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In der Elternzeit mit dem Camper durch Neuseeland? Diesen Traum erfüllten sich Elke und Frank Bons zusammen mit ihrer achtmonatigen Tochter Emma. Die kleine Familie hatte in der atemberaubenden Landschaft Aotearoas viele Begegnungen mit Einheimischen und anderen Reisenden, gingen unerklärlichem Gestank auf den Grund, trafen einen silbernen Ritter im Fluß und lernten, dass nicht nur Rockstars coole Busse bewohnen. Die Autorin beschreibt das Reisen mit einem Baby in all seinen Facetten und wirft dabei einen besonderen Blick auf das Zusammensein im Wohnmobil über mehrere Wochen hinweg. Persönliche Empfehlungen zum Reisen mit Kleinkind, neuseeländischen (Baby-)Produkten, Sehenswürdigkeiten und den schönsten selbst erkundeten Campingplätzen runden das Werk ab.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Elke Bons
Mit Koffer, Kind und Kiwi durch Neuseeland
Unsere Elternzeit –
Vorwort
Kapitel 1Von minus Zwanzig auf plus Zwanzig
Kapitel 2Erste Woche – erstes Zähnchen
Kapitel 3Die Tour beginnt
Kapitel 4Aloha from Hawaii
Kapitel 5Ein silberner Morgen
Kapitel 6Fiordland und Sandflies
Kapitel 7Von Queenstown zur Westcoast
Kapitel 8Jadespaß in Hokitika
Kapitel 9Ein silberner Ritter
Kapitel 10Nach Norden mit Gestank
Kapitel 11In den Marlborough Sounds mit Prinz Charles
Kapitel 12North Island, und wieder Gestank
Kapitel 13Coromandel – wilde Tripps und ruhige Tage
Kapitel 14Abschied und Rückflug
AnhangInformationen und Tipps
Mit Koffer und Kind brachen wir auf, um in unserer gemeinsamen Elternzeit für zwei Monate den Berliner Winter hinter uns zu lassen und mit dem Wohnmobil durch den Spätsommer Neuseelands zu reisen. Wir, das sind Frank und ich mit unserer kleinen Tochter Emma, die ihre erste große Reise mit acht Monaten antrat. Der Kiwi gesellte sich in der Nacht dazu, auch wenn wir ihn immer nur zu hören und nie zu sehen bekamen.
Für mich war es die zweite, für Frank und Emma die erste Reise nach Neuseeland – ins Land der großen weißen Wolke, – das uns mit seiner Schönheit und der Vielfältigkeit der Natur immer wieder überwältigt hat.
Eine große Reise mit einem kleinen Kind. Was ist daran besonders? Vieles und auch wieder nicht so vieles. Für uns stellten wir fest:
• Mit einem Baby schafft man in der Regel nur die Hälfte von dem, was man geplant hat – doch das ist zuhause genauso! Es ist eine Einladung an die Entdeckung der Langsamkeit und Schönheit der kleinen Dinge und Momente
• Ein Baby öffnet so manch verschlossene Tür und die Herzen der Menschen
• Ein kleines Kind ist immer ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch und man knüpft viel schneller Kontakte
• Unterwegs zu sein mit einem Kind in Emmas Alter empfanden wir als relativ unkompliziert, sie war noch nicht mobil und war beim Getragenwerden meistens zufrieden. Babynahrung gibt es in Neuseeland von Bio bis Convenience, und auch ohne Pampers ist die Auswahl an Windeln groß genug. Emma wurde während unserer Reise noch gestillt, was ihre Versorgung insgesamt etwas leichter machte.
• Die Reise konnte nur dann entspannt sein, wenn Emma entspannt war, ihre Bedürfnisse und ihre Zufriedenheit standen im Vordergrund. Daher fanden wir manches nicht machbar: mehrtägige Wanderungen zum Beispiel oder allzu lange Fahrten, allerdings hatten wir zu Letzterem auch überhaupt keine Lust.
• Generell: Das Reisen mit einem Kind ist anstrengender als das Reisen alleine, aber das gilt für das Leben mit einem Kind ja auch. Dafür ist es umso schöner!
Ausgangspunkt unserer Reise war Christchurch. Die Route, die wir planten, folgte einem klassischen Muster – wir wollten die Südinsel im Uhrzeigersinn umrunden und dann auf der Nordinsel bis nach Auckland und eventuell noch ans Nordkap fahren. Nach einigen Wochen waren wir jedoch so übervoll von Eindrücken und Erlebnissen in der atemberaubenden Landschaft, dass wir uns nicht in der Lage sahen, im gleichen Tempo weiter zu reisen. Aber das wissen wir zum Zeitpunkt unserer Abreise ja alles noch nicht. Daher von Anfang an …
Es ist einer dieser kalten und grauen Februartage in Berlin, die einem den Abschied wahrlich nicht schwer machen. Und was ist das überhaupt für ein Winter: Rekordkälte, Schneechaos im Dezember mit anschließendem Tauwetter, auf das dann wieder Rekordkälte folgt. Das führt dazu, dass die Gehsteige zu Eisbahnen werden und ich froh um meinen Kinderwagen bin, an dem ich mich festklammern kann, um nicht zu stürzen, da die Stadtverwaltung anscheinend für ganz Berlin ausgerufen hat: Hier wird bei Schnee- und Eisglätte nicht geräumt und gestreut. Betreten auf eigene Gefahr! Die Straße, in der wir wohnen, wird auch nicht mehr geräumt, geschweige denn gestreut, den Autobahnen in Nordrhein-Westfalen geht es genauso, da das Streusalz deutschlandweit knapp wird. Im Kinderwagen verschwindet Emma unter einem dicken Daunenkissen, wenn wir einen Spaziergang machen, bei teilweise minus fünfzehn Grad ist das dann auch immer nur ein kurzes Vergnügen. Emma scheint es nicht so schlimm zu finden, denn sobald es losgeht, schläft sie in der Regel ein. Ich prüfe dann immer besorgt die Temperatur ihrer manchmal unter der Decke hervorlugenden Hände und versuche sie wieder unter die Daunenschicht zurück zu packen.
Im Februar wird es dann allmählich etwas milder, und an dem bereits erwähnten grauen und trüben Morgen ist es bei etwa sechs Grad doch so warm, dass wir unsere Wintermäntel zuhause lassen und uns mit reisetauglichen Fleecejacken ins Auto setzen. Unser Gepäck – wie immer zu viel: zwei große Trolleys und zwei Reiserucksäcke, kein Kinderwagen (denn wir wollen in Neuseeland einen kaufen), aber die Babysitzschale für das Auto. Das Kind packen wir in seinen lilafarbenen Winteranzug aus Biobaumwolle. Die kleine Emma besitzt jetzt einen waschechten Reisepass mit einem biometrischen Foto, auf dem sie sehr ernst und verbrechermäßig dreinschaut und das zu erstellen uns einiges an Zeit und Nerven gekostet hat. Und ich nehme an, in spätestens sechs Monaten wird man sie darauf nicht mehr erkennen, aber der Pass ist zehn Jahre lang gültig. Wir haben eine Tasche und einen kleineren Rucksack vollgepackt mit Babybrei, Obstgläschen, Holzspielzeug, Kuscheltieren, Ersatzwäsche, Windeln, Feuchttüchern und dem Allerwichtigsten – das Schnuffeltuch.
Ich bin froh, dass ich Emma noch stille, dadurch gestaltet sich die Versorgung unterwegs viel einfacher. Mittags und abends isst sie schon Brei, aber sollte sie den mal nicht wollen, ist vorgesorgt, genauso wie für den Rest des Tages beziehungsweise des Fluges. Das Stillen hat sich auch immer als praktisch bei Start und Landung erwiesen.
Wir sind alle drei guter Dinge und zusammen mit unserem Freund Alex starten wir in Richtung Flughafen, wo wir ihm dann unseren schönen Saab für die nächsten acht Wochen übergeben und sehr beladen mit dem Gepäckwagen Richtung Terminal gehen. Unser Flug nach Bangkok startet um ein Uhr mittags. Dort werden wir dann 14 Stunden Aufenthalt haben und uns für diese Zeit ein Hotelzimmer nehmen, um etwas auszuspannen. Danach geht es weiter über Sydney nach Christchurch in Neuseeland.
Und schon steht uns die erste Prüfung bevor: Wir können zwar sofort einchecken, aber es ist nicht sicher, ob es für Emma einen eigenen Platz geben wird. Die Aussicht auf zehn Stunden mit Kind auf dem Schoß gibt mir jetzt schon den Rest. Erst einmal müssen wir aber abwarten und können den Maxi Cosi mit an Bord nehmen – falls es einen freien Platz geben sollte, kann Emma auch darin sitzen. Eine der in der Maschine vorhandenen Babywannen können wir aber nicht mehr bekommen, die sind schon alle belegt.
Zur Erklärung sei hier kurz gesagt: Frank arbeitet bei einer deutschen Airline, weshalb wir zwar günstig fliegen können, aber kein Anrecht auf Luxus – sprich: Babywannen – haben, und weshalb wir die Flüge zwischen Bangkok und Christchurch als Standby-Passagiere absolvieren werden, das heißt: Wir kommen nur dann mit, wenn der Flug nicht ausgebucht ist. Dass das noch eine harte Prüfung für uns wird, werden wir bald merken.
Doch zunächst setzen wir uns nach dem Sicherheits-Check in den Warteraum bei unserem Gate. Dann der Schreck: Unsere Namen werden ausgerufen mit der dringenden Bitte, sofort zum Flugsteig zu kommen und uns beim Bodenpersonal zu melden. Frank geht los und kommt nach ein paar Minuten mit einer schockierenden Nachricht zurück: Da wir für den Weiterflug von Bangkok nach Christchurch „nur“ ein Standby-Ticket ohne Datum haben, können wir nicht nachweisen, dass wir Thailand nach weniger als einem Monat wieder verlassen werden, und für einen längeren Aufenthalt bräuchten wir ein Visum. Daher ist unsicher, ob wir überhaupt nach Bangkok mitfliegen können. Ich fasse es nicht, daran habe ich nun wirklich nicht gedacht. Wir erklären der Dame am Gate, dass wir nur ein paar Stunden Aufenthalt in Bangkok geplant haben und den nächstmöglichen Weiterflug nach Christchurch nehmen werden. Nach langem Hin und Her und mehreren Rücksprachen wird uns mitgeteilt, dass wir mitkönnen, auf die Gefahr hin jedoch, in Bangkok postwendend wieder nach Deutschland zurück fliegen zu müssen, ohne auch nur den Flughafen zu verlassen. Wir überlegen kurz, was zu tun ist, sind aber optimistisch, es wird schon alles gut gehen.
Bald darauf beginnt das Boarding, und hier haben wir Glück. Ein paar Passagiere tauschen mit uns ihre Plätze, so dass wir in der Mitte drei nebeneinander liegende Sitze bekommen. Wir stellen den Maxi Cosi in unsere Mitte und schnallen ihn an. Emma flirtet mit den Flugbegleiterinnen und sagt „dadadabrrr“, was diese ganz entzückend finden – und die Freundschaft ist geknüpft. Ich muss gestehen, rein nervlich bin ich jetzt schon am Ende, Frank geht es ähnlich, wir hoffen beide auf ein bisschen Schlaf an Bord.
Als es schließlich losgeht und wir vom Boden abheben, muss ich an meine letzte Fahrt nach Neuseeland fünf Jahre zuvor denken. Auch hier war die Anreise sehr aufregend, denn bis zum Ende war unsicher, ob ich es rechtzeitig zum Abflug schaffen würde. Dabei hatte ich extra – weil ich immer so spät dran bin – darauf verzichtet, von Stuttgart, wo ich damals wohnte, nach Frankfurt mit dem Auto zu fahren und mir ein Bahnticket gekauft. Sicher ist sicher, dachte ich. Just an diesem Nachmittag erfuhren wir jedoch im Stuttgarter Hauptbahnhof – damals noch nicht umkämpft –, dass alle Züge in Richtung Frankfurt mindestens eine halbe Stunde Verspätung hatten. „Nun gut, eine halbe Stunde, das geht ja noch“, dachten wir und warteten. Meine Freundin Helen leistete mir Gesellschaft. Nach einer halben Stunde lasen wir dann auf der Anzeigetafel, dass an diesem Tag kein Zug mehr in Richtung Frankfurt fahren würde, offenbar hatte sich irgendwo vor Ulm jemand auf die Gleise gestürzt. Mist, Mist, Mist!, und jetzt war es schon so spät. Also schnell umdisponieren, Helen bot mir an, mich nach Frankfurt zu bringen und wir wollten uns dazu das Auto meiner Eltern ausleihen, weil das schneller war als Helens alter Ford Fiesta. Also flink zu meinen Eltern gefahren, noch mal Adieu gesagt und schon befanden wir uns auf der Autobahn Richtung Norden. Jedes Mal, wenn wir in einen kurzen Stau kamen oder uns durch eine Baustelle quälen mussten, sah ich mein Flugzeug ohne mich abfliegen und damit meinen Traum von der Weltreise erst einmal platzen. Aber wir schafften es. Eine Stunde vor Abflug setzten mich Helen und ihr Freund Christian an meinem Terminal ab, wo ich dann auch sofort eincheckte und mich bald darauf an Bord der Qantas-Maschine nach Singapur befand – aber das ist eine andere Geschichte.
Jetzt also zurück zu unserem Flug nach Bangkok. Während des Starts ist Emma wie meist beim Stillen eingeschlafen. Ich versuche, es mir einigermaßen bequem zu machen, ohne sie in ihren Sitz zu setzen, weil ich Angst habe, dass sie dann gleich wieder aufwacht. Frank blättert im Reiseführer und wir beginnen uns zu entspannen. Das gleichmäßige Brummen der Maschine macht mich schläfrig und ich döse vor mich hin. Eine Stunde später ist es mit der Entspannung vorbei. Emma wacht auf und quengelt, mein Arm ist unter ihrem Gewicht eingeschlafen und kribbelt und ich bin reichlich verkrampft. In der Reihe hinter uns sitzt eine Gruppe vergnügter Seniorinnen, die lauthals Tipps aus ihren Reiseführern austauschen und alles ungeheuer witzig finden. Ich halte Emma über die Sitzreihe nach hinten, damit sie etwas zu schauen hat – und schon ist Freundschaft hergestellt. Da ist eine Dame mit sehr viel Goldschmuck an den Händen, ideal für eine Viertelstunde Ablenkung. Dass man sich im Umgang mit kleinen Kindern gerne lächerlich macht, ist ja bekannt, und alle sind mit von der Partie. Die Frauengruppe fliegt für zwei Wochen nach Thailand und wird dort eine Rundreise unternehmen. Sie finden unsere Tour nach Neuseeland ziemlich mutig und wünschen uns viel Glück.
Ich setzte Emma in den Maxi Cosi und sie bekommt ihren Nachmittagsbrei, danach schläft sie allmählich ein – schön, gerade beginnt das Unterhaltungsprogramm und wir vertreiben uns die Zeit mit nicht ganz aktuellen Komödien. Danach versuchen auch wir beide ein bisschen zu schlafen, doch weder bei Frank noch bei mir will das klappen. Emma hingegen verpasst fast den ganzen elfstündigen Flug, und als wir schließlich in Bangkok landen, ist es nach deutscher Zeit Mitternacht und wir sind ziemlich hinüber.
In Bangkok haben wir – wenn alles läuft wie geplant – vierzehn Stunden Aufenthalt und für diese Zeit ein Hotel in Flughafennähe gebucht. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir zuerst durch den Zoll. Der Zoll! Wird das wohl gut gehen? Oder hat sich der Traum von unserer Neuseelandreise gleich erledigt? Erst einmal heißt es, raus aus dem Flugzeug und rein ins Terminal. Das Flughafengebäude ist zwar klimatisiert, trotzdem habe ich den Eindruck, dass die schwül-heiße Luft von draußen durch alle Ritzen dringt, auch hier im Terminal ist die hohe Luftfeuchtigkeit deutlich zu spüren. Ich trage den Kindersitz, Frank hat Emma auf dem Arm, die wieder wach ist und sich neugierig umsieht. Kaum haben wir das Terminal betreten und uns auf in Richtung Gepäckabholung gemacht, winken uns Flughafenangestellte zu und rufen: „Hello Baby!“ Bald sind wir von einer kleinen Traube Thailänderinnen in blassblauen Uniformen umringt, die in die Hände klatschen und Emma zurufen. „Hello Baby! Hello Baby, What is your name? Boy or girl?“ Alle wollen das Baby halten und herzen. Emma scheint das lustig zu finden, denn sie lacht und strahlt in die Runde. Also lachen wir mit und lassen uns zu den langen Einreiseschlangen eskortieren, wo sich die Damen dann eine nach der anderen von uns verabschieden. Frank meint lakonisch: „Sollten wir Emma hier verlieren, wird sie vermutlich wohlbehütet bei einer der Flughafenangestellten aufwachsen. Wir brauchen uns dann wohl keine weiteren Sorgen zu machen.“
Dann stellen wir uns an das Ende einer langen Schlange und ich bereite mich bereits mental auf eine Stunde frustrierenden Wartens mit womöglich noch frustrierenderen Folgen vor. Doch einer der Zollbeamten winkt uns nach vorne, er hat soeben seinen Schalter geöffnet, und zwar nur für uns, weil wir mit unserem Kind unterwegs sind. Aus den Warteschlangen rechts und links von uns stürzen sich sogleich mehrere Leute in Richtung des neu eröffneten Schalters, der Zollbeamte jedoch winkt alle grimmig beiseite und deutet auf uns: „Baby, you come first.“ Frank und mich blickt er ernst an und schaut in unsere Pässe, aber mit Emma scherzt er. Die neidischen Blicke der vielen Wartenden in der Schlange folgen uns, als wir den Zoll passieren und schließlich bei der Gepäckabholung landen – es gab keinerlei Probleme bezüglich unserer Aufenthaltsdauer, allerdings haben wir das Touristenvisum auch mit den Daten des geplanten Weiterfluges ausgefüllt. Glücklicherweise treffen wir am Ausgang gleich den Chauffeur des Hotels, der auf uns wartet, er führt uns aus dem Terminal zu seinem Kleinbus. Als sich die Schiebetüren öffnen, schlägt uns die feuchte Hitze des frühen Morgens in Bangkok entgegen, sofort kleben alle Kleidungsstücke an der Haut, es fühlt sich an, als ob wir durch ein Dampfbad gehen. Der Minibus ist natürlich auf zehn Grad heruntergekühlt. Emma in der Mitte, setzen wir uns in den Fond – der Fahrer beäugt den Kindersitz interessiert, so etwas ist hier eher unüblich – und schon startet der Van zu einer abenteuerlichen Fahrt. Nach etwa zwanzig Minuten waghalsiger Raserei über Bangkoks Ausfallstraßen sind wir schließlich bei unserem Hotel angelangt, wo wir bald darauf in einem klimatisierten Zimmer alle zusammen in wohligen Schlaf fallen.
Fünf Stunden später klingelt der Wecker, ich fühle mich einigermaßen ausgeruht, und Emma schläft noch ein bisschen weiter, während Frank und ich unter die Dusche hüpfen. Aufgefrischt und mit sommerlichen Kleidern gehen wir dann ins hoteleigene Restaurant, in dem zu dieser Zeit keine anderen Gäste sind. Zu dieser Zeit – wie spät ist es eigentlich? Ich habe keine Ahnung und bin völlig durcheinander, so ungefähr Mittag. Im Restaurant treffen wir zwar keine anderen Gäste, aber das Personal scheint eine Unterrichtsstunde abzuhalten: An einem großen Tisch sitzen etwa fünfzehn Kellnerinnen und Kellner in Uniform, die von ihren Kollegen bedient werden. Zwei nette junge Damen unterbrechen ihre Übung und fragen uns nach unseren Wünschen. Sie sind ganz entzückt von Emma und kümmern sich derart umfassend um sie, dass Frank und ich in aller Ruhe unser Curry bestellen und essen können. Das Essen in Thailand ist einfach himmlisch, immer wieder und fast überall.
Kurze Zeit später müssen wir auch schon wieder zum Flughafen und los geht die zweite Zitterpartie, als wir uns in die Check-in-Schlange von Emirates einreihen, mit denen wir als Standby-Passagiere weiter nach Christchurch fliegen wollen. Eine Thailänderin, die typische Emirates-Mütze auf dem Kopf, mit flatterndem Tuch und auffälliger Zahnspange winkt uns zu sich heran. Leider stellt sich heraus, dass die Maschine sehr voll ist und sie uns noch keine Plätze zusichern kann. Wir sollen eine Stunde vor Abflug wieder kommen, wenn der normale Check-in beendet ist. Oh nein! Das verheißt nichts Gutes – die morgige Maschine ist auch ziemlich voll. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu warten, also setzen wir uns in einen Starbucks – auch hier präsent – und schlagen die Zeit tot. Ich suche nach einem ungestörten Plätzchen, um Emma zu stillen, werde aber nicht fündig und setze mich daher in eine Ecke neben eine griechische Familie, die mir zugrinst. Emma bekommt auch noch einen Gemüsebrei, den uns einer der Angestellten im Wasserbad aufwärmt und dann machen wir uns hoffnungsvoll wieder auf in Richtung Emirates-Schalter.
Die Dame mit der Zahnspange ist noch da, kann aber immer noch nichts für uns tun. Wir seien gelistet, aber vor uns befänden sich noch weitere Standby-Passagiere, wir sollten in einer Viertelstunde wieder kommen. „Wie sollen wir das nur schaffen, selbst wenn sie uns gleich noch eincheckt?“, frage ich Frank. „Wir müssten dann innerhalb kürzester Zeit durch den Zoll und die Sicherheitskontrolle bis zu unserem Gate, ich sehe da eigentlich schwarz.“
Eine viertel Stunde später – innerhalb derer mir aufgefallen ist, dass viele Thailänderinnen um die Dreißig eine Zahnspange tragen – können wir tatsächlich einchecken, auch diesmal bekommen wir nur einzelne Plätze und keinen für Emma – und machen uns auf in Richtung Gate. Noch knapp eine halbe Stunde bis zum Abflug. Aber die Zöllner sind uns wieder wohlgesonnen und winken uns nach vorne und selbst die Sicherheitskontrolle geht ruckzuck, und dann laufen wir schon mit Emma auf Franks Arm und dem Maxi Cosi an meinem in Richtung Gate, über ein langes Laufband und noch eines und noch eines und, ja – wir schaffen es. Das Flugzeug ist noch da, das Boarding ist bereits in vollem Gange, eine bunte internationale Mischung von Passagieren steht vor uns in einer Reihe. Viele Inder und Araber sind darunter, auch ein paar Deutsche, Australier, Engländer und sicher noch viele andere Nationalitäten. An Bord reagieren die Flugbegleiterinnen etwas gestresst auf unsere Anfrage nach zwei nebeneinander liegenden Plätzen für mich und Emma. Zunächst soll ich sie auf den Schoß nehmen und Frank muss sich auf einen weit entfernten Platz setzen. Dann bringt mir eine der Flugbegleiterinnen den Kindersitz und der Platz links neben mir stellt sich als frei heraus. Zu meiner Rechten sitzt ein Inder, der sich sogleich bereit erklärt, seinen Platz mit Frank zu tauschen: So klappt schließlich wieder einmal alles und wir sinken in unsere Sitze.
Die nette Dame, die mir den Kindersitz gebracht hat, stellt sich als unsere zuständige Flugbegleiterin vor, sie heißt Sally und schenkt Emma einen kleinen Stofflöwen – eine Handpuppe. Emma strahlt und Sally merkt an, dass sie ganz nach ihrer Mutter komme, das sagen die meisten. Die Chefin der Kabinenbesatzung begrüßt uns auch, ebenso ihre Stellvertreterin, alle sind wahnsinnig nett und herzen Emma, die noch gute Laune hat und jeden anlacht. Nichtsdestotrotz wünsche ich mir jetzt nichts sehnlicher als etwas Schlaf, aber dazu werden weder Frank noch ich in den nächsten zehn Stunden kommen. Es ist ein anstrengender Flug, Emma will dieses Mal nicht schlafen und bekommt zwischendurch irgendwann einen Schreianfall, von dem sie sich nur langsam beruhigen lässt. Als sie dann doch allmählich wegdämmert, frage ich mich, was um alles in der Welt uns dazu veranlasst hat, eine so lange und anstrengende Reise mit einem Baby anzutreten. Sind wir total bescheuert? Und wie soll das weitergehen? Wird Emma im Wohnmobil überhaupt schlafen? Wäre es nicht besser gewesen, zuhause in Ruhe den Frühling abzuwarten und sich mit Pekip-Kursen und Babyschwimmen die Zeit zu vertreiben? Was war das nur für eine fixe Idee, ausgerechnet nach Neuseeland zu wollen. Schon beim ersten Mal hatte ich die Anreise als wahnsinnig kräftezehrend empfunden und war danach eine Woche lang krank. Vor lauter Erschöpfung bin ich den Tränen nahe, Frank neben mir hat die Augen geschlossen und schläft vielleicht – der hat’s gut.
Irgendwann landen wir in Sydney – ich besitze überhaupt kein Zeitgefühl mehr –, hier haben wir zwei Stunden Aufenthalt, bevor wir uns auf den dreistündigen Endspurt nach Christchurch begeben. Offensichtlich ist es in Sydney neun Uhr morgens, überall duftet es nach Kaffee und frischem Gebäck. Das weckt unsere Lebensgeister wieder ein bisschen, also gibt es Kaffee und Croissants für uns und Milch für Emma. Etwas erholt besteigen wir dann wieder unsere Maschine, wo inzwischen eine neue Crew an Bord gegangen ist. Eine leicht übermotivierte Rothaarige verteilt die Speisekarte, während sie ungefähr zweihundert Mal strahlend „menue“ sagt und die Faltkarten an alle Passagiere ausgibt. „Die hat doch was genommen“, vermutet Frank, „anders kann ich mir das nicht erklären.“ Ein frischer und gut gelaunter Kapitän stellt sich und seine Crew vor und als wir erneut starten, schlafen Emma und ich zusammen ein. Von diesem Flug bekomme ich nicht mehr viel mit.
