Mit den Haien streiten - Sonja Kmec - E-Book

Mit den Haien streiten E-Book

Sonja Kmec

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Beschreibung

Das Thema Gender in Luxemburg steht im Fokus dieses Buches. In 27 Beiträgen und sieben übergeordneten Themenfeldern – Geschichte, Schule, Politik, Medien, Kunst, Identitäten und Feminismus – untersucht es unterschiedliche Quellen wie literarische Dokumente, Presse- und Gesetzestexte, Bild- und Filmmaterial. Dabei geht es nicht nur um »Fraleit«, sondern auch um »Maansmënschen« sowie LGBTIQ+, vor allem aber um die Selbstbestimmtheit als conditio sine qua non jeglicher Genderdiskussion. Anliegen des vorliegenden Werks ist es daher, solche selbstbestimmten und selbstbewussten Stimmen hörbar werden zu lassen. Le présent ouvrage concerne la question du genre au Luxembourg. Ses 27 contributions regroupées dans sept champs thématiques – histoire, enseignement, politique, médias, arts, identités et féminisme – puisent dans diff érentes sources telles que des textes littéraires, des articles de presse et des documents législatifs, des images et du matériel audiovisuel. La publication ne se limite pas à la gent féminine mais traite aussi de l’autre sexe ainsi que des LGBTIQ+ et met l’accent sur l’autodétermination comme conditio sine qua non de toute discussion sur le genre. Partant, ce livre a pour objet de permettre à des voix indépendantes et sûres d’elles de se faire entendre.

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Seitenzahl: 679

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mit der Unterstützung der Œuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte, des Ministère de l'Égalité des chances und des Ministère de la Culture

ISBN 978-99959-43-19-61. Auflage 2018© CID | Fraen an Gender und capybarabooks

Alle Rechte vorbehalten.

Konzept und Idee: Germaine Goetzinger, Sonja Kmec, Danielle Roster, Renée WagenerKoordination: Danielle Roster, Kulturbeauftragte des CID | Fraen an GenderRedaktion, Lektorat und Herausgeberschaft: Germaine Goetzinger, Sonja Kmec, Danielle Roster, Renée WagenerZusätzliche externe Lektorin: Jeanne PeifferUmschlaggestaltung und Layout-Entwurf: Bakform, Patrick HalléGrafische Umsetzung: TMPRINT, Marco ThiltgeneBook: CPI books, Leck, Germany

Umschlagfoto: Die luxemburgische Sportschwimmerin Lory Koster (1902-1999)beim Kopfsprung in einen Fluss (1942) (©Archiv Lou Koster im CID | Fraen an Gender)Bildnachweise bei den jeweiligen AbbildungenFotografien der InterviewpartnerInnen: Véronique Kolber

www.cid-fg.lu

www.capybarabooks.com

Inhalt/Sommaire

EINLEITUNG / INTRODUCTION

GESCHICHTE / HISTOIRE

Martine Marchai

«An eis bleift nemmen de Batz»

Die Repräsentation von Frauen in der Nachkriegspresse des Luxemburger Widerstandes und der Zwangsrekrutierten

Elisabeth Hoffmann

Des héroïnes délaissées?

Les résistantes dans la mémoire de la Seconde Guerre mondiale au Luxembourg

Renée Wagener

Eine doppelte Emanzipation?

Jüdische Frauen in Luxemburg nach dem Zweiten Weltkrieg

Antoinette Reuter

Femme, mariée, trois enfants… et ministre du culte

Les pasteures de la Danske Kirke au Luxembourg

SCHULE / ÉCOLE

Germaine Goetzinger

Der lange Wandel des LehrerInnenbildes

Von der Diskriminierung über die Gleichstellung zur professionellen Überrepräsentanz

Colette Kutten

Lernen für Heim und Herd

Haushaltungsschulen und Haushaltungsunterricht in Luxemburg

Catherina Schreiber

Das Ehebett in der Schule

Weiblichkeit, Männlichkeit und familiäres Zusammenleben in der Sexualerziehung

POLITIK / POLITIQUE

Marie-Paule Jungblut

Jagdszenen aus Luxemburg

Der Fall Madeleine Frieden-Kinnen

Nadine Besch

Unbeirrbar, unvergleichlich, unermüdlich

Astrid Lulling: Portrait einer Politikerin

Evamarie Bange

«Ich musste mit den Haien streiten»

Colette Flesch: Erfahrungen einer Luxemburger Politikerin

Nadine Geister

«Wir hatten große Reformen umzusetzen»

Mady Delvaux-Stehres: Portrait einer Politikerin

MEDIEN / MÉDIAS

Sonja Kmec

Neuer Wein in alte Schläuche?

Männlichkeit im Wandel

Viviane Thill

Hommes au pouvoir et mères au foyer

Les femmes dans l’émission Hei Elei Kuck Elei dans les années 1980

Laura Koziik

Mises en scène de la dévalorisation du féminin

Soixante-dix ans de sexisme publicitaire dans le magazine Revue

KUNST / ARTS

Daniela Lieb

Professionalität und Prekarität

Ökonomische Aspekte des Tänzerberufs im Spiegel der Biografie Stenia Zapalowskas

Ludivine Jehin

«La tout autre»

La Femme selon Lambert Schlechter

Danièle Wecker

Wo Gugelhupfe auf Hecken wachsen und pelzige Zungen das Sprechen verhindern

Bady Mincks filmische Welt

Danielle Roster

Komposition mit Kind und Kegel

Ein Gespräch mit Catherine Kontz

IDENTITÄTEN / IDENTITÉS

Aline Schiltz

«Des gants de cuisine pour Noël»

Des ‹Portugaises› au Luxembourg racontent leur vie

Karine Duplan

Une communauté d’avenir pour le Grand-Duché?

Les femmes expatriées à Luxembourg

Julia Maria Zimmermann

Von labilen Männern, fremden Mentalitäten und armen Teufeln

«Bedrohliche Männlichkeit» in Luxemburg und der Großregion

Marc Jung

Ein permanentes Coming-out?

Nicht-traditionell binäre Lebensrealitäten in Luxemburg

Enrica Pianaro

«D’L-Wuert»

Capture d’écran de vies lesbiennes & queer au Luxembourg

FEMINISMUS / FÉMINISME

Frédéric Krier

Von Wühlmäusen, roten Fahnen und roten Strümpfen

Die radikale Linke nach Mai ’68 und der neue Feminismus

Maddy Mulheims-Hinkel

Les politiques en faveur de l’égalité des femmes et des hommes ont-elles abouti?

Du Ministère de la Promotion féminine au Ministère de l’Égalité des chances

Christel Baltes-Löhr

Weiblich – männlich: Das kann doch nicht alles gewesen sein!

Von der Frauenfrage zur Geschlechterpluralität

Christa Brömmel

Feminismus der Generation Y

Vorbilder, Formen, Visionen

Personenindex / Index de personnes

AutorInnen / Auteur∙e∙s

GERMAINE GOETZINGER, SONJA KMEC, DANIELLE ROSTER UND RENÉE WAGENER

Einleitung

Wer hat Angst vor Genderforschung?

Das «Bedürfnis, gegen kollektive Amnesie und Sprachlosigkeit anzukämpfen»1, bewegte die AutorInnen des Buches «Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…». Frauen in Luxemburg /Femmes au Luxembourg 1880-1950, das 1997, vor mehr als zwanzig Jahren, erschien. Es war ein Meilenstein für die Erforschung der Frauengeschichte in Luxemburg und ermutigte das CID/Fraen an Gender zur Herausgabe einer Reihe weiterer historischer Publikationen zum Thema: 2010 erschien Not the Girl you’re looking for… Objekt + Subjekt Frau in der Kultur Luxemburgs2. 2012 zeichnete Das Gespenst des Feminismus die Geschichte der Frauenbewegung in Luxemburg von den 1970er Jahren bis heute nach und eröffnete einen Blick in die Zukunft.3 2014 erschien die musik- und literaturhistorische Publikation Komponistinnen in Luxemburg.4

Wir sehen den vorliegenden Band als Fortführung und Weiterentwicklung des gleichen «Kampfes» um Sichtbarkeit und des Bemühens um «ein mehrperspektivisches und dezentriertes Betrachten der Luxemburger Wirklichkeit», wie es vor rund 20 Jahren im Vorwort des Buches «Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…»formuliert wurde.5 Dies verweist auf ein patriarchalisches «Zentrum», das umschifft und damit destabilisiert werden soll. Zu Beginn des Zeitraums, dem das neue Buch gewidmet ist – die unmittelbare Nachkriegszeit –, waren patriarchale Strukturen noch deutlich ausgeprägt. Sie wurden aber durch die Bürgerrechts-, Frauen-, Drittwelt- und Friedensbewegungen der 1960er bis 1980er Jahre zutiefst in Frage gestellt, sodass wir heute möglicherweise in einem «postpatriarchalischen Zeitalter» leben. Diese Formulierung wurde von Eric Macé in Analogie zum «Postkolonialismus» geprägt.6 Sie bedeutet nicht, dass das Patriarchat abgeschafft sei, vielmehr, dass es zwar delegitimiert sei, aber strukturell weiterhin die gesellschaftlichen Beziehungen bestimme. Das trifft auch auf die «Luxemburger Wirklichkeit» zu, die unser Buch untersuchen möchte. Ein Blick auf die politische Unterrepräsentanz von Frauen auf kommunaler wie nationaler Ebene, 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts, möge genügen, um dies deutlich zu machen.

Die Entstehung des vorliegenden Bandes verweist darauf, dass es in Luxemburg weiterhin notwendig erscheint, neben der allgemeinen Geschichtsforschung eine spezifische historische Genderforschung zu betreiben. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, da in diesem Bereich eine unübersehbare Entwicklung stattgefunden hat, welche die Genderdebatten weltweit stark beeinflusst hat. Dennoch bleibt die Frage, ob, wie es in den 1980er Jahren erhofft wurde, feministische Forschung die wissenschaftliche Praxis verändert hat: «The writing of women into history necessarily involves redefining and enlarging traditional notions of historical significance, to encompass personal, subjective experience as well as public and political activities. It is not too much to suggest that however hesitant the actual beginnings, such a methodology implies not only a new history of women, but also a new history.»7

Eine Geschichte der Frauen ist wichtig, aber sie bleibt unvollständig ohne Reflexion über die sich wandelnde Bedeutung von «Frauen» als Kategorie. Unstrittig ist, dass die Frauengeschichte ein wichtiger Wegbereiter der Genderforschung war. Dem Katalog des Netzwerks der Luxemburger Bibliotheken zufolge wurden bis heute mehrere hundert Bücher und mehrere tausend Artikel veröffentlicht, die zugleich von Luxemburg, Frauen und Geschichte handeln.8 Auch die Anzahl der Publikationen, die im weitesten Sinne mit dem Thema zu tun haben, ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Thematisch ergeben sich in der Luxemburger Frauenforschung folgende historische Schwerpunkte: Bildung, Arbeitswelt (insbesondere Dienstmädchen im frühen 20. Jahrhundert und UnternehmerInnen seit dem späten 20. Jahrhundert), Prostitution (was auch der Arbeitswelt zugerechnet werden könnte, aber auch Themen wie Menschenhandel, Migration und Ausweisungspolitik betrifft), Frauen im Zweiten Weltkrieg, in Politik (politische Partizipation, Emanzipation, Feminismus), Sport und Scoutismus, Medien, Kunst und Musik – sowie Biografien berühmter Frauen.

Demgegenüber findet sich jedoch keine einzige Publikation über «hommes» im Sinn von «Männer», sondern nur einige über «hommes d’affaires» oder «hommes politiques», womit wohl auch Frauen gemeint sind. Die Verschlagwortung ist nicht unproblematisch und hängt von der Interpretation derjenigen ab, die die Bibliothekskataloge verfassen. Hinzu kommt, dass neue Forschungsbegriffe nicht direkt in den Schlagwortkatalog eingehen: Erst im letzten Jahr wurde «études sur les femmes» durch «études sur le genre» ergänzt und auch «queer studies» ist neu im Schlagwortkatalog, wobei die neuen Begriffe nicht rückwirkend auf alle bisher erschienenen Werke angewandt wurden. Dies mag erklären, warum sich kein Werk über «feminité» oder «masculinité» mit Bezug auf Luxemburg findet, sowie nur zwei Einträge zu Luxemburger «études sur le genre».9 Die folgenden Beispiele zeigen jedoch, dass sich die Genderforschung in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.

Seit 1998 wird am Forschungszentrum CEPS-INSTEAD (heute LISER, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research) der Genderaspekt in wirtschaftssoziologischen und geografischen Untersuchungen mitberücksichtigt. 77 Beiträge zum Thema «gender» wurden bis heute publiziert, die meisten mit Bezug auf Luxemburg.10 An der 2003 gegründeten Universität Luxemburg ergibt eine Stichwortsuche nach «gender» auf der Publikationsplattform der MitarbeiterInnen ebenfalls 336 Ergebnisse.11 Diese betreffen ein weites Spektrum von Disziplinen – von der molekularen Neurobiologie bis zu den Erziehungswissenschaften – und beschränken sich nicht auf Luxemburg. Allein in den Studiengängen der Geschichte wurden im Zeitraum 2004 bis 2017 acht Masterarbeiten12 sowie 17 Bachelorarbeiten im Bereich der Frauen- und Genderforschung abgeschlossen.13 Gender erscheint zudem als transversale Fragestellung, die in jeder Forschung – ob in den Sozial- und Geisteswissenschaften oder den Naturwissenschaften – angewandt werden kann.

Jedoch gibt es bis heute keinen eigenen Studiengang in Gender Studies. Während in Deutschland seit 1984 insgesamt 65 Professorinnen auf solche Posten berufen wurden, scheint sich Luxemburg in dieser Hinsicht weiterhin im Stadium der «Pionierarbeit» zu befinden. Hier wie dort aber gilt das, was Claudia Kemper als «eine fortgesetzte Partikularisierung der Genderforschungsperspektive in der ‹allgemeinen› Wissenschaft» bezeichnet hat.14

Genderforschung und Queer Theory

Im Blickpunkt des Bandes steht der Luxemburger Raum, aber die untersuchten Lebensrealitäten sprengen den nationalen Rahmen. Auch die Kategorie der «Frauen» kann nicht mehr als gegeben betrachtet werden. Wird diese Kategorie historisiert, stellen sich neue Fragen in Bezug auf Männlichkeit. Konsequenterweise führt dies dazu, dass die Zweiteilung der Geschlechter selbst in Frage gestellt wird.

Gender ist heute als Beschreibung der sozialen Konstruktion von Geschlecht anerkannt, allerdings stellt eine bloße Beschreibung von Unterschieden, z. B. in Verhaltensweisen und Darstellungen von Frauen und Männern, diese nicht unbedingt in Frage. Das radikale Potenzial von Genderforschung wird nicht immer wahrgenommen, so lautet zumindest die Kritik von Joan Wallach Scott, laut der dieses Potenzial in Geschichten liegt, die sich nicht nur auf weibliche Erfahrungen fokussieren, sondern die Art und Weise analysieren, wie Politik Gender und Gender Politik konstruiert. Der ursprünglich radikale akademische und politische Begriff habe mittlerweile jedoch seine destabilisierende Wirkung verloren, da er immer häufiger als «neutrale» Kategorie benutzt werde, ohne Ungleichheit und Machtstrukturen zu benennen.15

Auf diese Kritik reagierte u. a. die Queer Theory. Denn Genderforschung schärft den Blick für die «Heteronormativität», also die Vorstellung, dass Männer und Frauen von Natur aus gegensätzlich sind, ihre gesellschaftlichen Rollen sich ergänzen und sie nur das jeweils andere Geschlecht sexuell begehren sollen. Dieses Ordnungssystem ist oft hierarchisch zu Gunsten der Männer angelegt, die dann nicht nur als anders, sondern als besser (stärker, intelligenter, durchsetzungsfähiger etc.) angesehen werden. Radikal an der neuen Genderforschung ist also die Frage, ob die Opposition männlich/weiblich tatsächlich immer die zentrale Bruchlinie ist, da diese Gegenüberstellung selbst das Produkt einer bestimmten Geschichte ist. Dabei geraten auch andere geschlechtliche und sexuelle Identitäten in den Fokus.16 Außerdem werden alle Identifikationen, sei es als «Frau», «Mann», «Lesbe», «Gay» oder «Trans», als Teil eines Ordnungssystems angesehen:

«Identity categories tend to be instruments of regulatory regimes, whether as the normalizing categories of oppressive structures or as the rallying points for a liberatory contestation of that very oppression.»17

Postpatriarchat?

Sind wir heute im «Postpatriarchat» angelangt? Feministische Strömungen haben seit den 1970er, verstärkt seit den 2000er Jahren, auch manche TheologInnen, BiologInnen und insbesondere die Kulturschaffenden erfasst, ganz ‹mainstream› sind sie aber nicht geworden. Oft bleibt es beim Lippenbekenntnis. Inwiefern der Wandel der Geschlechterverhältnisse von Männern (bzw. Menschen, die sich als Männer empfinden) akzeptiert wird, ist eine Frage der Generation, des sozialen Milieus und der Lebensphase. Der Soziologe Michael Meuser hat aufgezeigt, auf welche Weise Gleichstellungspolitik hinterfragt oder untergraben wird.

So wird oft nicht anerkannt, dass Frauen heutzutage noch in vielen Bereichen benachteiligt sind und die Quotenregelung wird als Diskriminationsmechanismus gegen Männer betrachtet.18 Mit dem Gendermainstreaming wird gleichzeitig auch die Genderforschung diskreditiert.19 Diese Kritik wird nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen geteilt, deren Selbstverständnis ebenfalls durch patriarchalische Normen und Erwartungen geprägt ist. Dies erklärt Pierre Bourdieu folgendermaßen:

«La socialisation différentielle disposant les hommes à aimer les jeux de pouvoir, les femmes à aimer les hommes qui les jouent, le charisme masculin est, pour une part, le charme du pouvoir, la séduction que la possession du pouvoir exerce, par soi, sur des corps dont les pulsions et les désirs mêmes sont politiquement socialisés.»20

Bourdieu zitiert als Beispiel sexuelle Beziehungen zwischen Sekretärinnen und ihren Chefs und institutionalisierte Formen von «‹sexual harrassment› (sans doute encore sous-estimé par les dénonciations les plus radicales)»21. Dass sexuelle Übergriffe ein gängiges Mittel sind, um Machtverhältnisse zu bekräftigen, haben die #MeToo- Kampagnen (2017-2018) zur Genüge gezeigt. Die einflussreiche Zeitschrift Time erkor die «The silence breakers. The voices that launched a movement» 2017 zur «Person of the Year». Ob diese Kampagnen es tatsächlich schaffen, Alltagssexismus zu bannen und die Welt zu verändern, steht offen. Die Sprachlosigkeit dieses «Kavaliersdeliktes», dieses «problem that has no name»22 ist jedenfalls gebrochen.

Betrachtet man das soziale Geschlecht als ein System symbolischer Beziehungen und nicht als ein feststehendes Merkmal einer Person, gerät die Anerkennung der Machtverhältnisse (ob man diese nun als (post)patriarchisch, als heterosexuelle Matrix23 oder als phallische Position und ödipale Unterdrückung24 versteht) zu einem äußerst politischen Akt. Man kann sie ablehnen.

Mit den Haien streiten …

Im Luxemburgischen hat «maans» (mannhaft) interessanterweise zwei Bedeutungen: erstens «erwachsen, stark, kräftig» (das kann sich auch auf ein Mädchen beziehen und verweist positiv auf Selbstbestimmtheit: «Dat Meedchen as m[aans] genuch, fir ze wësse, wat et mécht»); zweitens «vorlaut» (das Beispiel hier ist eine Zurückweisung:

«Nu gëf nët m[aans]!»).25 In unserem Buch geht es darum, Stimmen – selbstbewusste, vorlaute und unterdrückte – einzusammeln, sowie die Strukturen deutlich zu machen, die diese zulassen oder mundtot machen …

In diesem Sinn erschien uns eine Aussage der Politikerin Colette Flesch wie geschaffen für unser Anliegen, sodass wir sie im Titel dieses Buches aufgreifen: «Ich musste mit den Haien streiten», so beschreibt sie ihren Kampf um Anerkennung und Durchsetzung im Feld der Politik des ausgehenden 20. Jahrhunderts.26 Die Metapher impliziert mehr als ein Ungleichgewicht, sie verweist auf die Gefahr des Gefechtes und die Aggressivität des Gegners, auf die Unumgänglichkeit, die Klingen zu kreuzen. Aber dieser Kampf ist kein Krieg, sondern ein Streit. Er setzt der schieren physischen Gewalt die Mittel der Argumentation entgegen.

Der vorliegende Band, der sich wie «Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…» der Interdisziplinarität verschrieben hat, kann selbstverständlich nicht alle erforschungswürdigen Themenbereiche erfassen. Dazu reicht weder sein Umfang, noch gibt es aktuell zu allen Themen ExpertInnen. Während der Band von 1997 noch ganz im Zeichen der damals aktuellen Frauengeschichtsforschung stand, erweitert der von 2018 die Forschungsperspektive von der Frauen- zur Genderforschung und zu den Queer Studies. Er geht davon aus, dass Genderforschung in der Frauenforschung wurzelt. Queer Studies brechen Binaritäten auf, die von der historischen Frauengeschichte oftmals verstärkt wurden. Das Gleiche gilt für Studien zu Intersex und z. T. auch zu Transsex. Historisch aufeinanderfolgende Perspektiven können sich, werden sie kritisch reflektiert, befruchten und gewinnbringend verbinden.

In chronologischer Hinsicht knüpft der neue Band direkt an den von 1997 an, wobei die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit in beiden Büchern behandelt werden, da insbesondere zu diesen Themen in der Zwischenzeit eine Reihe neuer Forschungen vorliegen. Das Buch widmet sich in 27 Beiträgen sieben übergeordneten Themenfeldern: Geschichte, Schule, Politik, Medien, Kunst, Identitäten und Feminismus. Mit den Haien streiten… untersucht nicht nur schriftliche Quellen und Literatur, sondern auch Bild- und Filmmaterial. Acht Beiträge beziehen sich zudem auf Interviews und nutzen Methoden der ‹oral history› und der qualitativen Sozialwissenschaft. Mehrere Beiträge befassen sich mit den Bildern von «Männlichkeiten» in Luxemburg.

Zur sprachlichen Einbeziehung unterschiedlicher Geschlechter

Was die sprachliche Einbeziehung der Geschlechter betrifft, haben wir uns für die Sprachregelung Innen (im Deutschen) und e∙s (im Französischen) entschieden, damit Frauen nicht unter männlichen Endungen subsummiert werden.27 Genderforschung bezieht sich auf«Männer» und «Frauen» als konzeptionelle Kategorien, verweigert sich allerdings der Idee, dass diese zwei Begriffe klar erkennbare, gleichbleibende Objekte (oder Körper) beschreiben.28 Statt weibliche körperliche Gemeinsamkeiten als Synonym für die kollektive Einheit von «Frauen» zu nehmen, versuchen Gender Studies, «Frauen» als Kategorie zu historisieren und sie also als veränderbar zu begreifen. Frauen sichtbar zu machen und gleichzeitig keine unterschwellige Kontinuität des weiblichen Körpers über Jahrhunderte zu postulieren: Das ist die Herausforderung. Gender bleibt eine politische Frage: Wie wird die Bedeutung des biologischen Geschlechts produziert, eingesetzt und verändert? Die Antworten sind immer kontextabhängig (Zeit und Raum). Zudem werden Darstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit genutzt, um Gruppen und Individuen ‹auf ihren Platz› zu verweisen. Daher ist Gender immer auch eine Frage von Machtverhältnissen und -demonstration. Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten, diese kritisch zu untersuchen und damit zu hinterfragen.

Danksagung

An dieser Stelle möchten wir allen AutorInnen, mit denen wir seit 2014 an diesem Buchprojekt arbeiteten und uns zweimal jährlich in interdisziplinären Arbeitssitzungen austauschten, herzlich danken.

Ein besonderer Dank gilt Jeanne Peiffer, Mathematikhistorikerin und emeritierte CNRS- Mitarbeiterin in Paris, die uns als externe Lektorin wissenschaftlich mit Rat und Tat zur Seite stand.

Auch beim Verlag capybarabooks möchten wir uns von Herzen für die professionelle, kreative und in allen Punkten harmonische Zusammenarbeit bedanken.

Ein herzlicher Dank geht zudem an Kathrin Eckhart, die Bibliothekarin des CID / Fraen an Gender, die uns bei Literaturrecherchen in der Bibliothek stets eine Hilfe war.

Last but not least, sei unseren Geldgebern ein großer Dank ausgesprochen: der Œuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte, dem Gleichstellungsministerium und dem Kulturministerium Luxemburgs. Ohne ihre finanzielle Hilfe hätte das Buch nicht veröffentlicht werden können.

Anmerkungen

1Germaine Goetzinger, Antoinette Lorang und Renée Wagener, Vorwort, in: «Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…». Frauen in Luxemburg / Femmes au Luxembourg 1880-1950, hg. von denselben, Luxemburg: Publications Nationales, Ministère de la Culture, 1997, S. 7-8, hier S. 7.

2Danielle Roster und Renée Wagener (Hg.), Not the girl you’re looking for: Melusina rediscovered: Objekt + Subjekt Frau in der Kultur Luxemburgs, Luxemburg: Editions Schortgen, 2010.

3Sonja Kmec (Hg.), Das Gespenst des Feminismus. Frauenbewegung in Luxemburg gestern – heute – morgen, Marburg: Jonas Verlag, 2012.

4Danielle Roster und Melanie Unseld (Hg.), Komponistinnen in Luxemburg: Helen Buchholtz (1877-1953) und Lou Koster (1889-1973) (Musik – Kultur – Gender, 13), Köln, Wien und Weimar: Böhlau, 2014. Neben diesen akademischen Publikationen gab das CID | Fraen an Gender des Weiteren eine Serie von kunstpädagogischen Unterrichtsbänden für LehrerInnen der Grundschulen heraus, in denen jeweils im Schlusskapitel historische und aktuelle Komponistinnen, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen aus Luxemburg in Unterrichtsvorschlägen vorgestellt werden. Danielle Roster und Daniela Höhn, Komponistinnen entdecken, Band 1, Luxemburg: Ministère de l’Éducation nationale, 2006 [Lou Koster, Helen Buchholtz, Albena Petrovic-Vratchanska]; Jakobine Wirtz, Künstlerinnen entdecken, Band 2, Luxemburg: Ministère de l’Éducation nationale, 2008 [Thérèse Glaesener-Hartmann, Simone Decker]; Kathrin Eckhart. Schriftstellerinnen entdecken, Band 3, Luxemburg: Ministère de l’Éducation nationale, 2013 [Anise Koltz, Nicole Paulus]. Eine Vorreiterrolle spielte die Anthologie Pays clément dans la fureur des vagues. Les femmes écrivent au Luxembourg, hg. von Rosemarie Kieffer und Danièle Medernach-Merens, Luxemburg: Ministère des Affaires culturelles, 1993.

5Goetzinger et al., Vorwort (anm. 1), S. 7.

6Éric Macé, L’Après-patriarcat, Paris: Éditions du Seuil, 2015.

7Ann D. Gordon, Mari Jo Buhle und Nancy Shrom Dye, «The Problem of Women’s History», in: Berenice Carroll (Hg.), Liberating Women’s History, Urbana: University of Illinois Press, 1976, S. 69, zit. nach Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, New York: Columbia University Press, 1999, S. 29.

8Réseau des bibliothèques Luxembourgeoises. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: Bibnet.lu. Die Luxemburger Bibliothek CID | Fraen an Gender, die auch über den Kollektivkatalog a-z.lu erreichbar ist, umfasst mehr als 20.000 Bücher, zirka 80 laufende Zeitschriften, eine umfangreiche Musikabteilung mit 3.500 Partituren sowie eine Mediathek mit mehr als 5.000 CDs. Mit dem Sammlungsschwerpunkt «Luxemburgensia» versucht sie relevante Werke, die den Kontext Luxemburg sowie Frauen und Gender thematisieren, an einem Ort zur Verfügung zu stellen. Dieser Katalog umfasst mehr als 500 Werke (Bücher, Broschüren, wissenschaftliche Arbeiten, Zeitschriftenartikel, Partituren etc.) zu diesem Thema.

9Fabienne Weber und Eva Sierminska, A First Glimpse into the Gender Wealth Gap in Luxembourg: Report on the Wealth Situation of Women and Men, Luxemburg: LISER, 2017; Heike Mauer, Intersektionalität und Gouvernementalität: die Regierung von Prostitution in Luxemburg, [Leverkusen]: Barbara Budrich, 2018.

10Luxembourg Institute of Socio-Economic Research. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: www.liser.lu.

11Université du Luxembourg, Open Repository and Bibliography. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: orbilu.uni.lu. Das Stichwort «gender» wurde von den AutorInnen selbst angegeben. Das Resultat umfasst 10 Monografien, 15 Dissertationen, 54 Buchkapitel, 128 Artikel in Fachzeitschriften, 16 Berichte, 43 andere Schriften sowie 70 Vorträge und Poster.

12Serge Wilmes, Die katholische Kirche Luxemburgs und die Abtreibungsdebatte in den 1970er Jahren, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2006; Monique Kersch, Les «Kellnerinnen» allemandes de Luxembourg-ville et de Hollerich 1880 à 1919, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2009; Nadine Geisler, Frauenbewegung in Luxemburg: Von ihrer Entstehung bis zur Institutionalisierung, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2010; Jil Weiler, La profession de femme au foyer au Luxembourg dans les années 1950-1960: Un choix ou une contrainte sociale?, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2014; Conny Wilmes, Arbed – Die Rolle der Arbeiterinnen in der Schwer- und Eisenindustrie während dem Ersten Weltkrieg in Luxemburg – Das Werk Esch-Schifflingen, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2014; Laura Teusch, Geschlechterstereotype in der luxemburgischen Presse – eine Diskursanalyse von 2000 bis 2014, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2015; Fanny Thill, «La femme n’est jamais respectée et crainte comme l’homme»: les identités sociales d’une femme au pouvoir à l’époque moderne. Marie de Hongrie, régente des Pays-Bas (1505-1558), Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2017; Myrna Lina Tumelero, Die Prostituierten der Spätantike und ihre Rolle in den Werken der Kirchenväter, Mémoire de master, Université du Luxembourg, 2017.

13Eine (unkomplette und unübersichtliche) Liste findet sich auf Université du Luxembourg, Library. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: https://wwwen.uni.lu/library/resources/bachelor_and_master_dissertations.

14Claudia Kemper, Rezension zu: Bock, Ulla: Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984-2014. Frankfurt am Main: Campus, 2015, in: H-Soz-Kult. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24672.

15Scott, Gender and the Politics of History. (Anm. 7), S. XI-XII, 27, 31.

16Zu ‹dritten› und ‹vierten› Geschlechtern siehe z. B. Serena Nanda, Neither Man nor Woman: The Hijras of India, Belmont: Wadsworth Publishing Company, 1990; Will Roscoe, Changing Ones: Third and Fourth Genders in Native North America, New York: Palgrave Macmillan, 2000; Gilbert Herdt (Hg.), Third Gender: Beyond Sexual Dimorphism in Culture and History, New York: Zone, 1994; Richard Ekins und Dave King, The Transgender Phenomenon,London etc.: Sage, 2006; Erik Schneider und Christel Baltes-Löhr (Hg.), Normierte Kinder: Effekte der Geschlechternormativität auf Kindheit und Adoleszenz, Bielefeld: transcript, 2014.

17Judith Butler, Imitation and Gender Insubordination (1990), in: The Judith Butler Reader, hg. von Sara Salih mit Judith Butler, Malden, MA: Blackwell, 2008 (1. Aufl. 2004), S. 119-137, hier S. 121.

18Michael Meuser, Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Wiesbaden: VS Verlag, 2006 (1. Aufl. 1998), S. 308.

19Für ein Luxemburger Beispiel, siehe Mohamed Hamdi, Gender: Eng politesch Ideologie, déi staatlech gefrot gëtt, Carte blanche (28.2.2017), in: RTL. (Letzter Zugriff: 8.3.2018). URL: http://www.rtl.lu/meenung/1009116.html.

20Pierre Bourdieu, La domination masculine, Paris: Éd. du Seuil, 2002 (1. Aufl. 1998), S. 112.

21Ebenda, S. 112, Fußnote 44.

22Edward Felsenthal, The Choice, in: Time (18.12.2017), S. 20-57, hier S. 24.

23Judith Butler, Gender Trouble, New York und London: Routledge 2006 (1. Auflage 1990).

24Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Oedipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt a. m.: Suhrkamp, 1972.

25Luxemburger Wörterbuch, 5 Bände, Luxemburg: P. linden, 1970 (2. Auflage), hier Bd. 3, Sp. 76b-77b. (Zugriff am 16.4.2018). URL: https://infolux.uni.lu/worterbucher/ [8.3.2018]. Die Wörtersammlung geht zurück auf die 1920er und 1930er Jahre.

26Siehe den Beitrag von Evamarie Bange in diesem Band.

27Zur Debatte um den französischen ‹point médian›, siehe das Dossier «Jusqu’où féminiser la langue française?», in: Sciences Humaines 301 (2018), S. 16-21. Im Deutschen scheint sich auch *innen als Alternative anzubieten, um allen Geschlechtern sowie den Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, sprachlich gerecht zu werden. Siehe Tessy Jacobs, Heute schon gegendert?, in: woxx 1459 (19.1.2018), S. 10-11.

28Joan W. Scott, AHR Forum. Unanswered Questions, in: American Historical Review (Dez. 2008), S. 1422-1429.

MARTINE MARCHAL

«An eis bleift nemmen de Batz»

Die Repräsentation von Frauen in der Nachkriegspresse des Luxemburger Widerstandes und der Zwangsrekrutierten

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Luxemburg, wie seine Nachbarländer, geprägt von der Präsenz der amerikanischen Besatzungstruppen. Diese wurden erst einmal als Helden und Befreier gepriesen, 1 doch die Beziehung der Luxemburger zu ihren Helden war zwiespältig. Vielen Männern, besonders den Mitgliedern der zahlreichen Resistenz- und Zwangsrekrutiertenorganisationen, waren die freundlichen Beziehungen zwischen Luxemburger Frauen und amerikanischen Soldaten ein Dorn im Auge. Da sie sich jedoch davor scheuten, die Befreier selbst zu kritisieren, wurden Frauen, die – zu Recht oder zu Unrecht – unter dem Verdacht standen, die G. I.s den Luxemburger «Jongen» vorzuziehen, scharf angegriffen. Man nannte sie «Bätz».2 Für einen Luxemburger «Jong» komme als zukünftige Frau nur ein Mädchen in Frage, «das seinem Jong trotz langer Abwesenheit treu geblieben ist; treu seinem Jong, treu seinem Land! treu sich selbst. Was für uns nicht in Frage kommt ist der sogenannte ‹Batz› [also ein Mädchen], der sich jetzt an irgendeinen Fremden wegwirft und nachher alles daran setzt, damit ein guter Luxemburger Junge auf ihn hereinfällt.»3

Um die oft recht heftige Wut der «Jongen» auf diese Frauen und Mädchen zu verstehen (wenn auch nicht zu rechtfertigen), bedarf es einer Kontextanalyse. Zu diesem Zweck soll im Folgenden die Aufweichung von Normen im Krieg kurz erläutert und anschließend die Repräsentation von Frauen in den Nachkriegszeitungen der Resistenz und der Zwangsrekrutierten sowie den in ihnen veröffentlichten Leserbriefen im Detail analysiert werden.4

Die Verwischung von Gendergrenzen im Krieg

In Kriegszeiten findet sowohl eine Verwischung von legalen und moralischen Grenzen statt als auch eine von Geschlechternormen. Besonders im Ersten und Zweiten Weltkrieg war dies der Fall, da es keine klare Trennung zwischen Front und Heim mehr gab, und damit auch eine weniger klare Linie zwischen Kämpfern und Zivilisten.5 Im Krieg eröffnet sich oft ein neuer politischer Raum durch die Destabilisierung des legalen Rahmens. Es ergibt sich also hier ein Handlungsspielraum, in dem zum Beispiel die patriarchalischen Normen und Regeln, die das Verhalten von Mann und Frau festlegen, angefochten werden können.6Frauen übernahmen sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg in deren Abwesenheit oft die Rollen der Männer. Sie arbeiteten in der Rüstungsindustrie, leiteten Betriebe, trafen allein Entscheidungen für die ganze Familie und waren auch sonst für alles selber zuständig. Viele lebten in ständiger Angst um ihr Leben, sei es in besetzten Gebieten oder in bombardierten Städten, und mussten «ihren Mann stehen». Ein Teil dieser Frauen war auch in der Resistenz aktiv.7 Dies war sicherlich nicht ungefährlich, doch es brachte vielen Frauen auch vorher ungekannte Freiheiten und Handlungsspielräume, die manche nach dem Krieg nur ungern wieder aufgaben.

In der Nachkriegszeit wurde eine Rückkehr zur traditionellen Rolle verlangt, um Ordnung und Gesetzlichkeit wiederherzustellen. Dies führte zu einem «backlash» gegen all diejenigen, die während des Krieges die klar definierten Normen überschritten hatten.8

Dies bekamen nicht nur die Frauen zu spüren, sondern auch die Resistenzbewegungen, die vehement auf ihr Recht pochten, bei der Rekonstruktion des Landes mitreden zu dürfen. In Luxemburg wurden die Resistenzler nach der Rückkehr der Regierung und des Herrscherhauses – zu Recht oder zu Unrecht, sei hier dahingestellt – dankend, aber entschieden des politischen Platzes verwiesen.

Ohnmacht als Ursprung der Wut?

Die Luxemburger Resistenzbewegungen – ebenso wie jene in Belgien und Frankreich – forderten in der Nachkriegszeit Mitspracherecht auf politischer Ebene. Zeitungen wie das Luxemburger Wort – inoffizielles Sprachrohr der Regierung9 – riefen zum Zusammenhalt auf und warnten vor exzessiver Regierungskritik, da sie zu einer Spaltung der Gesellschaft führen könne, die dem Wiederaufbau hinderlich wäre.10 Eine Resistenzbewegung, die sich nicht einfach wieder integrieren lasse und eigene Forderungen stelle, könne Probleme in einem Land auslösen.11 Die Resistenzblätter hingegen wetterten gegen die gerade erst zurückgekehrte Regierung und beschuldigten sie, die Ideale der Resistenz beschmutzt zu haben: «Unser Ideal ist unter die Räder der Politik gekommen.»12 Ihnen war besonders die Durchführung der sogenannten «Épuration» des Staatsapparates ein Dorn im Auge, denn diese ging ihrer Meinung nach nicht weit genug.13

Die Resistenzler fühlten sich zunehmend an den Rand des politischen Geschehens gedrängt.14 In ihrer Enttäuschung und Wut wurden sie zu einem radikalen Sprachrohr für die folgenden Aspekte des «backlash» gegen die Frauen in der Nachkriegszeit: Erstens die allgemeine Forderung, die Frauen sollten zurück in ihre traditionelle Rolle als Frau und Mutter. Zweitens eine abstrafende Haltung gegenüber den Frauen, denen man vorwarf, mit den amerikanischen Befreiern «liiert» zu sein.15 Die Sexualität der Luxemburgischen Frauen war hier ein zentrales Thema. Einerseits stilisierte man die keusche junge Frau zu einer moralischen Marienfigur hoch, an der sich alle Mädchen ein Beispiel zu nehmen hatten. Andererseits wurden Frauen, die diesem idealisierten Bild nicht entsprachen, aufs Schärfste verurteilt.

Frauen zurück an den Herd!

Im Oktober 1944 publizierte das Luxemburger Wort einen Artikel über Frauen in der Industrie und Kriegswirtschaft in England. Man lobte ihren Einsatz und betonte die Wichtigkeit ihrer Arbeit für die Heimatfront. Besonders hervorgehoben wurde aber auch, dass diese Frauen trotz ihrer Arbeit in den Munitionsfabriken weder ihre Weiblichkeit noch ihren Charme verloren hätten.16 Ein ähnliches Loblied auf die Luxemburgische Frauenarbeit im Krieg sucht man vergeblich. Allerdings wird die zivile Resistenz – und damit auch die Frauen, die daran beteiligt waren – durchaus erwähnt und gepriesen.17D’Unio’n warnt jedoch die Frauen, nicht von politischen Dingen oder gar Kriegsstrategie zu reden, von denen sie gar nichts verstünden.18

Von Anfang an wird auf die Familie – mit der Mutter am Herd und dem Vater als Familienoberhaupt – als Fundament für die Erneuerung des Landes gepocht.19 Wenn es um die Arbeitslosenfrage und um Frauen in der Arbeitswelt geht, so vertritt das Wort die Meinung, dass die meisten Frauen im Kriege entweder von den deutschen Besatzern oder aufgrund ihrer materiellen Not zur Berufstätigkeit gezwungen worden seien und nun die Gelegenheit hätten, endlich ins Heim zurückzukehren.20 Dies bestätigt ein Leserbrief eines «Mädchens von der roten Erde». Frauen würden gerne zuhause bleiben und eine Familie gründen, es fehle jedoch an ordentlichen, heiratswilligen Junggesellen. Das Wort betont, dass «in normalen Zeiten» das Vorrecht auf Arbeit den Männern zustehe, wobei man das Problem recht einfach lösen könnte, indem man die Mädchen «von ihren Arbeitsplätzen wegheiraten» würde.21

Leserbriefe in der Zeitung Ons Jongen (15.11.1945).

Ons Jongen, die Zeitschrift der Zwangsrekrutierten, schlägt schärfere Töne an: Ein anonymer Autor verlangt, dass man allen berufstätigen Mädchen einfach kündigen solle. Die deutschen Besatzer hätten sie gezwungen zu arbeiten, damit junge Männer als Kanonenfutter an die Front geschickt werden konnten. Diese Arbeitsplätze jetzt nicht aufgeben zu wollen, heiße, die Männer immer noch als Kanonenfutter und «ausgesprochene Dummköpfe» zu betrachten.22 Mit ähnlicher Vehemenz wurde auch vom Resistenzverband verlangt, dass Mädchen den «Jongen» ihren Platz in den Schulen überlassen sollten, denn, so D’Unio’n, es mache wenig Sinn, Mädchen Französisch, Mathematik und Latein zu lehren, wenn nachher lediglich Kochen von ihnen verlangt werde. Im selben Artikel fragt man sich, was aus den Jungen werden soll, denen die elementarsten Grundlagen der allgemeinen Bildung fehlen, weil sie keinen Platz im Athénée bekommen haben. Es würde dann wohl so weit kommen, dass man seine Ehefrau als Frau Doktor oder Frau Ingenieur die Brötchen verdienen lassen müsse – offensichtlich eine lächerliche Vorstellung. Der Autor schließt mit der Bemerkung, dass Caesar, wenn er gewusst hätte, dass Mädchen seine Texte studieren würden, es sich zweimal überlegt hätte, ob er überhaupt etwas hätte niederschreiben sollen.23

Ons Jongen liegt es besonders am Herzen, dass eine Frau auch während des Krieges geduldig auf ihren Verlobten oder Versprochenen gewartet hat.24 Ihre Weiblichkeit wird als Vorbild für alle gepriesen.25 Ein solches Mädchen schämt sich nicht, wenn der geliebte Mann verletzt oder gar verstümmelt aus dem Krieg zurückkehrt: «J’étais heureux de voir que, bien qu’il fit nuit et qu’ils dussent marcher sur la neige, cette fille conduisait son mutilé sur le chemin vers le printemps, vers le ciel bleu.»26 Dieses Bild der treuen Frau wird dem jener Mädchen entgegengestellt, die die «Liebe und Treue» eines Kriegsversehrten «schändlich zurückstoßen».27

«Batz»

Dass dieses marienhafte Ideal der Frau und Mutter für reale Frauen unerreichbar bleiben würde, hätte eigentlich niemanden wundern dürfen. Doch in den Nachkriegszeitungen zeigte man sich immer wieder entsetzt über die «realen» Frauen, die, nach ihrer Einschätzung, diesem Ideal so gar nicht entsprachen. So entbrannte in D’Unio’n ein heftiger Geschlechterkampf, weil sich die Männer beklagten, es gebe nicht genug heiratswillige «gute Frauen» in Luxemburg. So müssten die Junggesellen alsbald einen Club gründen, in dem man sich verpflichten würde, mit dem Heiraten zu warten, bis die umgesiedelten Mädchen wieder in die Heimat zurückkehrten, oder aber die jüngeren, in Luxemburg verbliebenen, ins heiratsfähige Alter kämen. Denn alle heiratsfähigen Frauen, die sich im Dezember 1944 in Luxemburg befänden, würden ja sowieso mit «ihrem Freier nach Amerika auswandern», 28

Die Antwort der jungen Frauen ließ nicht lange auf sich warten. Es gebe solch einen Club auch für Frauen, die warten wollten, bis die Luxemburger Jungen von der englischen Front zurückgekehrt seien, denn man erwarte sich von ihnen, dass sie durch «den militärischen Drill und das Durchstreifen der Welt an Schliff und savoir-vivre zugenommen haben». Man brauche nur auf amerikanische Freier eifersüchtig zu sein, wenn einem selber dieser Schliff fehle.29 Den Schliff, nach dem sich die Mädchen sehnten, so die Antwort in D’Unio’n, könne man sich in der Tat von Männern aus dem Maquis oder von réfractaires nicht erwarten, denn die hätten mit Flinte und «Kabesmesser» hantiert und nicht mit «Puderdose, Schminkkiste, Spiegel und Bartmesser» und auch nicht mit «Büchern über die vollkommene Liebe».30

Hier werden deutlich zwei Arten von Männlichkeit einander gegenübergestellt und bewertet: Die Luxemburger «Jongen», die keiner regulären Armee angehörten, sondern im Maquis kämpften (eine Minderheit) oder während des Krieges versteckt waren, seien eben etwas rauer und deshalb männlicher. Die Soldaten der amerikanischen Armee und andere mit «Schliff» werden als verweiblicht und lächerlich dargestellt. Und wenn ein Mann über den nötigen Schliff verfüge, so der Autor, dann sei dahingestellt, ob er überhaupt eines dieser Mädchen haben wolle, «die sich schon von so vielen ablecken gelassen haben».31 Eine Gruppe von Männern wird hier ganz ausgeblendet, nämlich die Zwangsrekrutierten, die keine réfractaires waren, sondern gegen ihren Willen in der Wehrmacht gedient hatten.32

In diesem Kontext gab es auch eine Diskussion über das Verhalten der Luxemburger Männer, die in Deutschland nach dem Krieg als «Unterbesatzer» in der französischen Besatzungszone präsent waren.33Ons Jongen startete Ende 1945 einen Aufruf für Leserbriefe zum Thema: «Fraternisieren, ja oder nein?» Hier gaben Frauen ihrer Hoffnung Ausdruck, diese Luxemburger würden sich von den «preußischen Greteln» fernhalten und stattdessen lieber Briefe an die daheimgebliebene Freundin schreiben.34 Es wurde auch bemerkt, dass dieses Thema nicht neu sei, sondern dass sich schon im Arbeitsdienst in Deutschland während des Krieges eine ähnliche Frage gestellt habe. Die jungen Männer hätten damals «in einem verhassten Land eine verhasste Uniform tragen müssen, und doch hat dies sie auch damals schon nicht davon abgehalten, mit den deutschen Mädchen nicht nur zu flirten, sondern auch ernsthafte Beziehungen anzufangen.»35 Des Weiteren seien genau diese «Jongen», die mit den deutschen Mädchen «fraternisiert» hatten, die ersten gewesen, die den Ausdruck «Batz» erfunden hätten.36 Die Luxemburger Männer in den besetzten Gebieten sollten sich deshalb ehrenhaft benehmen und nicht selber zu «regelrechten Bätz» werden. Es sei immer noch besser, ein Luxemburgisches Mädchen zu wählen, «auch wenn es denn einmal in einem Jeep saß», als eine Deutsche.37 Außerdem seien die Mädchen moralisch verurteilt worden, nur weil sie Umgang mit Amerikanern hatten. Es sei doch sicher viel schlimmer, eine Beziehung zum Feind als zum Alliierten zu haben.38 Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Wenn sich die Luxemburger «Jongen» bei den deutschen «Gretchen» trösten mussten, dann nur deshalb, weil sie nach dem Krieg «halb erfroren und verhungert heimkamen, die Brust voller Hoffnung und Vertrauen», dass ihre geliebten Freundinnen auf sie gewartet hätten, nur um dann mit «schön gemalten Puppen» konfrontiert zu werden, die «mit einem Yankee kommen».39

Die Liaisons mit amerikanischen Soldaten sind ein Dauerthema der unmittelbaren Nachkriegszeit. Man muss allerdings betonen, dass nicht nur Luxemburger Frauen und Mädchen von den Befreiern begeistert waren. Das Luxemburger Wort konnte sie gar nicht genug preisen.40 An Feiertagen wurden Familien dazu angehalten, den Truppen ihre Türen zu öffnen und sie, die ja ihre eigene Familie entbehren mussten, im Kreise der Familie mitfeiern zu lassen.41 Es gab 1945 sogar eine eigens an die amerikanischen Soldaten gerichtete Kolumne im Luxemburger Wort, das englischsprachige GI’s corner, in der Aspekte der Luxemburger Kultur und Gebräuche erklärt wurden.42

Das Luxemburger Wort zeigt den amerikanischen Befreier als einen Mann, der von seiner Familie getrennt ist und sich nach ihr sehnt. Das Wort erinnert die Soldaten auch daran, dass es in Luxemburg nicht nur «‹nice› girls and women» gibt, sondern auch einige Männer, die gerne mit ihnen zusammen das Land wiederaufbauen und gute Beziehungen zu ihnen haben wollen.43 Den Amerikanern wird erklärt, dass man ihre «frankness and sincerity» sehr zu schätzen wisse, aber «their pouring on any girl that happens to come alone out of the cinema» sei weniger beliebt.44 Es wird auch klar gesagt, was von solchen Frauen zu halten sei, die sich mit ihnen einlassen:

«In some ways, the Yanks have it easy with girls, because the Germans trained a special kind to meet their purposes. And it would be one of those to be willing to do anything you liked. A fine Luxembourg girl only lets her fiancé hold her arm to walk along the street.»45

Hier wird, wie oft auch an anderer Stelle, eine Verbindung hergestellt zwischen dem «sündigen» Verhalten der Frauen gegenüber den Amerikanern und ihrer (unterstellten) Vorgeschichte mit den Deutschen. Frauen werden im Übrigen nur sehr selten verspottet oder verurteilt, weil sie während des Krieges etwas mit einem Deutschen hatten. Dieses Thema scheint fast völlig tabu zu sein. Nur sehr selten ist direkt die Rede von den tondues, jenen Frauen und Mädchen, die in der frühen Nachkriegszeit von der Miliz als Strafe für angebliche Verhältnisse mit Deutschen während des Krieges den Kopf geschoren bekamen.46

Besonders hervorzuheben im Kontext der Beziehungen zwischen den einheimischen Frauen und den G. I.s ist die Diskussion, die durch einen Artikel von James Cannon ausgelöst wird. Cannon, amerikanischer Soldat und Autor der Militärpublikation Stars and Stripes, stellt Luxemburg 1945 als Tummelplatz unmoralischer Frauen hin. Er schreibt in einem Artikel, dass viele Mädchen immer wieder nach ihren Freiern in verschiedenen Regimentern fragten. Die Cafés der Hauptstadt seien überhaupt voll von «gefälligen Dämchen», die darauf warteten, «entführt» zu werden.47

Sowohl das Luxemburger Wort als auch D’Unio’n reagieren heftig auf diesen Angriff auf die Ehre der Luxemburger Frauen – und damit implizit auch auf die der Männer und des Landes. Das Wort nimmt in seiner ersten Reaktion auf den Artikel die Frauen in Schutz und wirft Cannon vor, bei seinen «Zufallsbegegnungen» nur schlechte Frauen getroffen zu haben. Es gebe viel «Wahres, Schöne und Edles» in der Frauenwelt, und man dürfe keine «befreundete Nation vor der Welt in den Kot zerren». Von den amerikanischen Behörden wird eine Entschuldigung verlangt, und es wird betont, dass auch die Luxemburger Frauen und Mädchen wegen des Verhaltens einiger US-Soldaten schon Grund zur Klage gehabt hätten. Man habe hier jedoch die Spreu vom Weizen zu unterscheiden gewusst. So sehr das Wort sich in seiner ersten Reaktion auf den Cannon-Artikel noch schützend vor die Frauen gestellt hatte, so schnell dreht sich dann jedoch der Wind der öffentlichen Meinung. In einem Folgeartikel wird über die Pressekonferenz berichtet, in der sich Colonel Frank E. Fraser, der Stellvertreter von General Erskine und Chef für zivile Belange, für den Fauxpas entschuldigt. Doch:

«Weniger leicht scheint die öffentliche Meinung über die Kehrseite des Themas hinweggehen zu wollen, nämlich über die Frage, ob das Verhalten unserer Damen und Dämchen in der Öffentlichkeit wirklich so ganz über jeden Tadel erhaben ist. Seit einigen Tagen wird unsere Redaktion überschüttet mit Zuschriften, die zu dieser Frage Stellung nehmen. Das zeigt, daß das Thema in der Luft lag (…).»48

Eine dieser Zuschriften unterstellt Familien zum Beispiel, davon zu profitieren, wenn ihre 14-jährige Tochter mit «Soldaten herumläuft», denn es ginge ja den Eltern dadurch besser: «[D]er Papa raucht amerikanische Zigaretten, die Mamma kaut Schokolade, alles von den lieben Boys.» Und auch hier wird wieder die Parallele zu den Beziehungen mit deutschen Soldaten gezogen: «Die Preußen bekamen die eine Hälfte des Apfels, die Amerikaner die andere Hälfte und später bekommt der Esel von Luxemburger den BATZ.» Die Mädchen werden ermahnt, bei solchem Verhalten an ihre eigene Zukunft und «à la renommée du pays, de la Patrie» zu denken.49

Die Redaktion von D’Unio’n ist sich von Anfang an sicher, dass der Fehler bei den Frauen liegen muss. Die «letzeburger Jongen» hätten so einen Schlag ins Gesicht schon lange befürchtet. Auch hier wird die Ehre der Frauen deutlich stellvertretend für die Ehre des Landes gesehen. Der Autor gibt an, oft selber mit Soldaten über dieses Thema gesprochen zu haben. Diese hätten Cannons Vorwürfe durchaus bestätigt. Außerdem sei es ihnen selbst ein Rätsel, warum sich gerade die Luxemburger Frauen an Soldaten «wegwerfen» würden, wo sie doch, im Gegensatz zu denen in Belgien und Frankreich, keinen Hunger litten und es ihnen an nichts fehle. «Schamloser als die schamloseste Dirne» sollen demnach einige Luxemburger Frauen sein. Es mache auch keinen Unterschied, dass es sich hier um den amerikanischen Befreier und nicht um den Besatzer handele, denn gerade weil sie die Befreier seien, solle man ihnen mit «Stolz, Würde und Ehre begegnen». Ein Lieutenant soll gefragt haben, ob Luxemburger Frauen denn jeglichen Charakters entbehren, da sie sich für ein Stück Schokolade oder Kaugummi «besudeln lassen», und das auch noch von schwarzen Soldaten.50

Dies ist nicht das einzige Mal, dass besonders die Beziehungen zu schwarzen Amerikanern thematisiert werden. In der Freihet werden sowohl die schwarzen Soldaten als auch «ihre» Jazzmusik und das Verhalten der Luxemburger Frauen scharf kritisiert. Der Autor beschreibt eine Szene während eines Tanzabends: «Eine schwere Negergestalt hält eine kleine Rümelingerin in seinen Armen. (…) Was tut er nicht noch alles mit ihr. Die Kleine macht mit, und wie sie mit macht. (…) Sie ist in Ekstase, es gibt kein Entrinnen mehr.»51 Die höchst sexualisierte Sprache lässt wenig Interpretationsspielraum. Das Mädchen wird schlussendlich von seinem Vater aus einer Situation «gerettet», die zu Schande und Ehrverlust geführt hätte. Der «Neger» wird als gewaltbereit und brutal dargestellt: Er versucht den Vater zu schlagen, damit der ihm die Tochter nicht entreißt. Das Mädchen «in Ekstase», ihr besorgter Vater, die laute Musik und der aggressive «Neger» zeichnen eine Atmosphäre von Furcht, Beklemmung und Entrüstung. Natürlich muss hier angemerkt werden, dass Beziehungen zwischen weißen Frauen und schwarzen Männern (oder umgekehrt) in vielen Staaten der USA noch bis 1967 illegal waren und auch im Rest der westlichen Welt Entsetzen auslösten. Selbst in der amerikanischen Armee herrschte noch Rassensegregation. Dem schwarzen Mann wurde eine wilde, ungezügelte Männlichkeit unterstellt, was ihn noch bedrohlicher für die Luxemburger Männer und für die Ordnung selbst erscheinen ließ als den weißen Amerikaner. Dass es diese Beziehungen jedoch gab, und dass daraus auch Kinder entstanden, darüber berichtet Andy Bausch in seinem Dokumentarfilm Schokela, Knätschgummi a brong Puppelcher (2010).

Tanzveranstaltungen gehörten auch besser geregelt, meint ein Leserbriefschreiber im Luxemburger Wort. Es sei sehr schwer für ein anständiges Mädchen, ein «Etablissment» zu finden, wo es sich nicht kompromittiere.52 Die «Jofferen», die die verschiedenen «Dancings» am Hauptbahnhof in Luxemburg-Stadt besuchten – die auch von den amerikanischen Soldaten besucht werden – seien nicht «viel rares».53 Auch die Freihet nimmt Stellung zum Cannon-Artikel: Es gebe ja tatsächlich eine «Sorte Mädchen, die sich den Amerikanern an den Hals werfen»:

«Diese ‹Dämchen› sieht man in der ‹Petruss› umherlaufen, dünne Kleidchen übergezogen, nicht einmal anständig gewaschen, aber trotzdem die Lippen geschminkt und die Nägel bemalt. (…) Abends liegen sie mit Soldaten unter der Brücke und erfreuen sich des Lebens.»54

Diese «Sorte» Mädchen schlage zwar einem Luxemburger Zivilisten einen Tanz ab, «aber ein Soldat mit Schokolade und Geld ist immer willkommen», 55 Der Autor schlägt vor, diese jungen Frauen, deren Eltern offensichtlich keinen positiven Einfluss ausüben, von der Polizei einsperren und bestrafen zu lassen, wenn sie den guten Namen der «tapferen Nation» mit ihrem Benehmen derart durch den Dreck ziehen.56 «Sollten sie [diese Mädchen] sich nicht von ihrem schmutzigen Treiben abhalten lassen, so möchten wir sie bitten, die anständigen Leute nicht mit ihren verlebten Visagen am helllichten Tag zu belästigen.»57 Auch der Maquisard ist sich für solche Angriffe nicht zu schade: Es wird hervorgehoben, «daß es unsere kleinen Ferkel sind, die sich den Soldaten quasi aufdrängen um Schokolade zu bekommen, und es sind unsere zukünftigen Frauen und Mütter, die schon zum Spüllappen gemacht werden, ehe sie überhaupt aus der Pubertät heraus sind».58

Fazit

Diese Frauen sind also «Bätz», «Ferkel» und «Spullompen». Andere werden ermahnt, den Arbeitsplatz zu verlassen und an den Herd zurückzukehren, zu ihrer Vorkriegsrolle als Hausfrau und Mutter. Es ist fast so, als hätten die Luxemburger Zeitungen, genau wie die Leserbriefschreiber, nur einen Anstoß gebraucht, um, meist im Schutz der Anonymität, dermaßen über Frauen und Mädchen herzuziehen. Dies mit dem scheinheiligen Beisatz, dass man natürlich lieber geschwiegen hätte, diese Dinge jedoch leider angesprochen werden müssten.

Selbst D’Unio’n und das Luxemburger Wort, die sich in den ersten Nachkriegsjahren oft spinnefeind sind, scheinen sich bei diesem Thema einig zu sein.59 Auch greifen sowohl die Zeitungen des Widerstandes als auch die der Zwangsrekrutierten die Frauen an.60 Dass Zeitungen wie D’Unio’n und Ons Jongen nur Sprachrohr für einen generellen Trend waren, steht deshalb außer Frage. Das Ausmaß der Diffamierungen und Beschimpfungen jedoch benötigt einen Erklärungsversuch, besonders im direkten Vergleich mit unserem Nachbarland Frankreich. Auch die Zeitungen der französischen résistance thematisieren Beziehungen zwischen französischen Mädchen und G. I.s.61 Ihre Beschwerden ähneln denen der Luxemburger insofern, als dass auch sie sich über Promiskuität beklagen.62 Die Schuld hierfür wird jedoch eher den Soldaten angelastet, die mit jungen, leicht zu beeindruckenden Mädchen leichtes Spiel hätten, als den Frauen selber.63 Der grundlegende Unterschied zwischen den französischen Zeitungen und den Luxemburgischen ist allerdings die Sprache: Nirgendwo findet man solch misogyne Beschimpfungen und Angriffe wie in Luxemburg.

Wenn man diese Angriffe im Kontext des Gender «backlash» sieht, der durch die Destabilisierung und Infragestellung der Männlichkeit im Krieg ausgelöst wird, kann man vielleicht erklären, warum die Luxemburger Männer dachten, sich nach dem Krieg vehementer behaupten zu müssen als die Franzosen. Das Großherzogtum wurde von den deutschen Truppen regelrecht überrannt. Es gab im Land selbst keinen bewaffneten Widerstand. Außerdem mussten viele Männer in der deutschen Armee dienen und konnten nicht einmal über das Soldatentum eine stabile Männlichkeitsdefinition erhalten. Schlussendlich wurde Luxemburg dann von den Amerikanern befreit und die Luxemburger Männer in die passive Rolle der Befreiten relegiert, die dann auch noch bei der ersten Gelegenheit von der Regierung die Zügel aus der Hand genommen bekamen. Vielleicht bot es sich deshalb an, den Besatzer zu kritisieren und sich gleichzeitig durch die Abwertung vieler Frauen selbst aufzuwerten.

Anmerkungen

1M. B., Two months ago, in: Luxemburger Wort (11.11.1944), S. 2.

2Apfelgehäuse, im übertragenen Sinn: «leichtlebiges Mädchen mit bescholtener Vergangenheit (eigtl.: Überrest früherer Liebhaber)» nach dem Luxemburger Wörterbuch, Luxemburg: P. Linden, 1950, S. 74.

3«Fir ons Jongen get et nömmen é Médchen fir ze bestueden, an dat ass dat, wat sengem Jong trotz senger lânger Absence trei bliwen ass; trei sengem Jong, trei sengem Land! trei sech selwer. Eppes wat fir ons net a Frô könnt ass e so’genannte ‹Batz›, dé sech elo irgend engem Friémen ewechgeheit, an herno alles dru setzt, fir datt e gudden letzebuerger Jong op en erafällt.» R. A., Eis Enquête: Weini Bestueden?, in: Ons Jongen (15.11.1945), S. 4. Mit «ons Jongen» im engeren Sinne sind die Luxemburger gemeint, die in die Wehrmacht eingezogen wurden und bei ihrer Rückkehr eine Art «Antihelden» waren, da sie gegen ihren Willen in der feindlichen Armee gekämpft hatten.

4Die Zeitungen, die hier zitiert werden, sind D’Unio’n der Union der luxemburgischen Resistenzorganisationen (1944-1948), Ons Jongen der Ligue des Réfractaires et Déportés Militaires Luxembourgeois (1944-1951), die Freihet, Zeitung der Resistenzorganisation LFK, und De Maquisard. Auch das Luxemburger Wort aus derselben Zeit wurde konsultiert, um zu prüfen, inwiefern die oft misogyne Rhetorik den Resistenzzeitungen eigen war oder ob es sich um eine Zeitströmung handelte. Es sei vorausgeschickt, dass die Resistenzzeitungen dies zwar offener ansprechen, jedoch einen recht verbreiteten Standpunkt reflektieren.

5Karen Hagemann, Preface, in: Home/Front. The Military, War and Gender in Twentieth-Century Germany, hg. von Karen Hagemann und Stefanie Schüler-Springorum, Oxford: Berg Publishers, 2002, S. ix.

6Janet Hart, New Voices in the Nation, New York: Cornell University Press, 1996, S. 78.

7Siehe den Beitrag von Elisabeth Hoffmann in diesem Band.

8Janet Slaughter, Women in the Italian Resistance, 1943-1945, Denver: Arden Press, 1997, S. 128.

9Am 20. Oktober 1945, einen Tag vor den Parlamentswahlen, zeigte das Wort ganz klar seine Unterstützung für die CSV auf der Titelseite. Luxemburger Wort (21.10.1945), S. 1.

10E. L., Généralisations, in: Luxemburger Wort (14.11.1944), S. 2.

11t., Les mouvements de résistance. Un problème politique en Belgique et en France, in: Luxemburger Wort (18.11.1944), S. 2.

12«Et ass ënnert d’Riéder vun der Politik komm.» Jemp, Korrespondenz, in: Ons Jongen (30.4.1946), S. 15.

13Anon., Epuratio’n. En Ufank oder en Enn, in: D’Unio’n (7.1.1946), S. 1. Zur Épuration in Luxemburg siehe Paul Cerf, De l’épuration au Grand-Duché de Luxembourg après la seconde guerre mondiale, Luxembourg: Imprimerie Saint-Paul, 1980.

14Siehe den Beitrag von Elisabeth Hoffmann in diesem Band.

15Siehe hierzu auch: Daniela Lieb, Luxemburg und die Army of occupation (1918-1919) im Lichte literarischer Quellen, in: Hémecht 68/2 (2016), S. 189-216.

16Anon., Die Englischen Frauen, in: Luxemburger Wort (25.10.1944), S. 1.

17De Kno’terer, Solpert den Dank nöt an, in: Luxemburger Wort (30.11.1944), S. 2.

18Fraleitsgespre’ch am Krich, in: D’Unio’n (15.2.1945), S. 4.

19Anon., Familienleben, in: Luxemburger Wort (6.11.1944), S. 1.

20D’Redaktio’n, Zuschriften und Meinungen. Die Arbeitslosenfrage, in: Luxemburger Wort (19.12.1944), S. 2.

21Anon., Frauenarbeit. Eine Antwort, in: Luxemburger Wort (25.4.1945), S. 1.

22«Extradölpessen». Anon., Médercher eweg vun de Plâzen, in: Ons Jongen (3.3.1945), S. 2.

23Anon., Dest an dat: Verke’ert Welt, in: D’Unio’n (16.1.1945), S. 1.

24Bill, Ech hun dech gier, in: Ons Jongen (15.7.1947), S. 9.

25Ma. We., Eleng a verlôssen, in: Ons Jongen (31.3.1947), S. 8.

26AH., Tendre appui, in: Ons Jongen (28.2.1946), S. 8.

27«seng Le’ft a seng Trei sin zeréckgesto’ss!» Jeanny H., Verluerent Gleck, in: Ons Jongen (31.7.1946), S.8.

28Anon., Dat elei an dat elo, in: D’Unio’n (16.12.1944), S. 4.

29Anon., Dat elei an dat elo, in: D’Unio’n (23.12.1944), S. 5.

30Anon., Dat elei an dat elo, in: D’Unio’n (8.1.1945), S. 1.

31«Mé wann d’réfractairen dann dé ne’dege Schliff hun, dann as et nach eng fro, op si médercher wöllen, de’ sech schon eso’vill oflecke geloss hun. Neischt fir ongudd.» Dat elei an dat elo, in: D’Unio’n (8.1.1945), S. 1.

32Eva Maria Klos, Umkämpfte Erinnerungen. Die Zwangsrekrutierung im Zweiten Weltkrieg in Erinnerungskulturen Luxemburgs, Ostbelgiens und des Elsass (1944-2015), PhD, Universität Luxemburg, 2017.

33Émile Krier, Luxemburg am Ende der Besatzungszeit und der Neuanfang, in: Geschichtliche Landeskunde, hg. vom Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz, regionalgeschichte.net, 1997. (Letzter Zugriff: 18.4.2017). URL: http://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/texte/aufsaetze/krier-Luxemburg.html.

34A. R., Bartreng, Fraternise’eren oder net?, in: Ons Jongen (31.12.1945), S. 6.

35«An engem verhâsste Land hu si missen eng verhâsst Uniform droen, an dach huet dat si schon démols net empêche’ert, fir mat deitsche Médercher net nömmen ze flirten, mé och sérieux Freiereien unzefänken.» Loul, De’ sëtzt…, Fraternise’eren oder net?, in: Ons Jongen (1.12.1945), S. 10.

36Ebenda.

37Ebenda.

38M. B., Antwert un den E. J. S. ... «Fraternise’eren oder net?, in Ons Jongen (31.12.1945), S. 6.

39«A we’ se verwond, hallef erfruer an erhingert hémko’men, d’Broscht voller Hoffnong a Vertrauen, wat hun s’ugetraff? Sche’ gemolte Poppen, de’matt engem Yankee ko’men.» E. J. S., Fraternise’eren oder net?, in: Ons Jongen (15.1.1946), S. 11.

40M. B., Two months ago, in: Luxemburger Wort (11.11.1944), S. 2.

41Anon., Luxemburger Gastfreundschaft, in: Luxemburger Wort (24.11.1944), S. 2.

42Ch. B., GI-Joes, let’s remain friends, in: Luxemburger Wort (20.1.1945), S. 2.

43Ebenda.

44Anon., GI’s Corner, in: Luxemburger Wort (10.3.1945), S. 2.

45Anon., GI’s Corner, in: Luxemburger Wort (27.1.1945), S. 3.

46Anon., Dat elei an dat elo, in D’Unio’n (9.10.1945), S. 2. Zum Thema der «tondues» in Frankreich siehe: Fabrice Virgili, La France Virile, Paris: Payot, 2000.

47Übersetzung des Artikels von Cannon, Rund um das «Stars and Stripes»-Gewäsch, in: Freihet (13.6.1945), S. 2.

48Ein echter Luxemburger, Nachspiel zum Artikel im «Stars and Stripes», in: Luxemburger Wort (6.6.1945), S. 2.

49Letzeburger Jongen, Nachspiel zum Artikel im «Stars and Stripes», in: Luxemburger Wort (6.6.1945), S. 2.

50«besuddele lôssen». J. Smith iwer d’letzeburger Fraleid, in: D’Unio’n (7.6.1945), S. 2.

51Carlo Sav., Montmartre in Luxemburg, in: Freihet (20.10.1945), S. 4.

52C. R., Allerhand Ménongen, in: Luxemburger Wort (7.4.1945), S. 2.

53Ebenda.

54J. P. F., Noch einmal «Stars and Stripes», in: Freihet (20.6.1945), S. 3.

55Ebenda.

56Ebenda.

57Ebenda.

58«dass et ons kleng Fierkele sin, de’ sech den Zaldote quasi opdrängen fir Schokela ze kre’en an ’t sin ons zokönfteg Fraen a Mammen, de’ schons zur Spullomp gemât gin, ier se iwerhapt aus der Puberte’tszeit eraus sin.» Allgemengverständlech Bemierkongen, in: De Maquisard (24.3.1945).

59Diese Feindseligkeit sieht man zum Beispiel, aber nicht ausschließlich, in: Anon., Nur ganz kurz ..., in: Luxemburger Wort (11.10.1945), S. 2 und in den folgenden Ausgaben derselben Rubrik.

60Es muss allerdings dazu gesagt werden, dass beide Publikationen auch den Frauen die Gelegenheit boten, in Leserbriefen ihren eigenen Standpunkt darzulegen.

61Fokus war hier auf unserer Nachbarregion Elsass-Lothringen: Ceux du Maquis (Paris, 1944-46); Dix-huit juin – Organe de la Fédération nationale des déportés et internés de la Résistance (1946); La Voix du Maquis (Seyssel [Ain] 1946-49) der Fédération Nationale du Maquis; L’Humanité, die kommunistische Publikation von Elsass-Lothringen und La Lorraine Résistante (Nancy, 1945-46).

62Ka., Zur Bevölkerungsfrage – Geschlechtskrankheiten schlimmer wie Geburtenrückgang, in: L’Humanité pour l’Alsace et la Lorraine (8.9.1945).

63Anon., Eine neue Abtreibungsaffäre aufgedeckt, in:

ELISABETH HOFFMANN

Des héroïnes délaissées?

Les résistantes dans la Mémoire de la Seconde Guerre mondiale au Luxembourg

«Dans le mouvement résistant au Luxembourg (…) les femmes jouaient un rôle important. Pourtant, la contribution des femmes n’est pas mentionnée du tout.»1 Sanja Ivekovic prononce ces mots en 2001 lors d’une polémique sur la liberté d’expression et la Mémoire de la Seconde Guerre mondiale, que l’artiste croate a déclenchée avec son monument Lady Rosa of Luxembourg dans le cadre de l’exposition Luxembourg – les Luxembourgeois. Consensus et passions bridées organisée par le Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg et le Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain. Lady Rosa est une copie déformée de la sculpture du Monument national du Souvenir créée par l’artiste Luxembourgeois Claus Cito et inauguré en 1923 en hommage aux Luxembourgeois engagés volontaires dans les armées alliées au cours de la Première Guerre mondiale. Démoli par les nazis le 21 octobre 1940, le monument est reconstruit progressivement et réinauguré en 1985. Il englobe depuis le souvenir des Luxembourgeois engagés aux côtés des alliés de la Seconde Guerre mondiale, ainsi que de la Guerre de Corée. Le monument original est composé d’un socle avec des inscriptions patriotiques et d’un obélisque surmonté d’une figure de femme en or qui porte une couronne de laurier, symbolisant la victoire.

Ivekovic proteste contre l’absence des femmes dans l’histoire. C’est ainsi qu’elle met en œuvre une figure de femme enceinte sur un socle dont les faces sont ornées de mots-clés décontextualisés. Sur une face on peut par exemple lire: «KITSCH, WHORE, LA RESISTANCE.»2 Les associations d’ancien∙ne∙s résistant.e.s sont profondément offusquées par cette œuvre d’art provocatrice et cherchent à la censurer, alors que de nombreuses associations de femmes soutiennent l’artiste, en affirmant que l’histoire des femmes engagées dans la résistance est enveloppée d’un silence, qu’il faudrait briser: «Es wâre doch jetzt die Gelegenheit, über die verschwiegene Geschichte der Frauen (…) nachzudenken, über die heroische Seite – die mutigen Taten von LuxemburgerInnen in der Resistenz beispielswiese (…).»3

Alors que la controverse autour de Lady Rosa reflète l’enjeu de la Mémoire des femmes, nous sommes confronté.e.s à un discours suggérant que les résistantes font l’objet d’un silence ou d’un oubli dans la médiation de l’histoire de la Seconde Guerre mondiale au Luxembourg. Or, une Amicale des Concentrationnaires et Prisonnières politiques Luxembourgeoises 1940-1945 s’organise dès 1948: elle siège au Conseil de l’Ordre de la Résistance (COR), puis au Conseil national de la Résistance (CNR): elle organise une «Journée des femmes concentrationnaires et prisonnières politiques» annuelle et publie un Livre du Souvenir4 en 1965. Au vu de ces éléments, nous nous retrouvons devant un paradoxe. Pourquoi représente-t-on au début du 21e siècle les résistantes comme des héroïnes délaissées par la Mémoire officielle de la «Résistance»5, si elles se sont taillé une place au sein du paysage mémoriel Luxembourgeois dès la fin de la guerre?

Selon Henry Rousso, il prévaut depuis une trentaine d’années un discours où «(…) on évoque la nécessité de dévoiler une histoire trop longtemps cachée et de proposer des récits alternatifs aux discours dominants afin d’exprimer le point de vue des oubliés ou des ‹sans voix› de l’Histoire»6. Ce discours est souvent l’expression d’un conflit de générations. Les «jeunes» générations déploient une rhétorique morale et normative, teintée d’une apparente lucidité rétrospective par rapport aux générations plus anciennes. Mais comment interpréter ce constat d’absence ou de manque? S’agit-il d’un oubli, d’un silence, d’une occultation, d’un déni, d’une amnésie, d’un refoulement ou encore d’une forclusion? Conscient d’un problème de méthode, Henry Rousso propose trois cas de figures pour répondre à cette question: la logique voudrait qu’une chose soit présente et pourtant elle ne s’y trouve pas: le manque est clairement exprimé et thématisé par les acteurs de l’époque ou l’absence résulte d’une illusion rétrospective voire d’une norme implicite appliquée de manière anachronique.7

Dans le cas des résistantes Luxembourgeoises, on peut se demander d’abord s’il y a un manque de connaissance du rôle des femmes dans la résistance, ensuite si ce manque a été articulé par elles-mêmes ou si nous sommes en présence d’une illusion rétrospective, donc anachronique. Qui déplore explicitement l’absence des résistantes dans la Mémoire de la Seconde Guerre mondiale, à quel moment et pour quelles raisons? Et quels facteurs expliquent ce changement de perspective sur les résistantes après 2000?

Afin de répondre à ces questions, nous analyserons d’un côté le rôle actif des anciennes résistantes au sein du monde associatif et de l’autre côté leur représentation dans la médiation de l’histoire de la Seconde Guerre mondiale depuis 1945, à travers des médias mémoriels tels les musées, les monuments ou encore l’historiographie.

L’engagement mémoriel des anciennes résistantes

Après la fin de la guerre, les ancien∙ne∙s résistant∙e∙s s’organisent rapidement dans une vingtaine d’associations différentes et notamment dans des amicales des camps, comme celles de Dachau, de Mauthausen ou de Sachsenhausen.

Ill. 1 Des concentrationnaires et prisonnières politiques Luxembourgeoises de retour au Luxembourg. Collection du Musée national de la Résistance.

Dans ce contexte, Lily Unden8 prend l’initiative de créer en 1948 l’Amicale des concentrationnaires de Ravensbrück, mais l’association s’ouvre rapidement aux résistantes des autres camps et prisons et devient l’Amicale des Concentrationnaires et Prisonnières Politiques Luxembourgeoises 1940-1945. L’Amicale regroupe exclusivement les femmes Luxembourgeoises internées et déportées suite à leur résistance contre la politique d’annexion nazie.9 Il est difficile de retracer l’activité de l’Amicale, puisqu’elle n’a pas légué d’archives, mais des traces de son activité se trouvent dans les fonds du CNR et dans le bulletin de liaison Rappelde la Ligue Luxembourgeoise des prisonniers et déportés politiques (LPPD)10, à laquelle l’Amicaleest affiliée.11

Les anciennes résistantes se sont rassemblées «(…) dans le but de manifester leur solidarité entre elles»12. Depuis 1945, elles organisent une «Journée commémorative des Femmes concentrationnaires et Prisonnières Politiques» à la Mémoire de leurs camarades décédées.13 À l’occasion de ces retrouvailles annuelles, elles célèbrent une messe commémorative, déposent une gerbe de fleurs à la Croix de Hinzert14 au cimetière Notre-Dame à Luxembourg-Ville et clôturent avec un repas amical et une assemblée générale au cours de l’après-midi.15