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Für Studium und Weiterbildung werden institutionelle Rahmenbedingungen, wissenschaftstheoretische Grundlagen, methodische Gütekriterien und praktische Verfahren für empirische Untersuchungen psychologischer, evaluativer und verwandter Probleme dargestellt. Im Mittelpunkt steht die Validität und damit die Güte und Qualität von Untersuchungen wissenschaftlicher und praktischer Fragestellungen. Diese umfasst vor allem die Adäquatheit von Begriffen, deduktiven und induktiven Argumenten, kausalen Aussagen, Gesetzeshypothesen und Theorien, die Kontrolle störender Einflüsse bei Beobachtungen, Befragungen, Einschätzungen (ratings), Messungen, Tests, Experimenten, Quasi-Experimenten, Fall-Kontroll- und Einzelgruppenstudien sowie die sachgerechte Anwendung und Interpretation von statistischen Zusammenhängen und Tests, Varianz-, Regressions- und Meta-Analysen, festen, zufälligen und hierarchisierten Faktoren. Ziel ist ein tiefergehendes Verständnis wesentlicher Qualitätsmerkmale empirischer Untersuchungen, um fundiert Methoden einsetzen und Ergebnisse interpretieren zu können.
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Seitenzahl: 917
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Begründet von
Theo W. Herrmann (†)
Werner H. Tack
Franz E. Weinert (†)
Weitergeführt von
Marcus Hasselhorn
Herbert Heuer
Frank Rösler
Herausgegeben von
Marcus Hasselhorn
Wilfried Kunde
Silvia Schneider
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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1. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-024182-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-024183-1
epub: ISBN 978-3-17-024184-8
mobi: ISBN 978-3-17-024185-5
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Vorwort
1 Perspektiven, Paradigmen und Programme in der Psychologie
1.1 Charakterisierung der Psychologie: verschiedene Perspektiven
1.1.1 Definitionen des Faches Psychologie
1.1.2 Teilgebiete und Teilfächer der Psychologie
1.1.3 Verortung der Psychologie: wissenschaftliche Einrichtungen und interdisziplinäre Verbindungen
1.2 Entwicklung und Paradigmen der Psychologie
1.2.1 Normalwissenschaftliche und revolutionäre Forschungsprozesse
1.2.2 Psychologische Paradigmen
1.2.3 Paradigmatische Methoden der Psychologie
1.3 Forschungsprogramme in der Psychologie
1.3.1 Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme
1.3.2 Theorie- und sachverhalts-orientierte Forschungsprogramme
1.3.3 Forschungsprojekte
1.4 Evaluationen
1.5 Ethische Probleme und Prinzipien
2 Validität Güte und Qualität wissenschaftlicher Untersuchungen
2.1 Arbeitsabschnitte und Hypothesen
2.2 Validität als Vermeidung von Fehlentscheidungen
2.3 Beeinträchtigungen und Absicherungen der Validität
2.4 Validität von Evaluationen
3 Möglichkeiten und Grenzen psychologischer Erkenntnis
3.1 Erkenntnistheoretische Positionen
3.1.1 Realistische Positionen
3.1.2 Idealistische Positionen
3.1.3 Empiristische Positionen
3.1.4 Rationalistische Positionen
3.2 Logische Schlüsse
3.2.1 Aussagenlogik
3.2.2 Prädikatenlogik
3.2.3 Logische und empirische Wahrheit
3.3 Induktive Argumente
3.3.1 Arten von Induktion
3.3.2 Validität induktiver Argumente
3.4 Die Beziehung zwischen Geistigem und Körperlichem
3.4.1 Dualistische Positionen
3.4.2 Identitätslehre
3.4.3 Materialismus
3.4.4 Funktionalismus
3.4.5 Nicht-reduktiver Physikalismus
4 Bedeutung und Verwendung wissenschaftlicher Begriffe
4.1 Definitionen
4.1.1 Explizite Definitionen
4.1.2 Adäquatheit von Definitionen
4.2 Explikation von Begriffen
4.3 Typisierung von Begriffen
4.4 Operationalisierung theoretischer Begriffe
4.4.1 Theoretische und beobachtbare Merkmale
4.4.2 Zuordnungsregeln
5 Kausale Zusammenhänge und Erklärungen
5.1 Logische und physikalische Aspekte
5.2 Ursachen als Inus-Bedingungen
5.3 Ceteris-paribus-Bedingungen
5.4 Kontrafaktische und manipulative Aspekte der Kausalität
5.5 Multiple Ursachen
5.6 Wissenschaftliche Gesetze
5.7 Probabilistische Kausalität
5.8 Handlungs- und Willensfreiheit
5.8.1 Libertarismus
5.8.2 Determinismus
5.8.3 Kompatibilismus
5.9 Wissenschaftliche Erklärungen
5.9.1 Deduktiv-nomologische Erklärungen
5.9.2 Probabilistische Erklärungen
5.9.3 Pragmatische Erklärungskonzeptionen
6 Verifikation und Falsifikation wissenschaftlicher Aussagen
6.1 Verifikation und induktive Forschungsprozesse
6.2 Falsifikation und deduktive Forschungsprozesse
6.2.1 Falsifizierbarkeit
6.2.2 Deduktive Methodologie
7 Struktur und Anwendung psychologischer Theorien
7.1 Theorienetze
7.1.1 Basis- und Bereichs-Elemente
7.1.2 Empirische Theorieelemente
7.2 Theorieelemente
7.2.1 Theoriespezifische Begriffe
7.2.2 Potentielle und tatsächliche Modelle
7.2.3 Potentielle und zutreffende Anwendungen
7.3 Empirische Forschungsprozesse
7.3.1 Empirischer Gehalt und empirische Hypothesen
7.3.2 Zweifelhafte, erfolgreiche und vermutete Anwendungen
7.3.3 Wissenschaftliche Fortschritte und Rückschläge im Theorienetz
7.3.4 Sachverhaltsbezogene Forschungsprozesse
8 Statistische Zusammenhänge und ihre valide Prüfung
8.1 Linearkombinationen
8.2 Effektgrößen
8.2.1 Korrelationen und Varianzanteile
8.2.2 Mittelwertsunterschiede
8.2.3 Risikokoeffizienten
8.3 Signifikanztests
8.3.1 Fehler 1. und 2. Art
8.3.2 Parametrische Tests und Konfidenzintervalle
8.3.3 Interpretation von Verteilungsannahmen
8.3.4 Permutationstests
8.4 Spezifikation statistischer Hypothesen und Tests
8.4.1 Anpassungsvorhersagen
8.4.2 Ordnungsvorhersagen und -kontraste
8.4.3 Interaktionsvorhersagen und -kontraste
8.4.4 Wahl zwischen verschiedenen Tests
8.5 Entscheidungen über statistische und empirische Hypothesen
8.6 Kumulation und Adjustierung von Fehlerwahrscheinlichkeiten
8.6.1 Ausmaß und Korrektur der Fehlerkumulation
8.6.2 Adjustierungen im Hinblick auf die Untersuchungsvalidität
8.6.3 Statistische Validität bei der Verwendung von Forschungsergebnissen
8.7 Bayes-Statistik
8.7.1 Grundzüge
8.7.2 Validität
9 Wissenschaftliches Beobachten und Befragen
9.1 Beobachtungsmethoden
9.1.1 Validität von Beobachtungen
9.1.2 Objektivität von Beobachtungen
9.1.3 Systematische Beobachtungen
9.2 Befragungsmethoden
9.2.1 Formen der Befragung
9.2.2 Standardisierte Befragungen
9.2.3 Urteilsfehler
10 Messen in der Psychologie
10.1 Repräsentationsmessung
10.1.1 Paarvergleich als ordinale Repräsentationsmessung
10.1.2 Repräsentationsproblem: Bedingungen für eine repräsentationale Messung
10.1.3 Eindeutigkeit und Bedeutsamkeit: Niveau einer Messung
10.1.4 Bedeutsamkeitsproblem: Sinnhaftigkeit von Aussagen
10.1.5 Metrische Repräsentationsmessungen
10.2 Fiatmessung
10.2.1 Niveau einer Fiatmessung
10.2.2 Paarvergleiche
10.2.3 Rangordnungen
10.3 Direkte Einschätzungen (
ratings
)
10.3.1 Gestaltung der Antwortalternativen
10.3.2 Auswertung aggregierter Ratings
10.3.3 Einschätzungen von Merkmalsunterschieden
10.4 Verhältnisschätzmethoden
10.5 Indexbildung
11 Psychologische Tests
11.1 Normierung
11.2 Klassische Testtheorie: Grundlagen
11.3 Reliabilität
11.3.1 Definition
11.3.2 Schätzmethoden
11.4 Kriteriumsvalidität
11.4.1 Komponenten und Arten der Kriteriumsvalidität
11.4.2 Assoziation zwischen Prädiktor und Kriterium
11.4.3 Differenzierungsfähigkeit der Signalentdeckung
11.5 Konstruktvalidität
11.5.1 Theoretische und inhaltliche Fundierung
11.5.2 Konvergente Validität
11.5.3 Divergente Validität
11.6 Itemauswahl und Skalenkonstruktion
11.6.1 Likert- und Thurstone-Skalierungen
11.6.2 Klassische Testkonstruktion
11.6.3 Rasch-Skalierung
11.7 Faktorenanalysen
12 Experimente: randomisierte Gruppen und Varianzanalysen
12.1 Versuchspläne
12.2 Interne Validität
12.2.1 Störvariablen
12.2.2 Kontrolle möglicher Störvariablen
12.3 Statistische Auswertung und Validität
13 Quasi-Experimente: parallelisierte Gruppen und multiple Regressionsanalysen
13.1 Wiederholte Messungen
13.2 Ausbalancieren und Parallelisieren
13.3 Statistische Kontrolle
13.3.1 Partialkorrelationen
13.3.2 Multiple Regression
13.3.3 Zusammenspiel von Prädiktoren
13.3.4 Nominale Variablen
13.3.5 Formen multipler Regressionen
13.3.6 Sequentielle Regression
13.4 Abhängigkeit von Faktoren
14 Vergleiche vorgegebener Gruppen: logistische Regression und Mehr-Ebenen-Analysen
14.1 Störung der Validität durch Regressionseffekte
14.2 Fall-Kontroll-Studien mit logistischer Regression
14.2.1 Beispieluntersuchung
14.2.2 Logistische Regressionsfunktionen
14.2.3 Güte der Anpassung
14.2.4 Modellvergleichende Signifikanztests
14.2.5 Effektgrößen
14.2.6 Cox-Regression
14.3 Mehr-Ebenen-Untersuchungen
14.3.1 Beispieluntersuchung
14.3.2 Multi-Level Modelle
14.3.3 Validität MLM
15 Einzelgruppenanalysen: Kasuistische Evaluationen und multivariate Strukturmodelle
15.1 Kasuistische Evaluationen
15.1.1 Externe Vergleichswerte
15.1.2 Gutachterliche Evaluationen
15.2 Multivariate Analyseverfahren
15.2.1 Kanonische Korrelationsanalyse
15.2.2 Anwendungs- und Spezialfälle
15.2.3 Korrelation und Kausalität
15.3 Strukturgleichungsmodelle
15.3.1 Pfadanalysen für empirische Variablen
15.3.2 Aufstellung von Strukturgleichungsmodellen
15.3.3 Prüfung von Modellen
16 Meta-Analysen
16.1 Arbeitsschritte an einem Beispiel
16.2 Zusammenfassung und Prüfung von Effekten
16.2.1 Effektgrößen
16.2.2 Homogenität und Mittelung von Effekten
16.3 Moderatorenanalyse
16.3.1 Kategoriale Moderatoren und Modelle
16.3.2 Meta-Regression für quantitative und nominale Moderatoren
16.4 Validität
16.4.1 Publication Bias
16.4.2 Interne Validität
16.4.3 Variablenvalidität
16.4.4 Statistische Validität
16.4.5 Feste und zufällige Effekte
Literatur
Stichwortverzeichnis
Die Psychologie ist eine empirische Wissenschaft mit engen Bezügen zu anderen natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie Biologie und Medizin, Pädagogik und Ökonomie. Mit ihren grundlagenorientierten Forschungen strebt die Psychologie nach allgemeinen Erkenntnissen über Zustände und Prozesse, Ursachen und Folgen menschlichen Erlebens und Verhaltens. Einer der wichtigsten anwendungsorientierten Bereiche der Psychologie und anderer Wissenschaften ist die Evaluation der Wirksamkeit von bestimmten Maßnahmen, beispielsweise in Gemeinden, Betrieben, Schulen oder Kliniken.
Wissenschaftliche Erkenntnisse heben sich von alltäglichen Erfahrungen und Meinungen dadurch ab, dass sie systematischer formuliert und stärker empirisch abgesichert sind. Wer wissenschaftliche Forschungen verständig nachvollziehen, bewerten oder betreiben will, muss deshalb die Methodik des jeweiligen Faches verstehen, das heißt die verschiedenen Vorgehensweisen und Prinzipien, die für die Gewinnung, Ausgestaltung und Absicherung seiner Theorien, Hypothesen und Befunde verwendet werden.
Die Methodik der psychologischen Forschung und Evaluation kann in spezielle Methodiken gegliedert werden, die jeweils allgemeine Prinzipien und konkrete Methoden für bestimmte Arten oder Abschnitte von Forschungsprozessen beinhalten und spezifische Beziehungen zu Nachbarwissenschaften haben. Die psychologische Befragungsmethodik beispielsweise ist eng mit der sozialwissenschaftlichen Umfragemethodik verbunden, und die psychologische Experimentalmethodik ähnelt stark den Standards für randomisierte Studien in Medizin und Epidemiologie. Die Signifikanztestmethodik wird nicht nur in der Psychologie häufig angewendet und kritisch diskutiert, sondern auch in vielen Bereichen der Erziehungs- und Biowissenschaften. Die Methodiken zur Spezifikation der Bedeutung von Begriffen und zur Struktur von Theorien wurden in der Philosophie entwickelt und sind für alle empirischen Wissenschaften relevant.
Methodische Festlegungen und Entscheidungen werden oft unbemerkt von grundlegenden wissenschaftstheoretischen Orientierungen (Methodologien) beeinflusst, beispielsweise davon, ob eine wissenschaftliche Gemeinschaft empirie- oder theoriegeleitet vorgeht, ob sie ihre Gegenstände als real oder konstruiert interpretiert, was sie unter kausalen Beziehungen und Erklärungen versteht und inwieweit sie das Psychische auf das Neuronale reduziert.
Für Studium und Weiterbildung in Psychologie, Evaluation, Epidemiologie und angrenzenden natur- und sozialwissenschaftlichen Arbeitsfeldern werden in diesem Buch wesentliche Aspekte der Methodik empirischer Untersuchungen für grundlagen- und anwendungsorientierte Fragestellungen dargestellt und veranschaulicht.
Ziel ist ein tiefergehendes Verständnis der Prinzipien und Varianten, der Chancen und Beschränkungen, der Fehlerquellen und Gütemerkmale empirischer Forschung. Dadurch soll es ermöglicht werden, Güte und Aussagekraft veröffentlichter Forschungsarbeiten adäquat zu bewerten, eigene Forschungen sachgemäß zu planen und die vielfältigen Untersuchungs- und Auswertungstechniken sinnvoll einzusetzen.
Die psychologische Methodik greift an vielen Stellen auf die mathematische Statistik zurück, geht aber weit über sie hinaus. Forschungsprozesse in einer empirischen Wissenschaft dürfen sich nicht auf die Anwendung statistischer Modelle und die Prüfung statistischer Hypothesen beschränken, sondern sollen der Beantwortung inhaltlicher Fragestellungen, der Prüfung wissenschaftlicher Hypothesen dienen. Alle methodischen Überlegungen zur Gestaltung einer wissenschaftlichen Untersuchung sollten deshalb am Kriterium einer möglichst hohen Validität ausgerichtet sein, das heißt an der Maximierung der Chancen, dass die Untersuchungsergebnisse zu zutreffenden Beurteilungen der inhaltlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Hypothesen führen.
Die Validität psychologischer Forschungen und Evaluationen hängt von einer Vielzahl von Aspekten ab, etwa der Spezifikation von Theorien und Begriffen (Variablenvalidität) und der Kontrolle momentan nicht interessierender Einflussfaktoren (interne Validität). Außerdem hängt die Validität inhaltlicher Beurteilungen stark davon ab, wie statistische Methoden ausgewählt, angewendet und interpretiert werden. Dementsprechend werden in diesem Buch die Grundzüge wichtiger statistischer Analysemethoden fragestellungs- und validitätsorientiert erläutert. Auf die Darstellung von Rechengängen und mathematischen Ableitungen wird dabei verzichtet. Formeln werden nur aufgeführt, wenn sie Einsicht in die Bedeutung und Struktur von Koeffizienten oder Verfahren vermitteln.
Dieser Text enthält aufgrund seiner Inhalte und Zielsetzungen relativ viele Verweise auf andere wissenschaftliche Veröffentlichungen. Um die Lesbarkeit nicht unnötig zu beeinträchtigen, werden diese Literaturhinweise nicht im Text selbst, sondern in Fußnoten angegeben. Zu Beginn eigenständiger Abschnitte werden jeweils die wichtigsten Artikel und Bücher aufgeführt, die den folgenden Darstellungen zugrunde liegen oder sie weiterführen.
Wesentliche Teile dieses Textes beruhen auf Materialien für die zahlreichen methodischen Lehrveranstaltungen, die ich in den vergangenen Jahrzehnten an den Universitäten Göttingen, Frankfurt am Main, Jena, Fribourg und Greifswald gehalten habe, und haben von den Rückmeldungen und Nachfragen der Studierenden profitiert. Die Universität Greifswald hat mir zwei Forschungssemester gewährt, ohne die ich die grundlegenden Arbeiten für diesen Text nicht hätte bewältigen können.
Für wichtige Hinweise auf Fehler und Unklarheiten in Entwurfsfassungen dieses Textes danke ich Dr. Stefan Schelske sowie den Studierenden Jost Ulrich Blasberg, Philipp Franikowski, Klara Greffin, Tabea Niemann, Michelle Rohde, Philipp Schröder, Sarah Schulz, Christoph Szeska und Henrike Völz. Ein beonderer Dank gebührt Dr. Stephan Lau, der mir zahlreiche fundierte und wertvolle Verbesserungshinweise gegeben hat. Den Herausgebern der Standards Psychologie und dem Kohlhammer-Verlag, insbesondere Frau Celestina Filbrandt danke ich für die kompetente Betreuung dieses Bandes. Für alle Hinweise auf verbliebene Fehler und Unzulänglichkeiten bin ich dankbar.
Rainer Westermann
Februar 2016
Psychologie ist ein allgegenwärtiges Thema in unserem Alltag. Warum kommt Jens nicht mit zum Konzert? Wie schaffe ich die Statistikprüfung? Wie fühlt Anna sich nach der Trennung? Psychologische Fragen dieser Art bewegen uns, ob allein oder im Gespräch mit anderen. Manche dieser Fragen sind für uns zentral, andere peripher, einige sind leicht, andere schwer zu beantworten.
Gegenstand von psychologischen Studiengängen, Lehrveranstaltungen und Lehrbüchern ist aber nicht die Psychologie des Alltags, sondern die Psychologie als Wissenschaft. Sie versucht, Fragen nach den Gründen, Ursachen und Folgen unserer Empfindungen, Gedanken, Gefühle, Verhaltensweisen und Handlungen systematisch und kontrolliert zu beantworten. Diese wissenschaftliche Arbeit erfolgt seit anderthalb Jahrhunderten in unterschiedlichen Einrichtungen, Teildisziplinen, Kooperationen, Paradigmen, Programmen und Projekten (Kap. 1.1 bis 1.3). Sie ist nicht nur auf grundsätzliche Erkenntnisse ausgerichtet, sondern auch auf praktische Anwendungen, insbesondere im Bereich der wissenschaftlichen Bewertung (Evaluation) von Maßnahmen, Einrichtungen und Programmen (Kap. 1.4).
Der Unterschied zwischen der alltäglichen und der wissenschaftlichen Psychologie liegt nicht so sehr in den bearbeiteten Themen und gestellten Fragen. Auch etliche Antworten der wissenschaftlichen Psychologie sind schon im Alltag gegeben worden.
Der wesentliche Unterschied zwischen wissenschaftlicher und alltäglicher Erkenntnis besteht in der Methodik des Erkennens. Die wissenschaftliche Psychologie bedient sich bestimmter Methoden, um Erkenntnisse zu gewinnen und zu überprüfen, und sie formuliert ihre Vermutungen und Befunde systematisch in Hypothesen, Gesetzmäßigkeiten, Modellen und Theorien.
Da in den meisten psychologischen Untersuchungen dazu Menschen, mitunter auch Tiere, beobachtet, getestet, vermessen oder beeinflusst werden, muss stets sorgfältig geprüft werden, ob dies rechtlich und ethisch gerechtfertigt ist (Kap. 1.4).
Dabei müssen naturgemäß zahlreiche Festlegungen getroffen werden: Was soll untersucht werden? An wem? Wann? Wo? Wie? Alle wichtigen Festlegungen im Forschungsprozess sollten so getroffen werden, dass die Validität (Gültigkeit) der Untersuchung maximiert wird: Die Chancen für zutreffende Antworten auf die Forschungsfragestellung sollen möglichst groß sein, d. h. das Risiko für falsche inhaltliche Aussagen soll so klein wie möglich gehalten werden (Kap. 2).
Grundzüge, Möglichkeiten und Probleme wichtiger psychologischer Untersuchungs- und Auswertungsmethodiken werden später in den Kapiteln 9 bis 15 dargestellt, von der wissenschaftlichen Beobachtung über experimentelle und quasi-experimentelle Untersuchungen und Evaluationen bis zur statistischen Meta-Analyse. Sie beruhen, oft implizit und unbemerkt, auf unterschiedlichen methodologischen Voraussetzungen, die in den Kapiteln 3 bis 8 angesprochen werden, von erkenntnistheoretischen, logischen und wissenschaftsphilosophischen Grundlagen über angemessene Formen psychologischer Begriffe, Kausalzusammenhänge, Erklärungen und Theorien bis hin zur sinnvollen Verwendung und Interpretation statistischer Verfahren.
In diesem Buch können selbstverständlich nicht alle methodischen Kenntnisse vermittelt werden, die für eine sachgerechte Entwicklung und Prüfung eigener wissenschaftlicher Fragestellungen notwendig sind. Ermöglicht werden soll vielmehr, psychologische Forschungsprozesse in ihren Grundzügen nachzuvollziehen, ihre Validität einzuschätzen und die Ergebnisse adäquat zu interpretieren, und zwar sowohl im Hinblick auf die konkrete Fragestellung als auch in Bezug auf übergreifende psychologische Konzepte und Theorien. In den Fußnoten werden zusätzliche Informationen und Hinweise auf grundlegende und weiterführende Lehr- und Handbücher, Sammelbände, Fachartikel und Auswertungsprogramme gegeben.
Psychologie – Was ist das? Gehen wir dieser einfachen Frage nach, stoßen wir schnell auf eine kurze Antwort. Psychologie, so wird beispielsweise in Dorschs Lexikon der Psychologie sinngemäß definiert, ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen (Kasten 1.1).
Definitionen sind Setzungen, sie können weder wahr noch falsch sein, aber als mehr oder minder treffend oder nützlich erscheinen (Kap. 4.1). Im vorliegenden Fall ist die Definition durchaus gelungen, hat bei näherer Betrachtung aber auch merkliche Schwächen. Erstens treten wie bei jeder anderen Nominaldefinition Folgeprobleme auf: Was ist »Wissenschaft«, was »Erleben« und »Verhalten«? Zweitens ist es zumindest für Fachleute offensichtlich, dass sich die Psychologie auch mit Themen beschäftigt, die weder bewusstes Erleben noch offenes Verhalten sind. Dementsprechend spricht Zimbardos bekanntes Lehrbuch statt vom »Erleben« von den »mentalen« Prozessen als Gegenstand der Psychologie (Kasten 1.1b), das heißt den (häufig nicht bewussten) Arbeitsweisen des menschlichen Geistes, die es uns beispielsweise ermöglichen, einen Roman zu lesen und seine wesentlichen Inhalte zu behalten. Aber auch diese Definition ist wohl noch zu eng, denn die Psychologie erforscht unter anderem auch das Verhalten von Gruppen, die neuronalen Grundlagen von geistigen Prozessen, ihre sozialen und kulturellen Voraussetzungen und Folgen sowie ihre Rolle beispielsweise in alltäglichen schulischen und betrieblichen Abläufen.
Überlegungen dieser Art werden in der umfangreicheren und damit informativeren Definition aus Ulich und Bösels Einführungsbuch aufgegriffen, die im Punkt c von Kasten 1.1 wiedergegeben ist. Dass die Psychologie eine Wissenschaft ist, wird hier etwas genauer dadurch beschrieben, dass sie als eine Einrichtung bezeichnet wird, die geschaffen wurde, um Erkenntnisse zu gewinnen.
Die Gegenstände der Psychologie sollen definitionsgemäß alle Arten von psychischen Prozessen und Zusammenhängen umfassen.
a) Psychologie ist die Wissenschaft »vom Erleben und Verhalten des Menschen« (Wirtz, 2014, S. 19)
b) Psychologie ist »die wissenschaftliche Untersuchung des Verhaltens von Individuen und ihren mentalen Prozessen« (Zimbardo & Gerrig, 2004, S. 3).
c) Die Psychologie ist eine Einrichtung
• zur systematischen und kontrollierten Gewinnung, Vermittlung und Anwendung von Kenntnissen
– über Erlebnis- und Verhaltensweisen, psychische Vorgänge und Zustände,
– deren Zusammenhänge, Bedingungen und Folgen sowie
• zur Entwicklung und Anwendung von Verfahren und
• zur Erfassung und Veränderung der genannten Sachverhalte.
(Ulich & Bösel, 2005, S. 43)
Die ebenfalls genannten Beziehungen zu Ursachen und Wirkungen außerhalb der Person werden insbesondere durch psychologische Experimente geprüft (Kap. 12).
Hervorzuheben ist schließlich, dass in der Definition von Ulich und Bösel neben den grundlagenwissenschaftlichen Inhalten der Psychologie auch ihre Anwendungen erwähnt werden, namentlich die Erfassungs- oder Erhebungsmethoden (Kap. 9 bis 11) und die Interventionsmethoden, deren Wirksamkeit systematisch evaluiert werden kann (Kap. 1.4).
Nach diesen allgemeinen Definitionen werden in den folgenden Abschnitten die Inhalte und Vorgehensweisen der Psychologie aus unterschiedlichen Perspektiven eingehender beschrieben.
Wie andere Wissenschaften ist die Psychologie in verschiedene Teilgebiete und -fächer ausdifferenziert. Als ersten Überblick enthält die Tabelle 1.1 eine Aufstellung der Fachgruppen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), geordnet nach eher grundlagen- und eher anwendungsorientierten Disziplinen.
Tab. 1.1: Fachgruppen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
grundlagenbezogenanwendungsorientiert
Die Gebiete im oberen Teil der Tabelle waren in den meisten Diplomstudiengängen als eigene Prüfungsfächer repräsentiert. Die Bachelor- und Masterstudiengänge sind ebenfalls an diesen Teilgebieten orientiert, auch wenn sie in den Modulbezeichnungen oft nicht mehr auftreten. Die Gegenstandsbereiche dieser wichtigen Teilgebiete sind im Kasten 1.2 kurz und damit notwendigerweise relativ grob beschrieben. Die übrigen Gebiete (von der Geschichte der Psychologie bis zur Verkehrspsychologie) sind nur an einigen Universitäten als Pflicht- oder Wahlmodule vertreten.
a) Methodenlehre
• Möglichkeiten, Grenzen und Verfahren der Gewinnung, Formulierung und Überprüfung von psychologischen Erkenntnissen durch
– Beobachtung, Experiment, Interview, Textanalyse
– Befragen, Messen und Testen
– statistische Datenanalyse und Hypothesenprüfung
b) Allgemeine Psychologie
• für alle Personen gültige Gesetzmäßigkeiten über die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Information, insbesondere in den Bereichen
– Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Denken, Problemlösen und Entscheiden (Kognition) sowie
– Motivation und Emotion
c) Persönlichkeitspsychologie und Differentielle Psychologie
• individuelle Besonderheiten und Unterschiede zwischen einzelnen Menschen und
• ihre Erklärung durch Persönlichkeitsmerkmale
d) Entwicklungspsychologie
• Intraindividuelle Veränderungen des Verhaltens, der Persönlichkeit und der Leistung über die Lebensspanne hinweg,
– von der Geburt
– bis zu den Besonderheiten psychischer Funktionen im hohen Alter (Gerontopsychologie)
e) Biologische Psychologie
• biologische Grundlagen von Erleben und Verhalten, psychischen Vorgängen und Zuständen
– in der anatomischen, physiologischen und neuronalen Ausstattung,
– in der Genetik und der Evolution,
– in der Zwillingsforschung, Tierforschung und Ethologie
f) Sozialpsychologie
• Bedingungen und Folgen individuellen Verhaltens, Erlebens und Urteilens in Bezug auf
– Gruppen,
– Situationen und
– soziale Umwelten
g) Klinische Psychologie
• Entstehung, Diagnose und Therapie von psychischen Erkrankungen, insbesondere
– Entwicklung von verhaltens- und erlebensverändernden Interventionen und
– Anwendung psychologischer Erkenntnisse in der Rehabilitation
h) Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie
• Wechselbeziehungen zwischen Arbeits-, Organisations- und Marktbedingungen und menschlichem Erleben und Verhalten, insbesondere
– Passung zwischen Individuum und Arbeitskontext
– Arbeitsleistung, Zufriedenheit, Kommunikation
– Personalauswahl
– Konsumenteneinstellungen und -verhalten
i) Pädagogische Psychologie
• psychologische, insbesondere kognitions-, sozial- und entwicklungspsychologische Aspekte von Bildungsprozessen und Bildungsinstitutionen, insbesondere pädagogisch beeinflussbare
– Kompetenzen und Fertigkeiten,
– Überzeugungssysteme und Werthaltungen
j) Psychologische Diagnostik
• Tests und andere Verfahren
– Erfassung individueller Merkmale in allen möglichen Anwendungsgebieten sowie
– Beschreibung, Erklärung und Prognose von individuellem Verhalten
k) Psychologische Evaluation
• Vorgehensweisen und Verfahren zur Beschreibung und Bewertung
– von Einrichtungen und Maßnahmen zur Überprüfung von Interventionen
– im Hinblick auf bestimmte Standards und Kriterien
Die Teilgebiete der Psychologie stehen nicht streng abgegrenzt nebeneinander, sondern sind eng miteinander verflochten. Zur Illustration können wir von einem konkreten Phänomenbereich ausgehen, der Depression. In der allgemeinpsychologischen Emotionspsychologie werden beispielsweise negative Stimmungen (depressed mood) bewusst hervorgerufen (mood induction) und in ihren Wirkungen auf kognitive Leistungen untersucht.2 Die Klinische Psychologie beschäftigt sich unter anderem mit schwerwiegenden und länger andauernden depressiven Störungen (Major Depression), ihrer Diagnose, ihrer Therapie und vor allem mit möglichen Erklärungen für ihr Zustandekommen. Martin Seligman (1975) hat auf der Basis tierexperimenteller Untersuchungen zur gelernten Hilflosigkeit gezeigt, dass Personen mit der Tendenz zur Attribution negativer Ereignisse auf internale, stabile und globale Ursachen besonders depressionsgefährdet sind. Zur Erklärung von Depressionen hat sich darüber hinaus die Theorie der dysfunktionalen kognitiven Schemata von Aaron Beck (1999) bewährt, die unmittelbar auf zentralen Konzepten der Allgemeinen Psychologie (Wahrnehmung und Kognition) beruht. Aus der Perspektive der Neuropsychologie werden Depressionen unter anderem durch das verringerte Vorkommen des Transmitters Serotonin erklärt.3Die Methodenlehre trägt zur Erforschung der Depression zum Beispiel dadurch bei, dass sie die Entwicklung der Skalen zur quantitativen Erfassung der Stärke der Depression und die systematische Evaluation unterschiedlicher Therapiemethoden ermöglicht.
Wie die vorangegangenen Abschnitte verdeutlichen, ist das Studium der Psychologie an einer Universität das Studium einer Wissenschaft. Aus diesem Grund kann nicht erwartet werden, dass man am Ende des Studiums eine abgeschlossene Berufsausbildung hat. Man hat vielmehr die Voraussetzungen dafür erworben, sich in eine wissenschaftlich gestützte Berufstätigkeit einzuarbeiten. Diese besondere Zielsetzung unterscheidet ein Universitätsstudium von gewerblichen oder kaufmännischen Ausbildungen. Sie ist auch in den Hochschulgesetzen der Länder verankert (Beispiel in Kasten 1.3).
»Lehre und Studium sollen die Studenten und Studentinnen auf berufliche Tätigkeiten unter Berücksichtigung der Veränderungen in der Berufswelt vorbereiten und ihnen die dafür erforderlichen fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Methoden so vermitteln, dass sie zu wissenschaftlicher oder künstlerischer Arbeit, zu kritischem Denken und zu freiem verantwortlichen, demokratischem und sozialem Handeln befähigt werden.« (§ 21 Absatz 1, Berliner Hochschulgesetz in der Fassung vom 26.07. 2011, Stand 18.08.2015)
Von den Berufstätigen mit psychologischem Studienabschluss sind schätzungsweise 60% im klinischen und gesundheitlichen Bereich tätig, die meisten von ihnen freiberuflich und psychotherapeutisch.4 Anders als häufig angenommen gehen die beruflichen Anwendungen der Psychologie jedoch weit über therapeutische Tätigkeiten hinaus. Einen Eindruck davon vermitteln die Untergliederungen des psychologischen Berufsverbands in Kasten 1.4, die sich auf unterschiedliche Felder und Formen der Berufstätigkeit beziehen.
• Angestellte und Beamtete Psychologen
• Aus-, Fort- und Weiterbildung in Psychologie
• Freiberufliche Psychologen
• Gesundheits-, Umwelt- und Schriftpsychologie
• Klinische Psychologie
• Politische Psychologie
• Rechtspsychologie
• Schulpsychologie
• Verkehrspsychologie
• Verband Psychologischer PsychotherapeutInnen
• Wirtschaftspsychologie
Eine berufliche Tätigkeit in einem dieser Gebiete ist dann wissenschaftlich gestützt, wenn wissenschaftliche Konzepte und Befunde herangezogen werden, um konkrete Aufgaben und Probleme zu analysieren und zu behandeln. Dies setzt die entsprechenden wissenschaftlichen Fachkenntnisse voraus, vor allem aber auch die Erfahrung und Übung bei ihrer sachgerechten Auswahl und Anwendung. Wie andere Befähigungen zur Bearbeitung und Lösung komplexer Probleme sind diese Anwendungskompetenzen nur schwer durch Lehrbuchtexte oder Seminarvorträge zu vermitteln, sondern müssen allmählich aufgebaut werden. Während des Studiums kann man die dafür grundlegenden Fach- und Methodenkenntnisse erwerben. Eine sichere Anwendung des Wissens setzt aber ausgiebige Praxis im jeweiligen Problemfeld voraus.
Wissenschaftliche Forschung, Studium und Lehre werden immer von Menschen betrieben, in aller Regel im Zusammenwirken mit anderen Personen und innerhalb bestimmter Einrichtungen oder Organisationen. Keine einzelne Wissenschaft oder Teildisziplin wird isoliert betrieben, alle sind mit anderen Disziplinen mehr oder minder eng verflochten. Um eine Wissenschaft wie die Psychologie und die Methodik ihrer Forschung kennen zu
Kasten 1.5: Aufgaben einer Universität
»Die Universitäten dienen der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie der Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung, Lehre, Studium, Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und Wissenstransfer (insbesondere wissenschaftliche Weiterbildung, Technologietransfer). Sie bereiten auf berufliche Tätigkeiten im In- und Ausland vor, die die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden erfordern …« (§ 3, Abs. 1, Gesetz über die Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen vom 31. Oktober 2006, Stand: 15.06.2013)lernen, wollen wir deshalb auch die Position, die sie im Gefüge der anderen Wissenschaften hat, und die Einrichtungen, in denen sie betrieben wird, betrachten.
Die Universitäten haben die Aufgabe, die Wissenschaften zu pflegen und weiterzuentwickeln, ein Beispiel für die entsprechenden hochschulgesetzlichen Vorschriften gibt Kasten 1.5. In Deutschland sind Universitäten in der Regel Einrichtungen des jeweiligen Bundeslandes. Sie werden von ihm finanziert und unterliegen der Rechtsaufsicht des zuständigen Ministeriums, meist auch der Fachaufsicht in personal- und haushaltsrechtlichen Fragen. Ansonsten haben die Hochschulen je nach Bundesland unterschiedlich ausgeprägte Freiheiten, über Schwerpunkte und Organisation ihrer Arbeit selbst zu bestimmen.
Die Professoren sind in der Regel Beamte des Landes. Sie müssen die mit ihrer Professur verbundenen Aufgaben in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung mit vollem Einsatz erfüllen, können aber die Inhalte und Methoden ihrer Forschung und Lehre selbständig bestimmen. Diese grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit (Kasten 1.6) wird auch dadurch gewährleistet, dass die Professoren und in etwas geringerem Ausmaß auch die anderen Hochschulmitglieder (Studierende und Beschäftigte) die Arbeit der Hochschule über zahlreiche Funktionen, Gremien und Kommissionen wesentlich mitbestimmen können.
»Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.« (Grundgesetz Artikel 5, Absatz 3, Stand November 2012)
In allen Bundesländern wird eine Universität von einem Präsidium oder einem Rektorat geleitet, mit dem Präsidenten bzw. Rektor an der Spitze, seinen Stellvertretern und dem Kanzler, der die Verwaltung leitet.5 Gewählt und kontrolliert wird die Hochschulleitung je nach Landesvorschriften vom Senat und/oder vom Hochschulrat, dem stets auch außeruniversitäre Personen angehören.
Die wissenschaftlichen Aufgaben einer Universität in Lehre und Forschung werden durch und in den Fachbereichen (häufig Fakultäten genannt) erfüllt. Unterstützt werden sie durch zentrale Einrichtungen wie Bibliothek, Rechenzentrum, Hochschulsport usf. Verantwortlich für die sachgerechte Verteilung von Räumen und Haushaltsmitteln und die ordnungsgemäße Durchführung der Studiengänge sind der Fachbereichsrat, in dem auch die Studierenden vertreten sind, und die Fachbereichsleitung mit dem Dekan, seinen Stellvertretern (Prodekanen) und oft einem Studiendekan. Die Fachbereiche gliedern sich meist in fachspezifische Institute mit einer bestimmten Anzahl an Professuren, zu denen in der Regel ein Sekretariat und mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter gehören und die eine oder mehrere Teildisziplinen (z. B. Entwicklungspsychologie und/oder Pädagogische Psychologie) vertreten.
An einigen Universitäten (z. B. Bonn) gehört die Psychologie in traditioneller Weise zur Philosophischen Fakultät. An anderen Universitäten ist sie entsprechend ihrer fachlichen Orientierung den Naturwissenschaften zugeordnet (z. B. Leipzig) oder mit den Erziehungs- oder Sportwissenschaften zusammengefasst (z. B. Hamburg). An einigen größeren Standorten sind die psychologischen Professuren auf mehrere Institute aufgeteilt (z. B. Dresden) oder bilden einen eigenen Fachbereich (z. B. Marburg).
Psychologisch ausgerichtete Professuren oder Institute finden sich auch an anderen Fachbereichen oder Fakultäten und vertreten dort beispielsweise Medizinische Psychologie (für die ärztliche Ausbildung), Erziehungspsychologie (für Lehramtsstudiengänge), Sport- und Wirtschaftspsychologie.
Psychologische Forschung findet außerdem an außeruniversitären Forschungseinrichtungen statt, die allerdings nicht spezifisch auf die Psychologie ausgerichtet sind, sondern auf verwandte Fachgebiete. Zu nennen sind vor allem die Max-Planck-Institute für Bildungsforschung (Berlin), Psycholinguistik (Nijmwegen), evolutionäre Anthropologie (Leipzig) und Kognitions- und Neurowissenschaften (Leipzig) sowie die Leibniz-Institute für Wissensmedien (Tübingen), Pädagogische Forschung (Frankfurt) und Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (Kiel). Die Max-Planck-Institute dienen der herausgehobenen Grundlagenforschung, die Leibniz-Institute widmen sich besonders der Verbindung zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Die Leiter dieser Forschungsinstitute sind in der Regel nebenamtlich an einer Universität tätig, die wissenschaftlichen Mitarbeiter sind häufig Promovenden, Habilitanden oder nebenamtliche Dozenten an der Universität.
Sowohl an Universitäten wie an außeruniversitären Forschungsinstituten arbeitet die Psychologie in der Forschung häufig eng mit anderen Disziplinen zusammen. Dabei hat die Psychologie sich zu einer besonders einflussreichen Drehscheibenwissenschaft (hub science) entwickelt, deren Beiträge von vielen anderen Disziplinen aufgegriffen werden.6 Dies gilt insbesondere für Teile der Erziehungs- und Sportwissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften (behavioral economics/finance), der Medizin sowie der Neurowissenschaften (behavioral/cognitive neuroscience). Umgekehrt profitiert natürlich die Psychologie von den Erkenntnissen anderer Disziplinen wie der Neurobiologie und der Mathematik.
Zur interdisziplinären Forschung gehören zum einen relativ umgrenzte Forschungsbereiche wie die Jugendkriminalität, die z. B. gemeinsam mit den Rechts- und Erziehungswissenschaften erforscht werden kann, oder die Modellierung von Entscheidungsprozessen, an der beispielsweise auch die Wirtschaftswissenschaften großes Interesse haben. Zum anderen haben sich mehrere übergreifende Wissenschaften etabliert, die unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen (bzw. jeweils bestimmte Teile von ihnen) fest zusammengeführt haben. Die Psychologie trägt wesentlich vor allem zu zwei derartigen integrativen Disziplinen bei:
• Die Kognitionswissenschaft (cognitive science) umfasst neben der Kognitionspsychologie (Psychologie der Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken usf.) insbesondere Teile von Informatik, Neurobiologie, Philosophie und Linguistik.
• Die Gesundheitswissenschaft (public health) umfasst neben der Klinischen und Gesundheitspsychologie Teile von Biologie, Demographie, Epidemiologie, Medizin, Ökonomie, Pädagogik, Pflegewissenschaft, Politologie und Soziologie.
Was eine wissenschaftliche Disziplin ausmacht, ist wesentlich davon bestimmt, wie sie sich entwickelt hat und durch welche Paradigmen sie gekennzeichnet ist. Der Begriff des Paradigmas wird dabei im Sinne von Thomas Kuhn verwendet und bezeichnet die von den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft geteilten Grundüberzeugungen.7
Auf Grund historischer und soziologischer Analysen ist Kuhn zu der Überzeugung gelangt, dass wissenschaftliche Entwicklung keineswegs nur ein dauernder schrittweiser Wachstumsprozess ist, d. h. anders als allgemein angenommen nicht nur im beständigen Anhäufen und Zusammenfügen von immer neuen Fakten, Theorien und Methoden besteht.
Die reifen klassischen Naturwissenschaften wie Physik und Chemie sind vielmehr durch einen wiederholten Wechsel zweier grundsätzlich verschiedener Arten von Entwicklungsperioden gekennzeichnet: der normalen, durch ein vorherrschendes Paradigma geleiteten Wissenschaft und der revolutionären Wissenschaft, in der ein Paradigma durch ein anderes ersetzt wird (Kap. 1.2.1).
Andere, weniger etablierte Wissenschaften wie die Psychologie werden nicht jeweils über längere Zeit durch ein einziges Paradigma beherrscht. Sie sind vielmehr dadurch gekennzeichnet, dass verschiedene wissenschaftliche Gemeinschaften weitgehend parallel arbeiten, deren Forschung jeweils durch ein anderes Paradigma geleitet wird (multiparadigmatische Forschung). Wichtige Paradigmen der Psychologie werden im Kapitel 1.2.2 beschrieben, die in ihnen verwendeten Methoden in Kapitel 1.2.3.
Die normalwissenschaftliche Forschung wird stets durch bestimmte Grundüberzeugungen geleitet, die von den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft in der Regel nicht in Frage gestellt werden (Kasten 1.7a).
a) Normalwissenschaft
• Die normale Wissenschaft kann man »als einen rastlosen und hingebungsvollen Versuch beschreiben, die Natur in die von der Fachausbildung gelieferten Begriffsschubladen hineinzuzwängen« (Kuhn, 1981, S. 19).
• »Die normale Wissenschaft als die Betätigung, mit der die meisten Wissenschaftler zwangsläufig fast ihr ganzes Leben verbringen, gründet auf der Annahme, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft weiß, wie die Welt beschaffen ist. Viele Erfolge der Unternehmung gehen darauf zurück, dass die Gemeinschaft bereit ist, diese Annahme zu verteidigen, eventuell sogar mit beträchtlichem Aufwand« (a.a.O., S. 19–20).
b) Wissenschaftliche Gemeinschaft
• Wissenschaftliche Gemeinschaften sind Gruppen von spezialisierten Fachleuten, »durch welche die Wissenschaft in den verschiedenen Perioden gefördert wird«, die »als jene Einheiten angesehen werden sollen, die die wissenschaftliche Erkenntnis hervorbringen« (Kuhn, 1974, S. 245).
• Für jede dieser Spezialistengruppen »gibt es gemeinsame Elemente in ihrer Erziehung und Bildung; … (und) bezeichnend ist für sie die relative Vollständigkeit der professionellen Kommunikation und die relative Einstimmigkeit des professionellen Urteils« (a.a.O.).
Jede wissenschaftliche Gemeinschaft umfasst eine Menge von Personen, die eine bestimmte Thematik in bestimmter Weise erforscht (Kasten 1.7b). Um die gegenwärtigen Mitglieder einer konkreten wissenschaftlichen Gemeinschaft zu identifizieren, kann man zum Beispiel betrachten, welche Personen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zitiert werden, sich ihre neuesten Manuskripte regelmäßig zusenden, die gleichen Kongressvorträge besuchen, als Gutachter für Forschungsprojekte, Publikationen, Habilitationen oder Berufungen bestellt werden.
Je nach Wahl der konkreten Kriterien können unterschiedlich große und spezialisierte wissenschaftliche Gemeinschaften identifiziert werden, beispielsweise von der großen Gruppe der Personen, die kognitivistische psychologische Forschung im Allgemeinen betreibt, bis zur sehr viel kleineren Teilgruppe, die den Abruf autobiographischer Gedächtnisinhalte bei Jugendlichen untersucht. Einzelne Personen können auch verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften angehören.
Die Grenzen einer konkreten wissenschaftlichen Gemeinschaft sind immer fließend und unscharf, denn bei etlichen Personen hängt die Zugehörigkeit von der Wahl der Kriterien oder des Zeitpunktes ab. Es gibt jedoch für jede interessierende wissenschaftliche Gemeinschaft einige Personen, die mit großer Sicherheit zu ihr gehören. Deshalb können wir über wissenschaftliche Gemeinschaften sprechen, auch wenn ihre genaue Zusammensetzung unbestimmt bleibt.
Ein Paradigma bezeichnet die allgemein akzeptierten Prinzipien, die die normalwissenschaftliche Forschung in einer wissenschaftlichen Gemeinschaft leiten (Kasten 1.8). Jedes Paradigma hat zwei Komponenten: die disziplinäre Matrix und die exemplarischen Anwendungen. Alle von den Mitgliedern dieser wissenschaftlichen Gemeinschaft geteilten Grundüberzeugungen und Verpflichtungen (commitments) bilden die disziplinäre Matrix, d. h. den Grundstock oder die Prägeform des Fachgebiets. Zu ihr gehören grundlegende Begriffe und Definitionen, zentrale Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge und akzeptierte empirische Vorgehensweisen. Annahmen über den Einfluss des Unbewussten auf die Entwicklung des Menschen beispielsweise gehören zur disziplinären Matrix des tiefenpsychologischen Paradigmas (Kasten 1.11b), spielen in den anderen Paradigmen aber keine Rolle.
• Ein Paradigma »sagt dem Wissenschaftler, welche Entitäten es in der Welt gibt und welche nicht, und wie sie sich verhalten. Durch diese Information entsteht eine Landkarte … Und da die Natur viel zu komplex und vielfältig ist, um auf gut Glück erforscht zu werden, ist diese Landkarte genauso wichtig für die kontinuierliche Weiterentwicklung der Wissenschaft wie Beobachtung und Experiment« (Kuhn, 1981, S. 121).
• Ein Paradigma zwingt die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft, »ein Teilgebiet der Natur mit einer Genauigkeit und bis zu einer Tiefe zu untersuchen, die sonst unvorstellbar wären« (a.a.O., S. 38.).
• Solange ein »Paradigma erfolgreich ist, hat die Fachwissenschaft Probleme gelöst, die sich ihre Mitglieder kaum hätten vorstellen können und niemals in Angriff genommen hätten ohne die Bindung an das Paradigma« (a.a.O., S. 39).
Der zweite wichtige Bestandteil jedes Paradigmas sind die beispielhaften und vorbildlichen Anwendungen und Problemlösungen (exemplars) wie man sie üblicherweise in Lehrbüchern dargestellt findet, für das kognitionspsychologische Paradigma etwa die Untersuchung von Strategien beim Problemlösen mit der Methode des lauten Denkens (Newell & Simon, 1972, Kasten 1.11e). In diesen Beispielen kommt alles zum Ausdruck, was zu einem Paradigma gehört: die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft anerkannten Theorien, die als erfolgreich bewerteten Anwendungen dieser Theorien, Festlegungen von Hilfsmitteln, Apparaturen, Untersuchungsmethoden und Begriffsbildungen.
Erworben wird die einheitliche Sichtweise eines Paradigmas während der wissenschaftlichen Ausbildung: durch die Inhalte der Lehrveranstaltungen, durch die Bewertungen von Abschlussarbeiten sowie durch die Begutachtung von Veröffentlichungen und Forschungsanträgen. Während dieser langen Sozialisation neuer oder künftiger Mitglieder werden diese immer wieder mit typischen Problemen und akzeptierten Lösungen konfrontiert. Sie erwerben damit ein oft implizites, intuitives Wissen über Theorien, Methoden und Normen, das dazu führt, dass sie Situationen in ähnlicher Weise sehen und Probleme in ähnlicher Weise angehen wie die anderen Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft. »Wenn der Wissenschaftler ein Paradigma erlernt, erwirbt er sich Theorien, Methoden und Normen, gewöhnlich in einer unentwirrbaren Mischung« (Kuhn, 1981, S. 122).
Die Bestandteile eines Paradigmas sind nirgendwo vollständig niedergeschrieben und über sie wird kaum offen kommuniziert. Oft sind paradigmatische Annahmen den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft überhaupt nicht bewusst und müssen erst rekonstruiert werden. Trotzdem verhalten sie sich so, als hätten sie beschlossen, das Paradigma als Basis ihres wissenschaftlichen Denkens und Handelns zu akzeptieren und nicht in Frage zu stellen.
Die normalwissenschaftliche Forschung trägt ganz wesentlich zur Fortentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis bei, indem die interessierenden Phänomene auf der Basis des Paradigmas umfassend beschrieben und einheitlich erklärt werden (Kasten 1.7a). Zum einen lässt jedes Paradigma die Probleme klar erkennen, die mit seinem Instrumentarium erfolgreich zu bearbeiten sind. Zum anderen lassen sich aus der disziplinären Matrix und den exemplarischen Anwendungen Hinweise ableiten, die die Lösung von Problemen zumindest erleichtern.
Selbstverständlich treten bei paradigmengeleiteten Forschungen auch Ergebnisse auf, die den Erwartungen eindeutig widersprechen. Durch diese sog. Anomalien wird die wissenschaftliche Gemeinschaft mit der Aufgabe konfrontiert, ihre theoretischen Vorstellungen so abzuändern, dass sie auch diese
Kasten 1.9: Anomalien
• Theorie- und hypothesenkonträre Befunde führen die Forscher zu der »Erkenntnis, dass die Natur in irgendeiner Weise die von einem Paradigma erzeugten, die normale Wissenschaft beherrschenden Erwartungen nicht erfüllt hat« (Kuhn, 1981, S. 66).
• Wissenschaftler verwerfen (falsifizieren) niemals ihre Theorien, »wenn sie mit Anomalien konfrontiert werden, und seien diese auch noch so schwerwiegend und lange andauernd« (a.a.O., S. 90).
• »Wenn sie auch beginnen mögen, den Glauben zu verlieren und an Alternativen zu denken, so verwerfen sie doch nicht das Paradigma, das sie in die Krise hineingeführt hat« (a.a.O.).
• Gelingt die theoretische Beschreibung und Erklärung der empirischen Phänomene nicht, diskreditiert dies zunächst einmal nicht die Theorie, sondern nur den Wissenschaftler: »Das ist ein schlechter Zimmermann, der seinem Werkzeug die Schuld gibt« (a.a.O., S. 93).
Abweichungen von den ursprünglichen Erwartungen erklären kann. Dabei müssen insbesondere neue Begriffe und Zusammenhangsannahmen entwickelt werden. Erst wenn diese Anpassung erfolgreich abgeschlossen ist, stellt die Anomalie eine wirkliche Entdeckung in dem Sinne dar, dass man nicht nur bestimmte Beobachtungen hat, sondern diese auch in Begriffe fassen und in Theorien einordnen kann. Diese unerwarteten Befunde und theoretischen Modifikationen sind eine besonders wichtige Form des Erkenntnisfortschritts in normalwissenschaftlichen Phasen. Möglich wird sie aber erst dadurch, dass auf dem Hintergrund des Paradigmas ganz bestimmte Erwartungen erzeugt werden.
Nach den wissenschaftshistorischen Befunden Kuhns führen Anomalien in der Regel nicht dazu, dass Paradigmen von wissenschaftlichen Gemeinschaften in Frage gestellt werden. Angezweifelt werden allenfalls ihre Fähigkeiten, die paradigmatischen Erkenntniswerkzeuge richtig anzuwenden (Kasten 1.9). Wie systematische Beschreibungen empirischer Forschungsprozesse zeigen (Kap. 7.3), führen Anomalien, die trotz aller Bemühungen nicht sinnvoll durch theoretische Modifikationen innerhalb des Paradigmas aufgelöst werden können, regelmäßig dazu, dass die entsprechenden Sachverhalte aus dem interessierenden Anwendungsbereich der jeweiligen Theorie entfernt werden.
Wenn sich bedeutsame Anomalien mit den bestehenden Grundpositionen nicht in Einklang bringen lassen und wenn wichtige Probleme in der herrschenden Forschungstradition nicht gelöst werden können, kann das Paradigma in eine Krise geraten und die wissenschaftliche Gemeinschaft in eine Phase außerordentlicher Forschung eintreten. Anzeichen dafür sind:
• das Aufkommen konkurrierender, aber letztendlich nicht voll erfolgreicher Modifikationen der theoretischen Vorstellungen,
• die zunehmende Abkehr von den anerkannten Prinzipien der bisherigen normalwissenschaftlichen Forschung,
• das Aufkommen immer neuer spekulativer Theorien und
• die zunehmende Diskussion über sonst nicht angezweifelte Grundlagen der wissenschaftlichen Gemeinschaft.
Innerhalb des herrschenden Paradigmas kann eine derartige Krise beendet werden, indem doch noch eine befriedigende Lösung für die Anomalien und Probleme gefunden wird oder indem sie als gegenwärtig unlösbar zunächst beiseitegeschoben wird.
Die Wissenschaft kann aber auch einen gänzlich anderen Verlauf nehmen, wenn die ungelösten Probleme einen so großen Druck ausüben, dass ein neuer Paradigma-Anwärter in den Vordergrund rückt und immer breitere Anerkennung findet. Anders als jede Veränderung innerhalb des alten Paradigmas ist dies nicht mehr Teil des normalen wissenschaftlichen Entwicklungsprozesses, sondern eine Umwälzung, die einen völligen Neuaufbau des betreffenden Fachgebietes darstellt (Kasten 1.10a).
Die Standpunkte von Vertretern verschiedener Paradigmen sind in vielerlei Hinsicht nicht vergleichbar (inkommensurabel). Damit ist gemeint, dass Paradigmen in ähnlichem Sinne inkommensurabel sind wie verschiedene Sprachen: Übertragungen von Aussagen, sei es zwischen Sprachen oder Paradigmen, sind möglich, eine vollkommene Übersetzbarkeit ist aber nicht zu erreichen.
Diese nicht-kumulativen Entwicklungen, in denen ein älteres Paradigma ganz oder teilweise durch ein mit ihm nicht (voll) vergleichbares neues Paradigma ersetzt wird, werden wissenschaftliche Revolutionen genannt
a) Änderung der Sichtweisen
• »… während der Revolution sehen die Wissenschaftler neue und andere Dinge, wenn sie mit bekannten Apparaten sich an Stellen umsehen, die sie vorher schon einmal untersucht haben« (Kuhn, 1981, S. 123).
• »Wenn der Übergang abgeschlossen ist, hat die Fachwissenschaft ihre Anschauungen über das Gebiet, ihre Methoden und ihre Ziele geändert« (a.a.O., S. 98).
b) Parallelität von wissenschaftlichen und politischen Revolutionen
• »Bei der politischen und wissenschaftlichen Entwicklung ist das Gefühl eines Nichtfunktionierens, das zu einer Krise führen kann, eine Voraussetzung für die Revolution« (a.a.O., S. 104)
• »… da sie keinen überinstitutionellen Rahmen für die Beilegung der revolutionären Differenzen anerkennen, müssen die Parteien eines revolutionären Konfliktes letzten Endes zu den Methoden der Massenüberredung Zuflucht nehmen, die oft genug Gewalt einschließen« (a.a.O., S. 105–106).
c) begrenzte Rationalität
• »Es gibt keinen neutralen Algorithmus für die Theoriewahl, kein systematisches Entscheidungsverfahren, das bei richtiger Anwendung jeden einzelnen in der Gruppe zu derselben Entscheidung führen müsste« (Kuhn, 1981, S. 211).
• »Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist« (Planck, 1928, zit. nach Kuhn, 1981, S. 162).
(Kasten 1.10b).8 Mit dieser metaphorischen Bezeichnung für wissenschaftliche Umwälzungen betont Kuhn auch, dass die Entscheidung für ein neues Paradigma nicht ausschließlich durch sachliche Merkmale (z. B. eine höhere Genauigkeit oder eine breitere Anwendbarkeit) bedingt ist, sondern wesentlich auch durch irrationale, soziale Faktoren (Kasten 1.10c).
Dennoch verläuft die Wissenschaft selbst in einer revolutionären Phase durchaus vorhersagbar. Neue Paradigmen, Theorien und Begriffe sind in der Regel in die aktuelle Wissenssituation eingebettet, werden also durch vorhandene Paradigmen, Theorien und Begriffe sowie durch aktuell vorherrschende Techniken, geistige Strömungen und gesellschaftliche Bedingungen beeinflusst.
Die Psychologie ist eine typische multi-paradigmatische Wissenschaft. In ihrer Geschichte hat es nie ein einziges allein leitendes Paradigma gegeben, vielmehr war das Fach immer dadurch gekennzeichnet, dass es nebeneinander sehr unterschiedliche paradigmatische Zugangsweisen oder Schulen gab.9
Als bedeutsame psychologische Schulen oder Paradigmen identifiziert werden üblicherweise die Tiefenpsychologie, der Behaviorismus und der Kognitivismus, teilweise werden auch die Gestaltpsychologie sowie Psychophysik und Elementarpsychologie in der Tradition Fechners und Wundts als Paradigmen betrachtet.10 In den letzten Jahrzehnten hat sich außerdem die biologisch orientierte Psychologie mit mehreren wichtigen Teilgebieten zu einem paradigmatischen Ansatz entwickelt.11
Die Grundannahmen dieser sechs Paradigmen der Psychologie sind im Kasten 1.11 kurz zusammengefasst. Außerdem sind jeweils einige Personen aufgeführt, durch deren Ideen und Untersuchungen das Paradigma wesentlich geprägt ist.12
Innerhalb des kognitivistischen Paradigmas sind in Kasten 1.11e zwei Unterformen differenziert, die häufig vermengt werden. Auf der einen Seite beschäftigt sich die Kognitionspsychologie im speziellen mit Aufbau und Funktion des kognitiven Systems, d. h. wie wir beispielsweise Objekte erkennen oder Fremdsprachen erlernen. Die kognitive Psychologie im weiteren Sinne umfasst verschiedene Ansätze, in denen kognitionspsychologische Begriffe, Theorien und Befunde verwendet werden, um andere Arten von Sachverhalten zu erklären oder zu verändern, z. B. Gruppenkonflikte, Stressbewältigung oder Depression. Man spricht dementsprechend von kognitiver Sozialpsychologie, kognitiver Persönlichkeitspsychologie, kognitiver Verhaltenstherapie usf.
a) Psychophysik und Elementarpsychologie
Die Beziehungen zwischen elementaren Empfindungen und Leistungen sowie zu physikalischen und physiologischen Reizen können in kontrollierten Versuchsanordnungen (Experimenten) genau untersucht und mathematisch beschrieben werden.
• Ernst H. Weber (1795–1878): Proportionalität ebenmerklicher Unterschiede zur Reizgröße
• Gustav T. Fechner (1801–1887): Empfindungsgrößen als logarithmische psycho-physische Funktion der Reizgrößen
• Herrmann von Helmholtz (1821–1894): Physiologie des Hörens und Sehens
• Wilhelm Wundt (1832–1920): Identifikation und Analyse von nicht weiter zerlegbaren Elementen des Bewusstseins
• Herrmann Ebbinghaus (1850–1909): Ableitung logarithmischer Gedächtniskurven aus Selbst-Versuchen mit der Ersparnismethode
b) Tiefenpsychologie
Der unbewusste Bereich des Psychischen hat starken Einfluss auf die psychische Entwicklung der Menschen und ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Unbewusstes kann durch geeignete Methoden ins Bewusstsein gebracht werden, wodurch psychische Beeinträchtigungen verringert werden können.
• Sigmund Freud (1856–1939): Persönlichkeitsinstanzen (Es, Ich, Über-Ich) und Psychodynamiken (Triebentwicklungen, Konflikte und Lösungen, Psychoanalyse)
• Carl Gustav Jung (1875–1961): kollektives Unbewusstes (Analytische Psychologie)
• Alfred Adler (1870–1937): Gefühl der Organminderwertigkeit (Individualpsychologie)
c) Behaviorismus
Gegenstand der wissenschaftlichen Psychologie ist das beobachtbare Verhalten und seine Anpassung an die Umwelt ohne Bezug auf nicht beobachtbare Sachverhalte.
• John B. Watson (1878–1958): Erwerb emotionaler Reaktionen durch Klassische Konditionierung
• Burhus F. Skinner (1904–1990): Verhaltensteuerung durch Verstärkung und diskriminierende Hinweisreize (operante Konditionierung)
• Clark Hull (1884–1952): mathematisch formulierte Theorie zur Beziehung zwischen Trieb, Gewohnheit, Anreiz und Reaktionspotential (Neo-Behaviorismus)
d) Gestaltpsychologie
Wahrnehmung erfolgt nach bestimmten Prinzipien (Gestaltgesetze) in Gestalten, von denen die Bedeutung ihrer Elemente abhängig ist.
• Max Wertheimer (1880–1943): Formulierung von Grundprinzipien (»Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«), Analyse von Scheinbewegungen (Phi-Phänomene)
• Wolfgang Köhler (1887–1967): Annahme der Isomorphie (Strukturgleichheit) zwischen Erleben und Hirnprozessen, Analyse des Problemlösens bei Primaten (Lernen durch Einsicht),
• Kurt Lewin (1890–1947): Feldtheorie, Analyse von Konflikten und Gruppendynamiken
e) Kognitivismus
Kognitionspsychologie:
Mentale Phänomene und Prozesse (cognition, z. B. Wahrnehmung, Gedächtnis und Problemlösung) sind durch Symbol- und Informationsverarbeitung zu erklären (computational view).
• Herbert Simon (1916–2001) und Allen Newell (1927–1992): Untersuchung von Problemlösungsprozessen durch lautes Denken
• Ulric Neisser (1928–2012): ökologisch valide Gedächtnisforschung
• John R. Anderson (geb. 1947): umfassende Theorien (ACT) des deklarativen und prozeduralen Gedächtnisses
• David Rumelhart (1942–2011) und James McClelland (geb. 1948): Computermodellierung kognitiver Prozesse durch neuronale Netzwerke (PDP-Modelle)
Kognitive Psychologie:
Verhalten und Erleben erfolgt in Abhängigkeit von kognitiven Prozessen.
• Robert Zajonc (1923–2008): kognitive Theorien der Sozialpsychologie
• Albert Bandura (geb. 1925): sozial-kognitive Theorie der Persönlichkeit und Selbstregulation
• Bernard Weiner (geb. 1935): kognitive Grundlagen von Emotionen
• Heinz Heckhausen (1926–1988): Handlungsphasen und Bewusstseinslagen (Rubikontheorie)
f) Biologismus
Mentale Phänomene sind durch biologische, insbesondere evolutionäre, genetische und neuro-physiologische Strukturen und Prozesse zu erklären.
• Konrad Lorenz (1903–1989): Verhaltensforschung zu artenübergreifenden Anpassungsmechanismen (z. B. Prägungen, Auslösemechanismen)
• Kurt Gottschaldt (1902–1991): Zwillingsuntersuchungen zur Erklärung von Eigenschaften und Verhaltensweisen durch genetische und umweltbedingte Faktoren
• Benjamin Libet (1916–2007): elektrophysiologische Ableitungen (EEG) zur Differenzierung von bewusster Entscheidung und neuro-physiologischer Bereitschaft
• Endel Tulving (geb. 1927): Positronen-Emissions-Tomographie bei Abspeicherung und Abruf von episodischen Informationen
• Antonio Damasio (geb. 1944): Beziehungen zwischen Gehirnschädigungen und neuro-kognitiven Ausfällen
Das Aufkommen des Behaviorismus in der ersten und seine Ablösung durch den Kognitivismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben durchaus Ähnlichkeit mit wissenschaftlichen Revolutionen im Sinne Kuhns. Gegenwärtig wird die wissenschaftliche Psychologie von den kognitivistischen und biologistischen Paradigmen geprägt, zwischen denen bedeutsame Überschneidungen und Informationsflüsse bestehen und die möglicherweise zu einem einzigen psychologischen Paradigma zusammenwachsen. Das tiefenpsychologische Paradigma ist nur noch in Anwendungsbereichen wie der Psychotherapie und der Medizinischen Psychologie wirksam. Psychophysik, Elementar- und Gestaltpsychologie haben die gegenwärtige Psychologie stark mitgeprägt, sind selbst aber keine Paradigmen mehr.
Die in den vorangegangenen Abschnitten angesprochenen psychologischen Paradigmen sind nicht nur durch ihre Begriffe, Annahmen und Anwendungsgebiete gekennzeichnet, sondern auch durch die in ihnen angewandten oder bevorzugten Methoden, Methodiken und Methodologien und ihre erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen.
• Eine wissenschaftliche Methode ist eine konkrete Verfahrensweise, um in der Forschung ein bestimmtes Ziel zu erreichen, zum Beispiel ein psychophysisches Experiment zur Untersuchung der Auswirkung von Lärmbelastungen oder ein psychometrischer Test zur Erfassung der Intelligenz von Hochbegabten.
• Eine Methodik umfasst allgemeine Prinzipien und spezielle Varianten für eine bestimmten Klasse von Methoden, zum Beispiel die Experimentalmethodik mit verschiedenen Möglichkeiten zur Kontrolle von Störfaktoren (Kap. 12) oder die Testmethodik zur standardisierten Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen (Kap. 11).
• Eine Methodologie umfasst über die einzelnen Methodenklassen hinausgehende Prinzipien des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, zum Beispiel eine theoriegeleitete Forschungsstrategie (Kap. 6) oder eine konstruktivistische Begriffsinterpretation (Kap. 3.1).
Die Methodologien der psychologischen Forschung beruhen meist auf fachübergreifenden Methodologien, die in der Wissenschaftstheorie entwickelt und analysiert wurden. Die Wissenschaftstheorie ist eine Metawissenschaft, die sich Prinzipien, Zielen, Wegen und Ergebnissen der einzelnen Real- oder Substanzwissenschaften (wie Physik, Biologie oder Psychologie) widmet. Zum Gegenstandsbereich der Wissenschaftstheorie gehören Methodologien und Metatheorien.
• Wissenschaftsphilosophische Methodologien befassen sich mit Methoden und Vorgehensweisen der Einzelwissenschaften, beispielsweise der induktiven und der deduktiven Forschungsstrategien (Kap. 6).
• Wissenschaftsphilosophische Konzeptionen, die einzelwissenschaftliche, also etwa psychologische, biologische und physikalische Theorien analysieren, werden als Metatheorien bezeichnet (Kap. 7).
Ein weiteres wesentliches Unterscheidungsmerkmal verschiedener wissenschaftstheoretischer Ansätze besteht darin, dass die einen mehr normativ und aprioristisch vorgehen, die anderen dagegen quasi-empirisch.13
• Aprioristische Ansätze wollen Ziel, Aufgaben, Standards, Gesetze oder Regeln begründen, an denen die tatsächliche wissenschaftliche Arbeit und ihre Ergebnisse gemessen werden können und aus denen sich Empfehlungen für adäquate Vorgehensweisen ableiten lassen. Dazu gehören insbesondere die metatheoretischen Vorstellungen des Logischen Empirismus (Kap. 6.1) und die Falsifikationsmethodologie des Kritischen Rationalismus (Kap. 6.2).
• Quasi-empirische Wissenschaftstheorien basieren auf der Beschreibung und Analyse tatsächlicher erfolgreicher Forschungsabläufe wie beispielsweise Kuhns Konzept der wissenschaftlichen Paradigmen.
Die meisten wissenschaftlich tätigen Psychologen sind Empiriker. Im Unterschied beispielsweise zu Philosophen oder Literaturwissenschaftlern bewerten sie ihre Ideen nicht nur durch gründliches Überlegen oder Diskutieren. Vielmehr überprüfen sie ihre Hypothesen, Modelle und Theorien, indem sie aus ihnen Vorhersagen ableiten (deduzieren) und mit gezielt ausgewählten Erfahrungen (empirischen Daten) vergleichen. Dieses allgemein akzeptierte hypothetico-deduktive Verfahren kann als charakterisierendes methodologisches Merkmal der Forschungsparadigmen der heutigen Psychologie, als wesentlicher Bestandteil ihrer disziplinären Matrizen angesehen werden.14
Im Einzelnen umfassen die wissenschaftlichen Methoden der Psychologie Untersuchungs-, Erhebungs- und Auswertungsmethoden. Im Kasten 1.12 sind einige wichtige Methodenklassen mit Verweisen auf spätere Kapitel dieses Buches aufgeführt.
a) Untersuchungsmethoden nach Art der Fragestellung
• Zusammenhänge zwischen Merkmalen
– Beobachtungsstudien (Kap. 9.1)
– Interviews und Befragungen (Kap. 9.2)
– Korrelationen zwischen Variablen (Kap. 15.1)
– Vergleiche von vorgegebenen Gruppen (Kap. 14)
• Grundlagenwissenschaftliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge
– Experimente (mit Randomisierung der Personen) im Labor und »im Feld« (Kap. 12)
• Evaluationen und andere anwendungsnahe Ursache-Wirkungsanalysen
– Quasi-Experimente (Kap. 13)
– Multivariate Struktur- und Wirkungsmodelle (Kap. 15.3)
• Simulationen von psychischen und sozialen Prozessen
b) Erhebungsmethoden nach Art der Merkmale
• standardisierte Erfassung objektiver Merkmale
– physikalische, z. B. Reaktionszeit, Spannungsänderung (EEG)
– physiologische, z. B. Durchblutung (PET, MRT)
– behaviorale, z. B. Verhaltenshäufigkeiten, Redezeiten
– individuelle oder sozio-demographische, z. B. Kinderzahl, Beruf
• standardisierte Einschätzung von subjektiven Merkmalen (Kap. 10)
– anderer Objekte, z. B. Kompetenz von Politikern
– eigene Person, z. B. Lebenszufriedenheit
• standardisierte Testung (Kap. 11)
– von Leistungen, Fähigkeiten oder Fertigkeiten
– von Persönlichkeitsmerkmalen und Einstellungen
c) Statistische Auswertungsmethoden
• Beschreibung von Untersuchungsergebnissen (deskriptive Statistik), insbesondere
– absolute und relative Häufigkeiten (Kap. 8.2.3)
– Mittelwerte, Varianzen (Kap. 8.1)
– standardisierte Mittelwertsdifferenzen (Kap. 8.2.2)
– Assoziation kategorialer Variablen (Kap. 8.2.1)
– einfache und multiple Korrelation quantitativer Variablen (Kap. 8.2.1)
• Prüfung von Hypothesen (Inferenzstatistik) mit
– Signifikanztests: Prüfung auf Abweichung von Zufälligkeit (Kap. 8.3) und
– Effektgrößen: Größe des Zusammenhangs bzw. der Unterschiedlichkeit (Kap. 8.2)
• als Basis für Entscheidung über wissenschaftliche Fragestellungen (Kap. 8.5)
Seit Begründung der wissenschaftlichen Psychologie durch die psychophysischen und elementarpsychologischen Arbeiten von Fechner, Wundt und Ebbinghaus ist die psychologische Forschung durch kontrollierte Laboruntersuchungen, quantitative Messungen und mathematische Auswertungen gekennzeichnet. Wir werden uns deshalb in diesem Buch auf diese wichtigsten Methodenklassen konzentrieren und uns gründlich mit den Methodiken des psychologischen Messens und Testens, der psychologischen Experimente und der statistischen Auswertung und Hypothesenprüfung beschäftigen. Aus ihnen heraus haben sich auch entsprechende Methodiken für anwendungsnahe Untersuchungen außerhalb des Labors entwickelt; insbesondere für die Evaluation der Wirksamkeit von Maßnahmen in den Bereichen Erziehung und Bildung, Beratung und Therapie, Kommunikation, Wirtschaft und Politik.
Darüber hinaus sind die verschiedenen psychologischen Paradigmen und Forschungsprogramme aber noch durch spezifische Methodiken gekennzeichnet, die wir hier nicht im Einzelnen betrachten können, z. B. physiologische Ableitungen und bildgebende Verfahren sowie Modellierungen und Simulationen.15
Eine Sonderstellung unter den Untersuchungsmethoden nehmen die sog. qualitativen Methoden ein. Die Bezeichnung von Methoden als qualitativ bedeutet keineswegs, dass sie eine besonders hohe Qualität haben. Die Bezeichnung bezieht sich darauf, dass Daten verwendet werden, die nicht quantitativ (d. h. numerisch) sind, sondern qualitativ im Sinne von nominal, kategorial oder verbal-beschreibend.
Qualitativ orientierte Forschungsgruppen verzichten weitgehend auf die ansonsten vorherrschenden Experimente, Messungen und Statistiken. Stattdessen werden Studien mit einzelnen oder wenigen Personen bevorzugt. Je nach Fragestellungen werden dabei möglichst umfassend biographische Daten zusammengestellt, Verhaltensweisen und Interaktionen aufgezeichnet oder Gesprächsäußerungen protokolliert. Die zentrale Rolle bei der Auswertung dieser umfangreichen Informationen spielt die hermeneutische, einfühlende, verstehende Interpretation.16
Nahezu ausschließlich auf qualitative Methoden stützen sich die tiefenpsychologischen bzw. psychoanalytischen Forschungsprojekte und -programme, die vor allem in medizinischen und pädagogischen Bereichen durchgeführt werden.17 Ansonsten werden qualitative Methoden vor allem bei der Interpretation von unstandardisierten Befragungen eingesetzt (Kap. 9.2). Sie können auch mit quantitativen Methoden kombiniert werden (sog. mixed methods). Insgesamt sind qualitative Methoden aber in der wissenschaftlichen Psychologie deutlich randständiger geblieben als beispielsweise in der Soziologie und den Erziehungswissenschaften.
Für jede wissenschaftliche Untersuchung müssen bestimmte Untersuchungs-, Erhebungs- und Auswertungsverfahren ausgewählt werden. Dabei sind sehr grundsätzliche Entscheidungen zu treffen (z. B. zwischen einem Laborexperiment und einer Beobachtung in gewohnter Umgebung), aber auch viele Einzelfragen zu beantworten (z. B. ob den Probanden eine bestimmte Frage gestellt wird oder nicht). Jede methodische Festlegung sollte so getroffen werden, dass die Untersuchungsergebnisse eine möglichst gute (valide) Grundlage für die richtige Beantwortung der Forschungsfragestellung sind (Kap. 2).
Die Forschungspraxis verlässt sich bei der Gestaltung der Untersuchungen allerdings der Einfachheit halber meist auf Erfahrungen aus paradigmatischen und anderen vorangegangenen Untersuchungen in dem betreffenden Forschungsbereich, so dass innerhalb jedes Paradigmas und Forschungsprogramms bestimmte Untersuchungstechniken, Erhebungsverfahren und Auswertungsmethoden schnell zum aktuellen und akzeptierten Standard werden. Außerdem hängen die ausgewählten Vorgehensweisen natürlich stark vom Stand der technischen Entwicklung ab.
Über die Zeit betrachtet kann man dabei deutliche Moden und Trends erkennen, nicht selten auch Wellen oder Kreisbewegungen. So sind kontinuierliche Messungen zahlreicher Variablen und die komplexe Modellierung umfänglicher Datensätze in letzter Zeit erheblich erleichtert worden, wodurch das Interesse an breit angelegten Einzel- und Verlaufsstudien unter natürlichen Lebensbedingungen wieder zugenommen hat. Eine wesentliche Aufgabe der Methodik der psychologischen Forschung besteht darin, diese Konventionen zu hinterfragen und gegebenenfalls für eine Veränderung zu plädieren, beispielsweise indem auf die Vorteile kontrollierter Untersuchungsbedingungen und gezielter Hypothesenprüfungen hingewiesen wird.
Die von Kuhn eingeführten Konzepte paradigmengeleiteter und revolutionärer Forschungsphasen sind von Imre Lakatos (1982a) in seiner Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme weiterentwickelt und präzisiert worden (Kap. 1.3.1).18 Forschungsprogramme sind ähnlich wie Paradigmen durch bestimmte Grundannahmen gekennzeichnet, die nicht zur Disposition stehen, sie haben aber nicht unbedingt eine beherrschende Stellung. Forschungsprogramme können von sehr unterschiedlicher Ausrichtung, Größe und Dauer sein und sind typischerweise mit anderen Forschungsprogrammen verknüpft (Kap. 1.3.2). Kleinere Forschungsprogramme gehen ohne klare Abgrenzung in Forschungsprojekte über (Kap. 1.3.3).
Entscheidend für die Charakterisierung eines Forschungsprogramms im Sinne von Lakatos ist sein harter Kern. Er umfasst die Annahmen und Aussagen, die infolge der (impliziten) methodologischen Festlegungen der Vertreter des Programms »unwiderlegbar« sind, das heißt die trotz aller eventuellen Gegenevidenzen nicht aufgegeben werden. Das Risiko der empirischen Prüfung und Widerlegung tragen allein die Aussagen außerhalb des harten Kerns, die als Schutzgürtel von Hilfshypothesen bezeichnet werden.
Über die Zeit betrachtet besteht ein Forschungsprogramm nach Lakatos aus einer Reihe T1, T2, T3, … von aufeinander aufbauenden Theorieformen, jeweils gemeinsam mit ihren Hilfshypothesen, Anfangsbedingungen usw. Jedes neue Element einer derartigen Theorienreihe entsteht als Reaktion auf eine Anomalie, d. h. auf einen empirischen Befund, der mit der gerade betrachteten Theorieform nicht vereinbar ist, indem man an ihrer Peripherie neue Annahmen hinzufügt oder alte Aussagen abändert, um sie an die Anomalie anzupassen.
Solange sich diese peripheren Veränderungen auch in nachfolgenden Anwendungen bewähren, d. h. solange immer mehr empirische Befunde beschrieben und erklärt werden können, wird die Theorienreihe als progressiv und das Forschungsprogramm als erfolgreich bezeichnet. Es besteht dann kein Anlass, den harten Kern aufzugeben. Auf der anderen Seite wird eine Theorienreihe (und damit auch das Forschungsprogramm) als degenerativ bezeichnet, wenn theoriekonträre Befunde nicht mehr durch Modifikationen aufgefangen werden können oder wenn die eingeführten Modifikationen sich nachfolgend nicht bewähren und wieder zurückgenommen werden müssen.
Aufgegeben wird ein Forschungsprogramm nach Lakatos erst, wenn ein anderes mit größerem Erklärungspotential zur Verfügung steht. Allerdings ist es in den meisten Anwendungsfällen schwierig, eindeutig festzustellen, ob ein Forschungsprogramm progressiv oder degenerativ ist oder ob ein anderes gehaltvoller und damit fortschrittlicher im Sinne von Lakatos ist.19 Aber selbst ein Forschungsprogramm, das durch ein anderes überwunden scheint, kann durchaus ein »Comeback« erleben, falls später noch entsprechende erfolgreiche Veränderungen gefunden werden.
Lakatos begründet seine Methodologie durch gründliche wissenschaftsgeschichtliche Analysen, vor allem der Theorien von Kopernikus, Newton, Prout und Bohr, die er alle für Beispiele besonders erfolgreicher Forschungsprogramme hält (Kasten 1.13).
»Anfangs … versank … (das Programm) in einem Ozean von ›Anomalien‹ (oder … ›Gegenbeispielen‹) und stand im Gegensatz zu Beobachtungstheorien, die diese Anomalien unterstützten. Aber mit glänzender Zähigkeit und Erfindungskraft verwandelten Newtons Nachfolger ein Gegenbeispiel nach dem anderen in bewährende Instanzen, vor allem dadurch, dass sie die ursprünglichen Beobachtungstheorien über den Haufen warfen …« (Lakatos, 1974a, S. 130).
Nicht nur die bekannten Ansätze der klassischen Physik, sondern auch Theorien wie der Marxismus oder die Psychoanalyse Freuds können nach Lakatos als Forschungsprogramme charakterisiert werden. Sie sind zwar von Anfang an mit Problemen und Anomalien konfrontiert, doch haben alle von Lakatos positiv bewerteten Forschungsprogramme eines gemeinsam: »Alle sagen sie neue Tatsachen voraus, von denen man sich entweder vorher nie etwas hatte träumen lassen, oder die früheren oder konkurrierenden Programmen widersprechen« (1982a, S. 4).
Die Methodologie der Forschungsprogramme ist recht schnell für die Psychologie angepasst und angewendet worden.20 Herrmann (1976b, 1987, 1994) hat die Psychologie, unterlegt mit verschiedenen Beispielen aus ihrer Entwicklungsgeschichte, als Gefüge von gemeinschaftlichen Problemlösungsprozessen beschrieben, das heißt als Netzwerk von Forschungsprogrammen, die in vielfacher Weise miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind. Dabei wird deutlich, dass eine Wissenschaft auch andere Arten von Forschungsprogrammen umfasst als die von Lakatos analysierten Abfolgen von Theorieformen.
Forschungsprogramme und -prozesse können wir zunächst danach einteilen, ob sie eher grundlagenwissenschaftlich oder eher anwendungsorientiert sind (Kasten 1.14). Anwendungsorientierte Forschungsprogramme werden von Problemstellungen außerhalb der Wissenschaft angeregt und beeinflusst, beispielsweise aus Berufspraxis, Politik oder Wirtschaft. Eine Untergruppe von anwendungsorientierten Programmen zielt auf die Entwicklung oder Verbesserung von Techniken, andere Programme erheben und ordnen Informationen oder analysieren praktisch bedeutsame (Ursache-Wirkungs-)Zusammenhänge. Dazu gehören auch die Evaluation praktischer Maßnahmen sowie die Epidemiologie mit der Erforschung zu individuellen und sozialen Risikofaktoren für verschiedene Erkrankungen (Kap. 1.4).
Die grundlagenwissenschaftlichen Programme verfolgen das Ziel, Sachverhalte zu beschreiben, zu ordnen, zu verbinden und vor allem zu erklären. Dabei können theorie- und sachverhaltsbezogene Programme unterschieden werden.
In theoriebezogenen Forschungsprogrammen und -prozessen (Theorieprogramme) wird eine (quasi-paradigmatische) Theorie auf unterschiedliche empirische Sachverhalte angewendet, wobei (wie Lakatos beschrieben
a) grundlagenwissenschaftliche Programme
• sachverhaltsbezogen
– Genese, Formen und Therapie von Angstzuständen (Krohne, 2010)
– Bedingungen, Faktoren und Auswirkungen von Arbeitszufriedenheit (Fischer, 2006)
– Formen und Funktionen des autobiographischen Gedächtnisses (Pohl, 2007)
• theoriebezogen
– Theorie der Kognitiven Dissonanz (Mills & Harmon-Jones, 1999)
– Integrative Kognitionstheorie ACT-R (Anderson et al., 2004)
– Rubikon-Theorie der Handlungsphasen und Bewusstseinslagen (Gollwitzer, 2012b)
b) anwendungsorientiere Programme
• Entwicklung von Techniken
– Konstruktion eines Intelligenztests (Liepmann, Beauducel, Brocke & Amthauer, 2007)
– Strukturierung verhaltenstherapeutischer Raucherentwöhnung (Torchalla, Schröter & Batra, 2013)
• Erhebung und Ordnung von gesellschaftlichen und epidemiologischen Informationen
– Rechtsextreme Einstellung in Ost-Deutschland (Decker, Kiess & Brähler, 2013)
– Prävalenz von posttraumatischen Belastungsstörungen und Drogenkonsum bei Obdachlosen (Torchalla et al., 2014)
• Analyse von (kausalen) Zusammenhängen
– Verbesserung der Unterrichtsqualität durch Erhöhung der Lehrerprofessionalität (Helmke, 2014)
– Evaluation einer kognitiven Verhaltenstherapie von Schlaflosigkeit bei älteren und jüngeren Erwachsenen (Karlin, Trockel, Spira, Taylor & Manber, 2015)
hat) periphere Bestandteile der Theorie entsprechend der empirischen Befunde verändert werden können, während die Kernbestandteile der Theorie unverändert bleiben.
Vermutlich die meisten psychologischen Forschungsprogramme sind jedoch auf bestimmte Bereiche von Gegenständen oder Phänomenen gerichtet. Bei diesen sachverhaltsbezogenen Forschungsprogrammen (Sachprogramme) werden zur Beschreibung und Erklärung unterschiedliche Begriffe und Theorien herangezogen, während Untersuchungsbereiche und -fragestellungen im Kern unverändert bleiben.21
Als Beispiele für Forschungsprogramme mit konstanter Forschungsfrage, aber sukzessiv verschiedenen Beantwortungs- oder Erklärungsversuchen durch unterschiedliche theoretische Ansätze nennt Herrmann (1976) z. B. optische Täuschungen, Angst, Kreativität, Extraversion, Leistungsmotivation, soziale Kleingruppen, Stottern und Gedächtnis. Forschungsprogramme mit invarianten Theorieelementen und sukzessiv verschiedenen Anwendungsversuchen in unterschiedlichen Sachverhaltsgebieten sind für ihn die Gestaltpsychologie der Berliner Schule, die Verhaltenstheorie Skinners oder der kybernetisch-systemtheoretische Ansatz von Klix (1971).
In beiden Arten von Forschungsprogrammen werden Theorien mit empirischen Sachverhalten konfrontiert und je nach Ergebnis der entsprechenden Untersuchungen beibehalten oder modifiziert. Art und Ausmaß dieser Veränderungen werden auch durch persönliche Vorlieben, wissenschaftliche und gesellschaftliche Trends sowie Tauglichkeitsgesichtspunkte wie Neuigkeits- oder Anregungswert mitbestimmt.
Von einem Forschungsprojekt spricht man, wenn eine Person oder eine Gruppe von Personen eine bestimmte Fragestellung mit wissenschaftlichen Methoden bearbeitet. Forschungsprojekte sind häufig Teil langfristiger und breit angelegter Forschungsprogramme, können aber auch separat durchgeführt werden. Häufig sind Forschungsprojekte mit einem Qualifikationsziel (z. B. Promotion) verbunden oder umfassen verschiedene Abschlussarbeiten (z. B. eine Dissertation und mehrere Masterarbeiten).
Da die Forschung zu den wesentlichen Aufgaben einer Universität gehört, werden Forschungsprojekte grundsätzlich aus ihrem Haushalt finanziert, der Teil des Haushalts des betreffenden Bundeslandes ist. Insbesondere in den Naturwissenschaften reichen die vom Land zur Verfügung gestellten Mittel aber bei weitem nicht aus, um die Forschungsarbeiten durchzuführen, die von den wissenschaftlichen Mitgliedern der Universität erwartet werden. Es ist deshalb auch in der Psychologie seit einigen Jahrzehnten üblich, sogenannte Drittmittel einzuwerben, um zusätzliche wissenschaftliche Mitarbeiter und studentische Hilfskräfte für ein Forschungsprojekt einstellen zu können, um spezielle Geräte anzuschaffen oder Versuchspersonen zu bezahlen. Die für das Projekt notwendige Grundausstattung (Räume, Betriebskosten, Personalanteile usw.) müssen aber aus den verfügbaren Landesmitteln abgedeckt werden.
Der bedeutendste Drittmittelgeber ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die jährlich einige Milliarden Euro von Bund und Ländern für die Forschungsförderung erhält. Sie vergibt Forschungsmittel nur auf sorgfältig begründeten Antrag hin nach gründlicher und strenger Begutachtung durch mehrere Fachleute und Kommissionen. Die Ablehnungsquote liegt deutlich über 50 Prozent. Begutachtet werden sowohl Bedeutung und Erfolgsaussichten des beantragten Projekts als auch die Qualifikation der Antragsteller, die (außer bei Erstanträgen) im Wesentlichen auf Grund ihrer bisherigen Forschungsleistungen beurteilt wird. Wegen der hohen Vergabemaßstäbe ist die Gewährung von Drittmitteln durch die DFG nicht nur ein finanzieller Erfolg, sondern auch ein fachlicher Qualitätsnachweis. Deshalb ist die Höhe der bisher eingeworbenen DFG-Mittel ein wichtiges Kriterium bei der Besetzung von Professuren in der Psychologie, teilweise auch bei deren Bezahlung.22 Fachbereiche und Universitäten als Ganze werden häufig ebenfalls an der Summe der von ihnen eingeworbenen Drittmittel gemessen.23
Die DFG verfügt über ein sehr differenziertes Instrumentarium zur Forschungsförderung. Es reicht von Kongress-Stipendien und der Förderung von Einzelprojekten im Normalverfahren über Schwerpunktbereiche, Nachwuchs- und Forschergruppen bis hin zu Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereichen und Forschungszentren mit zahlreichen Antragstellern und umfassenden Themenstellungen.
