Mit dem Leib glauben - Johannes Kopp - E-Book

Mit dem Leib glauben E-Book

Johannes Kopp

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Beschreibung

Der menschliche Leib birgt in ungeahntem Maß spirituelles Potential. Auf dem Zen-Weg wird der Leib vollständig einbezogen in die Übung heilsamer Stille und sich vertiefenden Vertrauens. P. Paul Rheinbay ist verantwortlich für das von P. Johannes Kopp gegründete Meditationsprogramm "Leben aus der Mitte - Zen-Kontemplation" im Bistum Essen. Beide gehören der Gemeinschaft der Pallottiner an.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2017

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MIT DEM LEIB GLAUBEN

DER HUNGER DES WORTES

Johannes Kopp SAC/Paul Rheinbay SAC

VORWORT

Paul Rheinbay

P. Johannes Kopp SAC 1, vom dem der erste Beitrag in diesem Buch stammt, wäre im Dezember dieses Jahres 2017 90 Jahre alt geworden. Im Jahr 1972 legte er den Grund zu einem Meditationsprogramm im Bistum Essen, das – so sagt es bereits der Name – den östlichen Zen-Weg und den westlichen Kontemplationsweg miteinander verbinden will. Bis zu seinem Tod am 22.6.2016 war es sein Lebensanliegen, dass Christen auf der Suche nach Erfahrung und Vertiefung im Zen Heimat und Anleitung zur Stille finden können. Damit vertrat er eine bis heute nicht unumstrittene Position inmitten der Fragen, die sich aus der Begegnung des Zen mit dem Westen ergeben – ein Ereignis der Geistesgeschichte, das wohl noch zu jung ist, um es ganz übersehen zu können.

Voraussetzung dafür war, dass Zen von buddhistischer Seite als „Nicht-Religion“ betrachtet und damit auch für Nicht – oder Andersgläubige die Möglichkeit eröffnet wurde, diese übergegenständliche Weise des Zu-sich-selber-Kommens zu praktizieren. Während dies in den USA bereits vor dem Zweiten Weltkrieg auf Interesse stieß, brauchte es in Westeuropa ein paar Jahrzehnte mehr: Hier ist wohl das Leben und Wirken von P. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle (1898 – 1990) zu nennen als starke Wurzel dafür, dass Zen zur bekanntesten und am meisten praktizierten östlichen Meditationsweise geworden ist. Die Übung mit anerkannten buddhistischen Meistern prägte die Biografie des Japan-Missionars bis hinein in existentielle Tiefen. Als Christ, Priester und Jesuit rang er mit sich, seiner Gemeinschaft, der Kirche um eine Öffnung für die „fremde“, einer anderen Religion entstammende Übung der Stille. Seine Hoffnung war es, dass Zen zu einer Verlebendigung der christlichen Kirchen in Europa, zur Freilegung der Friedenskraft im Miteinander der Religionen führen könne. Das 1965 erlassene Dekret des II. Vatikanischen Konzils, der großen Versammlung der katholischen Kirche, über die Beziehung zu den nicht-christlichen Religionen bedeutete in seiner positiven dialogischen Grundhaltung einen Durchbruch und wäre wohl im Hinblick auf den Buddhismus so nicht ohne ihn zustande gekommen.

P. Johannes begegnete P. Lassalle auf einer seiner vielen Reisen kreuz und quer durch Europa, bei denen er in der für Reformen offenen Zeit nach dem Konzil Einführungen und Kurse in Zen-Meditation gab. Fasziniert von dessen Persönlichkeit folgte er ihm in sein neu errichtetes Zentrum in der Nähe von Tokyo und wurde Teil einer Gruppe von Frauen und Männern – darunter Vertreter von beiden großen christlichen Kirchen, auch Ordensleute – in Kamakura, die sich dort unter dem für den Westen und speziell für das Christentum offenen Meister Koun Yamada ausbilden ließen. Sowohl seine Gemeinschaft der Pallottiner wie auch das Bistum Essen – Bischof Franz Hengsbach kannte P. Lassalle durch dessen Projekt der Weltfriedenskirche in Hiroshima – unterstützten und beauftragten die mehrmonatigen Aufenthalte bis zum Erhalt der Lehrerlaubnis im Jahr 1985.

Bereits während der gemeinsamen Zeit in Japan gab es innerhalb der europäischen Gruppe unterschiedliche Auffassungen darüber, wie christlicher Glaube und Zen-Praxis miteinander zu vereinbaren sind. Dies setzte sich fort in der Weise, wie dann in den während der 70er und 80er Jahre aufgebauten Meditationszentren gelehrt wurde. Das größte Netzwerk deutschlandweit geht bis heute aus von Willigis Jäger und seinen von ihm ernannten LehrerInnen, die getrennt für den Weg des Zen und der Kontemplation Menschen in die Stille führen. Das Würzburger Forum der Kontemplation und die Zen-Linie stehen durch das große Haus der Stille in Holzkirchen miteinander in Beziehung.

Dem gegenüber rang P. Johannes – ähnlich wie P. Lassalle, dem er bis zur letzten Lebensstunde in tiefer Freundschaft verbunden blieb – um Integration. Ihm ging es darum, dass christlicher Glaube und Zen so zueinander finden, dass beide spirituellen Traditionen einander an ihren Schätzen teilhaben lassen und voneinander lernen können. Die Mitte war und blieb für ihn der gegenwärtige Christus. Von ihm gerufen, hatte er seinen Ursprungsberuf als Schauspieler aufgegeben und von ihm her spürte er den Impuls, sich auf den Erfahrungsweg des Zen einzulassen. So wie P. Lassalle die Möglichkeit wertschätzte, während eines strengen Zenkurses (Sesshin) mit den anwesenden Christen Eucharistie feiern zu können, so gehörte die Feier des Todes und der Auferstehung Christi auch für P. Johannes von Beginn an als integrierender Teil zu seinen Kursen, selbstverständlich in freier Einladung an die Teilnehmenden. In seinem 1994 erschienenen Praxisbuch „Schneeflocken fallen in die Sonne – Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg“ beschreibt er die wohl grundlegende Erfahrung, wie das „IN-Sein“ in der Übung mit einem Koan (mit dem Verstand nicht zu erfassende, vom Lehrer / Meister dem Schüler gegebene Erzählung) für ihn identisch wurde mit dem bereits vorher vertrauten Bewusstsein, „in Christus“ zu sein:

„Es war mir eine große Entdeckung, als sich nach der Lösung meines ersten Koans dieses Raumgefühl auch für den Zustand entwickelte, in dem ich mich in Christus fühlte. Es ist keine andere Wirklichkeit als die des Wesens und doch ist es eine andere Qualität, in der das Licht in dieser Wirklichkeit aufscheint.“ 2

Der Schreiber dieser Zeilen gehört zu den langjährigen Schülern von P. Johannes, ist zugleich wie er katholischer Priester und Pallottiner. Zusammen mit einer Gruppe von Zen-Lehrern und KursassistentInnen ist es sein Anliegen, das Programm „Leben aus der Mitte“ im Sinne der Integration weiter zu führen, mit ausdrücklicher Unterstützung des Essener Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck. In großer Dankbarkeit für das Lebenswerk von P. Johannes sollen daher dem Text, der in seinen beiden letzten Lebensjahren entstanden ist, einige Zeilen angefügt werden. Diese sind als noch weiter der Erfahrung und Reflektion auszusetzende Skizzen zu verstehen, um christlich-spirituelle Kernthemen in den Dialog mit der ebenso jahrhundertealten Zen-Praxis des inneren Menschen zu bringen. Gleichzeitig soll dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass diese begonnene Begegnung „weiter geht“ – die letzten Worte von P. Johannes bei der Schlüsselübergabe im Kardinal-Hengsbach-Haus zu Essen im Oktober 2015.

1 Im Folgenden: P. Johannes – so ließ er sich gerne ansprechen.

2 J. Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne. Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg, Antweiler 4. Aufl. 2012, S. 63.

INHALT

VORWORT

DER HUNGER DES WORTES

Erleuchtung in Blindheit

Das Nichts ist unendlich viel mehr als jedes Etwas

Naturwissenschaftliche Erkenntnis ohne Bezug zur Wesensnatur des Menschen ist mangelhaft

Aufhebung der Dualität – Die unendliche Wirklichkeit ist in mir

Fleisch – sterblich und sündhaft oder vergöttlicht?

Die Verachtung des Leibes – Ursache einer Leidensgeschichte

Im Leib ist das Eins-Sein mit dem Geist

Die Weitergabe des Glaubens allein im Wort erreicht den Menschen nicht

Auch im Glauben: Das Feuer neu entdecken und die Blickrichtung ändern

Das Wort, das Fleisch geworden ist, hungert nach dem Fleisch

Jeder kann Brotgeber sein

Göttlicher Durst strebt nach Vollendung

Glaube vollzieht sich in der Leiblichkeit

Notwendiges Zugleich von Selbstfindung und Gottfindung

Für und Wider Zen ist eine Position des Glaubens

Die große Frage nach der Gottesliebe

Was bedeutet Buddha für das Christentum?

Zum Abschluss: Ein Brief der Jenseitigen an die geistbegabten Bewohner des Planeten Erde

MIT DEM LEIB GLAUBEN

Christen entdecken die Stille

In ihm verwurzelt und begründet

Der Geistatem als Gabe des Gekreuzigten

Als Sterbende: LEBEN!

NACHWORT

DER HUNGER DES WORTES

Johannes Kopp

Diesen Text widme ich besonders Übenden in dem von mir begründeten Meditationsprogramm „Leben aus der Mitte – Zen-Kontemplation“ im Bistum Essen, denen ich Inspiration und vertiefende Motivation zu einer Haltung des steten Beginns verdanke. Darüber hinaus ist sie gedacht für alle, die in irgendeiner Weise mit meditativen Übungen vertraut sind, die den Körper einbeziehen. Und natürlich für alle, die Neuem gegenüber offen und die bereit sind, sich auf Ungewohntes einzulassen. Die häufige Zitation des Gründers meiner Gemeinschaft, des hl. Vinzenz Pallotti (1795 – 1850 Rom) hat ihren Grund darin, dass mein japanischer Zen-Meister, Koun Yamada Roshi, als ich Worte von Pallotti zitierte, ihm die auf dem Zen-Weg erreichbare Erfahrung des Satori zuerkannt hat. Insofern ist mir dieser Heilige auch mein Meister hinsichtlich der Integration des Zen in das christliche Leben. Tatsächlich werden auf dem Weg der Zen-Kontemplation viele seiner Worte, die bisher im Dunkel blieben, ins Licht gerückt und in ihrem Wert erkannt – auch hinsichtlich des interreligiösen Dialoges. Viele seiner Aussagen sind gleichlautend mit denen der Zen-Meister durch die Jahrhunderte hindurch.

ERLEUCHTUNG IN BLINDHEIT

Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist in immer unbegreiflicher Weise das Ereignis der Weltgeschichte, das an Bedeutung alle Ereignisse überstrahlt:

„Das Wort ist Fleisch geworden.“3

Dies ist kein naturgesetzliches Geschehen wie die erste Schöpfung. Die Neue Schöpfung ist ein Angebot an alle, die bereit sind, sich darauf einzulassen. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ 4. Der Mensch ist eingeladen, das Wandlungsgeschehen der Menschwerdung anzunehmen, und dies in vollem Respekt vor seiner Freiheit. Diese kann auch dazu führen, das Angebot abzulehnen: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ 5

Begibt sich ein Mensch in dieses Geheimnis hinein, entsteht eine Dynamik, die dahin führt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Spannung zwischen „blind“ und „sehend“ verändert sich derart, dass das wachsende „sehen können“ des Wesens den Menschen blind werden lässt für das, was ihm bisher als Wirklichkeit erschien. Dazu findet sich eine Entsprechung innerhalb der Zen-Tradition in den sogenannten „fünf Weisen der Blindheit“. Blindheit kann hier bedeuten, dass die unendliche Wirklichkeit in uns noch verborgen ist; oder aber, dass wir in der alles überstrahlenden Gotteserkenntnis blind geworden sind für alles Sichtbare. Es ist das Sehen mit dem Auge der Wesensnatur:

„Er erleuchte die Augen eures Herzens.“6

„Dich überlichtet schon, dem Du versinkst.“7

Alles Sichtbare wird gegenüber dem Licht der unendlichen Wirklichkeit wie ein Nichts: „Daher habe ich alles für Nichts erachtet, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein.“ 8

So „überlichtet“ sagt der hl. Vinzenz Pallotti: „Er, Gott, ist in mir, lebt in mir und wirkt in mir, so dass ich mich in allem und immer betrachten muss, als hätte ich nie existiert, noch existiere ich, noch würde ich existieren. Und so bin ich wie zum reinen Nichts gekommen. Gott ist alles, tut alles, wirkt alles in mir.“9 In dieser Blindheit werden die einzelnen Dinge wahrgenommen, aber immer im Glanz der unendlichen Wirklichkeit.

Auch wenn hier, wie sich an den Zitaten zeigt, die Sprache nicht mehr geeignet ist, das eigentlich Gemeinte wiederzugeben, so mag doch die zen-buddhistische Einteilung der fünf Weisen von Blindheit hilfreich sein:

1. Die gewöhnliche Blindheit. Gemeint ist nicht das Fehlen der Sehkraft. Auch leiblich erblindete Menschen können zum höchsten Grade der Erleuchtung kommen. Gemeint ist jene Blindheit, in der Menschen „nur auf das Sichtbare starren.“10 Der Weg der Meditation löst diese Fixierung auf. Im Schauen dorthin, wo eigentlich nichts zu sehen ist, beginnt eine neue Weise des Sehens.

2. Schlechte Blindheit. Unter dieser Blindheit leiden Menschen, die „falschen“ Philosophien oder Überzeugungen anhängen. Es geht um jene Blindheit, in der Menschen einer rechten Religion in falscher Weise anhängen, z.B. im Sinne eines Fundamentalismus. Es geht auch um eine Theologie, in der Studierende und Lehrende sich von erkannten Wahrheiten nicht ergreifen lassen. Hier manifestiert sich Gelerntes und Gelehrtes nur in erweitertem Wissen und der Erfolg nur in Benotungen und Veröffentlichungen. Der Wert wird im Wissen und nicht im Erfahrenen gesehen. Die Zen-Tradition setzt den Akzent auf die Erfahrung. Aber auch das gewährt keine Sicherheit. Defizite und Irritationen zeigen sich auch hier. Erfahrungen, die in eine größere Freiheit führen, können missbraucht werden. Ohne meisterliche Begleitung auf dem Weg ist die Gefahr groß, sich von eigenen Vorstellungen und Wünschen täuschen zu lassen.

3. Blindheit vor der Erleuchtung. Diese Menschen haben den rechten Glauben, mühen sich und üben in rechter Weise. Sie sind sich ihrer Blindheit bewusst und streben danach, mit den Augen des Herzens, mit dem Wesensauge zu sehen. Aber auch in größtem Einsatz bleibt ein Ungenügen: „Nicht als ob ich es schon erreicht hätte, und als ob ich schon vollkommen wäre, aber ich strebe danach.“11 Jegliches Bemühen will ergänzt werden durch eine Haltung der Empfänglichkeit und der Bitte an das Wesen. Sowohl buddhistische wie auch christliche spirituelle Meister haben stets dazu aufgerufen, die schweigende, wortlose Meditation durch das vertrauensvolle Gebet zu unterstützen.