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Im Kontext von Migration und Interkulturalität ist systemische Therapie und Beratung von Familien und Kindern erfolgreich, wenn bei den Fachkräften Verständnis für die individuelle migrantische Lebenswirklichkeit besteht. Voraussetzung dafür ist unter anderem die Kenntnis der jüngeren Migrationsgeschichte, auf die Benjamin Bulgay einen präzisen und fokussierten Blick wirft, bevor er die Rolle von Sprache, Neugier und systemischer Haltung in der multilingualen Erziehungshilfe und Familientherapie herausstellt. Theorie, Methodik und Praxisbeispiele unterstreichen Empathie, Offenheit und Wertschätzung als Kompetenzen der Stunde und zeigen, dass Klient*innen im interkulturellen Kontext Kulturexpert*innen sind – und wie diese Perspektive für gelungene Beratung und Therapie genutzt werden kann. Dieses Buch räumt Missverständnisse in der systemisch-interkulturellen Arbeit aus dem Weg!
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Leben.Lieben.Arbeiten
Herausgegeben von
Jochen Schweitzer und
Arist von Schlippe
Benjamin Bulgay/Lena Suna Hirner
Migrantenfamilien
Interkulturelle Beratung
Mit einer Abbildung
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: travelview/stock.adobe.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2625-6088
ISBN 978-3-647-99444-4
Inhalt
Zu dieser Buchreihe
Vorwort
I Der Kontext
1Unsere eigene Migrationsgeschichte als Hintergrund dieses Buches
2Einwanderung nach Deutschland: Geschichte und Statistiken
3Integration zwischen Inklusion und Assimilation: Begriffe und ihre Hintergründe
4Migrantenfamilien aus dem Vorderen Orient: eigene Besonderheiten
5Der Lern-Planet: Eine Einrichtung von Migranten für Migranten
II Die systemische Beratung
6Methoden systemischer Beratung, die sich für Migrantenfamilien eignen
•7Fall 1, Familie A – Eine Liebesheirat in Aserbaidschan (Beraterin: Lena Hirner)
•8Fall 2, Familie B – zwei Töchter zwischen deutscher, türkischer und Roma-Kultur (Beraterin: Lena Hirner)
•9Fall 3, Familie G/N/K – aus Nigeria, Eritrea und Kenia nach Wiesbaden (Berater: Benjamin Bulgay)
10Interkulturelle Arbeit ambulant und stationär – was ist anders?
III Am Ende
11Ausblick/10 Gebote der interkulturellen Arbeit
12Literatur
13Die Autoren
Die Reihe »Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten« befasst sich mit Herausforderungen menschlicher Existenz und deren Bewältigung. In ihr geht es um Themen, an denen Menschen wachsen oder zerbrechen, zueinanderfinden oder sich entzweien und bei denen Menschen sich gegenseitig unterstützen oder einander das Leben schwermachen können. Manche dieser Herausforderungen (Leben.) haben mit unserer biologischen Existenz, unserem gelebten Leben zu tun, mit Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, Schicksal und Lebensführung. Andere (Lieben.) betreffen unsere intimen Beziehungen, deren Anfang und deren Ende, Liebe und Hass, Fürsorge und Vernachlässigung, Bindung und Freiheit. Wiederum andere Herausforderungen (Arbeiten.) behandeln planvolle Tätigkeiten, zumeist in Organisationen, wo es um Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit geht, um Struktur und Chaos, um Aufstieg und Abstieg, um Freud und Leid menschlicher Zusammenarbeit in ihren vielen Facetten.
Die Bände dieser Reihe beleuchten anschaulich und kompakt derartige ausgewählte Kontexte, in denen systemische Praxis hilfreich ist. Sie richten sich an Personen, die in ihrer Beratungstätigkeit mit jeweils spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind, können aber auch für Betroffene hilfreich sein. Sie bieten Mittel zum Verständnis von Kontexten und geben Werkzeuge zu deren Bearbeitung an die Hand. Sie sind knapp, klar und gut verständlich geschrieben, allgemeine Überlegungen werden mit konkreten Fallbeispielen veranschaulicht und mögliche Wege »vom Problem zu Lösungen« werden skizziert. Auf unter 100 Buchseiten, mit etwas Glück an einem langen Abend oder einem kurzen Wochenende zu lesen, bieten sie zu dem jeweiligen lebensweltlichen Thema einen schnellen Überblick. Die Buchreihe schließt an unsere Lehrbücher der systemischen Therapie und Beratung an. Unsere Bücher zum systemischen Grundlagenwissen (1996/2012) und zum störungsspezifischen Wissen (2006) fanden und finden weiterhin einen großen Leserkreis. Die aktuelle Reihe erkundet nun das kontextspezifische Wissen der systemischen Beratung. Es passt zu der unendlichen Vielfalt möglicher Kontexte, in denen sich »Leben. Lieben. Arbeiten« vollzieht, dass hier praxisbezogene kritische Analysen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ebenso willkommen sind wie Anregungen für individuelle und für kollektive Lösungswege. Um klinisch relevante Störungen, um systemische Theoriekonzepte und um spezifische beraterische Techniken geht es in diesen Bänden (nur) insoweit, als sie zum Verständnis und zur Bearbeitung der jeweiligen Herausforderungen bedeutsam sind.
Wir laden Sie als Leserin und Leser ein, uns bei diesen Exkursionen zu begleiten.
Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe
»Deutschland ist kein Einwanderungsland« – diese Fantasie hat sich, aller Statistik zum Trotz beinahe sechzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gehalten, bis die von der Bundesregierung eingerichtete »Süßmuth-Komission« im Jahr 2000 diese Fantasie in Rente schickte. Irgendwie lebt diese Fantasie aber immer noch fort, etwa in der Variante »Der Islam gehört nicht zu Deutschland«. Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, dieser Satz war schon im deutschen Kaiserreich zwischen 1871 und 1918 falsch. Damals wurden viele Eisenbahnstrecken im Deutschen Reich von italienischen Wanderarbeitern gebaut, wurde viel Ruhrgebietskohle durch polnisch sprechende Bergleute aus Oberschlesien gefördert. Genauso interessant ist, wie der Osnabrücker Migrationsforscher Klaus Bade betont hat (1999), dass Deutschland in vielen Epochen zwischen dem 17. Und dem 19. Jahrhundert ein ausgeprägtes Auswanderungsland war, in einer Zeit, als hierzulande Hungersnöte und politische Repression viele Menschen ins osteuropäische und amerikanische Ausland trieben.
Die Beratung von Einwanderer-Familien ist auch eine Herausforderung für die soziale Arbeit und das Gesundheitswesen in Deutschland. Bei frisch eingewanderten Familien sind die Sprachkenntnisse sowie die wechselseitige Unkenntnis der kulturellen Codes die große Herausforderung. Bei schon in einer früheren Generation eingewanderten »post-migrantischen« Familien verschiebt sich dieser Fokus zu der Frage, welcher Werte- und Traditionen-Mix in diesen Familien nun gelten soll und wie eine Identität aussieht, die die Traditionen des Herkunftslandes ebenso wie die Werte des neuen Heimatlandes miteinander verbinden kann. Diese Frage vermag oft heftige innerfamiliäre Generationenkonflikte auszulösen.
In diesem Buch geht es ganz vorwiegend um die Beratung von relativ »frisch« eingewanderten Familien. In diesen Familien sorgen mangelnde Sprachkenntnisse für zahlreiche Orientierungs- und Verständigungs-Erschwernisse, treffen entgegengesetzte kulturelle Codes noch in sehr »reiner« Form aufeinander. In diesem Beratungsfeld arbeiten die Autoren dieses Buches hauptsächlich. Sie sind Vater und Tochter. Der Vater (Benjamin Bulgay) kam als Kind nach Deutschland, die Tochter (Lena Suna Hirmer) ist mit türkischem Vater und deutscher Mutter »post-migrantisch« hier aufgewachsen, hat aber ebenso wie der Vater engen Kontakt in die türkischen Heimatsregion gehalten.
Benjamin Bulgay und seine Frau Hirner haben seit den 199er Jahren in Wiesbaden mit dem Lernplanet« ein mittelgroßes Sozialunternehmen geschaffen, das anfangs sich ganz auf Sprachkurse konzentrierte und über die Jahre immer mehr interkulturelle sozialpädagogische Dienstleistungen aller Art in sein Programm aufgenommen hat. Dort »beraten Migranten Migranten«. Diese Berater mit eigenem Migrationshintergrund arbeiten auf Basis eines klaren und selbstbewussten Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland. Sie glauben an die Möglichkeit erfolgreichen Einlebens in einer zumindest multikulturellen Gesellschaft, und diese Überzeugung merkt man dem ganzen Buch an. Sie arbeiten mit einem klaren systemischen Konzept (das manchmal eher an die Kybernetik erster Ordnung als an die Kybernetik zweiter Ordnung erinnert), sie arbeiten meist aufsuchend, oft in Zwangskontexten, fast immer im Angesicht von sehr herausfordernden Konfliktlagen.
Die Leser*in dieses Buches wird mal mit Schmunzeln, mal mit Erstaunen, oft aber mit einem Blick auf das kulturübergreifend »allzu Menschliche« die Fallgeschichten lesen und wird sich ermutigt fühlen zu lesen, wie mit der Bulgay-Hirnerschen Mischung aus systemischer Fallkonzeption, interkultureller Kompetenz, Ausdauer und gesundem Menschenverstand knifflige zwischenmenschliche Dilemmata langsam aufgelöst und ertragbar werden können.
Jochen Schweitzer
Benjamin Bulgay
Die Erlebnisse meiner Kindheit haben mich sehr geprägt und mein gesamtes Leben stark beeinflusst. Von der Geburt bis zum Alter von 10 Jahren war mein Lebensmittelpunkt die Türkei. Dann veränderte sich alles und plötzlich lebte ich in einer fremden Welt, in Deutschland. Meine Erfahrungen stehen vermutlich stellvertretend für eine ganze Generation von Gastarbeiter*innen und ihren Kindern.
Gemeinsam mit meiner ältesten Tochter Lena, Studierende der Erziehungswissenschaft und in Deutschland geboren, werden wir mit diesem Erfahrungsbericht anhand von drei Beispielen zeigen, wie wichtig der systemische Ansatz auch bei der Arbeit mit Familien aus anderen Kulturen ist.
Mein persönlicher Hintergrund ist ein starkes Motiv für mich gewesen, den Weg der sozialen Arbeit einzuschlagen. Ich möchte kurz ausführen, wie es dazu gekommen ist.
Meine Eltern lebten bereits seit einigen Jahren in Deutschland und uns Kindern war damals nicht klar, warum sie weggegangen waren und ob wir sie jemals wiedersehen würden. Dann, Ende 1974, kurz vor Weihnachten wurde ich als 10-jähriger Junge gemeinsam mit meiner jüngeren Schwester zu ihnen gebracht.
In Deutschland angekommen, freuten wir uns sehr, unsere Eltern und den drei Jahre älteren Bruder wiederzusehen. Meine Mutter war wieder schwanger, und so wohnten wir bald zu sechst in einer 1-Zimmer Wohnung im Herzen von Wiesbaden, mit einer Toilette im Treppenhaus und ohne Bad. Mehr konnten wir uns nicht leisten.
Meine Mutter war 27 und bildhübsch als sie nach Deutschland kam, zunächst ohne meinen Vater. In der Türkei gab es zu der Zeit keine Arbeit, erklärte sie mir Jahre später. Sie bekam vom Arbeitsamt eine Adresse in Bayern und musste sich innerhalb von drei Tagen entscheiden, ob sie nach Deutschland wolle oder nicht.
Es war damals wie heute nicht einfach nach Deutschland zu kommen. Man musste gesund sein, durfte nicht älter als dreißig sein und nicht mehr als drei Kinder haben, außerdem war ein Grundschulabschluss notwendig. Meine Mutter erfüllte als eine gesunde 27-jährige Berufsschullehrerin mit drei Kindern alle Voraussetzungen. Damals waren weibliche Gastarbeiter*innen noch selten.
Da ihr Diplom in Deutschland nicht anerkannt war, suchte sie bundesweit nach einer Arbeit in einer Großstadt und landete so schließlich in Wiesbaden. Wiesbaden war sehr teuer, sagte sie, und viele Deutsche wollten keine Gastarbeiter*innen als Mieter*innen. Unser damaliger Vermieter war ein Jude. Er sagte wohl zu meiner Mutter, er verstehe sie.
