Metaphysik - Jörg Disse - E-Book

Metaphysik E-Book

Jörg Disse

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Beschreibung

Metaphysik Wirklichkeiten hinter der Wirklichkeit Wer nach dem Grund der Welt, der Beschaffenheit und dem Sinn der Wirklichkeit fragt, sprich wer in der Philosophie aufs Ganze geht, ist Metaphysiker. Im Gegensatz zu Teildisziplinen der Philosophie wie Ethik, Erkenntnistheorie oder Sprachphilosophie und Naturwissenschaften wie Physik, Chemie oder Biologie, die jeweils nur ausgewählte Bereiche des Seienden zum Thema haben, fragen Metaphysiker nach dem, was die Welt als Ganzes im Innersten zusammenhält. Als Wissenschaft von den ersten Ursachen und Prinzipien sowie der Beschaffenheit des Seienden im Allgemeinen, wie Aristoteles die Metaphysik umreißt, stehen naturgemäß vor allem "Gegenstände" wie Gott, Geist oder Seele zur Diskussion, die in der Erfahrungswelt nicht direkt gegeben sind. Durch das vorliegende E-Book werden die "zeitlosen" Texte der vergriffenen Ausgabe der betreffenden Druckausgabe des Journals für Philosophie "der blaue reiter" wieder zugänglich.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Abbildung oben:

Komposition

; Hannes Steinert, 2009; Acryl und Ölkreide; 29,7 cm x 42 cmAbbildung Umschlag:

Komposition

; Hannes Steinert, 1989; Acryl und Ölkreide; 29,7 cm x 39,8 cm

Metaphysik

editorial

Siegfried Reusch

thema

Jörg Disse

Eine kurze Geschichte der Metaphysik

Uwe Meixner

Mehr als die Frage „Ein Gott oder kein Gott?“ Zum modernen metaphysischen Denken

Wolfgang Breidert

Krisen des Denkens.Theodizee – Rettungsversuche eines gescheiterten Sinnsystems

Jutta Heinz

Marke und Metaphysik.Die Scheinwirklichkeit der Warenwelt

Franz-Peter Burkard

Glaubenssache.Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Kulturwissenschaft

Johannes Czaja

Die Metaphysik des Schwebens.Philosophie, Ontologie, Metaphysik – die Geschichte einer Verirrung

Karl-Heinz Brodbeck

Die Metaphysik des Geldes

Bernulf Kanitscheider

Der Grund der Welt.Warum die Natur berechenbar ist

Frank Augustin

Kein Gott, keine Welt, kein Ich.Die Freiheit des Sisyphos

Petra Gehring

Im Rücken der Wirklichkeit.Träume: Wirklichkeiten an der Schwelle des Bewusstseins

Rüdiger Vaas

Viel Lärm um Nichts.Im Dschungel der Erklärungsversuche des Unerklärlichen

Stefan Baur

Virtuelle Wirklichkeiten.Cyberphilosophie und andere Gespenstergeschichten

umfrage

Gibt es mehrere Wirklichkeiten?

An was erkennt man die Wirklichkeit?

kolumne

Friedrich Dieckmann

„Worte des Wahns“

essay

Georg Mein

Sehnsucht nach dem verlorenen Ganzen.Das Sinnversprechen der Kunst

lexikon

Moritz Baßler: Gespenst

Roman Göbel: Gottesbeweise

Rainer Bayreuther: Sphärenharmonie

Otto E. Rössler: Zufall

unterhaltung

Stefan Baur: Bücherrätsel

Dr. B. Reiter

Martin Heidegger: Über das Rauchen

Stefan Reusch: Is’ mir zu hoch!

portrait

Otfried Höffe

Aristoteles.Glück ist das schlechthin höchste Ziel

reihe

Brigitte Falkenburg

Der Welle-Teilchen-Dualismus. Quantenphysik und Wirklichkeitsverständnis

echo!

Presseschau, Leserbriefe

bücher

Rezensionen

impressum

Abonnement, Bestellkarte

Metaphysik

Wer nach dem Grund der Welt, der Beschaffenheit und dem Sinn der Wirklichkeit fragt, sprich wer in der Philosophie aufs Ganze geht, ist Metaphysiker. Im Gegensatz zu Teildisziplinen der Philosophie wie Ethik, Erkenntnistheorie oder Sprachphilosophie und Naturwissenschaften wie Physik, Chemie oder Biologie, die jeweils nur ausgewählte Bereiche des Seienden zum Thema haben, fragen Metaphysiker nach dem, was die Welt als Ganzes im Innersten zusammenhält. Als Wissenschaft von den ersten Ursachen und Prinzipien sowie der Beschaffenheit des Seienden im Allgemeinen, wie Aristoteles die Metaphysik umreißt, stehen naturgemäß vor allem „Gegenstände“ wie Gott, Geist oder Seele zur Diskussion, die in der Erfahrungswelt nicht direkt gegeben sind.

Foto: Heinz Heiss

Danach zu fragen, ob hinter der Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen, noch eine andere, höhere liegt, das heißt, ob es ein Prinzip gibt, das die uns zugängliche Wirklichkeit erklärt, ist dabei unausweichlich. „Diese Frage mag heute von vielen negativ beantwortet werden, in der Philosophiegeschichte war dies jedoch meist anders“, schreibt Jörg Disse unter dem Titel Eine kurze Geschichte der Metaphysik. Setzt man jedoch wie Hegel Metaphysik mit dem Bemühen gleich, eine geschlossene Erklärung der Wirklichkeit als Ganzes vorzunehmen, verwundert es nicht, dass heute viele die Metaphysik für überwunden erklären und wie Jürgen Habermas ein „nachmetaphysisches Denken“ herbeirufen wollen. Allerdings, so hält Disse den Kritikern jeglichen metaphysischen Denkens entgegen, befasst sich Metaphysik „mit den Grundfragen der Philosophie schlechthin. Mithin ist eine Philosophie ohne Metaphysik eigentlich ein Widerspruch in sich.“ Beschränkt man Metaphysik auf die Frage nach der Beschaffenheit und dem Sinn des Wirklichkeitsganzen, so sein Vorschlag, „sind auch diejenigen philosophischen Positionen metaphysischer Natur, welche die Annahme einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit ausdrücklich verneinen“.

Dass von der Philosophie nicht viel Interessantes übrig bleibt, wenn man die Metaphysik weglässt, ist auch die Überzeugung von Uwe Meixner. Sind metaphysische Stellungnahmen doch „fundamentale – nicht weiter hergeleitete, sondern selbst leitende – Stellungnahmen“ aus menschlich begrenzter Perspektive, so Meixner in seinem Beitrag unter dem Titel Mehr als die Frage „Ein Gott oder kein Gott?“. Auch wenn es verständlich ist, dass die Gottesthematik vielfach als die metaphysische Thematik schlechthin empfunden wird, so seine Feststellung, macht diese Thematik „im Gesamtthema der Metaphysik aber nur einen Teil aus, freilich einen Teil, der die Tendenz hat, alles Übrige wesentlich zu prägen“.

Dabei, so gibt Frank Augustin fundamentalkritisch unter dem programmatischen Titel Kein Gott, keine Welt, kein Ich zu bedenken, ist der Glaube an eine Realität, eine „wirkliche Welt“ viel stärker und grundlegender als jener an Gott: „Nur im Glauben an eine Weltordnung kann man auf etwas Göttliches (etwas außerhalb dieser Ordnung) schließen, nur dann, wenn man an die Existenz einer Welt, eines ‚großen Ganzen‘ glaubt, stellt sich die Frage nach der Erschaffung (oder Entstehung) dieser Welt.“ Nicht umsonst laute Slavoj Zizek zufolge die Formel des wahren Atheismus nicht „Gott existiert nicht“, sondern „Die Welt existiert nicht“.

In Anlehnung an die Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer analysiert Franz-Peter Burkard im Beitrag Religion innerhalb der bloßen Kulturwissenschaft Religionen als Deutungssysteme mit je eigenem Gegenstandsbereich. Weil Bedeutungen keine Eigenschaften der Dinge selbst sind, sondern Dinge immer nur die Bedeutung haben, die das jeweilige Deutungssystem erzeugt, sei es genauso unsinnig, mit der Evolutionstheorie gegen die Bibel zu argumentieren, wie die Bibel gegen die Evolutionstheorie ins Feld zu führen. Dabei ist es unabdingbar, „die Grenzen des jeweiligen Systems zu beachten und trübe Mischungen zu meiden … Wer würde behaupten, wir bräuchten keine Kunst, weil wir Naturwissenschaft haben?“ Beides sind kulturelle Sinnangebote, so Burkard, „man mag das eine nutzen und das andere eben nicht“.

Bei der Diskussion um den mystischen Gehalt und die Relevanz der Metaphysik darf nicht vergessen werden, dass auch die theoretischen Annahmen der Naturwissenschaften als mehr oder minder ungesichert anzusehen sind. Nicht zuletzt die Quantenmechanik hat gezeigt, dass selbst Messergebnisse, die aufgrund theoretischer Annahmen exakt vorherberechnet werden können, gleichwohl nicht die Richtigkeit der Theorie verbürgen. Im Beitrag Der Welle-Teilchen-Dualismus. Quantenphysik und Wirklichkeitsverständnis kommt die Physikerin und Philosophin Brigitte Falkenburg zu dem Schluss: „Was lehrt die Quantentheorie über die subatomare Welt? Das ist noch achtzig Jahre nach der berühmten Debatte von Niels Bohr und Albert Einstein umstritten.“

Nichtsdestoweniger bleibt es erstaunlich, wie Bernulf Kanitscheider anmerkt, dass die nur aus dem Denken gewonnenen Formeln der Mathematik derart gut auf Naturvorgänge angewendet werden können. Die Frage, warum die Natur uns ein so hohes Maß an Mathematisierbarkeit gestattet, beantwortet Kanitscheider im Beitrag Der Grund der Welt. Warum die Natur berechenbar ist mit einem Argument, das schon Aristoteles gegen Platons Ideenlehre ins Feld führte: „Es bedarf keiner Idee des Pferdes, keiner gespenstischen Pferdheit, die vor allen sichtbaren Pferden existiert und dann auf seltsame Weise sich in den wirklichen Tieren manifestiert. Der Kern dieser Lebewesen steckt in deren Struktur, ohne dass man diese aus den Phänomenen ablösen könnte.“

Weil der Mensch seinen Platz in der Welt suchen, verstehen und behaupten muss – wir können nicht nicht handeln –, ist er nicht nur philosophiebedürftig, sondern philosophiepflichtig. Die fundamentalen Fragen müssen immer wieder neu beantwortet werden. Dies darf aber nie unter Absehung von der konkreten Lebenswirklichkeit des Menschen geschehen, so Walter Schulz. Nach dem Scheitern der Spekulationen der alten Metaphysiker – Fichte und Hegel waren die Letzten, die versucht hatten, den Menschen aus dem reinen Denken zu verstehen – und dem sich daran anschließenden Fehlschlagen der Betrachtung der Lebensvorgänge auf rein mechanistisch-naturwissenschaftlicher Basis zeigt Walter Schulz, wie Philosophie, wie Metaphysik in einer durch die Naturwissenschaften und Technik veränderten Welt möglich ist. Weil der Mensch Fleisch und Geist zugleich ist, muss sich das Subjekt „seiner Endlichkeit als leibliches Wesen, als Mensch bewusst werden und seine Existenz ‚leben‘, darf also diese nicht nur reflektieren“, resümiert Johannes Czaja die Metaphysik des Schwebens von Walter Schulz.

Auch Stefan Baur kommt unter dem Titel Virtuelle Wirklichkeiten. Cyberphilosophie und andere Gespenstergeschichten zum Schluss: „Ohne menschlichen Körper gibt es keine menschenähnliche Intelligenz … Die reale Welt ist für die virtuelle unverzichtbar.“ Verheißungen auf Unsterblichkeit durch Intelligenzübertragung in das World Wide Web hält er für Scharlatanerie. Wir könnten uns noch nicht einmal vorstellen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, so Baur.

„Wer von den Fragen der Metaphysik nicht verwirrt wird, hat sie nicht begriffen“, schreibt Rüdiger Vaas unter dem Titel Viel Lärm um Nichts. Seine Inventur der Antwortversuche auf die leibnizsche Frage, warum etwas ist und nicht vielmehr nichts, fällt für die menschliche Neugier und Sinnsucht entsprechend enttäuschend aus. Die Erkenntnis, dass viel dafür spricht, dass das Sein zufällig und damit letztlich unerklärlich, wenn nicht sogar absurd ist, weckt Verständnis für Karikaturen der Philosophen als Spezialisten für die Lösung von Scheinproblemen und Forschern nach Antworten auf unbeantwortbare Fragen. Doch, so Vaas, ist das „eine Erkenntnis, die man würdigen sollte. Denn die Bescheidenheit des Wissens, die daraus resultiert, stellt zugleich eine wichtige Einsicht dar, die alle menschenverachtenden Ideologien untergräbt und den Horizont für weitere wissenschaftliche und philosophische Erkundungen offenhält.“

Einer solchen metaphysischen Bescheidenheit sind Werbung und Marketing allerdings nicht verdächtig. Den Niedergang der großen metaphysischen Systeme kommentiert Jutta Heinz kurz und bündig mit: „Zewa-Wisch-und-Weg anstelle von ewigen Werten!“ Auch wenn man nach wie vor Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit benötigt, um das menschliche Bedürfnis nach Sinn zu befriedigen, schreibt sie unter dem Titel Marke und Metaphysik. Die Scheinwirklichkeit der Warenwelt, richte nicht nur die „Generation Golf“ Ansprüche an Waren, die man vormals an Kunst und Religion adressierte; der einfache Werbetexter mutierte zum „Philosophen der Kommerzkultur“, die Marke zur „Produktpersönlichkeit“. In der Tat mag man sich in Zeiten, die schlecht sind für Ideale, mit gutem Design etwas leichter trösten als mit Ideenmüll. Geld hat sich, Peter Sloterdijk zufolge, „längst als operativ erfolgreiche Alternative zu Gott bewährt“, und auch Norbert Bolz gesteht der „Weltreligion“ des Konsumismus, die alltägliche Waren mit einem spirituellen Mehrwert versieht, eine wichtige zivilisatorische Funktion zu: den Gegenpol der Gewalt, der sich in einer unblutigen, liberalen Form der Anerkennung des anderen, dem „Marktfrieden“, äußert.

Dass dies zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden muss, ist seit dem letzten Börsencrash und der darauffolgenden Wirtschaftskrise allerdings Allgemeingut. Die gegenwärtige Krise ist jedoch keine ökonomische, so Karl-Heinz Brodbeck in seinem Beitrag, sondern eine des menschlichen Denkens, genauer: der praktisch gewordenen Metaphysik des Geldes. Ist Geld doch weitaus mehr als nur das Schmiermittel in der Maschine Wirtschaft. Nicht nur, dass grundlegende Kategorien der Philosophie – wie Schuld, Gleichheit, Wandel und so weiter – dem Geldverkehr entstammten, wie schon Friedrich Nietzsche beobachtete, schlimmer noch liege es in der Logik der Metaphysik des Geldes, menschliches Denken mehr und mehr in ein rechnendes Denken, in eine berechnende Vernunft zu verformen. Die abstrakte Einheit Geld vermittle und verrechne alles mit allem, verweigere sich keinem Ding und verwandle derart das Subjekt in eine „Kaufmannsseele“; sogar Kirchen lassen sich von Unternehmensberatern vorschreiben, wie sie ihre Rituale der Logik des Geldes anpassen.

Bleibt in unserer sinnentleerten Welt als Hort des Metaphysischen nur noch die Kunst? Enthüllt sich der Sinn des Ganzen nur noch in der Literatur, wie Georg Mein unter Bezug auf Georg Lukács im Essay Sehnsucht nach dem verlorenen Ganzen. Das Sinnversprechen der Kunst schreibt? Falls dem so ist, ist es zumindest tröstlich, dass der Sinn, der durch die Struktur der Romanwelt aufscheint, Lukács zufolge nicht gegeben, sondern nur aufgegeben ist: „Er ist kein Besitz, sondern Aufgabe!“

Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur

Uwe Meixner

Mehr als die Frage „Ein Gott oder kein Gott?“

Zum modernen metaphysischen Denken

Metaphysik ist die von Aristoteles begründete Disziplin der Philosophie, welche die Grundstrukturen der Gesamtheit von allem, was ist, aufzuklären versucht. Besondere Berücksichtigung wird dabei der Lage und Rolle des Menschen in dieser Gesamtheit zuteil.

Die Metaphysik1 hat zwei Teildisziplinen: die Allgemeine Metaphysik, bei der die Lage und Rolle des Menschen im Seienden nicht eigens thematisiert wird, und die Spezielle Metaphysik, bei der eine solche Thematisierung eine zentrale Rolle spielt. Die Allgemeine Metaphysik wird gewöhnlich als „Ontologie“ bezeichnet („Wissenschaft vom Seienden“, nach dem griechischen to on – das Seiende).

Die Allgemeine Metaphysik geht in die Spezielle Metaphysik über mit der Thematisierung von Naturgesetzlichkeit und Kausalität (Verursachung). Es ist einsichtig, dass es eigens um die Lage und Rolle des Menschen in der Gesamtheit des Seienden geht, wenn beispielsweise die Frage diskutiert wird, ob es einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gibt, der nicht durch Naturgesetze begründet ist und dessen Ausgangspunkte weder Ereignisse noch Sachverhalte sind, sondern spontan Handelnde. Vollends in der Speziellen Metaphysik bewegen wir uns damit, ob die Naturgesetze aufgrund gegebener Ausgangsbedingungen den gesamten weiteren Wirklichkeitsverlauf bis in alle Einzelheiten festlegen, oder ob der Wirklichkeitsverlauf für eine zu Naturgesetzen und Ausgangsbedingungen hinzukommende, zusätzliche Bestimmung – insbesondere durch uns Menschen – offen ist (= Indeterminismus). Traditionell wird diese Frage unter der Überschrift „Freiheit oder Determinismus?“ diskutiert. Aus metaphysischen Aussagen folgen keine Aussagen hinsichtlich dessen, was wir (aus moralischen Gründen oder auch bloß im Sinne der selbstbezogenen Klugheit) tun sollen. Wohl aber haben normative (wertsetzende) Aussagen oder Fragestellungen notwendige metaphysische Bedingungen. Zum Beispiel, wenn die Frage ist, was eine Person im Sinne ihrer Interessen unter den gegebenen Umständen am besten (rationalerweise) tun sollte, dann ist damit metaphysisch unterstellt, dass sie überhaupt eine Alternative hat.

Metaphysik kann nur ungesichert sein.

In der Speziellen Metaphysik bewegen wir uns auch mit der Frage, ob es neben dem Physischen etwas Konkretes gibt, das nicht physisch ist (zum Beispiel Gedanken), und wenn ja, in welchem Verhältnis es grundsätzlich zum Physischen steht. Eine bejahende Antwort liegt nahe, da menschliche Bewusstseinsvorgänge etwas Konkretes zu sein scheinen, das nicht physisch ist. Insbesondere René Descartes hat hierfür explizit argumentiert (in seinen Meditationen über die Erste Philosophie von 1641 – wobei „Erste Philosophie“ eine aristotelische Bezeichnung für Metaphysik ist). Jedoch haben die als übergroß empfundenen Schwierigkeiten bei dem Versuch, das Verhältnis nichtphysischer Bewusstseinsvorgänge zum Physischen auch nur grundsätzlich zu klären, viele Philosophen in letzter Zeit dazu veranlasst, zu leugnen, dass es etwas Konkretes gibt, das nicht physisch ist. Sie vertreten damit einen sogenannten ontologischen Physikalismus.

Verschiedene metaphysische Themen können sich systematisch in metaphysischen Prinzipien und Argumentationen verbinden, beispielsweise, was Kausalität und Physikalismus angeht, im sogenannten Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Physischen (vereinfacht ausgedrückt: Jedes physische Ereignis, das überhaupt eine Ursache hat, hat auch eine physische Ursache). Nimmt man die Hypothesen hinzu, dass (a) jedes mentale Ereignis Ursache eines physischen Ereignisses ist und dass (b) es nicht mehr als eine Ursache für etwas geben kann, so folgt logisch, dass jedes mentale Ereignis – auch etwa eine durch Druck auf die geschlossenen Augen ausgelöste Lichtempfindung – etwas Physisches ist.

Jede Philosophie ist mit metaphysischen Annahmen durchsetzt.

Anhand der zentralen Prämisse dieses Beispiels einer metaphysischen Argumentation lässt sich das erkenntnistheoretische Problem, das sich mit Metaphysik verbindet, gut erläutern. Woher will man etwa im oben angegebenen Beispiel wissen, dass das angenommene Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Physischen wahr ist? Die Wahrheit dieses Prinzips lässt sich offenbar weder a priori (ohne alle Erfahrung) einsehen noch a posteriori (aufgrund von Erfahrung). Das lässt sich anhand der Folgen der Quantenphysik gut deutlich machen: Mehrheitlich gehen Physiker heute davon aus, dass es physische Ereignisse gibt, die keine physische Ursache haben. Man hat als Metaphysiker kaum einen guten Grund, sich dieser Auffassung nicht anzuschließen. Erkennt man nun aber – als Metaphysiker – gemäß dem Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Physischen, dass jene physischen Ereignisse ausnahmslos überhaupt keine Ursache haben (sondern zufällig eintreten)? Es deutet vielmehr alles darauf hin, dass man sich als Metaphysiker durchaus ungesichert (ohne zureichende Begründung) auf diesen oder den gegenteiligen Standpunkt stellt, ungesichert das eine oder das andere annimmt. Je nachdem, wie man sich somit fundamental zur Welt stellt, wird man mit anderen Konsequenzen leben müssen. Solche Stellungnahmen – die untereinander eine innere Stimmigkeit haben (und sich in jedem Fall nicht untereinander widersprechen dürfen) – machen eine Metaphysik im Letzten aus. Und eine Metaphysik muss offenbar deshalb erkenntnismäßig ungesichert sein, weil jene Stellungnahmen fundamentale – nicht weiter hergeleitete, sondern selbst leitende – Stellungnahmen sind.

Kaum eine fundamentale Stellungnahme zur Verfasstheit der Welt ist dabei fundamentaler (und leitender) als eine Entscheidung der Frage „Ein Gott oder kein Gott?“. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Gottesthematik vielfach als die metaphysische Thematik schlechthin empfunden wird. Im Gesamtthema der Metaphysik macht diese Thematik aber nur einen Teil aus (beschränkt man sich auf Allgemeine Metaphysik, so taucht sie überhaupt nicht auf), freilich einen Teil, der die Tendenz hat, alles Übrige wesentlich zu prägen. Wie in der metaphysischen Gotteslehre, sei sie theistisch oder atheistisch, so muss man sich auch sonst in der Metaphysik über den Charakter dessen, was man tut, erkenntnistheoretisch im Klaren sein: Es handelt sich bei Metaphysik um rational vorgehende, begrifflich durchdrungene Fundamentalspekulation aus menschlich begrenzter Perspektive, mit dem Fernziel, sich zur grundsätzlichen Verfasstheit von Welt und Mensch eine Position zu verschaffen, einen Boden, auf dem man stehen will (und hoffentlich kann). Das ist ein Tun, was uns Menschen – jedem Menschen – sehr gut ansteht (unglücklicherweise üben es die meisten Menschen nur als kleine Kinder aus, oder wenn sie vor Gräbern stehen). Auch ungesicherte Erkenntnisansprüche sind, wenn sie der Wahrheit entsprechen, in einem gewissen, unverzichtbaren Sinn Erkenntnisse. Und Ungesichertheit besagt ja keineswegs Willkürlichkeit, schon gar nicht Unwichtigkeit. Zum einen macht die Thematik der Metaphysik mindestens implizit einen Großteil der Gesamtthematik aller philosophischen Bemühungen aus: Jede Philosophie ist mit Metaphysik, sprich: mit metaphysischen Annahmen durchsetzt – ob man es nun wahrhaben will oder nicht –, so dass von Philosophie nicht viel Interessantes übrig bleibt, wenn man die Metaphysik in ihr weglässt. Zum anderen steht Metaphysik aus moderner erkenntnistheoretischer Sicht mit ihrer eigentümlichen Ungesichertheit unter den Erkenntnisprojekten des Menschen nicht so allein da, wie Kant meinte. Auch die Naturwissenschaften sind, sobald die Reichweite ihrer Aussagen über das hinausgeht, was für die technische Naturbeherrschung und die Beschreibung der experimentell angeleiteten Erfahrung notwendig ist, als mehr oder minder ungesichert anzusehen.

Uwe Meixner ist Professor für Philosophie an der Universität Regensburg.

Aphorismenschneise

Wer ein Loch gräbt, schaufelt einen Hügel.

Vorurteile setzen an bestimmten Punkten an. Dadurch machen sie glauben, sie hätten bestimmte Punkte getroffen.