Metanoia – Der Weg der Seher - Korobeishchikov Andrej - E-Book

Metanoia – Der Weg der Seher E-Book

Korobeishchikov Andrej

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14,99 €

Beschreibung

Es gibt eine Welt hinter der Welt! Der Autor offenbart die dunklen Seiten unserer Realität und die mysteriösen Wesen, die sich um uns befinden. Mit Hilfe des Wissens, das jahrhundertelang von den Jäger-Schamanen der Taiga bewahrt worden ist, enthüllt Andrej Korobeishchikov diese Stereotypen der Gesellschaft. METANOIA ist nicht nur eine Veranschaulichung, sondern auch ein Trainingsprogramm, durch das wir dieses geheimnisvolle Mysterium verstehen werden. Metanoia – Der Weg der Seher • Die Existenz einer Parallelzivilisation • Das, was sich hinter alltäglichen Situationen verbirgt und unsere Kräfte beeinflusst • Das, was wir riskieren zu verlieren, wenn wir nicht anfangen zu verstehen • Die Suche nach dem Höchsten Geist und dem verlorenen Zuhause • Der Eintritt in ein neues Raum-Zeit-Gefüge

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Seitenzahl: 236

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Andrej Korobeishchikov

METANOIA

DER WEG DER SEHER

Überwinde die Grenzendeiner Realität

Aus dem Russischen von Jana Heiß

Alle Rechte vorbehalten.

Außer zum Zwecke kurzer Zitate für Buchrezensionen darf kein Teil dieses Buches ohne schriftliche Genehmigung durch den Verlag nachproduziert, als Daten gespeichert oder in irgendeiner Form oder durch irgendein anderes Medium verwendet bzw. in einer anderen Form der Bindung oder mit einem anderen Titelblatt als dem der Erstveröffentlichung in Umlauf gebracht werden. Auch Wiederverkäufern darf es nicht zu anderen Bedingungen als diesen weitergegeben werden.

Copyright der Originalausgabe © by Andrej Korobeishchikov, 2016

Titel der Originalausgabe: »МЕТАНОЙЯ. Темная Волна.«

Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Verlag »Die Silberschnur« GmbH

ISBN: 978-3-89845-678-4eISBN: 978-3-96933-992-3

1. Auflage 2021

Übersetzung: Jana Heiß

Umschlaggestaltung & Satz: XPresentation, Güllesheim; unter Verwendung eines Motivs von © diversepixel; www.shutterstock.com

Verlag »Die Silberschnur« GmbH · Steinstraße 1 · D-56593 Güllesheim

www.silberschnur.de · E-Mail: [email protected]

Inhalt

Erster Teil:

REUE – Die bestialische Fratze der “Menschheit”

Zweiter Teil:

AKAN – Die Berührung der Ewigkeit

Dritter Teil:

AKSIR – Die Sprache der Ewigkeit

Vierter Teil:

INJARA – Verkörperung der Ewigkeit

Fünfter Teil:

DSHAKSIN – Die Kraft der Leere

Der Autor drückt seine Dankbarkeit gegenüber all denjenigen aus, die an der Veröffentlichung dieses Buches mitgewirkt haben. Er bedankt sich für das Verständnis, die Hilfe und die freundliche Unterstützung!

www.korobeishchikov.com

METANOIA

griechisch: μετάνοια,

“Metania” – “Sinneswandel”, “Umdenken” – beschreibt die Veränderung in der Wahrnehmung von Tatsachen und Erscheinungen, meist begleitet von Bedauern und Reue.

In der christlichen Tradition bedeutet Metanoia so viel wie Buße.

Worum geht es in diesen Büchern?

Um das, was sich hinter alltäglichen Situationen verbirgt und unsere Kräfte beeinflusst.

Um unsere Kindheit und unsere Eltern, die uns gestohlen worden sind.

Um die Kinder, die wir zu verlieren riskieren, wenn wir nicht etwas ganz Entscheidendes verstehen.

Um die Suche nach dem Höchsten Geist und dem verlorenen Zuhause.

Um die Große Liebe, wie man sie sich nur in dieser Welt vorstellen kann …

Dieser Roman ist für diejenigen, die wirklich verstehen wollen …

Aufzeichnungeneines Trainings

EIN INFORMATIVERINSIDERROMAN

Um das Licht zu erblicken,muss man durch das Dunkel gehen …1

Altai-Epos “Temnye Oblaka” (dt.: “Dunkle Wolken”)

1) Eigene Übersetzung, Anm. d. Übers.

EINIGE EREIGNISSE UND PERSONEN IN DIESEM ROMAN SIND FIKTIV!

Dieses Werk gehört zweifellos der Fantastik an. Nehmen Sie es nicht ernst, Ernsthaftigkeit führt immer dazu, dass man Barrieren aufbaut. Gehen Sie davon aus, dass ich die Mangysen und die Welle erfunden habe, dass ich mir die Jäger, das Konzept der “Fünf Ringe der Kraft” und die Religion der Eltern ausgedacht habe. Bewegen Sie sich leicht und frei durch die Erzählung, so wie es Menschen tun, die in einer Fantasiewelt leben.

Doch … vergessen Sie nicht, dass selbst etwas Ausgedachtes Macht hat und die Welt zum Besseren verändern kann.

EINIGE EREIGNISSE UND PERSONEN IN DIESEM ROMAN SIND …

Vorwort

DIE SUCHE NACHAUSGÄNGEN UNDEINGÄNGEN

Die Menschen sind der Alltäglichkeit überdrüssig. Nicht alle, aber sicherlich die meisten. Die meisten Bürger erleben die Welt wie einen sich täglich wiederholenden Film mit immer gleichbleibenden Schauspielern und Kulissen. Bisweilen kann dies als Zeichen von Stabilität aufgefasst werden. Doch früher oder später kommt der Zeitpunkt, an dem der Mensch das Gefühl hat zu ersticken. Er fühlt sich eingesperrt in einem engen Zimmer, versucht auf jede erdenkliche Weise die Wände auseinanderzuschieben – oder gar einen Weg nach draußen zu finden. Auch eine gesicherte Existenz kann zu einem goldenen Käfig werden. Es scheint, als hätte man alles, was man braucht: eine Wohnung, ein Auto, Geld. Doch all das kann zu einem Teil der Wände des Zimmers werden, in dem es mit der Zeit zu eng wird. Eine einfache Renovierung dieser Wände kann zwar alles anders erscheinen lassen. Doch den Kern des Problems ändert es nicht. Und ich spreche noch nicht einmal von schlimmen Schicksalsschlägen und Szenarien. In solchen Fällen beginnen die Wände nämlich noch viel mehr Druck auf den Menschen auszuüben. Genau dann beginnt er, nach einem Ausweg zu suchen. Diese Suche kann bei jedem vollkommen anders aussehen. Manch einer versucht es mit Alkohol oder Drogen, ein anderer stürzt sich in waghalsige Abenteuer und sexuelle Eskapaden, wieder ein anderer wendet sich der Esoterik oder der Religion zu, in der Hoffnung, dort einen Ausweg zu finden … Doch die Realität ist zähflüssig wie Harz. Kaum glaubt jemand, einen Ausweg gefunden zu haben, schon legt sich die klebrige Realität über ihn wie ein schwerer Vorhang der Alltäglichkeit. Manchmal scheint es sogar so, als existierten diese Ausgänge entweder überhaupt nicht oder als seien sie von einem unsichtbaren und mächtigen Wesen bewacht. Aber wer ist dieses Wesen? Wem nützt es, die Menschen im engen Rahmen der offensichtlichen Realität gefangen zu halten? Das können wahrscheinlich nur diejenigen beantworten, die die Auswege trotz allem gefunden haben. Und natürlich auch nur dann, wenn sie anschließend wieder zurückgekehrt sind. Doch wer vermag es, die Grenzen der scheinbar unumstößlichen Wände zu überwinden und danach wieder zurückzukommen?

Schamanen. Seher. Spirituelle Begleiter. Jäger. Diejenigen, die die Grenzen überschreiten. Manche Menschen möchten einen Schamanen finden, weil sie hoffen, dass dieser sie auf geheime Wege mitnehmen, oder ihnen einen Ausweg zeigen wird. Oder dass er ihnen zumindest einen Tipp gibt, wo sie suchen müssen. Doch die Welt der Schamanen ist nicht so zugänglich, wie viele Suchende es sich wünschen. Außerdem löst es auch nicht das Hauptproblem: die Suche nach Auswegen. Zwar gibt es besondere Menschen, die wissen, wie sie diesen engen Raum verlassen können, doch auch sie zögern, ihr Wissen mit anderen zu teilen. So wird die Suche nach Begleitern ebenso problematisch wie die Suche nach Auswegen in eine andere Realität. Der Kreis schließt sich, die Wände bleiben unüberwindbar.

In diesem Buch werde ich meine persönlichen Erfahrungen mit der Suche nach Auswegen in eine andere Welt beschreiben, denn sie können für einige Suchende sehr hilfreich sein. Aber zunächst halte ich es für notwendig, ein paar Regeln zu erläutern, die es uns ermöglichen, die Seiten dieses Buches nicht nur durchzublättern, sondern wirklich in das Buch einzutauchen, tiefer in sein Wesen einzudringen und das zu verstehen, was ich Ihnen mit diesen Zeilen vermitteln möchte.

Die allererste Regel für einen Suchenden lautet: Um in eine neue Welt einzutreten, muss man sich von seiner bisherigen Weltauffassung trennen. Um mit der Welt der Seher in Kontakt zu treten, ist es unbedingt notwendig, alte Überzeugungen und Stereotypen loszulassen. Denn genau diese haben bisher den Kontakt verhindert. Die Welt der Schamanen und die Welt der Menschen befinden sich im selben Raum, sie liegen aber in unterschiedlichen Tiefen. Die Welt der Seher ist für uns unerreichbar, da wir diese Tiefe mit unserer gewöhnlichen Wahrnehmung nicht erkennen können. Darin liegt der wichtigste Fehler begründet, den viele Suchende machen. Sie versuchen, mit ihrer alten Weltanschauung in das Neue einzutauchen. Ihr Denken über die Welt der Schamanen ist von ihrer spießbürgerlichen Wahrnehmung beeinflusst … Aus diesem Grund können sie sie nicht sehen und nicht mit ihr in Kontakt treten. Viele Menschen bemerken das und versuchen, ihre Wahrnehmung zu ändern. Doch hier wartet der zweite Fehler, der die Kontaktaufnahme mit der Welt einer anderen Realität unmöglich macht. In ihrer Eile übersehen die Suchenden ein sehr wichtiges Detail: Um in eine neue Welt einzutreten, muss man nicht seine frühere Welt, sondern lediglich die VISION von ihr aufgeben. Das ist von großer fundamentaler Bedeutung! Die meisten Suchenden meinen, die Welt der Schamanen sei von der menschlichen Welt getrennt. Aus diesem Grund suchen sie sie in der Taiga, in den Bergen oder im Regenwald … Aber der Ausgang aus dem Zimmer ist ja selbst Teil des Zimmers, die Türen sind Teil der Wände, die wir überwinden wollen.

Die zweite Regel für eine veränderte Wahrnehmung lautet: Der Zugang zur Welt der Schamanen liegt in den gewöhnlichsten Situationen verborgen, er beginnt mit den gewöhnlichsten Dingen. Man muss nur lernen, diese Dinge mit neuen Augen zu sehen.

Die Grundlage für den Weg des Schamanen ist die Verbindung des Bekannten mit dem Unbekannten, des Realen mit dem Unbegreiflichen. Diese Arbeit wird die Geheimnisse unserer Dualität, unserer beiden Hypostasen, von denen jede ihre eigenen Grenzen hat, aufdecken. Zwischen ihnen befindet sich Raum, von dem nur wenige wissen. Genau dort aber befinden sich die Ausgänge und Eingänge.

Dieses Buch stellt eine BRÜCKE zwischen zwei Teilpersönlichkeiten, zwischen zwei Halbkugeln, zwischen der gewöhnlichen Welt und der Welt der Lichtschatten dar. Es ist die BRÜCKE, über die die Schamanen die Grenzen der Wirklichkeit überschreiten können.

Ich bin Schriftsteller. Die Leser erwarten von mir spannende Geschichten und unvorstellbare Situationen, darum bittet unser gewöhnlicher Verstand. Wenn es aber nicht um irgendwelche lebhaften Fantasien geht, sondern um den Zugang zur schamanischen Welt, so müssen wir unsere Wahrnehmung verändern. Wir dürfen nicht mit etwas Abstraktem, sondern müssen mit etwas Gewöhnlichem, das Teil unseres Alltags ist, anfangen. Meine Erzählung beginnt also mit einer ganz gewöhnlichen Alltagssituation. Obwohl … Geister werden auch darin vorkommen …

Eine Legende

“DIE NACHT DER DÄMONEN”

(19. Jh., Japan)

“Jahre später werden sie uns fragen:

‘Wo wart ihr, als sie den Planeteneingenommen haben?’

Und dann werden wir sagen:

‘Wir haben nichts gemacht, nur zugesehen.’”2

Aus dem Film “Transformers. Die dunkle Seite des Mondes”

Irgendwann während meiner Schulzeit, als wir Altpapier sammelten (damals gab es noch solche schulischen Traditionen), fiel mir ein seltsames Buch in die Hände. Seinem Zustand nach zu urteilen, musste es etwa 30 Jahre alt gewesen sein. Die Seiten waren schon ziemlich vergilbt, was darauf schließen ließ, dass es nicht angemessen aufbewahrt worden war. Sicher hatte es irgendwo auf einem Balkon oder in einem Verschlag herumgelegen. Während ich das Buch durchblätterte, fiel mir eine seltsame Zeichnung auf. Darauf war eine Dämonenfrau zu sehen, die ein Baby aß. Interessiert überflog ich den Text. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen japanischen Mythos aus dem vorletzten Jahrhundert. Er war aus der Sicht einer Frau erzählt, die behauptete, bei diesem Mysterium dabei gewesen zu sein. Ihr Name war Schindshu Miura.

Ich nahm das Buch mit, um es an einem anderen Ort in Ruhe lesen zu können. Es beinhaltete auch Mythen aus weiteren Kulturen, an die ich mich aber nicht erinnern konnte. Aus irgendeinem Grund hatte mich genau dieser eine Mythos interessiert. Ich las ihn wieder und wieder. Diese Erzählung hatte etwas faszinierend Schreckliches an sich, die Geschichte hatte mich enorm beeindruckt. Ich hatte das Buch auf dem hinteren Regal verstaut, doch es zog mich irgendwie magisch an, ich wollte mich immer wieder aufs Neue in die unheimliche Geschichte vertiefen. Heute, einige Jahrzehnte später, möchte ich nun Ihnen diesen Mythos erzählen. In genau der Form, wie er im Buch steht, kann ich ihn leider nicht mehr wiedergeben, aber ich bemühe mich, ihn bestmöglich aus dem Gedächtnis zu reproduzieren.

… Meine Brüder, meine Mutter und ich saßen eng aneinander gekuschelt beisammen und streckten unsere Hände und Füße unter den Kotatsu, einen kleinen Tisch, der sich direkt über der mit Kohlen gefüllten Feuerstelle am Boden befand und auf dem eine gewebte Decke lag. Im Haus war es sehr kalt. Die Wärme der Kohlen wurde von den Händen und Füßen aufgenommen und breitete sich von dort im ganzen Körper aus. Unser Vater war beschäftigt. Er verstärkte das Dach und die Fenster mit Schilf, stützte die Wände mit Holzpfeilern. Draußen wehte ein starker Wind. Es war der Vorbote des Hurrikans Kanimuri, der heute Nacht vom Meer her kommen sollte.

Wir hatten auf diese Nacht gewartet. Die Geschichte über sie wurde in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Früher dachte ich, dass es einfach eine Geschichte sei, die man den Kindern erzählte, aber als ich heute die verängstigten Gesichter meiner Eltern sah, begriff ich, dass dem nicht so war, dass die in der Erzählung beschriebene Zeit wirklich gekommen war. Mama hatte sie uns ständig erzählt, mir und meinen beiden Brüdern, Ioschiru und Jutschi. Bereits bei den ersten Worten unserer Mutter Kumiko erschraken die beiden und verstummten. Wir kannten die Legende auswendig. Sie besagte, dass einmal in hundert Jahren eine ganz besondere Zeit eintrat: die “Nacht der Dämonen”, die dunkelste Nacht des Jahrhunderts. Die Sterne und der Mond waren in dieser Nacht nicht mehr am Firmament zu sehen, denn der mächtige Wirbelsturm brachte starke Winde vom Meer, die den Himmel mit dunklen Wolken bedeckten. Der Legende nach kamen auf den Flügeln des Hurrikans in dieser Nacht böse Wesen aus der Geisterwelt, hungrige Dämonen, auf die Erde. Ihr Appetit war riesengroß, doch sie hatten einen äußerst erlesenen Geschmack, weshalb sie dem Essen und dem Vieh, das ihnen in den Weg kam, keine Beachtung schenkten. Die Legende besagte, dass sie sich hauptsächlich von Kindern ernährten. Das Leid war groß für diejenigen, deren Kindheit genau in diese dunkle Zeit fiel. In früheren Zeiten hatte man die Dämonen besänftigt, um ihren Zorn nicht zu wecken. Aus diesem Grund hatte man die Kinder freiwillig geopfert. Man glaubte sogar, dass dieses Geschenk an die Geisterwelt eine besondere Ehre für die Eltern dieser Kinder darstellte. Doch später, als die Kaiserin Gemmei regierte, begannen die Menschen damit, ihre Kinder vor den nächtlichen Eindringlingen zu verstecken. Der Kumigashira, der Gehilfe des Dorfvorstehers, führte die Kinder zu besonderen Orten in Berghöhlen oder im dichten Wald, damit sie nicht hören konnten, wie die Dämonen ihre Eltern quälten, und sie sich nicht zeigten. Es hieß, dass die Eltern, als ihre Kinder in die Dörfer zurückkehrten, alt geworden und völlig ausgelaugt waren. Eine Nacht lang waren sie durch die Hölle gegangen, sie hatten solch Schreckliches erlebt, dass sie nicht einmal darüber sprechen konnten.

Doch im Laufe der Zeit hatten die Menschen den Jahrhunderthurrikan mehr und mehr vergessen und waren leichtsinnig geworden. Das sagte unsere Mutter. Ich erinnerte mich daran, wie Kumiko zu den Nachbarn ging und ihnen von der “Nacht der Dämonen” erzählte, aber diese lachten sie nur aus. Wahrscheinlich hielten sie sie sogar für verrückt. Irgendwann hörte Mama auf, die Nachbarn mit den alten Legenden zu belästigen, doch wir mussten uns die Geschichte wieder und wieder anhören. Und als nun die ersten eisigen Windböen den kalten Atem des Kanimuri vom Meer herantrugen, setzte Mama uns unter den Kotatsu und beobachtete ängstlich die Haustür. Von draußen waren nur dröhnende Hiebe des Holzschlägers zu hören. Das war unser Vater, Hiro, der eine weitere Stütze ins Fundament des Hauses hämmerte. Nach einer Weile hörten wir Schritte vor der Tür, Kumiko nahm den Gast in Empfang. Es war unsere Großmutter, Asemi. Mama sagte, dass Großmutter eine “Yuta”, eine Schamanin sei, und nannte sie respektvoll “Nora”, also Priesterin. Es war Asemi, die das Wissen über die “Nacht der Dämonen” an Kumiko weitergegeben hatte. Wir krabbelten schnell unter der warmen Decke hervor und liefen auf unsere Großmutter zu …

Mama und Papa waren weggegangen und wir blieben mit Asemi im Haus zurück. Großmutter stellte überall Schüsseln mit getrockneten Kräutern auf, die einen scharfen, würzigen Geruch verströmten. Sie schien nicht dieselbe Angst zu verspüren, die wir bei unseren Eltern bemerkt hatten. Asemi stellte uns in einer Reihe auf, beugte sich zu uns herab und hängte jedem von uns ein hölzernes Amulett an die Brust.

“Meine Lieben”, sagte sie und sah uns direkt in die Augen, “ihr wisst, dass heute eine sehr wichtige Nacht ist. Ihr müsst heute sehr viel Kraft und Mut aufbringen. Wenn ihr tut, was ich euch jetzt sage, wird alles gut ausgehen. Seid ihr bereit?”

Ich und Ioschiru nickten schweigend, der kleine Jutschi aber war kurz davor zu weinen, doch Großmutter Asemi streichelte ihm liebevoll über den Kopf.

“Jutschi, mein Kleiner, du darfst nicht weinen. Auf gar keinen Fall. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder und an deiner Schwester. Ganz gleich wie viel Angst ihr heute haben werdet, denkt daran, ihr dürft keinen Mucks von euch geben! Habt ihr verstanden?”

Wir nickten erneut, dieses Mal alle drei.

“Sehr gut!”

Asemi ging durch den Raum und flüsterte etwas vor sich hin, als suchte sie etwas. Dann kam sie zu uns zurück und führte uns in die hinterste Ecke des Hauses. Dort blieben wir stehen, Großmutter schaute nach oben. Unter der Decke waren große Bambusstämme angebracht, die das Dach stützten. Dort wurde auf großen Holzbrettern trockenes Stroh gelagert. Großmutter schaute uns an und nickte in Richtung der geschnürten Bündel unter der Decke.

“Schindshu, mein Mädchen, klettert nach oben und deckt euch gut mit dem Stroh zu. Pass auf deine Brüder auf, du bist die Älteste. Vergiss nicht, ihr dürft auf keinen Fall herunterkommen, und ihr müsst vollkommen still sein.”

Plötzlich bekam ich Angst. “Und du, Großmutter? Wirst du gehen?”

Sie nickte liebevoll. “Ja, meine Liebe. Um mich braucht ihr euch nicht zu sorgen, mir kann niemand etwas zufügen, denn ich bin eine ‘Yuta’. Aber ich muss gehen, ihr werdet bis zum Morgen hierbleiben. Hier, ich habe warme Decken für euch mitgebracht. Wickelt euch darin ein und bedeckt euch mit Stroh, so dass euch niemand finden kann.”

Ioschiru blickte Großmutter erstaunt an.

“Wer wird uns denn suchen? Die Dämonen?”

Asemi drückte uns alle fest an sich.

“Das wird eine schreckliche Nacht, vielleicht die schrecklichste eures Lebens. Ihr müsst alleine hierbleiben. Draußen wird der Kanimuri toben und hier drinnen tauchen vielleicht Fremde auf. Vertraut niemandem! Wenn ihr euch ganz ruhig verhaltet, wird nichts Schlimmes passieren.”

“Was ist mit Papa und Mama?”, meine Stimme zitterte, da ich vor Angst sogar kaum atmen konnte.

Großmutter nickte: “Sie werden auch eine schwierige Nacht erleben. Aber ich bin sicher, dass sie es schaffen werden. Wir machen uns vor allem Sorgen um euch. Es ist sehr wichtig, dass ihr das tut, was ich euch sage. Denkt dran, was auch passiert, ihr dürft keinen Laut von euch geben und nicht herunterklettern.”

Asemi beugte sich zu mir und flüsterte mir vertrauensvoll und leise, sodass meine Brüder es nicht hören konnten, ins Ohr: “Dämonen schauen niemals nach oben. Hier seid ihr in Sicherheit. Aber nur hier. Unten werden sie euch sofort fangen. Vergiss das nicht, Schindshu.”

Es schüttelte mich vor Entsetzen. Asemi umarmte mich und drückte mich an sich. Sie roch nach den würzigen Kräutern, dieser Geruch beruhigte mich ein wenig. Dann richtete Großmutter sich auf und sagte:

“Morgen früh, wenn der Wirbelsturm vorübergezogen ist und alles vorbei ist, komme ich zu euch. Möge der Segen der Familiengeister mit euch sein!”

Der Hurrikan tobte mit unglaublicher Wucht. Der Wind blies, als würden Hunderte von Dämonen wütend durch die Gegend streifen und an die Wände der Hütten schlagen. Die Kinder schmiegten sich aneinander, wickelten sich tief in die Decken ein und lauschten den Geräuschen auf der Straße und im Haus. Jedes Mal, wenn der Wind gegen die Wände peitschte, schreckten sie auf. Jutschi weinte zunächst leise, schlief dann aber ein, sein kleiner Kopf ruhte auf dem Hals von Ioschiru. Sein älterer Bruder strich ihm behutsam über die Haare. Im Haus selbst war es seltsam ruhig, jetzt wo nicht nur die Eltern, sondern auch noch die Schamanin Asemi weggegangen waren. Einige Male dachten die Kinder, sie hätten in der Ferne andere Kinder schreien und weinen gehört. Doch im Lärm des Regens und im Grollen des Sturms verloren sich die Geräusche. Plötzlich … hörten sie vertraute Laute aus dem anderen Zimmer. Papa und Mama waren zurück! Ioschiru bewegte sich, als wollte er vom Holzboden hinuntersteigen, aber ich drückte ihn an mich und flüsterte ihm ins Ohr:

“Leise! Leise! Großmutter hat uns verboten runterzuklettern! In diesem Moment öffnete sich die Zimmertür und Hiro erschien auf der Schwelle. Ioschiru bewegte sich erneut, aber ich presste ihn mit aller Kraft an mich. Papa betrat das Zimmer und sah sich nach allen Richtungen um, als ob er etwas suchte. Er verhielt sich irgendwie seltsam: Er lief durchs Zimmer, trat mit den Füßen gegen verschiedene Gegenstände und gab komische Laute von sich, wie ein unterdrücktes Stöhnen. Ich atmete tief ein und presste meine freie Hand auf meinen Mund, um nicht loszuschreien. Ich begriff, dass er uns suchte.

“Ioschiru, mein Sohn”, ertönte von unten eine Stimme, die überhaupt nicht der unseres Vaters glich, “kleiner Jutschi …”

Ich klammerte mich lautlos an Ioschiru, wir verschmolzen wie zu einer Einheit und waren starr vor Schreck. Das dort unten war nicht Hiro! Dieses Wesen sah nur aus wie ihr Vater. Es war, als hätte ein mächtiger Geist das Aussehen ihres Vaters angenommen und lief jetzt unten durch die Dunkelheit, während er mit einer seltsamen Stimme nach ihnen rief.

“Schindshu-hu…”, rief eine unheimliche, piepsige Frauenstimme aus dem Nebenzimmer, “komm zu mir, meine Tochter …”

Ioschiru und ich schienen kaum noch zu atmen, wir trauten uns nicht Luft zu holen, geschweige denn uns zu bewegen. Die alte Asemi hatte uns davor gewarnt, als sie sagte, wir sollten in dieser schrecklichen Nacht niemandem glauben und keinen Laut von uns geben. Erst jetzt verstand ich, WER da gekommen war, um uns zu holen! Das dort unten waren Dämonen! Und sie hatten die Gesichter unserer Eltern gestohlen. Einer von ihnen stand jetzt direkt unter uns, schlurfte laut und schnupperte in die Luft.

“Jutschi-i…”, quäkte der Dämon unten erneut. Der Kleine bewegte sich in meinen Armen, wachte aber nicht auf.

‘Wie gut, dass er schläft’, dachte ich. ‘Würde er sehen, was sich hier abspielt, würde er sicher anfangen zu weinen oder Papa rufen.’

Asemi hatte die Kräuter nicht zufällig mitgebracht. Der Duft überdeckte ihren Körpergeruch. Es war auch kein Zufall, dass die Großmutter sie unter der Decke versteckt hatte, denn der Dämon blickte tatsächlich nie nach oben.

“Hiro-o…”, erklang aus dem Nebenzimmer die piepsige Stimme. “Lass die Finger von ihnen, Hiro-o…”

Einen Moment später betrat Kumiko das Zimmer. Eigentlich glich aber nur ihr Äußeres unserer Mutter. Sie stürzte sich auf den Mann und drängte ihn, uns nicht zu fangen. Es war, als fände in ihr ein Kampf statt, zwischen dem Menschlichen und dem Dämonischen, zwischen Licht und Schatten, ein Kampf, der ihren Körper und Verstand erfasst hatte. Doch der Mann brüllte und schrie sie an, brabbelte etwas Unverständliches. Dann weinte die Frau, rief danach selbst mit schwacher Stimme zuerst nach mir, dann nach Jutschi, woraufhin sie wieder “Papa” anbrüllte. Es war, als würden in ihr tatsächlich zwei Wesen miteinander kämpfen, das eine glich unserer Mutter, das andere einer hungrigen Bestie. Als der Mann den Raum verließ, fiel die zweite Kreatur vor Erschöpfung zu Boden, und wir hörten, wie ihre Krallen über den Boden kratzten.

Ich öffnete meine Augen, als ich Jutschi weinen hörte. Ich sah mich um und erinnerte mich sofort an die Ereignisse der schrecklichen Nacht. Anscheinend hatten Ioschiru und ich das Bewusstsein verloren oder aber wir waren schließlich doch trotz der Rufe der Dämonen und dem Dröhnen des Sturmes draußen auf den Straßen eingeschlafen. Der Sturm war jetzt nicht mehr zu hören, aber es konnte auch nur eine Pause zwischen den Böen sein. Ioschiru öffnete ebenfalls die Augen, sah sich um und drückte den weinenden Bruder fest an sich. Doch in diesem Moment verspürten wir plötzlich eine noch größere Angst als die, die uns in der dunklen Nacht die Luft abgeschnürt hatte. Irgendjemand hatte unsere Strohbedeckung von uns genommen! Wir hörten die Laute von demjenigen, der uns gefunden hatte, und begriffen, dass es sich nicht um Asemi handelte. Wir rückten näher aneinander, umarmten uns fest. Das restliche Stroh fiel zu Boden und wir sahen Hiro vor uns. Sein Anblick war schrecklich: rote Augen und ein verzerrtes Gesicht ließen ihn wirklich wie ein Wesen aussehen, das nicht von dieser Welt stammte. Er zitterte und brummte freudig. Wir schrien auf vor Entsetzen. Hiro breitete seine Arme aus. Der Dämon hatte uns doch gefunden!

“A-a-arr”, Speichel und Laute, die dem Heulen eines Hundes glichen, kamen aus seinem verzogenen Mund. Er streckte die zittrigen Hände nach uns aus … Doch statt nach uns zu greifen, presste er seinen Körper an uns und begann zu schluchzen.

Die Nacht der Dämonen hatte doch ein Ende gefunden, war aber an unseren Eltern nicht ohne Folgen vorübergezogen. Unser Vater war in einer Nacht um viele Jahre gealtert. Seine Wangen waren eingefallen, die Lippen verzerrt und seine Augen trübe geworden, hatten ihre frühere Klarheit verloren. Kumikos Haare waren weiß wie Schnee geworden. Sie umarmten uns und blieben lange so sitzen, als hätten sie Angst davor, uns auch nur für einen Moment loszulassen. Auch ich umklammerte sie, atmete tief ihren vertrauten Duft ein und genoss ihre Nähe. Als ich die Augen öffnete und den Blick hob, sah ich Asemi unbeweglich in der Tür stehen. Sie stand ruhig da und beobachtete schweigend diejenigen, die heute die dämonischen Prüfungen durchlaufen hatten.

In jener Nacht, in der der Hurrikan Kanimuri am Ufer gewütet hatte, waren in unserer Provinz alle Kinder unter sieben Jahren spurlos verschwunden. Alle außer uns. Niemand wusste, was in dieser Nacht geschehen war. Die Eltern hatten nichts Ungewöhnliches bemerkt. Als sie am Morgen aufwachten, konnten sie einfach nirgendwo ihre Kinder finden. Es gab keine Anzeichen dafür, dass Räuber sie mitgenommen hätten. Nur das Baby der Familie Kimura war noch da. Den Vater des Kleinen hatte man blutdurchtränkt im Hof gefunden. Neben ihm lag eine Klinge, mit der er sich selbst das Herz durchbohrt hatte.

Erst heute, eine sehr lange Zeit später, verstand ich, wie hoch der Preis war, den die Leute in meinem Dorf für ihren Unglauben und ihre Blindheit bezahlt hatten. Erst jetzt, als Erwachsene, habe ich verstanden, was damals vor einigen Jahrzehnten in der dunklen, von den kalten Winden des Kanimuri durchzogenen Nacht tatsächlich passiert ist. Damals, als kleines Mädchen, glaubte ich, dass wir es waren, die den echten Horror erlebten. Als wir uns vor unseren Eltern verstecken mussten, die sich für eine Nacht lang in Fremde verwandelt hatten. Heute verstehe ich, dass es eigentlich unsere Eltern waren, die wirklich durch die Hölle gegangen sind, als in ihnen Eltern und Dämonen aufeinandertrafen. Es war eine schwere Schlacht, die Hiro und Kumiko gewonnen haben. Sie haben trotz der bösen Zauber, die ihnen von den hungrigen Geistern der Nacht auferlegt worden waren, gewonnen. Wie sich später herausstellte, hatten unsere Eltern damals gedacht, dass wir die Dämonen waren. Irgendwelche Stimmen flüsterten ihnen ins Ohr, dass man uns fangen und aus dem Haus jagen müsste, da wir böse Geister wären, die das Haus verfluchten. So hatten ihr Verstand und Herz in dieser verdammten Nacht um uns gekämpft.

Ich habe dieses Wissen an meine Kinder weitergegeben, habe ihnen die Legende über die Dämonen erzählt, die es vermochten, sich in die Köpfe der Menschen einzunisten. Ich hoffe, dass sie nicht das durchleben müssen, was ich, meine beiden Brüder und meine armen Eltern erleben mussten. Ich habe ihnen aufgetragen, die Legende weiterzugeben. Denn ich weiß, was passieren kann, wenn man die Dämonen der Hurrikanwinde stärker werden lässt als die Liebe zu seiner Familie. Es werden wieder hundert Jahre vergehen, bis die nächste Nacht der Dämonen kommt. Aber es ist wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, damit die Menschen, wenn der erste Vorbote des Hurrikans vom Meer her weht, bereit sind.

Schindshu Miura, Mutter von drei Kindern.

2) Quelle: deutsche Synchronisation des Films

Erster Teil

REUEDIE BESTIALISCHE FRATZEDER “MENSCHHEIT”

ERKENNTNIS

“Früher dachte ich, dass ein Mensch nicht mehr weint, wenn er erwachsen ist, aber es stellte sich heraus, dass er dann anfängt zu weinen, wenn er begreift, was in der Welt vor sich geht.”3

William Saroyan, “Menschliche Komödie”

3) Eigene Übersetzung, Anm. d. Übers.

Wir saßen neben dem prasselnden Ofen und hielten Tassen mit heißem Tee in den Händen. Danilytsch und ich. Der Jäger und der Schüler.

Der Seher malte einen Punkt in sein Notizbuch und zeigte darauf.

“Das ist der Zugang zu einer neuen Weltanschauung. Das ist der Zugang zu den Lichtschatten.”

Ich schaute mir den Punkt aufmerksam an und wartete darauf, dass der Seher weitersprach.

“Das ist der ANFANG DER JAGD. Wir nennen diese Philosophie die ‘fünf Ringe der Kraft’. In sie eintauchen kannst du nur unter einer bestimmten Voraussetzung – wenn du deine jetzige Natur aufgibst.”

Prolog

DIE DUNKLE WELLE

(Taiga, Altai, Februar 2014)

“… Von dort, von hinter diesen wunderschönen grünen Hügeln wird der dunkle Wind