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Mit.Menschen.Leben Die Publikation Mit.Menschen.Leben zeichnet sich dadurch aus, dass die beiden Autorinnen sich bei ihrer Sammlung der Interviews nicht rausgehalten haben, sondern sich persönlich mit ihren eigenen Erfahrungen von Aufbruch, Weggehen und Ankommen eingebracht haben. So wird die Quelle von Sympathie für Menschen von nebenan deutlich und auch ihr Mut sowie ihr Antrieb, diese Publikation zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Für dieses verdienstvolle Engagement gebührt den Autorinnen ASTRID FUCHS und DRAGICA SMILJANICein großes Dankeschön, verbunden mit der Hoffnung, dass ihre Publikation Aufmerksamkeit und viele interessierte Leser*innen finden möchte. Es lohnt sich! Es ist eine empfehlenswerte Veröffentlichung mit menschlichem Mehrwert. Theo Lampe Theo Lampe
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ohne zu wissen, was ein Mensch erlebt hat und erlitten,
bleibt er Schablone, die wir mit unseren Vorstellungen ausmalen.*
WANDERWEGE OST-WEST
Vorwort: Mit.Menschen.Leben
(
Theo Lampe)
Flüchtlinge und Vertriebene 1945/1946
(
Astrid Fuchs)
Erlebte Geschichte aus Deutschland nach 1945
Interview mit Gerda aus Ganderkesee, Wilma aus Westpreußen und Sieglinde aus Schlesien
Aussiedler deutscher Volkszugehörigkeit 1954
(
Dragica Smiljanić)
Donauschwaben, wer sie waren - wer sie sind
Interview mit Bernhard und Agnes
Gastarbeiter in Deutschland 1970
(
Dragica Smiljanić)
Arbeiter auf Zeit?
Interview mit Lenka aus Jugoslawien
Zuwanderung aus nah und fern 1970-1990
(
Astrid Fuchs)
Einwanderung aus europäischen Nachbarländern
Interview mit Marlène und Nathalie aus Frankreich, Dragica aus Bosnien-Herzegowina und Giuliano aus Italien
Aramäer in Ganderkesee 1980
(
Astrid Fuchs)
Ein Stück Zeitgeschichte: Orient trifft Okzident
Interview mit Familie V.: Mutter Fadime, Töchter Gösde und Hanife
Interview mit Tuen
Syrisch-orthodoxe Christen in Ganderkesee
Interview mit Ugur
Spätaussiedler deutscher Volkszugehörigkeit 1990
(
Dragica Smiljanić)
Einwanderer aus den Nachfolgestaaten der UDSSR
Interview mit Ehepaar O. u.a.
Asylbewerber 2000
(
Dragica Smiljanić)
Das Allerwichtigste: Die Kinder in Sicherheit zu wissen
Interview mit Mariam und Labid
Interview mit Frau K. und Darya
Arabische Geschichten 2010
(
Astrid Fuchs)
Berichte über syrische Kriegsflüchtlinge.
6 syrische Geschichten
Literaturverzeichnis
Schon der ungewöhnlich geschriebene Titel dieser lesenswerten Publikation weckt Interesse, macht neugierig. Ein mehrdeutig akzentuierter Titel; und so auch von den beiden Autorinnen Astrid Fuchs und Dragica Smiljanić bewusst gewollt. Die von ihnen gewählte Schreibweise „Mit.Menschen.Leben“ lädt zum Interpretieren ein. Ohne die Zwischenpunkte wirkt der Titel wie ein Wegweiser: Mit Menschen leben oder – etwas verändert - wie eine Tatsachenbehauptung: Mitmenschen leben. Beide Variationen wären ebenso zutreffende Überschriften für die eindrucksvolle Zusammenstellung von Lebenseinblicken, die die beiden Autorinnen durch Interviews gesammelt haben und in dieser Veröffentlichung präsentieren. Auch kann man dem Titel einen Aufforderungscharakter entnehmen, der dazu ermuntert, die Publikation zu lesen und sich von den aufgezeichneten Lebensgeschichten gedanklich mitnehmen zu lassen. Astrid Fuchs und Dragica Smiljanić nahmen mit ihren Gesprächen bekannte Menschen von „nebenan“ in den Blick und spürten deren besonderen Lebensgeschichten nach. Sie hatten ein „offenes Ohr“ für die eindrucksvollen individuellen „Migrations- und Integrationserfahrungen“, und die Betroffenen wagten es, sich auf die Interviews einzulassen. Beeindruckend erzählen sie von den besonderen Herausforderungen ihres Lebens und geben ihnen damit sprachlich einen Raum.
Die Gespräche vermitteln, was es für Menschen bedeutet, und wie es sie formt:
das Verlassen des Vertrauten und den Aufbruch ins Ungewisse;
die Suche nach einem Sicherheit gebenden Platz;
das Ankommen im Unbekannten, das sich Orientieren und Zurechtfinden;
das Verbleiben in neuer Umgebung, das sich Einrichten und Vertraut-Werden;
das Finden einer Zukunft, das Dazugehören und das sich Heimisch - Fühlen.
Existentielle Bewältigungen im Zusammenhang von Migration und Integration hinterlassen unterschiedliche Spuren im Leben jedes Einzelnen. Wir erfahren konkret etwas über die Herkunft der Menschen, über ihre Wege nach Deutschland und nach Ganderkesee, sowie über ihre Strategien, dieses Leben zu bewältigen.
Deshalb sind die dokumentierten Texte mehr als die biographische Wiedergabe von Erzählungen. Sie reflektieren und spiegeln individuelle Lebenswege und ordnen diese durch historische Rückblicke in ihre Zeit ein.
Es sollte nachdenklich stimmen und zeigen, wie oft menschliches Dasein ein „Leben auf schwankendem Boden“ ist. Gleichzeitig vermitteln die Texte exemplarisch ein Verständnis für Menschen, die in unserer Nähe leben und neu dazugekommen sind.
Und es wird deutlich: „Wer Nähe wagt, bekommt Nähe geschenkt“.
Seinen Mitmenschen nahe zu kommen und dabei stets die individuellen Grenzen der Offenheit zu respektieren, setzt Vertrautheit und Vertrauen voraus, um die Interviews auf Augenhöhe zu führen.
Im Kontext der einzelnen Lebensgeschichten wird erkennbar, wie aus ersten Kontakten menschliche Begegnungen entstanden sind, die zu mitfühlenden Beziehungen und tiefen Freundschaften führten, die über Jahre Bestand haben. Die Publikation spiegelt so die Lebenserfahrung der Autorinnen wider: „Wer sich in Offenheit, Zugewandheit und Sympathie sowie einer großen Portion Neugier für andere engagiert, erfährt mehr vom Leben“.
Und wer Brücken der Verständigung und des Miteinanders baut, erlebt menschliche Bereicherung und erkennt, dass jeder einzelne Mensch es wert ist, ihm zuzuhören. Zuhören ist eine wertvolle menschliche Qualität. Sie bringt Menschen zum Erzählen. Diese Publikation ist dafür ein gelungenes Beispiel.
Die Veröffentlichung benennt die administrativen Herausforderungen, die die interviewten Persönlichkeiten zu bewältigen hatten. Die Autorinnen verschweigen nicht die Ressentiments und Ablehnungen, mit denen „Neu-Dazugekommene“ konfrontiert wurden. Insgesamt aber gibt es in Ganderkesee viele aufnahmebereite Menschen, die Gemeinsinn besitzen und sich durch Akzeptanz, Respekt, Offenheit und Engagement auszeichnen. Die Voraussetzungen dafür, dass Menschen sich angenommen und zugehörig empfinden können. Und es sind auch die Grundlagen für eine gemeinsam gestaltete und gelingende Gegenwart und Zukunft.
(Theo Lampe)
Aufgewachsen bin ich in den 50er und 60er Jahren in Mönchengladbach, einer Stadt am Niederrhein, die nach dem Kriegsende viele schlesische und baltische Flüchtlinge aufgenommen hatte.
Viele Einheimische, dazu zählte auch die Familie meiner Mutter, betrachteten Flüchtlinge und Vertriebene mit einer gewissen Geringschätzung. „Nä, ene Flüchtling!“, bemerkte meine Tante, als ich ihr - gerade eingeschult – von meiner neuen Freundin (geflüchtet aus Schlesien) erzählte.
Meine Eltern jedoch reagierten anders. Sie hatten selbst für kurze Zeit das Leben als Schutzsuchende kennengelernt, als sie wegen des Bombenhagels die Stadt verlassen mussten und in den Ostharz evakuiert wurden. Dass die Vermieter die Zwangseingewiesenen nicht willkommen hießen, ist bei der allgemeinen Not 1944 nachzuvollziehen. Jedenfalls erzählte meine Mutter mir wenig Erfreuliches über das Verhältnis zu der Bauernfamilie.
In meinem Elternhaus waren meine schlesischen Grundschulfreundinnen gerne gesehen. Es entstand durch diese Begegnung eine langjährige intensive Freundschaft zwischen meinen Eltern und dem Elternpaar einer Freundin.
So habe ich als Nachkriegskind deutlich die Integration der Flüchtlinge in meiner Umgebung miterlebt. Über die Flucht selbst aber wurde vor uns Kindern nicht gesprochen. Das war – ebenso wie die Zeit des Nationalsozialismus - ein Tabuthema.
Anders als in einem kleinen Ort wie Ganderkesee hatten Flüchtlinge in Mönchengladbach Arbeit. Denn damals boomte die heimische Textilindustrie, in der die neuen Mitbürger Beschäftigung fanden und so am wirtschaftlichen Aufschwung teilnahmen.
„Geschichten sind geschichtete Erfahrungen – und werden zur Zeitgeschichte“
(Ordensschwester Brigitte)
Wir haben Geschichten von Menschen aufgeschrieben, die in Ganderkesee sesshaft wurden. Sie sind uns in unserem Alltag begegnet. Wir wurden miteinander bekannt, und sie vertrauten uns ihre Lebensgeschichten an.
Ihre Erinnerungen ließen in unserem Bewusstsein eine Zeitreise vom Ende des 2. Weltkrieges bis heute abrollen. Wir alle – Interviewpartner*innen und Autorinnen lebten zur Zeit der Interviews in Ganderkesee.
In der Reflexion über das persönlich Erlebte hier vor Ort zeigt sich das Allgemeine in der Zeit.
Jedes Einzelschicksal ist in das Zeitgeschehen eingebunden und lässt sich an den gemeinsamen Details ablesen.
Und immer wieder geht es um die Themen:
Verlassen und Ankommen
Fremdsein und heimisch sein
Ausgrenzen und Annehmen
Flucht und sesshaft sein
Angst und Sicherheit
Zweifel und Vertrauen
Unsere ältesten Interviewpartner*innen berichten vom Ende des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit.
Zunächst erzählen drei Frauen über ihr Leben in jener Zeit des letzten Jahrhunderts. Sie stellen sich vor, dort wo sie zuhause waren, berichten über Flucht und Vertreibung bis nach Ganderkesee und letztendlich, wie sie hier heimisch wurden.
Gerda,die Erzieherin aus Ganderkesee
Wilma,die Städterin aus Westpreußen
Sieglinde,die Bauerntochter aus Schlesien
Sie kennen sich wohl, sind aber nicht miteinander befreundet.
Sie leben heute hochbetagt in Ganderkesee und wohnen in ihrem Zuhause, das sie gemeinsam mit ihren Ehepartnern für ihre Familien errichtet haben.
Sie erlebten den 2.Weltkrieg mit seinen Schrecknissen als Kinder oder Jugendliche sehr bewusst. Besonders aber erinnern sie die Flucht, die Irrfahrten aus den deutschen Ostgebieten bis in kleinste Einzelheiten – Wilma und Sieglinde. Interessant ist, wie auch Gerda aus Ganderkesee in diese Kriegswirren mit einbezogen wurde. Kriegs- und Nachkriegszeit gehören zu ihrem Leben. Die Beschäftigung damit und das Nachdenken darüber sind bis heute für ihre Familienbiografien von Bedeutung. Durch ihre authentischen und lebhaften Berichte wird für den Leser eine Epoche lebendig, die vergangen ist, aber nicht vergessen werden darf.
Denn ihre Erfahrungen zeigen uns ein Stück Geschichte, das individuell erlebt und gleichzeitig von allgemeiner Gültigkeit ist.
Ausführliche Interviews sind die Grundlage der nachfolgenden Texte.
Kindheit und Jugend in Kriegszeiten
Gerda berichtet vom Kriegsende im “Warthegau“
Die Provinz Posen war seit 1918 polnisches Staatsgebiet mit überwiegend polnisch sprechender Bevölkerung und wurde von deutschen Wehrmachtstruppen 1939 besetzt. Der „Reichsgau Wartheland“, wie die Provinz dann hieß, sollte nach dem Willen der Nationalsozialisten wieder „germanisiert“ werden. Für die polnische Bevölkerung bedeutete die Besetzung oft Zwangsarbeit, auch Vertreibung oder Flucht. Deutsche wurden dorthin arbeitsverpflichtet oder umgesiedelt, zum Beispiel deutsche Flüchtlinge aus den baltischen Staaten und Bessarabien.
Das Wenige war für mich genug
Ich heiße Gerda und bin 1923 in Ganderkesee geboren. Meine Familie ist hier schon lange ansässig, aber mein Vater war kein Bauer sondern Lehrer.
Ich habe meine Jugend während der Hitlerzeit verbracht; nach dem Volksschulabschluss ein Jahr die Haushaltsschule besucht, dann mein Pflichtjahr als Kindermädchen und Haushaltshilfe im Emsland absolviert. Anschließend folgten eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und eine weitere zur Kindergärtnerin. 1943 übernahm ich die Leitung eines Kindergartens mit Heimunterbringung im Reichsgau Wartheland.
Dort im Landkreis Posen in Brodi befand sich der Kindergarten mit Hort und Heimunterbringung. Das war vor allem ein Riesenhaus. Es hieß Flugfelde nach dem nahegelegenen Gut Flug, das von einer deutschen Gutsfamilie bewirtschaftet wurde. Sehr viele Kinder hatten wir nicht, dafür alle Altersstufen von 3 bis 16 Jahren, für die wir 6 Tage in der Woche oft bis zum Abend verantwortlich waren. Dazu kamen die Heimkinder. So wurden uns aus dem zerstörten Berlin 20 Kinder geschickt. Zu dieser Zeit fragte niemand danach, ob meine Helferinnen und ich diese Mehrarbeit überhaupt schaffen konnten. Das war selbstverständlich! Und obwohl wir nun auch sonntags und nachts arbeiten mussten, bekamen wir keinen Pfennig mehr Lohn.
Dennoch habe ich gern dort gearbeitet, weil ich etwas aufbauen konnte und mit dem Wenigen, was uns zur Verfügung stand, für die Kinder gut sorgen konnte. Zur Jahreswende 1945 wurde ich krank und wegen Diphtherieverdacht nach Neu-Tomichel ins Krankenhaus gebracht.
Wilma berichtet über ihre Kindheit in Westpreußen
Ich heiße Wilma und bin 1935 in Christburg geboren.
Die kleine Stadt liegt im ehemaligen Westpreußen, dicht an der Grenze zu Ostpreußen. Christburg war damals ein rein deutsches Gebiet. Die polnischen Grenzen schienen uns unendlich weit weg. Dazwischen floss die Weichsel. Heute gehören Westpreußen zu Polen und Ostpreußen zu Russland. Mein Vater war Handwerker, meine Mutter Verkäuferin und ich ihr einziges Kind.
Wir wohnten in der Bahnhofsstraße, und wenn meine Eltern arbeiteten, versorgten mich die Omas. Eine lebte im selben Haus, die andere drei Häuser weiter. Mein Vater war Soldat von Beginn des Krieges an.
Die Erinnerungen an die Kriegsjahre sind nicht traurig, denn die gesamte Familie lebte zu Hause, und ab und zu kam Vater auf Urlaub.
Doch 1944 wurde es anders. Zu der Zeit waren die deutschen Truppen schon auf dem Rückzug aus dem Osten. Mein Vater wurde im großen Weichselbogen eingesetzt, bald darauf schwer verwundet und nach Breslau ins Lazarett gebracht. Meine Mutter konnte ihn dort besuchen und telegrafierte uns, als er im August 1944 starb. Die Großeltern bekamen für sich und mich die Erlaubnis, mit dem Zug nach Breslau zu fahren, um den toten Sohn und Vater ein letztes Mal zu sehen. Das war hart.
In einem Universitätsgebäude in Breslau standen unendlich viele Särge im Kellergewölbe. Es gab Wege dazwischen wie auf einem Friedhof. Sarg an Sarg, Kopfende an Fußende, immer zwei nebeneinander und ein Gang zum Vorbeigehen. Mir wurde bewusst, dass in allen Särgen tote Soldaten lagen.
Das vergesse ich nicht.
Die Beerdigung fand in Christburg im August 1944 statt.
Sieglinde berichtet über die Besetzung Schlesiens
Ich, Sieglinde, bin 1936 in Breslau geboren, aber gewohnt haben wir auf dem Lande, also im damaligen deutschen Teil Schlesiens. Meine Eltern besaßen eine kleine Landwirtschaft. In unserer Familie lebten 5 Personen, meine Eltern, meine Schwester, eine erwachsene Bekannte und ich.
Bevor der Krieg 1945 zu Ende ging, sind wir aus Angst vor den russischen Truppen mit dem Pferdefuhrwerk in die Berge geflüchtet. Anfang Mai, als alles zusammenbrach, kehrten wir wieder nach Hause zurück. Es war vieles zerstört; überall lagen Trümmer und Schuttberge. Aber wir haben alles wieder aufgeräumt.
In dieser Zeit passierte so viel!
Immer wieder hieß es: „Die Russen kommen, die Russen kommen!“
Mit dem letzten Vieh, das es noch gab, liefen die Frauen in den Wald, um es zu verstecken. Aber das hatte keinen Zweck, die Soldaten haben trotzdem die Kühe weggenommen, die Hühner geschlachtet, ja, und dann wurde Schlesien polnisch. Es kamen Einquartierungen in das Haus meiner Eltern:
Zuerst eine polnische Familie,
1945 kurz vor Weihnachten eine zweite polnische Familie.
Fremde im eigenen Haus
So haben wir dann gelebt: Der Boden mit unserem Getreide wurde abgeschlossen, so dass die Eltern keinen Zugang mehr hatten. Wir waren nur geduldet im eigenen Haus und hatten eine einzige Stube oben.
Ich erinnere mich, dass wir 1945 Weihnachten in dieser kleinen Stube gefeiert haben. Das Feuerloch wurde aufgemacht. Das war die Weihnachtsstimmung.
Meine Mutter hat selbst viel gebacken. Ich sehe sie noch in dieser kleinen Bude stehen und den Teig kneten.
Ein Jahr haben wir mit den Polen zusammengelebt. Es war ein unhaltbarer Zustand, besonders weil wir deutschen Kinder nicht zur Schule gehen durften. Das hat meine Eltern unheimlich belastet.
Zu Beginn des Jahres 1945 war der Krieg für das Deutsche Reich bereits verloren. Von Westen kämpften sich die alliierten Truppen (Amerikaner und Engländer) nach Deutschland vor, von Osten rückten die russischen Truppen immer weiter in deutsche Gebiete. Die Soldaten der deutschen Wehrmacht wurden überall zurückgedrängt. Und der Ausruf: “Die Russen kommen!“, jagte der deutschen Bevölkerung Todesängste ein, die durch Berichte von Flüchtlingen bestätigt und durch die deutsche Propaganda verstärkt wurden.
In dieser Zeit befanden sich die drei Hauptpersonen unserer Geschichte alle in Gebieten der sich nähernden Ostfront.
Gerda, Kindergärtnerin aus Ganderkesee, tätig im Warthegau, 22 Jahre alt, allein im Krankenhaus in Neu-Tomichel
Wir hatten nichts zu essen – außer einem ganzen Beutel Würfelzucker
Der 20. Januar 1945 war ein Sonnabend.
Ich lag im Krankenhaus in Neu-Tomichel. Plötzlich hieß es: Die Front rückt näh er – die Russen kommen! Alle müssen das Krankenhaus verlassen – einfach raus!
Wer selbständig gehen kann, geht nach Hause, die anderen werden in einen Zug verladen. Gehen konnte ich ja! Ich musste unbedingt eigenständig sein, um zurück ins Kinderheim zu gelangen. Ich wusste genau, wann und wo die Kleinbahn in Richtung Brodi fuhr. Im Zug saßen schon Männer aus Berlin, die wollten ihre Familien vom Land abholen, um sich nach Westen aufzumachen.
„Wo wollen Sie denn noch hin?“, so ungefähr sprachen sie mich an, denn ich fuhr nach Osten.
Das war in dieser Situation die absolut falsche Richtung.
Das Kinderheim lag ein ganzes Stück von der Hauptstrecke entfernt, ich musste einmal umsteigen. Als ich endlich am richtigen Bahnhof anlangte und mich zu Fuß auf den Weg machte, kam mir eine Frau entgegen. Wieder die gleiche entsetzte Frage: „Wo wollen Sie denn noch hin?“ Es war die Frau vom Gutsverwalter: „Wir müssen gleich alle weg!“, warnte sie.
So ging ich zum Bürgermeisteramt, um zu fragen, was los sei und mir die Schlüssel für den Kindergarten zu holen. Immer die gleiche Ansprache: „Oh, wo kommen Sie denn her? Wir müssen um 12.00 Uhr los, und wir sind die letzten, und dies ist der letzte Wagen!“ Ich wollte nur mein bisschen Zeug holen und dann mitkommen. Im Kindergarten war niemand mehr. Meine persönlichen Sachen fehlten größtenteils. Als meine Helferinnen den Bescheid zum Räumen bekamen, haben sie wohl alles mitgenommen, denn sie wussten ja nicht, ob ich je zurückkommen würde. Ich fühlte mich schlapp! Nach drei Wochen im Krankenhaus, und dann diese Aufregung! Aber nie dachte ich daran, dass mir etwas Schlimmes passieren könnte. Im Kindergarten klingelte es plötzlich. Vor mir standen zwei polnische Landarbeiter. Sie hatte die Frau vom Gutsverwalter geschickt, denn ihr war meine schwierige Situation bewusst. Wie sollte ich hier allein rauskommen? Sie schlug vor, mich ihnen anzuschließen. Dann müsste ich aber sofort mitkommen. Ich lehnte ab, weil ich doch mit dem Bürgermeister fahren wollte. So leichtsinnig! Ich dachte damals: „Ich habe denen (Russen) nichts getan, also tun die mir auch nichts!“ Ja, so naiv war ich eingestellt.
Und dann ging ich um 12 Uhr wieder ins Amt. Der Bürgermeister rief noch in der nächsten Stadt an. Die haben nur geantwortet, dass wir ganz schnell abreisen sollten, sonst könnten wir uns nicht mehr dem Treck anschließen! Wir fuhren sofort los bei -20 Grad Kälte. Oh Mann! Bei eisigem Wind und spiegelblanken Straßen!
Ein paar Leute blieben im Dorf; der Müller mit seiner Familie und der Bäcker auch. Sie dachten wie ich: Wir haben nichts verbrochen und wohnen hier schon ewig.
Ein Pole, der beim Müller beschäftigt war, fuhr uns mit dem Pferdewagen. Überall Pferdewagen! Und die armen Pferde! Viele hatten keine richtigen Hufeisen und keine Spikes unter ihren Füßen.
So kamen wir in der nächsten Stadt an, menschenleer!
Wir mussten allein weiter in Richtung Grenze. Die ganze Nacht sind wir gefahren bis zum anderen Mittag - ungefähr. Das vergesse ich nie!
Dann kamen wir in Kirschneustadt an, in der Nähe der Grenzstadt Benschen. Dort wollten wir hin und bei Verwandten vom Bürgermeister und seiner Tochter übernachten. Aber deren Haus war schon voller Menschen; wir mussten auf Treppenstufen schlafen. Doch auch das ging. Nur hatten wir fast nichts zu essen mitgenommen außer einem ganzen Beutel voller Würfelzucker. Man hatte gehört, dass das gegen Hunger helfen würde. Und ich besaß gar nichts, weil ich ja aus dem Krankenhaus kam.
Montag, den 23. Januar 1945
Am Montagmorgen wollten wir sehen, ob ein Zug fuhr.
Oh, es standen schon so viele Leute am Bahnsteig - aber heute sollte kein Zug mehr fahren. Dann hieß es: Die Russen haben Posen eingenommen.
Tja, hatten sie wirklich! Endlich kam doch ein Zug an, der war unterwegs beschossen worden. Und jetzt alle schnell einsteigen!
Neue Nachricht: Die Russen sind zurückgeschlagen! Alle wollten wieder aussteigen. Doch neben mir saß ein Mann aus Berlin, der sagte: „Sie fahren jetzt erst nach Hause!“ und hat mich einfach festgehalten. Das war mein Glück, wahrscheinlich rettete er mein Leben! Denn im Februar 1945 geriet die Stadt Benschen in die Frontlinie zwischen den Truppen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee und wurde stark zerstört. Die anderen beiden (der Bürgermeister und seine Tochter) sind ausgestiegen und umgekehrt. Wie ich später erfuhr, haben sie furchtbar gelitten unter den russischen Truppen. Eine Nachbarin vom Bürgermeister ist vor Qual in den Brunnen gesprungen. Alle, die dort geblieben sind, mussten Schreckliches durchmachen. Junge, Junge! Wir wär es mir wohl ergangen, wenn ich dageblieben wäre? Ich wäre nicht lebendig nach Hause gekommen. Nach Kriegsende habe ich noch einmal Post vom Bürgermeister bekommen. Zu der Zeit lebte er in Thüringen.
Na, jedenfalls fuhr ich in Richtung Heimat! Es dauerte länger als einen Tag, bis ich in Berlin war. Dort mussten wir alle aussteigen, den Bahnhof verlassen und bei völliger Verdunkelung in einem anderen Bahnhof übernachten.
Ich bin immer von Posen über Berlin nach Hause gefahren, aber diesmal wusste ich plötzlich nicht mehr, wo ich mich befand.
