Mit dem Feind leben - Richard van Emden - E-Book

Mit dem Feind leben E-Book

Richard van Emden

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Beschreibung

Ein Fußballspiel zwischen den Frontlinien, eine ungenehmigte Waffenruhe und gemeinsames Feiern am Heiligen Abend 1914: Deutsche und Alliierte begegneten sich im Ersten Weltkrieg nicht nur als Feinde. Anhand unveröffentlichter Zeugnisse, Briefe und Tagebücher spürt Richard van Emden viele solcher unerwarteten Momente auf, in denen sie sich als Menschen ohne Waffen gegenüber stehen. Er zeichnet viele persönliche Schicksale nach und zeigt, welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg für den Einzelnen und das Zusammenleben im Alltag abseits der Front hatte.

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Seitenzahl: 567

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Richard van Emden

Mit dem Feind leben

Alltag im Ersten Weltkrieg

Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan

Hoffmann und Campe

Für meine Mutter

Einleitung

Captain Robert Campbell waren die Hände gebunden. Im August 1914 war er während der Schlacht bei Mons schwer verwundet und gefangengenommen worden. Seit knapp zwei Jahren befand er sich nun schon im Kriegsgefangenenlager von Magdeburg. In dieser Zeit hatte er sich mehrerer äußerst schmerzhafter Operationen im Gesicht und am Arm unterziehen müssen. Jetzt hatte er zu allem Überfluss noch aus einem Brief seiner Schwester Gladys in England erfahren, dass ihre Mutter Louisa Campbell im Sterben lag.

Der Lagerkommandant in Magdeburg war ein prima Kerl, sofern man das von einem Mann mit einem solchen Posten sagen konnte. Trotz der Umstände hatte Campbell ihn ein wenig kennengelernt. Als er von den schlechten Nachrichten erfuhr, gewährte er dem gefangenen Briten mehr als nur sein Mitgefühl. Er schlug dem Briten vor, an den deutschen Kaiser zu schreiben und ihn um Sonderurlaub zu bitten; dann könne er heimkehren und seine Mutter besuchen. Der Kommandant wollte den Antrag nach oben weiterleiten und sich dafür einsetzen, dass Campbell die Bitte gewährt werde.

Was niemand erwartet hatte, geschah: Es kam eine Antwort. Die höchsten Kommandostellen gestatteten Captain Campbell, das Kriegsgefangenenlager für zwei Wochen zu verlassen. Sofern er sich mit seinem Ehrenwort zur Rückkehr verpflichte, könne er durch Deutschland und Holland nach England reisen.

Campbell machte sich auf den Weg und traf am 7. Dezember 1916 in Gravesend ein. Wie Louisa die überraschende Heimkehr ihres Sohnes aufnahm, kann man sich leicht vorstellen. Leider verstarb sie im darauffolgenden Februar.

 

Während sich Robert noch bei seiner kranken Mutter befand, erhielt das deutsche Reichsamt für Auswärtiges einen Brief von einem gewissen Friedrich Gastreich aus dem Städtchen Kirchhundem im Sauerland. Seine Frau Anna litt an Tuberkulose und einer akuten Lungenentzündung, und ihr Sohn saß wie Captain Campbell in einem feindlichen Kriegsgefangenenlager. Der fünfundzwanzigjährige Peter Gastreich war in Knockaloe auf der Isle of Man interniert. Ob es wohl möglich sei, fragte der Vater, für den Sohn eine Sondererlaubnis zu erwirken, damit er nach Deutschland kommen könne?

Das Kaiserliche Reichsamt für Auswärtiges leitete das Anliegen über die Vermittlung der Vereinigten Staaten nach Großbritannien weiter. Die Deutschen appellierten mit Hinweis auf den Campbell gewährten Urlaub an den britischen Sinn für Fair Play. Doch die Briten gingen nicht darauf ein. »Entlassung von P. Gastreich kann nicht gewährt werden. Capt. Campbells Fall darf nicht als Präzedenzfall dienen«, hielt der Beamte des britischen Außenministeriums in einer Aktennotiz fest. Gastreich blieb, wo er war, und seine Mutter starb bereits eine Woche nach dem Antrag, was die britische Regierung jedoch nicht wusste, als sie ihre Entscheidung traf.

Wegen ihrer Weigerung, sich erkenntlich zu zeigen, blieb dies der einzige Versuch eines »kurzzeitigen Gefangenenaustauschs«. Im Oktober 1917 baten die Angehörigen des gefangenen Offiziers Captain Bushby Erskine wegen ähnlich gelagerter Umstände um eine zeitlich befristete Entlassung für ihn. Die Regierungsstellen antworteten der Familie höflich, aber ablehnend. »In einem einmaligen Fall gewährte Deutschland einem britischen Offizier Urlaub, um in sein Land zurückzukehren, jedoch ohne uns zuvor konsultiert zu haben. Seither beruft man sich auf diesen Fall, wenn deutsche Offiziere einen Besuch in Deutschland beantragen. Dem kann jedoch keinesfalls entsprochen werden.« Der Brief wurde Captain Erskines Vater von seiner Nichte weitergeleitet. Sie schrieb an das britische Außenministerium: »Ich fürchte, die Enttäuschung wird ihm [Erskines Vater] schwer zu schaffen machen, wurde ihm von unverantwortlichen Leuten doch eingeredet, dass man seinen Sohn ›auf Urlaub‹ heimkehren lassen werde.«

Captain Robert Campbell

(Copyright © Surrey History Centre – ESR/25/STONHF/I)

Zweifellos hatte Captain Campbell riesiges Glück gehabt. In der britischen Presse wurde über seine außergewöhnliche Heimkehr nicht berichtet; das offenbar spontane Entgegenkommen des deutschen Kaisers passte 1916 nicht in die Kriegsnachrichten. Die Erskines konnten also nur durch private Kontakte von Campbells Fall erfahren haben.

Was Campbell betrifft, so hätte ihm wohl niemand einen Vorwurf gemacht, wenn er in England bei seiner kranken Mutter geblieben wäre. Er hielt jedoch Wort und kehrte pünktlich ins Kriegsgefangenenlager zurück. Nachdem er sein Ehrenwort eingelöst hatte, unternahm er im darauffolgenden Jahr einen Fluchtversuch, wurde jedoch an der holländischen Grenze wieder ergriffen. Darauf blieb er bis zum Kriegsende in Deutschland.

 

Vor Ausbruch des Krieges bestanden zwischen Großbritannien und Deutschland außerordentlich enge gesellschaftliche, kulturelle und militärische Beziehungen. Nach russischen Juden und Iren bildeten die Deutschen bis 1914 die drittgrößte Einwanderergemeinde in Großbritannien, sie gründeten Handels- und Industrieunternehmen. Außerdem hatten sie unter den Ausländern anteilsmäßig die meisten Studenten: Neben lediglich drei Franzosen legten 1912 dreiundvierzig Deutsche in Oxford ihre Abschlussprüfung ab. Unter den Angestellten der vornehmsten Hotels und Restaurants in London und gerade in den Servicebereichen befanden sich auffällig viele Deutsche (sie stellten zehn Prozent der Londoner Kellner). Deutsche heirateten englische Partner, ließen sich in England nieder und gründeten Familien. Und auch in Akademiker-, Musiker- und Schriftstellerkreisen bewegten sich viele Deutsche.

Bei den Streitkräften waren die Kontakte besonders eng. Kaiser Wilhelm war Ehrenoberst eines britischen Regiments, der 1st (Royal) Dragoons, in deren Paradeuniform er während eines Privatbesuchs 1894 in Aldershot fotografiert wurde. Durch den deutschen Militärattaché in London hielt er Kontakt mit dem Regiment, dessen Kommandeur, Colonel George Steele, ihm regelmäßig Grüße und Nachrichten aus seiner Einheit schickte. Noch am 3. Juni 1914 nahmen die Dragoons an einer Militärparade zur Feier des kaiserlichen Geburtstags teil. Jedes Jahr sandte Wilhelm II. »seinem« Regiment zum Andenken an die Schlacht von Waterloo einen Lorbeerkranz. Colonel Steele bedankte sich beim Kaiser für dessen »unerschöpfliche Güte« und schrieb: »Ich möchte im Namen aller Ränge des Regiments die Hoffnung ausdrücken, dass unser Ehrenoberst uns im nächsten Jahr [1915] anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Schlacht noch eine größere Gunst zuteil werden lässt und höchstpersönlich unsere Standarte mit dem Kranz schmücken wird.«

Neben dem deutschen Kaiser aber gab es auch noch viele weitere Militärs, die von ihren britischen Kollegen eingeladen wurden. Einen Monat vor Kriegsausbruch verbrachte der deutsche Militärattaché in London ein Wochenende in den Kasernen der 4th (Royal Irish) Dragoon Guards. Und Prinz Heinrich, ein jüngerer Bruder des Kaisers und Marineoffizier, wollte Ende Juli 1914 gemeinsam mit Admiral James Butler, dem 3. Marquess of Ormonde, die Cowes Week, eine Segelregatta vor der Isle of Wight, besuchen. Als sich die Vorkriegskrise immer weiter verschärfte, kabelte er schweren Herzens eine Absage. »Au revoir, hoffe ich doch«, schrieb er seinem Freund.

Aber die Briten reisten ebenfalls nach Deutschland. Für einen aufstrebenden britischen Geschäftsmann war es beinahe schon ein Muss, die Sprache und das Geschäftsethos dieser bedeutenden Handelsnation durch einen Aufenthalt in Deutschland kennenzulernen. Junge Briten studierten an so renommierten Universitäten wie Göttingen und Münster. Im Jahr 1911 gründete der Unternehmer Sir Ernest Cassel, ein in Köln geborener naturalisierter britischer Staatsangehöriger und enger Freund des britischen Monarchen, die »King Edward VII British-German Foundation«. Sie ermöglichte jungen Briten und Deutschen ein einjähriges Studium im jeweils anderen Land, um ein besseres Verständnis zwischen den beiden Staaten zu fördern.

Die gesellschaftlichen Kontakte in den vornehmsten Kreisen waren eng, wie sich an den vielen Ehen erkennen ließ. Kaiser Wilhelm II. war ein Enkelsohn von Königin Victoria, die selbst mit dem Deutschen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha verheiratet gewesen war und eine deutsche Mutter hatte (Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld). In den Hofnachrichten in der Times las man immer wieder von England-Aufenthalten deutscher Prinzen und Grafen, die die Theater und die Oper in London besuchten. Der deutsche Kaiser reiste in der Zeit zwischen seiner Thronbesteigung 1888 und dem Kriegsausbruch mehrfach nach England, und sowohl Edward VII. als auch George V. erwiderten seine Besuche. König George kam sogar noch im Mai 1913 nach Deutschland.

 

Trotz dieser Nähe entwickelte sich allerdings auch ein gewisses Maß an Feindseligkeit. Dank der geschickten Führung Bismarcks, dem Gründervater des Deutschen Reichs, hatte Deutschland seit den 1870er-Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Kaiser Wilhelm II. war jedoch von einem ganz anderen Schlag als seine Vorgänger. Bald nach seiner Thronbesteigung entließ er den in die Jahre gekommenen Reichskanzler und übte immer größeren Einfluss auf die Regierung aus – vor allem auch auf Bismarcks Nachfolger, die bis zur Niederlage Deutschlands im Jahr 1918 allein dem Kaiser verpflichtet waren.

Der deutsche Kaiser (links) hoch zu Ross mit seinem Vetter, König George V., bei dessen Besuch in Potsdam im Jahr 1913.

(Copyright © Popperfoto/Getty Images)

Der deutsche Kaiser – aufgeblasen, ehrgeizig und labil – empfand eine Hassliebe zu den Engländern, sein Neid war ebenso groß wie seine Bewunderung. Schließlich war er der Sohn der ältesten Tochter Königin Victorias, auch wenn der bestimmende Einfluss auf seinen Charakter von väterlicher Seite kam und ihm die im preußischen Adel übliche höchst disziplinierende Erziehung mit der Betonung alles Militärischen zuteil wurde. Englische Einflüsse spielten keine große Rolle, und er gab seiner Mutter sogar die Schuld an einer körperlichen Behinderung, seinem verkrüppelten linken Arm. Um dies zu kompensieren, entwickelte er ein arrogantes Gehabe und ein übertriebenes Selbstwertgefühl, außerdem trieben ihn eine innere Rastlosigkeit und das Bedürfnis, seinen Willen durchzusetzen – keine guten Eigenschaften für einen Mann, der, wenn auch nicht unbedingt den offenen Krieg, so doch die Konfrontation suchte. Seine öffentlichen Auftritte, bei denen er stets den Arm zu verbergen suchte, wirkten pompös und verrieten seinen Hang zu Großtuerei. Percy Johnson erinnerte sich an einen Besuch des deutschen Monarchen in Großbritannien, den er als zwölfjähriger Junge erlebte: König George ritt in London durch die Oxford Street, doch viel mehr Aufmerksamkeit erregte bei Percy der Mann an seiner Seite: »Wer sonst sollte ihn begleiten als der Kaiser? Er sticht hervor mit seinem prächtigen weiten Umhang, dem Helm und den wunderbaren Orden auf der Brust. Unser eigener König George, nun, er wirkte daneben unbedeutend.«

Der Kaiser gab sich keine Mühe, die Zuneigung der britischen Öffentlichkeit zu gewinnen. Im Gegenteil, er brachte die Presse gegen sich auf, als er sich etliche Schnitzer in der Außenpolitik und diplomatische Entgleisungen leistete. So auch in einem Interview mit dem Daily Telegraph im Jahr 1908. Wilhelm II. wollte eine Einschätzung zur deutsch-britischen Freundschaft abgeben, was er letztlich aber sagte, war: »Ihr Engländer seid toll, toll, toll wie Märzhasen«. Im selben Interview äußerte er sich beleidigend über Frankreich, Russland und Japan.

Allerdings war es in den fünfzehn Jahren vor Kriegsausbruch vor allem das Flottenwettrüsten, das dem britischen Volk vor Augen führte, von wem die Bedrohung in Europa ausging. Die britische Presse beobachtete den internationalen, vor allem den deutschen Schiffsbau mit Argusaugen, veröffentlichte Tabellen und eine jährliche Liste der im Ausland gebauten Schiffe mit Namen, Typ, Tonnage und Werft. 1910 galt das Deutsche Reich nach Großbritannien als die zweitstärkste Seemacht der Welt und stellte somit eine echte Bedrohung für die Vorherrschaft der britischen Kriegsmarine und damit für die Wahrung der vom deutschen Kaiser so neidisch beobachteten kolonialen Besitzungen dar.

Das Flottenwettrüsten und die Befürchtungen, die es im Lauf der Zeit in Großbritannien weckte, führten in den höchsten Kreisen der Gesellschaft jedoch nicht zum Bruch – man wahrte den Anstand. Pikanterweise war Edward VII. Ehrenadmiral bei der deutschen Marine, und während eines Besuchs in Kiel im Juni 1904 begrüßte man ihn nicht nur mit einer Demonstration der Flottenstärke, sondern auch mit 21 Salutschüssen. Der Kaiser trug zu diesem Anlass seine britische Marineuniform, denn außer dem Titel des Ehrenoberst der 1st (Royal) Dragoons war ihm von Königin Victoria auch der eines Ehrenadmirals der britischen Flotte verliehen worden. Zur Begrüßung seiner königlichen Gäste hielt der Kaiser eine Ansprache, in der er darauf hinwies, dass die deutsche Flotte weltweit zwar die »jüngste hinsichtlich ihrer Schaffung« sei, nichtsdestotrotz aber »Ausdruck einer Krafterneuerung der Seemacht des Deutschen Kaiserreichs«. Es war ein Menetekel. In jenem Jahr schloss Großbritannien mit Frankreich die Entente cordiale, die in Deutschland als klarer Hinweis verstanden wurde, auf wessen Seite die Briten im Fall eines Krieges stehen würden.

Seit dem Krieg von 1870, nach dem die Franzosen die wirtschaftlich wichtigen Regionen Elsass und Lothringen an Deutschland hatten abtreten müssen, war das Verhältnis zwischen den beiden Ländern angespannt. Der Verlust dieser Gebiete war für Frankreich eine offene Wunde, weshalb ein erneuter Konflikt mit Deutschland nahezu unausweichlich schien. Schon lange vor 1914 erwartete der britische Generalstab eine Invasion der Deutschen in Frankreich über das neutrale Belgien.

Trotz des im Alltag freundlichen Umgangs zwischen deutschen und britischen Militärs gelangte der Generalstab in London mehr und mehr zu der Überzeugung, dass das Deutsche Reich den Krieg mit Großbritannien wollte und nur auf den geeigneten Augenblick wartete, um seine Stellung als Weltmacht Nummer eins anzugreifen.

Der Generalstab erwartete den Angriff im Jahr 1915, nach Abschluss der Erweiterungsarbeiten am Kaiser-Wilhelm-Kanal – dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal –, den dann auch die modernen Kriegsschiffe würden passieren können. Doch auch 1911 und 1913 grassierte schon die Angst vor einer deutschen Kriegserklärung. Der Tag, an dem das Reich angreifen werde, war als deutsches Lehnwort schon viele Jahre vor dem August 1914 in aller Munde. Als der junge Percy Johnson an dem erwähnten Sommermorgen 1911 von der Parade in der Oxford Street nach Hause kam, berichtete er seinem Vater, er habe den Kaiser in seiner ganzen Pracht gesehen. »Oh«, sagte sein Vater, »es wird Krieg geben, und zwar schon bald. Der Kerl weiß, warum er hier ist.«

Mein Buch erzählt, was geschah, als diese beiden wirtschaftlich und gesellschaftlich so eng verbundenen großen Nationen in den Krieg gerissen wurden. Kaum einer hatte vorausgesagt oder sich auch nur vorstellen mögen, welche Folgen ein echter Weltkrieg nach sich ziehen würde, von den unausweichlichen Opfern an Leib und Leben bis hin zu den drastischen langfristigen sozialen Umwälzungen. Daher werden in diesem Buch – immer mit Betonung auf den britisch-deutschen Beziehungen – neben anderem auch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Krieges an der West- und an der Heimatfront untersucht.

In meinem letzten Werk The Quick and the Dead habe ich mich mit den gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs und ihren trauernden Hinterbliebenen befasst. In Mit dem Feind leben beleuchte ich in erster Linie die Erlebnisse jener, die die Last des Krieges mit all seiner grausamen Ungerechtigkeit zu tragen hatten.

Wie das Thema nahelegt, geht es hier um die Konfrontation mit vorgehaltenem Bajonett, die unter normalen Umständen zu Verwundung, Gefangennahme oder dem Tod eines Soldaten führte. Freunde, mit denen ich über mein Buch sprach, regten jedoch an, auch den berühmten »Weihnachtsfrieden« mit aufzunehmen. Das habe ich getan, aber ich schildere nicht nur die weihnachtliche Waffenruhe von 1914, sondern auch die weit weniger bekannte des Jahres 1915. Nimmt man die Agenten hinzu, die gelegentlichen befristeten Einstellungen der Kämpfe zur Bergung der Gefallenen und die Deserteure, die es wagten, das Niemandsland zu durchqueren, scheinen auf den ersten Blick die naheliegenden Aspekte abgedeckt zu sein.

Doch indirekte Kontakte waren ebenso bedeutsam wie direkte. Weit häufiger, als man erwarten würde, kam es vor, dass Soldaten an die Angehörigen Gefallener oder Verwundeter des feindlichen Lagers Briefe schrieben. Um ihnen die Hinterlassenschaften der Toten zurückzugeben, musste man sich nicht unbedingt persönlich treffen. Auf Regierungs- und Verwaltungsebene blieb die Kommunikation zwischen Großbritannien und Deutschland zwangsläufig formell und geschäftsmäßig, riss aber dank niederländischer, schweizerischer und amerikanischer Vermittler auch während des Krieges niemals ab: Man reichte Anträge auf Nachforschungen ein, legte Protest ein, schickte Antworten, handelte Übereinkünfte aus und gewährte Zugeständnisse. Die erhaltene Korrespondenz stellt eine faszinierende Lektüre dar und zeigt, dass es bei einem Großteil der offiziellen Kommunikation um Einzelheiten des Alltagslebens ging. So bat etwa ein Heidelberger Professor um die Zusendung seiner Bücher, oder es wurde vorgeschlagen, den Kriegsgefangenen beider Seiten Brillen und Bruchbänder zukommen zu lassen.

Krieg bedeutet immer Widersprüchlichkeit, Irrsinn und Chaos. Er macht das Außergewöhnliche und Besondere zur Norm und liefert die Bühne für die unwahrscheinlichsten Szenarien. Captain Campbells vorübergehende Entlassung aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager, die es ihm ermöglichte, nach England zu reisen und seine kranke Mutter zu besuchen, ist nur ein Beispiel von vielen. Ebenso wie der Fall des britischen Professors, der sich 1915 als Kriegsfreiwilliger zum deutschen Heer meldete. Manches klingt seltsam und lässt sich doch recht einfach erklären.

Zugleich ist der Krieg aber auch immer wieder banal und trist. Wie erging es den vielen Tausend britischen, mit Deutschen verheirateten Frauen, die in Großbritannien oder im Ausland lebten? Wie war das Schicksal der seit Jahrzehnten mit ihren Nachbarn in friedlicher Harmonie lebenden, loyalen, naturalisierten britischen Staatsbürger deutscher Herkunft? Welche Haltung nahmen ihre in Großbritannien geborenen Kinder ein? Auf welcher Seite standen sie? Die Antwort auf diese Fragen ist oft überraschend, gelegentlich aber auch profan oder bedrückend.

Wie in den meisten meiner früheren Bücher habe ich, wann immer möglich, die chronologische Schilderung der thematischen vorgezogen, weil ich glaube, dass auf diese Weise die Entwicklung der Protagonisten und ihre Haltung im Verlauf des Krieges deutlicher wird.

Um die Geschichte des Ersten Weltkriegs neu zu erzählen, habe ich viele bislang unveröffentlichte Briefe und Tagebücher sowie noch nie gesichtete Regierungsdokumente herangezogen. Sie bewegt sich zwischen West- und Heimatfront, zwischen Kriegsgefangenen- und Internierungslagern, Schützengräben und Reihenhäusern, Granattrichtern und den englischen Salons der Mittelschicht. Ich untersuchte Fälle der Verbrüderung mit dem Feind, zeitlich befristete Waffenruhen, Vergeltungsaktionen und Mord. Und wie bei allen Kriegen erzählt auch diese Geschichte vom Tiefpunkt menschlichen Verhaltens wie auch vom Gegenteil, den edelsten Bestrebungen und intensivem Mitgefühl. Dabei befasse ich mich weniger mit Strategien, Generalen und Waffen als mit Menschen. Und weil es um Menschen in einem Krieg geht, wurde mir eines wieder deutlich vor Augen geführt: Nichts lässt sich wiedergutmachen!

1Der Sieg der Unvernunft

Die trockene Sommerhitze war angenehm frischen Temperaturen gewichen, als Reverend Henry Williams zu seiner Wohnung in einer Seitenstraße des berühmten Kurfürstendamms zurückschlenderte. Man schrieb den 26. Juli 1914, und der siebenunddreißigjährige Geistliche befand sich an diesem Sonntagabend auf dem Heimweg von der St. George’s Church, wo er als Kaplan tätig war. Dass man im Jahr 1885 im Park des Schlosses Monbijou diese anglikanische Kirche errichtet hatte, zeugte von den engen Banden zwischen Großbritannien und Deutschland. Sie war nämlich ein Geschenk der Princess und des Prince of Wales, dem späteren König Edward VII. und seiner Frau Königin Alexandra, zur Silberhochzeit von Edwards ältester Schwester Victoria, der Gemahlin des deutschen Kronprinzen Friedrich und späteren Kaiserin.

Das Kirchenbuch enthielt eine beeindruckende Reihe hochrangiger Namen: Königin Victoria, die die Kirche 1888 gemeinsam mit ihrer ältesten, gleichnamigen Tochter und deutschen Kronprinzessin besucht hatte. Ihre beiden Unterschriften empfand Williams als so ähnlich, dass man fast meinen konnte, sie stammten von ein und derselben Person. Edward und Alexandra hatten sich eingetragen, desgleichen ihr Sohn Albert und König George V. und Königin Mary anlässlich ihres letzten Staatsbesuchs in Deutschland im Jahr 1913. Doch am interessantesten war wohl der Name des deutschen Kaisers selbst, der sich – in Würdigung seiner Vorfahren mütterlicherseits – nicht mit »Wilhelm« eingetragen hatte, sondern mit »William«. Er hatte St. George’s 1904 besucht, und zwar als Ehrengast bei der Hochzeit der Tochter des britischen Botschafters. Doch während man den Eintrag des Kaisers als diplomatisch würdigen konnte, ließ sich nun wirklich nicht behaupten, dass er bescheiden wirkte, denn seine herrschaftlich schwungvolle Unterschrift füllte die ganze Seite.

Zehn Jahre später war von verwandtschaftlichen Gefühlen zwischen Großbritannien und Deutschland nichts mehr zu spüren. Nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger zogen am Himmel Europas politische Unwetter auf. Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie waren im Juni 1914 bei einem Besuch der bosnischen Hauptstadt Sarajewo von einem serbischen Nationalisten erschossen worden. Darauf folgte eine diplomatische Krise auf die nächste, und was anfangs noch wie ein lokal begrenzter Konflikt auf dem ständig von Turbulenzen erschütterten Balkan erschienen war, verbreitete das Gift des Krieges auf dem gesamten Kontinent. Plötzlich gewannen die komplexen Systeme politischer Bündnisse und militärischer Garantien großes Gewicht. Für den Fall eines Krieges würde sich Berlin bei Österreichs Konflikt mit Serbien auf die Seite Wiens stellen. Serbien würde sich hilfesuchend an St. Petersburg wenden, und St. Petersburg wiederum an Paris. Paris blickte fragend auf London. Am Nachmittag des 23. Juli stellte Österreich-Ungarn Serbien ein zehn Punkte umfassendes Ultimatum mit Forderungen, die für den Balkanstaat letztlich die Aufgabe seiner Souveränität bedeutet hätten. Für die Antwort ließ man den Serben 48 Stunden Zeit, ansonsten müssten sie mit einer kriegerischen Auseinandersetzung rechnen, was der Androhung einer Invasion gleichkam.

Reverend Williams hatte die Zeitungen gelesen, und die Aussicht einer kriegerischen Auseinandersetzung machte ihm Sorgen. »Woche für Woche hatte ich das drohende Unwetter heraufziehen sehen, glaubte jedoch nicht, dass es tatsächlich losbrechen könnte.« Der deutsche Kaiser befand sich auf einer Kreuzfahrt vor der Küste Norwegens, und solange er dort war, meinte Williams, brauche man nichts zu befürchten. Doch der Kaiser brach seinen Urlaub ab und kehrte nach Berlin zurück. Und als sich Williams an diesem Sonntag auf dem Heimweg befand, konnte er im wahrsten Sinne des Wortes die Kriegstrommeln hören.

Ich hatte gerade die Schlossbrücke erreicht, [da] vernahm ich in der Ferne den Klang einer Kapelle, die sich näherte, und ich blieb stehen, um sie mir anzusehen. Ganz nach Brauch wurde der Kaiserlichen Garde, die im Stechschritt auf der Straße Unter den Linden auf das Schloss zumarschierte, der Schellenbaum mit dem Reichsadler und seinem Federschmuck vorangetragen. Doch an diesem Sonntag spielte man nicht den munteren Regimentsmarsch, sondern »Deutschland, Deutschland über alles …« Und das konnte nur eins bedeuten, nämlich dass es nun ernst wurde – der Krieg, von dem wir so oft hatten reden hören, an den aber niemand von uns hatte glauben wollen, schien nun wohl doch vor der Tür zu stehen!

So war es, und es ging alles sehr rasch. Zwei Tage später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg und ließ seine Truppen umgehend ins Land einmarschieren. Danach war es nur noch eine Frage der Zeit, wann sich Russland auf die Seite seines langjährigen Verbündeten schlagen würde.

Der Kaiser reiste über Kiel nach Potsdam und begab sich von dort unverzüglich in sein Stadtschloss in Berlin. Zur gleichen Zeit war Reverend Williams erneut zu Fuß unterwegs, um zu sehen, was vor sich ging. In den Straßen herrschte ein ungewohnter Trubel. Dann traf er auf den Kaiser.

Sein Wagen rollte die Linden entlang auf das Schloss zu. Die Menschen drängten sich so dicht, dass ich nur langsam vorankam. Plötzlich wurde ich so dicht an ihn herangeschoben, dass ich den vorbeirollenden kaiserlichen Insassen hätte berühren können. Ich sah, dass er den aus Messing gefertigten Kürassierhelm trug, der ihm nicht nur über die Stirn reichte, sondern auch weit in den Nacken hinein. Sein Gesicht war gelb, wirkte blutleer, seine Augen starrten unbeirrt nach vorn und hatten einen harten und fast schon grimmigen Ausdruck.

Am Abend ging Williams noch einmal auf die Straße. Der Kriegstaumel der Bevölkerung war nun konkret greifbar. »Berlin gleicht mittlerweile einem Tollhaus«, schrieb er.

Hinter dem Brandenburger Tor blieb ich in einer tobenden, nach vorn drängenden Meute stecken. Junge Männer, Arm in Arm grölten »Deutschland, Deutschland über alles« und ließen sich in den Strom menschlicher Leiber ziehen, der sich langsam voranschob und mich mit sich fortriss. Irgendwo nahe der Ecke Friedrichstraße sah ich einen großen Aushang mit den gedruckten schicksalsträchtigen Worten: »Ultimatum an Russland – Frage an Frankreich«. Da wusste ich, was die Menge so toben machte. Der Tag war gekommen! Als ich schließlich die Schlossbrücke am Ende von Unter den Linden erreicht hatte, war die Menge so dicht, dass an ein weiteres Vorankommen nicht mehr zu denken war – etwa gegen zehn Uhr brandete ein ganzes Stück vor mir Jubel auf, und daraus schloss ich, dass der Kaiser im Schloss auf den Balkon getreten war, auch wenn ich ihn kaum sehen konnte. Seine Worte gingen in dem Lärm mehr oder weniger unter, aber er soll gesagt haben: »An diesem Abend steht unser geliebtes Vaterland am Rande des Krieges. Ich bitte euch alle, geht nach Hause und betet. Gott sei mit uns!« (…) »Deutschland!«, riefen die jungen Männer wieder und wieder. Und die Menge brüllte: »Deutschland über alles!«

In diesem Augenblick überkam mich eine der seltsamsten Empfindungen meines Lebens – ich meinte, über der riesigen tobenden Menge, die die breite Allee Unter den Linden von einem Ende bis zum anderen füllte, eine dunkle, geflügelte Kreatur schweben zu sehen. »Wie viele dieser Jubelnden werden vom Tod dahingerafft worden sein, ehe dieser Krieg, den sie so lautstark begrüßen, zu Ende ist?« Auf meinem drei Kilometer langen Heimweg, vorbei an Esslokalen mit weit geöffneten Türen und brechend vollen Bierlokalen, in denen man wild gestikulierende, Ansprachen haltende Männer mit jubelndem Applaus bedachte, fühlte ich mich eigentümlich bedrückt und allein. Denn offenbar hatte nur ich den unheimlichen Todesengel gesehen, der an diesem Abend wartend über einer grölenden, dem Untergang geweihten und geblendeten Menschenmenge in Deutschlands Hauptstadt schwebte. Und nur ich hatte das Rauschen seiner Flügel gehört.

Eine große Menschenmenge begrüßt auf der Straße Unter den Linden den Kriegsausbruch.

(Copyright © Mary Evans Picture Library/Sueddeutsche Zeitung Photo)

Zu dieser Zeit weilte Harry Miles 390 Kilometer entfernt in Köln als Gast bei der Familie Hahn. Das in Deutschland für seine liberale und lebensfrohe Gesinnung berühmte Köln befand sich ebenso in Aufruhr wie die Hauptstadt. Harry schilderte seinem Vater in einem Brief vom 29. Juli die aufkommende Krise. Der Kontinent stehe vor dem Ausbruch eines Krieges, wie man ihn »noch nie erlebt hat und dessen Bilanz so schrecklich sein wird, dass man es sich gar nicht ausmalen mag.«

All jene, die den Krieg wollen, vertrauen darauf, dass England »neutral« bleibt und tatenlos zusieht, wie Deutschland – was es im Fall von Russlands Eingreifen tun wird – Unheil über die Welt bringt (…) Und jene, die den Frieden wollen, hoffen, dass sich England mit der für unser Land typischen Gelassenheit und eiserner Entschlossenheit für den Frieden in Europa einsetzt. (…)

Die vergangenen Abende waren wirklich aufregend in dieser Stadt. Die Menschen haben sich vor den Zeitungsredaktionen versammelt, so gespannt warten sie auf Depeschen von Sir Edward Grey und anderen – es bilden sich ganze Prozessionen, die mit Flaggen durch die Straßen ziehen und patriotische Lieder singen. In den Cafés stimmen Orchester die Nationalhymne an, und darauf folgt dann der gewohnte Heidenlärm. Bitte entschuldige, wenn ich Dich langweile, aber für mich ist all dies, da ich es doch direkt mitbekomme, ausgesprochen spannend.

Heute ist Karl [Hahn], der Sohn, der gerade seine Soldatenausbildung macht, zurückgekehrt. Angesichts der »Unruhe« hatten wir nicht damit gerechnet, dass er Ausgang bekam. In den Kasernen hätten sich unbeschreibliche Szenen abgespielt, als die Nachricht bekannt wurde, berichtet er. Er aber stellt sich nur die Frage, wie lange er wohl daheim bleiben darf!!

Drei Tage später, am Samstag, dem 1. August, schrieb Harry Miles seinem Vater eilig eine Karte.

Lieber Papa

(…) wie außergewöhnlich die Umstände sind, unter denen ich dies schreibe. Kaum zu glauben, welche Szenen sich hier abspielen. Deutschland hat die allgemeine Mobilmachung verkündet! Die offiziellen Verlautbarungen sind heute Abend bekannt geworden! Natürlich hat sich damit die Spannung gelöst, die Deutschland in den vergangenen Tagen erfasst hatte. Traurig, diese Kriegserklärung (…). Es betrifft hier jede Familie, und alle sind betrübt … aber dennoch!

Die meisten Deutschen begrüßten den Krieg, stellten britische Beobachter fest, doch naturgemäß drängte es die Befürworter eher in die Straßen als diejenigen, die niedergeschlagen und betrübt waren. Nicht anders war es in Großbritannien. Die Times berichtete, dass es Urlauber nach London zog, erfüllt von dem Wunsch, in »diesem Augenblick der schweren Krise in der Hauptstadt zu sein. Sie lechzten nach Nachrichten und konnten es kaum erwarten, zu erfahren, welche Rolle England spielen werde. Kleine Union Jacks und Trikoloren wurden in den Straßen feilgeboten und waren rasch verkauft. (…) Die Zurschaustellung von Patriotismus und Untertanentreue nahm fast schon hysterische Züge an.«

Auf der gesamten Länge der Pall Mall und vor dem Buckingham Palace wartete eine wogende Menge auf das Erscheinen des Königspaares. Es war Dienstag, der 4. August, der Tag, an dem Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Man sang »Rule, Britannia« und »God Save The King« und sogar die »Marseillaise« – und das schon bevor die britische Regierung offiziell Stellung bezogen hatte.

»Wir hören von allen Seiten: ›Wir müssen Frankreich beistehen‹ [wenn es zum Krieg kommt]. Kaum jemand bezweifelt noch, dass wir in den Krieg ziehen werden, und niemand hegt Zweifel, dass wir ihn dann auch gewinnen«, berichtete die Gesellschaftsreporterin und Schriftstellerin Dorothy Peel. »Dennoch hoffen wir, dass der Frieden gewahrt bleibt. ›In drei Monaten ist alles vorüber‹, lautet eine Behauptung, die die Einbildungskraft der Menschen bewegt, doch offenbar kann niemand sagen, warum gerade drei Monate reichen sollen, um Deutschland zu besiegen.«

 

Nun war er da, dieser Krieg, mit dem man seit langem gerechnet hatte, und es schien, als würden sich überall in Europa die aufgestauten Emotionen entladen. »Keinen hielt es noch zu Hause. (…) Man hatte das Gefühl eines innerlichen Brodelns, das sich hin und wieder in einer gewaltigen Erregung Luft machte«, schrieb eine Frau in London. Eine andere Engländerin, lediglich als Miss Waring bekannt, erlebte in Freiburg ähnlich starke Gefühlswallungen. »Die Stadt war übervoll von Soldaten und deren Familien, die der Abschiedsmesse beiwohnen wollten«, schrieb sie. »Am Ende sangen sie ›Großer Gott, wir loben dich!‹ Der Choral ist schon unter normalen Umständen ergreifend, doch in dieser Situation überwältigte er mich vollkommen.«

Ausländer fühlten sich angesichts dieser massiven Demonstrationen nationaler Einigkeit isoliert und bedroht. Miss Waring kehrte in ihre Wohnung zurück, wo man um 17 Uhr eine Verlautbarung anbrachte, dass alle englischen Staatsbürger angewiesen seien, Freiburg unverzüglich zu verlassen.

Die britische Staatszugehörigkeit war demnach für die Deutschen offenbar Grund genug, um jemanden hinter Schloss und Riegel zu bringen, vor allem, wenn dieser Jemand jung und männlich war. Im Gegensatz zu anderen musste Reverend Henry Williams als Geistlicher nicht seine Internierung fürchten, aber er sorgte sich um das Schicksal seiner geliebten Kirche.

Ich hatte bekannt geben lassen, dass wir am folgenden Morgen außer der Reihe einen Fürbittegottesdienst abhalten würden. Auf das Schlimmste gefasst, machte ich mich auf den vier Kilometer langen Weg von meiner Wohnung in Charlottenburg bis zur Kirche. Zu meiner Überraschung berichtete mir der Küster, dass nicht mal eine halbe Stunde vor meinem Eintreffen ein Offizier mit einer persönlichen Mitteilung des Kaisers aus dem Schloss gekommen sei. Darin teilte man mir mit, die Kirche solle geöffnet bleiben, um die Gottesdienste weiterhin wie gewohnt abhalten zu können, und wenn wir irgendwelche Hilfe bräuchten, werde man sie uns gewähren. Diese gute Nachricht war ebenso unerwartet wie ermutigend und stand in krassem Gegensatz zu einem anderen Schritt, zu dem sich Seine Kaiserliche Majestät etwa zur gleichen Zeit entschlossen hatte und den er vielleicht sogar von demselben Boten ausführen ließ. Es handelte sich um ein in der Britischen Botschaft abgegebenes, nachlässig in braunes Papier eingeschlagenes Päckchen mit all seinen britischen Orden und Auszeichnungen und der Notiz, dass er sich bisher zwar durch deren Verleihung geehrt gefühlt habe, sie aber nun nicht mehr gebrauchen könne.

Warum behandelte der Kaiser unsere anglikanische Kirche, der er zu keinem Zeitpunkt angehört hatte, mit diesem außerordentlichen Wohlwollen? Ich kann mir dafür nur einen Grund vorstellen, nämlich dass ihm seine Mutter auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen hat, ihre geliebte Kirche immer unter seinen Schutz zu stellen, und dass er jetzt Wort hielt.

Williams blieb in Freiheit. So konnte der Kaplan seine Beziehungen nutzen, um den in den kommenden Tagen und Wochen in Deutschland gestrandeten britischen Staatsbürgern zu helfen, aber auch, um die rasch anwachsende Gemeinde britischer Kriegsgefangener zu besuchen, die in Lagern in ganz Deutschland interniert wurden.

 

Reverend Henry Williams, Kaplan der St. George’s Church in Berlin

Ein Engländer wollte so rasch wie möglich aus Berlin abreisen: der einundfünfzigjährige Sprachlehrer Henry Hadley aus Cheltenham, ein ehemaliger Offizier des West India Regiment. Als die Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Russland begannen, hielt er den Zeitpunkt für gekommen. Rasch brachte er seine Angelegenheiten in der deutschen Hauptstadt in Ordnung, packte in seiner Mietwohnung die Koffer und brach am nächsten Morgen in aller Frühe auf, um mit dem Zug nach Paris zu fahren.

Selbst in der aufgeheizten Atmosphäre jener Tage konnte ein Engländer mittleren Alters davon ausgehen, auf einer Reise quer durch Deutschland ungeschoren zu bleiben. Begleitet von seiner Haushälterin Mrs. Elizabeth Pratley nahm Henry Hadley am Bahnhof Friedrichstraße den Elf-Uhr-Zug. Da man jeden Augenblick Deutschlands Kriegserklärung an Frankreich erwartete, drängten sich im Bahnhof Soldaten mit Einberufungsbefehl, die von ihren Familien verabschiedet wurden. Hadley und seine Haushälterin hatten zweifellos Glück, dass sie in dieser Menge von Infanteristen überhaupt noch einen Sitzplatz fanden.

Ihr Ziel war Köln, wo Henry in einen Anschlusszug nach Paris umsteigen wollte. Es gab keine besonderen Vorfälle, bis sich Henry und Elizabeth kurz vor Gelsenkirchen in den Speisewagen begaben. Dort ließ man sich mit der Bedienung Zeit. Henry ärgerte sich über den Kellner, und vor den Augen speisender deutscher Offiziere kam es zu einer erregten Auseinandersetzung. Henry und seine Haushälterin verzichteten auf ihr Mittagessen und kehrten wieder zu ihren Plätzen zurück. Kurz darauf erklärte Henry Mrs. Pratley, sie möge aufs Gepäck aufpassen, er werde nicht lange fortbleiben, und verließ das Abteil.

In Bad Schwalbach hätte Hilda Pickard-Cambridge ebenfalls gern die Heimreise angetreten, doch in ihrem Fall gestaltete sich das nicht so einfach. Anfang Juli war sie mit ihrem Gatten in Deutschland eingetroffen; sie wollte sich in dem Kurort erholen, während ihr Mann anderswo seinen Geschäften nachging. Ende Juli hatte sie die Unruhe bemerkt, die überall spürbar war – man munkelte, auf dem Bahnhof werde Munition ausgeladen, und an den Bäumen hingen plötzlich Anschläge, in denen man die Bevölkerung über die ernsten Spannungen zwischen Österreich und Serbien informierte. »Am Samstag, dem 1. August, malte sich Betroffenheit auf den Gesichtern, und nach dem Abendessen sah ich, wie vor dem Landratsamt eine große rote Tafel aufgestellt wurde. Ich lief hin und las, Russland habe Deutschland den Krieg erklärt,[1] am nächsten Morgen beginne die Mobilisierung.« Hilda war nun in einer heiklen Lage. Wenige Stunden später bekam sie ein Telegramm von ihrem Mann. Anstatt sofort aufzubrechen, bat er sie dringend, an Ort und Stelle zu bleiben. Er werde sie holen.

Wer konnte schon wissen, was das Richtige war! An jenem Morgen packte ich alles zusammen, um kurzfristig für die Abreise gerüstet zu sein. (…) Überall herrschte Verwirrung. Aus allen Hotels strömten die Gäste zum Bahnhof. Sämtliche Droschken Schwalbachs fuhren ständig zur Bahn und wieder zurück. Menschen mit Handgepäck standen in Grüppchen in den Straßen und riefen den Fahrern zu, sie sollten als nächstes zu ihnen kommen.

Eigentlich wäre Hilda am liebsten abgereist, doch ihre Anweisung lautete nun mal zu bleiben. Das Hotel, in dem sie am Morgen noch Franzosen, Amerikaner, Niederländer und Russen gesehen hatte, war zur Mittagszeit praktisch leer, bis auf zwei kleine Gruppen. Da war eine »amerikanische Familie, völlig aufgelöst, weil sie kein Benzin für ihren Kraftwagen auftreiben konnte.« Doch kaum hörten sie, in Wiesbaden sei Benzin zu bekommen, waren sie auf und davon. Und dann gab es eine »furchtbar unglückliche und verängstigte« französische Familie, die aufbrach, als sie erfuhr, dass sie am Abend einen Zug nach Basel bekommen könne.

Daraufhin war Hilda Pickard-Cambridge allein. Am Abend stellte sie sich vor das Hotel, weil sie auf das Eintreffen ihres Mannes wartete. Doch er kam nicht. Er hatte die Fahrt nicht antreten können.

Am nächsten Morgen wurde Hilda in aller Frühe durch ein nicht enden wollendes Hufgetrappel geweckt. Auf allen Einfallstraßen brachte man Pferde in die Stadt, um sie ans Heer zu verkaufen. Einmal übernommen, wurden die Rösser in Dreierreihen zusammengespannt und zum Kriegseinsatz fortgebracht. »Welch außergewöhnlicher Anblick, als sich auf sämtlichen Alleen nun Pferde drängten anstatt der Gäste, die Heilwasser tranken«, schrieb Hilda.

Während Hilda in Bad Schwalbach festsaß und wartete, befanden sich Henry Hadley und seine Haushälterin nicht mehr weit von der holländischen und belgischen Grenze. Allerdings stand ihr Zug noch immer in Gelsenkirchen. Nach der Auseinandersetzung im Speisewagen waren sie zwar in ihr Abteil zurückgekehrt, doch Henry war wieder in den Gang hinausgetreten. Nach ungefähr einer Minute hörte Elizabeth Lärm und dann Geräusche einer Rauferei. Als sie hinausstürmte, sah sie Henry auf dem Boden liegen. »Sie haben auf mich geschossen, Mrs. Pratley. Mit mir ist es aus«, röchelte er. Ein deutscher Offizier, später als Leutnant Nicolay identifiziert, hatte aus nächster Nähe seinen Revolver auf Henry abgefeuert und ihn in den Bauch getroffen. Anschließend nahmen sich die Deutschen Mrs. Pratley vor.

Mehrere Männer packten mich und riefen: »Das dein Mann? Das dein Mann?« Ich schrie vor Angst. Zwei Polizisten kamen hergelaufen; sie führten mich aus dem Zug in einen Raum ganz in der Nähe. Ihnen folgte ein Offizier in Militäruniform. Sie gingen zurück, kamen mit Mr. Hadley wieder und legten ihn auf eine Bahre. Dann telefonierten sie nach einem Arzt. Nachdem sie sich Dokumente angesehen hatten, die Mr. Hadley in seinen Taschen bei sich führte, brachte man ihn mit einer Ambulanz in das [Gelsenkirchener] Krankenhaus. Ich fuhr mit ihm. Zwar war es Mr. Hadleys inständiger Wunsch, dass ich dort bei ihm bliebe, aber es wurde mir nicht erlaubt.

Elizabeth Pratley sollte ihren Arbeitgeber nicht mehr wiedersehen. Man holte sie fort, um sie zu befragen, während er noch weitere vierundzwanzig Stunden mit dem Tode rang. Henry Hadley starb am 5. August 1914 um 3.15 Uhr, nur wenige Stunden nach dem britischen Kriegseintritt. Er war das erste britische Opfer des Ersten Weltkriegs und der Erste, der vom Feind getötet wurde.

Als die Regierung in London vom Tod Hadleys erfuhr, verlangte man eine Erklärung. Über die Vermittler teilten die Deutschen jedoch mit, dass sie alle Anschuldigungen eines unrechtmäßigen Vorgehens zurückwiesen. Der Schütze, Leutnant Nicolay, behauptete, Hadley habe sich verdächtig gemacht. Auf die Frage nach seinem Reiseziel habe er ausweichend geantwortet, er habe im Zug reisende deutsche Offiziere beleidigt, und als man ihn ansprach, habe er sich aggressiv verhalten und Leutnant Nicolay mit dem Stock bedroht. Schließlich habe man ihn wiederholt aufgefordert, die Hände zu heben, um sich zu ergeben. Und als man ihn aus dem Zug weisen wollte, habe er sich »mit aller Macht gewehrt«. Die Deutschen sahen Leutnant Nicolay von allen Vorwürfen entlastet und beförderten ihn in der Folge zum Hauptmann. Für die britische Regierung jedoch war der Vorfall nichts anderes als Mord.

Im weiteren Verlauf des Augusts breitete sich in der kleinen britischen Gemeinde in Deutschland Angst aus. In den Straßen und entlang der Bahnlinien patrouillierten Soldaten. Hilda Packard-Cambridge beobachtete durch ihr Fenster, wie vier Wachposten in der Nähe ihres Hotels Stellung bezogen. Die Männer hielten mit Gewehren im Anschlag jeden herannahenden Wagen an. Hilda hatte bereits gehört, dass Unschuldige von übereifrigen Staatsdienern erschossen worden seien, und Gerüchte von gefassten und sogar hingerichteten Spionen machten die Runde.

Ich sah vier Männer, die ein Knie auf der Straße aufsetzten und ihre Gewehre auf einen Kraftwagen richteten, der den Berg hinunterkam. Ein Offizier gab zwei scharfe Anweisungen, und ich hielt die Luft an, denn ich wartete auf den Schießbefehl. Da hörte ich jemanden brüllen. »Halt! Halt!« Direkt vor den Gewehrläufen blieb das Auto stehen, und die Soldaten zogen einen ihrer eigenen Offiziere daraus hervor! Aber schon begannen sie wieder zu brüllen. Die Wachen machten auf dem Absatz kehrt und richteten ihre Waffen in die Gegenrichtung. Wieder hielten sie einen Kraftwagen an, und diesmal stieg eine Gruppe Franzosen aus, zwei Damen und ein kleiner Junge, die in eins der anderen Hotels gebracht wurden. Wie ich sah, durchsuchte man ihr Auto peinlichst genau, ehe man es fortfuhr.

In Deutschland wurde die britische Kriegserklärung mit Wut aufgenommen – mit Wut und dem tief empfundenen Gefühl, aufs übelste getäuscht worden zu sein. Vor dem Krieg, schrieb Reverend Williams, habe England »die Deutschen geradezu überschüttet mit kontinuierlichen Zusicherungen seiner guten Absichten und der Bitte, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu stärken«. Das Resultat war häufig eine bemühte, künstliche Atmosphäre. »Wir hatten in Berlin Lord Haldane und zahlreiche Abgesandte von Vereinigungen zur Förderung von Frieden und Völkerverständigung zu Besuch.« Der Ruf nach Völkerverständigung wurde von den Deutschen falsch verstanden: Sie meinten, sie bedeute »Freundschaft unter allen Umständen und Frieden um jeden Preis.« William wunderte es daher nicht, dass die Deutschen England nach dem Kriegsausbruch vorwarfen, ihr Vertrauen in seine Freundschaft missbraucht zu haben, und dass man »König George V. auf einer besonders verunglimpfenden Postkarte als den ›Judas von England‹ titulierte«.

Der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland war seit langem erwartet und sogar herbeigefiebert worden. Beide Länder hatten für den Konfliktfall detaillierte Pläne für die Mobilmachung und den Transport von Millionen Soldaten in der Schublade. Der Operationsplan XVII der Franzosen sah einen direkten Angriff und die Rückeroberung der umstrittenen Gebiete Elsass-Lothringen vor, und die Deutschen hatten den Schlieffenplan, der von einem französischen Angriff ausging. Man wollte darauf mit einer relativ kleinen deutschen Streitmacht antworten, um die französischen Einheiten in Gefechte zu verwickeln und sie auszubluten, während ein weit größeres Heer von Norden durch das neutrale Belgien nach Süden auf Paris zu marschieren sollte. Die französischen Truppen sollten zwischen den südöstlich vordringenden deutschen Einheiten und den bereits in Elsass-Lothringen kämpfenden eingeschlossen werden, sodass man das französische Heer rasch aufreiben konnte.

Was der Schlieffenplan nicht in Betracht zog, war die zügige Stationierung einer britischen Streitmacht auf dem linken Flügel der 5. französischen Armee, die rasch von der Ostgrenze Frankreichs abgezogen wurde, um den Vormarsch der Deutschen in Belgien stoppen. Allerdings schickten die Briten lediglich vier Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision auf den europäischen Kontinent, gemessen an den riesigen Heeren der Wehrpflichtigen Frankreichs und Deutschlands eine verschwindend geringe Zahl. Zwei weitere britische Divisionen sollten innerhalb von Tagen folgen. Dennoch war die Versendung von 70000 Mann mit der erforderlichen Artillerie ein wahres Meisterwerk an Logistik und Planung. Und obwohl in der Minderzahl, waren die Berufssoldaten der Britischen Expeditionsstreitkräfte (BEF) doch ausgesprochen gefürchtet.

Obwohl Deutschland seinen Angriff auf Frankreich vom Boden des neutralen Belgien aus führte, glaubten die meisten Deutschen, dass sich Großbritannien wegen der Probleme in Irland aus dem Konflikt heraushalten werde. Da sich Deutschland bereits mit Russland und Frankreich im Krieg befand, gewann man nun in Berlin den Eindruck, England habe die Gunst der Stunde genutzt, um dem »Freund« in den Rücken zu fallen. Schon bald wandelte sich diese Sichtweise zur Überzeugung, England sei der eigentliche Auslöser des Krieges. Reverend Williams wurde von einer »sicheren Quelle« zugetragen, die britische Kriegserklärung habe den deutschen Kaiser derart überrumpelt, dass er zusammengebrochen wäre, hätte man nicht eilends ein Glas Champagner herbeigebracht. Ob das nun der Wahrheit entsprach oder nicht, der amerikanische Botschafter in Berlin, James Gerard, bemerkte jedenfalls in der Reaktion der Öffentlichkeit einen nahezu ungezügelten »Zorn«. Eine Menschenmenge attackierte die britische Botschaft und warf nahezu alle Fensterscheiben ein. Die berittene Polizei unternahm nur halbherzige Versuche, um die Unantastbarkeit von Gelände und Gebäude zu wahren. Einige Aufgebrachte riefen »Gott strafe England«.

Die deutsche Presse ließ ihrem Zorn freien Lauf.

Lady Harriet Jephson versuchte, ihre Abreise aus Altheim zu organisieren, doch da sie weder über Geld noch über eine Fahrkarte verfügte, saß sie fest. Seit ihr eine junge Angestellte »buchstäblich zugezischt« hatte, England habe Deutschland den Krieg erklärt, und die Hinweisschilder »Wir sprechen Englisch« aus den Schaufenstern verschwunden waren, hielt sie die Entwicklung des Krieges in regelmäßigen Tagebucheinträgen fest.

Als nächstes kamen die Zeitungsartikel: »England, das sich als Hüter der Moral und aller Werte aufspielt, schlägt sich auf die Seite Russlands und der Attentäter«. Und dann die Attacken auf Sir Edward Grey, unsere Regierung und alles Englische … Die deutsche Presse bedenkt England mit den übelsten Begriffen: »Verräter«, »Heuchler«, »verlogen«, »feige«, »überheblich«, kein Schimpfwort, das man nicht auf uns anwendet! Russland, Frankreich und Belgien werden nicht mit einer solchen Flut von Zorn, Wut und Hass überschüttet wie England!

Der dreiundzwanzigjährige Edward Sibbe arbeitete in der Industriestadt Chemnitz. Ein älterer Ladenbesitzer, der bislang immer freundlich zu ihm gewesen war, hielt ihn auf der Straße an.

Er fragte mich, ob England wahnsinnig geworden sei, und ich erklärte ihm, bei meinem Aufbruch zu Hause hätte ich keinerlei Hinweise auf Geisteskrankheiten bemerkt. Daraufhin wollte er wissen, warum wir Deutschland den Krieg erklärt hätten, und ich machte ihm klar, dass ich persönlich damit nicht viel zu tun hätte. Er regte sich auf und erklärte mir, sollte er mich je mit Sir Edward Grey die Straße entlangkommen sehen, werde er den Mann am nächsten Laternenpfahl aufhängen. Überhaupt würde er gern den einen oder anderen britischen Staatsmann aufknüpfen. Als ich jedoch keine Angst um die Sicherheit der britischen Kabinettsminister zeigte, beruhigte er sich langsam wieder. Schließlich äußerte er die Hoffnung, dass wir, was immer auch geschehe, für alle Zeiten Freunde blieben. Darauf bemerkte ich, das sei der einzige vernünftige Satz, den ich von ihm gehört hätte.

Als Reverend Williams am 5. August in die Botschaft kam, traf er in der großen Eingangshalle eine ganze Schar unrasierter britischer Journalisten und Korrespondenten an, die auf Anordnung der deutschen Polizei dort die Nacht verbracht hatten. Es war »ein seltsamer Anblick«, erinnerte er sich. Sofort fiel ihm auf, dass eine aufgeregte und furchtgeladene Stimmung herrschte. »Bestimmt wollen sie uns erschießen«, meinte einer. Ein Botschaftssekretär, »der unter Stottern litt, tat sein Bestes, um etwas Dringendes ins Telefon zu sprechen, brachte jedoch nur unverständliche Laute heraus«.

Aber die Furcht war unbegründet. Die Botschaftsangehörigen sowie die Journalisten und Korrespondenten verließen Berlin am Morgen des 6. August mit dem Zug. Von nun an sollten die britischen Interessen von der amerikanischen Botschaft unter Gerard vertreten werden. Dazu gehörte auch die Betreuung der vielen verzweifelten britischen Staatsbürger, die in der deutschen Hauptstadt gestrandet waren und denen jetzt Verhaftung und Internierung drohte. Manche waren bereits auf ihrem Weg zur britischen Botschaft festgenommen worden, und nun hielt man sie auf, wenn sie sich zur amerikanischen Vertretung begaben. Gerard protestierte bei den Deutschen, als er erfuhr, dass britische Staatsbürger »ohne Ansehen von Alter und Geschlecht« zum Verhör in die Festung Spandau gebracht wurden.

Nach dem Tod Henry Hadleys war Elizabeth Pratley zur Befragung mitgenommen worden. Hatte Mr. Hadley irgendwie geartete Postkarten oder Porträts mit sich geführt? Hatte er sich in Berlin mit anderen Herren getroffen? Elizabeths Antworten wurden offenbar als ausweichend oder zögerlich empfunden, denn man überstellte sie nach Münster in ein »Militärgefängnis«, wo sie von einem Offizier verhört wurde. »Mr. Hadley habe doch wohl hoffentlich nicht ihre Schiffe ausspioniert [sic]. Das habe er ganz gewiss nicht, antwortete ich. Man hatte einen Dolmetscher hinzugezogen, der mir ein Dokument vorlas und sagte, ich werde als Agentin verhaftet.«

Elizabeth beteuerte ihre Unschuld. Nachdem man aufs gründlichste ihre Koffer durchsucht hatte, ließ man sie schließlich frei und teilte ihr mit, man verfüge über alle notwendigen Informationen. Elizabeth war von dem Ganzen so erschüttert und geschwächt, dass sie in ein katholisches Krankenhaus gebracht wurde.

Doch nicht jeder Engländer, der aus Deutschland ausreiste, berichtete von Drohungen und Schikanen oder von kriegerischer Arroganz des Feindes. Erstaunlicherweise veröffentlichte die Times Leserbriefe, in denen Einzelne die freundliche Behandlung lobten, die sie genossen hätten. Eine Dame namens Florence Phillips etwa tadelte den Bericht eines Korrespondenten, der »bis zum Überdruss« und »in drastischen Worten den Leidensweg von Reisenden in Deutschland in den vergangenen Tagen« geschildert hatte. Sie sei mit einer Freundin von Baden-Baden nach Berlin gefahren und habe keine derartigen Erfahrungen gemacht, betonte sie.

Wir trafen auf mehr als die gewohnte Höflichkeit gegenüber alleinreisenden Frauen. Ich war tief beeindruckt von der Herzlichkeit und Ritterlichkeit, mit der uns deutsche Männer bei drei verschiedenen Anlässen ihre Plätze überließen, damit wir nicht in den überfüllten Gängen auf unseren Taschen sitzen mussten. Sie machten sich sogar die Mühe, uns im Bahnhof etwas zu essen zu besorgen. (…) Ich möchte festhalten, dass wir in diesen äußerst aufgeregten Stunden, als eine Nation ihre Männer zu den Waffen rief, keinen einzigen Augenblick grob behandelt wurden.

In einem Brief, datiert auf den 8. August und abgedruckt unter der Überschrift »Deutsche Freundlichkeit«, berichtet eine Person mit dem ausgefallenen Namen Bampfylde Fuller von einer Autoreise durch Deutschland, die sie Anfang August unternahm. »Wir haben nur Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erfahren. Bewaffnete Patrouillen hielten uns alle paar Meilen an, prüften unsere Papiere und ließen uns gelegentlich die Truhen öffnen, aber niemals erlebten wir die geringste Unhöflichkeit.« Diese Richtigstellungen sind sicherlich aufschlussreich, doch vom historischen Standpunkt aus viel interessanter ist die Frage, warum sich die Times für deren Veröffentlichung entschied. Großbritannien war offenbar noch nicht so aufgebracht über Deutschland wie die Deutschen über Großbritannien. Doch das sollte sich bald ändern

Hilda Pickard-Cambridge fasste in ihrem Hotel in Schwalbach allmählich wieder ein bisschen Mut. Nach einer Woche wagte sie sich wieder hinaus, denn sie hatte die Zusicherung erhalten, dass man Engländern nichts antun werde, weil sie ja irgendwie auch Amerikaner sein könnten – eine etwas groteske Begründung. Sie lebte unter außergewöhnlichen Bedingungen. Da es keine Hotelgäste mehr gab, hatte man die Zimmermädchen nach Hause geschickt, und abgesehen von den Besitzern stand das Haus leer. Hilda wusste nicht, wer sie letztlich abholen würde, ihr Mann oder die Deutschen. Sie versuchte, Informationen über den Kriegsverlauf zu erhalten, doch alles, was sie erfuhr, war von aggressiver Propaganda gefärbt. So hieß es, Großbritanniens Kriegserklärung sei vor dem deutschen Einmarsch in Belgien erfolgt oder England habe den Mord an dem österreichischen Thronfolger in Auftrag gegeben, um einen Erstschlag führen und Deutschland vernichten zu können. Dann kamen die ersten Berichte von der Front. Die Deutschen errängen einen Sieg nach dem anderen, demnächst werde Paris fallen und kurz danach auch London. Alles in allem keine erbauliche Lektüre.

 

Nach dem Kriegseintritt Großbritanniens verabschiedete das Parlament den Defense of the Realm Act (DORA), der die Sicherheit der Nation garantieren sollte. Das umfassende und in der Folge häufig abgeänderte Gesetz räumte der Regierung weitreichende Macht gegenüber Öffentlichkeit und Presse ein. Sie erhielt das Recht, Eigentum und Land zu beschlagnahmen und das Verkehrsnetz zu kontrollieren, vor allem die Eisenbahn und die Hafenanlagen. Wer gegen das Gesetz verstieß, konnte vor ein Kriegsgericht gestellt und zu Geld- oder Haftstrafen oder sogar zum Tode verurteilt werden.

Insbesondere untersagte das DORA-Gesetz alle Kontakte, die in irgendeiner Weise »den Erfolg der Manöver der Streitkräfte Seiner Majestät« gefährden könnten. Da die Deutschen unter den Einwanderern die drittgrößte Bevölkerungsgruppe stellten, brauchte man eine konkrete Rechtsgrundlage, um die Bewegungen und Aktionen von Staatsbürgern ausländischer Herkunft und vor allem von feindlichen Ausländern zu kontrollieren – also jener Gruppe, die die Presse so rasch und lautstark als Bedrohung darstellte.

Am 5. August legte Innenminister Reginald McKenna von der Liberalen Partei dem Unterhaus einen Gesetzentwurf vor (Aliens Restriction Act), der Ausländern jegliches Reisen untersagte. Es stieß bei Abgeordneten aller Parteien auf große Zustimmung. Die Parlamentsprotokolle belegen auch den lautstarken Zuspruch während der Rede des Ministers. McKenna versicherte den Parlamentsmitgliedern, man habe Vorkehrungen getroffen, um den Alltag von Personen aus dem befreundeten Ausland (also jener Ausländer, die nicht gerade aus Deutschland, Österreich oder Ungarn stammten) unter den gegebenen Umständen so wenig wie möglich zu behindern, gleichzeitig aber gefährliche Spione aufzuspüren (laute Zustimmung und die Rufe: »Erschießen soll man sie!«). Auch in diesem Zusammenhang bewies McKenna seine übliche Besonnenheit, denn er erklärte, ihm sei daran »gelegen, schon lange in unserem Land lebende Deutsche zu schützen«. Die Abgeordneten hatten dazu ihre Fragen.

Mr. [Joseph] King (Somerset, North): Wegen meiner Bekanntschaft mit zahlreichen deutschen Staatsbürgern, die zum Teil schon seit Jahren in unserem Lande leben und sich weit eher als Engländer fühlen denn als Deutsche (Hört! Hört!), würde ich von unserem Innenminister gern zugesichert bekommen, dass diese Personen mit Respekt behandelt werden. Unter ihnen herrscht gegenwärtig große Furcht (Mehrere Rufe: »Recht so!«).

Mr. McKenna (Monmouth, North): Bürger aus dem feindlichen Ausland, bei denen keine geheimen, gegen unser Land gerichteten Handlungen zu befürchten sind, werden sich lediglich registrieren lassen müssen und unterliegen dem Vorbehalt, nicht in den verbotenen Gebieten wohnen zu dürfen.

In diesen ersten Kriegstagen wurde längst nicht alles, was deutsch oder österreichisch war, einhellig und unbedacht abgelehnt. Zeitungen wie der einflussreiche East London Observer gaben sich noch den Anschein, auf die Haltung der Öffentlichkeit einzuwirken anstatt sich von ihr beherrschen zu lassen. Am 8. August, also am selben Tag, an dem die Times die Leserbriefe von Florence Phillips und Bumpfylde Fuller abdruckte, wandte sich der East London Observer in ebenso maßvollen wie besonnenen Worten an seine Leser.

Eine Gemeinde wie die der Deutschen in East London zu haben, ist ein Gewinn und eine Ehre. Ihre Mitglieder haben sich nach Kräften ein Leben lang eine Existenz und von gegenseitigem Respekt geprägte Verbindungen zu den einheimischen Engländern aufgebaut. Daher wäre es in unseren Augen eine wahre Schande, sollte jemand in Worten, Taten oder Andeutungen seine persönlichen Vorbehalte gegenüber unseren Freunden und Nachbarn ausdrücken und damit ihre Gefühle verletzen. Sie hassen und verabscheuen den Krieg ebenso wie alle anderen. (…) Aufs nachdrücklichste bezeugen wir die Redlichkeit, den Fleiß und die Ehrlichkeit der Gemeinde der Deutschen in East London. Dass sich unsere beiden großen Nationen im Krieg befinden, erfüllt uns mit tiefem Kummer. Doch vergessen wir in der Empörung des Augenblicks nicht, uns anständig und wie Gentlemen und Freunde zu benehmen.

Von der liberalen Tradition Großbritanniens vor dem Krieg, in der eine Maßnahme wie die Registrierung von Ausländern undenkbar gewesen wäre, war weit und breit nichts mehr zu spüren, und von der Linken kam kaum oder gar kein Protest. Umso lauter gebärdete sich die radikale Rechte, die der Regierung mit Hilfe der Presse vorwarf, nicht genug zu unternehmen, um die Bedrohung durch Englands Feinde einzudämmen. Offenbar aus Furcht vor der Nachlässigkeit der Regierung ließ sich die Öffentlichkeit von denen überzeugen, die nach schärferen Gesetzen riefen, und die relative Gelassenheit im Parlament wurde durch die scheinbar unwiderstehliche Stimme des Volkes hinweggefegt. Nachdem auf dem Schlachtfeld die ersten Schüsse gefallen waren, war eine souveräne Haltung wie die von McKenna oder Joseph King nicht mehr gefragt, und die Zeitungen forderten schärfere Regelungen für Personen aus dem feindlichen Ausland.

Dabei war McKennas Anliegen, »gefährliche Spione aufzuspüren«, im Grunde überflüssig. Vor dem Krieg hatten die Deutschen mit Hilfe eines in Großbritannien geborenen Deutschstämmigen ein lächerlich dilettantisches Spionagenetz aufgebaut. Der Mann hieß Karl Ernst und betrieb in der Londoner Caledonian Road einen Friseursalon, über den die Kontakte zwischen Deutschland und seinen gerade einmal 22 Agenten liefen. Pech für ihn, dass die Handvoll von Beamten der britischen Spionageabwehr, die es vor dem Krieg gab, davon wussten. Nach Aussagen eines Geheimdienstoffiziers namens Dunlop wurden alle Aktivitäten Ernsts genauestens überwacht.

Seine Aufgabe bestand vorwiegend darin, sämtliche Briefe, die man bei ihm abgab, in einen Briefkasten in seiner Nähe zu werfen. Seine Bezahlung war mit etwa 12 Pfund pro Jahr nicht gerade üppig. Alle Briefe wurden geöffnet, gelesen und dann mit möglichst geringer Verzögerung weitergeschickt. Auf diese Weise bekamen wir eine vollständige Liste der Namen und Adressen aller deutschen Spione, sodass uns nach der Kriegserklärung nur ein Agent der Deutschen entkam.

Die britische Spionageabwehr erlebte während des Krieges einen Aufschwung und behielt weitgehend die Oberhand über die kleine Schar der nach England gesandten Spione. Wie wirksam die britischen Sicherheitsdienste gegen feindliche Agenten vorgingen, lässt sich auch daran ablesen, dass kein einziger feindlicher Sabotageakt auf britischem Boden nachgewiesen wurde.

Im Gegensatz zu den raschen und effizienten Verhaftungen deutscher Spione in der Vorkriegszeit gab es nun Spionagevorwürfe, für die man nur höchst magere Beweise vorbringen konnte. Am ersten Kriegstag berichtete die Presse, man habe Deutsche oder Sympathisanten der Deutschen in so weit voneinander entfernten Küstenorten wie Sheerness, Portsmouth, Falmouth, Penarth, Swansea und Barrow-in-Furness angeklagt. Entsprechende Festnahmen waren nur ein Vorgeschmack auf den paranoiden antideutschen Wahn, in den sich die Öffentlichkeit hineinsteigerte. Die Angst vor deutschen Spionen wurde hauptsächlich durch Reden parlamentarischer Hinterbänkler und durch Journalisten von Tages- und Wochenzeitungen geschürt. Dieses Anheizen des »Spionagefiebers« durch die Presse veranlasste die Regierung zu immer strengeren Kontrollen von Personen aus dem feindlichen Ausland: Maßnahmen, die in keinem Verhältnis zur wahren – im Gegensatz zur gefühlten – Bedrohung standen. »Es ist bemerkenswert, wie viele Menschen vom ›Spionagefieber‹ angesteckt sind«, schrieb Dunlop. »Niemand, der eine offene Flamme brennen ließ oder eine Schreibmaschine benutzte, die sich wie ein Funksender anhörte, konnte sich sicher fühlen. Und jeder dieser Denunziationen, selbst der albernsten, musste nachgegangen werden, denn die Nerven der Bevölkerung lagen blank.«

An sämtlichen Stränden Großbritanniens betätigten sich Pfadfinder und wohlmeinende, oft aber übereifrige Bürger ehrenamtlich bei der Küstenwache. Sie patrouillierten auf den Wegen und Pfaden am Meer und hielten Ausschau nach dem Feind auf See und nach Spionen an Land.

Harry Siepmann, Sohn von Otto Siepmann und Grace Baker, verbrachte im August 1914 ein langes Wochenende in Cornwall, um sich von einer arbeitsreichen Woche in London zu erholen. An einem Abend, als er gerade in sein Ferienhaus zurückkehren wollte, kam plötzlich dichter Nebel auf, und er zündete eine Laterne an, um den Weg zu beleuchten. Nach wenigen Schritten trat eine Gestalt aus dem Nebel hervor, richtete eine doppelläufige Flinte auf Harrys Brust und fragte ihn, was er hier mache.

Ich schluckte meinen Ärger hinunter und stellte mich vor.

»Verstehe«, meinte er, offenbar beruhigt. »Für meinen Bericht nehme ich aber trotzdem besser Ihren Namen und Ihre Adresse auf.«

Das war Pech. Ein Name mit deutschem Hintergrund weckte im Jahr 1914 nicht unbedingt Vertrauen. Ich sah im Licht der Laterne, wie sich der Gesichtsausdruck des Mannes veränderte, und erneut richtete er sein Gewehr auf mich.

»Dann muss ich Ihnen wohl die Laterne abnehmen«, sagte er.

Das erschreckte mich dermaßen, dass mir die Luft wegblieb. Ungläubig hörte ich mir an, wie er mir erklärte, ich werde der Spionage verdächtigt und sei wahrscheinlich auf die Klippen gegangen, um einem Schiff oder eher noch einem U-Boot mit der Laterne Signale zu geben. Er nahm mich auf der Stelle fest.

Harry Siepmann wurde nach Falmouth Castle gebracht, jedoch bald wieder freigelassen. Niemand fragte, wie man bei Nebel mit einer Sichtweite von nur wenigen Metern einem U-Boot Lichtsignale geben konnte.

Zum ersten Mal wurde sich Harry seines Namens und der Feindseligkeit der Briten gegen alles Deutsche bewusst. Er fühlte sich als Engländer, hatte die renommierte Rugby School besucht, sich während des Studiums dem Officers’ Training Corps angeschlossen und anschließend am New College in Oxford studiert. Nach seinem Abschluss 1912 war er in den öffentlichen Dienst eingetreten und arbeitete im Schatzamt. Und nun stand er plötzlich unter Verdacht. In London waren schon vor der Kriegserklärung am Haus seines Vaters Fensterscheiben eingeschlagen und Parolen an die Mauern geschmiert worden, Dummheiten, die, wie Harry glaubte, bald wieder ein Ende haben würden. Doch als sich nach dem Vorfall in Cornwall Freunde erbost und rachsüchtig von der Familie abwandten, wurde Harry klar, dass sein Optimismus unbegründet war. Er beschloss, in die Armee einzutreten. »Dann könnte mein Vater wenigstens auf diese mildernden Umstände hinweisen, wenn wieder mal ein Pflasterstein auf dem Wohnzimmerboden landet.«

Als der Alien Restriction Act, nach dem sich alle Ausländer bei der Polizei registrieren lassen mussten, im Parlament verabschiedet wurde, ahnte noch niemand, welche Ausmaße die öffentliche Empörung annehmen würde. Das Gesetz wurde landesweit in der Presse bekannt gegeben, und am 10. August berichtete der Manchester Guardian von einer bunt gemischten Menschenschlange vor der Polizeiwache in der Tottenham Court Road, darunter »viele gefasst wirkende ältere Damen, vielleicht Lehrerinnen, junge deutsche Studentinnen, Touristen, die ohne Geld aufgegriffen worden waren, Friseure, Börsenmakler, Expedienten, Kellner, Bankangestellte und andere mit weniger angesehenen Beschäftigungen«.

In einer solchen Schlange stand auch ein in London wohnhafter Deutscher unbekannten Namens, der nicht ahnte, was ihn erwartete.

(…) Gestern Morgen [8. August] ging ich direkt zur Polizeiwache, um mich registrieren zu lassen, und dachte eigentlich, dass es nicht länger als ein bis zwei Stunden dauern würde. Ich stellte mich um 9.10 Uhr draußen vor der Wache an und kam um zwanzig vor sieben am Abend hinein. Es war eine schreckliche Erfahrung, zehn Stunden in diesem furchtbaren Gedränge zu stehen. Es regnete den ganzen Morgen, und ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen.

Grund für die unendliche Verzögerung waren nicht die vielen anstehenden Menschen, sondern die komplizierten Formulare der Regierung und ratlose Polizeibeamte, die an derart detaillierte Fragen nicht gewöhnt waren. Immer wieder kam es zu Fehlern, weil man nicht wusste, worauf das Gesetz letztlich abzielte. Der unbekannte Deutsche fuhr fort:

Aber ich musste es einfach hinter mich bringen. Um 20. 45 Uhr abends kam ich mehr tot als lebendig wieder heraus. (…) Wie sich in meinen Papieren nachlesen lässt, befinde ich mich nun als Deutscher hier in London in einer höchst prekären Lage: Zwar verspüre ich nicht den geringsten Wunsch und keinerlei Neigung, irgendetwas gegen dieses Land zu unternehmen – wovon man doch wohl hoffentlich überzeugt ist –, aber trotzdem muss ich damit rechnen, auf Verdacht hin festgenommen zu werden. (…) Ich sorge mich nicht um mein eigenes Wohlbefinden und meine Sicherheit, sondern denke an all den Kummer und das Leid, das dieser schreckliche, durch die Torheit meiner Landsleute ausgelöste Krieg mit sich bringen wird!

Die Registrierten mussten Angaben zu ihrer Staatsangehörigkeit und Tätigkeit, zu ihrem Äußeren und ihrem Wohnort und zum »abgeleisteten Dienst für eine fremde Regierung« machen. Verständlicherweise untersagte man Ausländern den Besitz von Schusswaffen und Geräten zur Nachrichtenübermittlung sowie die Haltung von Brieftauben zur Übersendung geheimer Nachrichten. Außerdem durften sie weder Kameras noch See- oder militärische Landkarten besitzen. Deutsche mussten sich bis zum 17. August registrieren lassen, Österreicher hatten eine Woche länger Zeit. Wer der Aufforderung nicht nachkam, riskierte ein Bußgeld von 100 Pfund oder sechs Monate Gefängnis – eine harte Strafe für all jene, die von dem Gesetz nicht erfahren hatten oder sich aus Angst vor den Nachbarn bedeckt halten wollten. Allerdings ließ man in der Praxis den meisten eine Verspätung durchgehen, wenn sie Erklärungen dafür vorbringen konnten.