Mit allen Sinnen auf Empfang - Debora Sommer - E-Book

Mit allen Sinnen auf Empfang E-Book

Debora Sommer

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Beschreibung

Ich spüre was, was du nicht spürst! Immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen: Ja, es gibt sie, die Hochsensiblen. Menschen, die eine gottgeschenkte Wahrnehmungsgabe haben. Eine wundervolle Stärke! Neben wissenschaftlich fundiertem Fachwissen spricht Debora Sommer sehr persönlich über ihre eigenen Erfahrungen als Hochsensible und ermutigt zu einem reifen Umgang mit dieser Veranlagung. Sie legt dabei ein spezielles Augenmerk auf den christlichen Kontext: Mit welchen Herausforderungen sind Hochsensible in der Gemeinde konfrontiert? Inwiefern stellt Hochsensibilität ein Potenzial für Gemeinden dar? Wie kann diese besondere Gabe freigesetzt und zum Segen für viele werden? Dieses Buch ist eine unersetzliche Hilfe für hochsensible Christen und ihre Gemeinden.

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DEBORA SOMMER

MIT ALLEN SINNENAUF EMPFANG

Hochsensibilität alsGottesgeschenk und Auftrag

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7531-9 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6020-9 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021 SCM Hänsser in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Weiter wurden verwendet:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. (ELB) Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. (EÜ)

Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. (HFA)

Bibeltext der Schlachter Bibelübersetzung. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (SCH)

NEÜ bibel.heute © 2001-2012 Karl-Heinz Vanheiden, www.kh-vanheiden.de. Alle Rechte vorbehalten. (NEÜ)

Zürcher Bibel © 2007 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich. (ZÜR)

Lektorat: Silke Gabrisch, Stuttgart

Titelbild: copyright by Adobe Stock/kras99

Illustrationen: Claudia Kündig, Bichelsee

Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart

Autorenfoto: © Carmen-Photography

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Für meinen hochsensiblen Vater, dem man so lange eineNervenschwäche einredete, bis er selbst daran glaubte.Papi, ich liebe dich und wünsche mir von Herzen, dass dir dieses Buch dabei hilft, deine Hochsensibilitätals Gottesgeschenk und Auftrag zu erkennen.

INHALT

Über die Autorin

Einladung

Eine andere Lebensrealität

Für wen dieses Buch gedacht ist

1. Fünf Schlüsselfragen: die Grundlagen

Ist Hochsensibilität bloß ein Hype?

Wozu die christliche Perspektive?

Was ist Hochsensibilität?

Inwiefern sind Hochsensible wichtig?

Bin ich hochsensibel?

Vertiefung 1: Testmöglichkeiten

2. Hochsensibilität: einem Persönlichkeitsmerkmal auf der Spur

Vieldenker, Tausendfühler und weitere Begriffe

Die vergessene Vorgeschichte

Stand der Forschung

Persönlichkeitsvarianten

Intro-, zentro- und extrovertierte Hochsensible

Der Bauplan der Persönlichkeit

Vertiefung 2: Das Persönlichkeitshaus

3. (M)ein hochsensibles Leben

Ungelegene Erkenntnis (Frühling 2002)

Ich kann nicht mehr (März 2013)

Schluss mit der Maskerade (April 2013)

Das bin ich! (Mai 2013)

Der Engel auf dem Apfelbaum (1979)

Nervenzusammenbruch (1982)

Kolumbine ist traurig (1982)

Kleine Dichterin am Brienzersee (1983)

Atemnot (1992)

Der Briefträger (1993)

Der Leichenwagen an der Treppe (1995)

Der Traum (1996)

Ein Dino zeigt Gefühle (2007)

Hat unser Sohn ADHS? (2008)

Im Gottesdienst (Februar 2020)

Vertiefung 3: Reise durch die Vergangenheit

4. Hochsensibilität aus christlicher Sicht

Die Realität der übernatürlichen Welt

Das Gebet (Zugang 1)

Die Sinne (Zugang 2)

Die Natur (Zugang 3)

Der menschliche Körper (Zugang 4)

Grenzgänger zwischen den Welten

Vertiefung 4: Zugangswege

5. Mit allen Sinnen auf Empfang

Der Tempel als Sinnbild

Die Vorhöfe (Leib) = Außenwelt

Das Heilige (Seele) = Innenwelt

Das Allerheiligste (Geist) = Ort der Intimität mit Gott

Kraftvoll – von innen nach außen

Vertiefung 5: Tempelrundgang

6. Hochsensible in der christlichen Gemeinde

Auf ein kraftvolles Miteinander!

Extrovertiert-Hochsensible und Introvertiert-Hochsensible

Hochsensible und der Einsatz von Geistesgaben

Wenn Hochsensibilität zum Problem wird

Hochsensibilität als Gottesgeschenk für die Gemeinde

Vertiefung 6: Puzzle

Schlusswort: Vom Segen der Ergänzung

Dank

Glossar

Weiterführende Literatur

Anmerkungen

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ÜBER DIE AUTORIN

DR. DEBORA SOMMER (Jg. 1974) studierte in der Schweiz und Südafrika Theologie. Sie ist Dozentin am Theologischen Seminar St. Chrischona, freiberufliche Referentin und Autorin Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren zwei erwachsenen Kindern lebt sie im Schweizer Mittelland.www.deborasommer.com

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

EINLADUNG

Dieses Buch ist eine herzliche Einladung an Sie, gemeinsam mit mir ein Stück Weg zu gehen. Eine Wegstrecke, auf der wir über die Besonderheit von hochsensiblen Menschen nachdenken und um Antworten ringen – insbesondere aus christlicher Sicht. Mit dem Ziel, das Phänomen Hochsensibilität besser einordnen und beurteilen zu können. Ich lade Sie dazu ein, mit mir über die Gabe der Sensibilität (die nicht nur Hochsensiblen vorbehalten ist) zu staunen. Bei einem verantwortungsbewussten Umgang kann sie uns neue Räume erschließen – sei es in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen oder im Blick auf die geistliche Beziehung zu Jesus Christus. Für diese gemeinsame Wegstrecke spielt es keine Rolle, wie viel Sie bereits über Hochsensibilität wissen; ob Sie selbst hochsensibel sind; ob Sie sich diesem Thema stellen, um jemanden, der Ihnen am Herzen liegt, besser zu verstehen; oder ob Sie dieses Buch mit viel Skepsis zur Hand nehmen, weil Sie der Meinung sind, dass all das Gerede und Geschreibe über Hochsensibilität jeder vernünftigen Grundlage entbehrt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es gibt sie! Hochsensible – Menschen, die anders ticken als die breite Masse. Menschen, die intensiver wahrnehmen, tiefer empfinden, stärker mitfühlen und komplexer denken. Menschen, die heftiger auf Geräusche, Düfte, Berührungen oder Ereignisse reagieren und mehr Zeit brauchen, um Erlebtes zu verarbeiten, weil sie sich von äußeren und inneren Reizen erholen müssen. Menschen mit Vorahnungen und einer oft verblüffenden Intuition. Menschen, die nur schwer mit Kritik umgehen können, weil Worte von anderen sie bis ins Mark treffen, wo sie für eine gefühlte Unendlichkeit gespeichert bleiben. Menschen, denen noch Jahrzehnte später die Scham einer Bloßstellung in den Knochen steckt und die in schlaflosen Nächten gedanklich um Dinge kreisen, die andere nicht einmal bemerkt haben. Menschen, die sich schon lange vor der Teilnahme an einer Veranstaltung den Kopf über etwaige Eventualitäten zerbrechen und sich hinterher darüber ärgern, dass sie nicht wortgewandter aufgetreten sind. Menschen, die sich viele Gedanken um etwas machen und bedauern, wenn in einer wichtigen Sache eine übereilte Entscheidung getroffen wurde. Menschen, die im Meer ihrer Gefühle zuweilen fast ertrinken und in der Fülle ihrer Gedankenwelt die Bodenhaftung verlieren. Menschen, die so selbstkritisch mit sich ins Gericht gehen und ihrer Andersartigkeit überdrüssig sind, dass sie sich nicht selten zu dünnhäutig und zu verletzlich für diese Welt fühlen. Ihr oft niedriges Selbstwertgefühl verschleiert den Blick auf die Tatsache, dass Hochsensibilität in erster Linie Ausdruck einer anderen Lebensrealität ist, welche – neben herausfordernden – viele wundervolle Seiten hat.

Eine andere Lebensrealität

»Ach, jetzt hör aber auf! So schlimm ist das doch nicht. Du steigerst dich da in etwas hinein. Entspann dich mal und sei nicht immer so empfindlich!« So oder ähnlich klingen die Reaktionen von Menschen, denen die hochsensible Wesensart fremd ist. Sie haben leicht reden und zugleich sind ihre Worte zutiefst verletzend für Menschen, die sich tagtäglich einer Realität ausgesetzt sehen, die sie sich weder ausgesucht haben noch anderen angemessen erklären können. Es ist in etwa so, wie wenn ein Sehender einem Blinden erklären will, wie ein Nordlicht aussieht, oder ein Hörender einem Gehörlosen in der Gebärdensprache nahebringt, wie sich Vogelgezwitscher anhört.

Mit anderen Worten: Hochsensible haben Zugang zu Wahrnehmungsebenen, die Nichthochsensiblen verschlossen bleiben. Ironischerweise sehen sich die wenigsten Hochsensiblen durch ihre Wahrnehmungsgabe privilegiert. Im Gegenteil: Viele fühlen sich durch ihre Andersartigkeit benachteiligt und im Alltag eingeschränkt. Selbst bei einer positiven Einstellung bleibt der Umgang mit Hochsensibilität ein Seiltanz zwischen Begrenzung und besonderer Begabung.

Hochsensible Menschen teilen die Erfahrung, dass ihre Sinne permanent auf Empfang sind. Dies liegt – vereinfacht formuliert – daran, dass ihr Nervensystem durchlässiger ist und sie deshalb intensiver auf äußere und innere Reize ansprechen als die Mehrheit der Menschen. Während bei Nichthochsensiblen gewisse Geräusche, Gerüche oder andere Eindrücke automatisch »aussortiert« werden, gelangen sie bei Hochsensiblen anlagebedingt direkt ins Bewusstsein. Das bedeutet, dass sie stets sehr viele Eindrücke und Empfindungen gleichzeitig zu verarbeiten haben. In bestimmten Situationen kann das sehr anstrengend und ermüdend sein.

Das Verhalten Hochsensibler wird von Mitmenschen nicht selten als »hochempfindlich« interpretiert. Ich möchte diesem eher negativ besetzten Begriff gerne einen positiveren gegenüberstellen: Hochsensible Menschen sind hochempfänglich! Was auf der einen Seite eine große Herausforderung darstellt und manchmal auch Einschränkungen in der Lebensqualität bedeutet, ist auf der anderen Seite Ausdruck einer besonderen Stärke. Denn die Ausprägung gewisser Sinne macht Hochsensible auch in besonderer Weise empfänglich für Schönheit, Inspiration, Intuition, Ideen, Lösungen, Erkenntnisse, Zwischenmenschliches, göttliche Impulse und vieles mehr. Es ist ein verborgener Reichtum, den es zu entdecken und freizusetzen lohnt.

Für wen dieses Buch gedacht ist

Gott sei Dank ist die Empfänglichkeit für all die fantastischen Dinge, die ich eben erwähnt habe, nicht nur Hochsensiblen vorbehalten. Auch alle anderen Menschen sind mit einer Grundsensibilität ausgestattet, die sie für göttliche Geschenke und Impulse empfänglich macht. Immer wieder fordert Gottes Wort dazu auf, dass wir uns nach mehr ausstrecken sollen (Jeremia 33,3; 1. Korinther 12,31;14,1). Dass wir unsere Augen, Ohren, Herzen und Hände öffnen sollen, um zu erkennen und zu empfangen, was Jesus uns schenken möchte: Leben im Überfluss. Nicht Leben im Mangel oder Mittelmaß.

Jesus nachzufolgen bedeutet nicht, dass wir uns resigniert mit dem Istzustand abfinden, sondern dass wir uns mutig auf einen Prozess der Nachfolge einlassen, welcher Veränderung, geistliches Wachstum und Horizonterweiterung mit sich bringt. In diesem Buch möchte ich Sie dazu ermutigen, dass Sie Ihre Sinne von Gottes Geist schärfen lassen, egal ob Sie nun weniger sensibel, stärker sensibel oder hochsensibel sind. Letztlich geht es darum, dass wir alle mehr von Gott in unserem Leben empfangen und die Schönheit und Kraft des Reiches Gottes noch viel stärker unter uns sichtbar wird. Zweifellos sind die Herausforderungen, mit denen sich Hochsensible in diesem Zusammenhang konfrontiert sehen, spezieller Natur. Daher gilt ihnen in diesem Buch das Hauptaugenmerk.

Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Die Gedanken in diesem Buch sind nicht abschließend. Ich bin weder Psychologin, Medizinerin noch Therapeutin. Das Fachwissen jener Bereiche ist entsprechender Literatur entnommen. Meine Motivation für dieses Buch ist eine vierfache: 1. Meine persönlichen Erfahrungen als hochsensible Frau und Mutter von hochsensiblen (mittlerweile erwachsenen) Kindern (eines introvertiert, das andere extrovertiert). 2. Die langjährige intensive Auseinandersetzung mit Forschungsliteratur zum Thema. 3. Erkenntnisse aus Gesprächen, Lehrveranstaltungen über Hochsensibilität und Vorträgen zum Thema. Und schließlich 4. mein beruflicher Hintergrund als promovierte Theologin. Im Blick auf den christlichen Kontext sehe ich bei diesem Thema, wie bereits angedeutet, großes Potenzial. Ich bin überzeugt, dass christliche Gemeinden und Kirchen, welche ihre Sinne noch viel stärker auf Gott ausrichten und zugleich die besondere Gabe der Hochsensibilität freisetzen, großen Segen empfangen und wünsche mir, dass dies an vielen Orten Realität wird.

Für alle, die noch tiefer in das Thema einsteigen wollen, habe ich am Ende dieses Buches eine weiterführende Literaturliste erstellt. Außerdem finden Sie dort ein Glossar, in dem einige Schlüsselbegriffe dieses Buches erklärt sind. Das Sternchen weist bei der Ersterwähnung eines solchen Schlüsselbegriffes auf den entsprechenden Glossareintrag hin.

Zum Schluss noch dies: Hochsensibilität ist nicht dasselbe wie *Introversion. Einige Leser kennen mich vielleicht als Autorin des Buches Die leisen Weltveränderer: Von der Stärke introvertierter Christen1. In den vergangenen Monaten haben mir zahlreiche Personen für mein Buch über Hochsensibilität gedankt (oft mit der Ergänzung, es habe der Partnerin sehr gutgetan, oder Ähnliches). Mit der Zeit habe ich aufgehört zu erklären, dass ich noch gar kein Buch über Hochsensibilität geschrieben habe. Leider werden Hochsensibilität und Introversion oft fälschlicherweise gleichgesetzt. Doch das ist nicht korrekt. Dass sich viele Hochsensible in meinem Buch über Introversion wiederfinden, ist unter anderem dem Umstand zuzuschreiben, dass laut Schätzungen 70 Prozent aller Hochsensiblen introvertiert sind. Hierbei wird allerdings oft vergessen, dass im Umkehrschluss rund 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert sind. Jene sehen sich mit völlig anderen Herausforderungen konfrontiert als introvertierte Hochsensible und fühlen sich aus nachvollziehbaren Gründen oft missverstanden. Daher liegt mir diese Differenzierung sehr am Herzen und ich werde immer wieder auf sie zurückkommen.

Nun wünsche ich Ihnen viel Gewinn beim Lesen dieses Buches! Möge es Segensspuren in Ihrem Leben und weit darüber hinaus hinterlassen.

Debora Sommer, Strengelbach (Schweiz), im Herbst 2020

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1

FÜNF SCHLÜSSELFRAGEN: DIE GRUNDLAGEN

Im ersten Hauptkapitel stehen fünf Fragen im Mittelpunkt, deren Beantwortung mir im Hinblick auf die Schwerpunkte dieses Buches besonders am Herzen liegt:

1. Ist Hochsensibilität bloß ein Hype?

2. Wozu die christliche Perspektive?

3. Was ist Hochsensibilität?

4. Inwiefern sind Hochsensible wichtig?

5. Bin ich hochsensibel?

Ein Blick auf Probleme und Wachstumschancen rundet die Auseinandersetzung mit den fünf Schlüsselfragen ab.

Falls Sie sich bisher noch nie mit Hochsensibilität auseinandergesetzt haben, bieten Ihnen die ersten beiden Kapitel die Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen. Möglicherweise haben Sie auch schon einiges über das Thema gehört oder gelesen, sind sich aber noch unschlüssig, was Sie von alledem halten sollen. In diesem Fall erhoffe ich mir, dass Ihnen die Kapitel 1 und 2 dabei helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Sollten Sie sich bereits viel Fachwissen angeeignet und andere Bücher dazu studiert haben, dann fühlen Sie sich frei, einfach das zu lesen, was Ihnen relevant und hilfreich scheint. Es liegt mir fern, Sie mit Grundlagenwissen zu langweilen – aber um das Thema Hochsensibilität seriös aufzurollen, führt kein Weg an der Klärung einiger grundlegender Fragen vorbei.

Ist Hochsensibilität bloß ein Hype?

Noch nie wurde so viel über Hochsensibilität geschrieben und geforscht wie in der heutigen Zeit. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Bücher dazu erschienen und noch weit mehr Artikel. Allein bei uns zu Hause stapeln sich momentan über hundert Bücher rund um das Thema.

Längst nicht alles dient der Aufklärung in Sachen Hochsensibilität. Vieles stiftet auch Verwirrung, zumal die Qualität des Geschriebenen mitunter zu wünschen übrig lässt. Begriffe werden widersprüchlich verwendet und Meinungen driften oft weit auseinander. Dass das Thema in den vergangenen zwei Jahrzehnten so viel Aufmerksamkeit erregte, wirft Fragen auf: Ist Hochsensibilität lediglich ein Hype? Eine Modeerscheinung? Konsequenz einer schnelllebigen und herausfordernden Welt? Wie steht es um die wissenschaftlichen Grundlagen?

Hochsensibel – das neue vegan

Hochsensibel ist »das neue vegan«, las ich unlängst in einem Artikel.2 Ist »hochsensibel« bloß ein weiteres Schlagwort auf der Liste von Verhaltensweisen, die im gegenwärtigen Zeitalter der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung zu einem Versprechen für ein besseres Leben werden? Wird Hochsensibilität zu einem Etikett, das mich besonders macht und von der grauen Masse abhebt? Könnte sie vielleicht sogar als Entschuldigung für meine mangelhafte Arbeitsleistung, meine gescheiterte Beziehung, meine Konzentrationsprobleme oder die dritte Krankschreibung in diesem Monat herhalten? Ist Hochsensibilität – wie manche behaupten – lediglich ein Hype um eine weitere vermeintliche Störung – nach ADHS, Narzissmus etc.? In der Welt-Kolumne »Sind wir nicht alle ein bisschen hochsensibel?« sticheln Maxeiner & Miersch darüber, dass plötzlich alle in ihrem Umfeld einem Selbsttest nach zu urteilen hochsensibel sind: »Es scheint sich bei Hochsensibilität um eine Seuche zu handeln. Gestern hatten wir uns noch ganz normal gefühlt und heute leiden wir unter Hochsensibilität.«3 Doch das sei nicht weiter tragisch. »Früher wurde man schnell für verrückt erklärt, wenn man offen über seine *Neurosen sprach. Heutzutage gehört es zum guten Ton.«

Ratgeberbücher verbreiten die Hoffnung, den »Psychodefekt« in den Griff zu kriegen. Bei der Lektüre gewisser Texte kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass es sich bei Hochsensibilität um einen Lifestyle-Trend handelt, mit dem es sich dank geeigneter Achtsamkeitsratgeber und Meditationsworkshops trotz allem ziemlich gut leben lässt. In einem zynischen Artikel4 in der Frankfurter Allgemeinen wird Hochsensibilität als »First World Problem«, ein Luxusproblem der Ersten Welt bezeichnet. All dies bestätigt, dass das Thema Hochsensibilität in den vergangenen Jahren tatsächlich zum Hype wurde. Leider!, möchte ich hinzufügen. Denn damit hat man der Hochsensibilität, die ihrem Wesen nach so viel mehr ist als ein Hype, einen Bärendienst erwiesen.

Der Hype um Hochsensibilität zog laut Jutta Böttcher, Coach für Hochsensible und Geschäftsführerin von Aurum Cordis, einem Kompetenzzentrum für Hochsensibilität, vor allem zwei Reaktionen nach sich: »Erstens das Aufatmen einer Gruppe, deren Beachtung längst überfällig ist. Zweitens das Aufspringen anderer auf diesen Zug.«5

Ein Aufatmen der Hochsensiblen ist meiner Meinung nach allerdings nur dort möglich, wo die Darstellung von Hochsensibilität auch eine gewisse Qualität aufweist, indem zum Beispiel aktuelle Forschungserkenntnisse berücksichtigt werden. Bei den vielen Zerrbildern, die heutzutage durch die Presse geistern, fällt Hochsensiblen das Aufatmen eher schwer. An den Gedanken, dass es inzwischen Menschen gibt, die unbedingt hochsensibel sein wollen, muss ich mich erst noch gewöhnen. Das erscheint mir befremdlich. Vielleicht deshalb, weil ich meine eigene Hochsensibilität über Jahre als anstrengend und belastend erlebt habe und oft daran litt. Wie sollte sich dies jemand freiwillig wünschen?

Auch wenn mein Bild von Hochsensibilität heute sehr viel differenzierter und positiver ist, wundere ich mich darüber, dass es einigen erstrebenswert scheint, hochsensibel zu sein. So, als würde dadurch ihr Wert gesteigert. Zugegeben, einige tendieren dazu, auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Dann klingt es fast so, als wären Hochsensible Auserwählte, Teil einer Elite, dazu bestimmt, die Welt zu retten und allen anderen Menschen die Augen zu öffnen. Keines dieser Extreme ist gesund – weder Diffamierung noch Glorifizierung. Mehr zu meiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema werde ich in Kapitel 3 erzählen.

Von der Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein

Über die Gründe, die zu diesem Hype geführt haben, kann man letztlich nur mutmaßen. Vielleicht ist er das Ergebnis einer zu vagen Definition oder eines missverständlichen Etiketts (denn Hochsensibilität hat nur bedingt mit erhöhter Sensibilität zu tun). Möglicherweise hängt er auch mit Selbsttests zusammen, in denen die erfragten Kriterien ohne weitere Überprüfung oder Anbindung an Referenzwerte nach Belieben hoch bewertet werden können. Und schon zählt man sich zu den Hochsensiblen. Bei einigen macht es fast den Anschein, als ob sie auf eine solche Bezeichnung gewartet hätten. Ob dies mit dem menschlichen Bedürfnis zusammenhängt, etwas Besonderes zu sein? Hauptsache, man ist anders als der Rest. »Was, du bist normal? Wie langweilig.«

Die gute Nachricht aus christlicher Sicht lautet: Sie sind etwas Besonderes! Ganz unabhängig vom Grad Ihrer Sensibilität. Denn jeder Mensch ist ein Meisterwerk des Schöpfers – einzigartig in der Kombination seiner Persönlichkeitsmerkmale, im Blick auf Begabungen, Leidenschaften, Schwächen, Stärken, sein Aussehen, seine Lebensgeschichte, Träume und Hoffnungen. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, Gott und anderen mit seinem Leben zu dienen und Teil einer viel größeren Geschichte zu werden.

Auch wenn der Hype, der um Hochsensibilität gemacht wird, nicht abzustreiten ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass Hochsensibilität ihrem Wesen nach tatsächlich bloß ein kurzlebiger Lifestyle-Trend ist. Der Verdacht einer Modeerscheinung steht vor allem dann im Raum, wenn man das im Jahr 1996 erschienene Standardwerk von Elaine N. Aron – The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You – als Ausgangspunkt für die Diskussion nimmt (die deutsche Version des Buches erschien im Jahr 2005 und trug den Titel: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen). Das Buch, in dem die amerikanische Psychologin eigene Forschungsergebnisse präsentierte, traf den Nerv der Zeit und machte die Autorin zur Pionierin auf diesem Gebiet. Ihr Werk wurde in mittlerweile 32 Sprachen übersetzt, über eine Million Mal verkauft und gilt bis heute als Standardwerk zum Thema.6 Die Fülle an Literatur rund um Hochsensibilität, die in den Jahren danach den Buchmarkt eroberte, ist beeindruckend und scheint die Meinung, dass es sich bei Hochsensibilität um ein sehr junges Phänomen handelt, zu untermauern. Wenn man jedoch genauer hinschaut, wird deutlich: Dem ist nicht so.

Ein Thema mit Geschichte

Die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die sensibler sind als andere, war schon lange vor Elaine Aron existent, bloß erhielten diese frühen Stimmen kaum Gehör – einige stießen sogar auf heftige Ablehnung. Die älteste mir bekannte umfassende Forschung reicht bis ins Jahr 1854 zurück. Vor dem Hintergrund dieses Zeithorizontes kann man wohl kaum von einem bloßen Hype oder einer Modeerscheinung sprechen. In Kapitel 2 werde ich diese vergessene Vorgeschichte etwas näher beleuchten. Sie stellt das Thema in einen viel größeren Rahmen, als eine oberflächliche Berührung mit dem Hype vermuten ließe. Viele Erkenntnisse über Hochsensibilität wurden in diesen älteren Schriften so treffend auf den Punkt gebracht und etliche Praxistipps sind so hilfreich und originell, dass ich in Kapitel 5 auf einige dieser Perlen aus der Vergangenheit zurückgreife.

Wenn es also diese ältere, für die meisten unbekannte Geschichte gibt, stellt sich die spannende Frage: Wieso gelang dem Thema Hochsensibilität erst im Jahr 1996 mit dem Buch von Elaine Aron ein internationaler Durchbruch? Was hatte sich verändert? Lag es daran, dass die Vordenker allesamt aus dem deutschsprachigen Raum stammten? War die Zeit noch nicht reif für dieses Thema?

Dass Hochsensibilität zu den Trendthemen unserer Zeit gehört, liegt laut verschiedener Experten in der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte begründet. So ähnlich argumentierte allerdings bereits Wolfang Klages – 18 Jahre vor Elaine Aron – im Vorwort seines Buches Der sensible Mensch aus dem Jahr 1978:

Die Beschäftigung mit dem Problem des sensiblen Menschen in Forschung, Lehre und Praxis wird umso dringlicher, je stimulationsreicher im Zuge der zeitgeschichtlichen Entwicklung die technisch geprägte Welt wird. Früher noch gut kompensierte sensible Menschen zeigen in zunehmendem Maße ins Psychopathologische gehende Verhaltensweisen.7

Dies wirft die Frage auf: Erlebt nicht jede Generation neue Entwicklungen als überfordernd?

Die schier grenzenlosen Möglichkeiten des World Wide Web, die Welt von Social Media, die Fülle von Unterhaltungsprogrammen, Entscheidungsvielfalt wie nie zuvor, aber auch gesellschaftliche, familiäre und berufliche Erwartungen – dies und vieles mehr ist bezeichnend für unsere Zeit. Via E-Mail und Handy wollen wir allerorts und jederzeit erreichbar sein. Rückzug und Abgrenzung werden in dem Maß schwieriger, wie das Tempo und die Informationsflut in unserer multimedialen Welt zunehmen. Die Folge davon ist laut Anne Heintze eine »sinnliche Übersättigung, man könnte es auch eine Art Umweltverschmutzung der Sinne nennen«8. Nach Meinung von Maxeiner & Miersch macht diese Entwicklung vor niemandem Halt. Sogar »härtere Kaliber« seien von »E-Mails, Handygedudel und iPad-Gedaddel derart überfordert, dass sie sich dünnhäutig fühlen wie Elfen«9. Auch Luca Rohleder, hochsensibler Buchautor und Experte für Hochsensibilität, hält die zunehmende Anzahl von Nichthochsensiblen, die über Reizüberflutung klagen, für mehr als auffällig.10

Die Tatsache, dass die zeitbedingte Reizüberflutung bereits Nichthochsensible an ihre Grenzen bringt, macht verständlicher, wie schwierig die Situation für Hochsensible ist. Denn bei ihnen ist die Reizüberflutung nicht nur die Folge einer Zeiterscheinung, sondern auch anlagebedingt und wird dadurch noch verstärkt. Gleichzeitig hat gerade die digitale Revolution ganz neue Voraussetzungen für eine globale Diskussion des Themas geschaffen. Viele Tests sind online verfügbar (vgl. Vertiefung 1). Unzählige Websites bieten Informationen und Hilfestellungen zum Thema. Es sind sogar virtuelle Coachinggespräche möglich.

Anne Heintze vermutet, dass die Erklärung für die Popularität von Hochsensibilität noch tiefer ansetzt, nämlich bei der Suche nach dem Sinn des Lebens.11 Menschen sehnen sich danach, ihre innere Heimat zu finden. Einen Ort, an dem sie sich sicher und beschützt fühlen. Für diese Sinnsuche brauchen sie Zeit und Muße, was heutzutage bei vielen Mangelware ist. Die Intensität der Zeit, in der wir leben, hält uns leider oft davon ab, dass wir den wirklich wichtigen Fragen in unserem Leben genügend Raum geben. Die Auseinandersetzung mit Themen wie Hochsensibilität und dadurch mit uns selbst (egal, ob wir uns als Hochsensible wiederfinden oder nicht) erinnert uns daran, dass fernab vom Alltäglichen noch weit bedeutendere Fragen zu klären sind. Fragen nach unserer Herkunft und Zukunft und dem Sinn unseres Daseins.

Es scheint mir wesentlich, dieser Suche Raum zu geben. Doch dazu brauchen wir einen Kompass, einen Leuchtturm, eine Zielrichtung – etwas, das uns anzeigt, in welche Richtung wir uns bewegen und wonach wir genau suchen sollen.

Wozu die christliche Perspektive?

Die christliche Perspektive stellt das Thema Hochsensibilität in einen viel größeren Zusammenhang. Dies scheint mir elementar im Blick auf die vorher erwähnte Suche. Dabei wird mir Gottes Wort, ja, der dreieinige Gott selbst – durch die Nähe zum himmlischen Vater, die Beziehung zu Jesus Christus und die Führung des Heiligen Geistes – zum Kompass, zum Leuchtturm, zum Orientierungspunkt und zur Zielrichtung, nach der ich mich ausrichten will.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass vor mir schon andere Autoren aus christlicher Perspektive über Hochsensibilität geschrieben haben. Dies gilt im deutschsprachigen Raum für Samuel Pfeifer12, Dirk und Christa Lüling13, Reinhold Ruthe14, Brigitte Küster (ehemals Schorr)15 und Antje Sabine Naegeli16. Für den englischsprachigen Raum sind exemplarisch die Bücher von Carol Brown, Denise J. Hughes & Cheri Gregory, Launi Treece und James Wood zu nennen (nähere Angaben im Literaturverzeichnis).

Auch andere Autoren, deren Werke nicht spezifisch christlich sind, bringen einen christlichen Hintergrund mit. So war zum Beispiel Eduard Schweingruber, Autor des Buches Der sensible Mensch (1934), nicht nur Psychologe, sondern auch Theologe und Pfarrer. Ilse Sand, Autorin des dänischen Bestsellers Die Kraft des Fühlens (die dänische Erstauflage erschien 2014), war früher ebenfalls Pfarrerin. Vergleicht man allerdings die Menge christlicher Literatur mit der nichtchristlichen, fällt die Bilanz (auch international gesehen) ernüchternd aus. Angesichts der Tatsache, welche bedeutende Rolle Religion und Spiritualität oder ganz allgemein formuliert das Übersinnliche und Transzendente im Bewusstsein von Hochsensiblen spielen, ist weitere christliche Literatur dringend notwendig.

Jeder Mensch ein Unikat

Vielleicht schoss Ihnen beim Lesen des Buchtitels der Gedanke durch den Kopf: »Ach, schon wieder so ein Thema, wo es letztlich nur darum geht, eine weitere Randgruppe zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu machen …« Es geht in diesem Buch jedoch nicht darum, in pseudo-christlicher Manier auf ein Modethema aufzuspringen und den Appell zu egoistischer Selbstverwirklichung mit ein paar Bibelstellen zu dekorieren. Letztlich geht es um etwas viel Größeres: um Gottes Geschichte mit uns Menschen – allesamt, wie bereits erwähnt, als Unikate in faszinierender Unterschiedlichkeit vom Schöpfer höchstpersönlich erschaffen (Psalm 139,13-16).

Wer Jesus Christus nachfolgt, wird laut dem Neuen Testament Teil der christlichen Gemeinde (griechisch ekklesia). Dies gilt für den kleinen Rahmen einer Ortsgemeinde ebenso wie für die universale Dimension der weltweiten Gemeinde Christi, in der auch diejenigen eingeschlossen sind, die bereits verstorben sind oder noch geboren werden. Wie in einem Körper, wo jedes Glied eine andere Aufgabe erfüllt, die aber für das Ganze von größter Bedeutung ist, verhält es sich auch innerhalb der christlichen Gemeinde (1. Korinther 12,12-31). Menschen treffen dort mit unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen, Begabungen, Stärken und Schwächen aufeinander. Die Aufgabe, die sich ihnen stellt, ist kein Wettbewerb, kein Konkurrenzkampf, kein Überleben der Stärkeren, sondern vielmehr, dass jeder dem anderen in Demut mit seiner Begabung dient. Auf eine Weise, die der ganzen Gemeinschaft nützt (1. Korinther 12,7b). Was alle verbindet und wonach sich alle ausrichten sollen, ist Jesus Christus. Er ist das Haupt der Gemeinde. Die wichtigste Instanz. Letztlich geht es um seine Ehre.

Doch wie soll man in der Lage sein, seinen Beitrag zum Nutzen anderer zu leisten – egal ob in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Dorf, der christlichen Gemeinschaft oder Kleingruppe, der man angehört –, wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst anzunehmen, wie man ist? Ich weiß, wovon ich spreche, da ich vieles an mir über Jahre nicht annehmen konnte. Mit meiner introvertiert-hochsensiblen Art fühlte ich mich wie Luft. Unwillkommen und unfähig, etwas Sinnvolles in dieser Welt oder zum Bau von Gottes Reich beizutragen. Völlig verunsichert im Blick auf meine Identität. Neidisch auf andere, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten und kein Problem damit hatten, ihre Gaben einzusetzen – selbst auf das Risiko hin, dass sie dabei Fehler machten. Zu dieser Gattung gehörte auch mein Ehemann. Als Tochter eines bekannten Vaters wurde ich recht jung die Ehefrau eines Mannes, der die Aufmerksamkeit der Leute mit Leichtigkeit auf sich zog. Meine Identität wurde in den Augen anderer Leute also meistens durch die Zugehörigkeit zum Vater oder Ehemann bestimmt. »Aber wann darf ich einmal Debora sein????«, schrieb ich am 12. Januar 1999 ganz verzweifelt in mein Tagebuch. Wo waren die Menschen, die mich um meiner selbst willen liebten und die mir dabei halfen, nicht nur meine inneren Abgründe zu sehen, sondern auch mein Potenzial und meine Stärken zu erkennen, für die ich zu jenem Zeitpunkt gänzlich blind war? (Solche Menschen gab es durchaus, aber gefangen in meiner Opferrolle erkannte ich sie damals nicht als solche.)

Mitten unter unzähligen Leuten, die mich tagein, tagaus umgaben und mit denen ich den Alltag und die Wochenenden verbrachte, fühlte ich mich unsichtbar. Ungesehen. Übersehen. Übergangen. Unterschätzt. Dabei bemühte ich mich so sehr, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Gerade auch bei uns in der Kirche, zum Beispiel im Bereich der Anbetung oder der Jugendarbeit. Ich war hingegeben, gewissenhaft, zuverlässig, loyal und engagiert. Und doch kam es mir so vor, als ob ich mir alles selbst erkämpfen musste. Niemand schien bereit zu sein, mich zu fördern oder aktiv zu unterstützen. Eine Hauptverantwortung in der Jugendarbeit wurde mir verwehrt, weil ich als Frau das falsche Geschlecht hatte. Verschiedene Erfahrungen führten dazu, dass ich mich noch stärker in die Welt der Bücher und des Studierens zurückzog, wo ich mich sicherer und nicht so verletzlich fühlte. Aber der Schmerz, die Einsamkeit und das Gefühl des Missverstandenseins blieben viele Jahre ein ständiger Begleiter.

Umgekehrt kann es auch problematisch werden, wenn sich jemand maßlos überschätzt und anderen nicht aus einer Haltung der Demut, sondern der Überheblichkeit begegnet. Mit der Zeit hat sich meine Überzeugung gefestigt, dass uns unsere Persönlichkeitsmerkmale von Gott anvertraut sind, damit wir an ihnen wachsen und reifen können, sofern wir es wagen, uns auf einen entsprechenden Prozess einzulassen. All dies dient dazu, dass unser Charakter geformt und gefestigt wird.

Hochsensible mit Spezialauftrag

Je mehr ich darüber nachdenke, desto faszinierter bin ich vom Geschenk der Sensibilität, das Gott uns Menschen anvertraut hat. Die Bibel ist voller Hinweise auf Gotteserfahrungen, die via menschliche Sinne erfolgten: Berührungen, Gehörtes, Visionen, Düfte oder den Geschmack. Im vierten Kapitel werde ich diese Gedanken weiter entfalten. An dieser Stelle möchte ich lediglich vorwegnehmen, wie gewaltig die Dimension ist, die uns durch die christliche Perspektive erschlossen wird. Ganz ehrlich, ich finde die Tatsache, dass Gott die menschlichen Sinne als Kanal für sein Reden und Wirken nutzt, schlicht überwältigend. Der allmächtige, erhabene und ewige Gott macht sich auf diese Weise für uns sichtbar, hörbar, riechbar, schmeckbar und greifbar. Was für ein Wunder!

Dies bedeutet aber auch: Wenn wir Gott noch stärker in unserem Alltag erfahren möchten, sollten wir mit aller Kraft daran arbeiten, dass unsere Sinne empfangsbereit und aufnahmefähig sind. Wie das konkret möglich wird und mit welchen besonderen Herausforderungen sich Hochsensible hier konfrontiert sehen, wird ein Schwerpunkt von Kapitel 5 sein. Je fokussierter unsere Sinne auf Gott ausgerichtet sind und je reiner unsere Empfangskanäle sind, desto mehr kann uns Gott von sich offenbaren: von seiner Herrlichkeit, seiner Fülle, seiner Heiligkeit, seiner Weisheit, seinem ewigen Plan, seinem Reich, seiner überwältigenden Liebe und Gnade. Auf diese Weise beschenkt, sind wir zugleich beauftragt, auch andere zur Quelle dieses unvorstellbaren Reichtums zu führen.

Während das Training und die Disziplinierung unserer natürlichen und geistlichen Sinne eine Aufgabe ist, die allen Christen gleichermaßen gilt – unabhängig vom Grad ihrer Sensibilität –, kann Hochsensibilität im Blick auf die geistlichen Sinneswahrnehmungen auch Ausdruck eines besonderen göttlichen Auftrags sein. Dass Hochsensible von ihrer natürlichen Veranlagung her mehr spüren, Eindrücke tiefer verarbeiten und komplexere Zusammenhänge erkennen, kann auch in geistlicher Hinsicht von Bedeutung sein. Zum Beispiel im Blick auf Gaben wie Prophetie oder Geisterunterscheidung; bei einigen vielleicht auch der Bereich der Erkenntnis, des künstlerischen Ausdrucks und so weiter. Auch hierzu später noch mehr.

Selbstverständlich will ich damit nicht sagen, dass Gott nicht auch durch Nichthochsensible prophetisch oder anders wirken kann und es auch tut. Gott kann Menschen Einsichten und Fähigkeiten geben, wie es ihm gefällt. Allerdings ist in vielen Fällen eine direkte Verbindung von natürlichen und geistlichen Gaben feststellbar und so beobachte ich dies schon länger auch im Blick auf Hochsensibilität.

Meinem Eindruck nach ist das Thema noch nicht wirklich in unseren christlichen Gemeinden angekommen und wenn, werden Hochsensible nicht selten als Sonderlinge wahrgenommen. Das finde ich jammerschade und ich hoffe von Herzen, dass ich diesem Umstand mit meinem Buch etwas entgegenwirken kann. Meiner Beobachtung und Vermutung nach sind in nicht wenigen christlichen Gemeinschaften verhältnismäßig viele Hochsensible anzutreffen. Dies aus dem einfachen Grund, weil sie sich auf viel intensivere Weise mit dem Übersinnlichen, dem Metaphysischen verbunden fühlen und um dessen Realität wissen.

Laut Reinhold Ruthe interessieren sich Hochsensible stark für spirituelle Fragen und haben ein tiefes Verlangen nach einer geistlichen Heimat.17 Zudem tragen die meisten von ihnen eine große Sehnsucht nach Veränderung, Wachstum, Erkenntnis und Offenbarung in sich. Dieser Wunsch äußert sich unter anderem auch darin, dass Hochsensible auffallend häufig nach Coaching, Seelsorge oder Therapie verlangen.18

Hinsichtlich der Anwesenheit von Hochsensiblen in der christlichen Gemeinde gilt es, verschiedene Fragen zu klären (mehr dazu in Kapitel 6). Zum Beispiel: Mit welchen besonderen Herausforderungen sehen sich hochsensible Christen konfrontiert? Inwiefern stellt Hochsensibilität eine Chance für die christliche Gemeinschaft dar? Für welche Aufgaben sind hochsensible Christen speziell geeignet und wo sollten sie eher zurückhaltend sein? Wie können hochsensible Gaben im kirchlichen Kontext freigesetzt und zum Segen der ganzen Gemeinschaft eingesetzt werden? Mit welchen Problemen sieht sich ein hochsensibler Pastor konfrontiert?

Letztlich geht es um die doppelte Herausforderung, die bereits im Untertitel dieses Buches zum Ausdruck kommt: Hochsensibilität als Gottesgeschenk anzunehmen und zugleich zu erkennen, welcher Auftrag damit verbunden ist.

Gott als Geber außergewöhnlicher Gaben

Auf die besondere Empfänglichkeit von Hochsensiblen für Übernatürliches wies bereits Elaine Aron in ihrem Bestseller Sind Sie hochsensibel? hin.19 Leider habe ich wiederholt erlebt, wie lieblos gewisse Christen reagieren, wenn Hochsensible über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen (welche in der Regel bereits in der Kindheit nachweisbar sind). Ich denke hier zum Beispiel an einen Jungen aus unserem Bekanntenkreis, der ein außergewöhnliches Sensorium für gewisse Ereignisse hat. So spürte er, als seine Großmutter – weit von ihm entfernt, ganz unerwartet – eines Nachts starb. Noch bevor die Eltern über ihr Ableben benachrichtigt wurden, hatte ihnen der Junge bereits vom Tod der Großmutter erzählt und ihnen den exakten Todeszeitpunkt mitgeteilt (der später vom Arzt bestätigt wurde). Er sagte, Oma habe sich in der Nacht von ihm verabschiedet. Befreundete Christen äußerten sich skeptisch und waren der Meinung, dass der Junge vermutlich okkult belastet sei. Sie rieten den Eltern, ihren Sohn behandeln zu lassen.

Sobald etwas den Bereich dessen verlässt, was rational nachvollziehbar ist, werden außergewöhnliche Gaben von einigen vorschnell als »von unten« verurteilt. Damit ist gemeint, dass solche Fähigkeiten nur vom Teufel kommen können. Hier bin ich anderer Meinung. Schließlich spielen in der Bibel übernatürliche Erfahrungen wie Engelsbegegnungen, Träume, Visionen, Prophetien und anderes eine Schlüsselrolle (mehr hierzu unter »Die Realität der unsichtbaren Welt« in Kapitel 4). Zudem sind die Übergänge zum Übersinnlichen oft weit weniger scharf abgegrenzt, als es für Menschen, die sich nur mit Mühe vorstellen können, dass es so etwas wie das Übersinnliche überhaupt geben kann, je denkbar wäre.

Damit will ich keineswegs ausschließen, dass in gewissen Fällen tatsächlich eine Verbindung zu dämonischen Mächten existiert, was zu okkulten Belastungen führen kann. Gottes Wort warnt vor Praktiken wie Wahrsagerei, Geisterbeschwörung, der Befragung von Toten etc. Gleichzeitig bestätigt mich das umso mehr in meiner Überzeugung, dass wir dringend Orientierungshilfen aus christlicher Sicht brauchen. Wenn ich mir die Literatur anschaue, die in den vergangenen Jahrzehnten erschienen ist, macht es den Anschein, als ob Christen nur wenig zum Thema Hochsensibilität zu sagen hätten und man mehrheitlich stillschweigend akzeptiert, dass die Meinungsbildung im Blick auf die Deutung geistlicher Zusammenhänge eine Sache von Freigeistern, Esoterikern, Naturheilern, Schamanen, spiritualistischen Medien oder Vertretern fernöstlicher Philosophien ist. Ich wünsche mir, dass wir Christen auf konstruktive und inspirierende Weise, aber zugleich in einer demütigen und respektvollen Haltung gegenüber Andersdenkenden zur Diskussion und Meinungsbildung bei diesem Thema beitragen.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität beschreibt eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit. Es geht dabei um das intensive Wahrnehmen und Verarbeiten von äußeren wie inneren Reizen. Dabei handelt es sich weder um eine Überempfindlichkeit noch eine Krankheit; weder um eine psychische Störung noch einen therapiebedürftigen Zustand. Sie ist vielmehr eine neurologische Besonderheit, eine »Normvariante in der Ausprägung des Nervensystems – mit vielfältigen Auswirkungen«20.

Bevor ich näher auf diese »Normvariante« und damit verbundene Auswirkungen eingehe, halte ich es für wichtig, den Begriff »Sensibilität« etwas genauer zu erläutern. Wie bereits erwähnt, ist die Erfahrung von Sensibilität nämlich keineswegs nur Hochsensiblen vorbehalten, sondern vielmehr etwas, das dem Menschen wesenhaft eigen ist (krankhafte Abweichungen ausgenommen).

Sensibilität als menschliche Grunderfahrung

Während Sensibilität in der Umgangssprache oft mit Empfindsamkeit und Feinfühligkeit gleichgesetzt wird, stand der Begriff in der Medizin schon früh für die »Wahrnehmung verschiedener Reize, die durch Sensoren über (…) Nerven und Rückenmarkbahnen zum Gehirn (…) geleitet und auf dieser Strecke moduliert werden«21. Es geht um die Fähigkeit des Nervensystems, Reize aufzunehmen, in Form einer Wahrnehmung oder Empfindung zu interpretieren und diese in Gefühle und Reflexe umzuwandeln. Hochsensibilität ist demzufolge primär eine neurologische Besonderheit und keine emotionale Fähigkeit.

Bei der Aufnahme von positiv empfundenen Reizen können wir uns beispielsweise kaum sattsehen an der Farbenpracht eines Sommertags, verzehren genüsslich ein Stück Schokolade, lassen uns von der guten Stimmung unseres Lieblingssongs mitreißen, fühlen die angenehme Wärme der Sonne auf unserem Gesicht und riechen den wohltuenden Duft eines Lavendelstrauchs in unserer Nähe. Wesentlich unangenehmer ist die Aufnahme von negativ empfundenen Reizen. Zum Beispiel wenn wir etwas Verstörendes sehen, eine verdorbene Speise essen, die Rückkopplung eines Mikrofons in unseren Ohren dröhnt, eine Schürfwunde schmerzt oder uns der unangenehme Körpergeruch unseres Sitznachbarn im Zug in die Nase steigt. Oft übernimmt die Sensibilität eine wichtige Schutzfunktion, indem sie uns reflexartig vor größerem Schaden schützt (zum Beispiel indem wir uns die Ohren bei schlimmem Lärm zuhalten oder die Hand von einem heißen Gegenstand wegziehen). Auch innere Reize, die oft Hand in Hand mit äußeren Reizen gehen, können positiv wie negativ empfunden werden: Angst, Freude, Überraschung, Schmerz, beflügelnde oder quälende Gedanken und vieles mehr.

Sensibilität, verstanden als Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen, ist also etwas zutiefst Menschliches. Laut Elaine Aron kann jeder Mensch unter gewissen Umständen höchst empfindsam werden, zum Beispiel nach einem Monat völliger Abgeschiedenheit in einer Berghütte.22 Auch mit zunehmendem Alter würden Menschen sensibler.

Die menschlichen Sinne

Für die Aufnahme und Weiterleitung von Reizen außerhalb und innerhalb des Körpers sind zunächst die klassischen fünf Sinne des Menschen verantwortlich, die schon Aristoteles beschrieben hat: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten.

Menschen mit ausgeprägter Sensibilität nehmen allerdings weit mehr wahr, als die klassischen fünf Sinne zulassen: Emotionen von anderen, Harmonie oder Disharmonie, Atmosphärisches, Unausgesprochenes etc. Da sich gewisse Wahrnehmungen keinem der fünf Sinne zuordnen lassen, gab es immer wieder Bestrebungen, die Sinneslehre zu erweitern (zum Beispiel bei Rudolf Steiner, welcher im Jahr 1916 seine Sinneslehre publik machte).23 Hochsensibilität ist laut Anne Heintze »eine besonders ausgeprägte Begabung zu feiner, intensiver und empfindlicher Wahrnehmung«24. Daher bezeichnet Heintze sie auch als »Hochbegabung der Sinne«.

Im Volksmund spricht man in diesem Zusammenhang manchmal auch von einem sechsten oder siebten Sinn. Darunter versteht man, dass jemand in einer bestimmten Situation auf geheimnisvolle Weise etwas wahrnimmt, das über die unmittelbare Wahrnehmung der fünf Sinne hinausgeht. »Den sechsten Sinn«, erklärt Ulrike Hensel, »kann man mit ›Bauchgefühl‹ bzw. Intuition gleichsetzen. (…) Intuition verknüpft mit großer Schnelligkeit unbewusst verschiedenste sinnliche Wahrnehmungen miteinander, greift auf vorhandenes Wissen zu und liefert erstaunliche Auswertungen.«25 Menschen mit einem stark ausgeprägten sechsten oder siebten Sinn verfügen über ein außergewöhnliches Gespür für Dinge, Menschen, Zusammenhänge, Entwicklungen oder Gefahren.

Ein Blick in die Geschichte der Sinne offenbart Spannendes.26 So hielt beispielsweise Aristoteles nicht die Haut für das Organ des Tastsinns, sondern das Herz.27 Das Herz als wahrnehmendes Organ ist auch von der biblischen Anthropologie her ein vertrauter Gedanke. Diese Vorstellung wurde erst im 2. Jahrhundert nach Christus vom griechischen Arzt Galen gebrochen, welcher die sinnliche Wahrnehmung dem Gehirn zuordnete – eine Überzeugung, die sich bis heute hält. Im 4. Jahrhundert beschrieb Nemesius, Bischof von Emesa, zusätzlich zu den äußeren Sinnen drei innere Sinne (Wahrnehmung, Verstand und Gedächtnis). Dabei ordnete er die inneren Sinne je einer der drei Hirnkammern zu.28 Der Kirchenvater Augustinus verstand die äußeren Sinnesorgane als Hilfsmittel: »Die mit dem Körper verbundene Seele empfindet durch ein körperliches Hilfsmittel, und eben dieses Mittel heißt Sinnesorgan.«29

Problematische Namensgebung

Es ist bedauerlich, dass der Begriff »sensibel« im deutschen Sprachgebrauch manchmal abwertend verwendet wird. Zum Beispiel dann, wenn ein leicht zu verletzender oder zu verunsichernder Mensch umgangssprachlich »Sensibelchen« genannt wird. Diese Formulierung greift Maria Anna Schwarzberg in ihrem Podcast und Buch Proud to be Sensibelchen (Dt. »Stolz darauf, ein Sensibelchen zu sein«) auf, um einer damit einhergehenden Abwertung selbstbewusst entgegenzutreten.30

Im Adjektiv »sensibel« klingt etwas von der Überempfindlichkeit an, die Hochsensiblen gemeinhin zugeschrieben wird. Dabei ist Sensibilität an sich – wie oben erläutert – eine wertfreie menschliche Eigenschaft. Wo sie fehlt, liegt eine Störung vor – ein Krankheitsbild. Wie jeder Pol auch einen Gegenpol hat, ist davon auszugehen, dass als Gegenstück zur Hochsensibilität auch eine Niedersensibilität existiert. Jedenfalls vermuten dies einige.31

All dies erschwert die Namensgebung für Hochsensible und insbesondere für diejenigen, die nicht hochsensibel sind. Völlig unzutreffend für Letztere wären Begriffe wie »Nichtsensible«32 oder »Unsensible«. Denn das sind sie keineswegs!

Ähnlich wenig wie »Nichtsensible« oder »Unsensible« mag ich den Begriff »Normalsensible«, der in der Literatur gang und gäbe ist. Einerseits, weil ich mich immer wieder frage, wer eigentlich die Norm definiert, und andererseits, weil bei der Verwendung von »Norm« im deutschen Sprachgebrauch mitschwingt, dass diese das Richtigere, Bessere oder zumindest Erstrebenswertere wäre – im Gegensatz zum »Ab-normen«, also dem, was außerhalb der Norm liegt. Was vom Normalen abweicht, wird schnell als krankhaft bezeichnet.

Vermutlich bleibt es Wunschdenken, dass Begriffe wie »Norm«, »sensibel« oder »hochsensibel« je wertneutral verstanden werden. Insofern bleibt die Namensgebung in gewisser Hinsicht unzulänglich. Entweder fühlen sich Hochsensible ausgegrenzt und als überempfindlich missverstanden oder Nichthochsensible haben den Eindruck, sie würden als unsensibel abgewertet.

Hochsensible und Nichthochsensible

Mit welchen Begriffen soll man denn nun angesichts dieser sprachlichen Dilemmata am besten arbeiten? Ausgehend von der Annahme, dass es auch eine Gruppe von »Niedersensiblen« gibt, scheint mir die Dreiteilung Niedersensible, Sensible und Hochsensible theoretisch am sinnvollsten. Da erstere nicht weiter Gegenstand meiner Ausführungen sind, geht es in diesem Buch letztlich nur um die Differenzierung von Sensiblen und Hochsensiblen. Gegen die Verwendung von »Sensible« als Bezeichnung für »Nichthochsensible« spricht jedoch, dass »Sensible« in einer Vielzahl von Hochsensibilitäts-Büchern als Synonym für »Hochsensible« verwendet wird (dies gilt auch für Werke, aus denen ich noch zitieren werde). Um Missverständnissen vorzubeugen, werde ich in diesem Buch also von Nichthochsensiblen in Abgrenzung zu Hochsensiblen sprechen.

Marianne Schauwecker verwendet auf ihrer Website ein hilfreiches Bild aus der Natur, um den Unterschied von Nichthochsensiblen und Hochsensiblen zu veranschaulichen.33 In ihrem Vergleich werden alltägliche Reize oder Stimuli (zum Beispiel eine Begegnung, eine Aufgabe, eine Störung, eine Überraschung, Kritik, Lob etc.) mit einem Stein symbolisiert. Die Grundbeschaffenheit Nichthochsensibler vergleicht sie mit dem Erdboden. Jene der Hochsensiblen mit dem Element Wasser.

Fällt ein Stein auf den Erdboden, löst dies – je nach Größe des Steins und Beschaffenheit des Erdbodens – eine gewisse Reaktion aus. Ist der Stein klein, hüpft oder rollt er vielleicht noch eine Weile, bis er liegen bleibt. Dabei hinterlässt er kaum eine Spur. Ein größerer oder sehr großer Stein kann durchaus als Erschütterung wahrgenommen werden und sogar Abdrücke auf dem Untergrund hinterlassen, aber das Ganze geschieht ziemlich schnell. Wenig später ist nichts mehr davon zu merken. Wenn also Nichthochsensible mit Ereignissen oder bestimmten Situationen konfrontiert werden, nehmen sie diese zwar wahr, es kann auch Reaktionen und Emotionen auslösen, aber sie verlieren weniger schnell die Fassung und fangen sich in der Regel auch bald wieder. Das Leben geht weiter. Gewisse Erfahrungen und Dellen im Boden des Lebens gehören eben mit dazu.

Fällt ein Stein hingegen ins Wasser, wird eine ganze Abfolge von Reaktionen ausgelöst. Es entsteht sofort Bewegung. Um die Einschlagstelle bilden sich Wellen, die sich konzentrisch ausbreiten. Je größer der Stein, desto höher die Wellen. Selbst bei einem kleinen Kieselstein ist der Effekt erstaunlich. Schließlich sinkt der Stein verlangsamt bis zum Grund, wühlt diesen auf und trübt das Wasser. Übertragen auf hochsensible Menschen zeigt dies, wie groß die Wirkung von kleinsten Erschütterungen sein kann. Selbst unbedeutend erscheinende Erlebnisse können zu einem »Stein des Anstoßes« werden, der bis in die Tiefe eindringt und die Grundfesten der Persönlichkeit erschüttert. Das Erlebte zieht Kreise und schlägt Wellen. Die Ursache dafür, dass vergleichbare Reize bei hochsensiblen und nichthochsensiblen Menschen eine ganz andere Resonanz erzeugen, liegt darin, dass die jeweiligen Nervensysteme anders funktionieren.

Spannende Einblicke in die Forschung

Bereits in den 1920er-Jahren stellte der russische Mediziner und Physiologe Iwan Pawlow bei Versuchsreihen zur Lärmbelastbarkeit fest, dass es bei den Menschen deutliche Unterschiede gibt, wie sie neuronale Stimulationen verarbeiten. Er erkannte, dass ca. 10 bis 20 Prozent seiner Probanden deutlich schneller einen Punkt der Überstimulation (er nannte dies »transmarginale Hemmung«) erreichten.34 Ihr Körper reagierte viel früher auf den hohen Dezibel-Pegel (zum Beispiel durch Muskelverspannung, Schweißausbruch oder andere Abwehrmechanismen) und erreichte wesentlich schneller den Punkt der transmarginalen Hemmung.

Pawlow schloss daraus, dass diese kleine Gruppe hochempfindsamer Menschen ein eigener besonderer Menschenschlag sei, der über ein angeborenes, fundamental anderes Nervensystem verfüge. Sein Experiment wurde später mehrfach wiederholt. Interessanterweise wurde eine vergleichbare Zweiteilung ebenso in der Tierwelt festgestellt. Auch Forschungen, die sich mit Konzepten wie Ängstlichkeit und Reaktivität beschäftigen, legten den Schluss nahe, dass es »solche« und »andere« gibt.

Einen wichtigen Beitrag hierzu leistete der heute über 90-jährige amerikanische Entwicklungspsychologe Jerome Kagan. Er stellte fest, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Neugeborenen viel stärker auf Reize reagierten als der Rest. In Langzeitstudien wurde nachgewiesen, dass diese höhere Reizoffenheit in den meisten Fällen auch im Kindheitsalter und nach der Pubertät erhalten blieb. Die Probanden entwickelten ein eigenes Verhalten und wuchsen zu merklich vorsichtigeren, bedächtigeren, überlegteren und langsameren Kindern heran. Jerome Kagan sprach von »gehemmten« im Unterschied zu »ungehemmten« Kindern.35

Es ist normal, dass Menschen tagtäglich mit einer Vielzahl von Reizen konfrontiert werden. Je nach Umfeld und Lebenssituation sind es mehr oder weniger Reize. So bringt beispielsweise das Leben in einer Großstadt oder die Arbeit in einem Großraumbüro automatisch mehr Reize mit sich als ein Leben in ländlicher Abgeschiedenheit oder die Arbeit in einem ruhigen Einzelbüro. Um eine Reizüberflutung zu verhindern, gibt es im menschlichen Gehirn Filter, welche die eingehenden Signale sortieren. Wichtiges wird ins System aufgenommen und verarbeitet, während unwichtige Reize gar nicht erst ins Bewusstsein gelangen.

Verantwortlich für diese Filteraufgabe ist der Thalamus, das Kernstück des Zwischenhirns, welcher von Hirnforschern gern als »Tor zum Bewusstsein« bezeichnet wird. Hier werden Sinneseindrücke gesammelt und via Nervenzellen auf dem Weg zur Großhirnrinde gefiltert. Die Reizschwelle des Thalamus ist bei Hochsensiblen im Vergleich mit Nichthochsensiblen sehr viel niedriger, was eine viel höhere Durchlässigkeit von Reizen zur Folge hat.36

Hochsensible sind also wesentlich reizempfänglicher und reizoffener als Nichthochsensible. Allerdings nicht, weil sie mehr Informationen oder Reize über die Sinnesorgane aufnehmen oder über leistungsstärkere Sinnesorgane verfügen (auch Hochsensible können kurz- oder weitsichtig sein oder ein schlechtes Gehör haben), sondern weil bei ihnen wesentlich mehr Informationen auf dem Weg zur Großhirnrinde als wichtig eingestuft und zugelassen werden und infolgedessen zu verarbeiten sind. Dies bestätigen Untersuchungsreihen, bei denen Hirnaktivität mithilfe von Magnetresonanztomografie aufgezeichnet wurde. Sie lieferten Hinweise auf eine erhöhte Aktivität im Zwischenhirn (insbesondere im Thalamus und Hypothalamus).

Das Tor zum Bewusstsein

Die Vorstellung des Thalamus als Tor zum Bewusstsein scheint mir hilfreich für ein besseres Verständnis von Hochsensibilität. Natürlich hat jedes Bild seine Grenzen. Zudem sind alle Ausführungen der demütigen Einsicht unterworfen, dass die Erforschung des Gehirns selbst für Experten zu den größten Geheimnissen der Anatomie gehört.

Der altgriechische Begriff thalamos stand bereits im Alten Ägypten sinnbildlich für die Vorhalle eines Tempels. Nachdem viele Jahrhunderte lang die Meinung vorherrschte, dass die Flüssigkeit in den Hohlräumen des Thalamus die eigentliche Trägerin der Hirnfunktionen sei, setzte sich Mitte des 17. Jahrhunderts die Erkenntnis durch, dass das Nervengewebe die entscheidende Rolle spielt. »Das ganze Zwischenhirn galt wieder als das, was es im strengen Wortsinn schon immer war: lediglich ein Vorzimmer zur Macht – sprich zum Großhirn.«37

Bildlich gesprochen übernehmen die Nervenzellen, welche im Thalamus Informationen weiterleiten oder abblocken, gewissermaßen eine Pförtnerfunktion. Bei Nichthochsensiblen agieren diese Torwächter strikt. Nur was relevant ist, gelangt durch das Tor ins Bewusstsein. Ansonsten bleibt es geschlossen.

Ganz anders geht es im Gehirn eines Hochsensiblen zu. Hier sind die Torwächter »großzügiger« oder zumindest weniger strikt. Das Tor zum Bewusstsein scheint stets einen Spaltbreit offen zu sein (je nach Ausprägung der Hochsensibilität ist der Spalt größer oder kleiner). Fast jeder »Neuankömmling« ist wichtig genug, sich Zugang zum Großhirn, dem Zentrum der Macht zu verschaffen.

Es existiert also auch bei Hochsensiblen durchaus ein Filtersystem im Blick auf eingehende Reize. Bloß ist es durchlässiger als bei Nichthochsensiblen. Ein Leben komplett ohne neurologische Filter ist nur schwer vorstellbar. Ansätze in diese Richtung zeigen sich beispielsweise bei Autisten oder Menschen mit Asperger-Syndrom. Jene fühlen in der Regel nicht zu wenig, sondern zu viel. Sie werden von Emotionen und Eindrücken geradezu überflutet, was zum Beispiel in Erstarrung oder emotionale Ausbrüche münden kann.

Die Entstehung von Hochsensibilität und ihre Auswirkungen

Es versteht sich von selbst, dass die wissenschaftliche Diskussion über anatomische Ursachen von Hochsensibilität weit komplexer ist, als oben am Beispiel des Thalamus dargestellt. So wird darüber hinaus beispielsweise auch die aktivere Rolle des Hypothalamus diskutiert, welcher das wichtigste Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems ist. In diesem Zusammenhang ist vom erhöhten Cortisolspiegel bei Hochsensiblen die Rede (Cortisol ist ein Stresshormon, das angeregt vom Hypothalamus bei andauerndem Stress vermehrt ausgeschüttet wird). »Heute wissen wir«, schreibt Georg Parlow, dass Hochsensible »sehr hohe Mengen an Neurotransmittern aufweisen.« Dies führe dazu, »dass bei der Übertragung der Stimuli innerhalb der Nervenbahnen geringere Übertragungsverluste auftreten. So schaffen es auch Reize bis ins Bewusstsein, die bei anderen Menschen gar nicht im Gehirn ankommen.«38

An anderer Stelle wird die Rolle der Spiegelneuronen, der Hormondrüsen oder der Amygdala (des Mandelkerns) in den Fokus gerückt. Ebenso die schnellere Ausschüttung und höhere Konzentration an Adrenalin und Noradrenalin. Ob letztlich Hirnstrukturen und Neuronenverbünde für den Unterschied verantwortlich sind, ob es an den thalamischen Strukturen oder Aktivitäten oder etwas anderem liegt – und wie all dies ineinandergreift –, bleibt vielleicht für immer ein Geheimnis.

Auch wenn die Frage nach der Ursache noch offen ist, sind sich viele Forscher darin einig, dass Hochsensibilität ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal ist, das sich nicht verändern lässt. So wie einige groß und andere klein sind, einige Rechts- und andere Linkshänder, einige schwarze, andere blonde, rote oder braune Haare haben, einige musikalisch sind und andere eben nicht, so gibt es nichthochsensible und hochsensible Menschen. Eine Ausnahme bilden Fälle, wo die hochsensible Wahrnehmung durch ein Trauma entstanden ist. Hier ist es von größter Bedeutung, das Trauma mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten und im Laufe des Prozesses festzustellen, ob es sich letztlich um eine angeborene oder erworbene Hochsensibilität handelt.

Es erklärt sich von selbst, dass bei Hochsensiblen aufgrund des schwächeren Filter-, bzw. »Torwächtersystems« wesentlich mehr »Betrieb« in den Großhirnarealen herrscht als bei Nichthochsensiblen. Viel mehr »Besucher« (Reize, Geräusche, Stimmungen anderer Menschen, Gefühle, Gedanken) verlangen gleichzeitig nach Aufmerksamkeit, lösen (nicht selten widersprüchliche) Emotionen aus, werfen quälende Fragen auf, stiften Verwirrung, rufen Erinnerungen wach, versetzen in Alarmbereitschaft und vieles mehr. Die Menge an Informationen, Eindrücken und Gefühlen, die ein Hochsensibler täglich zu bewältigen hat, ist um ein Vielfaches höher als bei einem Nichthochsensiblen. Dazu kommt, dass sich das Tor in Stresssituationen und unter Anspannung noch weiter öffnet (das ist übrigens auch bei Nichthochsensiblen der Fall, was erklärt, wieso auch sie in gewissen Situationen ähnlich stark auf gewisse Reize reagieren wie Hochsensible).

Anstrengend ist für viele Hochsensible vor allem, dass es ihnen im Alltag in vielen Fällen nicht möglich ist, gewisse Reize auszublenden. Auch Nichthochsensible können (zumindest für einen Moment) Notiz von Hintergrundgeräuschen nehmen: die Radiosendung, Gespräche am Nachbartisch, das monotone Surren des Geschirrspülers, die tickende Uhr an der Wand, das Dauerrauschen der Autobahn und so weiter. Doch wie von selbst werden solche Geräusche bei ihnen wieder ausgeblendet, da sie vom Gehirn als irrelevant eingestuft werden. Umgekehrt können die Nerven hochsensibler Menschen genau wegen solcher Alltagsgeräusche bis zum Äußersten überreizt werden. Der Störreiz klopft immer wieder an und fordert Aufmerksamkeit. »Hör doch einfach nicht hin!«, ist dabei ein wenig hilfreicher Vorschlag von Nichthochsensiblen, der die Situation völlig verkennt.

Nun ist aber nicht jeder Hochsensible automatisch auch geräuschsensibel. Daher steht das Genannte beispielhaft für weitere Reize. Und zwar nicht nur für äußere, sondern auch für innere: Körpersignale, Emotionen, Gedanken, Assoziationen, Gefühle. Ich persönlich kann beispielsweise Spannungen in unserer Familie nicht einfach zur Seite schieben. Sie beschäftigen mich fortwährend und mein Gedächtnis sucht pausenlos nach Lösungen, ohne dass ich ihm den Auftrag dazu erteile. Mein nichthochsensibler Ehemann hingegen kann familiäre Dissonanzen so lange unter Verschluss halten und sich auf anderes konzentrieren, bis er sich entscheidet, das Thema wieder hervorzuholen. Lange Zeit dachte ich, dass es sich dabei um den viel diskutierten geschlechtsspezifischen Unterschied von Mann und Frau handelt. In der Zwischenzeit bin ich zur Überzeugung gelangt, dass dies stärker mit meiner Hochsensibilität zusammenhängt – auch weil ich etliche hochsensible Männer kenne, denen es so geht wie mir.

Da sämtliche neurologischen Prozesse ihrerseits weitere Prozesse in Gang setzen, ist es nicht weiter verwunderlich, dass bei vielen Hochsensiblen eine stärkere Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche im Sinne von psychosomatischen Reaktionen zu beobachten ist. Fest steht: Die erhöhte Empfänglichkeit für Reize hat nachweisbare körperliche Folgen. Was von Nichthochsensiblen manchmal belächelt oder gar als Simulieren abgetan wird, können durchaus körperliche Signale einer überforderten Seele sein: chronische Muskelverspannungen und Schmerzzustände, Erkrankungen des Bewegungsapparates, ein reduziertes Immunsystem mit einer erhöhten Neigung zu Entzündungen, Erschöpfungszustände, Migräne, chronische Magen-Darm-Erkrankungen, Verdauungsbeschwerden oder Schlafstörungen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Viele Redensarten stellen einen Zusammenhang zwischen Sensibilität und Körper her und treffen meiner Meinung nach in verstärktem Ausmaß auf Hochsensible zu: Das geht mir unter die Haut, schlägt mir auf den Magen, lastet auf meinen Schultern, sitzt mir im Nacken, geht mir an die Nieren, schnürt mir die Kehle zu. Der Schreck sitzt mir in den Gliedern, ich bekomme weiche Knie, das geht mir auf die Nerven, ich verliere die Nerven, es ist schwer zu verdauen, schmeckt nach mehr, es raubt mir den Schlaf, ich kann jemanden nicht riechen, mir kommt die Galle hoch, ich habe die Nase voll und so weiter. Die Folgen einer hochsensiblen Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und Reizen sind erheblich und hochkomplex.

Als hochsensible Person, die viel am Computer arbeitet und die Unart hat, im Webbrowser stets viele Tabs parallel offen zu halten, empfinde ich meine Hochsensibilität oft wie die Aneinanderreihung einer unüberschaubaren Menge offener Tabs, die alle gleichzeitig nach meiner Aufmerksamkeit verlangen und sich selbst mit größter Anstrengung nicht schließen lassen. Oder wie eine Vielzahl von Programmen, die alle parallel Updates installieren und immer wieder Reaktionen des Users fordern.

Die enorme Datenmenge und Informationsflut, die eine hochsensible Person aufgrund ihrer erhöhten Reizempfänglichkeit innerlich zu bewältigen hat, kann leicht zu einem Lebensgefühl der Überforderung führen. Das ist für Nichthochsensible oft schwer zu verstehen, zumal es für diese inneren Vorgänge oft keinen sichtbaren äußeren Anlass gibt. Man geht davon aus, dass Hochsensible im Vergleich zu Nichthochsensiblen ungefähr das Zehnfache an Reizen wahr- und aufnehmen. Vergleichbar mit einer Bibliothekarin, die kurz vor Bibliotheksschluss nicht die üblichen zehn, sondern auf einmal über hundert Bücher zurückerhält. Um alle korrekt einzuordnen, muss sie Überstunden machen.39

Lore Sülwald, die als systemischer Coach arbeitet, stellt sich in diesem Zusammenhang zwei gleich große Gefäße vor.40 Wenn in eines der beiden Gefäße mehr eingefüllt wird, ist das entsprechende Gefäß logischerweise auch schneller voll. Und darum ist es ganz natürlich, dass Hochsensible ein anderes Maß und andere Formen der Regeneration benötigen, um wieder aufnahmefähig zu sein. Dass das Leben für Hochsensible anstrengend sein kann, erklärt sich somit von selbst.

Verkappte Stärke

Brigitte Küster (ehemals Schorr) bezeichnet die »viel zitierte geringe Belastbarkeit, die empfindsamen Menschen so oft zugeschrieben wird«, als »Mythos«: »Die Tatsache, dass Hochsensible jeden Tag so viel aufnehmen und verarbeiten müssen und dass es ihnen trotzdem gelingt, das Leben zu meistern, bedeutet für mich, dass sie sogar außerordentlich belastbar sind.«41 Hochsensible sind also nicht weniger, sondern anders belastbar – und auf ihre Weise sogar ausgesprochen leistungsfähig. Sie sind sehr viel stärker, als sie es sich selbst zugestehen.

Wenn wir uns nochmals das oben beschriebene Szenario des geöffneten Tors mit dem täglichen (und nächtlichen) Ansturm von geladenen und ungeladenen »Besuchern« vor Augen halten, dann wird deutlich, wie viel Stärke Hochsensible an den Tag legen müssen, um ihren Alltag trotz dieser Überfülle an Eindrücken zu bewältigen, einem Beruf nachzugehen, Beziehungen zu pflegen, am Familienleben teilzunehmen und vieles mehr. Bei all dem – und selbst wenn Hochsensible gedankenverloren auf der Couch liegen – läuft ihr innerer »Prozessor« permanent auf Hochtouren. Kein Wunder, dass sie an einem bestimmten Punkt an ihre Grenzen stoßen und sich erschöpft fühlen. »Aber du hast doch gar nichts gemacht?«, ertönt es vorwurfsvoll aus dem Umfeld. Das ist unfair, denn längst nicht alles, was Hochsensible tun oder bewältigen, ist für andere sichtbar.

Wer davon ausgeht, dass Hochsensible in Krisensituationen und unter Druck zusammenbrechen, kann unter Umständen eine Überraschung erleben. Denn nicht selten legen gerade Hochsensible in Zeiten schwerer Lebenskrisen eine überraschende Stärke und Gefasstheit an den Tag. Man nennt diese psychische Widerstandsfähigkeit auch Resilienz. Dass diese bei Hochsensiblen oft stärker ausgeprägt ist, überrascht umso mehr, als sie im Alltag über eine eher niedrige Reizschwelle verfügen (es wird ihnen alles schnell zu viel, sie sind rasch erschöpft und gereizt). Wie ist das zu erklären?

Möglicherweise liegt es daran, dass Hochsensible immer wieder mit Stresssituationen konfrontiert sind. Laut Brigitte Küster hängt es auch damit zusammen, dass Hochsensible in ihrer Fantasie oft Szenarien entwerfen, »die sie Krisensituationen quasi als ›Trockenübung‹ durchleben lassen«42. Sie ist überzeugt: »So krisengeschüttelt wie Hochsensible oftmals erscheinen, sind sie doch besonders krisenfest.«

Inwiefern sind Hochsensible wichtig?

Die Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen Nichthochsensiblen und Hochsensiblen tatsächlich existiert, führt uns zur interessanten Frage, ob diese Unterschiedlichkeit einen besonderen Sinn hat. Könnte es vielleicht sogar sein, dass Hochsensible für eine Gemeinschaft als Ganzes von Bedeutung sind?

Ja! Davon bin ich überzeugt. Und mit dieser Überzeugung stehe ich nicht allein da. So äußerte beispielsweise Petra Tomschi im Blick auf die Existenz einer nichthochsensiblen Mehrheit und hochsensiblen Minderheit:

Wenn die Natur artübergreifend die Entwicklung dieser beiden Persönlichkeitsgruppen verfolgt hat, muss es einen evolutionären Vorteil haben. Insbesondere kann man daraus schließen, dass beide Ausprägungen ihren Sinn haben und im Zusammenwirken perfekt sind, sonst hätte sich im Laufe der Zeit eine davon zu Lasten der anderen durchgesetzt.43

Aus christlicher Sicht sehe ich die Verschiedenheit nicht evolutionär begründet, sondern glaube vielmehr daran, dass die menschliche Unterschiedlichkeit (auch im Blick auf unsere Persönlichkeitsmerkmale) gottgewollt und gottgegeben ist. Genau dieser Unterschiedlichkeit ist es letztlich zu verdanken, dass wir uns gegenseitig zur Ergänzung werden und aneinander reifen können, sofern wir bereit sind, uns auf einen entsprechenden Prozess einzulassen. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel (zum Beispiel Sprüche 27,17; Römer 12,5; 1. Petrus 4,10).

Wenn ich behaupte, dass Hochsensible für Nichthochsensible wichtig sind, gilt das natürlich auch umgekehrt. Doch anders als Nichthochsensible werden Hochsensible im Miteinander wesentlich öfter als hinderlich wahrgenommen. Sie wirken manchmal wie Störenfriede, weil sich durch ihr kritisches Hinterfragen und gedankliches Ausholen Prozesse verlangsamen oder Entscheidungsfindungen hinauszögern. Hochsensible bekommen schnell etwas in den falschen Hals, fühlen sich persönlich angegriffen und haben Mühe, sich emotional wieder davon zu lösen – selbst wenn die Begegnung längst vorbei ist und vielleicht sogar eine Entschuldigung vom Gegenüber erfolgt ist. Ihnen sind Details und Zusammenhänge wichtig, die Nichthochsensiblen wie Zeitverschwendung vorkommen. Immer wieder bringen sie Themen aufs Tapet, die andere längst abgehakt haben. All dies kann zum irrigen Eindruck führen, dass hochsensible Menschen anstrengend und mühsam sind, und wirft die Frage auf: Würde nicht alles viel unkomplizierter und effizienter ohne diese lästigen »Bremser« vonstattengehen?