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Wie soll sich eine demokratische Gesellschaft gegenüber einem anschwellenden Autoritarismus verhalten? Der Historiker Tim Bouverie beschreibt ein besonders dramatisches Beispiel: den Umgang Großbritanniens mit Hitler. Der Historiker stellt den langsamen Erkenntnisprozess während der 1930er Jahre eines politischen Establishments dar, das lange unsicher war, wie es mit Deutschland und dessen politischen Provokationen, zum Beispiel der Rheinlandbesetzung, umgehen sollte. Das Buch ist der spannende Bericht einer historischen Eskalation. Bouverie ist ein Vertreter der englischen narrativen Schule der Geschichtswissenschaften und so liest sich sein Buch wie ein historischer Roman, der in seiner Schilderung jener Jahre die Naivität und Inkompetenz seiner Landsleute nicht ausspart und auch nicht die Anbiederung Teile der Oberschicht an Hitler. Zwischen den Deutschland-Besuchen der Mitford-Schwestern und den politischen Kämpfen im Unterhaus zeichnet er die Herausbildung einer politischen Haltung gegenüber der politischen Aggression aus Deutschland. Es ist eine historische Analyse und gleichzeitig ein Lehrstück über die Herausforderung, die autoritäre Figuren für Demokratien darstellen. Für die deutsche Ausgabe schreibt Bouverie ein Vorwort, das die aktuelle Lage in Europa in seinen historischen Kontext setzt.
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Seitenzahl: 1008
Veröffentlichungsjahr: 2021
Tim Bouverie
Der Weg vom Appeasement zum Zweiten Weltkrieg
Der Historiker Tim Bouverie liefert die umfassendste und erhellendste Darstellung der britischen Bemühungen in den 1930er Jahren, den Faschismus und Hitler einzuhegen, und legt die Trugschlüsse und die daraus folgenden Einsichten der beteiligten Protagonisten offen. An der Appeasement-Politik, dem Versuch Großbritanniens, Hitler vom Krieg abzuhalten und den Frieden in Europa zu bewahren, lässt sich ablesen, was liberale Gesellschaften aus der Konfrontation mit autoritären Bewegungen lernen können.
Bouverie erzählt vom langsamen Erkenntnisprozess des britischen politischen Establishments, das viele Jahre den wahren Charakter seines Feindes verkannte. Anekdotenreich und scharfsinnig schildert er, warum die Regierung in London trotz gewaltiger Krisen – die Besetzung des Rheinlands, der Anschluss Österreichs und die Zerschlagung der Tschechoslowakei – immer wieder zurückwich. Auch die Hitler-Sympathie in Teilen der Oberschicht spart sein Buch nicht aus. Zwischen den Deutschlandbesuchen realitätsfremder Adliger und den politischen Kämpfen im Unterhaus zeigt Bouverie, wie Winston Churchill und seine Verbündeten schließlich die Appeaser um Neville Chamberlain politisch niederrangen und Hitler Einhalt geboten. Eine historische Analyse und gleichzeitig ein Lehrstück, wie Demokratien durch historische Herausforderungen zu sich selbst finden können.
Tim Bouverie hat Geschichte am Christ Church College in Oxford studiert. Von 2013 bis 2017 arbeitete er als politischer Journalist für Channel 4. Er schreibt für «The Spectator», «The Observer» und «The Daily Telegraph» und lebt in London. In den vergangenen fünf Jahren war er mitverantwortlich für das Chalke Valley History Festival.
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «Appeasing Hitler: Chamberlain, Churchill and the Road to War» bei The Bodley Head, London.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2021
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«Appeasing Hitler» Copyright © 2019 by Tim Bouverie
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
Coverabbildung New York Times Co./Getty Images
Karten Peter Palm, Berlin
ISBN 978-3-644-00512-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für meine Eltern mit Liebe und Dankbarkeit
Dieses Buch handelt nicht vom Dritten Reich, dieser dunklen Ära in der deutschen Vergangenheit, die aufgrund ihrer entscheidenden Bedeutung für die Weltgeschichte dem deutschen wie dem internationalen Publikum überaus vertraut ist. Vielmehr geht dieses Buch der Frage nach, wie die westlichen Demokratien auf die Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland reagierten und wie sie, obwohl alle Fakten dagegen sprachen, weiterhin glauben konnten, dass Adolf Hitler ein Mann war, mit dem sie «von Politiker zu Politiker» nach den üblichen Regeln zusammenarbeiten könnten.
Die britische Reaktion auf Hitlers Machtübernahme ähnelte in vielerlei Hinsicht der eines beträchtlichen Teils der deutschen Bevölkerung. In der Überzeugung, dass der Versailler Vertrag übermäßig harte Strafen verhängt hatte – eine Einschätzung, die von deutschen Politikern in den 1920er Jahren pausenlos propagiert worden war –, gab es praktisch einen Konsens darüber, dass Deutschland eine Reihe von «legitimen» Ansprüchen zu Missständen vorbrachte, die behoben werden sollten. Darüber hinaus zeigten sich die kapitalistischen Gesellschaften der westlichen Welt zunächst erfreut darüber, dass sich nun mit NS-Deutschland eine verlässliche antikommunistische Barriere in der Mitte Europas aufzutun schien. Außerdem war die Vorstellung eines weiteren gesamteuropäischen Krieges, nur 20 Jahre nach dem «Krieg zur Beendigung aller Kriege», zu schrecklich, als dass die meisten überhaupt darüber nachdenken mochten. In diesem Sinne wollten die britischen Appeasement-Politiker Hitler glauben. Sie wollten glauben, dass in Mein Kampf lediglich die morbiden Tiraden eines jungen Hitzkopfs zu lesen waren, dass der neue deutsche Führer, wie er behauptete, ein Mann des Friedens war und dass seine Forderung nach der Übergabe des zur Tschechoslowakei gehörenden Sudetenlandes nun wirklich die «letzte» dieser Art sein würde.
Es gab jedoch eine Reihe unangenehmer und zunehmend schwer zu ignorierender Fakten, die diesen Wunschvorstellungen zuwiderliefen: Wenn Mein Kampf tatsächlich längst überholt war, warum musste die deutsche Jugend das Buch dann lesen? Wozu sollte die massive, illegale Aufrüstung Deutschlands dienen? Und hatte Hitler nicht bereits vor der Tschechoslowakei eine Reihe anderer angeblich «letzter» Forderungen gestellt, die mit der Androhung von Gewalt einhergingen? Hier tat sich ein Widerspruch auf zwischen den Antworten auf diese (und viele weitere) Fragen und einer Geisteshaltung der politischen Klasse, die sich aus der Kombination von ideologischen Vorannahmen und Wunschdenken – eben vor allem aus Antikommunismus und Friedenssehnsucht – ergab. Dieses Dilemma, mit dem die demokratischen Politiker während der gesamten Dekade der 1930er Jahre gerungen haben, suche ich auf den folgenden Seiten zu erkunden und zu erklären.
Dieses Buch will dabei die historische Genese der entscheidenden Ereignisse in den Blick nehmen: Basierend auf einer Vielzahl von Archivrecherchen ist es als chronologische Erzählung aufgebaut, um sich vor den Vorurteilen der Rückschau zu schützen und zu versuchen, dem Leser die Geschehnisse, Krisen und Notlagen des Jahrzehnts so zu vermitteln, wie sie sich den Zeitgenossen dargestellt haben. Ich bin mir jedoch der Tatsache bewusst, dass sich seit Beginn meiner Recherchen zu diesem Buch im Sommer 2015 das aktuelle Weltgeschehen in Teilen so entwickelt hat, dass sich manche zu der Frage veranlasst sehen, ob wir Gefahr laufen, die Fehler der 1930er Jahre zu wiederholen. Auch wenn ich glaube, dass die Welt sich in einem weitaus besseren Zustand befindet als in jenem katastrophalen Jahrzehnt, ist doch schwer zu ignorieren, dass die Geschichte der 1930er Jahre in den heutigen Entwicklungen anzuklingen scheint. Ein Wiederaufleben von Nationalismus und Isolationismus, Angriffe auf die liberalen Werte, einschließlich der Freiheit und Pluralität der Medien, die Zerschlagung und Verunglimpfung multinationaler Institutionen, die Politik der geschürten Unzufriedenheit, der Verschwörungstheorien und der Spaltung, der Niedergang der «Wahrheit» – das sind die Themen, die in den 1930er Jahren in die moralische Verkommenheit, in die Diktatur und die Zerstörung führten. Und das sind die Themen, die in den letzten fünf Jahren unverkennbar einen neuerlichen Aufschwung erlebt haben. Ihnen zu begegnen ist in erster Linie Aufgabe der Politik. Doch auch wenn sich in der Weltgeschichte allzu oft zeigt, dass wir Menschen aus der Historie nichts lernen, können wir dennoch nur mit Hilfe eines tieferen Verständnisses der Vergangenheit versuchen, eine Wiederholung zu vermeiden. Das jedenfalls ist die fortwährende Hoffnung der Historiker, mich eingeschlossen.
Tim Bouverie, London im Oktober 2020
Was konnte angesichts des Ersten Weltkriegs verständlicher sein als der Wunsch, einen zweiten Weltkrieg zu verhindern? Es verwundert daher kaum, dass es sich bei diesem Wunsch seinerzeit um ein weltumspannendes Phänomen handelte. Mehr als 16,5 Millionen Menschen waren während des Ersten Weltkriegs getötet worden. In Großbritannien beklagte man 723000 Todesfälle, das Britische Empire zählte weitere 230000 Verluste, für Frankreich beziffert man die Zahl auf 1,7 Millionen, für Russland auf 1,8 Millionen, für Deutschland auf über 2 Millionen. Allein am ersten Tag der Schlacht an der Somme verloren 20000 britische Soldaten ihr Leben. Bis heute werden im Beinhaus von Douaumont die Gebeine von rund 130000 französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt, die sterblichen Überreste von lediglich einem Sechstel der Gefallenen der 302 Tage dauernden Schlacht um Verdun. Unter den Überlebenden des Ersten Weltkriegs fand sich kaum jemand, der nicht zumindest seelische Narben davontrug, weil Vater, Ehemann, Sohn, Bruder, Cousin, Verlobter oder Freund getötet oder versehrt worden war. Als alles vorbei war, feierten noch nicht einmal die Gewinner das Ende als einen ruhmreichen Sieg. Dementsprechend war es auch kein Arc de Triomphe, der am 19. Juni 1919 als Ehrenmal von Whitehall in London enthüllt wurde, sondern ein Kenotaph, ein Symbol des Verlusts. Jedes Jahr am Tag des Waffenstillstands beteiligten sich Tausende Briten am stillen Trauerdefilee entlang dieses Kenotaphs, während auf der gesamten Insel in Schulen und Gemeinden, genau wie auf dem europäischen Festland auch, in Gedenkveranstaltungen an Freunde und Kollegen erinnert wurde. Die Losung dieser Zusammenkünfte hieß dabei über Jahre hinweg so konsequent wie entschieden: «Nie wieder Krieg!»
Dennoch kam es zu einem weiteren militärischen Konflikt. Trotz aller guten Absichten und Anstrengungen, die auf Beschwichtigung wie Abschreckung gezielt hatten, fanden sich Briten und Franzosen keine 21 Jahre nach dem Krieg, der alle Kriege hatte beenden sollen, in einem neuen Krieg wieder – mit demselben Kriegsgegner. Dieses Buch will zu einem besseren Verständnis der Entwicklungen, die zu diesem Ergebnis führten, einen Beitrag leisten.
Die Debatte über die Appeasement-Politik – den Versuch vonseiten Großbritanniens und Frankreichs, einen Krieg zu verhindern, indem man den diversen deutschen und italienischen Lamenti während der 1930er Jahre mit «maßvollen» Zugeständnissen zu begegnen versuchte – ist dabei als ausgesprochen langlebig und kontrovers zu charakterisieren. Während die einen in der Appeasement-Politik die «moralische wie objektive Katastrophe» sehen, die für den Konflikt mit den historisch höchsten Zahlen an Todesopfern verantwortlich ist, wurde sie von anderen als «eine noble Idee, die auf «christlichen Werten, Mut und gesundem Menschenverstand basiert»,[1] beschrieben. Zwischen diesen beiden Extremen lassen sich Hunderte von nuancierten Positionen finden, die sich in zahlreiche Unterargumente ausdifferenzieren und allerhand historische Kontroversen bedingen. Geschichte ist selten eindeutig, trotzdem werden von Politikern und Experten insbesondere in Großbritannien und den USA immer wieder gern die sogenannten Lehren aus der Geschichte bemüht, wenn es darum geht, Interventionen im Ausland zu legitimieren – in Korea, in der Golfregion, auf Kuba, in Vietnam, auf den Falklandinseln, im Kosovo und (bereits zweimal) im Irak. Gleichzeitig wird im Gegenzug jeder Versuch, eine Einigung mit einem früheren Gegenspieler zu finden, unweigerlich mit dem berüchtigten Münchner Abkommen von 1938 verglichen. Als ich mit der intensiveren Forschungsarbeit für dieses Buch im Frühjahr 2016 begann, hatten konservative Kreise in den USA in einer Kampagne gerade das Schreckgespenst von Neville Chamberlain gegen Präsident Obamas Atomabkommen mit dem Iran in Stellung gebracht. Inzwischen zirkuliert das Konzept des Appeasements in gänzlich anderen Zusammenhängen: etwa dort, wo der Westen nach einer Antwort auf die schwierige Frage sucht, wie mit der russischen Politik des Revanchismus und der Aggression umzugehen sei. Es scheint daher an der Zeit und ein berechtigtes Anliegen zu sein, in einer Neuerörterung des Appeasements herauszuarbeiten, wie diese Politik im Original konzipiert und umgesetzt wurde.
Selbstverständlich gibt es bereits ein beträchtliches Arsenal an Sekundärliteratur zu diesem Thema – auch wenn Anzahl und Aktualität der Veröffentlichungen oft überschätzt werden. Tatsächlich verhält es sich so, dass sich Publikationen über den Zweiten Weltkrieg in den letzten 20 Jahren zwar geradezu vervielfacht haben, die Vorgeschichte und die Ursachen dieser Katastrophe aber eher vernachlässigt wurden. Außerdem stellt man fest, dass es zwar viele exzellente Veröffentlichungen zur Appeasement-Politik gibt, die meisten sich jedoch entweder auf ein bestimmtes Ereignis, etwa das Münchner Abkommen, oder eine bestimmte Person, hier insbesondere Neville Chamberlain, fokussieren. Im Gegensatz dazu geht es mir darum, mit diesem Beitrag den gesamten historischen Zeitabschnitt zwischen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und der Beendigung des Sitzkriegs, auch Drôle de Guerre genannt, in den Blick zu nehmen und zu zeigen, wie sich das politische Konzept «Appeasement» entwickelt hat und wie sich die politischen Haltungen dazu mit der Zeit geändert haben. Außerdem war es mir wichtig, den Forschungsfokus breiter auszurichten und ein weiter gestreutes Personenfeld zu erfassen als lediglich die Hauptakteure. Der Wunsch, einen Krieg zu vermeiden, auch wenn man dafür einen Modus Vivendi mit den diktatorisch regierten Staaten Deutschland und Italien finden musste, wurde weit über die Grenzen der Regierung hinaus geteilt. Ich habe deswegen das Handeln von einigen weniger bekannten Personen, insbesondere das der sogenannten Amateurdiplomaten, in meine Forschungen mit einbezogen – wobei Chamberlain, Halifax, Churchill, Daladier und Roosevelt selbstverständlich auch in dieser Darstellung in ihrer zentralen Rolle für die Geschichte gewürdigt werden. Prinzipiell habe ich mich dafür entschieden, die Form einer narrativen Darstellung zu wählen, die die Unwägbarkeiten, die unmittelbare Dramatik und die Dilemmata der untersuchten Zeit erfasst. Der Leser wird so auf der Basis einer Auswertung von Tagebüchern, Briefen, Zeitungsartikeln und diplomatischer Korrespondenz entlang einer sich erzählend entfaltenden Chronologie – zu der Analyse und Einordnung des Geschehenen durchweg ihren Beitrag liefern – durch diese turbulenten Jahre geleitet. Um dies zu leisten, habe ich mehr als 40 Sammlungen privater Unterlagen und Korrespondenzen ausgewertet und dabei unveröffentlichtes Material entdecken können, das ich in den Text habe einfließen lassen, wann immer das möglich war, ohne den Erzählfluss zu beeinträchtigen. Im Text selber habe ich diese Funde nicht gesondert hervorgehoben, aber jeweils den unveröffentlichten Quellen den Vorzug vor bereits veröffentlichtem Material gegeben und zahlreich und ausführlich aus diesen Dokumenten zitiert.
Eine Veröffentlichung zu internationalen Beziehungen thematisiert ihren Gegenstand selbstverständlich aus internationaler Perspektive. Nichtsdestoweniger ist dies ein Buch über Politik, Gesellschaft und Diplomatie in Großbritannien. Denn auch wenn es heute in Vergessenheit geraten sein mag: In den 1930er Jahren war Großbritannien nominell noch immer das mächtigste Land der Welt – stolzer Dreh- und Angelpunkt eines Empires, dessen Fläche ein Viertel des Erdballs ausmachte. Es war nicht zu übersehen, dass Amerika die kommende Großmacht sein würde, aber die USA hatten sich infolge des Ersten Weltkriegs auf eine Position des Isolationismus zurückgezogen. Und Frankreich, das als einzige andere Nation in der Lage gewesen wäre, die deutschen Ambitionen zu beschränken, hatte sich entschieden, in Bezug auf diplomatische wie militärische Initiativen den Briten die Führungsrolle zu überlassen. Obwohl die Briten es vorgezogen hätten, nicht zu intensiv in die problematische Situation auf dem Kontinent involviert zu werden, fanden sie sich daher in einer gänzlich anderen Rolle wieder: als die eine politische Kraft, die sowohl faktisch als auch in der Wahrnehmung der Welt über die diplomatische Kompetenz, die moralische Autorität und die militärische Erfahrung verfügte, um Hitlers Streben nach der Vorherrschaft in Europa etwas entgegenzusetzen.
Die in Frage stehenden Entscheidungen, die nicht nur die Entwicklung Großbritanniens, sondern die Geschichte der ganzen Welt beeinflussen sollten, wurden dort von einer bemerkenswert übersichtlichen Anzahl von Personen getroffen. Die folgenden Ausführungen könnten zunächst den Eindruck erwecken, sie seien im Geist der ultimativen Ehrenrettung einer historischen Perspektive der «Geschichte großer Männer» geschrieben. Diese Männer (und es waren tatsächlich nahezu ausschließlich Männer) handelten jedoch keineswegs in einem gesellschaftlichen Vakuum. Großbritanniens politische Führungsmannschaft war sich ihres Handlungsspielraums ob der realen Rahmenbedingungen wie der vermeintlichen Zwänge in politischer, finanzieller, militärischer und diplomatischer Hinsicht äußerst bewusst. Und sie hatten die öffentliche Meinung bei allen ihren Überlegungen mit im Blick, auch wenn es sich dabei, in einer Ära, in der Meinungsumfragen noch in den Kinderschuhen steckten, noch um ein recht amorphes Gebilde handelte. Ignorieren konnte man die öffentliche Meinung jedenfalls nicht; ganz im Gegenteil wurde sie – so wie sie sich in Leserbriefen an die Medien oder direkter noch in Briefen an und Gesprächen mit den parlamentarischen Vertretern darstellte – von der britischen politischen Elite überaus ernst genommen. Bis weit in die 1930er Jahre hinein waren sich die demokratisch gewählten britischen wie französischen Führungspersönlichkeiten sicher, dass die Bevölkerung weder in Großbritannien noch in Frankreich eine Politik unterstützen würde, die einen neuen Krieg riskierte, und handelte entsprechend. Was aber würde geschehen, wenn ein Krieg unvermeidlich würde? Was, wenn Hitlers Machthunger sich als unersättlich erweisen würde? Und wenn das Bedürfnis, einen Krieg zu vermeiden, diesen nur umso wahrscheinlicher werden ließ?
Am Abend des 1. September 1939, einem Freitag, begab sich der ehemalige Marineminister Alfred Duff Cooper mit seiner Frau in das Restaurant des Savoy Hotel in London. Wie üblich zu solch einem Anlass im Smoking gekleidet, wollte Cooper dort drei andere Konservative treffen. Ein Tag voller Sonnenschein war in einen angenehm warmen Abend übergegangen, und in den prachtvollen Art-déco-Räumlichkeiten des berühmten Restaurants deutete nichts auf eine Krise hin. Als Letzte ankommend, standen die Coopers dort jedoch plötzlich im Dunkeln – Resultat einer eilig erlassenen Verdunklungsmaßnahme. Nirgends war ein Taxi zu bekommen, und das Paar begann sich Sorgen zu machen, wie es nach Hause gelangen sollte, als Hugh Grosvenor, 2. Duke of Westminster, Spitzname ‹Bendor›, in seinem Rolls-Royce neben ihnen hielt und anbot, sie mitzunehmen. Erleichtert willigten die Coopers ein, bereuten aber sofort, in den Wagen gestiegen zu sein, als der Duke unverzüglich eine Hetztirade gegen Juden anstimmte, die seiner Meinung nach schuld am kommenden Krieg seien. Eingedenk der Tatsache, dass er und seine Frau sich als Gäste im Wagen des Dukes befanden, bemühte sich Cooper, sein bekanntermaßen stürmisches Temperament zu zügeln und dazu nichts zu sagen. Als sich der Duke jedoch hocherfreut zeigte, dass man Deutschland noch nicht den Krieg erklärt habe, und das damit begründete, Großbritannien und Hitler-Deutschland seien doch eigentlich «beste Freunde», konnte Cooper nicht mehr an sich halten. Er explodierte und ließ es sich nicht nehmen, «Seiner Gnaden» ins Gesicht zu sagen, er hoffe, Hitler werde bald herausfinden, dass es sich bei Großbritannien um seinen unbarmherzigsten und unerbittlichsten Feind handele, woraufhin die Coopers, da man gerade am Verkehrsknotenpunkt Victoria entlangfuhr, schleunigst ausstiegen. Am nächsten Tag konnte sich Cooper nur amüsieren, als ihm zugetragen wurde, der Duke of Westminster mache überall mit einer Einschätzung von sich reden: Sollte Großbritannien doch wieder Krieg führen, seien daran «die Juden und Duff Cooper» schuld.[2]
Zwölf Stunden zuvor hatten 1,5 Millionen deutsche Soldaten von Norden, Süden und Westen und mit Unterstützung von 2000 Flugzeugen und mehr als 2500 Panzern Polen angegriffen. Die Bomber der Luftwaffe waren inzwischen dabei, polnische Flugplätze und Städte zu zerstören, während die deutschen Panzerdivisionen mit einem temporeichen Vorstoß bereits tief in polnisches Staatsgebiet vorgedrungen waren. In London waren sich Öffentlichkeit wie Politik sicher, dass man sich an der unmittelbaren Schwelle zum Kriegseintritt befand. Schließlich hatte sich Großbritannien nur sechs Tage zuvor in einer Übereinkunft mit Polen dazu verpflichtet, dem Land unverzüglich zu Hilfe zu kommen, sollte es angegriffen werden. «Wir sitzen nun im selben Boot», hatte Schatzkanzler Sir John Simon dem polnischen Botschafter noch an diesem Morgen versichert und weiterhin gegenüber dem Grafen Raczyński beteuert: «Ein Versprechen, das England seinen Freunden gegeben hat, wird es niemals brechen.»[3]
Ebenfalls noch am selben Tag erntete Premierminister Neville Chamberlain im Unterhaus zustimmende Rufe, als er seine Faust auf das Rednerpult schlug und erklärte: «Die Verantwortung für diese schreckliche Katastrophe liegt einzig und allein bei einem Mann: dem deutschen Kanzler. Ohne zu zögern, hat er die ganze Welt ins Unglück gestürzt, nur um seine unsinnigen Ambitionen zu befriedigen.» Doch während er Chamberlain noch reden hörte, konnte der konservative Parlamentsabgeordnete Edward Louis Spears nicht umhin, daran zu denken, wie der Premier sich nur ein Jahr zuvor gerühmt hatte, mit dem Münchner Abkommen «den Frieden für unsere Zeit» gesichert zu haben. Nichtsdestoweniger wirkte Chamberlain nun entschlossen, ja geradezu kampflustig. Das Kabinett hatte am Morgen bereits die generelle Mobilmachung beschlossen, und der britische Botschafter in Berlin hatte dem deutschen Außenminister eine Mitteilung überbracht: Wenn die deutsche Regierung nicht bereit sei, die feindlichen Handlungen einzustellen und ihre Truppen abzuziehen, dann werde «die Regierung Seiner Majestät ohne Zögern ihre Verpflichtungen gegenüber Polen erfüllen».[4] Unübersehbar hatte die britische Regierung es jedoch versäumt, dieses Quasi-Ultimatum mit einer Frist zu versehen.
Am nächsten Tag, Samstag, dem 2. September, wandelte sich die sommerliche Wärme in drückende Schwüle. Während die Parlamentarier, die es nicht gewohnt waren, über das Wochenende in der Stadt bleiben zu müssen, noch nach Zerstreuung suchten, marschierten dunkle Wolken am Horizont auf, unzweifelhaft braute sich dort ein Sturm zusammen. Indessen schritten die Vorbereitungen auf die Bombenangriffe voran, die man erwartete, sobald Großbritannien eine Kriegserklärung verlautbaren würde: Nachdem bereits am Tag zuvor die Kinder aufs Land evakuiert worden waren, folgten nun die Frauen; man brachte die Alten Meister aus der Nationalgalerie in Sicherheit und türmte Sandsäcke vor den Regierungsgebäuden auf, während über allem eine Armada von Sperrballonen den Himmel bevölkerte. In einer vergeblichen Geste, die auf illusorischen Hoffnungen aufbaute, sandte der Duke of Windsor, der vormalige König Edward VIII., ein Telegramm an Hitler und drängte ihn, «alles in seinen Kräften Stehende für den Frieden zu tun».[5]
Am Nachmittag bildeten sich im gesamten Bezirk Whitehall Menschenansammlungen, die beobachteten, wie die Minister des Kabinetts in Downing Street ankamen und die Abgeordneten in Richtung Parlamentsgebäude hasteten. Die Stimmung, so notierte es Konteradmiral Tufton Beamish, konservativer Abgeordneter und Repräsentant des Wahlkreises Lewes, war eine völlig andere als bei der britischen Kriegserklärung zu Beginn des Ersten Weltkriegs 25 Jahre zuvor. «Damals war Whitehall erfüllt vom begeisterten Jubel der Massen, niemand dachte an die Millionen von Menschen, die getötet werden würden, an die Kriegsdienstverpflichtungen, die Trauer, die erbärmlichen, chaotischen Zustände … Diesmal sehe ich bedrückte Mienen, desillusionierte Blicke und grimmige Entschlossenheit.»[6]
Den Abgeordneten im Parlament fiel es deutlich schwerer, Ruhe zu bewahren. Mit Befremden hatten sie konstatiert, dass es Chamberlains Erklärung vom Vorabend an Präzision fehlte, und versammelten sich nun um 14:45 Uhr in der Erwartung im Unterhaus, dass augenblicklich bekanntgegeben werde, Großbritannien befände sich im Krieg. Stattdessen erhob sich Sir John Simon und erklärte, der Premierminister sei aufgehalten worden und würde später am Abend eine Erklärung abgeben. Besorgniserregende Gerüchte begannen zu kursieren: Der italienische Diktator Benito Mussolini habe eine internationale Konferenz vorgeschlagen und das Kabinett erwäge, an der Zusammenkunft teilzunehmen; die Labour Party hätte sich geweigert, einer Koalition beizutreten; die Franzosen seien dabei umzufallen.
Um die Zeit zu überbrücken und die blankliegenden Nerven zu beruhigen, begaben sich viele Abgeordnete in den Rauchersalon des Unterhauses. «Die Menge an Alkohol, die getrunken wurde, war unglaublich!», berichtete der ehemalige Kabinettsstaatssekretär Lord Hankey.[7] «Ein immenses Stimmengewirr» war einem Abgeordneten der Konservativen vor allem in Erinnerung geblieben und dass «jeder eine nagende Besorgnis verspürte, was unsere Garantie gegenüber Polen betraf».[8] «Wir fürchteten, die Ehre Großbritanniens könnte sich vor unseren Augen in Luft auflösen», hielt ein anderer Augenzeuge fest.[9] Schließlich hörte man es zum Sitzungsbeginn klingeln und die Abgeordneten, die «sich inzwischen Mut angetrunken hatten», drängten sich in der Erwartung, die ausstehende Kriegserklärung zu hören, wieder in den Plenarsaal.[10] Die Atmosphäre war vergleichbar mit der «eines Gerichtssaals, der auf das Urteil der Jury wartet».[11]
Um 19:42 Uhr betrat Chamberlain, von seinen Anhängern angefeuert, den Saal. Keine zwei Minuten später stand er am Platz, bereit, seine Rede zu beginnen. Die Abgeordneten beugten sich erwartungsvoll vor. «Alle warteten wir gespannt darauf, dass jetzt die Ankündigung folgen würde, dass der Krieg erklärt worden war», schrieb Louis Spears.[12] Aber das geschah nicht. Der Premier klang erschöpft, als er über die jüngsten Gespräche der Regierung mit Deutschland sprach, dann bestätigte er die Gerüchte über einen italienischen Vorschlag für eine Fünf-Mächte-Konferenz zur Lösung des deutsch-polnischen Konflikts. Natürlich sei es unmöglich, dies in Betracht zu ziehen, so erklärte er, während sich Polen «einer Invasion ausgesetzt» sah. Wenn die deutsche Regierung jedoch bereit wäre «zuzustimmen, ihre Streitkräfte zurückzuziehen, dann wäre die Regierung Seiner Majestät bereit, die Situation als die gleiche zu betrachten, wie sie sich vor dem Überschreiten der polnischen Grenze durch die deutschen Streitkräfte dargestellt hat». Die britische Regierung sei sogar bereit, sich selbst an den anschließenden Verhandlungen zu beteiligen.[13]
Die Mitglieder der Kammer waren entsetzt. Die Polen erlebten seit über 36 Stunden die schrecklichsten Bombardements, und die britische Regierung spielte noch immer auf Zeit. Schlimmer noch, viele Abgeordnete kamen zu dem Schluss, dass der Premierminister sich aktiv um einen schäbigen Kompromiss – ein zweites Münchner Abkommen – bemühte. «Die Abgeordneten saßen da, als ob sie zu Stein verwandelt worden wären», erinnerte sich Spears. Der Schock war so groß, dass für einen Moment nicht mehr zu hören war als das Knarren eines Stuhls – der Premierminister, der sich setzte.[14] Nicht ein einziges «Hört, Hört!» hatte es zum Abschluss von Chamberlains Erklärung gegeben.
Als der amtierende Labour-Vorsitzende Arthur Greenwood aufstand, um zu antworten, brach im Saal die Hölle los. Die Abgeordneten auf seiner Seite jubelten ihm zu, wie es zu erwarten war, außergewöhnlich war allerdings der tosende Zuspruch, der von der konservativen Seite des Hauses kam. «Sprich für England», rief der ehemalige Kolonialminister Leo Amery.[15] Erstaunt schwankte Greenwood fast, stellte sich jedoch der Situation und erklärte, dass «jede Minute an Verzögerung» bedeute, «unsere nationalen Interessen zu gefährden, die Grundlagen unserer nationalen Ehre». Es möge gute Gründe für das Zögern des Premierministers geben (er wusste, welche Probleme die Regierung damit hatte, die Franzosen zu überzeugen, einem Zeitrahmen für ein Ultimatum zuzustimmen), aber so könne es nicht weitergehen.
In dem Moment, in dem wir ein Nachgeben signalisieren, weiß die Diktatur, dass wir geschlagen sind. Wir sind nicht geschlagen. Wir werden nicht geschlagen werden. Wir sind nicht zu schlagen, aber eine Verzögerung birgt Gefahren, und ich hoffe, dass der Premierminister … uns, wenn das Parlament morgen Mittag wieder zusammentritt, sagen kann, wie die endgültige Entscheidung aussieht.[16]
Als Greenwood sich wieder setzte, folgte ein Aufruhr. Die normalerweise strikt regierungstreuen Tory-Hinterbänkler schwenkten ihre Sitzungspapiere und jubelten dem Labour-Anführer zu, bis sie heiser waren. «Alle, die sterben wollten, hatten ihr Cäsar-Zitat zur Hand», notierte der Staatssekretär im Außenministerium Henry ‹Chips› Channon. Es herrschte eine Stimmung, die an «eine Neuauflage der alten München-Wut» erinnerte.[17] Ein pazifistischer Labour-Abgeordneter versuchte, einen seiner weniger pazifistisch eingestellten Kollegen zu schlagen. Chamberlain erblasste. Nun, das sei ihm nicht zu verübeln, dachte der Abgeordnete von National Labour Harold Nicolson. «Hier waren sie, die glühendsten Anhänger des P[remierminister]s, und jubelten seinem Gegner zu, so laut sie nur konnten. In der ersten Reihe sahen sie aus, als wäre ihnen ins Gesicht geschlagen worden.»[18]
Ein Mann blieb schweigend auf seinem Platz unterhalb der Galerie sitzen.
Wie kaum ein anderer hatte Winston Churchill das Recht, sich bestätigt zu fühlen durch diese neuerliche von NS-Deutschland ausgehende Gefahr. In der schwersten politischen Schlacht seines Lebens hatte er sich seit 1932 lautstark und mitunter verzweifelt für Aufrüstung und eine entschlossene Haltung gegen die deutsche Aggression eingesetzt. Jetzt, in diesem äußerst kritischen Moment, schwieg er. Sein Dilemma bestand darin, dass er am Vortag zugestimmt hatte, dem Kriegskabinett beizutreten, und sich in gewisser Weise bereits als Mitglied der Regierung betrachtete. Andererseits hatte er seitdem nichts mehr von Chamberlain gehört, und es schien nun, als ob Großbritannien in Bezug auf das den Polen gegebene Versprechen ins Schwanken geriet. Hin- und hergerissen lud er einige gleichgesinnte Parlamentarier zu einem Treffen noch am gleichen Abend für 22:30 Uhr in seine Wohnung ein. Dort zogen Anthony Eden, Bob Boothby, Brendan Bracken, Duff Cooper und Duncan Sandys einen regelrechten Aufstand in Erwägung. Boothby war der Ansicht, dass Chamberlain die Unterstützung der konservativen Partei für immer verloren hatte und dass es Churchills Pflicht sei, am nächsten Tag ins Unterhaus zu gehen und die Macht für sich zu beanspruchen.
Nun brach das Unwetter mit voller Wucht herein. Ein Donnerschlag wie ein Kanonendonner war zu hören, und der Regen peitschte gegen die gotischen Fenster, als zwölf Mitglieder des Kabinetts in Sir John Simons Büro im Palast von Westminster eine Meuterei anzettelten. Das Kabinett hatte am frühen Nachmittag vereinbart, dass der italienische Vorschlag einer Konferenz abgelehnt und Deutschland unabhängig von der Entscheidung der Franzosen ein spätestens um Mitternacht auslaufendes Ultimatum gestellt werden sollte. Nun waren zwölf Regierungsvertreter – über die Hälfte des Kabinetts – der Meinung, dass der Premierminister diese Entscheidung zurückgenommen hatte, und weigerten sich, die Räumlichkeiten des Schatzkanzlers zu verlassen, bis Chamberlain zugestimmt hatte, eine weitere Kabinettssitzung abzuhalten. So etwas hatte es noch nicht gegeben, erinnerte sich der Landwirtschaftsminister Sir Reginald Dorman-Smith: «Wir traten in einen Streik.»[19]
Schließlich, nach vielen Telefonaten mit Paris und einem Treffen mit dem französischen Botschafter, berief Chamberlain ein weiteres Treffen für 22:30 Uhr ein. Müde und zerknautscht machten sich die Aufständler auf den Weg durch die sintflutartigen Regenfälle zur Downing Street Nr. 10, wo sie erstaunt feststellten, dass der Außenminister, Lord Halifax, Zeit gefunden hatte, sich zum Abendessen umzuziehen. In kühlem Ton entschuldigte sich Chamberlain beim Kabinett für das Missverständnis und erläuterte die Probleme, die er mit den Franzosen hatte, die sich weigerten, ein Ultimatum zu stellen, bevor sie ihre Mobilmachung abgeschlossen und ihre Frauen und Kinder evakuiert hatten. Er sei jedoch bereit, sich der Ansicht seiner Kollegen anzuschließen: Es sollte ein britisches Ultimatum gestellt werden, und dessen Frist sollte ablaufen, bevor die Abgeordneten am nächsten Tag um zwölf Uhr wieder zusammenkommen würden. Der Botschafter Seiner Majestät in Berlin solle angewiesen werden, den deutschen Außenminister am nächsten Morgen um neun Uhr zu konsultieren und ein Ultimatum zu stellen, das um elf Uhr britischer Sommerzeit enden werde. Ob jemand etwas einzuwenden habe, fragte er. Keine Antwort. «Richtig, meine Herren», fasste Chamberlain zusammen, «das bedeutet Krieg.» «Kaum hatte er das gesagt», erinnerte sich Dorman-Smith später, «gab es einen gewaltigen Donnerschlag, und ein greller Blitz leuchtete den ganzen Kabinettssaal taghell aus. Es war der ohrenbetäubendste Donnerschlag, den ich je in meinem Leben gehört habe. Das hat das Gebäude regelrecht zum Beben gebracht.»[20]
Elf Stunden später ging Chamberlain mit seiner Ansprache an die Nation auf Sendung.
Ich habe den Eindruck, dass die Personen, die die Politik der Regierung Hitler bestimmen, nicht normal sind. Die meisten von uns haben inzwischen den Eindruck, dass wir uns in einem Land aufhalten, in dem Fanatiker, Hooligans und Exzentriker die Oberhand gewonnen haben.
Der britische Botschafter zu Berlin an den britischen Außenminister, 30. Juni 1933[21]
Das Eis auf der Themse bereitete den Ruderern der Universität von Oxford Probleme. In Yorkshire hatte der Frost zwar die Einsatzfreude der East Holderness Foxhounds kaum bremsen können, aber trotzdem verhindert, dass sie wie gewohnt Fährte aufnehmen konnten. Der Hurlingham Club gab bekannt, dass ein neues Polokomitee gefunden sei, und die Popularität des Profifußballs machte sich nachteilig im Amateurbereich bemerkbar. In den «Home News», noch hinter den Sportseiten der Times, berichtete ein Sonderkorrespondent über die dringende Notwendigkeit, die Räumlichkeiten des Grafschaftsarchivs von Buckinghamshire gegen Einbruch abzusichern. Und es gab eine herzerwärmende Geschichte über eine Anzahl von Seren und Bakterien, die einem Arzt aus dem Kofferraum seines Wagens gestohlen worden waren, die aber nun wieder mit ihrem Besitzer vereint waren. Der Aufmacher auf der Seite «Empire- und Auslandsnachrichten» befasste sich mit dem Wechselkurs in Neuseeland. Erst auf Seite zehn, neben einer Kolumne über die neueste französische Kabinettskrise, fand sich die Nachricht, dass der Präsident der deutschen Republik, der 85-jährige Feldmarschall Paul von Hindenburg, den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, empfangen und ihn gebeten hatte, die Kanzlerschaft zu übernehmen.[22]
Die Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933 stieß auf mehr Interesse, als es das anachronistische Layout der Times vermuten ließ, aber hohe Wellen schlug die Nachricht nicht. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten sich deutsche Kanzler im Durchschnitt knapp ein Jahr im Amt halten können, und die deutsche Wirtschaft litt nach wie vor unter der Weltwirtschaftskrise: Die Arbeitslosenquote lag bei 24 Prozent. Mit ihrem Durchbruch bei der Wahl von 1930 und ihren exorbitanten Gewinnen im Juli 1932 hatten die Nationalsozialisten eine gewisse Bestürzung hervorgerufen, aber als sie später im selben Jahr wieder an Stimmen verloren, vermuteten viele, dass ihre Popularität bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte. Sie fühlten sich in dieser Ansicht bestärkt, als Hitler gezwungen war, eine Koalitionsregierung zu bilden und den katholisch-konservativen Franz von Papen, der zuvor selbst schon Kanzler gewesen war, als Vizekanzler zu akzeptieren. Ganz so, wie die im Kabinett zahlenmäßig stärker vertretenen Konservativen glaubten, dass sie Hitler kontrollieren könnten, besänftigte ihre Anwesenheit die Befürchtungen des Auslands. «Hitler ist deutscher Kanzler geworden», räsonierte der britische konservative Abgeordnete Cuthbert Headlam, «aber nicht allein – er hat von Papen als Vizekanzler und zahlreiche Vertreter der Deutschnationalen Volkspartei in seinem Kabinett – ich kann mir nicht vorstellen, dass er viel Handlungsspielraum haben wird.»[*][23]
Hitlers Auftreten versetzte die friedliebenden Demokraten ebenfalls nicht gerade in Angst und Schrecken. Der Daily Telegraph fragte sich, wie dieser Mann «mit dem lächerlich kleinen Schnurrbart», der so wenig inspirierend aussah, auf die deutsche Bevölkerung eine derartige Anziehungskraft ausüben konnte.[24]
Der den Liberalen nahestehende News Chronicle spottete über den Triumph des «österreichischen Anstreichers», während sich der Labour-nahe Daily Herald über den «untersetzten kleinen Österreicher mit schlaffem Händedruck, verschlagenen braunen Augen und Charlie-Chaplin-Schnurrbart» lustig machte. «Nichts», so der Herald weiter, «deutet in der politischen Laufbahn Adolf Hitlers, eines kleinen Mannes, der die Nervenstärke eines Mädchens und die Eitelkeit eines Schlagerstars besitzt, darauf hin, dass er dem Schicksal seiner unmittelbaren Vorgänger entkommen kann.»[25]
Am Vortag hatte die Times anlässlich des Scheiterns der 55 Tage währenden Kanzlerschaft des Generals Kurt von Schleicher konzediert, dass eine Regierung Hitler als «die am wenigsten gefährliche Lösung eines mit Gefahren behafteten Problems» angesehen werden müsse.[26] Die Entschlossenheit, mit der sich der NSDAP-Vorsitzende zur Abschaffung des Versailler Vertrages geäußert hätte, habe zwar im Ausland Besorgnis hervorgerufen, aber, so das Blatt weiter, «wolle man Fairness gegenüber den Nazis walten lassen, müsse man zugeben, dass sie zu einer möglichen deutschen Weigerung, den vertraglich geregelten Verpflichtungen nachzukommen, wenig mehr gesagt hätten … als die deutschen Parteien, die sich im Wahlkampf zur Verfassung bekannt hatten».[27]
Nicht anders kommentierten dies die Zeitungen Economist und Spectator, während der Labour-nahe New Statesman sogar zuversichtlich in die Zukunft blickte: «Wir sollten nicht erwarten, dass Ankündigungen wie die Vernichtung der Juden oder die Entmachtung der Großfinanz in die Tat umgesetzt werden», kommentierte das Magazin am 3. Februar 1933. Es werde zweifellos einen Angriff auf die Kommunisten geben; aber wenn der politische Druck zu extrem werde, werde er entschlossenen Widerstand hervorrufen und möglicherweise sogar zu einer «vereinigten marxistischen Front» führen, sodass sich die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten am Ende mehr eingebrockt haben könnten, als sie erwartet hätten.[28] Wie sich herausstellte, traf die Einschätzung der imperialistisch eingestellten Morning Post die tatsächlichen Verhältnisse weitaus besser: Dort argumentierte man, die jüngste Wende in der deutschen Politik sei kein gutes Zeichen für den inneren Frieden, und sagte voraus, die neue Regierung werde wahrscheinlich «eine Lösung für innenpolitische Probleme in außenpolitischen Abenteuern suchen».[29]
In Frankreich fielen, wie es noch mehrfach in den folgenden sechs Jahren passieren sollte, große Ereignisse in Deutschland mit einer innenpolitischen Krise zusammen. Am 28. Januar, dem Tag, an dem in Berlin Schleicher zurücktrat, entzogen die Sozialisten Premierminister Joseph Paul-Boncour ihre Unterstützung: Er hatte versucht, den französischen Haushalt zu «retten», indem er eine Erhöhung aller direkten Steuern um fünf Prozent vorgeschlagen hatte.[*] Paul-Boncour trat zurück, und der Radikal-Sozialist und vormalige Kriegsminister Édouard Daladier wurde zum ersten Mal Premierminister.[*] Der Aufstieg Hitlers blieb dennoch nicht unbemerkt. «Deutschland zeigt jetzt sein wahres Gesicht», kommentierte Le Journal des Débats, während der einflussreiche Paris-Soir meinte, Deutschland habe einen Schritt hin zur Wiedereinführung der Monarchie und einer «kompromissloseren Außenpolitik» gemacht.[30] Doch während einige französische Zeitungen (insbesondere aus dem linken Spektrum) alarmiert waren, fielen viele Reaktionen weniger eindeutig aus. Vergleichbar mit der Reaktion der Öffentlichkeit in Großbritannien, gab es diejenigen, die dazu tendierten, den «gewöhnlichen Demagogen» und «Anstreicher» zu unterschätzen, während die französische Rechte zwischen den typischen antipreußischen Ressentiments und der Bewunderung für Hitlers antikommunistische Politik hin- und hergerissen war. L’Ami du Peuple dagegen richtete das Augenmerk auf Hitlers «unerbittlichen Hass auf Frankreich». Da die Zeitung im Besitz des extrem wohlhabenden Parfümeurs François Coty war, seines Zeichens Gründer einer der französischen faschistischen Ligen, vergaß man dabei jedoch nicht, auch zu erwähnen, dass die Nationalsozialisten gerade dabei waren, der menschlichen Zivilisation einen großen Dienst zu erweisen, indem sie die furchtbare Bedrohung durch den Bolschewismus ausmerzten.[31] Ähnliche Ansichten, wenn auch weniger extrem, äußerten die Kommentatoren von L’Echo de Paris, Le Petit Journal und La Croix.
Der französische Botschafter in Berlin, André François-Poncet, und sein britischer Amtskollege, Sir Horace Rumbold, hatten Hitler Ende 1932 für politisch gescheitert erklärt. Nun, da ihre Prognosen sich als falsch erwiesen hatten, reagierten sie hilflos. «Das Hitler-Experiment musste wohl irgendwann gemacht werden», schrieb Rumbold an seinen Sohn, «und wir werden nun sehen, was es hervorzubringen vermag.»[32] François-Poncet war der gleichen Meinung. «Frankreich hat keinen Grund, anders als gelassen zu reagieren», beruhigte er Paris am 1. Februar 1933. Man solle zunächst das Handeln der neuen Machthaber im Reich abwarten.[33] Lange musste man darauf nicht warten.
Hitler hielt kaum eine Woche inne, dann zeigte er der Welt, dass Verfolgung und Gewalt, wie sie schon seinen Weg zur Macht geprägt hatten, auch Markenzeichen seiner Herrschaft werden sollten. Da er keine Mehrheit im Reichstag hatte, überredete er Hindenburg zu Neuwahlen, woraufhin die Nationalsozialisten, nun mit der Macht des Staates auf ihrer Seite, eine Welle von Gewalt und Terror ins Rollen brachten: Braun gekleidete Sturmtruppen verwüsteten Parteibüros von KPD und SPD, stürmten Wahlkampfversammlungen und schlugen politische Gegner zusammen. Die deutsche Presse wurde mundtot gemacht, aber die diversen Auslandskorrespondenten berichteten mit zunehmendem Entsetzen über die tägliche Zahl an Morden, Schlägereien und anderen Ausdrucksformen politischer Unterdrückung. Am 27. Februar 1933, sechs Tage vor dem Wahltag, wurde der Reichstag in Brand gesetzt. Ein niederländischer Kommunist wurde vor Ort verhaftet, und die Nationalsozialisten erklärten, die Brandstiftung habe der Auftakt zu einer bolschewistischen Revolution sein sollen. Der geeignete Vorwand war gefunden, damit Hitler eine Diktatur errichten konnte. Die bürgerlichen Freiheiten wurden ausgesetzt, Kommunisten und andere politische Gegner massenhaft verhaftet. Der neu gewählte Reichstag stimmte dann am 23. März mit dem Erlass des Ermächtigungsgesetzes seiner eigenen Entmachtung zu und gewährte Hitler die Macht, per Dekret zu regieren. Noch im selben Monat wurde eine verfallene Sprengstofffabrik nördlich des mittelalterlichen Städtchens Dachau in ein Lager für in «Schutzhaft» genommene politische Gefangene umgewandelt.
Und dann waren da noch die Juden.
Hitler zufolge weder Deutsche noch gleichwertige Menschen, sollten die Juden für die Mehrheit der Probleme in Deutschland verantwortlich sein. Seit Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte die SA leichtes Spiel mit ihnen, konnte jüdisches Eigentum zerstören und tätliche Angriffe bis hin zum Mord ungestraft begehen. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und Unternehmen am 1. April 1933 fand die erste landesweit koordinierte Verfolgungsaktion der Nationalsozialisten statt. Die internationalen Reaktionen fielen empört aus. Vierzigtausend Menschen protestierten im Londoner Hyde Park, weitere Demonstrationen fanden in Manchester, Leeds und Glasgow sowie in New York statt. Der Scotsman nannte es eine «Hochwassermarke des Hasses»[34], und Lord Reading, ehemaliger britischer Außenminister und erst der zweite nominell die jüdische Religion praktizierende Politiker, der jemals ins Kabinett berufen worden war, trat als Präsident der Deutsch-Britischen Vereinigung zurück.[*] Joseph Goebbels, der klein gewachsene Propagandaminister der Nationalsozialisten, beendete den Boykott schon nach einem Tag wieder, das änderte jedoch nichts daran, dass Juden und andere «Unerwünschte» weiter systematisch aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens in Deutschland verbannt wurden. Für die überwiegende Mehrheit war es nicht möglich, eine andere Beschäftigung zu finden, und Tausende sahen keine Alternative als den Gang ins Exil. Auch vor Menschen von internationalem Ruf machte die Aktion nicht halt, wie der britische Botschafter notierte: Der Komponist Arnold Schönberg, die Dirigenten Bruno Walter und Otto Klemperer sowie der Physiker Albert Einstein waren von der «Säuberung» betroffen. Selbst an dem 1847 verstorbenen Mendelssohn musste die nationalsozialistische Revolution ein Exempel statuieren und ließ sein Porträt aus dem Saal der Berliner Philharmonie entfernen.
Selbstverständlich gab es auch diejenigen, die sich entschieden, den Berichten von den Gräueltaten nicht zu glauben, die sowohl in verschiedenen Zeitungen als auch in Büchern wie etwa dem im August 1933 erschienenen Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror veröffentlicht wurden. Lord Beaverbrook, Inhaber der Massenblätter Daily Express und Evening Standard, besuchte im März 1933 Berlin und kehrte mit der Überzeugung zurück, dass «die Geschichten über die Verfolgung der Juden übertrieben sind».[35] So lautete vorhersehbarerweise auch die Devise der deutschen Regierung und ihres Umfeldes, die man an alle Besucher ausgab – auch wenn die meisten sich gar nicht dafür interessierten oder nicht mutig genug waren nachzufragen. «Alle Berichte, die im Ausland kursieren, sind Humbug und Lügen», schrieb der glühende NS-Anhänger Oberst Ernst Heyne am 1. April 1933 an Sir Ian Hamilton, britischer General im Ersten Weltkrieg. «Kein Land, da bin ich mir sicher», schreibt Heyne, «wäre dieser Meute [den Juden] gegenüber so tolerant gewesen wie wir.» Heyne bat Hamilton im Weiteren, dass er alles ihm Mögliche in seinem Freundeskreis tun solle, «um zu verhindern, dass sich die Stimmung aufgrund einer solchen antideutschen Pressekampagne weiter anheizt».[36] Hamilton antwortete erst im Oktober, aber als er es tat, spornte er Heyne an und beglückwünschte ihn zu seiner «neuen Nazi-Uniform mit den beeindruckend geschnittenen Hosen und Gamaschen». «Jeder ist jetzt begeistert von Ihren Leuten in Deutschland und fragt sich, was Ihr als nächstes tun werdet. Was mich betrifft, so wissen Sie, dass ich ein wahrer Freund Ihres Landes bin, und ich bin ziemlich sicher, dass Sie auf lange Sicht erreichen werden, was Sie wollen.»[37] Ein paar Wochen später erklärte er noch eindringlicher in einem Brief an eine weitere deutsche Pressevertreterin: «Ich bin ein Bewunderer des großen Adolf Hitler und habe mein Bestes getan, ihn auch in schwierigen Zeiten zu unterstützen.»[38]
Hamilton war weder ein Faschist noch ein notorischer Antisemit. Allerdings hatte er sich geweigert, einen Brief zu unterschreiben, in dem die Verfolgung der deutschen Juden verurteilt wurde. Als Begründung hatte er gegenüber der Journalistin und Autorin Rebecca West vorgebracht, dass er sich bereits in zu vielen öffentlichen Angelegenheiten engagiere, und darauf verwiesen, dass er schon zweimal ausgewählt worden sei, eine Gruppe von jüdischen Kriegsveteranen anlässlich des Defilees am Tag des Waffenstillstands am Londoner Gedenk-Kenotaph anzuführen, und keine «antijüdischen Vorurteile» habe.[39] Als Hitler an die Macht kam, war Hamilton 80 Jahre alt und hatte als eine der führenden Persönlichkeiten der Royal British Legion die letzten 15 Jahre damit verbracht, Kriegsdenkmäler zu enthüllen und ehemaligen Soldaten zu helfen. Er glaubte leidenschaftlich an die Notwendigkeit, vormalige Feinde zu versöhnen – nicht zuletzt durch die Verbände der ehemaligen Soldaten – und war 1928 zusammen mit Lord Reading Gründungsmitglied der Deutsch-Britischen Vereinigung. Insbesondere hatte ihn lange das Szenario beschäftigt, dass Deutschland bei einem Zusammenbruch an den Bolschewismus fallen könne, was er als «ein Unglück von existenzbedrohendem Ausmaß für Europa» eingeschätzt hatte.[40] Aus all diesen Gründen war er nicht bereit, die Verfahrensweise der Nationalsozialisten in Bezug auf die Juden zu verurteilen, sondern wurde im Gegenteil ein prominenter Fürsprecher des Regimes. Hamiltons Haltung war nicht untypisch für seine Klasse. Obwohl die meisten Mitglieder der gesellschaftspolitischen Elite Großbritanniens die Juden-Hetze der Nationalsozialisten geschmacklos fanden oder sie ihnen sogar zuwider war, gab es doch bei einigen eine Tendenz, Ausreden dafür zu finden. «Wir alle verurteilen die Torheit und Gewalt dieser Angriffe auf Juden in Deutschland», schrieb der Bischof von Gloucester Mitte 1933 in seiner Diözesanzeitschrift, aber es sei dennoch wichtig, daran zu erinnern, dass «für die Gewalt der russischen Kommunisten, vor allem zu Beginn, insbesondere viele Juden verantwortlich waren.» Viele Juden hätten das ihre dazu beigetragen, «die Gewalt der sozialistischen Gemeinschaften zu inspirieren». Er wollte auch nicht unerwähnt lassen, dass die Juden «kein allzu angenehmes Element in Deutschland sind, insbesondere nicht im Berliner Großstadtleben».[41]
Nichtsdestotrotz reagierten weite Teile der Bevölkerung mit Abscheu auf die Pogrome der Nationalsozialisten, sodass Außenminister Sir John Simon Alfred Rosenberg, der sich als «Botschafter» der NS-Ideologie im Ausland betätigte, deutlich machte: «Deutschland hat in zwei Monaten die Sympathie verspielt, die es hier im Laufe von zehn Jahren aufgebaut hat.»[42] Simon wies Sir Horace Rumbold an, diesen Punkt Hitler gegenüber zu wiederholen, darüber hinaus war die britische Regierung machtlos. Bei der Premiere der Filmversion von The Scarlet Pimpernel im folgenden Jahr mochte man daher dem Lamento der fiktiven Figur des «Prince of Wales» nur zustimmen, als er klagte: «Ein Land, das verrückt geworden ist, hat das Recht, innerhalb seiner eigenen Mauern jeden Schrecken zu verbreiten.»[43] Es stellte sich zudem die viel dringendere Frage, welche Politik das neue Deutschland außerhalb seiner Grenzen verfolgen wollte.
Schon lange bevor Hitler an die Macht kam, hatte man sich von der Idee verabschiedet, dass der Versailler Vertrag den europäischen Frieden garantiere. Tatsächlich hatten wichtige politische Akteure bereits vor der Unterzeichnung des Dokuments gewarnt, dass es zu einer Katastrophe führen werde. «Man könne Deutschland seiner Kolonien berauben, die Armee auf eine Polizeitruppe reduzieren und die Marine auf das Niveau eines fünftklassigen Staates herunterschrauben», schrieb der britische Premierminister David Lloyd George im sogenannten Fontainebleau-Memorandum vom März 1919, aber «wenn sie sich im Frieden von 1919 ungerecht behandelt fühlen, werden [die Deutschen] Mittel finden, um an den Siegern Vergeltung zu üben».[44] Leider konnten weder Lloyd George noch der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (der für die größte Nachsicht eintrat) den französischen Premierminister Georges Clemenceau davon abhalten, Deutschland harte Bedingungen aufzuerlegen. In den zwanziger Jahren wurde daher nach Möglichkeiten gesucht, die Fehler, die man mit dem Versailler Vertrag gemacht hatte, auszugleichen.
1925 wurde mit dem Vertrag von Locarno die Westgrenze Deutschlands besiegelt – diesmal mit den Deutschen als freiwilligen Unterzeichnern –, und im folgenden Jahr wurde Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Der Briand-Kellog-Pakt von 1928 verbot den Krieg als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten, während die Pläne von Dawes und Young die deutschen Reparationen neu anpassten und reduzierten, bis sie 1932 in der Konferenz in Lausanne ganz gestrichen wurden. Nichts davon, trotz der Friedensnobelpreise, die den verschiedenen Architekten einer Weltfriedensordnung verliehen wurden, reichte aus. Nur die Abschaffung der Kriegswaffen selbst, so hatte man den Eindruck, konnte den Frieden garantieren. Deshalb wurde am 2. Februar 1932 in Genf mit großem Trara eine Weltabrüstungskonferenz eröffnet. «Wenn alle Nationen sich darin einig sind, auf den Besitz und den Einsatz von Waffen zu verzichten, die einen erfolgreichen Angriff ermöglichen», schrieb Präsident Franklin D. Roosevelt in einer Botschaft an seine Kollegen, «werden die Verteidigungsanlagen infolgedessen unüberwindbar, und die Grenzen und die Unabhängigkeit jeder Nation sind gesichert.»[45] Leider waren die Verhandlungen auf der Abrüstungskonferenz zum Zeitpunkt von Roosevelts Botschaft bereits festgefahren. Man konnte sich darüber nicht einig werden, was eine «defensive» Waffe im Gegensatz zu einer «offensiven» Waffe sein sollte. Außerdem forderten die Deutschen eine Gleichstellung mit ihren Nachbarn in der Frage der Rüstungsmöglichkeiten – etwas, was die Franzosen nie zulassen würden. Die Franzosen wurden nicht müde zu betonen, dass Frankreich in den letzten sechzig Jahren zwei deutsche Invasionen hatte erleben müssen und die Folge der zweiten Invasion ein wirtschaftliches Ausbluten gewesen sei. Deswegen seien die Franzosen in Versailles so fest entschlossen gewesen, Deutschland für das, was es Frankreich angetan hatte, bezahlen zu lassen, und die Deutschen so weit zu schwächen, dass sie möglichst nie wieder in der Lage sein sollten, die französische Sicherheit zu gefährden. Aus diesem Grund waren die Franzosen im Gegensatz zu anderen Kriegsparteien in den 1920er Jahren schwer bewaffnet geblieben und verfügten 1933 über die mächtigste Armee der Welt. Diese Furcht speiste sich dabei nicht bloß aus Paranoia. Selbst als Deutschland große Teile seines Territoriums zugunsten anderer Nationen abgegeben hatte, zählte das Land noch immer eine Bevölkerung von etwa 65 Millionen Einwohnern im Vergleich zu 40 Millionen Franzosen. Das Deuxième Bureau (der französische Geheimdienst) hatte bereits vor Hitlers Machtübernahme substanzielle Beweise für eine illegale deutsche Aufrüstung gesammelt, und die Generalstabschefs erinnerten die Politiker unablässig daran, dass Frankreich «magere Jahre» bevorstanden, in denen sich aufgrund der niedrigen Geburtenrate während des Ersten Weltkriegs die Zahl der Wehrpflichtigen halbieren werde.
Die Aufgabe, zwischen der französischen und der deutschen Position zu vermitteln, fiel den Briten zu, die größtenteils mit den Deutschen sympathisierten und zunehmend verärgert über die Franzosen waren. Zum Teil handelte es sich dabei um eine Wiederbelebung traditioneller nationaler Vorurteile. Vor 1914 hatten viele Briten das Gefühl verspürt, mehr mit den Deutschen gemeinsam zu haben als mit den Franzosen. Ein Gefühl, das sogar mit dem Ersten Weltkrieg nicht ganz verloren ging. Wie Robert Graves in Goodbye to All That schrieb, hatte sich ein gewisses «antifranzösisches Gefühl unter den meisten ehemaligen Soldaten beinah zu einer Obsession entwickelt». So schwor etwa der Dichter Edmund Blunden (der sowohl an der Somme als auch bei Passendale in der Dritten Flandernschlacht gekämpft hatte), dass er nie wieder an einem Krieg teilnehmen würde – «außer gegen die Franzosen. Wenn es jemals einen Krieg mit ihnen gibt, werde ich unversehens dabei sein: wie ein Schuss, so schnell.»[46] In offiziellen Kreisen wurde dieses antifranzösische Gefühl durch den Wunsch befeuert, Deutschland an ein Rüstungsabkommen zu binden, bevor es zu spät war, und die britische Regierung war gezwungen, die Alternative in Betracht zu ziehen: eine massive Aufrüstung. So bezeichnete der Premierminister Ramsay MacDonald Frankreich im Februar 1930 als das «Friedensproblem Europas». J.L. Garvin, der mit Mussolini sympathisierende Herausgeber des Observer, kritisierte die ehemaligen britischen Verbündeten dafür, dass sie eine «künstliche Dominanz» bewahren wollten, und selbst der frankophile Ständige Unterstaatssekretär des Außenministeriums, Sir Robert Vansittart, meinte, die Franzosen seien in der Ausgestaltung ihrer Beziehungen zu den Deutschen «unangemessen nachtragend».[47] Daran änderte sich zunächst auch nichts, als Hitler auf der Bühne der internationalen Politik erschien. «Ich habe nicht den Eindruck, dass der Hitlerismus unsere Bevölkerung pro-französisch hat werden lassen», schrieb der ehemalige stellvertretende Kabinettssekretär Thomas Jones, «aber er hat die Menschen nachdenklich gemacht. Sie stellen das Deutschland entgegengebrachte Vertrauen in Frage, das seit dem Ende des Krieges stetig gewachsen ist.»[48]
Ein Mann, dessen Vertrauen stark erschüttert war, war der britische Botschafter Sir Horace Rumbold. Mit seinem leicht verhangenen Blick, seinem perfekt frisierten kleinen Schnurrbart und seinem stoisch neutralen Gesichtsausdruck erschien Rumbold als der ultimative Eton-Absolvent und als so «englisch wie Eier und Speck».[49] Der ehemalige Außenminister Lord Curzon hatte ihn für «nicht wach genug für Berlin» gehalten, aber hinter dem harmlosen Äußeren verbarg sich ein alles durchdringender Geist, sodass Vansittart später zugeben musste, «seine Warnungen waren klarer als alles, was wir danach geliefert bekamen».[50] Erschrocken über die Rücksichtslosigkeit, mit der Hitler seine Diktatur errichtet hatte, sah der Botschafter von Anfang an, dass die Ideologie, die der nationalsozialistischen Innenpolitik zugrunde lag, auf die internationale Ebene übertragen werden könnte. Die wahre Natur der Außenpolitik, die man von Hitler zu erwarten hatte, erschloss sich Rumbold dann bei der Analyse von Hitlers autobiographischem Manifest Mein Kampf. In einer meisterhaften 5000 Worte starken Zusammenfassung, geschrieben im April 1933 – nur drei Monate nach Hitlers Machtübernahme –, legte Rumbold Hitlers Sozialdarwinismus offen:
Er beginnt mit Behauptungen, dass der Mensch ein kämpfendes Tier sei. Deshalb sei die Nation, so schließt er, eine Kampfeinheit, eine Gemeinschaft von Kämpfern. Jeder lebende Organismus, der aufhört zu kämpfen, hört auf zu existieren, ist, so behauptet er, zum Aussterben verurteilt. Ein Land oder eine Rasse, die aufhört zu kämpfen, ist ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Die Kampfkraft einer Rasse hängt von ihrer Reinheit ab. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sie von allem Fremden zu befreien. Die jüdische Rasse ist aufgrund ihrer Universalität zwangsläufig pazifistisch und internationalistisch eingestellt. Pazifismus ist die tödlichste Sünde, denn Pazifismus bedeutet die Kapitulation der Rasse im Kampf um ihre Existenz. … Die deutsche Rasse, wäre sie rechtzeitig geeint worden, würde heute die Welt beherrschen. Das neue Reich muss alle verstreuten deutschen Elemente in ganz Europa versammeln. Eine Rasse, die besiegt worden ist, kann gerettet werden, indem man ihr Selbstwertgefühl wiederherstellt. Vor allem muss die Armee wieder an ihre eigene Unbesiegbarkeit glauben. Um die deutsche Nation wiederherzustellen, «ist es nur notwendig, die Menschen davon zu überzeugen, dass das Wiedererlangen der Freiheit durch Waffengewalt eine reale Möglichkeit ist».
Rumbold hob die Bedeutung hervor, die Hitler dem Aufbau eines mächtigen Militärs beimaß – denn: «Deutschlands verlorene Provinzen können nicht durch feierliche Appelle an den Himmel gewonnen werden, … sondern nur durch Waffengewalt». Und er wies darauf hin, dass Hitler die Parole ausgegeben habe, Deutschland dürfe den Fehler des letzten Krieges, alle Feinde auf einmal bekämpfen zu wollen, nicht wiederholen, sondern müsse sich einen nach dem anderen vornehmen. Es sei selbstverständlich ungewiss, inwieweit Hitler diese Ideen tatsächlich umsetzen wolle, aber Rumbold warnte davor, sich Hoffnungen auf einen radikalen Wechsel in Hitlers Anschauungen zu machen. Hitler möge von Zeit zu Zeit demonstrativ seine friedlichen Absichten deklarieren, das tue er aber nur, um die Außenwelt «in einem Gefühl der Sicherheit zu wiegen». Letztendlich war Rumbold überzeugt, dass dort nun entschieden eine Politik verfolgt werde, deren Ziel es sei, «Deutschlands Vorbereitungen zu einem Punkt zu bringen, von dem aus es eine solide Basis erreichen könne, bevor sich die Gegner einmischen könnten».[51] Die Nachbarstaaten Deutschlands, so warnte er, müssten wachsam sein. Als Rumbolds «Mein-Kampf-Depesche» im Außenministerium weitergegeben wurde, sorgte das für solches Aufsehen, das sie zu MacDonald gelangte, der sie wiederum an das Kabinett weiterleitete. Dies war nicht die einzige Warnung, die Großbritanniens politische Spitze erreichte. Am 10. Mai 1933 schickte Brigadier A. C. Temperley, einer der britischen Delegierten bei der Abrüstungskonferenz, dem Außenministerium ein Memorandum, in dem die Regierung aufgefordert wurde, die Abrüstung aufzugeben und Deutschland wegen seines illegal aufgestellten Militärs an den Pranger zu stellen. Es wäre Wahnsinn, so Temperley, wenn die ehemaligen Alliierten in einer Zeit, in der sich Deutschland in einem «Delirium des wiedererwachenden Nationalismus und des unverhohlenen und gefährlichsten Militarismus» befinde, eine weitere Abrüstung in Betracht zögen. Die gesamte deutsche Nation würde von einer positiven Haltung zu einem Krieg durchdrungen und angebliche Programme zur Förderung der Disziplin, wie etwa der Verteidigungssport, seien nur Tarnung für eine intensive militärische Ausbildung. Die Deutschen, schrieb Temperley, besäßen bereits 125 Kampfflugzeuge – ein Verstoß gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags, die eine deutsche Luftwaffe verboten – und geheime Informationen hätten ergeben, dass Dornier zusätzlich ein Auftrag über 36 zweimotorige Nachtflugzeuge erteilt worden sei.
Welche Haltung nehme nun die Regierung Seiner Majestät dazu ein? Wolle man etwa so tun, als sei nichts passiert? Könne man es sich leisten zu ignorieren, was in Deutschland vor sich ging? Nach Temperley gab es nur eine Lösung. Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten sollten Großbritannien und Frankreich Deutschland klarmachen, dass es keine Lockerung von Versailles und keine Schritte in Richtung Statusgleichheit geben werde, wenn Deutschland nicht eine vollständige Abkehr von den derzeitigen militärischen Vorbereitungen und Tendenzen zeige. Zugegebenermaßen lief man dabei Gefahr, einen Krieg auszulösen, aber, wie Temperley betonte, war dies ein kleines Risiko, da ein Versuch Deutschlands, sich der gemeinsamen Macht der französischen Armee und der königlichen Marine zu stellen, aussichtslos war. Die deutsche Seite sollte mit diesen Erkenntnissen konfrontiert werden und Hitler, bei all seinem Bombast, zum Nachgeben gezwungen werden. Die einzige Alternative dazu sei, so der Brigadier, die Entwicklung sich selbst zu überlassen, dies könne aber nur zur Konsequenz haben, dass es in fünf Jahren entweder ein neues Regime in Deutschland geben werde oder Krieg. «Es gibt wieder einen ‹tollwütigen Hund› dort drüben», schloss er sein Memorandum, «und wir müssen entschlossen unsere Kräfte bündeln, um ihn zur Strecke zu bringen oder zumindest seine sichere Verwahrung zu gewährleisten, bis die Krankheit ihren Lauf genommen hat.»[52]
Als Vertreter des Außenministeriums gab Sir Robert Vansittart Temperleys Papier in voller Übereinstimmung an das Kabinett weiter. Er hatte bereits sein eigenes Memorandum geschrieben, in dem er davor warnte, dass das gegenwärtige deutsche Regime, so wie es sich darstelle, «einen weiteren europäischen Krieg lostreten werde, sobald es sich stark genug dafür fühlte». Dies, so räumte er ein, erscheine manchem vielleicht als eine krude Analyse, aber man solle bitte bedenken, dass es sich hierbei um «sehr ungehobelte Menschen handele, die nur wenige Ideen in ihrem Hirn unterzubringen wüssten – ausgenommen rohe Gewalt und Militarismus».[53] Das Kabinett stimmte der Einschätzung zu, dass die internationale Lage «definitiv beunruhigend» sei, aber ansonsten zeitigten diese Warnungen wenig Wirkung.[54] Die Regierung war der Abrüstungskonferenz verpflichtet, und die Idee, einen «Präventivkrieg» zu führen, um die Einstellung der deutschen Aufrüstung zu erzwingen, lag aufgrund der pazifistischen Neigung der öffentlichen Meinung jenseits jeglicher Diskussion.
In der Hoffnung, eine Einigung mit Deutschland erzielen zu können, wurden die Briten, wie Rumbold vorhergesagt hatte, von Hitler bestärkt, der keine Gelegenheit ausließ, sich als Mann des Friedens zu präsentieren. Am 17. Mai 1933 verkündete er in einer viel beachteten Rede vor dem Reichstag der Welt seine pazifistische Einstellung. Wir kennen «nicht den Begriff des Germanisierens», erklärt der neue Kanzler. «Die geistige Mentalität des vergangenen Jahrhunderts, aus der heraus man glaubte, vielleicht aus Polen oder Franzosen Deutsche machen zu können, ist uns … fremd.»[55] Noch ermutigender fand man, dass er seine Bereitschaft äußerte, die jüngsten britischen Vorschläge zur internationalen Abrüstung zu akzeptieren.
Das waren gute Nachrichten für London, in Paris hieß man sie in geringerem Maße willkommen. Das französische Militär positionierte sich entschieden sowohl gegen eine Reduzierung des eigenen Arsenals als auch eine Erhöhung der deutschen Kapazitäten. Deutsche Forderungen nach einer Gleichstellung, so warnte General Maxime Weygand, Oberbefehlshaber der französischen Armee, wären eine Falle: «In Wirklichkeit wird es keine Gleichstellung geben, sondern eine sehr ausgeprägte Überlegenheit der Deutschen – angesichts der militärischen Kultur dieser Nation und der bereits unternommenen intensiven Anstrengungen zur Vorbereitung der deutschen Rüstungsindustrie auf die Wiederbewaffnung.»[56] Gab es andererseits eine Alternative zu dem Versuch, mit Hitler eine Vereinbarung zu treffen, noch bevor die illegale Aufrüstung in Deutschland völlig außer Kontrolle geriet? Goebbels würde später damit provozieren, dass der einzig vernünftige Weg, der einem französischen Premierminister offengestanden habe, darin bestanden hätte, Hitler sofort nach seinem Amtsantritt zu stoppen und zur Rechtfertigung auf Mein Kampf als Beweis für die aggressiven Absichten des Führers zu verweisen.[57] Aber diese Überlegung basierte auf einer ganzen Reihe von Annahmen: dass die Franzosen Mein Kampf lesen würden, dass sie dessen Ankündigungen beim Wort nehmen und bereit sein würden, bei Bedarf die deutsche Aufrüstung mit Gewalt zu verhindern. Wie die Dinge lagen, hatten diese Annahmen nur wenig mit der Realität gemein.
Die erste französische Übersetzung von Mein Kampf erschien nicht vor 1934, und dann dauerte es nur wenige Monate, bis Hitler einen Rechtsstreit gewann und die Veröffentlichung zurückziehen ließ. Eine englische Ausgabe war im Vorjahr in den Vereinigten Staaten publiziert worden. Allerdings nicht ohne die Streichung besonders hetzerischer Passagen, darunter Hitlers Forderung einer «Zerstörung» Frankreichs als notwendige Voraussetzung für die deutsche Expansion in Richtung Osten.[58] Der französische Geheimdienst hatte das Original gelesen und warnte schon 1932, Hitlers Ziel sei die Vernichtung Frankreichs und die Herrschaft über Europa. Aber der französische Botschafter in Berlin konnte sich nicht zu einer eindeutigen Aussage durchringen. Obwohl François-Poncet, der fließend Deutsch sprach, das Buch gelesen und erkannt hatte, dass «Hitlers Pazifismus als relativ und vorübergehend betrachtet werden musste und nur unter Vorbehalt bestand», war er hin- und hergerissen, Mein Kampf als Blaupause für die zukünftige Herrschaft Hitlers anzusehen oder es als todessehnsüchtige Tirade eines noch unerfahrenen politischen Brandstifters abzutun.[59] Im Großen und Ganzen tendierte er zu Letzterem.
Für die französischen Staatsmänner war diese Debatte weitgehend akademisch. Nur wenige hatten das Buch gelesen, noch weniger waren bereit, über eine militärische Lösung nachzudenken. Bekanntermaßen war dies bereits 1923 versucht worden: Als die Deutschen in Verzug mit ihren Reparationszahlungen gekommen waren, hatte Ministerpräsident Raymond Poincaré als Reaktion darauf die französischen Truppen angewiesen, das Ruhrgebiet zu besetzen. Mit dieser Aktion hatte er auf breiter Front eine Verurteilung der französischen Haltung heraufbeschworen und eher dafür gesorgt, international Sympathie für Deutschland zu wecken. Zehn Jahre später war Deutschland keine magere, bemitleidenswerte Republik mehr, und Poincaré war Geschichte. Sein Nachfolger, Édouard Daladier, musste innerhalb enger Grenzen arbeiten, die ihm durch ein riesiges Budgetdefizit und die Notwendigkeit gesetzt waren, die Unterstützung der Sozialistischen Partei weiterhin sicherzustellen. Einen Präventivkrieg oder ein Wettrüsten anzustreben durfte er nicht einmal in Betracht ziehen. Im März 1933 akzeptierte die französische Regierung daher nur wiederwillig den britischen Plan, die Größe von Landstreitkräften auf 200000 Mann festzuschreiben. Den Deutschen würde so erlaubt sein, die Reichswehr zu verdoppeln, während die Franzosen gezwungen wären, Einschnitte bei ihren Bataillonen vorzunehmen. So weit der MacDonald-Plan. Hitler hatte jedoch nie die Absicht gehabt, sich von Vorgaben eines Abkommens zur militärischen Stärke in die Schranken weisen zu lassen, und das Beharren der Franzosen auf Kontrollen und Inspektionen war ihm eine willkommene Ausrede, um die Verhandlungen abzubrechen. Es folgte der erste einer Reihe von Coups, die Hitler an verschiedenen Wochenenden durchführte: Am Samstag, dem 14. Oktober 1933, kündigte er an, dass Deutschland sich nicht nur aus der Abrüstungskonferenz, sondern auch aus dem Völkerbund zurückziehen werde.
Die internationale Öffentlichkeit reagierte fassungslos bis aufgebracht. Die Franzosen sahen sich in ihrem Misstrauen bestätigt, während die Briten das Gefühl hatten, dass ihnen ihre Gutgläubigkeit gleichsam «um die Ohren geflogen» sei. Ungeachtet der kindischen deutschen Verweigerungshaltung gab es keine Änderung in der britischen Politik. Im Juli hatte Horace Rumbold sein Amt als britischer Botschafter in Berlin niedergelegt. Er war 64 Jahre alt und hatte somit das Pensionsalter erreicht. Dennoch ist nicht ganz nachvollziehbar, warum es die britische Regierung für ratsam hielt, mitten im Galopp – eher noch mitten im Parforceritt – die Pferde zu wechseln. Der neue Mann, Sir Eric Phipps, war jedoch scharfsinnig und schlagfertig. Als etwa Hermann Göring, Reichsluftfahrtminister und zweiter Mann in der Hierarchie der Nationalsozialisten, kurz nach der «Nacht der langen Messer» (in der etliche hochrangige Nationalsozialisten ermordet worden waren) zu einem Abendessen zu spät kam, entschuldigte Göring sich, indem er erklärte, er habe noch schießen müssen. «Auf Tiere, hoffentlich», erwiderte Phipps.[60] Doch trotz der Abneigung, die Phipps gegen die Nationalsozialisten hegte, schloss er sich der Einschätzung seiner Regierung an, dass man keine andere Wahl habe, als zu versuchen, Hitler wieder an den Verhandlungstisch zu holen. «Wir können in ihm nicht nur den Autor von Mein Kampf sehen», schrieb er im November 1933, «denn in diesem Fall wären wir logischerweise gezwungen, auf die Strategie eines ‹präventiven› Krieges einzuschwenken. Wir können es uns aber auch nicht leisten, ihn zu ignorieren. Wäre es daher nicht ratsam, schnellstens zu versuchen, diesen verdammt dynamischen Mann an die Kette zu legen?»[61]
