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Wie kommt es, dass heute die Hälfte der Menschheit in Städten lebt? Der Historiker Ben Wilson spannt einen faszinierenden Bogen von der Urgeschichte in die Zukunft, um diese Frage zu beantworten. Seine Reise beginnt 4.000 v. Chr. in Uruk, verläuft über die Zentren der antiken Welt Babylon, Athen und Rom, führt u. a. über Bagdad und Lübeck nach London, Paris, New York und Warschau und endet in Los Angeles und Lagos. Jede Stadt steht für einen bestimmten Aspekt, Lübeck etwa für Handel, Warschau für Zerstörung durch Krieg, Lagos für die Megacity der Zukunft. Farbig und detailreich erzählt Wilson vom Alltag der Menschen in der Stadt, vom Glanz der Villen und Boulevards, aber auch von denen, die in Schmutz und Elend gestrandet sind. Er beschreibt das bunte Treiben auf den Straßen und die Slums, erzählt von Seuchen und den ersten Wolkenkratzern, von der Industrialisierung und den Techparks des 21. Jahrhunderts. Denn bis heute verheißen die Städte Schutz und Wohlstand, Arbeit und Vergnügungen, Fortschritt und Konsum. Und so ziehen sie Milliarden Menschen an, trotz der Gefahr, im urbanen Strudel unterzugehen. Die Zukunft der Menschheit liegt in der Stadt – der größten Erfindung des Menschen. »Ben Wilson nimmt uns mit auf eine aufregende Reise durch mehr als zwei Dutzend Städte und Tausende von Jahren ... eine fesselnde Lektüre.« New York Times Book Review »Dieses Buch zu lesen ist wie der erste Besuch einer berauschenden Stadt – überwältigend, aufregend, manchmal beides gleichzeitig.« Wall Street Journal »Großzügig, unterhaltsam und reich an wundersamen Details.« Tom Holland, Literary Review
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Seitenzahl: 800
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ben Wilson
Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten
Wie kommt es, dass heute die Hälfte der Menschheit in Städten lebt? Der Historiker Ben Wilson spannt einen faszinierenden Bogen von der Urzeit in die Zukunft, um diese Frage zu beantworten. Seine Reise beginnt 4.000 v. Chr. in Uruk, verläuft über die Zentren der antiken Welt Babylon, Athen und Rom, führt u.a. über Bagdad und Lübeck nach Paris, New York und Warschau und endet in Lagos. Jede Stadt steht für einen bestimmten Aspekt, Lübeck etwa für Handel, Warschau für Zerstörung durch Krieg, Lagos für die Megacity der Zukunft. Farbig und detailreich erzählt Wilson vom Alltag der Menschen in der Stadt, vom Glanz der Villen und Boulevards, aber auch von denen, die in Schmutz und Elend gestrandet sind. Bis heute verheißen die Städte Schutz und Wohlstand, Arbeit und Vergnügungen. Und so ziehen sie Milliarden Menschen an, trotz der Gefahr, im urbanen Strudel unterzugehen.
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Ben Wilson, geboren 1980 in London, studierte Geschichte in Cambridge und lebt als freier Autor in Suffolk. Für seine früheren Bücher erhielt er in der englischen Presse große Resonanz, ebenso wie für die Originalausgabe von »Metropolis«. Er war häufig in TV und Rundfunk als Berater tätig und schreibt regelmäßig für die »Times« und den »Daily Telegraph«. Für seine große Geschichte der Stadt ist er einmal um die Welt gereist, um ein Gespür für die Orte zu bekommen, von denen er erzählt, für die untergegangenen ebenso wie für jene, in denen heute das Leben pulsiert. Denn Städte faszinieren Wilson nicht nur als Historiker - sie sind entscheidend für die Zukunft der Menschheit.
Irmengard Gabler war nach dem Studium der Anglistik und Romanistik in Eichstätt und London einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für romanische Literaturwissenschaft an der Universität Eichstätt tätig. Seit 1993 übersetzt sie Belletristik und Sachbücher aus dem Englischen, Französischen und Italienischen (u.a. Cristina Campo, Serena Vitale, Philippe Blasband, Christopher J. Sansom, John Dickie, Adam Higginbotham). Die Übersetzerin lebt in München.
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Erschienen bei S. FISCHER
Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Metropolis. A History of Humankind’s Greatest Invention« bei Jonathan Cape/Penguin Random House, London.
Copyright © Ben Wilson 2020
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2022 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg
Coverabbildung: Getty Images
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490729-1
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Das Jahrhundert der Metropolen
1 Morgendämmerung der Stadt
2 Garten Eden und Stadt der Sünde
3 Kosmopolis
4 Imperiale Metropole
5 Gastropolis
6 Kriegerische Städte
7 Weltmetropolen
8 Die gesellige Metropole
9 Die Pforten der Hölle?
10 Paris-Syndrom
11 Skyscraper Souls
12 Auslöschung
Wie man eine Stadt ermordet (1): Besatzung
Wie man eine Stadt ermordet (2): Bomben
Wie man eine Stadt ermordet (3): Der totale Krieg
Wie man eine Stadt ermordet (4): Genozid, Deportation, Plünderung und Vernichtung
13 Sound der Suburbs
14 Megacity
Anhang
Dank
Abbildungsnachweise
Erster Bildteil
Zweiter Bildteil
Personen- und Ortsregister
Bildteil 1+2
Einleitung
Am heutigen Tag ist die Stadtbevölkerung weltweit um fast 200000 Menschen gewachsen. Dasselbe geschieht morgen, übermorgen und immer so weiter. Im Jahr 2050 werden bereits zwei Drittel der Menschheit in Städten leben. Wir werden gerade Zeugen der größten Migrationsbewegung der Geschichte, Höhepunkt eines seit sechstausend Jahren währenden Prozesses, der uns bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu einer urbanisierten Spezies gemacht haben wird.[1]
Wie und wo wir künftig leben, ist eine der wichtigsten Fragen, die wir uns stellen können. Vieles von dem, was wir über Geschichte und Gegenwart wissen, erwächst aus der Erforschung dieser Thematik. Seit den ersten urbanen Siedlungen in Mesopotamien um 4000 v. Chr. fungieren Städte als gigantische Orte des Informationsaustausches; die dynamische Interaktion zwischen den Menschen in einer dicht gepackten Metropole hat Ideen und Techniken, Revolutionen und Innovationen hervorgebracht, die der Geschichte als Treibstoff dienen. Vor 1800 lebten allenfalls drei bis fünf Prozent der Weltbevölkerung in größeren Ballungszentren, doch hatte diese kleine Minderheit eine unverhältnismäßig große Wirkung auf die globale Entwicklung. Städte waren schon immer die Laboratorien der Menschheit, die Treibhäuser der Geschichte. Von der Stadt magisch angezogen – wie Woche für Woche Millionen von Menschen –, begann ich die Arbeit an Metropolen unter folgender Prämisse: Unsere Vergangenheit und unsere Zukunft sind auf Gedeih und Verderb mit der Stadt verbunden.
Ich widmete mich dieser umfangreichen, vielschichtigen und oft überraschenden Thematik zum Zeitpunkt einer spektakulären urbanen Renaissance, aber auch beispielloser Herausforderungen an das städtische Gefüge. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab die traditionelle Stadt eher Grund zum Pessimismus als zur Hoffnung; die alles verschlingende Industriemetropole sperrte ihre Menschen ein, vergiftete Körper und Geist und führte zum gesellschaftlichen Kollaps. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Reaktion auf die Schrecken der Industrialisierung in vollem Gange: Streuung, nicht Konzentration schien das Gebot der Stunde. Metropolen von Weltbedeutung wie New York und London erfuhren einen Bevölkerungsschwund. Autos, Telefone, billige Flugreisen, die reibungslosen Ströme von Kapital rund um den Planeten, und neuerdings das Internet erleichterten uns die Streuung, das traditionelle, dichte, intensive Stadtzentrum löste sich auf. Wer brauchte angesichts unbegrenzter virtueller sozialer Netzwerke schon urbane soziale Netzwerke? Die Innenstadt – die unter Kriminalitätsschüben und physischem Verfall litt – wurde von Gewerbegebieten auf der grünen Wiese, vom Universitätsgelände, dem Home-Office und den Einkaufszentren an den Rändern der Stadt überflüssig gemacht. Die letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts und die ersten Jahrzehnte dieses Jahrtausends stellen diese Prognosen jedoch auf den Kopf.
Vor allem in China erwachten mehrere alte Städte zu neuem Leben – und einige brandneue entstanden, befeuert von 440 Millionen Zuwanderern aus ländlichen Gebieten in drei Jahrzehnten und gekrönt von einer wahren Wolkenkratzer-Orgie. Überall auf der Welt forderten Städte ihre zentrale wirtschaftliche Position zurück. Statt die Streuung zu erleichtern, werden große und kleine Unternehmen, Start-ups und kreative Freiberufler von der Wissensindustrie und superschnellen Kommunikationstechniken dazu ermutigt, zu schwärmen wie die Bienen im Stock. Sobald findige Köpfe aufeinandertreffen, werden technologische, künstlerische und finanzielle Innovationen möglich: Die Menschen gedeihen, wenn sie ihr Wissen teilen, zusammenarbeiten und sich austauschen können – zumal an Orten, die den Informationsfluss erleichtern. Während Städte einst versuchten, große Produktionsbetriebe anzulocken oder einen Anteil am Welthandel zu ergattern, konkurrieren sie jetzt um kluge Köpfe.
Die Abhängigkeit von Humankapital und die ökonomischen Vorteile urbaner Dichte in postindustriellen Gesellschaften strukturieren die moderne Metropole neu. Erfolgreiche Städte sind in der Lage, ganze Wirtschaftssysteme zu verändern – wie das vielbeneidete, von Städten ausgehende Wirtschaftswachstum Chinas zeigt. Wann immer ein Gebiet seine Bevölkerungsdichte verdoppelt, wird es um zwei bis fünf Prozent produktiver: Die geballte Energie in den Städten sorgt bei uns für insgesamt mehr Wettbewerb und Initiative. Diese Kraft wird nicht nur von der Dichte, sondern auch von der Größe der Stadt verstärkt.[2]
Eine der maßgeblichsten Veränderungen, die den Planeten in den vergangenen drei Jahrzehnten bestürmt haben, ist die verstörende Art und Weise, wie große Metropolen sich von ihren Ländern lösen. Die globale Wirtschaft ist auf wenige Städte und Stadtregionen zugeschnitten: 2025 werden bereits 440 Städte mit einer Gesamtbevölkerung von 600 Millionen (sieben Prozent aller Menschen) für die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts verantwortlich sein. In vielen Schwellenmärkten produzieren einzelne Städte wie São Paulo, Lagos, Moskau und Johannesburg allein zwischen einem Drittel und der Hälfte des Wohlstands ihrer Nationen. In Lagos, das zehn Prozent der Gesamtbevölkerung Nigerias beherbergt, finden 60 Prozent der industriellen und kommerziellen Aktivitäten des Landes statt; würde die Stadt ihre Unabhängigkeit erklären und zum Stadtstaat werden, wäre sie der fünftreichste Staat in Afrika. In China generieren nur drei Megastädte 40 Prozent des gesamten Wirtschaftsertrags des Landes. Dieses Phänomen ist nicht neu. Wir beobachten gerade eine Rückkehr zu einer Situation, wie sie für den Großteil der Menschheitsgeschichte durchaus an der Tagesordnung war: die herausragende Rolle der Super-Metropole. Ob im alten Mesopotamien, im präkolumbischen Mesoamerika, während des Aufstiegs der griechischen polis oder zur Blütezeit mittelalterlicher Stadtstaaten, immer riss eine kleine Gruppe von Metropolen das Handelsmonopol an sich und schlug damit bloße Nationalstaaten aus dem Feld.
Nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschaft zeigt sich die gesamte Geschichte hindurch diese Divergenz zwischen maßgeblichen Städten und Staaten. Der Turboerfolg der Metropolen zieht Talente und Wohlstand aus weniger begünstigten Städten und Regionen ab; sie beherrschen die Kultur; und sie sind genau wie historische Städte mehr denn je durch eine Diversität gekennzeichnet, die nirgendwo sonst erreicht wird. In einigen der bedeutendsten Metropolen der Gegenwart beträgt der Anteil im Ausland geborener Einwohner 35 bis 50 Prozent. Jünger, gebildeter, reicher und kulturell vielfältiger als ihre jeweilige nationale Bevölkerung, haben Weltstädte mehr Gemeinsamkeiten untereinander. In vielen modernen Gesellschaften ist die tiefste Kluft nicht das Alter, die Rasse, Klasse oder der allgemeine Gegensatz zwischen Stadt und Land: Sie besteht zwischen den großen Metropolen auf der einen und den Dörfern, Stadträndern, Klein- und Mittelstädten auf der anderen Seite, die in der globalisierten Wissensökonomie abgehängt werden. Das Wort »Großstädter« suggeriert glanzvolle Möglichkeiten, steht aber auch für eine gewisse Art von Elitedenken – auf politischer, kultureller wie gesellschaftlicher Ebene –, das zunehmend in die Kritik gerät. Die Abneigung gegen die Großstadt ist natürlich nicht neu; wir haben uns im Laufe der Geschichte oft genug mit der Angst vor der zersetzenden Wirkung der Metropole auf unsere sittliche und geistige Gesundheit auseinandergesetzt.
Die erstaunlich rasche Verbreitung von Covid-19 seit Ende 2019 auf dem gesamten Planeten war ein düsterer Tribut an den Triumph der Stadt im 21. Jahrhundert; das Virus verbreitete sich über die komplexen sozialen Netzwerke – innerhalb der Städte und auch zwischen ihnen –, die sie so erfolgreich und so gefährlich zugleich machen. Wenn die Bewohner von Städten wie Paris oder New York in die scheinbare Sicherheit ländlicher Gebiete flüchteten, begegnete man ihnen dort oft mit Feindseligkeit; man hielt ihnen vor, sie schleppten die Krankheit ein und ließen außerdem ihre Mitbürger im Stich. Diese Gegenreaktion war eine Erinnerung an den Antagonismus zwischen Stadt und Nicht-Stadt, der sich durch die gesamte Geschichte zieht – Metropolen als privilegierte Orte und als Quellen der Ansteckung; Orte, die Glück verheißen, aus denen die Menschen jedoch fliehen, sobald Gefahr im Verzug ist.
Seuchen, Pandemien und Krankheiten verbreiteten sich über die Handelsrouten und wüteten seit den frühesten Städten erbarmungslos im dichtbesiedelten urbanen Raum. 1854 wurden sechs Prozent der Chicagoer Bevölkerung von der Cholera dahingerafft, was jedoch die Menschen nicht davon abhielt, weiterhin in Scharen in die Wundermetropole des 19. Jahrhunderts zu strömen; deren Einwohnerzahl, die zu Beginn der 1850er Jahre noch bei 30000 lag, schnellte rasant in die Höhe und hatte bis zum Ende des Jahrzehnts 112000 erreicht. Und so zeigt der Moloch Stadt auch in unserer Gegenwart keinerlei Anzeichen von Ermüdung, allen Pandemien zum Trotz; wir haben schon immer einen hohen Preis bezahlt, um die Vorzüge der Stadt wahrzunehmen, selbst wenn sich ihre Offenheit, Diversität und Dichte gegen uns wenden.
Anhand der Lichtspuren, die nachts die Erdoberfläche sprenkeln, lässt sich das Ausmaß unserer aktuellen Urbanisierung vom Weltraum aus erkennen. Diese Wiedergeburt ist aber auch aus der Straßenperspektive nicht zu übersehen. Nachdem viele Städte von der Mitte des 20. Jahrhunderts an bis zu dessen Ende gefährlich und etwas heruntergekommen waren, sind sie seither sicherer, anziehender, angesagter und teurer geworden, neu belebt durch eine bunte Mischung aus exklusiven Restaurants, Streetfood-Angeboten, Cafés, Galerien und Clubs. Gleichzeitig verspricht uns die digitale Revolution eine Menge neuer Technologien, die viele Nachteile des Stadtlebens tilgen werden, indem sie futuristische datengesteuerte »Smart Cities« schaffen: Mittels Millionen immanenter Sensoren kann Künstliche Intelligenz den Verkehrsfluss steuern, den öffentlichen Nahverkehr koordinieren, Verbrechen ausmerzen und Verschmutzung reduzieren. Städte sind wieder zu Orten geworden, die Menschen anziehen, anstatt sie zu vertreiben. Unsere aktuelle urbane Renaissance lässt sich unmittelbar in der rastlosen Stadtlandschaft ausmachen: in der Aufwertung heruntergekommener Viertel, in steigenden Mieten, umfunktionierten Gebäuden und der Armee von Wolkenkratzern, die nahezu überall wie Pilze aus dem Boden schießen.
Shanghai, bis in die frühen 1990er Jahre ein von Smog geplagtes »Dritte-Welt-Kaff« (Zitat aus einer Lokalzeitung), hat sich mit seinen schimmernden überdimensionierten Hochhäusern inzwischen zur Ikone der postindustriellen Großstadt-Revolution des 21. Jahrhunderts gemausert. Dem Beispiel Shanghais und anderer chinesischer Metropolen folgend, stieg seit der Jahrtausendwende der Bau von Wolkenkratzern weltweit um 402 Prozent, so dass sich die Gesamtzahl von über 150 Meter hohen Gebäuden mit mehr als vierzig Stockwerken binnen achtzehn Jahren von gut 600 auf 3251 erhöht hat; um die Mitte dieses Jahrhunderts dürften bereits 41000 solcher Hochhäuser die Städte der Welt dominieren. Die jähe Vertikalisierung der Stadtlandschaft findet rund um den Globus statt, in traditionell niedrig bauenden Metropolen wie London und Moskau ebenso wie in boomenden Städten wie Addis Abeba und Lagos. Sie alle eint ein beinahe zwanghaftes Bedürfnis, durch ihre Skyline die eigene Potenz zu propagieren.[3]
Obwohl unsere Städte in den Himmel schießen, beanspruchen sie gleichzeitig immer mehr Fläche. Die alte Trennlinie zwischen Stadtzentrum und Stadtrand ist aufgehoben. Viele Vorstädte sind ganz und gar nicht mehr die monolithischen, dumpfen Klischeeorte: Seit den 1980er Jahren sind sie zunehmend urbaner geworden, mit Arbeitsplätzen, größerer ethnischer Diversität, Straßenleben, Kriminalität und Drogenmissbrauch – haben also in anderen Worten viele der Tugenden und Laster der Innenstadt übernommen. Die traditionell kompakte Innenstadt, umgeben von einem Hinterland aus Vorstadtsiedlungen, hat sich losgerissen und schnell ausgebreitet. Metropolen, die ganze Regionen belagern, sind das Ergebnis. Die Grenze zwischen London und weiten Teilen Südostenglands ist wirtschaftlich gesehen kaum noch zu erkennen. Atlanta, Georgia, beansprucht etwa 5180 Quadratkilometer (zum Vergleich: Paris belegt 103 Quadratkilometer). Die größte Megalopolis der Welt, Tokio, packt 40 Millionen Menschen auf etwa 13570 Quadratkilometer. Und sogar dieser Koloss wird in den Schatten gestellt von Chinas geplanten Megametropolen wie Jing-Jin-Ji, ein Trio miteinander verknüpfter Städte, bestehend aus Peking/Beijing, Tianjin und Hebei (= ji), das 217560 Quadratkilometer belegen und 130 Millionen Menschen fassen soll. Wenn wir von der Metropole im 21. Jahrhundert sprechen, geht es nicht etwa um das Geschäftszentrum von Manhattan oder die Innenstadt von Tokio – wo in unserer Vorstellung klassischerweise Macht und Geld residieren –, sondern um riesige, eng vernetzte Regionen, in denen Städte mit anderen Städten verschmelzen.
Es ist leicht, sich vom glanzvollen Anblick dieser neuen durchsetzungsstarken Städte blenden zu lassen. Die Begeisterung für das vertikale Wohnen ist zum Privileg der Superreichen geworden; sie steht symptomatisch für die Sehnsucht, den unübersichtlichen, verstopften Straßen der Innenstadt zu entkommen und einen Zufluchtsort in den Wolken zu finden. Den Vereinten Nationen zufolge werden Slums und informelle Siedlungen, denen es an Annehmlichkeiten und grundlegender Infrastruktur fehlt, zur »dominierenden und charakteristischen Siedlungsform« der Menschheit. Die künftigen Lebensgewohnheiten der Mehrheit unserer Spezies werden demnach eher in den superdicht besiedelten, selbstorganisierten Barackenvierteln von Mumbai oder Nairobi sichtbar als in den gleißenden Geschäftszentren von Shanghai oder Seoul oder in der verschwenderischen Zersiedelung um Houston oder Atlanta. Heutzutage lebt eine Milliarde Menschen – einer von vier Großstädtern – in einem Slum, einer Barackensiedlung, Favela, einem Barrio, Township, einer Villa Miseria, einem Kampung, Campamento, Gecekondu oder wie solche ungeplanten, selbstgezimmerten Stadtgebiete auch immer heißen. Etwa 61 Prozent der Arbeitskräfte weltweit – zwei Milliarden Menschen – bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Schwarzarbeit in der Schattenwirtschaft, und viele von ihnen versorgen eine expandierende Stadtbevölkerung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Dieser Do-it-yourself-Urbanismus füllt die Lücken, die von Stadtverwaltungen hinterlassen werden, weil sie schlicht außerstande sind, den Zustrom von Neuankömmlingen zu bewältigen. Die Innovatoren der Wissensökonomie, die in den Zentren globaler Städte gedeihen, erhalten von uns viel Aufmerksamkeit. Doch es gibt andere Innovatoren – diejenigen, die ganz unten arbeiten –, die durch harte Arbeit und ihren Einfallsreichtum die Städte am Laufen halten.[4]
Die rasante Ausbreitung sowohl von Wolkenkratzern als auch von Barackensiedlungen läutet das gegenwärtige »urbane Jahrhundert« ein. Bewohner selbst der stressigsten Megastadt verdienen mehr, ermöglichen ihren Kindern eine bessere Bildung und genießen mehr materiellen Komfort als ihre Verwandtschaft auf dem Lande. In der ersten Generation von Migranten aus den ländlichen Gebieten in die Favelas von Rio de Janeiro lag die Analphabetenrate bei 79 Prozent; heute können 94 Prozent ihrer Enkelkinder lesen und schreiben. In subsaharischen Städten mit über einer Million Einwohnern ist die Säuglingssterblichkeit um ein Drittel niedriger als in kleineren Siedlungen. Nur 16 Prozent der indischen Mädchen zwischen dreizehn und achtzehn Jahren aus ländlichen Gebieten, deren Familien weniger verdienen als zwei Dollar am Tag, gehen zur Schule; in Hyderabad dagegen sind es 48 Prozent. Seit der halsbrecherischen Urbanisierung in China ist dort die Lebenserwartung um acht Jahre gestiegen: Wer in Shanghai lebt, hat Aussicht auf dreiundachtzig Lebensjahre, zehn Jahre mehr als in den ländlichen Provinzen im Westen des Landes.[5]
Unter den 200000 Menschen, die am heutigen Tag in eine Stadt gezogen sind, wollten viele der Armut auf dem Land entfliehen. Von ihren Parzellen vertrieben, bleibt ihnen nur die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt in der Stadt zu bestreiten. Städte bieten aber auch – immer schon – Chancen, wie es sie nirgendwo sonst gibt. Sie fördern Einfallsreichtum und Durchsetzungsvermögen. Schmutzige, unhygienische Slums in aufstrebenden Städten gehören zu den motivierendsten Orten auf dem Planeten. Gleichzeitig begünstigen sie raffinierte Netzwerke wechselseitiger Unterstützung, um die Unbilden und Strapazen eines Lebens in der Megastadt zu lindern. Einer der größten Slums in Asien, Dharavi in Mumbai, presst fast eine Million Menschen in eine Fläche von nur zwei Quadratkilometern. An die 15000 Mini-Werkstätten und Tausende Kleinstunternehmen erwirtschaften jährlich eine Milliarde Dollar. Unzählige Menschen sind daran beteiligt, die Unmengen von Müll zu recyceln, die von den über 20 Millionen Einwohnern Mumbais produziert werden. Trotz seiner enormen Dichte und der fehlenden Polizeikontrolle (oder anderer grundlegender Dienstleistungen) ist Dharavi, wie andere indische Megaslums, bemerkenswert sicher.
In den späten 1990er Jahren verwandelte eine Handvoll Computerexperten, ausnahmslos Autodidakten, eine Straße in Lagos in den größten Handelsplatz für Informations- und Kommunikationstechnologie in Afrika: Otigba Computer Village mit Tausenden Unternehmern und einem Tagesumsatz von über fünf Millionen Dollar. Vom Clustering-Effekt profitieren nicht nur Banker an der Wall Street oder in Pudong New Area in Shanghai, Werbeleute im Londoner Stadtteil Soho oder Software-Ingenieure im Silicon Valley und in Bangalore; er verwandelt Leben und Lebensstile von Millionen Menschen auf der ganzen Welt, während die Urbanisierung immer weiter fortschreitet. Die urbane Do-it-yourself-Wirtschaft – sei es in den Straßen des schnell wachsenden Lagos oder in einer reicheren Metropole wie Los Angeles – zeugt von der Fähigkeit des Menschen, Städte von unten nach oben aufzubauen und inmitten scheinbar chaotischer Zustände funktionierende Gesellschaften zu organisieren. Es ist der Kern der 6000 Jahre alten urbanen Erfahrung.
Städte sind, trotz ihrer Erfolge, raue, unbarmherzige Umgebungen. Einerseits bieten sie uns die Chance auf höhere Einkommen und bessere Bildung, andererseits verbiegen sie unsere Seelen, zerfransen unseren Geist und verschmutzen unsere Lungen. Sie sind Orte, in denen wir so gut es geht überleben und uns durchschlagen – wahre Hexenkessel voller Lärm und Dreck und nervenzerrüttender Überbevölkerung. An einem Ort wie Dharavi – mit seinen verschlungenen Straßen, seiner Komplexität menschlicher Aktivität und Interaktion, dem dort herrschenden fortwährenden Überlebenskampf, seiner überwältigenden Dichte von Menschen, seinem augenscheinlichen Durcheinander wie seiner spontanen Ordnung – lässt sich erahnen, wie sich urbanes Leben in der Vergangenheit abspielte, sei es im Labyrinth einer mesopotamischen Stadt, in der hässlichen Anarchie des antiken Athen, im überfüllten Durcheinander einer mittelalterlichen Stadt in Europa oder in den Elendsvierteln der Industriestadt Chicago im 19. Jahrhundert. Das großstädtische Leben ist überwältigend; seine Energie, der unaufhörliche Wandel und die zahllosen großen und kleinen Unannehmlichkeiten führen uns an unsere Grenzen. Städte stehen seit jeher gänzlich im Widerspruch zu unserer Natur und unseren Instinkten, sind Orte, die das Laster nähren, Krankheiten ausbrüten und soziale Pathologien herbeiführen. Der Mythos Babylon hallt durch alle Zeiten: So überraschend erfolgreich Städte sind, den Einzelnen können sie vernichten. Metropolen mögen anziehend sein, doch bergen sie auch eine Menge an Monströsem.
Die Art und Weise, wie wir diese feindselige Umgebung einnehmen und nach unseren Bedürfnissen gestalten, ist faszinierend. In Metropolen möchte ich zeigen, dass Städte nicht nur Orte von Macht und Profit sind, sondern Lebensräume, die ihre Bewohner zutiefst prägen. Mir geht es in diesem Buch nicht nur um großartige Gebäude oder das Thema Stadtplanung, sondern vor allem um die Menschen, die sich in Großstädten niederlassen, und die Art und Weise, wie sie im Dampfkessel Großstadt zurechtkommen und überleben. Das soll nicht heißen, dass die Architektur nicht wichtig ist: Kern des urbanen Lebens – und auch dieses Buches – ist die Interaktion zwischen der gebauten Umgebung und den Menschen. Ich interessiere mich vor allem für das Bindegewebe, das den Organismus zusammenhält, nicht nur für dessen äußeres Erscheinungsbild oder die lebenswichtigen Organe.
In der Art und Weise, wie sich die Geschichte der Menschheit an den Gebäuden einer Stadt ablesen lässt, in der nahezu unendlichen, unaufhörlichen Verflechtung menschlicher Leben und Erfahrungen sind Städte ebenso fesselnd wie unergründlich. In ihrer Schönheit und Hässlichkeit, der Lust und dem Elend und in der verworrenen, verblüffenden Bandbreite ihrer Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten sind sie ein Schaubild der Conditio humana, gleichermaßen liebens- wie hassenswert. Sie sind flüchtige Areale, in einem endlosen Prozess des Wandels und der Anpassung begriffen. Ihre Instabilität tarnen sie freilich mit großen Gebäuden und Denkmälern; doch rings um diese Symbole der Beständigkeit wirbelt ein erbarmungsloser Wandel. Die fortwährende Zerstörung und Erneuerung, bewirkt durch die Kraft der Gezeiten, macht die Städte so faszinierend, aber auch frustrierend schwer auszuloten. Ich habe in meinem Buch versucht, Städte in Bewegung zu erfassen, nicht im Stillstand.
Für die Recherche zu diesem Buch habe ich einige Städte in Europa, Amerika, Afrika und Asien bereist – so gegensätzliche Orte wie Mumbai und Singapur, Shanghai und Mexiko-Stadt, Lagos und Los Angeles. Im chronologischen Verlauf meiner Erzählung habe ich mich für Städte entschieden, die uns etwas berichten, nicht nur über ihre eigene Zeit, sondern über das Phänomen Stadt im Allgemeinen. Bei einigen dieser Städte – Athen, London oder New York – versteht sich meine Wahl von selbst; andere – wie Uruk, Harappa, Lübeck und Malakka – dürften weniger bekannt sein. Um die Geschichte von Städten zu erkunden, habe ich Material auf Märkten, in Suks und Basaren gesammelt; in Schwimmbädern, Stadien und Parks; an Streetfood-Ständen, in Kaffeehäusern und Straßencafés; in Geschäften, Einkaufspassagen und Kaufhäusern. Auf der Suche nach der gelebten Erfahrung von Städtern und der Intensität ihres Alltagslebens habe ich Kunstwerke, vor allem Gemälde, Prosaliteratur und Dichtung, Filme und Lieder sowie offizielle Urkunden zu Rate gezogen. Man muss eine Stadt mit allen Sinnen erfahren – muss schauen, riechen, tasten, flanieren, lesen und seine Phantasie spielen lassen –, um sie in Gänze zu begreifen. Einen Großteil der Geschichte hat sich das urbane Leben nämlich um das Sinnliche gedreht: Essen und Trinken, Sex und Shopping, Klatsch und Spiel. All diese Dinge, die das Theater des Stadtlebens ausmachen, sind zentrale Themen in Metropolen.
Städte sind vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie neben Macht, Geld und Sicherheit auch Vergnügen, Aufregung, Glamour und Intrigen bieten. Wie wir sehen werden, hat die Menschheit über 6000 Jahre lang fortwährend mit Lebensstilen im Sog der Stadt experimentiert. Wir sind sehr gut in der Lage, in Städten zu leben, und Städte sind robuste Gebilde, die Kriege und Katastrophen überstehen. Gleichzeitig sind wir ausgesprochen schlecht in der Errichtung von Städten; im Namen des Fortschritts haben wir Orte geplant und geschaffen, die eher einsperren als befreien, die Moral eher drücken als heben. Viele unnötige Tragödien wurden durch Experten verursacht, die dem Traum nach der perfekten, wissenschaftlich geplanten Metropole nachjagten. Oder weniger drastisch ausgedrückt: Planung schafft allzu oft sterile Umgebungen, denen just die Energie fehlt, die das Stadtleben für uns erstrebenswert macht.
In einer Zeit, in der es nicht nur mehr Großstädte gibt, sondern auch große Flächen der bewohnten Welt verstädtern, stellt sich umso dringender die Frage, wie wir in Städten leben sollten. Nur indem wir die sagenhafte Bandbreite der urbanen Erfahrung im Laufe der Geschichte und quer durch die Kulturen begreifen, können wir uns einer der größten Herausforderungen des dritten Jahrtausends stellen. Städte waren niemals vollkommen und können es auch niemals sein. Im Gegenteil, Reiz und Dynamik ergeben sich gerade aus dem räumlichen Chaos, der Diversität von Gebäuden, den Aktivitäten und Menschen, die im Konglomerat zur Interaktion gezwungen sind. Ordnung ist im Grunde anti-urban. Was eine Stadt faszinierend macht, ist ihre stufenweise Entwicklung: ein sich über Generationen ziehender Prozess des beständigen Bauens und Erneuerns, der ein dichtmaschiges, reiches urbanes Gefüge hervorbrachte.
Diese Unordnung ist der Kern dessen, was eine Stadt ausmacht. Man denke nur an Städte wie Hongkong oder Tokio, in denen Wolkenkratzer über Straßen aufragen, in denen es von Fußgängern, Märkten, kleinen Läden, Streetfood-Ständen, Restaurants, Wäschereien, Bars, Cafés und produzierendem Gewerbe nur so wimmelt. Oder an eine Siedlung wie Dharavi im lärmenden Getümmel einer Megastadt, Schauplatz fortwährender, hektischer Aktivitäten in den Straßen, die auf engstem Raum alle grundlegenden Bedürfnisse befriedigen. Wie die amerikanisch-kanadische Autorin Jane Jacobs in den 1960er Jahren argumentierte, seien es die Dichte einer Stadt und ihr Straßenleben, die Urbanität schufen, die Kunst, ein Städter zu sein. Fußläufigkeit ist eine der wichtigsten Ingredienzien des Stadtlebens. Denken Sie aber an die modernen Städte überall auf der Welt, in denen Einzelhandel, Leichtindustrie, Wohnviertel und Büros streng voneinander getrennt sind. In vielen Fällen führt diese rein funktionale Organisation zu sterilen Städten, die zwar sauber und ordentlich sind, dabei aber saft- und kraftlos. Dies kann aus fehlgeleiteter Stadtplanung resultieren. Auch eine Bevorzugung des Autoverkehrs kann dazu führen. Die Autoschwemme – zuerst in den Vereinigten Staaten, dann in Europa und schließlich in Lateinamerika, Asien und Afrika – hat die Städte von Grund auf verändert. Schnellstraßen haben nicht nur die Zersiedelung und den Bau von Einkaufszentren auf der grünen Wiese begünstigt, breite, vielbefahrene Straßen und großflächige Parkplätze innerhalb der Stadtzentren trugen zusätzlich dazu bei, auch noch den letzten Rest an öffentlichem Leben in den Straßen zu tilgen.
Wenn wir von über 50 Prozent der Weltbevölkerung sprechen, die in Städten leben, könnte dies auch in die Irre führen. Ein Großteil der modernen Städter pflegt nämlich keinen urbanen Lebensstil – wenn man darunter versteht, dass sie in fußgängerfreundlichen Vierteln leben, leichten Zugang haben zu Kultur, Unterhaltung, Zerstreuung, Arbeit, öffentlichen Plätzen und Märkten. Viele der über 50 Prozent leben sub-urban, sei es in schicken Einfamilienhäusern inmitten von Rasenflächen oder in sogenannten »Ankunftsstädten« (»arrival cities«), informellen Siedlungen, die sich an den Rand schnell wachsender Metropolen anhaften.
Das Problem für das 21. Jahrhundert besteht nicht darin, dass wir zu schnell urban werden, sondern dass wir nicht urban genug werden. Warum ist das wichtig? Es wäre kein Problem, wenn wir mit unserem Planeten so verschwenderisch umgehen könnten, wie wir wollten. Die Tatsache, dass jeden Tag 200000 Menschen in die Städte strömen – oder dass wir seit etwa 2010 eine mehrheitlich urbane Spezies sind –, springt ins Auge. Doch sie erzählt nicht die ganze Geschichte. Weitaus beunruhigender ist nämlich die Erkenntnis, dass sich die Stadtbevölkerung zwischen 2000 und 2030 verdoppeln, die Fläche, die der Betondschungel belegt, gleichzeitig verdreifachen wird. Allein in diesen drei Jahrzehnten werden wir unseren urbanen Fußabdruck um eine Fläche vergrößert haben, die derjenigen Südafrikas entspricht.[6]
Diese weltweite Zersiedelung schiebt die Grenzen unserer Städte in Feuchtgebiete, unberührte Landschaften, Regenwälder, Flussmündungen, Mangrovensümpfe, Überschwemmungsebenen und Ackerflächen – mit verheerenden Folgen für Biodiversität und Klima. Sogar Berge werden nivelliert, um Platz zu schaffen für diesen Urbanisierungsschub epischen Ausmaßes. Und zwar buchstäblich: Seit 2012 wurden in Chinas entlegenem Nordwesten erbarmungslos über 700 Berggipfel geschliffen und der Schutt in die Täler gekippt. So schuf man eine künstliche Ebene, auf der gerade eine glänzende neue Wolkenkratzerstadt namens Neu-Lanzhou entsteht, ein Knotenpunkt an der Neuen Seidenstraße.
Chinesische Städte – wie zuvor die amerikanischen – entwickeln sich im Kern weniger dicht, da Straßen und Bürokomplexe die Menschen aus vollgepackten, gemischt genutzten Vierteln in die Vorstädte zwingen. Das ist Teil eines globalen Trends zu geringerer Dichte, autoabhängiger Urbanisierung und Zersiedelung. Sobald die Menschen reicher werden, verlangen sie nach mehr Wohnraum. Sollten chinesische und indische Stadtbewohner sich dazu entschließen, ihren Lebensraum ebenso großzügig einzufordern wie die Amerikaner, werden ihre Automobilnutzung und ihr Energieverbrauch den weltweiten CO2-Ausstoß um 139 Prozent erhöhen.[7] Der weltweite Ausbruch des Coronavirus 2020 und die Bedrohung durch künftige Pandemien könnten das Blatt wieder gegen die Städte wenden und die Menschen dazu bringen, aus den Metropolen zu flüchten, da dort längere Quarantäne- und Lockdown-Phasen fast unerträglich und die Infektionsrisiken größer sind. Sollte es tatsächlich so weit kommen, wird der ökologische Schaden verheerend sein.
Sollte das Klima zunehmend heißer, feuchter und rauer werden, könnten Städte eine Lösung des Problems darstellen. Im Laufe ihrer langen Geschichte haben Städte sich als robuste, anpassungsfähige Gefüge erwiesen, die in der Lage sind, allen möglichen Katastrophen standzuhalten, und wir sind eine anpassungsfähige urbane Spezies, die längst an die Strapazen und Möglichkeiten des Stadtlebens gewöhnt ist. Wir tun gut daran, weiter innovativ zu sein. Im gegenwärtigen Jahrhundert sind zwei Drittel der größeren Metropolen mit über fünf Millionen Einwohnern, einschließlich Hongkong, New York, Shanghai, Jakarta und Lagos, von steigenden Meeresspiegeln bedroht; noch mehr Städte sind regelrechte Backöfen, wenn die Temperaturen steigen, oder leiden unter verheerenden Stürmen. Unsere Städte sind an vorderster Front einer dräuenden Umweltkatastrophe; genau aus diesem Grund könnten sie die Auswirkungen des Klimawandels ebenfalls an vorderster Front bekämpfen. Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften von Städten ist ihre Fähigkeit zur Metamorphose. Städte haben sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder klimatischen Veränderungen, neuen Handelsrouten, wechselnden Technologien, Kriegen, Krankheiten und politischem Aufruhr angepasst. Die großen Pandemien des 19. Jahrhunderts zum Beispiel prägten die modernen Städte, weil sie Entwicklungen im Bauingenieurswesen, in Abwasser- und Abfallentsorgung und in der Stadtplanung erzwangen. Die Pandemien des 21. Jahrhunderts werden Städte in einer Weise verändern, die wir noch nicht einmal erahnen können. Aus Notwendigkeit werden sie sich in einer Zeit von Klimakrisen anpassen.
Wie wird diese Entwicklung aussehen? Seit es Städte gibt, wird ihre Größe bestimmt von den vorherrschenden Verkehrsmitteln, von äußeren Bedrohungen, der Verfügbarkeit von Ressourcen und dem Wert des angrenzenden Agrarlands. Für den Großteil der Geschichte beschränkten diese Faktoren das Wachstum der Städte; nur wohlhabende und friedliche Gesellschaften konnten ihre Ellbogen spreizen. In diesem Jahrhundert wird unsere Sicherheit nicht von einfallenden Armeen bedroht, sondern von den Launen des Klimas. Dichtbevölkerte Städte mit öffentlichen Verkehrsmitteln, fußgängerfreundlichen Vierteln und einer Bandbreite von Läden und Dienstleistungen produzieren weit weniger Kohlendioxid und verbrauchen weit weniger Ressourcen als wuchernde Siedlungen. Ihre Kompaktheit bremst gewissermaßen den Kollisionskurs mit der Natur, weil sie die Sünden der Zersiedelung vermeidet. Ich will damit nicht sagen, dass wir uns alle in den Stadtzentren versammeln sollen; dafür ist eindeutig nicht genügend Platz. Was ich meine, ist die Urbanisierung der Metropolregionen – Vorstädte und Stadtränder –, damit diese die Formen und Funktionen, die Dichte, Vielfalt und räumliche Unordnung übernehmen, die mit Stadtzentren assoziiert werden.
Während der Lockdown-Phasen des Jahres 2020 verwandelten sich die Vorzüge urbaner Dichte in eine Bedrohung. Als wären unsere Mitbürger plötzlich zu Todfeinden geworden, galt es Geselligkeit – eine der Freuden des Stadtlebens – um jeden Preis zu vermeiden. Milliarden von Menschen sollten plötzlich Abstand halten voneinander, das Stadtleben wurde auf den Kopf gestellt. Doch die Verwundbarkeit der Stadtbevölkerungen für Krankheiten und die Auswirkungen der Lockdown-Phasen sollten uns nicht blind machen gegen die Tatsache, dass eine Verdichtung unverzichtbar ist, um ökologische Nachhaltigkeit zu erreichen. Ökonomen und Stadtplaner loben zu Recht den »Cluster-Effekt«, weil er den modernen Metropolen so viel Erfolg in der Wissensökonomie beschieden hat. Er funktioniert jedoch in vielerlei Hinsicht, nicht nur in Bezug auf Hightech-Start-ups. Kompakte urbane Räume befeuern die unterschiedlichsten kreativen Lösungen, auch auf nachbarschaftlicher Ebene – der Ebene, die nichts mit Hochfinanz und technologischem Hokuspokus zu tun hat, sondern mit dem Alltagsleben; die Geschichte hat es gezeigt. Funktionale und findige Gemeinschaften können, in anderen Worten, viel dazu beitragen, dass Städte widerstandsfähiger werden. Und gerade jetzt brauchen wir robuste, anpassungsfähige Städte, die bereit sind, sich den ernsten neuen Herausforderungen durch Klimawandel und Pandemien zu stellen. In Dharavi, in Lagos’ Otigba Computer Village und in vielen tausend weiteren informellen Gemeinschaften zeigt sich Tag für Tag diese urbane Findigkeit.
Solche Lösungen erfordern eine Urbanisierung gewaltigen Ausmaßes. Vor allem erfordern sie eine Erweiterung unserer Vorstellungskraft, damit wir erfassen, wie divers Städte sein können. Um uns die Augen zu öffnen für die ganze Bandbreite der urbanen Erfahrung, lohnt ein Blick in die Geschichte.
Uruk 4000–1900 v. Chr.
Enkidu lebt im Einklang mit der Natur. Stark wie ein »Brocken des Anum« ist er, von gottgleicher Schönheit und zutiefst beglückt, wenn er frei mit den wilden Tieren umherlaufen kann. Doch dann erblickt er die nackte Gestalt von Schamchat, die an der Wasserstelle ein Bad nimmt. Es ist das erste Mal, dass Enkidu eine Frau sieht, und so wohnt er Schamchat sechs Tage und sieben Nächte lang bei.
Gesättigt noch von dieser ungezügelten, stürmischen Vereinigung, versucht Enkidu, in die Freiheit der Wildnis zurückzukehren. Doch er hat keine Macht mehr über die Natur. Die Tiere meiden ihn; seine Kraft hat nachgelassen; und zum ersten Mal plagt ihn Einsamkeit. Verwirrt kehrt er zu Schamchat zurück. Sie erzählt dem Geliebten von ihrem Zuhause, der sagenumwobenen Stadt Uruk, von den monumentalen Gebäuden, schattigen Palmenhainen und den vielen Menschen, die sich hinter mächtigen Mauern drängen. Die Männer in der Stadt bemühten dort ihren Verstand, sagt sie, nicht nur die Kraft ihrer Muskeln. Die Leute trügen anmutige Gewänder, und an jedem Tag werde dort ein Fest gefeiert, bei dem »die Trommeln erdröhnen«. Zudem finde man dort die schönsten Frauen der Welt, »mit Reizen geschmückt und voller Freude«. Schamchat bringt Enkidu bei, Brot zu essen und Bier zu trinken. In der Stadt, erzählt sie Enkidu, werde sein gottgleiches Potenzial in konkrete Macht gewandelt. Enkidu lässt sich die Haare vom Leib rasieren, die Haut mit Ölen salben, bedeckt seine Nacktheit mit kostbaren Gewändern und begibt sich nach Uruk. Die Stadt lockt mit Sinnlichkeit, Speisen und Luxus, und so verzichtet Enkidu auf seine natürlichen, freien Triebe.
Große Städte – von Uruk über Babylon bis hin zu Rom, Teotihuacán und Konstantinopel, von Bagdad und Venedig bis hin zu Paris, New York und Shanghai – faszinieren die Menschen seit jeher, als die wahr gewordenen Idealstädte aus ihren Träumen, als Inbegriff menschlicher Schöpfungskraft. Enkidu steht für den Menschen in seinem unverdorbenen Naturzustand, der sich zwischen der Freiheit der Wildnis und der Künstlichkeit der Stadt zu entscheiden hat. Schamchat ist die Verkörperung einer entwickelten Stadtkultur. Wie sie ist die Stadt verlockend und verführerisch, verspricht die Verwirklichung unserer Stärken und Potenziale.[1]
Mit der Geschichte von Enkidu beginnt das Gilgamesch-Epos, das älteste erhaltene literarische Werk der Menschheit, dessen schriftliche Form mindestens auf das Jahr 2100 v. Chr. zurückgeht. Das Epos entstammte dem gebildeten, ausgesprochen urbanen Volk der Sumerer, das in Mesopotamien lebte, dem heutigen Irak. Wer wie der fiktive Enkidu zur Blütezeit der Stadt, etwa um 3000 v. Chr., zum ersten Mal nach Uruk kam, dem schwirrte vermutlich der Kopf von all den Sinneseindrücken. Mit seinen 50000 bis 80000 Einwohnern auf knapp acht Quadratkilometern war Uruk der am dichtesten bevölkerte Ort der Welt. Wie ein Ameisenhaufen befand sich die Stadt auf einem Hügel, den Generationen mit ihrem Fleiß geschaffen hatten, wobei Schichten aus Müll und weggeworfenen Baumaterialien eine menschengemachte Akropolis schufen, die über der Ebene thronte und weithin sichtbar war.
Lange bevor man die Stadt erreichte, dürfte man sich ihrer Gegenwart bewusst gewesen sein. Die Menschen hatten die Umgebung kultiviert, das Land für ihre Zwecke urbar gemacht. Hunderttausende Hektar Acker- und Weideland, durch Gräben künstlich bewässert, brachten den Weizen hervor, die Schafe und Datteln, die die Metropole ernährten, und die Gerste, aus der man das Bier für die Massen braute.
Am erstaunlichsten waren die auf riesigen Plattformen hoch über der Stadt aufragenden Tempel, Inanna (oder Ischtar), der Göttin der Liebe und des Krieges, und dem Himmelsgott An (oder Anum) geweiht. Wie die Glockentürme und Kuppeln von Florenz oder der Wolkenkratzer-Wald im Shanghai des 21. Jahrhunderts zeigten sie ein einzigartiges Erscheinungsbild. Aus Kalkstein erbaut und mit Gips verputzt, reflektierte der mächtige Weiße Tempel des Gottes An das Sonnenlicht ebenso eindrucksvoll wie ein moderner Wolkenkratzer. Einem Leuchtturm in der Ebene gleich kündete er von Kultur, Zivilisation und Macht.
Für die Bewohner des antiken Mesopotamien stand die Stadt für den Triumph der Menschheit über die Natur; die gebieterische künstliche Landschaft machte dies auf eindrückliche Weise deutlich. Die Stadtmauern mit ihren Toren und vorspringenden Türmen hatten einen Umfang von neun Kilometern und waren sieben Meter hoch. Wer durch eines der Tore trat, sah sogleich, wie die Stadtbewohner die Natur bezwungen hatten. Um die eigentliche Stadt herum waren saubere Gärten angelegt, die Früchte, Kräuter und Gemüse hervorbrachten. Ein ausgedehntes Netz aus Kanälen leitete Wasser vom Euphrat ins Herz der Stadt. Ein unterirdisches System aus tönernen Rohren beförderte den Unrat von Zehntausenden Menschen nach draußen. Die Gärten und Dattelpalmen wichen allmählich der Innenstadt. Die Labyrinthe aus schmalen, verschlungenen Gässchen und Straßen mit ihren kleinen, fensterlosen Hütten mochten entsetzlich gedrängt gewirkt haben und boten kaum offene Flächen, doch dieser Grundriss schuf ein urbanes Mikroklima, in dem Schatten und leichte Brisen in den engen, dichtbebauten Gassen die Intensität der mesopotamischen Sonne milderten.[2]
Laut, beengt und geschäftig, waren die Stadt Uruk und ihre Geschwister in Mesopotamien einzigartig in der Welt. In einem literarischen Text, der etwa um dieselbe Zeit entstand wie das Gilgamesch-Epos, träumt der Autor davon, die Göttin Inanna werde dafür sorgen, dass
die Speicher stets voll sein mögen; dass Behausungen in der Stadt gegründet werden; dass ihre Bewohner sich an köstlichen Speisen laben und an köstlichen Getränken ergötzen; dass die für die Feiertage Gebadeten sich in den Innenhöfen ergehen können; dass die Menschen sich auf den Festplätzen drängen, Bekannte miteinander speisen und Fremde wie ungewöhnliche Vögel am Himmel staunend umherwandeln (…), dass sich Affen, mächtige Elefanten, Wasserbüffel, exotische Tiere wie auch reinrassige Hunde, Löwen, Steinböcke und weiße Schafe mit langer Wolle auf den öffentlichen Plätzen drängen.
Der Verfasser beschreibt sodann eine Stadt mit riesigen Kornkammern und Speichern voller Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Lapislazuli. In dieser idealisierten Schilderung strömten alle guten Dinge der Erde zum Vergnügen der Menschen in die Stadt. Unterdessen »ertönten im Inneren Tigi-Trommeln; und außerhalb Flöten und Zamzams. Ihr Hafen, wo Schiffe vertäut waren, war voller Freude.«[3]
Uruk, was nichts anderes als »Stadt« bedeutet, war die erste Stadt der Welt und mehr als tausend Jahre lang ihr mächtigstes urbanes Zentrum. Als die Menschen sich zu riesigen Gemeinschaften zusammenfanden, änderten sich die Dinge mit unglaublicher Geschwindigkeit; die Einwohner Uruks entwickelten bahnbrechende Technologien, erfuhren radikal neue Lebensweisen, Kleidermoden, Speisen und Getränke. Die Erfindung der Stadt an den Ufern von Euphrat und Tigris entfesselte in der Geschichte eine neue, nicht mehr aufzuhaltende Kraft.
Das Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 11700 Jahren, veränderte das Leben der Menschen von Grund auf. Überall gingen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften daran, Wildpflanzen, die von der Erderwärmung profitierten, zu kultivieren und zu domestizieren. Die günstigsten Bedingungen für den Ackerbau fanden sich im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds: ein halbkreisförmiger Landstrich, der sich vom Nil im Westen bis zum Persischen Golf im Osten erstreckt und das heutige Ägypten, Syrien, den Libanon, Israel, Palästina, Jordanien, Irak, den Südosten der Türkei und die Westspitze des Iran umfasst. In dieser relativ kleinen Region befand sich eine große Bandbreite von Topographien, klimatischen Verhältnissen und Höhenlagen, was wiederum für eine außerordentliche Biodiversität sorgte. Wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung des Menschen waren vor allem die wilden Vorläufer der heutigen Feldfrüchte – Emmer, Einkorn, Gerste, Flachs, Kichererbsen, Erbsen, Linsen und Platterbsen – und die Verbreitung großer Säugetiere, die sich für die Domestizierung eigneten: Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine. Binnen weniger Jahrtausende wurde die Wiege der Landwirtschaft zur Wiege der Urbanisierung.
Im Gebiet des Göbekli Tepe (»bauchiger Hügel«) in der heutigen Türkei begannen 1994 Ausgrabungen unter der Leitung des Archäologen Klaus Schmidt. Sie brachten eine ausgedehnte zeremonielle Anlage zum Vorschein, bestehend aus massiven steinernen Pfeilern in T-Form, die kreisförmig angeordnet waren. Diese eindrucksvolle Anlage war nicht etwa von einer fortschrittlichen, alteingesessenen Ackerbaugesellschaft an ihrem Siedlungsort errichtet worden: Die großen, zwanzig Tonnen schweren Steine waren vor 12000 Jahren gebrochen und zu dem Hügel geschleppt worden (zum Vergleich: die Erbauung von Stonehenge begann vor 5000 Jahren). Die Entdeckung warf die verbreitete Einschätzung von Jägern und Sammlern über den Haufen, denn hier war der Beweis, dass sie in ausgesprochen großem Umfang kooperierten. Man vermutet, dass sich 500 Menschen aus unterschiedlichen Gruppen oder Stämmen zusammengefunden hatten, um die Kalkstein-Megalithen zu brechen und zum Hügel zu schaffen. Ihre Motivation war die Verehrung einer uns unbekannten Gottheit oder mehrerer Götter und die Erfüllung heiliger Pflichten. Nichts weist darauf hin, dass der Göbekli Tepe jemals bewohnt war. Es war ein Pilgerort, ein Ort des Gebets.
Üblicherweise war man der Auffassung, dass solche Errungenschaften erst möglich waren, nachdem ein Überschuss an Getreide einen Teil der Gemeinschaft von der täglichen Last befreite, für den Lebensunterhalt zu sorgen, was es ihr ermöglichte, sich spezialisierten, nicht produktiven Aufgaben zu widmen, also nach der Erfindung der Landwirtschaft und der Dörfer. Doch der Fundort Göbekli Tepe stellt diese Ansicht auf den Kopf. Die frühesten Baumeister und Pilger auf dem Hügel profitierten von einer erstaunlichen Wild- und Pflanzenfülle. Der Überfluss an wilder Nahrung, der einherging mit einem ausgeklügelten religiösen System, ermutigte Homo sapiens, seine Lebensweisen und Stammesstrukturen, die seit mehr als 150000 Jahren existiert hatten, radikal zu verändern.
Der Tempel kam vor dem Bauernhof, bedingte Letzteren vielleicht sogar, um eine niedergelassene Population zu ernähren, die sich dem Gebet widmete. Die Genkartierung zeigt, dass die allerersten domestizierten Einkorn-Sorten von einem Ort stammten, der 32 Kilometer vom Göbekli Tepe entfernt lag und etwa 500 Jahre nach Beginn der Arbeit an dem Heiligtum datieren. Zu dieser Zeit waren auf Hügeln der Umgebung T-förmige Pfeiler errichtet worden und nicht weit davon Dörfer entstanden.
Der Göbekli Tepe ist der Archäologie nur deshalb erhalten, weil der Fundort um 8000 v. Chr. aus unerfindlichen Gründen absichtlich zugeschüttet worden war. Monumentale Gebäude dieser Größenordnung entstanden erst wieder 5000 Jahre später, mit dem Bau der sumerischen Tempel im südlichen Mesopotamien. In den dazwischenliegenden Jahrtausenden experimentierte die Bevölkerung des Fruchtbaren Halbmonds mit neuen Lebensweisen.
Die neolithische Revolution schritt schnell voran. Um etwa 9000 v. Chr. lebten die meisten Menschen des Fruchtbaren Halbmonds von wilder Nahrung; bereits 6000 v. Chr. war in der Region die Landwirtschaft etabliert. Jäger-und-Sammler-Stämme mit ihrer abwechslungsreichen Kost und nomadischen Lebensweise räumten im Laufe vieler Generationen für sesshafte Ackerbaugesellschaften das Feld, die eine Handvoll Grundnahrungsmittel anbauten und Vorräte anlegten. Jericho nahm seinen Anfang als Lager, dessen Bewohner die Jagd mit dem Anbau wilder Getreidesorten kombinierten; 700 Jahre später war die Stadt Heimat mehrerer hundert Menschen, die Emmer, Gerste und Hülsenfrüchte kultivierten; Schutz boten ihnen eine dicke Mauer und ein Turm. Çatalhöyük in der heutigen Türkei beherbergte im 7. Jahrtausend v. Chr. zwischen 5000 und 7000 Menschen und war für prähistorische Verhältnisse ein übergroßes Dorf.
Doch weder Jericho noch Çatalhöyük vollführten den Sprung zur Stadt. Sie blieben übergroße Dörfer, denen viele der typischen Merkmale fehlten, die wir mit Urbanisierung verbinden. Städte waren offenbar nicht das Produkt favorisierter Standorte mit üppigen, ertragreichen Feldern und leicht verfügbaren Baumaterialien. Vielleicht war das Leben dort zu gut. Das Land lieferte alles, was diese Gemeinschaften brauchten, und etwaige Mängel wurden durch Handel kompensiert.
Die ersten Städte tauchten im südlichen Mesopotamien auf, am Rande des Fruchtbaren Halbmonds. Lange hielt sich eine Theorie, die den Grund damit erklärte, dass hier Boden und Klima ungünstiger sind. Es fällt wenig Regen; das Land ist trocken und flach. Das Potenzial dieses Ödlands erschloss sich erst, als man die Wasser von Euphrat und Tigris nutzte. Die Menschen arbeiteten gemeinsam an Bewässerungsprojekten, um das Wasser aus den Flüssen herbeizuschaffen und Felder anzulegen. Plötzlich brachte das Land einen riesigen Getreideüberschuss hervor. Städte waren demnach nicht das Produkt von gemäßigten, üppigen Umgebungen, sondern von raueren Zonen, die ihrer Bevölkerung ein gewisses Maß an Einfallsreichtum und Zusammenarbeit abverlangten. Die ersten Städte der Welt entstanden daher im südlichen Mesopotamien aus dem Triumph des Menschen über die Unbilden der Natur. Im Zentrum standen der Tempel und eine Elite aus Priestern und Bürokraten, die die Umgestaltung der Landschaft und die Verwaltung einer stark konzentrierten Einwohnerschaft koordinierte.
Eine bestechende Theorie. Doch wie so viele unserer Vorstellungen von den Anfängen der Zivilisation ist sie seit kurzem auf den Kopf gestellt. Die Bedingungen, in denen die Stadt wurzeln konnte, waren weitaus feuchter und egalitärer.
Die Sumerer und die Völker, die hinzukamen und ihre religiösen Vorstellungen teilten, glaubten, dass die erste Stadt aus dem Ursumpf entstanden sei. Ihre Geschichten erzählten von einer vom Wasser bestimmten Welt, in der sich die Menschen in Booten fortbewegten; ihre Schrifttafeln bildeten Frösche ab, Wasservögel, Fische und Schilfgras. Heute liegen ihre Städte in einer trostlosen, ungastlichen Wüste fernab vom Meer und von größeren Flüssen unter Sanddünen begraben. Frühe Archäologen wollten den Mythos von der sumpfigen Geburt dieser Wüstenstädte ganz einfach nicht glauben. Doch das Märchen von den amphibischen Ursprüngen der Stadt deckt sich mit neueren Erkenntnissen über den ökologischen Wandel im südlichen Mesopotamien.
Klimaveränderungen trugen zur Urbanisierung bei. Im 5. Jahrtausend v. Chr. stieg der Wasserspiegel des Persischen Golfs etwa zwei Meter über seinen gegenwärtigen Stand, Ergebnis des nacheiszeitlichen klimatischen Optimums, währenddessen die globale Temperatur nach oben schnellte und die Meeresspiegel stiegen. Die Spitze des Golfs befand sich 200 Kilometer weiter nördlich als heutzutage und überzog die dürren Regionen des südlichen Irak mit ausgedehntem Marschland. Die durch den Klimawandel entstandenen Feuchtgebiete im Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, die hier in den Golf mündeten, zogen Migranten magnetisch an. Sie boten eine reiche Vielfalt leicht verfügbarer, nährstoffreicher Nahrungsmittel. Im Salzwasser wimmelte es von Fischen und Weichtieren; die üppige Vegetation an den Ufern der Bäche und Ströme im Delta bot dem Jagdwild Rückzugsmöglichkeiten. Hier gab es nicht nur ein Ökosystem, sondern gleich mehrere. Das fruchtbare Schwemmland ermöglichte den Anbau von Getreide, die Halbwüste die Haltung von Viehherden. Dieses Delta ernährte Völker, die aus unterschiedlichen Kulturen des Fruchtbaren Halbmonds stammten; die Neuankömmlinge hatten ihr Wissen aus dem Norden mitgebracht, kannten sich aus mit Lehmziegelbauten, mit Bewässerungsanlagen und Keramikherstellung. Siedler errichteten auf Sandbänken im Sumpf Dörfer, stabilisierten das Land, indem sie Fundamente aus Schilf bauten, das sie mit Pech verstärkten.[4]
Viele Jahrtausende früher, auf dem Göbekli Tepe, hatten umherstreifende Gruppen in ihrem Jagdparadies einen Bau errichtet, der über sie hinauswies. Ähnliches ereignete sich vor 5400 v. Chr. auf einer Sandbank an einer Lagune, wo die Wüste an die mesopotamischen Sümpfe heranreichte. Vielleicht hielten die Menschen diesen Ort zunächst für heilig, weil die Lagune eine lebensspendende Kraft war. Die ältesten Hinweise auf menschliches Leben auf dieser sandigen Insel, die den Namen Eridu erhalten würde, gaben Fischgräten, die Knochen wilder Tiere und Miesmuschelschalen, was darauf hindeutet, dass an diesem heiligen Ort rituelle Feste stattfanden. Irgendwann wurde ein kleiner Schrein errichtet, um dem Gott des frischen Wassers zu huldigen.
Im Laufe von Generationen entstand dieser primitive Schrein mehrmals neu, ein jedes Mal größer und raffinierter; und schließlich erhob sich der Tempel auf einer aus Ziegeln gemauerten Plattform über die Landschaft. Die bunte Vielfalt wilder und kultivierter Nahrungsmittel, die das Delta lieferte, unterstützte die immer ehrgeizigeren Bauprojekte. Eridu wurde schließlich als der Ort verehrt, wo die Welt erschaffen wurde.
Im sumerischen Glaubenssystem war die Welt ein Chaos aus Wasser, bis der Gott Enki (oder Ea) einen Schilfrahmen baute und ihn mit Lehm füllte. Die Götter konnten nun auf dem trockenen Land ihre Wohnstätten beziehen, geschaffen aus Schilf und Lehm – wie die Dörfer der ursprünglichen Sumpfbewohner. Enki beschloss, seinen Tempel in Eridu zu gründen, wo Wasser zu Land wurde. Damit sich »die Götter im Schrein ihrer Herzensfreude niederließen« – den Tempeln –, schuf Enki die Menschen als ihre Diener.
Die Sümpfe, zwischen Meer und Wüste gelegen, waren der Schnittpunkt zwischen Ordnung und Chaos, Leben und Tod. Die erstaunlichen Ressourcen des Deltas, eine Oase inmitten einer feindseligen Umgebung, nährten den Glauben, dies sei der heiligste Ort im Walten der göttlichen Schöpfung. Doch trotz der Fülle, die er bot, barg der Ort auch Gefahren. Sobald die Frühlingssonne große Mengen an Schnee in den entlegenen Bergregionen Armeniens, im Taurus- und im Zagros-Gebirge schmelzen ließ, wurden die Flüsse im Delta unberechenbar und gefährlich. Dörfer aus Schilfhütten, ja ganze Felder konnten von den anschwellenden Wasserläufen fortgeschwemmt werden. Dann wieder breiteten Dünen sich aus und begruben die Landschaft unter dem Sand. So wie der Tempel fest auf seiner Terrasse ruhte, sicher vor der Flut, war er zweifellos ein starkes Symbol für Beständigkeit inmitten der kapriziös wirbelnden Natur. Eridu war nicht nur der Ort, wo die Welt Gestalt annahm, der Tempel galt auch als Wohnstätte von Enki. Ziegelbauten brauchen beständige Pflege, und so wurden die Menschen, die in Eridu beteten, herangezogen, Enki dabei zu helfen, das Chaos unter Kontrolle zu halten.[5]
Diese göttlichen Arbeiter mussten ihrerseits versorgt und beherbergt werden, und eine Art priesterliche Autorität war erforderlich, um die Rationen zu verteilen. Rings um den Tempel entstanden Werkstätten, in denen der passende Schmuck für das Gotteshaus geschaffen wurde. Eridu wurde nie zur Stadt. Sumerische Mythen erklärten, warum: Anstatt die Geschenke der Zivilisation und Urbanisierung zu teilen, behielt Enki sie selbstsüchtig in seinem Tempel eingeschlossen. Bis Inanna, heilige Diebin und Göttin der Liebe, des Geschlechtsaktes, der Fruchtbarkeit und des Krieges, sich im Boot nach Eridu begab und Enki betrunken machte. Während Enki nach dem Biergelage seinen Rausch ausschlief, stahl Inanna das heilige Wissen und entführte es über das brackige Wasser auf ihre Insel im Sumpf, Uruk. Zu Hause angekommen, entfesselte sie die göttliche Weisheit.
Die Geschichte mythologisiert, was tatsächlich geschah. Eridu brachte Nachahmer auf den Plan; ähnliche heilige Orte erschienen auf Inselerhebungen im Sumpf. Auf einem menschengemachten Hügel an den Ufern des Euphrat wurde für Inanna ein Tempel errichtet und Eanna genannt, das »Himmelshaus«. Ganz in der Nähe stand ein weiterer Tempel auf einem Erdhügel, Kullaba, das Haus des Himmelsgottes An. Etwa 5000 v. Chr. begannen die Völker des Marschlands hier zu beten und zu siedeln.
Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wurden die beiden Tempelanlagen Eanna und Kullaba immer wieder neu gebaut, ihre Dimensionen immer ambitionierter und kühner. Die beiden Hügel, etwa 800 Meter voneinander entfernt, verschmolzen miteinander, und es entstand ein großes besiedeltes Gebiet namens Uruk. Während Eridus Tempel jedes Mal nach dem gleichen Raster erneuert worden war, ersetzte ihn das Volk von Uruk durch einen größeren, prächtigeren Bau. Es war eine Kultur, die sich durch Zerstörung und Dynamik hervortat.
Treibende Kraft war ein kollektives Bestreben, Prachtbauten zu errichten. Das Delta sorgte für einen natürlichen Nahrungsüberschuss und setzte somit eine Menge Muskelkraft für das harte Baugewerbe und eine Menge Grips für die Planung öffentlicher Bauprojekte frei. Die wässrige Umgebung ermöglichte den einfachen Transport per Boot. Die Feuchtgebiete lieferten das Substrat für die Urbanisierung, im Hintergrund stand jedoch eine kraftvolle Ideologie. Wie ließe sich sonst die enorme Investition von körperlicher Arbeit und Zeit erklären? Die Tempelanlagen Eanna und Kullaba besaßen keinen praktischen Nutzen. Die frühen Tempel glichen dem Bauwerk in Eridu, doch die Erbauer von Uruk erreichten spektakuläre architektonische Fortschritte, entwickelten völlig neue Techniken. Um ihre Plattformen zu errichten, nutzten sie gestampften Lehm, mit Erdpech wasserfest gemacht. Sie legten Fundamente und bauten Mauern aus Kalksteinblöcken (gebrochen in über achtzig Kilometern Entfernung) und Gussbeton. Die Lehmziegel der Außenmauern und Säulen schmückten Mosaike mit geometrischen Mustern, gefertigt aus Millionen bunt glasierter Keramikstifte.
Sobald die Arbeit an einem neuen Tempel begann, wurde der alte mit Schutt aufgefüllt. Er bildete nun das Kernstück der Terrasse, auf der die nächste Version entstand. Diese gewaltigen Akropolen blieben, der gemeinschaftlichen Anstrengung bei ihrer Errichtung gemäß, volksnahe Orte, für jedermann zugänglich. Riesige Prozessionstreppen und Rampen verbanden sie mit der ebenen Erde; die Hauptgebäude waren von Säulen flankiert, ihre Innenräume der Welt geöffnet; sie waren von Höfen umgeben, Spazierwegen, Terrassen, Werkstätten und bewässerten Gärten. Diese großartigen Bauwerke wurden zum Nukleus, um den herum die Stadt auf eine Größe von 400 Hektar anwuchs, mit schmalen, überfüllten Straßen, die Zehntausende Einwohner beherbergten.[6]
In der zweiten Hälfte des 4. vorchristlichen Jahrtausends erfuhr das südliche Mesopotamien erneut einen rasanten Klimawandel. Ein rascher Anstieg der Jahresdurchschnittstemperatur ging mit verminderten Niederschlägen einher, was zur Folge hatte, dass die beiden großen Flüsse weniger Wasser führten. Die Küstenlinie des Persischen Golfs verschob sich im Vergleich zum Höchstpegel um die Mitte des Holozäns weiter nach hinten. Die Sümpfe und Bäche, die Uruk Leben gespendet hatten, versandeten allmählich und trockneten aus.
Die Verwandlung dieser Landschaft vor 5000 Jahren verdeckte lange Zeit die sumpfigen Ursprünge der Urbanisierung. Doch im globalen Zusammenhang und im Licht der jüngsten Entdeckungen betrachtet, ist die Erfahrung in Mesopotamien ganz und gar nicht einmalig. Wo Städte isoliert entstanden, geschah dies unter den optimalen Bedingungen von Feuchtgebieten. Das erste urbane Zentrum auf dem amerikanischen Doppelkontinent, San Lorenzo im heutigen Mexiko, befand sich auf einer Hochebene über einem Netz aus Flüssen, die sich durch ein sumpfiges Delta wanden und schließlich in den Golf von Mexiko mündeten. Wie die frühen Erbauer von Eridu und Uruk waren auch die Olmeken aus San Lorenzo im zweiten vorchristlichen Jahrtausend Fischer und Wildbeuter gewesen, die von ihrer heißen, feuchten, wasserreichen Umgebung profitierten; San Lorenzo war, wie Eridu, eine Kultstätte, berühmt für ihre steinernen Kolossalköpfe. In China entstanden die ersten Städte während der Shang-Dynastie, zeitgleich mit den Olmeken (1700–1050 v. Chr.), und zwar in der sumpfigen Schwemmlandebene des unteren Gelben Flusses. Und im alten Ägypten wurde am Beginn des Nildeltas die höchst bedeutsame Hauptstadt Memphis gegründet. In Afrika südlich der Sahara folgt die Geschichte einem ähnlichen Weg: Hier fand die früheste Urbanisierung etwa um 250 v. Chr. in Djenné-Djeno statt, in den Sümpfen des inneren Nigerdeltas im heutigen Mali.[7]
Die ersten Städte wuchsen natürlich nicht in ihrer endgültigen Form aus dem Sumpf; ebenso wenig konnten sie ohne Interaktion mit anderen Gesellschaften entstehen. Die verlockenden Feuchtland-Nischen sogen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in sich ein, die mitsamt ihren Bautechniken, ihren religiösen Vorstellungen, ihren Werkzeugen, ihrer Landwirtschaft, ihrem Handwerk, ihrem Handel und ihren Ideen kamen. Aufgrund von Klimaveränderungen wurde das südliche Mesopotamien zum Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte weltweit.
In diesen nassen, unwägbaren Umgebungen waren dauerhafte Städte äußerst attraktiv. Sie waren der Beweis für den Triumph der Menschheit über die Natur. Eridu entstand aus einem Zusammenspiel von Religion und Topographie. Die im Überfluss vorhandenen, nährstoffreichen, nachwachsenden Ressourcen in den Feuchtgebieten brachten Städte nicht nur erst hervor, sondern versorgten sie mit der nötigen Energie, um größer und komplexer als alle anderen Siedlungen zu werden.[8]
Als die Natur sich im südlichen Mesopotamien radikal veränderte, verschwanden die mit den Feuchtgebieten assoziierten Lebensweisen. Doch nach einem Jahrtausend der Entwicklung war die urbane Zivilisation mittlerweile ausgereift. Der Rückgang der Sümpfe ließ Uruk in erhöhter Lage trocken zurück. Doch die Geschichte der Urbanisierung ist größtenteils die Anpassung der Menschen an eine sich verändernde Umgebung beziehungsweise die Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse der Menschen.
Ihrer früheren Lebensgrundlage beraubt, suchten die Bauern der Feuchtgebiete Zuflucht in der Stadt, was im unteren Mesopotamien zu einer zu 90 Prozent urbanisierten Bevölkerung führte. Diese große Ansammlung von Menschen, mit ihrer langen Tradition im Bereich von Architektur und Ingenieurswesen, war in der Lage, die Herausforderung des Klimawandels zu meistern und durch großangelegte Bewässerungssysteme, die wesentliche Bevölkerungsanteile versorgen konnten, das neue Potenzial der Schwemmlandebenen zu nutzen. Landwirtschaft gab es natürlich schon vor der Stadt; doch eine derart einschneidende landwirtschaftliche Revolution war das Produkt der urbanen Revolution.
Eine Stadt ist stets mehr als bloß eine Ansammlung von Gebäuden: Was sie von anderen Siedlungsformen unterscheidet, ist weniger das Physische als die menschlichen Aktivitäten, die sie hervorbringt. Menschen in der Stadt können Berufe ergreifen, die in einem Dorf oder auf einem Bauernhof unmöglich wären. Uruk galt als »Schmiede der Götter«, war berühmt für seine überaus geschickten Goldschmiede, Kupferschmelzer, Metallurgen und Juweliere. Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung bestand aus begabten Handwerkern, die verschiedene Materialien bearbeiteten, darunter Stein, Metalle und Edelsteine. Die wertvollen Rohstoffe, die in der Großstadt Verwendung fanden, waren in der näheren Umgebung nicht verfügbar, doch Klimaveränderungen hatten nicht nur zu reicheren Ernten geführt: Aus den kleinen Rinnsalen, die sich einst durch das brackige Marschland geschlängelt hatten, war ein Kanalnetz geworden, das die Stadt mit dem Euphrat verband, einem mächtigen Handelsweg.[9]
Die Inseln des heutigen Bahrain lieferten Perlmutt und seltene Muschelschalen. Gold, Silber, Blei und Kupfer kamen aus Ostanatolien, Iran und Arabien. Handwerker in Uruk gierten nach Obsidian, Quarz, Serpentin, Speckstein, Amethyst, Jasper, Alabastergips, Marmor und anderen reizvollen Materialien. Von den Bergen Afghanistans und Nordpakistans, mehr als 2400 Kilometer entfernt, stammte der begehrte tiefblaue Lapislazuli; Karneol und Achat wurden im noch ferneren Indien abgebaut. Die Häuser der Götter verlangten danach, mit solch kostbaren Materialien verziert zu werden. Doch auch einfache Sterbliche durften sich an üppig dekorierten Schmuckstücken, Waffen, Trinkbechern und Gefäßen erfreuen. Sie konnten sich auch an Wein und Öl gütlich tun, die in Booten geliefert wurden.[10]
Die antike Stadt Uruk war in mehrere Bezirke unterteilt, von denen jeder einem speziellen Gewerk gewidmet war. Einzelpersonen und Familien arbeiteten in ihren Hofhäusern oder in Werkstätten. Die dicht stehenden Häuser und die kühlen, schattigen Straßen der Stadt ermunterten zu geselligem Miteinander – und somit zu Ideenaustausch, Experimentierfreudigkeit, Zusammenarbeit und zu intensivem Wettbewerb. Die große Dynamik und das rasante Wachstum der Stadt verdankten sich vor allem ihrer Rolle als Handelsgenerator.
Das Gilgamesch-Epos wirft Fragen auf zum Thema Stadt, die erstaunlich modern anmuten: Wie und warum kamen die Menschen wie Enkidu zu dem Entschluss, sich in Städten anzusiedeln? Und welchen Preis zahlten sie dafür, dass sie ihre primitive Freiheit gegen die Annehmlichkeiten der Stadt eintauschten? Die Erfindung der Stadt ist vergleichsweise neu, und unsere Erfahrung damit nimmt nur einen winzigen Teil unserer Zeit auf Erden ein. Warum sein freies Nomadendasein für das Verharren in einer gebauten und überfüllten Umgebung eintauschen? Wie kann eine Spezies, die sich unzählige Jahrtausende auf einen bestimmten Lebensraum hin entwickelte, sich an eine neue, nahezu gegensätzliche Umwelt anpassen? Und zu welchem seelischen Preis?
Die Autoren des Gilgamesch-Epos stellten sich ähnliche Fragen. Wie viele Menschen im Laufe der Geschichte empfindet Uruks König Gilgamesch, zu einem Drittel menschlich, zu zwei Dritteln göttlich, das Stadtleben als Bürde. Mit dem Ungestüm eines wilden Stiers kommandiert er die Stadtbevölkerung. Die Götter stellen ihm daher den Naturmenschen Enkidu als Gefährten zur Seite, damit er den König zähmen helfe. Enkidu und Gilgamesch bilden gewissermaßen eine Dualität – unsere bäuerlichen, natürlichen Instinkte, die sich mit unserem zivilisierten, urbanen Selbst im Kriegszustand befinden. Weil sie sich in ihrer Kraft und Energie ergänzen, werden der weltgewandte Gilgamesch und der wilde Enkidu enge Freunde. Enkidu ermutigt Gilgamesch, seine Leidenschaften auszuleben: Im fernen Zedernwald auf dem Berg Libanon – der geheime, verbotene Sitz der Götter – soll er dessen schreckenerregenden Wächter, den Riesen Humbaba, zum Kampf herausfordern. Ein Mann, erfahren wir, sei erst dann wahrhaft ein Mann, wenn er dem einschläfernden Luxus der Stadt den Rücken kehre und seine Kräfte mit der Natur messe. Durch die Eroberung des Waldes werde Gilgamesch den heißersehnten ewigen Ruhm erlangen.
Er wird noch etwas anderes darin finden. Städten im südlichen Mesopotamien wie Uruk fehlte es an Baustoffen, und das Zedernholz aus dem Libanongebirge war ein kostbarer Rohstoff für Architekten und Baumeister. So benötigte die Stadt zum Beispiel für ein einziges Tempeldach 3000 bis 6000 Meter Holz. Gilgamesch und Enkidu machen sich also auf, um zugunsten der Stadt die Natur zu bekriegen. Der frisch zivilisierte Enkidu gelobt, die herrlichste Zeder zu fällen und sie Hunderte Meilen den Euphrat hinunterzuflößen. Bei seiner Rückkehr in die urbane Welt will er eine mächtige Tempeltür daraus zimmern.
Den beiden Helden gelingt es, den Riesen zu erschlagen, und sie fällen wunderbare Zedern für die Stadt. Stolzgeschwellt bringen sie die Götter noch mehr gegen sich auf. Gilgamesch verschmäht die sexuellen Annäherungen einer Göttin, die es ihm daraufhin heimzahlt, indem sie den Himmelsstier aussendet, die Stadt Uruk zu vernichten und Gilgamesch zu töten. Doch Gilgamesch und Enkidu erlegen die Bestie. Dieser letzte Akt der Hybris erzürnt die Götter endgültig, und sie belegen Enkidu mit einer Krankheit.
Als er im Sterben liegt, verflucht Enkidu die Dirne Schamchat, weil sie ihn dereinst von seinem freien, glücklichen Leben in der Natur fortlockte. Er verflucht die Tür, die er aus dem heiligen Zedernbaum gezimmert hat. Seine Entscheidung, das natürliche Leben gegen ein zivilisiertes einzutauschen, hat an seinen Kräften gezehrt und ihn geschwächt.[11]
Städte waren immer schon Killer. Eine Stadt wie Uruk, mit Tonnen von menschlichen und tierischen Exkrementen, die in offenem, stehendem Wasser entsorgt werden, scheint für Mikroben wie gemacht. In den Industriestädten Manchester und Chicago starben im 19. Jahrhundert 60 Prozent der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei sechsundzwanzig Jahren. Zum Vergleich: Auf dem Lande lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 32 Jahren, die Kleinkindersterblichkeit bei 40 Prozent. Lange Zeit war die Stadt ein Ort, dem man entfliehen wollte. Im 20. Jahrhundert flüchteten die Menschen in den USA
