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Kinder kriegen, Kinder haben – Elternschaft bringt tiefgreifende Veränderungen mit sich. Wie erleben Frauen das Mutterwerden und Muttersein, wenn sie aus einem anderen Land, mit einem anderen Hintergrund nach Deutschland kommen? Welche Herausforderungen stellen sich ihnen hier und welche kulturellen Unterschiede gibt es? Was möchten sie ihren Kindern aus ihrer Ursprungskultur mitgeben – und was nicht? 40 Frauen aus der ganzen Welt – von A wie Aserbaidschan bis Z wie Zimbabwe – geben Antworten auf diese und weitere spannende Fragen und damit erhellende Einblicke in ihre Formen von Mutterschaft.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2023
SHIRIN LAUSCH
Mit anderen Wurzeln
40 Mütter aus aller Herrinnen Länder erzählen
ULRIKE HELMER VERLAG
ISBN (eBook) 978-3-89741-915-5
ISBN (Print) 978-3-89741-470-9
© 2023 eBook nach der Originalausgabe
© 2023 Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach a. Taunus
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL
unter Verwendung eines Fotos von © Melita / Adobe Stock
Ulrike Helmer Verlag
Klosterhofstr. 3, 65843 Sulzbach a. Taunus
E-Mail: [email protected]
www.ulrike-helmer-verlag.de
Vorwort
Thepurposeofastorytellerisnottotellyouhowtothink, buttogiveyouquestionsto thinkupon.
BrandonSanderson
Seitdem ich Mutter bin, verbindet mich mit Spielplätzen eine tiefe, innige Hassliebe. Keine Frage – ich genieße es zu sehen, wie mein Sohn fröhlich im Sand buddelt, auf der Schaukel vor Freude juchzt oder triumphierend grinst, wenn er mal wieder bei fremden Kindern einen dieser staubtrockenen, nach nichts schmeckenden Hirsekringel geschnorrt hat. Oft genug empfinde ich die Nachmittage auf dem Spielplatz aber auch als ziemlich langweilig. Meist sind das die Tage, an denen wir niemanden treffen, den wir kennen. Und ich dann für den Bau der Sandburg zuständig bin und stundenlang lustlos Sand in Plastikeimerchen schippe.
AneinemsolchenNachmittagschweiftenmeineGedankenwiedereinmalindieFerneundmeineBlickeüberdenSpielplatz. PlötzlichfielmireineMuttermitgroßflächigemTattooaufihremOberarmauf. Dargestelltwareinenackte, schwangereFrau, dieliebevollihrenBauchstreichelte. Siestanduntereinemwunderschönen, blühendenBaummittiefindieErderagendenWurzeln. HinterderSchwangerenlauerteimSchattendesBaumeseinSkelett. SeinkahlerTotenschädelgrinsteleblosunddiedünnenKnochenfingerstrecktensichbedrohlichnachderFrauundihremBauchaus. EsliefmireiskaltdenRückenhinunter. Gleichzeitigwarichwiegebannt. Ichkamnichtumhinmirauszumalen, welchexistenzielleErfahrungdieseMutterwohlgemachthabenmusste, umihreHautmiteinemsolchenMotivzuversehen.
Werden, Sein. Leben, Sterben. Mutter, Kind. Wurzeln, Blüten. Herkunft, Zukunft. Welche GeschichteüberihreMutterschaft würdedieTrägerindiesesTattooszuerzählenhaben?
IcherinnertemichnochgutandieerstenLebensmonatemeinesSohnesundanmeineeigeneGeschichteüberMutterschaftindieserZeit. NebenalldenkörperlichenundemotionalenVeränderungen, dieeineSchwangerschaftundGeburtmitsichbringen, warfürmichvorallemderSchlafmangeleineabsoluteGrenzerfahrung. WennichmeinenschlummerndenSohnimKinderwagendurchunsereNachbarschaftschob, betrachteteichwütendalldieMenschen, dieabendseinfachinsBettgehen, durchschlafenundamnächstenMorgenvoneinemmechanischen (undkeinemlebendigen!) Weckergewecktwerdenwürden – unddannnocheinmaldieSchlummertastedrückendürfenundnichtsofortaufAbrufstehenmüssen. AmliebstenwollteichdiesenMenschenihrePrivilegiertheitindieOhrenbrüllen. Phasenweisewarichsoerschöpft, dassichmirnichtsmerkenkonnte. IchvergaßmeinekompletteEinkaufsliste – auchwenndieseausnurdreiDingenbestand. FremdwörterschiedenausmeinemaktivenWortschatzaus. FremdsprachenkenntnisseverschwandeninderhinterstenEckemeinesübermüdetenGehirns. EinerrichtigenUnterhaltungmiteinemerwachsenenMenschenkonnteichinmeinendunkelstenMomentennichtmehrfolgen.
AlsdieerstenMütterindenKrabbelgruppensichbereitsaufihreArbeitfreuten, um »endlichmalwiedergeistiggefordertzuwerden«, konnteichimbuchstäblichenSinnedesWortesnurmüdelächeln. MeinvernebeltesGehirnkonntesichkeinenJobderWeltvorstellen, denichinirgendeinerFormzufriedenstellenderledigenkönnte. DieSorgewuchs, dass meinHirnniewiederzuirgendeinerkognitivenLeistunginderLageseinwürde. DassichwederetwasNeueslernennochmichjemalswiederineinkomplexesThemaeinarbeitenkönnte. Ichwarmirnichtsicher, obichüberhauptnochIchwar.
MutterzuwerdenwareinedertiefgreifendstenundtransformativstenErfahrungen, dieichinmeinemLebengemachthabe. »Wetellourselvesstoriesinordertolive«, wirddieSchriftstellerinJoanDidionzitiert. Undsogingesmirauch: DereinzigeWeg, mitdieserVeränderungumzugehen, war, darüberzureden. Egal, woichanderefrischgebackeneMütter, manchmalauchVäter, kennenlernte, staunteich, wieschnellwirvonoberflächlichemSmallTalkzusehrpersönlichen, prägendenundlebensveränderndenThemenwechselten. Frauen, dieichgeradeerstkennengelernthatte, erzähltenmirbeimSpaziergangdieintimstenDetailsihresGeburtsberichtes. VonGewaltunterderGeburt. VondenHerausforderungeninihrerPartnerschaft. VonderAngst, nichtgutgenugfürdaseigeneKindzusein. VonSchuldundScham. Undauchicherzählte: vonmeinenÄngsten, meinerVerletzlichkeitundderHorrorvorstellung, dassdieserNebelinmeinemKopfniemalswiederverschwindenwürde.
AndersalsdieFraumitdemTattootrugenwirunsereGeschichtennichtoffenfürallesichtbar, sonderninunsverborgen. Mirwurdebewusst, wasfüreinwertvollesGeschenkesist, wennjemandseineoderihreGeschichteteilt. AlldieGeschichtenüberGeburtenzwischenLebenundTod, überZweifel, HoffnungundGlück, überVeränderung, ErmutigungundVerzweiflung – sieallesogichgierigauf, dennsiehalfenmir, ausmeinemeigenenErlebenmehrSinnzuziehen.
EinesTageslerneichbeimBabyschwimmendieBrasilianerinLuisakennen, dieerstkurzvorderGeburtihresSohnesnachDeutschlandgezogenwar. »InDeutschlandMutterzuwerden, istsohart«, berichteteLuisa. »Niemandverstehtmich, ichversteheniemanden. MeineFamilieistsoweitwegundhierweißichnicht, wenichumRatfragensoll. DabeihabeichjedenTagtausendFragen.«
IchwurdemirmeinesPrivilegsbewusst, MutterineinemgewohntenUmfeldgewordenzusein. DennwennMutterzuwerdenundMutterzuseinfürmichschonsoüberwältigendwar, wiemochtedaserstfüreineFrausein, diefernabderHeimateinBabybekam? IneinemLand, dessenSprachesienichtodernurkaumbeherrscht? WelcheGeschichtenüberMutterschaftwürdenFrauenerzählen, dieineinemanderenLandgeborenundsozialisiertwurden?
WelcheBeobachtungenwürdensiemachen?
WelcheUnterschiedewürdenihnenauffallen?
WiehatteihreeigeneKultursieimHinblickaufihreMutterschaftgeprägt?
WaswürdensieihrenKindernausihrerHeimatkulturmitaufdenWeggebenwollen?
Eine Idee war geboren: Ich nahm mir vor, Mütter aus anderen Ländern ebendiese Fragen zu stellen. So wie ich schon die ganze Zeit Erfahrungsberichte sammelte, wollte ich sie nun nicht mehr für mich behalten, sondern aufschreiben und mit anderen Menschen teilen.
EinweitererGrundfürmeinInteresseandenErfahrungenvonFrauenfernabderHeimatliegtauchinmeinereigenenBiografiebegründet: InmeinerKindheitlebteicheinigeJahremitmeinerFamilieinSpanien. DiesempfindeichnochheutealsBereicherung. Worüberichabererstnachgedachthabe, alsichselbstKinderhatte: WiewaresdamalswohlfürmeineMuttergewesen, mitMannundKindernineinfremdesLandzugehen, alsErwachseneeineneueSprachelernenzumüssenundsichineinerbisdatofremdenGesellschaftzurechtzufinden?
Meine Suche nach Gesprächspartnerinnen für dieses Buch startete ich in einer Facebookgruppe, in der sich internationale Familien über Kinderhaben und Elternsein in Deutschland austauschten. Die Resonanz auf meinen Aufruf war überwältigend – ganz offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen. Zahllose Frauen aus aller Herrinnen Ländern wollten von ihren Erfahrungen als Mutter in Deutschland berichten. Eine Frau schrieb mir, auf so eine Chance wartete sie schon seit Jahren – endlich fühlte sie sich gehört. Eine andere Frau meinte im Anschluss an unser Interview, halb scherzend, halb im Ernst, dass das Gespräch über ihre Mutterschaft eine regelrecht kathartische Wirkung hatte, und ihr vermutlich drei Jahre Therapie erspart habe.
WeilichmichgernevonKunstausallerWeltinspirierenlasse, habeichdieFrauenauchgefragt, obeseinKunstwerkwieeinGemälde, einLied, Gedicht, einenFilmodereinBuchzumThemaMutterschaftgibt, dassiemögen.
AufgrundderCoronapandemietrafichnurwenigeFrauenvonAngesichtzuAngesicht – undwenn, dannmitdemgebotenenAbstand. MitdenmeistenFrauenhabeichtelefoniertoderstandinschriftlichemKontakt.
AusdenvielenBegegnungenisteinbuntesGeschichtenmosaikentstanden; dieInterviewantwortenwurdeninderZusammenarbeitmitdenFrauenzuvierzigBerichten. InvielenReligionenundKulturenstehtdieZahlsymbolischfürNeuanfang, TransformationodersogarTod. EineSchwangerschaftdauertvierzigWochen. DaranschließtsichdasWochenbettan, dasinvielenKulturenvierzigTagedauert. DieseZahlwirdunsauchindiesemBuchimmerwiederbegegnen.
VonAwieAserbaidschanbisZwieZypernsindBerichteausLänderndabei, diesounterschiedlichsindwiedieFrauenselbst. DabeirepräsentierensienichtunbedingtihrLand, aberimmersichselbst. MüttervonkleinenBabyserzählenebensowieFrauen, derenKinderschondasNestverlassenhaben. ZuWortkommenFrauenmiteinemodermehrerenKindern. FrauenmitPartnerausDeutschlandoderauseinemanderenLandoderohnePartneranihrerSeite. Frauen, diehierMutterwurdenoderinihremHeimatlandoderbeides.
MitihrenErzählungenermöglichendieFraueneinenneuenBlickaufdasMutterseininDeutschlandundgebenaußerdemEinblickeinKultur, Politik, Geschichte, Gesellschaft, MentalitätundTraditionenderjeweiligenLänder. DurchihreSozialisationinihrerursprünglichenGesellschaftblickendieinterviewtenFrauenvonaußenaufMutterseininDeutschland, gleichzeitigistihrLebensmittelpunktmittlerweileinDeutschlandundsieschildernihrErlebenalsTeildieserGesellschaft.
WasschockiertMarciaausChileaufdeutschenSpielplätzen?
WiesowaresfürdieschwangereMirjasowichtig, eineKistevonderfinnischenRegierungzugeschicktzubekommen?
WeshalbwurdefürKatijaausGriechenlandeineBadeentezumSymbolfürLuxus?
WarumwarLeilisFamilieimIransogeschocktüberihrendeutschenGynäkologen?
WasverbindetSollaausIslandmitderPräsidentinihrerKindheit?
WasistderGrund, dassNomahausNigerianichtjedenJobannehmenkann, densiemöchte?
Ich lade dich herzlich ein, dich mit mir auf die Reise zu begeben und zu erfahren, was vierzig Frauen über das Muttersein in Deutschland und aller Herrinnen Länder erzählen.
Nuriya aus Aserbaidschan
Ursprünglich komme ich aus Ganja, der zweitgrößten Stadt Aserbaidschans. Nach meinem Schulabschluss arbeitete ich kurz in einem Büro, bevor ich heiratete und einen Sohn und eine Tochter bekam. Als sie zwei und vier waren, zogen wir in die Hauptstadt Baku. Dort wurde ich Konditorin und verkaufte in meiner eigenen Konditorei traditionelle Süß- und Backwaren.
AlsunsereKinderzehnunddreizehnJahrealtwaren, wolltenwirauspolitischenGründendasLandverlassen. Wirwünschtenuns, ineinemRechtsstaatzuleben, indemOrdnungundStrukturherrschen. WirbekameneinVisumfürDeutschlandundfingenhiereinneuesLebenan.
WeilmeineAusbildungausAserbaidschannichtvollständiganerkanntwurde, machteicheinezweijährigeUmschulungzurKonditorin. MeinTraumwar, auchhiereineeigeneKonditoreizueröffnen. Aberummichselbstständigmachenzudürfen, hätteichnocheineMeisterprüfungablegenmüssen. Daswarmirzuviel. StattdessenarbeiteteichinverschiedenenBereichen, bisichmitvierzigJahren – alsmeinebeidenKinderbereitsvolljährigwaren – ganzüberraschendnocheineweitereTochtererwartete. HeuteistsieachtJahrealt.
Hier in Deutschland Mutter zu werden, war ganz anders als damals bei meinen beiden ersten Kindern. Als meine ältere Tochter geboren wurde, herrschte Krieg in Aserbaidschan. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war das alte System kaputt, aber ein neues System noch nicht aufgebaut – eine schreckliche Zwischenzeit. Die medizinische Versorgung in der Geburtsklinik war ein Alptraum. Es gab kein fließendes Wasser, die sanitären Anlagen waren völlig verschmutzt. In den Zimmern reihten sich die Betten aneinander wie in einer Kaserne. Als ich in das Krankenhaus kam, musste ich mich erst komplett nackt ausziehen, dann mir wurden mir die Nägel geschnitten und ein OP-Kittel angezogen. Alles kam mir vor wie ein furchtbarer Horrorfilm.
AlsichzweiJahrespätermeinenSohnerwartete, wollteichuntergarkeinenUmständenwiederinsKrankenhaus. MithilfeeinerHebammekammeinBabyzuHauseaufdieWelt. Daswarvielleichtetwasriskant, aberichwarnochsehrjungundbereit, diesesRisikoeinzugehen. HeuteistdieSituationinaserbaidschanischenKrankenhäusernglücklicherweisevielbesser.
ImVergleichzudenerstenbeidenGeburtenwaresganzanders, hierinDeutschlandMutterzuwerden. AlsmeinejüngsteTochteraufdieWeltkam, wurdeichstrukturiertundmitvielenInfosaufdieGeburtvorbereitet. ObwohlesmeindrittesKindwar, lernteichunglaublichvieldazu. Gleichzeitigwurdemirbewusst, wasichbeimeinenbeidenerstenKindernallesfalschgemachthatte. Dastatmirrichtigleid. ZumBeispielweintemeineältesteTochtersehrvielalsNeugeborenes. SiehatteHunger, aberichhattenichtgenugMilch. MeineVerwandtenempfahlenmir, meinBabymiteinerMischungausButter, ZuckerundsogarHonigzufüttern. Heuteweißichnatürlich, dassmandasnichtmachensollte. AlsmeineTochterimmernochvorHungerweinte, meintenalleinmeinemUmfeld – Mama, Oma, Tante, Schwiegermutter –, ichsolleihrwederMilchersatznahrungnochKuhmilchgeben. Mansagtemir, diebessereundsaubersteVarianteseiZiegenmilch, weilsiederMuttermilchamnächstenkäme. DeswegenkauftemeinPapaeineZiege, dieerinseinemGartenhielt. MeineTochterbekamsoimmerdiefrischesteZiegenmilch.
VoneinerausgebildetenHebamme, dieeinerwerdendenMamaallesrichtigerklärt, kannmaninAserbaidschanauchheutenurträumen. WennmaneinBabybekommt, bleibeneinemhäufignurdieRatschlägedererfahrenenMütter. OftmalsistdasreinerAberglaube. ZumBeispielschneidensichFraueninderSchwangerschaftniemalsdieHaare. Dennsieglauben, dassmandas, wasmanabschneidet, vomLebendesKindesnimmt – alsoseineLebensdauerverkürzt. EinanderesBeispiel: MutterundKindbleibennachderGeburtvierzigTagelangzuHause. DemVolksglaubennachschütztdasnichtnurvordembösenBlick. DieMenschenglaubenauch, dasseinendieKrankheiten, diemanimWochenbettbekommt, dasgesamterestlicheLebenbegleitenwerden. DeswegenwerdenMutterundKindbesondersbeschütztundsollendasHausnichtverlassen.
Ichwarnieabergläubisch, habeabernachderGeburtmeinerTochtervieledieserRegelnbefolgt. DennichhättetotaleSchuldgefühlebekommen, wenndochetwaspassiertwäre. BeimerstenKindmöchtemanesaußerdemallenMenschenrechtmachen. BeimzweitenunddrittenKindhabeichdieseRegelnnichtmehrbeachtet. HeutzutagesinddieMenscheninAserbaidschannichtmehrsoabergläubisch.
Wenn ich das Elternsein in Deutschland und Aserbaidschan vergleiche, sehe ich eigentlich keine großen Unterschiede bei der Erziehung. Eltern auf der ganzen Welt wollen, dass ihre Kinder gesund, glücklich und auch gut in der Schule sind. In Baku gingen meine beiden Älteren auf ein Lyzeum und hatten gute Noten. Als wir nach Deutschland kamen, wurden sie auf die Hauptschule geschickt, weil sie – genau wie ich – noch kein Deutsch sprachen. Später erklärten mir aserbaidschanische Freunde das Schulsystem und ich verstand, dass die Hauptschule eine Schulform ist, bei der meine Kinder später weniger Möglichkeiten im Leben hätten. Jedes Mal, wenn ich die Lehrerin meiner Kinder traf, bekniete ich sie, dass meine Kinder auf eine andere Schule kämen. Allmählich merkte ich, dass sie es aber wirklich gut mit meinen Kindern meinte. Und sie merkte, dass meine Kinder nicht auf die Hauptschule gehörten. Später wechselten beide auf andere Schulen.
Nun verstehe ich besser, wie Schule hier läuft. In Baku habe ich viel von den Kindern erwartet, immer ihre Hausaufgaben kontrolliert und Nachhilfe organisiert. Gute Noten waren sehr wichtig. Der Druck war nicht nur für Kinder groß, auch auf den Schultern der Eltern lastete ein schweres Paket. Hier lassen Eltern und Lehrer das Kind eher, wie es ist. Sie wissen, dass nicht jedes Kind alles lernen kann. Es gibt weniger Druck, gute Noten zu haben.
BeimeinenbeidengroßenKindernwarmirsehrwichtig, dasssiegutinderSchulesind. EinerseitshabeichbeimeinerjüngstenTochterauchmehrErfahrung, bingelassenerundmacheihrnichtsovielDruck. AndererseitshabeichauchnichtmehrsovielLustundGeduld, michnachdemUnterrichtumdieHausaufgabenzukümmern. AußerdemarbeiteichundhabenochandereDingezutun. DameinDeutschnichtperfektist, binichmanchmalauchgarkeinegroßeHilfe. UndNachhilfezuorganisieren, isthiervielschwieriger. InBakuhabenwireinfachdieLehrerinfürPrivatstundenbezahltunddamitwardasThemaerledigt. HiergebenGymnasiastenoderStudentenNachhilfe – dabeihabensieoftselbstwenigZeit. MeineTochterhierinderSchulezuunterstützenistaufjedenFalleinegroßeHerausforderungfürmich.
In Deutschland fiel mir auf, dass der Umgang mit Kindern ganz anders ist. In Aserbaidschan ist ein Neugeborenes erst mal ein Kind, das nichts kann. Wenn hingegen in Deutschland ein Baby geboren wird, gilt es schon als richtiger Mensch mit eigenem Charakter und eigener Persönlichkeit. Die Erwachsenen sprechen mit ihm, als würde es sie verstehen – und Babys verstehen tatsächlich schon sehr viel! Langsam, aber sicher finden die Eltern heraus, was das Baby mag und was nicht. Das ist ein ganz anderes Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern.
SeitfünfJahrenarbeiteichalsTagesmutter. AlsichdenQualifizierungskursdafürgemachthabe, fielenmirweitereUnterschiedeauf. InAserbaidschansindKinderzumBeispielimmersehrschönangezogenunddieErwachsenenlaufenihnenhinterher, umjedenFleckwegzumachen. InDeutschlandhingegenisteskeinProblem, wennKinderimMatschspielenunddreckigwerden. Manlässtsieeinfachmachen.
MeinenErziehungsstilhabeichschoninAserbaidschanalsdemokratischbezeichnet. MeinenKindernwollteichimmerFreiheitinihrenEntscheidungengeben. WennmeinSohnodermeineTochtermichzumBeispielumRatfragten, warmeineAntwort: »Ichwürdedassoundsomachen, aberdumusstdeineEntscheidungselbsttreffen.« FürdieseoffeneHaltungwurdeichoftvonmeinenVerwandtenkritisiert. HierinDeutschlandhabeichgemerkt, dassichgarnichtoffengenugwar. IchwolltemeinenKindernvonkleinaufbeibringen, dasssieihreMeinungvertretenundfürsicheinstehen. DazumussteichinmeinerErziehunghiernochoffenerwerden.
Manche Dinge aus der deutschen Kultur habe ich übernommen. Anderes aus der aserbaidschanischen Kultur möchte ich beibehalten. Als Familie waren wir nie sehr traditionell, aber am 20. März, der Tagundnachtgleiche, feiern wir unser Neujahrs- und Frühlingsfest Novruz. Schon der gesamte Monat vorher ist sehr festlich – man ist viel draußen mit den Nachbarn unterwegs, es wird getanzt und gesungen, wie bei einem großen Volksfest. Die vier Dienstage vor dem Fest sind den Elementen Wasser, Feuer, Wind und Erde gewidmet und haben ihre eigenen Traditionen. Am Feuer-Dienstag springen wir zum Beispiel durch die Flammen eines Lagerfeuers. Oder am Erde-Dienstag stellen die Kinder Mützen oder Hüte vor der Tür der Nachbarn auf, klingeln und laufen weg. Wenn die Nachbarn öffnen, legen sie Süßigkeiten für die Kinder hinein. Am 20. März feiern wir dann im Familienkreis und essen traditionelle Gerichte wie das Reisgericht Plov oder Süßspeisen wie Baklava. Der reich gedeckte Tisch wird mit einem Bündel frischgekeimtem Weizengras geschmückt, das für die Erneuerung im Frühling steht. Ähnlich wie hier an Ostern stehen auch Eier für das Leben, das neu erwacht. Wir spielen ein Spiel, bei dem zwei Spieler zwei hart gekochte, bunte Eier aneinanderschlagen. Wessen Ei kaputtgeht, hat verloren. Ich mag das Novruz-Fest und es ist mir wichtig, dass unsere Jüngste die Traditionen kennenlernt.
AußerdemliebeichaserbaidschanischesEssen, meineKinderallerdingsnichtsosehr. ManchenmeinerFreundinnenausAserbaidschangehtesähnlich. AbundzutreffenwirunszumgemeinsamenKochenundEssen – ohneunsereKinder. VielleichtändertsichdasspäterundunsereKinderentwickelndochnocheinInteressefürunsereKüche. ManchmalsuchenMenschenerstalsErwachsenenachihrenWurzeln.
FürausländischeKinderkannesschwersein, zwischenzweiKulturengroßzuwerden. BesondersTeenagersindunsicher, obsiesichihreElternzumVorbildnehmenodersichlieberanderGesellschaft, alsozumBeispielandenMenscheninihrerSchule, orientierensollen. NichtalleausländischenElternzeigendafürVerständnisundsiekönnen es nichtnachvollziehen, fallsihreKinderleidenoderdepressivwerden. BeimeinenbeidenälterenKindernmacheichmirdiesbezüglichkeineSorgenmehr. Aberichhoffe, dassauchmeinejüngsteTochterkeineProblememitdenzweiKulturenhabenwird.
Zu guter Letzt möchte ich diese aserbaidschanischen Sprichwörter teilen:
»Uşaqsız ev qonaqsız süfrə kimidir.«
»Ein kinderloses Haus ist wie ein gedeckter Tisch ohne Gäste.« Das zeigt, welchen hohen Stellenwert Kinder bei uns haben.
»Uşaq evdə böyüyər, balıq göldə.«
»Ein Kind, das zu Hause aufwächst, ist wie ein Fisch im Teich.« Das zeigt die Wichtigkeit eines guten Elternhauses.
»Qızını döyməyən, dizini döyər.«
»Wenn du deine Tochter nicht schlägst, schlägst du deine Beine.« Das bedeutet, wer mit seiner Tochter nicht streng genug ist, schadet letztendlich sich selbst
Sonia aus Bolivien und Spanien
Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr habe ich in Bolivien gelebt. Dann entschieden meine Eltern, zurück nach Spanien zu gehen, wo ich eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin gemacht habe. Mit neunzehn Jahren habe ich meinen portugiesischen, künftigen Ehemann kennengelernt. Damals arbeitete er in Frankreich und ich bin dann zu ihm nach Paris gezogen. Das war gar nicht leicht für mich, denn ich konnte noch nichts arbeiten und habe zunächst einen Integrationskurs besucht und Französisch gelernt. Nach unserer Hochzeit war es einfacher, Arbeit zu finden. Dann wurde ich mit meiner Tochter Sofia schwanger und wir waren sehr glücklich Eltern zu werden.
AlsmeineTochtereinpaarMonatealtwar, begannmeinganzpersönlicherHorrorfilm. NachderGeburthatteichmichfüreinhormonellesVerhütungsmittelentschieden. Ohneeszumerken, verändertendieHormonemeinenKörperundichhatteabsolutkeineLustmehraufSex. DasfrustriertemeinenMann, wirstrittenviel, erhalfmirwenigunderwaroftvonzuHauseweg. EinesTagesfandichaufseinemHandyeinFotovoneineranderenFrauundfandheraus, dassermichbetrog. DannbegannderpsychischeundsexuelleMissbrauch. Esklingtbescheuert, aberichwurdevonmeinemeigenenMannvergewaltigt. SeitdemichvonseinerAffärewusste, schliefichbeimeinerTochtermitimZimmer. Aberimmer, wennmeinemManndanachwar, kamerundzwangmich, mitihmSexzuhaben. Ichweinteundversuchtemichzuwehren, abererbekamimmer, waserwollte. EinesTageskamerundwollteGeldvonmir. Alsichesihmnichtgab, schlugermichundwarfmichaufsSofa. IchzogeinenSchlussstrich, riefdiePolizeiundzeigteihnwegenhäuslicherGewaltan. Späterbedrohteermichundsagte, wennichihmseineTochterwegnehmenwollte, müssteichdenAnwaltunddieScheidungbezahlen. Dashabeichakzeptiert. AmnächstenTaghabeichdieScheidungspapiereunterschriebenundbinanschließendmitmeinerTochterzurücknachSpanienzumeinerMutterundmeinenSchwesterngefahren. DannbeganneinneuesLebenfürmich. IchwarvollerneuerHoffnungundmeineWundenbegannenzuheilen. Ichwusste, dassichnunfürzweiarbeitenmusste. MeineMutterwareinegroßeHilfeunddafürwerdeichihrimmerdankbarsein. SchonimmermochteichdiedeutscheSpracheundsobegannich, einhalbesJahrlangDeutschzulernen. ZufälliglernteichmeinenFreundkennen, derDeutscherist – obZufalloderSchicksal, dasweißichnicht. WirhatteneinigeMonatelangeineFernbeziehung, bisernachSpanienkamundwieeinechterGentlemanmeineElternbat, michundmeineTochtermitnachDeutschlandnehmenzudürfen. WirzogennachDeutschlandundespassierte, wasauchinFrankreichpassiert war: IchkonntedieSprachenichtgutundfanddeswegenkeineArbeit. DasersteJahrwarschwer. MeineTochtersprachgarkeinDeutsch, ichfandkeinenKitaplatzundsorgtemichumsie, weilsiekeinenKontaktzuanderenKindernhatte. NacheinemJahrkamsieindieVorschule, lernteschnellDeutschundpasstesichsuperschnellan. HeutegehörtsiezudenKlassenbestenunddieLehrerinbeglückwünschtmichimmerzudertollenUnterstützung, dieichmeinerTochtergebe. EigentlichwollteichaneinemIntegrationskursteilnehmen, aberdannbrachdiePandemieausundderUnterrichtfielaus. MittlerweilehabeichabereinenDeutschkursbegonnen. WennichmeineTochternichtpünktlichabholenkann, hilftmirmeinaktuellerLebenspartnersehrundübernimmtes.
MutterinDeutschlandzuseinistandersalsinmeinerHeimat. HiersinddieMüttersehrflexibelmitihrenKindernundlassenschonkleineKinderentscheiden, wassieessenodermachenwollen. Alsichkleinwar, hatmichmeineMutterniegefragt, wasichessenodermachenwollte. Esgab, wasaufdemTischstand,undwennichindenParkzumSpielengehenwollte, dannsagtemeineMutter: »Okay, gehundspiel.« Ichkannmichnichterinnern, dassmeineMuttermitmirgespielthätte. ZumSpielenbrauchteichsieauchnicht, weilichvielmitmeinenFreundenunterwegswar. Ichmöchtenichtsverallgemeinern, aberinDeutschlandgeheneinigeKinderzuihrenEltern, damitsiemitihnenspielenundwenndiesekeineZeithaben, dannweinendieKinderundmachenTheater.
Wasmirhiergefällt, ist, dassdieKinder, dieichkenne, trotzihresTemperamentsguterzogensindundfrühinsBettgehen (lacht). MeineTochtermachtdasnicht. SiehatwieichheißesBlut, wirliebenes, unterwegszusein,undwirgehenspätinsBett.
WennSofiagroßist, werdeichvieleErinnerungenanunsereAnfangszeithiermitihrteilen. Ichwerdeihrerzählen, wiesienachDeutschlandkamundkeineinzigesWortDeutschsprach, sichaberimmerverständlichmachenkonnte. SieisteinerichtigeKämpferin, ichbinsostolzaufsieundwerdeesimmersein.
Einer Mutter, die aus meiner Heimat nach Deutschland ziehen möchte, würde ich raten, ein wenig die Sprache zu lernen, denn ohne die Sprache bist du niemand und kannst hier nichts machen. Auch ich möchte besser Deutsch lernen, eine Ausbildung als Konditorin machen und ein eigenes Café mit Konditorei haben.
Zu guter Letzt möchte ich drei Dinge über Kindererziehung teilen, die ich in Deutschland überraschend finde:
Alle Kinder müssen warten, bis alle am Tisch sitzen, bevor sie anfangen zu essen.
Schon junge Kinder fahren alleine mit dem Bus zur Schule.
In der Schule gibt es keinen Religionsunterricht.
Filmempfehlung: »10 Tage ohne Mama«. Mit diesem Film identifiziere ich mich sehr und das, obwohl ich nur eine Tochter habe. Es geht um eine Mutter, die immer unglücklicher wird, dass ihr Mann arbeiten geht und sie alleine für den Haushalt und die vier Kinder zuständig ist. Sie beschließt, sich eine kleine Auszeit zu gönnen und verreist für zehn Tage ohne ihre Familie, die ohne die Mama ganz schön aufgeschmissen ist.
Vanessa aus Brasilien
Ich wurde in São Paulo in Brasilien geboren und habe dort bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr gelebt. Dann zog ich nach Italien, wo ich einige Jahre studiert und gearbeitet habe. Anschließend habe ich in Frankreich weiterstudiert und später in Spanien gearbeitet. Meine Studienfächer waren Sprachen, Kommunikation, Business und Tourismus. Ich habe Sprachen unterrichtet, in verschiedenen Hotels in Italien und Spanien als Rezeptionistin und in der PR gearbeitet und ich hatte einige Jahre lang ein eigenes Restaurant. Nach Deutschland kam ich dann, weil mein Mann Deutscher ist und wir hier Familie haben. Wir haben einen Sohn, der Mathias heißt und zwei Jahre alt ist.
InDeutschlandMutterzuwerden, istganzandersalsinBrasilien. InDeutschlandbekommenwirvielmehrInformationenüberdieSchwangerschaft, GeburtunddasStillen. InBrasilienisteinegutemedizinischeBehandlungeineprivateLeistung, dieextrabezahltwerdenmuss. UndnormalerweisegehtmannichtzueinemGeburtsvorbereitungskurs, dereinemhilft, sichaufdaswichtigsteEreignisinunseremLebenvorzubereiten. DieÄrzteinBrasilienwollenlieberGeldverdienen, anstattMütternundKinderndasBesteanzubieten. Langsamändertessich, aberdieKaiserschnittrateinBrasilienistsehrhoch. DafürgibtesverschiedeneGründe: ÄrzteverdienenmehrGeldaneinerOPalsaneinervaginalenGeburt. KaiserschnittesindfürÄrzteundfürMütterplanbarer – mankannseinenUrlaubeinfacherdanachrichten.
HeutzutagewollenFrauenauchnichtsovielleiden, Schmerzenhabenoderdanachhässlichaussehen. InBrasilienistesüblich, kurzvorderGeburtzumFrisörzugehenundsichstylenzulassen, inklusiveManiküreundWaxing. FürdieGeburtselbstwirdeinFotografengagiert. DieFamilieundFreundekönnenhintereinergroßenGlasfrontlivedieGeburtmiterleben. DasistkeinprivaterMoment, sowieichdenke, dasserseinsollte. Männersagen, dasssieKaiserschnittebevorzugen, weilsonstdieVaginagrößerundhässlichwird. DeswegensagendieÄrztesolcheSachenwie: »DasBabyistzugroß, umvaginalaufdieWeltzukommen«, »DerMuttermundöffnetsichnichtgenugfüreinespontaneGeburt« oder »SiesindzukleinunddünnfüreinenatürlicheGeburt.« Ichfreuemichsehr, dasssichdiesesexistischeDenkweise, dieinLateinamerikasovieleJahrzehntevorherrschendwar, aktuellwandelt. ImmermehrFrauenkämpfenfürGleichberechtigung, informierensichübereinenatürlicheGeburtundlernen, wiesieihreKinderrespektvollaufziehen.
AuchnachderGeburtgibtesUnterschiedezwischenDeutschlandundBrasilien. InmeinemLandgibtesvierMonateElternzeit, keinKindergeldoderandereHilfen. DeswegenmüssenElternhartarbeiten, umsichdieKrankenversicherungundBildungfürdieKinderleistenzukönnen, wasnormalerweiserechtteuerist. Hieristbeidesumsonst.
VäterinDeutschlandkönnenElternzeitnehmen, währendinBrasilienvieleMenschenfinden, dassdasdieAufgabederMutterist. VäterverdienendasGeldundMütterkümmernsichumdenHaushaltunddieKinder. InDeutschlandwickelnundkochendieVäter, siekaufeneinundgehenmitdenKindernzumSpielplatz. DasBesteist, dassbeideElternteileZeithaben, umsichumdieKinderzukümmern.
Bei uns zu Hause gibt es Einflüsse aus mehreren Kulturen, aber ich bringe meinem Kind brasilianische Lieder bei und erzähle ihm Geschichten wie die von Sací Perere. Dabei handelt es sich um eine Figur aus der brasilianischen Folklore, die dunkle Haut und nur ein Bein hat, Pfeife raucht und dank eines magischen Umhangs unsichtbar werden kann. Sací Perere
