gastarbeiter aus Griechenland nach Deutschland gekommen und geblieben war. In der achten Klasse hatte Aristoteles ein besonderes Faible für Alexander den Großen gehabt. Er bewunderte ihn sogar ein wenig. Mit der Zeit hatte dies jedoch stark nachgelassen. Eine richtige Lust besaß er nicht mehr für sein ehemaliges Lieblingsgebiet. Als Nebenfach war ihm trotzdem nichts Besseres eingefallen.

Genau wie bei Aristoteles war das erste Nebenfach von Friedrich ebenfalls die Literaturwissenschaft, doch im zweiten Nebenfach unterschieden sich die beiden. Friedrich hatte sich für Theologie entschieden. Bei Aristoteles war dies auf Unverständnis gestoßen: „Du bist doch Atheist! Was willst du mit Theologie? An der Uni läuft es anders. Da kannst du nicht wie im Religionsunterricht einfach nur dagegen sein!“

„Ich muss meine Feinde kennen. Wie sagte schon der alte Karl Marx: Die Religion ist Opium des Volks“, hatte Friedrich lapidar geantwortet. Doch nach einem Semester hatte er ein Einsehen. Theologie war einfach nicht das Richtige, weshalb er nun zu Beginn des zweiten Semesters auf Sozialwissenschaften umgeschwenkt war.

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Aristoteles stellte sein Fahrrad in den Fahrradständer. Die Universität war eine typische Hochschule aus der Zeit der Bildungsexplosion während der 1960er Jahre. Mit ihrem grauen Betonklotz als Hauptgebäude wirkte sie nur mäßig einladend. Die Hörsäle waren nach wie vor mit merkwürdig grün-braun gestrichenen Sitzreihen und Klapptischen ausgestattet. Für die regelmäßig überfüllten Vorlesungen standen einige wenige Klappstühle bereit. Die Raumgrößen und die Anzahl der Sitze waren für die heutige hohe Anzahl an Studierenden nicht ausgelegt. Reichten auch diese zusätzlichen Stühle nicht aus, blieb nur noch die Treppe als Sitzgelegenheit übrig. Das Gebäude war dringend renovierungsbedürftig. Im obersten Stockwerk der Uni standen in dem ein oder anderen Seminarraum sogar vorsichtshalber Eimer, da das Dach nicht immer dicht war. Aber immerhin handelte es sich um eine Campus-Uni. Das gefiel Aristoteles. Alles war an einem Ort zusammengefasst und er musste nicht durch die halbe Stadt fahren, um von einem zum anderen Seminar zu kommen.

Heute musste er nicht in einen der großen Hörsäle, sondern in einen kleinen Seminarraum, der mit den 25 Teilnehmenden fast überfüllt schien. Als er den kahlen weißen Raum betrat, sah er Judith mit ihrer Freundin Marlene hinten in der Ecke sitzen. Aristoteles winkte ihr zu, während sein Herz ein bisschen schneller zu pochen begann. Allerdings lag dies gewiss nicht daran, dass er vom Fahrradfahren aus der Puste war.

Judith rief: „Wie war das Konzert?“

„Wirklich super! Metallica haben es echt noch drauf“, sagte Aristoteles mit strahlendem Gesicht. „Schade, dass du nicht mitgekommen bist.“

„Das freut mich für euch. Mir war es einfach zu teuer und mittlerweile musikalisch auch einfach nicht mehr wichtig genug.“ Judith zuckte ausdruckslos mit den Schultern.

„Sie haben sogar Whiplash gespielt!“

„Oh, wow!“, reagierte Judith lapidar.

Während des kurzen Gesprächs hatte sich Aristoteles einen freien Platz gesucht. Kurz darauf kam Friedrich hereingeschneit. Er wirkte gehetzt und quetschte sich schnell zwischen der Wand und ein paar Stühlen durch. Um Punkt 10 Uhr nahm er neben Aristoteles Platz.

„Wie immer auf die Sekunde pünktlich, der Herr. Ich dachte schon, du hättest unser Semester der Philosophie vergessen“, kommentierte Aristoteles.

„Nein, wie könnte ich? Wir ziehen das durch. Ich will mit großem Eifer vorangehen und werde unsere Wette gewinnen“, prahlte Friedrich und zeigte mit dem Zeigefinger bedeutungsschwanger auf sich.

„Alles klar, dann steht es also noch.“

„Natürlich! Und nun: klappe zu, Gehirn an. Ich will alles aus dem Seminar aufsaugen. Herr Carstensen kommt.“ Seine Blicke gingen in Richtung Tür.

Professor Carstensen betrat den Raum. Wie immer trug er ein etwas altbackenes Tweet-Jackett, während die Haare zu einem akkuraten Seitenscheitel frisiert waren. Er war etwas kleiner und leicht untersetzt.

„Guten Morgen allerseits. Heute möchte ich mit ihnen über den ‚Tod des Autors‘ sprechen. Aber keine Sorge, der Autor stirbt immer erst nachdem er einen Text geschrieben hat. Wir haben also genug zu lesen.“ Mit erwartungsvollem und schelmischem Blick streifte er die Studierenden. Im Raum herrschte irritierte Stille. Aristoteles blickte stirnrunzelnd zu Judith hinüber. Sie grinste und zuckte mit den Schultern.

„Niemand lacht? War der Witz so schlecht? Vermutlich hat einfach niemand den beim letzten Mal ausgeteilten Text gelesen? Beginnen wir anders: Was glauben Sie, wieviel Einfluss besitzt ein Autor auf die Bedeutung seiner Texte?“

Eine Studentin aus der ersten Reihe meldete sich: „Viel! Der Autor verfasst seine Texte. Er erfindet sie und speist sie eventuell aus seinen eigenen Erfahrungen. Dadurch bekommt der Leser einen Eindruck von dessen Welt. Ohne Kenntnisse über die Persönlichkeit sowie das Leben des Autors lassen sich seine Aussagen nicht verstehen.“

„Das ist eine sehr moderne Auffassung“, sagte Professor Carstensen. „Allerdings keine, der ich als Fan der Postmoderne zustimmen würde.“

Einige Kursteilnehmer mussten grinsen. Friedrich flüsterte zu Aristoteles: „Das geschieht dieser Besserwisserin recht. Die nervt eh immer und sitzt brav in der ersten Reihe.“ Aristoteles nickte, während Professor Carstensen fortfuhr:

„Die Analyse der Literatur vor dem Hintergrund der Kontextualisierung des Autors ist etwas, das im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem im Rahmen einer hermeneutischen Interpretation gemacht worden ist. Ich sehe es anders und stelle mich gerne auf die Seite derjenigen, die einen überbordenden Biographismus kritisieren.“

Die Studierenden wurden leicht unruhig. Aus einer Ecke des Raumes ertönte ein lautes „Häh?“ gefolgt von einem leiseren „Ups!“