Miles Per Minute - Chris Montana - E-Book

Miles Per Minute E-Book

Chris Montana

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Beschreibung

Chris Montana, im bürgerlichen Leben Christian Iberle, bespielt seit mehr als 15 Jahren die besten Clubs und Festivals rund um den Globus. Da die ganze Welt sein Arbeitsplatz ist, hat er eine beeindruckende Stempelsammlung in seinen Reisepässen angehäuft. In über 50 Ländern brachte er bereits die Massen zum Tanzen: vom glamourösen Formel-1-Happening beim Prinzen von Bahrain, einem VIP-Event eines Popstars in New York über die besten Clubs Ibizas bis zu Beach-Partys mit Tausenden von Feierwütigen in Brasilien. In seinem Buch "Miles Per Minute" gibt Chris Montana einen tiefen Einblick in das Leben eines weltweit bekannten und agierenden DJs, Musikproduzenten und Labelinhabers. Ein DJ, der dennoch stets seiner Heimat und Wiege des Erfolgs verbunden geblieben ist. Wie lebt es sich als "Star im Mikrokosmos Club"? Was ist das Erfolgsrezept und wie bleibt man trotz Konkurrenz oder harter Rückschläge so lange im Geschäft und an der Spitze? Bekanntschaften in Städten auf der ganzen Welt und die mit ihnen erlebten Geschichten werden neben interessanten, tragischen, lustigen oder traurigen persönlichen Erlebnissen des Lebemannes Chris zum Salz in der Suppe von "Miles Per Minute".

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Chris Montana

Miles Per Minute

Ein DJ als Star im Mikrokosmos Club

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Eintausend und diese eine Nacht – ein DJ als Star im Mikrokosmos Club

Wie alles begann – von Show Me Love bis Put Your Hands Up For Detroit – Miles per Minute: 2

Ibiza Calling – Miles per Minute: 720

Notlandungen

Die Lieblingsgäste eines DJ

Caipirinha, Picanha e mais – Miles per Minute: 6.337

Einmal um die Welt – Miles per Minute: 10.259

Kontraste – Miles per Minute: 4.081

Montana in Gaza – Miles per Minute: 1.830

Ein zauberhafter See – Miles per Minute: 8.904

Insomnia – Miles per Minute: 1.005

Slumdog Millionaire – Miles per Minute: 4.020

Selbst ein kleiner Star – Miles per Minute: 3.917

Kanada, die bessere USA? – Miles per Minute: 3.728

Blutdiamanten – Miles per Minute: 5.747

Die große, die mittlere und die kleine Horde – Miles per Minute: 2.690

Luxus pur – Miles per Minute: 2.957

Perfect Lovers – Miles per Minute: 462

Von Oligarchen und langen Beinen – Miles per Minute: 1.013

Lederhosen und Dim Sum – Miles per Minute: 5.716

Graf Dacula – Miles per Minute: 602

Nizhnevartovsk, Russland im Winter 2010 – Miles per Minute: 2.796

Far Far Far East – Miles per Minute: 5.716

Von Stars und Sternchen – Miles per Minute: 2.734

Feiern am Roten Meer – Miles per Minute: 1.988

Inferno – Miles per Minute: 1.369

Bei den Pyramiden – Miles per Minute: 1.739

Sonne, Sand und Samba – Miles per Minute: 6.959

Partymarathon – Miles per Minute: 932

Wo ist die Muße? – Miles per Minute: 310

Auf der Loveparade – Miles perMinute: 310

Klassenfahrt nach Prag – Miles per Minute: 292

In der Hauptstadt ticken die Uhren anders – Miles per Minute: 310

Winter Wonderland – Miles per Minute: 175

Allgäu and more 1997 – Miles per Minute: 37

Das erste Mal Ibiza – Miles per Minute: 782

Let There Be House

Schlusswort

Miles Per Minute - 20 Jahre Chris Montana - kostenloser DJ-Mix

Impressum neobooks

Eintausend und diese eine Nacht – ein DJ als Star im Mikrokosmos Club

Was war das nur für eine Nacht gewesen? Es ist sechs Uhr morgens, irgendwo im 30. Stock eines Fünf-Sterne-Hotels. Marriot, Le Meridien oder Sofitel, wer weiß das schon? Ich schaue aus dem Fenster und sehe gerade die Sonne zwischen einem Meer aus Wolkenkratzern aufgehen. Die Luft flimmert schon von der frühmorgendlichen Hitze. Ich muss mich anstrengen, um mich an die Stadt, deren Skyline ich gerade bewundere, zu erinnern. Shanghai, Hongkong, Singapur? Irgendwo in Fern-Ost sitze ich schlaflos in meinem luxuriösen Hotelzimmer, die Einrichtung um mich herum zusammengestellt aus der typischen Mischung von Buchenholzfurnier und hochwertigen Stoffen. Im Fernsehen laufen die Nachrichten von CNN-Asia. Ich bin noch total aufgedreht, habe ich doch erst vor einer Stunde den Club, der sich im obersten Stockwerk des Gebäudes befindet, verlassen. Der Abend war toll, viele interessante Menschen, Künstler, Unternehmer und Stadtprominenz und sehr viel Small-Talk. Wie bei einem Film, den man im Zeitraffer ansieht, huschen die Bilder der vergangenen Stunden vor meinem inneren Auge vorbei. Wo war ich gestern? Ach ja, Hongkong, schon ganz vergessen. Wohin heute? Stimmt, heute geht es wieder heim nach Ulm, dem kleinen „Provinzstädtle“, an der Schwäbischen Alb gelegen, an dem ich so hänge. Ich sollte eigentlich schlafen, denn es wird ein langer Flug, ich muss morgen früh in Frankfurt noch mal umsteigen. Doch auf meiner inneren Uhr ist es erst zehn Uhr abends. Und ich bin noch richtig aufgedreht, habe Hunger und bestelle mir erst einmal ein Red-Chicken-Curry. Extra spicy.

Und als ich so aus dem Fenster blicke und mir die Erinnerungen aus vergangenen Tagen durch den Kopf schießen, fasse ich den Beschluss, dass all diese Erlebnisse aus 20 Jahren Nachtleben, all die schlaflosen Nächte, die ich in Clubs, im Auto oder im Flieger verbracht habe, zu wertvoll sind, als sie einfach irgendwo im hintersten Eck meines Kopfes verstauben zu lassen. Ich bin ein Mann und habe leider kein fotografisches Gedächtnis wie so viele Frauen, die dir jeden Dialog und Streit Wort für Wort vorbeten können – und sei es fünf oder zehn Jahre her. Manchmal scheint mir mein Hirn ein bisschen wie ein Schweizer Käse. Dies war also diese eine Nacht. Die wahrscheinlich eintausend und erste, die ich mal wieder ohne Schlaf verbracht hatte, und der Groschen war gefallen. Ich wollte dieses Buch schreiben. Ich wollte alles auf Papier festhalten. Für mich, meine Freunde und Eltern und ein paar interessierte Leser vielleicht.

„Du musst deine Geschichten aufschreiben!“, mahnte mich neulich doch tatsächlich ein sechzigjähriger Bekannter aus meinem Fitnessstudio, als ich mal wieder nach einem langen Wochenende aus Dubai und Brasilien zurückkam und – ohne es zu merken – von ihm eine halbe Stunde lang über den ganz normalen Wahnsinn, als internationaler DJ auf Reisen ausgefragt wurde.

So viele tausend Nächte auf der Bühne, so viele ungezählte Flüge über den Ozean, so viele Veranstalter und DJs, Clubber und selbsternannte Celebrities … erlebt an oft sehr ungewöhnlich Orten – vom Szeneclub in Dubai und New York bis zur illegalen Open-Air Party in Indien oder dem hintersten Sibirien …

Diese Eindrücke fliegen wie Meilen im Flieger im Sekundentakt an mir vorbei.

Der größte Teil dieses Buches handelt vom Reisen als Musiker und entstand auch hauptsächlich beim Reisen. Im Flugzeug, auf dem Schiff, im Hotelzimmer oder am Strand. Genauso will ich den Leser aber auch an meiner Gefühlswelt teilhaben lassen, an dem unglaublichen Adrenalinstoß, wenn du auf der Bühne stehst und dir Hunderte oder Tausende zujubeln, oder am Ärger, wenn ein Ägypter in Kairo dir nach der Party erzählt, dass sein Partner leider mit einem Teil deiner Gage abgehauen sei, an dem Hochgefühl, wenn du interessante Menschen und Orte kennenlernst, und den Entbehrungen, die ich über Jahre hinweg meinen Freunden, meinem Umfeld und Eltern zugemutet habe.

All diese Geschichten habe ich versucht mit Humor, einer Prise Ironie und auch tüchtig Selbstkritik in Worte zu fassen.

Auch ist dieses Buch nicht in einem „Rutsch“ entstanden, ich habe es vielmehr in vielen einzelnen Etappen geschrieben, oftmals unter dem Einfluss extremer emotionaler Zustände, die sich mit ein wenig zeitlichem und gefühlsmäßigem Abstand zum Teil etwas komisch oder sonderbar lesen. Ich habe diese Abschnitte aber absichtlich nicht im Nachhinein editiert oder entschärft.

Es ist ein Prozess, der manchmal ein halbes Leben braucht, bis man als Künstler herausfindet, wann man am besten ist, in welchen Momenten und in welchem Gemütszustand man wirklich kreativ wird.

Nachdem ich schon viele Jahre die Welt als DJ bereist hatte, fiel mir auf, dass mir meine besten musikalischen Ideen an den komischsten Orten kamen. Im Flugzeug oder kurz vor meinem Auftritt. Manchmal befand ich mich nach mehreren Nächten ohne Schlaf und vielen Stunden auf der Bühne in einer Art transzendentem Zustand, bei dem die Einfälle nur so aus mir heraus flossen.

Und jedes Mal, wenn ich von einer meiner „Geschäftsreisen“ zurückkam, hatte ich so viele kleine Geschichten und Erlebnisse im Kopf, dass ich zu schreiben begann. Es wäre zu schade gewesen, diese als Erinnerungen für mich alleine zu behalten.

Schon immer hat mich das Reisen fasziniert. Es wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Meine Eltern, vor allem mein Vater, haben mit mir schon sehr früh – wie sie es nannten – „Abenteuerurlaube“ unternommen. Schon bevor ich in die Pubertät kam, hatte ich die mexikanischen Pyramiden, den Nil, die Mangroven-Wälder Floridas und den Grand-Canyon gesehen. Ich liebte es, neue Dinge zu erleben und ich empfand auch die Reise an sich nie als Tortur, sondern eher als eine Art Faszinosum.

Das war auch der Grund, warum ich nach dem Abitur entschied, Geografie und Sport auf Lehramt zu studieren. Leider galt zu Beginn des Studiums mein Interesse mehr dem Ausgehen und Beachvolleyball spielen als der „vertikalen Struktur eines Podsol-Bodens in Schleswig-Holstein“. Es war zu verlockend, sich dem Dolce-Vita hinzugeben. Seitdem ich 18 bin, habe ich jedes Wochenende mindestens zweimal als DJ in verschiedenen Clubs oder auf Partys gespielt. Meine Gage war damals schon ganz ansehnlich, sodass ich schon sehr früh finanziell von meinen Eltern unabhängig war. Ich konnte in Urlaub fahren, wohin ich wollte, mir ein Cabrio kaufen, Mädchen ausführen. Einfach traumhaft. Und so nahm ich mein Studium an der Universität von Karlsruhe auch anfangs nicht zu ernst, sondern genoss das Leben.

Diese Einstellung wurde mir dann auch beinahe zum Verhängnis und erst nach einem Härteantrag bei der geografischen Fakultät bestand ich die Zwischenprüfung endlich beim dritten Anlauf. Dann aber brachte ich den Rest meines Studiums schnell und gut zu Ende und schloss mein Examen überdurchschnittlich gut ab.

Parallel dazu entwickelte sich meine musikalische Karriere recht erfolgreich und zum Ende des alten Jahrtausends war ich ein in Süddeutschland sehr gut gebuchter DJ. Warum also nicht etwas riskieren und mal sehen, wie weit man als Plattenaufleger kommen kann? Das dachte ich mir nach Abschluss meines Studiums und begann mich voll auf die Musik zu konzentrieren und ließ mein Lehrerleben sein.

Dass ich über zehn Jahre später an die 50 Länder bereist und mir tatsächlich einen international anerkannten Status erspielt haben würde, konnte ich mir damals nicht einmal im Traum vorstellen.

Wie alles begann – von Show Me Love bis Put Your Hands Up For Detroit – Miles per Minute: 2

Es muss so 1990 gewesen sein, als ich begann, mich intensiv für die Musik zu interessieren. „Pump Up The Jam“ von Technotronic war ganz vorne in den Hitparaden und ich wünschte mir von meinen Eltern zu meinem 15. Geburtstag ein kleines und günstiges Zweikanalmischpult.

Mich faszinierten immer schon eingängige Melodien, vor allem, wenn sie künstlich mit Synthesizern oder anderen Instrumenten erzeugt werden. Ich hatte in meiner Jugend drei Jahre Cello-Unterricht genommen, konnte aber keine Beziehung zu diesem Instrument aufbauen. Es ist schwer in Worte zu fassen: Ich konnte zwar die Noten vom Blatt sehr gut spielen, aber es floss keine Melodie aus meinen Fingern. Da war einfach keine Affinität zwischen mir und dem Streichinstrument.

Dafür ließ ich mich umso mehr von Technik begeistern und experimentierte ruhelos mit dem kleinen Mischer. Ich schloss den damals schon 20 Jahre alten Dual-Plattenspieler meiner Eltern an und versuchte über den kleinen Geschwindigkeitsdrehregler, rechts unten, Musik von meinem neuen „Best Of 1990“-Album mit Liedern, die ich auf Kassette hatte, zu mischen und nahtlos deren Beat in Einklang zu bringen mit dem der Platte. Ich war total hypnotisiert von der Tatsache, dass man mehrere Lieder ohne Pause und Stolpern des Rhythmus‘ ineinander mischen kann. Mit zwei gleichen Musikstücken war es mir mit ein wenig Übung sogar möglich, deren prägnante Stellen sogar endlos zu wiederholen. Heutzutage kann das jedes Kind. Einfach den „Loop“-Button am CDJ drücken und schon hat man einen perfekten Ein-Takt-Loop. Ich brauchte Wochen dafür, bis ich eine Technik heraushatte, per Kassette und Dual-Plattenspieler wenigstens zwei bis drei einigermaßen saubere Wiederholungen von 20 oder 30 Sekundenabschnitten hinzubekommen. So wie im legendären „The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel“, wo die Hip-Hop-DJ-Legende Grandmaster Flash einen Live-DJ-Mix an drei Turntables auf Vinyl verewigt hat.

Um mein Repertoire und Musikwissen zu vergrößern, stand ich daraufhin stundenlang im Plattenladen und hörte mir ganze Berge von Vinylscheiben an. Ich brauchte unbedingt neues Material zum Mischen, vor allem Maxi-Singles. Eine Maxi, landläufig und global meist 12inch oder 12'' genannt, ist die lange Version eines Liedes, extra für DJs produziert und auf Vinyl gepresst, mit längeren Drum-Parts zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Titels. Dadurch ist es für einen DJ leichter, die Titel ineinander zu blenden, ohne dass der Gesang oder die Instrumente der zwei Musikstücke sich gegenseitig stören.

Helmut, der damalige Besitzer des besten Plattenladens in Ulm, des Record Express, musste mich gehasst haben. Ich stand stundenlang bei ihm im Laden, neben mir ein mannshoher Stapel von 12'', von denen ich am Ende vielleicht gerade einmal ein bis zwei Stück kaufte. Zu mehr reichte mein Geld einfach nicht aus, denn Musik war teuer damals – hier noch mal zur Erinnerung an alle jungen Musikfreunde im Jahr 2013. Musik war nicht immer grenzenlos, kostenlos und frei verfügbar im Netz zu finden. Man musste vor 20 Jahren tatsächlich noch in einen Laden gehen und dann im Regal, das alphabetisch oder genremäßig sortiert war, nach seiner Musik suchen – und sie dann an der Kasse teuer bezahlen (ich weiß, es gibt auch noch heute Menschen, die im Internet für ihre Musik bezahlen, oder gar Liebhaber, die sich Vinyl-Platten bestellen, doch ich will an dieser Stelle einfach mal behaupten – und das ist natürlich empirisch nicht gestützt –, dass mindestens 90 Prozent aller Konsumenten heutzutage nichts für ihre Musik bezahlen, ja sich nicht einmal dessen bewusst sind, dass Musik etwas kosten könnte).

Jedenfalls kostete damals eine Platte bis zu 20 D-Mark. Ich ging noch zur Schule und mein Taschengeld und das Geld, was ich mir durch Ferienjobs erarbeitet hatte, ging für meine ersten Urlaube oder fürs Ausgehen drauf. So besuchte ich Platten-Flohmärkte wie z. B. den in der Ulmer Donauhalle, die damals sehr populär waren. Hier konnte ich für wenig Geld viel Musik zum Üben an meinen Plattentellern finden. Vor allen Maxis aus den 80ern und 90ern. Heute seltene Raritäten.

Es muss gegen 1992 gewesen sein, da hatte ich endlich genügend Geld gespart, um mir ein komplettes DJ-Set zu kaufen. Zwei Technics SL-1200 MK2-Plattenspieler, ein Mischpult und zwei große Boxen, um eine Party beschallen zu können. Ich liebe diesen Plattenspieler und genau diese beiden ersten 1210er stehen immer noch bei mir in der Wohnung und tun ihren Dienst wie am ersten Tag. Technik und Design für die Ewigkeit gemacht.

Ich richtete mir also im Partyraum im Keller des Hauses meiner Eltern ein kleines Studio ein, in dem ich zu dem erwähnten Equipment nach und nach immer mehr Hardware kaufte. Nächtelang mussten in den folgenden Jahren meine Eltern und unsere Nachbarn die Bässe meiner Musik ertragen.

Zu Beginn der 90er gab es noch nicht so inflationär viele DJs wie heutzutage. Ich war im Prinzip der einzige Plattenaufleger in meinem Alters- und Bekanntenkreis. So spielte ich bald jedes Wochenende für Gagen von 100 Mark pro Abend auf jeder Geburtstags-, Faschings- oder Schulabschlussparty in der Umgebung. Das war hart verdientes Brot. Musste ich doch die gesamte Anlage und mehrere Kisten voller Platten aus dem Keller in meinen alten Toyota Corolla wuchten und vor Ort wieder aufbauen. Die Partys gingen meistens so von abends um acht bis zwei oder drei Uhr in der Früh. Danach musste ich alles wieder abbauen. Das war richtige Knochenarbeit, aber so verdiente ich bereits mein eigenes Geld und war sehr stolz darauf. Ich war jedes Wochenende unterwegs, spielte in irgendwelchen Turn- und Gemeindehallen, Garagen, Schrebergärten oder den Gewölben der alten Festungsanlagen rund um Ulm.

Natürlich war ich damals im Grunde als DJ reiner Dienstleister. Mixed Musik pur! Ich spielte alles, was Stimmung macht. 80er, Hip Hop und R'n'B, Techno, aber auch mal Rock. Ich versuchte aber stets eine musikalische Linie in meine Sets zu bringen und sogar, wenn möglich, die Lieder übergangslos ineinander zu mischen. Da kam Talk Talk – Such A Shame, Yazoo – Don’t go, Eurythmics – Sweet Dreams, BREAK, Cameo – Word up, Michael Jackson – Billie Jean, Prince – Kiss, DeBarge – Rhythm Of The Night, Madonna – Into The Groove, BREAK, Technotronic – Pump Up The Jam, C&C Music Factory – Deeper Love, FPI Project – Rich In Paradise, Mr. Lee – Get Busy, BREAK, Kenny Loggins – Welcome To Heartlight, Melissa Etheridge – Like The Way I Do, U2 – Sunday Bloody Sunday, New Model Army – 51stState Of America, BREAK, und so weiter. Einen ganzen Abend nur House oder Techno zu spielen, war für mich als Anfänger im Business nicht denkbar.

Anfangs (1994 wurde ich 18 und bekam meinen Führerschein) half mir mein Vater immer noch oder holte mich zumindest morgens nach meinen Auftritten wieder mit dem Auto ab, was mir manchmal ein wenig peinlich vor den anderen war. Ein DJ, der von seinem Vater zum Auflegen gebracht wird. Grotesk, oder?

Eins kommt nach dem anderen und ich kam so zu meinem ersten Resident-Job in einem Club. 1993 wurde in Ulm das Myer’s neu eröffnet. Damals die „In“-Adresse in 150 Kilometern Umkreis. Die Gäste kamen von überall her gefahren, um sich an der strengen Türe zu versuchen. Das P1 Ulms sozusagen. Ein Klassenkamerad und damals enger Freund, Mark, kannte über seine Eltern die damalige Geschäftsführerin des Clubs, Lisa, sehr gut und veranstaltete versuchsweise an den, normalerweise, schlechter besuchten Freitagen ein paar Partys. Ich legte an diesen Abenden auf und machte meine Sache anscheinend sehr gut. Jedenfalls rief eines montags Lisa bei meinen Eltern zu Hause an (zur Erinnerung an alle Leser unter 25: Mobiltelefone waren noch so gut wie unbekannt) und ließ mir übermitteln, ob ich nicht kurzfristig kommenden Samstag als DJ einspringen könnte. Ihr Resident sei krank geworden und ihr hätte meine Musik beim letzten Mal sehr gut gefallen. Oh mein Gott! Ich weiß es noch, als wäre es gestern, ich zitterte am ganzen Leib, so aufgeregt war ich. Der Samstag war DER Abend schlechthin. Für mich waren alle, die dort arbeiteten, Götter. Der Inhaber, die Türsteher, die Barleute, die DJs. Und jetzt sollte ich den ganzen Abend dort bestreiten? Natürlich wollte ich!

Vor lauter Spannung konnte ich die ganze Woche kein Auge mehr zu tun. Wenn ich von der Schule heimkam, verbrachte ich den ganzen Tag vor meinen Plattentellern, übte das Mixing und suchte nach neuer, cooler und angesagter Musik.

Der besagte Samstagabend ging vorbei wie im Fluge und scheinbar musste ich meine Sache sehr gut gemacht haben, denn Lisa stellte mich stante pede als zweiten Resident neben dem damals legendären Uli Bock ein. Die folgenden Monate wechselten wir uns jeden Donnerstag und Samstag ab. Musikalisch standen wir mit dem Myer‘s für tanzbare, nicht allzu kommerzielle, aber auch nicht zu spezielle Sounds. Wir bewegten uns immer zwischen 95 und 122 BPM. Den ganzen Abend. Mal schneller, mal langsamer. Jamiroquai – Space Cowboy (David Morales Remix), Robin S. – Show Me Love, C&C Music Factory – Everybody Dance Now, Black Machine – How Gee, aber auch eine 12inch-Version von Lionel Richie’s All Night Long, das waren die Hits der ersten Tage. Das alles den ganzen Abend nahtlos mit zwei Technics 1210ern zusammenzumischen, war höchst anspruchsvoll. Doch ich liebte es! Manchmal musste ich mich schon zusammenreißen, um Freitag in der Früh rechtzeitig in die Schule zu kommen. Die eine oder andere erste Stunde musste da schon dran glauben. Aber, was soll‘s? Ich war mittendrin in der Party, hatte wahnsinnig viel Spaß und verdiente gutes Geld.

Ich wurde mit dem Laden groß und der Laden mit mir. Als 1994 Thomas Heyne und Jean-Claude Ades das Myer’s übernahmen, gaben wir drei richtig Gas und das Myer’s explodierte regelrecht. Bis in die späten 90er gab es für mich keinen besseren Club in Süddeutschland. Jeder Samstag war brechend voll und auch der Donnerstag war als der „Ulmer“ Szeneabend legendär. Soundtechnisch zog es mich Jahr für Jahr mehr in Richtung House. Spielte ich anfangs noch zur Hälfte House und zur anderen Hälfte eine Mischung aus R'n'B und Classics, wurde Letzteres immer mehr reduziert. Das hat natürlich nicht allen stets gefallen. Vor allem den Frauen nicht: „Wann kommt wieder Hip Hop? Spielst du heute nur Techno?“ Fragen, die vielen DJs von heute bekannt vorkommen dürften. Doch schaffte ich es, immer mehr Gäste für meine Musikauswahl zu gewinnen.

Das gute Image des Myer’s verhalf mir natürlich auch zu vielen weiteren Aufträgen in der Region und bald war ich jedes Wochenende von Donnertag bis Samstag ausgebucht. Unter der Woche studierte ich in Karlsruhe Sport und Geografie auf Lehramt und ab Donnerstag war ich im Club und musste mir um Geld nie Gedanken machen. Auch Frauen kennenzulernen, war plötzlich noch viel einfacher geworden. Anstatt mich um sie zu bemühen, wurden mir auf einmal Nummern zugesteckt, Drinks ausgegeben und Lächeln geschenkt. Ein tolles Leben.

Als das Myer’s zu Beginn des neuen Jahrtausends seine erste Tiefphase erlitt, beschloss ich auch für mich persönlich, dass es an der Zeit wäre, neue Wege zu beschreiten. Parallel dazu machte ich auch mein Examen an der Uni und ging dann für einen Sommer nach Ibiza.

Der Club wurde ein paar Jahre später verkauft und unter der Schirmherrschaft von Thomas H., der auch das Yellow und die Dolce-Cocktailbar in Ulm betrieb, wieder neu eröffnet. Er wollte mich unbedingt zurück in meiner alten Wirkungsstätte haben und wir begannen im Jahr 2005 in Zusammenarbeit mit Radio7 eine erneute Kooperation. Ich spielte jeden Donnerstag und für einige Zeit wurde der Abend legendär. Mit Sandro Troiano als Sänger und MC am Mikro, Trommlern, der großartigen Unterstützung von Radio7 und weiteren Gimmicks kreierten wir einen Abend, wie es ihn in dieser Form lange nicht mehr in der Stadt gegeben hatte. Bald hatten wir uns von einem Geheimtipp zum Hotspot Nummer eins in Ulm gemausert. Leider musste ich irgendwann zu viele Kompromisse in Bezug auf die Gestaltung der Musik und des Programms eingehen, sodass ich 2008 die Segel strich und Platz für den Veranstalter einer sehr geistreichen Studentenparty mit dem Motto „Die ganze Nacht freier Eintritt für Frauen, Studenten-zahlen-nur-die-Hälfte und Super-billig-alles-für-2-Euro-Getränkepreise“ machte.

Trotzdem wird mir das Myer’s immer als meine wahre Geburtsstätte als DJ in Erinnerung bleiben. Hier habe ich gelernt, wie man als DJ einen Abend langsam aufbaut, mit einem dynamischen Spannungsbogen die Leute bei Laune und im Laden hält, sie für ein paar Stunden auf eine Reise schickt. Unbezahlbare Erfahrungen, die mein Leben als DJ geprägt haben.

Ibiza Calling – Miles per Minute: 720

In einer Karriere als Künstler gibt es immer einige ganz entscheidende Wendepunkte. Momente, in denen sich die Zukunft ändert und nach denen man einen komplett anderen Weg beschreitet. Entweder merkt man, dass man einfach nicht mehr weiterkommt, oder etwas passiert, was einen brutal nach vorne bringt.

Über meine sehr gute Freundin Petra hatte ich im Vorjahr Kalid Rodan, den Besitzer des El Divino auf Ibiza, kennengelernt – zur Jahrtausendwende einer der angesehensten Clubs der Welt. Kalid mochte mich, wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Ich wollte unbedingt im El Divino auftreten, also besuchte ich ihn kurzerhand im April 2001 in London. Ich legte ihm eine professionelle Präsentation von mir vor und versuchte mich so gut wie möglich zu verkaufen. Meine Bemühungen schienen ihn beeindruckt zu haben, denn er buchte mich daraufhin als DJ für die Saisoneröffnung seines Clubs auf Ibiza Ende Mai.

Ich hatte gerade ein stressiges Jahr mit Prüfungsvorbereitungen hinter mir und erfolgreich mein Staatsexamen in Sport und Geografie gemacht. Für mich war es also der perfekte Zeitpunkt, um ein wenig auszuspannen und zu entscheiden, wie es mit mir in Zukunft weitergehen sollte.

Der Auftritt im El Divino war selbstredend der bis dahin wichtigste Gig in meiner ganzen DJ-Karriere. Dementsprechend aufgeregt war ich natürlich. Alle meine engen Freunde und auch meine damalige Freundin waren mit nach Ibiza gekommen. Und wie es so mit den Freundinnen ist, brachen wir eine halbe Stunde vor diesem wichtigen Auftritt einen Riesenstreit vom Zaun. Auf der Terrasse des Clubs, vor allen anderen 1342 Gästen, warf sie mir wütend an den Kopf: „Du denkst nur an deine Musik, nie an mich. Immer nur Musik, Musik, Musik…“ Ich hatte dafür in dem Moment wirklich keinen Gedanken frei und ließ sie einfach kommentarlos stehen, doch von meinen Freunden bekam sie daraufhin einen richtigen Einlauf. Was ihr eigentlich einfiele, mich kurz vor meinem so wichtigen Gig öffentlich dermaßen bloßzustellen. Der Zeitpunkt für ihren Wutausbruch war natürlich denkbar schlecht gewählt, doch kann ich die Reaktion im Rückblick schon ein wenig nachvollziehen. Wenn es um die Musik ging, vergaß ich alles um mich herum, blendete alles aus.

Dennoch war die Party unglaublich, ich hatte die Crowd richtig im Griff, die Energie floss und ich war wie in Trance. Nur einmal „erwachte“ ich aus diesem realen Traum und dachte bei mir, „mein lieber Chris, jetzt hast du das erreicht, von dem du die letzten acht Jahre geträumt hast“. Ich versuchte diesen Augenblick ganz tief in mich auf zu nehmen und zu konservieren. Das war die eigentliche Initialzündung meiner internationalen Karriere als DJ.

Direkt nach meinem Auftritt kam Kalid auf mich zu und lud mich in seine VIP-Lounge auf der Terrasse ein. Bei einem Drink zwischen all den hübschen und wichtigen Menschen bot er mir dort an, den ganzen Sommer als Resident des Clubs zu spielen. Das war schon immer ein langgehegter romantischer Traum von mir gewesen. Eine Saison auf Ibiza. Vier Monate lang die Chance mit den bekanntesten DJs der Welt zu spielen, wie Roger Sanchez, Masters At Work oder Armand Van Helden. Außerdem konnte ich so mit Veranstaltern aus der ganzen Welt zusammenarbeiten – einen ganzen Sommer lang Sonne, Strand, Party und Erfolg.

Ich bat mir ein paar Tage Bedenkzeit aus, denn normalerweise wäre ich nach Ende der Sommerferien als Referendar in den Schuldienst gegangen, doch in meinem Innersten war die Entscheidung schon lange gefallen.

No risk, no fun! Ich war in meinem Leben immer den schwereren Weg gegangen und war meinem Herzen gefolgt, um meine Leidenschaft zu leben. Ich wollte mich nach Ende der vier Monate auf Ibiza beruflich selbstständig machen und nur von der Musik, dem Auflegen und Produzieren leben und von daher letztlich den Sommer nutzen, um viele Kontakte zu knüpfen, damit ich danach eine internationale Karriere als DJ und Musikproduzent starten konnte.

Ich beschloss einfach, diese Chance wahrzunehmen. Mein Umfeld musste das schlicht schlucken oder nicht, mir war das in dem Moment recht egal, ich wollte meinen Traum leben, alles andere zählte nicht. Also brach ich meine Zelte in Süddeutschland ab und zog für vier Monate ins sonnige Ibiza. Nur für einige wenige Gigs flog ich zurück nach Deutschland, die Schweiz oder Österreich. Vom El Divino war mir vertraglich eine Wohnung in der Nähe von Talamanca, bei Ibiza-Stadt gelegen, zugesichert worden. Auflegen musste ich fünf Tage in der Woche. Der Lohn war eher karg, wir waren ja schließlich auf Ibiza und man konnte froh sein, überhaupt dort auflegen zu dürfen – mit diesem Argument wurde der niedrige Lohn aller DJs, Barkeeper, Tänzerinnen und Flyerverteiler auf der Insel gerechtfertigt. Der erste Schock kam beim Bezug besagter Wohnung im vierten Stock eines achtgeschossigen weißen Plattenbaus am Rande von Ibiza-Stadt. Es war Sonntagmorgen acht Uhr. Ich hatte das Wochenende noch in Süddeutschland gespielt und war direkt nach meinem Gig im N-Pir in Stuttgart zum Flughafen gefahren und hatte den ersten Flug nach Ibiza um sechs Uhr in der Früh genommen. Dementsprechend übernächtigt freute ich mich einfach nur auf mein Bett in meinem neuen Apartment. Ich ging davon aus, hier allein zu wohnen oder es mir wenigstens nur mit einer anderen Person teilen zu müssen. Vielleicht mit irgendeinem entspannten Barkeeper oder dem Host des VIP-Bereichs. Nach dem Öffnen der Tür musste ich mich erst mal durch dicke Schwaden Zigarettenrauchs kämpfen. In der Küche standen vier bleiche, kräftige, ungepflegte englische Mädels aus dem Londoner Eastend und quarzten eine nach der anderen. Sie eröffneten mir, dass sie die anderen beiden Zimmer des Apartments bewohnten und waren gerade dabei, ihren Ghettoblaster anzuwerfen. Als Erstes nordete ich sie kurz ein und machte ihnen klar, dass in dem Apartment ab sofort absolutes Rauchverbot herrsche und jetzt definitiv keine Musik gespielt werde. Wenn sie schon Krawall machen wollten, dann gefälligst draußen. Es gab ein wenig Gezeter, doch ich ließ keinerlei Diskussionen aufkommen und setzte sie vor die Tür. Drei Tage später wurden die Vier sowieso wieder heimgeschickt. Keiner im Büro des El Divino hatte genau gewusst, was und ob sie überhaupt für den Club arbeiteten.

Als Nächstes zogen zwei junge Männer ein, die zufällig auch aus Süddeutschland kamen. Sie arbeiteten als PAs, Promotional Agents, Flyerverteiler auf Deutsch. Das kam mir ganz recht, denn so hatte ich mein Zimmer für mich allein. Wir verstanden uns ziemlich gut und bildeten so etwas wie eine kleine Familie für die nächsten paar Monate.

Es war ein Sommer voller toller Feste und Bekanntschaften, die z. T. heute noch Bestand und sich zu richtigen Freundschaften entwickelt haben. Wie zu „Ibiza“-Andy, der heute immer noch jedes Jahr den Sommer auf der Insel verbringt und mit mir zusammen schon die dritte CD-Compilation fürs Hotel Garbi Ibiza abgemischt hat. Ich verbrachte eine unglaubliche Zeit und konnte dabei mein musikalisches Netzwerk erweitern und meinen Namen als internationaler DJ festigen. Mission completed, sozusagen.

Doch wie alles im Leben, hat auch ein vermeintlich endloser Party-Sommer ein Ende, und wenn man eine so lange Zeit auf einer Insel wie Ibiza verbringst, muss man ernsthaft aufpassen, sich nicht darin zu verlieren und nur noch von einer Feier zur nächsten zu tanzen. Die Möglichkeiten hier sind ja unendlich. Letztlich kann man an jedem Tag der Woche zu jeder Tages- und Nachtzeit irgendwo bis zum Exzess feiern.

Ein typischer 72-Stunden-Party-Marathon durch Ibiza sah ungefähr so aus: Erst einmal am frühen Samstagabend zum Warm-Up an den Hafen von Ibiza Stadt. Dort ein paar Drinks in der Zoo-Bar oder dem La Biela. Danach mit dem Roller Richtung Sant Jose ins KM5, um eine Kleinigkeit zu essen und einige Hierbas zu sich zu nehmen. Danach wieder zurück in die Stadt ins Schwulenviertel beim Dome. Dort gab und gibt es immer noch die bestaussehenden Männer der Insel zu bewundern. Zum Unglück der Frauen sind die meisten jedoch durch und durch schwul. Nach ein paar weiteren Wodka-Lemon ging es gegen vier Uhr morgens weiter ins Pacha, das sich um diese Stunde gerade zu füllen begann. Im bekanntesten Club Ibizas spielten samstags DJ-Legenden wie David Morales oder Frankie Knuckles House-Musik vom anderen Stern. Die Party ging bis zum Sonnenaufgang gegen sieben. Da das Space für seine größte Party, die „We Love Sundays At Space“, erst um acht öffnete, gönnte man sich schnell noch ein kleines Frühstück in der Croissant-Show in der Altstadt der Insel. Dann auf nach Playa D‘en Bossa und rein auf die damals noch offene Terrasse des Space zur laaangen Afterhour. 22 Stunden tanzen bis zum nächsten Morgen um sechs. Zusammen mit 2000 anderen Schwarzen oder Weißen, Schwulen, Lesben oder Heteros, Männern mit Indianerschmuck, Frauen mit Intimschmuck, sturzbetrunkenen und sonnenverbrannten Engländern, super stylishen Italienern, Bayern in Lederhosen, Tänzern mit Motorradhelm, der Junggesellenabschiedsgruppe von Anna aus Ludwigsburg und der Ibiza-Ikone Vaughn. Die wenigsten Gäste tranken dort alkoholische Getränke, denen genügte das Extasy, das sie intus hatten. Und das hielt lange vor. Bis zur After-Afterhour am Montagmorgen im DC10 in der Nähe des Flughafens. Der Club hatte seinen Namen von einer alten DC10, die dort auf einem offenen Feld langsam vor sich hin rostet. Hier waren die Leute noch verstrahlter. Ohne Drogen genommen zu haben oder gar nüchtern, war es kaum auszuhalten. Ein bisschen wie in einer Freakshow. Die Musik jedoch war unübertroffen. Hier spielten DJs wie Tania Vulcano den abgefahrensten Sound der Insel. Das ging weiter und immer weiter bis zum Abend, um dann sein Ende im Bora-Bora am Strand von Playa D‘en Bossa zu finden. Musik und Party for free. Die Leute tanzten auf den Tischen, während die Flugzeuge über den direkt in der Anflugschneise liegenden Strandabschnitt düsten. Jedes Mal, wenn eine Maschine zur Landung ansetzte, begannen die Leute die Hände in den Himmel zu strecken und kollektiv zu schreien. Ein typischer „Ibiza“-Moment.

Doch auch jede Party findet einmal ihr Finale und Ende September ist die Saison vorbei und nicht zuletzt spätestens dann stellt sich für viele Ibizenkos die Frage, was danach kommt. Ich habe zahllose Animateure oder PAs Jahr für Jahr immer wieder an denselben Stränden und Plätzen der Insel gesehen. Manche über zehn Jahre lang. Immer der gleiche Typ, der dir vor dem Marisol in Ibiza-Stadt jedes Jahr wieder die „günstigsten“ Tickets fürs Pacha, Amnesia oder Space verticken will. Mit Mitte oder Ende 20 ist das vielleicht noch irgendwie cool und bei manchen mit Mitte 30 noch eine Lebenseinstellung, aber irgendwann sind die Leute für mich nur noch hängengeblieben und tun mir einfach leid. Vielleicht bin ich einfach zu normal, aber von was wollen sie mit 50 oder gar 60 leben? Immer noch am Hafen stehen und Leute überreden, in einer der Bars einen überteuerten Cocktail während der Happy Hour zu trinken, die eigentlich gar keine ist, weil gleich nach der Bestellung die Bedienung vergessen hat, dass das ja eigentlich „Zwei Cocktails zum Preis von einem“ bedeutet?

Das war nichts für mich. Dazu bin ich zu bodenständig oder strebsam oder beides. Jedenfalls muss ich vorankommen im Leben, mich weiterentwickeln. Der Sommer war für mich unglaublich interessant und erfahrungsreich und in dem kleinen Büchlein, in dem ich meine Lebensträume aufgelistet habe, konnte ich ein weiteres Häkchen hinter einen Traum machen. „Einen Sommer in einem Ferienparadies arbeiten ...“ Zack! So viel dazu, abgehakt, was kommt als Nächstes? Die folgenden Jahre war ich immer wieder regelmäßig in meiner zweiten Heimat Ibiza und spielte zweiwöchentlich oder monatlich eine Residenz im El Divino, doch einen ganzen Sommer dort zu „verfeiern“, war für mich nie mehr ein Thema. Ich habe es gesehen, gelebt, erlebt, ausgelebt und danach mussten wieder neue Herausforderungen her. Ich hatte mich schon zu sehr verändert.

Notlandungen

Das Vielfliegen gehört zum täglichen Brot eines internationalen DJs. Man ist ja per se gezwungen, häufig und weit zu fliegen. Im Grunde verbringt man meist mehr Zeit im Flieger, als man am Ende im Club ist. Das Umherjetten zwischen den verschiedenen Zeitzonen ist auch weitaus anstrengender als die zwei Stunden Auftritt, die dir oftmals sogar eher Energie und Befriedigung geben, als dass sie Kraft kosten. Und je mehr man fliegt, desto größer ist natürlich auch die Chance, unangenehme Dinge während des Reisens zu erleben. Ich musste schon des Öfteren durchstarten, Extrarunden drehen, notlanden oder durfte überhaupt gar nicht erst abheben. Hier eine kleine Auswahl der skurrilsten Begebenheiten rund ums Fliegen:

Vorsicht, Kühe! – Miles per Minute: 4.051

Von Hyderabad kommend im Anflug auf den Flughafen von Mumbai gibt der Kapitän auf einmal kurz vor der Landung voll Schub und startet durch. Kurz danach die Durchsage aus dem Cockpit: “Sorry, we needed to abort our landing due to some cows on the runway, please keep your seatbelt fastened. We‘ll soon update you with news.? Kühe sind heilig in Indien, die können nicht einfach so vertrieben oder gar abgeknallt werden. Also mussten wir erst mal eine Stunde über dem Flughafen der größten Stadt Indiens kreisen, bis sie sich endlich gemächlich von selbst von der Landebahn entfernt hatten.

„Some kind of vibration“ – Miles per Minute: 5.916

Schon beim Abheben von Florianópolis nach Rio konnten alle Passagiere an Bord die Vibrationen und ein heftiges Rütteln des Flugzeuges spüren. Kurz danach meinte der Kapitän nur trocken über den Lautsprecher: “Dear passengers, you might have recognized some kind of vibration during our take-off. Probably one of our tires went flat.” Das war noch die gute Nachricht. Die schlechte