Mit starker Hand - Sandra Henke - E-Book
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Beschreibung

Die Schwestern Muriel und Alica verzehren sich nach Liebe und Leidenschaft. Während die herbe ältere Muriel es zart mag, liebt die hübsche Alica es hart. Die Sehnsüchte der Jüngeren erfüllen sich, als sie den mysteriösen Tate trifft. Er ist charmant, ziemlich dreist und dominant veranlagt. Seine Absichten sind keineswegs ehrenhaft, und trotzdem unterwirft Alica sich ihm mit Haut und Haaren. Aber wer ist er wirklich? Ist er ihre Zukunft oder ihr Untergang? Währenddessen verliert Muriel ihr Herz an den betörenden Lester, der sie nach allen Regeln der Kunst verführt und aus ihrem Schneckenhaus lockt. Aber auch er hütet ein Geheimnis…

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:341


DAS BUCH

„Das unbändige Verlangen danach, ihren Willen an einen Kerl mit starker Hand abzugeben, trübte ihren Verstand. Sie war sich dessen bewusst, hätte sie doch unter anderen Umständen Tate in den Unterleib getreten und wäre zum Haus zurückgerannt. Aber sie war längst nicht mehr Herrin ihrer Sinne; sie erlag nicht nur Tates düsterer Aura und seinen Versprechungen, sondern auch ihrer eigenen Wollust. Vor allen Dingen hätte sie sich ein Leben lang Vorwürfe gemacht, hätte sie diese Chance verstreichen lassen.

Indem sie ihr Kleid an den Hüften raffte und ihm ihren blanken Hintern entgegenstreckte – denn ihr Höschen hatte sie ebenso wie ihren BH in ihrem Zimmer gelassen –, signalisierte sie ihm, dass sie bereit war, sich ihm hinzugeben. Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Einem Mann, der genauso Lust daraus zog, sie zu unterwerfen, wie sie es genoss, von ihm dominiert zu werden.“

DIE AUTORIN

Sandra Henke lebt in der Nähe von Düsseldorf. Mit ihren erotischen Romanen hat sie sich ein großes Publikum erschrieben. Eine spannende Handlung liegt der Autorin ebenso am Herzen wie ein starkes Knistern und außergewöhnlich sinnliche Erotik.

LIEFERBARE TITEL

Die Mädchenakademie

Alphawolf

Meister der Lust

Das Lustroulette

Sandra Henke

Mit starker Hand

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Originalausgabe 06/2016

Copyright © 2016 by Sandra Henke

Copyright © 2016 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-641-13021-3V001

www.heyne.de

1

»Dein Piratenlook ist lächerlich. Werd endlich erwachsen!«, hatte sein Vater vor einem Jahr gewettert. »Wer will schon mit jemandem, der wie ein Halsabschneider aussieht, Geschäfte machen? Wenn ich dich an deinem dreißigsten Geburtstag als Partner von Baron Real Estate Agency eintragen lassen soll, musst du dich erst mal rasieren und dir die Haare ordentlich schneiden lassen! Dir bleiben noch sechs Monate, bis dahin wirst du das wohl geschafft haben.«

Tatum hatte sich geweigert. Wegen der Frauen, die ihm gerade aufgrund seines verwegenen Aussehens zu Füßen lagen. Und weil er den Befehlston seines Vaters satthatte. Er wollte sich nicht so weit verbiegen lassen, dass er eines Tages als jüngere Ausgabe von Leviathan Baron endete: aalglatt in jeder Hinsicht.

Sein beruflicher Werdegang schien schon in seiner Kindheit vorgegeben zu sein. Er sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und eines Tages das Geschäft übernehmen. Eine Wahl hatte die Familie ihm nicht gelassen, und er hatte sich, jung wie er war, gefügt.

Als er mit der Highschool fertig wurde, wollte er sich von einer anderen Immobilienfirma ausbilden lassen, da es ihm nicht richtig erschien, dass sein Vater gleichzeitig sein Lehrmeister war. Als hätte er damals bereits etwas geahnt. Zu dem Zeitpunkt verstanden sie sich noch gut. Aber sein Dad verbot ihm, zur Konkurrenz zu gehen. Damals tat Tatum diese Reaktion als Eifersucht ab.

Nach Beendigung der Lehre bei seinem Vater wollte er Erfahrungen in anderen Unternehmen sammeln, wollte sehen, wie sie arbeiteten, sich dabei die besten Strategien heraussuchen und für die Baron Agency bündeln. Aber erneut stellte sich sein Vater quer.

Also blieb Tatum und lebte seinen Drang nach Neuem aus, indem er seine dominante Neigung erforschte. Die Anzüge kamen ihm mit der Zeit immer beengender vor. Erst ließ er die Krawatte weg, und es gab Zoff mit seinem Dad. Dann zog er keine Anzugjacke mehr an, und es gab erneut Ärger. Schließlich trug er im Büro Jeans und nahm das Donnerwetter nicht nur in Kauf, sondern genoss es regelrecht.

Im Nachhinein war ihm klar, dass er provoziert hatte, um seinen eigenen Unmut auf seinen Vater zu projizieren. Vielleicht hatte er unbewusst gehofft, dass Levi, wie alle in der Familie außer Tatum ihn nannten, ihn feuerte, doch das hatte er nicht getan.

Obwohl Tatum nicht aus freien Stücken Immobilienmakler geworden war, liebte er seinen Beruf ebenso wie sein Dad. Doch inzwischen hatte er eine eigene Meinung entwickelt und eigene Verkaufsstrategien, die frischer und moderner waren und mit denen seines Vaters kollidierten. Leviathan wollte nicht ändern, was all die Jahre gut funktioniert hatte. Tatum wiederum widerstrebte der konservative Kurs. Aus Protest ließ er sich einen gestutzten Mund-Kinn-Bart stehen, der im Sonnenschein kupferfarben schimmerte, und die dunkelblonden Haare bis knapp über die Ohren wachsen. Das Deckhaar band er am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf zusammen. Er fand seinen Look cool, sein Vater sah darin eine tägliche Kriegserklärung. Schließlich stritten sie nur noch.

»Wir sind einfach aus unterschiedlichem Holz geschnitzt«, hatte Tatum mit vor Zorn glühendem Gesicht gezischt, als er die Kündigung auf den Tisch seines Vaters geknallt hatte.

»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Warte nur ab! Eines Tages wirst du erkennen, dass wir uns ähnlicher sind, als dir lieb ist.« Speicheltropfen waren mit jeder Silbe aus Levis Mund gestoben. »Dann wirst du zu mir zurückgekrochen kommen und dich bei mir entschuldigen.«

»Niemals!«

Ein ganzes Jahrzehnt hatte er für seinen Vater gearbeitet. Im Sommer des vergangenen Jahres war er endlich aus dem Betrieb ausgestiegen, hatte seine eigene Immobilienfirma gegründet und damit seinem Dad Konkurrenz gemacht. Seitdem war er Kapitän auf seinem eigenen Schiff. Sein Aussehen hatte ihm sogar geholfen, es auf Erfolgskurs zu segeln. Er erschien seinen Verhandlungspartnern unkonventionell und durchsetzungsstark.

»Wenn du angestrengt nachdenkst oder wütend bist, siehst du irgendwie gewaltbereit aus.« Mit dieser Aussage hatte ihn einmal eine Geliebte überrascht. Statt aber vor ihm wegzulaufen, hatte sie sich hingekniet, ihm die Schuhe geküsst und mit demütigem Augenaufschlag zu ihm hochgeschaut. »Das macht mich so was von geil, Master!«

Warum kann ich reihenweise Frauen glücklich machen, meinen eigenen Vater jedoch niemals zufriedenstellen?, fragte er sich, während er aus dem Fenster seines Büros, das in einer ehemaligen Fabrik lag, hinaus in den Hof spähte. Diese hippe Location konnte er sich allerdings nur leisten, weil sie am Stadtrand lag. Eines Tages jedoch wollte er ein Büro in Downtown Bangor führen wie sein Dad.

Draußen scheuchte Fynn gerade eine Amsel auf. Den jungen Hund hatte er erst aus dem Tierheim geholt, nachdem er die Baron Real Estate Agency verlassen hatte. Für Tatum war klar, dass Fynn und er zusammengehörten, denn ein schwarzer Fleck umrahmte das rechte Auge des Mischlings und erinnerte ihn an eine Augenklappe. Zwei Piraten auf gemeinsamem Kurs. Sein Vater mochte keine Tiere: »Das sind doch nur Zeitfresser.«

Das war Sex auch, und Tatum genoss ihn ausgiebig und in vollen Zügen. In gewissen Kreisen war er als Connaisseur bekannt, doch die Sklavinnen in Korsagen, Strapsen und High Heels langweilten ihn inzwischen immer öfter. Auf der letzten SM-Party hatte er nur an der Bar gestanden, über seinen Drink hinweg beobachtet, wie sie sich den Tops mit lasziven Blicken und Gesten anbiederten, und an Marionetten denken müssen. Makellos schöne Oberflächen, aber charakterlos und austauschbar.

Krakeelend flog der Vogel weg. Fynn schaute ihm überrascht nach und bellte seinen Frust heraus. Ich hätte mich auch davonmachen sollen, dachte Tatum. Warum war er nur in der Stadt geblieben, bis die Frauen von hier ihn anödeten und das Duell mit seinem Vater andere hineinzog? Jedes Familienfest geriet unweigerlich zu einem Gefecht.

»Deine Klitsche wird kein Jahr überleben.« Diese Prognose hatte Leviathan ihm hinterhergeschrien, als sie auf dem Geburtstag von Tatums Mutter Roisin, einer Irin, wieder einmal in Streit geraten waren. Doch Sea Wolf Estate Agency existierte noch immer – und nicht nur das: Das Unternehmen florierte. Tatum schrieb bereits schwarze Zahlen und konnte eine Sekretärin bezahlen, die ihm die lästige Schreibarbeit abnahm.

Mit dem nächsten Deal wollte er sich endgültig auf dem Markt etablieren und sich einen Namen machen, denn darauf kam es in dem Geschäft an. Er wollte hoch hinaus und vor allen Dingen seinem Vater den Stinkefinger zeigen. Das konnte er nur dadurch erreichen, dass er einen dicken Fisch an Land zog, einen, der richtig Eindruck machte, und den hatte er bereits ins Auge gefasst.

Das Honeycomb-Grundstück.

Auf seinem Gesicht breitete sich ein siegessicheres Grinsen aus. Er war sich treu geblieben, trug ausschließlich Jeans und Hemd und hatte das, was sein Dad den Piratenlook nannte, beibehalten. Aber was noch wichtiger war: Er hatte sein Selbstwertgefühl wiederhergestellt. In der Ausbildung bei seinem Vater hatte er viel gelernt, aber auch viel gelitten. Die Kontroversen hatten ihn Kraft gekostet. Diese Energie konnte er nun in sein Geschäft stecken. Mit voller Kraft voraus, lautete sein Motto.

Ein moderner Freibeuter: freiheitsliebend, rebellisch und kampferprobt, witzelte er in Gedanken. Das nächste Schiff, das er kapern würde, sah zerlumpt aus, aber es würde ihm fette Beute einbringen. Er besaß ein gutes Auge und erkannte einen Rohdiamanten, wenn er ihn sah.

Als sich Anthony DiMaggio zwischen den Schreibtischen hindurchschob – Plätze, die Tatum eines Tages mit Angestellten besetzen wollte –, wirkte das Großraumbüro plötzlich gar nicht mehr so leer wie noch Sekunden zuvor. Tatum beobachtete das Spiegelbild seines Mitarbeiters in der Fensterscheibe.

Der Rechtsanwalt für Immobilienrecht hatte rein gar nichts gemein mit seinem Namensvetter Joe DiMaggio, dem legendären Baseballspieler. Er besaß weder dessen Charisma noch seinen schlanken Körper, und erfolgreich war er erst recht nicht. Aber nur durch diesen Umstand konnte Tatum ihn sich überhaupt leisten. Statt einen Mitarbeiter für die Prüfung der Verträge einzustellen, engagierte er den Juristen stundenweise, das war billiger.

Heute hatte Tatum ihn auf einen Botengang geschickt, weil er selbst Verhandlungen mit den drei größten Zeitungen der Stadt – Bangor Daily News, Bangor Metro und The MaineEdge – geführt hatte, um neue Anzeigen zu schalten, aber gleichzeitig den Preis zu drücken. In allen drei Fällen hatte er einen Sieg davongetragen. Niederlage war keine Option, hatte er sich auf die Flagge geschrieben.

»Da sind Sie ja endlich. Haben Sie sich auf einen Kaffee einladen lassen?« Denn das kostete Zeit, und eine Verzögerung bedeutete für DiMaggio ein höheres Honorar. Tatum drehte sich zu ihm um. Das Hundegebell im Hof hinter ihm verstummte. Einen Moment lang war nur das Klappern der Computertastatur seiner Sekretärin Lauren zu hören.

Der Anwalt knetete die Rückenlehne des Besucherstuhls. Seine Hände waren leer.

Misstrauisch runzelte Tatum die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. DiMaggio sollte ihm eigentlich grinsend den unterzeichneten Vertrag hinhalten. Stattdessen schaute er zu Boden, als wünschte er, sich unter den Holzdielen verkriechen zu können.

Seine Mundwinkel hingen mutlos herab, Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Er zog ein knallgelbes Stofftaschentuch aus der Bundfaltenhose, das genauso geschmacklos war wie die Krawatte, auf der Flammen in grellen Orangetönen züngelten. Mit fahrigen Bewegungen wischte er sich damit durchs Gesicht. »Heiß heute.«

»Was ist los?« Tatum neigte sich über den Schreibtisch. »Nun rücken Sie schon raus mit der Sprache!«

»Ich befürchte, ich habe keine guten Neuigkeiten.« DiMaggios rechtes Augenlid zuckte.

Tatums Muskeln spannten sich an. Aufmerksam hörte er zu, wie der Anwalt beichtete, dass er unverrichteter Dinge wieder fahren musste. Ihm entging nicht, dass DiMaggio dabei einen Schritt zurück machte.

Tatums Miene verfinsterte sich zeitgleich mit dem Himmel. Der Tag hatte sonnig begonnen, und er war zuversichtlich gewesen, heute den Deal unter Dach und Fach zu bekommen. Jetzt aber schwang das Wetter so plötzlich um wie seine Laune. Ein Gewitter schien aufzuziehen. Ob es sich jedoch ebenso laut entladen würde wie die Flüche, die Tatum auf den Rechtsanwalt niedergehen ließ, musste sich erst noch zeigen.

»Das sind doch nur zwei Frauen!« Er meinte das keineswegs respektlos, aber für ihn wäre das Treffen ein Kinderspiel gewesen, denn er war ein Meister der Manipulation – im geschäftlichen wie im erotischen Sinne. Mit seiner über die Jahre perfektionierten Dominanz brachte er eine Sklavin dazu, alles für ihn zu tun, selbst Dinge, die sie sich bis dahin in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Auch Sea Wolf Estate Agency hatte er durch sein selbstsicheres Auftreten auf Erfolgskurs gesteuert. Stets hatte er den Sieg klar vor Augen. Gerade in diesem Moment flößte die Überlegenheit, die er ausstrahlte, DiMaggio offensichtlich Angst ein. Gut so!

»Frauen, die sich zu wehren wissen.« DiMaggio untermalte seine Verteidigung, in dem er sich kraftlos auf den Stuhl sinken ließ.

»Mit welchen Argumenten haben die beiden den Vertrag abgelehnt?«

»Sie haben mich nicht einmal aufs Grundstück gelassen.«

»Wie bitte?« Tatum schüttelte den Kopf. Er beugte sich vor und stützte sich auf dem Tisch ab, der zwischen ihm und dem Anwalt stand. »Sie kapitulieren schon vor dem Kampf, DiMaggio?«

»Die ältere der beiden, Muriel Honeycomb, ist eine Furie!« Der Anwalt riss die Augen auf, aber Tatum war sich nicht sicher, ob das nur Theatralik war oder ob er tatsächlich Bammel vor ihr hatte.

»Man muss den Hebel immer am schwächsten Glied ansetzen. Reden Sie mit der Jüngeren! Überzeugen Sie …« Tatum stockte. Wie hieß sie noch gleich?

»Alica.«

»Machen Sie Alica« – ein schöner Name, schoss es ihm durch den Kopf – »klar, dass der Verkauf sie reich machen wird. Sie wird ihre Schwester schon überzeugen.«

»Sie soll angeblich die Sanftmütigere von beiden sein, sagte man mir, als ich vor Ort Erkundigungen über die zwei einholte.« DiMaggio rümpfte die Nase. »Aber sie ist anders.«

Tatum horchte auf. »Was meinen Sie damit?«

»Was ich sagen wollte, ist, sie kämpft mit anderen Waffen als ihre ältere Schwester.« DiMaggio steckte die Hände nacheinander in die Taschen seiner Hose und der Jacke, als würde er etwas suchen, während er zischte: »Kleine hinterlistige Schlange!«

»Hat die Kleine Sie bestohlen?«

»Im Gegenteil!«

Das Gespräch fing langsam an, Tatum zu ermüden. Und es machte ihn wütend. Der Champagner stand schon kalt. Er war sich ganz sicher gewesen, dass dieser Vertrag reine Formsache war. Aber er hatte den Fall unterschätzt, er hatte die Honeycomb-Schwestern unterschätzt. Zähneknirschend setzte er sich. Er fixierte sein Gegenüber. »Das müssen Sie mir erklären.«

»Ich hatte Ihnen ja schon erzählt«, DiMaggio sah ihn nicht an, »dass meine Honorarabrechnung diesmal höher ausfallen wird, weil ich öfter zu den Honeycombs rausfahren muss und dadurch mehr Auslagen habe.«

Dafür würde der Gewinn auch größer sein. »Kommen Sie auf den Punkt!«

»Ich habe vor der Bank und vor der Postfiliale auf die Schwestern gewartet, um ihnen Ihre Konditionen zu unterbreiten, Mr. Baron. Einmal bin ich ihnen sogar zu Walmart gefolgt.«

»Sie wollten im Supermarkt Geschäfte mit ihnen machen?« Kein Wunder, dass Alica und Muriel abgelehnt hatten. Bestimmt hatten sie sich von dem Anwalt verfolgt gefühlt.

Mit was für Dilettanten arbeite ich eigentlich? Verärgert schlug Tatum auf die Armlehne seines Bürostuhls. Mit billigen, beantwortete er seine eigene Frage selbst. Das hatte er nun davon.

Er hätte selbst hinfahren sollen, aber er hatte mehr Arbeit, als zu bewältigen war, und konnte sich außer Lauren noch keinen festen Mitarbeiter leisten. Seine Ersparnisse wollte er den Honeycomb-Schwestern als Kaufpreis anbieten.

Er konzentrierte sich zudem auf den von Kunden in Auftrag gegebenen Verkauf von Immobilien. In diesem Fall ging es jedoch um einen Ankauf durch ihn selbst, wobei eine Hausbesichtigung überflüssig war. Ihn interessierte nur das Land. Das Gebäude würde so oder so abgerissen werden. Diesmal wollte er nicht nur eine mickrige Vermittlungsgebühr kassieren, sondern richtig absahnen. Investor klang doch viel besser als Immobilienmakler.

Außerdem war er felsenfest davon überzeugt gewesen, dass die jungen Frauen sofort unterzeichnen würden. Wer wollte in dem Alter schon abseits des pulsierenden Lebens in einer derartigen Bruchbude wohnen?

Der Preis, den er ihnen bot, war auch nicht zu verachten. Sicherlich, das Gelände war mehr wert, allein schon wegen des dazugehörigen Waldes. Aber ein höheres Angebot konnte er sich nun mal nicht leisten. Also hatte er darauf gehofft, der Erste zu sein, der den Wert des Grundstücks erkannt hatte und den Schwestern die Möglichkeit bot, der Einöde zu entfliehen.

Aber Geschäfte basierten nicht nur auf Geld, sondern auch auf Vertrauen. Während er den Anwalt betrachtete und hörte, wie er die Angelegenheit angepackt hatte, wurde ihm bewusst, dass er einen Fehler begangen hatte.

»Zu Hause wollten die beiden mich ja nicht empfangen. Mir blieb keine andere Wahl«, jammerte DiMaggio und lockerte in einer übertriebenen Geste die Krawatte. »Ich musste sie außerhalb des Privatgeländes ansprechen.«

»Sind Sie nicht auf die Idee gekommen, den Umweg über die Nachbarn zu gehen? Impfen Sie sie, auf die Schwestern einzuwirken. Eine Villa würde die ganze Gegend aufwerten, machen Sie ihnen das klar!«

»Die Honeycombs haben keinen Kontakt zur Nachbarschaft.«

Skeptisch hob Tatum eine Augenbraue. Das war doch bestimmt nur eine weitere von DiMaggios Ausreden.

»Die Familie lebte schon immer zurückgezogen auf dem weitläufigen Areal, sie werden als eigenbrötlerisch beschrieben«, beeilte sich der Anwalt zu erklären. Er fühlte sich sichtlich unwohl unter Tatums bohrenden Blicken. Schweißflecken breiteten sich unter den Achseln auf dem Hemd aus. »Das hat sich auch nicht geändert, seit die Schwestern alleine leben. Die Mutter verstarb, als die Mädchen noch jung waren, und der Vater verschwand vor drei Jahren bei Nacht und Nebel. Die Frauen wollen in Ruhe gelassen werden, das haben sie unmissverständlich zum Ausdruck gebracht.«

»Haben Sie nicht deutlich genug gemacht, dass Sie mit einer Kiste voll Gold kommen?«

»Sie sehen es nicht so, dass ich ihnen – genau genommen sind ja Sie es, Mr. Baron –, also, dass Sie ihnen etwas geben möchten, sondern glauben, Sie wollen ihnen etwas wegnehmen: nämlich ihr Zuhause.«

»Diese zusammengezimmerte Bruchbude hat nun wirklich nichts Heimeliges.« Er als Immobilienfachmann musste das schließlich wissen. Ein Holzhaus Marke Eigenbau, bestimmt weder dicht bei Regen noch warm im Winter, und im Sommer stand sicherlich die Hitze in den Zimmern. Dass heutzutage überhaupt noch jemand so hauste, verwunderte ihn. Er hatte den maroden Zustand selbst gesehen, wenn auch nur von außen, als er sich vor wenigen Wochen verfahren hatte und zufällig auf den abgelegenen Besitz gestoßen war. Er lag an einem nicht befestigten Forstweg. Ein Zaun mitten im Wald hatte Tatum irritiert. Neugierig war er ausgestiegen und hatte das versteckt gelegene Grundstück entdeckt.

Während der Anwalt die Flammen auf seiner Krawatte zu zählen schien, bemerkte er kleinlaut: »Für die Frauen offenbar schon.«

In Tatum reifte ein Plan. Aber erst musste er noch ein Detail erfahren, das ihn brennend interessierte. »Was war das denn nun für ein heimtückischer Anschlag von Alica Honeycomb bei Walmart?«

»Zuerst sprach ich Muriel in der Gemüseabteilung an, denn sie scheint bei den beiden das Sagen zu haben.« DiMaggio senkte verlegen die Stimme. »Aber sie drohte mir, mich vor Ort mit Tomaten zu bewerfen.«

Tatum schnalzte. »Davon ließen Sie sich beeindrucken?«

»Nein, aber Alica hat …«

Tatum hob die Augenbrauen. »Ja?«

»Sie schlich sich von hinten an mich heran und zwickte mich in die Seiten. Zuerst dachte ich, wie pubertär dieser Scherz für eine Einundzwanzigjährige ist. Aber als ich den beiden durch die Kassen auf den Parkplatz folgte, heulte plötzlich der Alarm am Eingang los. Zwei bullige Securitytypen stürzten sich auf mich. Vor den Augen aller Anwesenden legten sie mir Handschellen an und kontrollierten meine Taschen. Dann zogen sie«, der Anwalt schluckte, und rote Flecken breiteten sich auf seinem schwammigen Hals aus, »einen Damenslip aus meiner linken Anzugtasche heraus, einen aus weißer Spitze, mit Etikett.«

»Ein Höschen?« Tatums Mundwinkel zuckten.

»Einer von den Kerlen fragte laut, ob der für meine Frau oder für mich sei. Die Kassiererinnen lachten, die Kunden schüttelten den Kopf, und die Honeycomb Schwestern entwischten. Alica muss mir den Slip zugesteckt haben.«

Clever, die Kleine. Und mit allen Wassern gewaschen. Ein anerkennendes Schmunzeln stahl sich endgültig auf Tatums Lippen. Noch ein Grund mehr, sich die Frauen einmal persönlich anzuschauen. Wie konnte jemand gleichzeitig als sanftmütig und als hinterlistig beschrieben werden? Ein Engel mit einer dunklen Seite? Interessant.

Verlegen räusperte sich Tatum. Seine Gedanken schweiften ab. Er wollte die beiden gar nicht näher kennenlernen, sondern sie sich zur Brust nehmen und, wenn es sein musste, sie durch die Mangel drehen. Komme was wolle, dieses Grundstück würde in Kürze ihm gehören!

»Ich fahre selbst hin!« Er holte die Autoschlüssel aus der obersten Schublade des Schreibtischs und schob das Fach anschließend geräuschvoll wieder zu.

DiMaggio schnappte nach Luft. »Wie bitte?«

Plötzlich fragte sich Tatum, ob der Anwalt nicht gelogen hatte, weil er geradezu entsetzt wirkte. Vielleicht hatte er sich den Frauen gegenüber unverschämt verhalten, sie bedrängt oder gar bedroht. Oder er hatte den Deal doch abgeschlossen, aber für eine andere Immobilienfirma. Für die Baron Real Estate Agency? Hatte er den Geheimtipp an die Konkurrenz verkauft? Mein Dad bräuchte ihm nur eine Provision statt eines Anwaltshonorars anzubieten … Etwas, das Tatum nicht konnte, da er mit den Einnahmen durch den Grundstücksverkauf Mitarbeiter einstellen wollte. Plötzlich hatte es Tatum eilig. »Ich rede mit ihnen.«

In Anbetracht seines fülligen Körperbaus sprang der Advokat erstaunlich behände auf. »Die wollen nicht reden.«

»Kommen Sie mit, DiMaggio!« Als Tatum energisch an dem Anwalt vorbeischritt, zerrte er ihn am Hemd mit. Falls seine Befürchtungen zutrafen, wollte er den Rechtsverdreher sofort zur Rede stellen. »Ich zeige Ihnen, wie man Schiffe kapert.«

Eine halbe Stunden später parkten sie vor dem Tor. Die rostigen Stellen an Eisenstäben und Sichtschutzplatten waren offensichtlich vor langer Zeit einmal grau übermalt worden, aber die Farbe war inzwischen weitestgehend abgeblättert.

Das Vorhängeschloss war jedoch neu, das fiel Tatum sofort auf. Die Honeycombs schotteten sich ab. Zumindest in diesem Punkt hatte der Anwalt die Wahrheit gesagt.

Mit energischen Schritten ging Tatum näher an das Tor heran. Keine Klingel. Anscheinend waren Besucher unerwünscht. Noch ein Punkt für DiMaggio. Offenbar war er doch keine Art Doppelagent, sondern einfach nur unfähig.

Lerne von mir! Ob Tatum die Frauen nun mit seinem Charme bezirzen oder sie mit seiner Dominanz unter Druck setzen musste – er war zu allem bereit.

Er ging zum mit Efeu bewachsenen Maschendrahtzaun, drückte ihn mit der Hand so weit herunter, wie es möglich war, und stellte sich auf die Zehenspitzen, um darüber hinwegzuschauen. Sein Blick schweifte über die Lichtung mit dem heruntergekommenen Kleinviehstall im Vordergrund und dem Wohnhaus am Waldrand. DiMaggios teigiges Gesicht tauchte neben ihm auf.

Über ihnen wurden die Wolken immer dunkler. Schwer hingen sie über den Baumwipfeln. Der Wind frischte auf. Es roch nach Kompost. Irgendwo klapperte ein Fensterladen. Die Fliegengittertür des Holzhauses schwang in der Brise hin und her. Das Quietschen drang bis zu Tatum.

Als Erstes würde er die Bruchbude abreißen und das Gelände räumen lassen. Woher er das Geld dazu nehmen würde, wusste er noch nicht. Aber er war sich sicher, dass er einen zahlungsbereiten Kaufinteressenten finden würde, der eine Villa auf diesem Land bauen wollte. Schließlich wohnte auch Stephen King hier in der Gegend – ein Verkaufsargument, das er für absolut überzeugend hielt.

Plötzlich stürmte eine Frau mit einem Gewehr auf die Veranda. Sie trug eine Schürze, wie Tatum es noch von seiner Urgroßmutter gekannt hatte. Ihre braunen Haare waren im Nacken zusammengebunden. Sie war sehr schlank und hatte hagere Gesichtszüge, viel mehr konnte er auf die Distanz nicht erkennen.

Ohne zu zögern, brachte sie das Gewehr in Anschlag. Der Lauf zielte in Tatums und DiMaggios Richtung.

Erschrocken atmete der Anwalt hörbar ein. Er duckte sich sogleich. »Jesus! Ich habe Sie vor Muriel gewarnt.«

»Ich dachte, sie wirft nur mit Tomaten«, scherzte Tatum leise, aber ein unangenehmes Kribbeln huschte über seinen Rücken. Dennoch blieb er aufrecht stehen, um zu zeigen, dass er keinesfalls leicht einzuschüchtern war. Er ignorierte die Alarmglocken in seinem Kopf, die Gefahr signalisierten, und bemühte sich um einen freundlichen, aber bestimmten Ton, als er rief: »Bitte, Ms. Honeycomb, ich werde nicht wieder wegfahren, bevor Sie mit mir gesprochen haben. Mein Name ist …«

»Das interessiert mich nicht! Ich kenne den Typen, den Sie bei sich haben, und will weder mit Mr. DiMaggio noch mit einem anderen Mitarbeiter der Sea Wolf Estate Agency reden, denn es gibt nichts zu verhandeln.«

»Schauen Sie sich den Vertrag doch erst einmal an. Ein solch großzügiges Angebot«, er hielt die Papiere hoch, damit Muriel sie besser sehen konnte, »für Ihren – entschuldigen Sie, wenn ich offen spreche – heruntergewirtschafteten Besitz bekommen Sie nie wieder.«

»Das ist, was ich davon halte.« Ein Schuss hallte über die Lichtung.

Der Kontrakt flog ihm aus der Hand und segelte hinter ihm zu Boden. Fassungslos starrte er auf das Loch darin und ging nun doch im Schutz der Einfahrt in die Hocke. Sein Puls raste. Unauffällig rang er nach Luft. Muriel Honeycomb hatte tatsächlich abgedrückt! Sie hatte auf ihn geschossen. Genau genommen auf das schriftliche Angebot. Ich scheiß drauf!, wollte sie ihm damit sagen. Botschaft angekommen.

Tatum presste die Zähne so fest aufeinander, dass die Kiefer schmerzten. Seine Muskeln waren angespannt. Es rauschte in seinen Ohren. Der Gestank eines Wildtiers, das in der Nähe seinen Bau haben musste, drang ihm in die Nase.

Auf der anderen Seite des Tores hörte er eine hellere Frauenstimme: »Das kannst du doch nicht machen.«

»Ich habe es schon getan, und ich werde es wieder tun.«

»Das geht zu weit.«

»Ich werde das Erbe unserer Familie mit meinem Leben verteidigen.« Kraftvoll tönte Muriel: »Hören Sie das da draußen? Hier bin ich geboren, und hier werde ich sterben.« Leiser sagte sie: »Geh rein, Alica!«

»Ich bleibe bei dir.«

»Dann hol dir Dads Pistole.«

»Muriel!« Stampfende Schritte auf der Veranda, die sich entfernten. Die Fronttür wurde zugeschlagen. Die Jüngere kehrte nicht zurück.

Es fing an zu nieseln. Obwohl nur Sprühregen auf Tatum niederging, empfand er die Tropfen wie Nadelstiche. Stiche in sein Ego. Eine Sabotage seiner Zukunftspläne. Das durfte er nicht zulassen! Aber im Moment war er machtlos. Während der Regenschauer Tatum äußerlich abkühlte, kochte er innerlich. Ein Blitz erhellte den inzwischen schwarzen Himmel. Wenige Sekunden später zerriss ein ohrenbetäubender Donnerschlag die Stille.

Er war gezwungen, den Rückzug anzutreten. Wutschnaubend setzte er sich in seinen Wagen und raste, Aquaplaning hin oder her, so schnell zurück ins Büro, dass DiMaggio auf dem Beifahrersitz übel wurde.

Unverrichteter Dinge saß er schließlich wieder an seinem Schreibtisch. Der Anwalt war unter einem Vorwand geflüchtet. Fynn legte die Schnauze auf seinen Oberschenkel und guckte ihn an. Nicht einmal sein treuer Hundeblick, mit dem er sein Herrchen sonst immer weichkochte, konnte Tatum beruhigen.

Er ballte die Hände zu Fäusten und betrachtete das Firmenlogo, ein Haus inmitten zweier gekreuzter Schwerter. Eine Villa, genau genommen. Solche Gebäude musste er erwerben, sanieren und mit hoher Marge wieder verkaufen, um es seinem Vater zu beweisen und ihn auszustechen, und nicht die Billigimmobilien vermitteln, mit denen er sich zurzeit noch beschäftigte.

»Ich will dieses Grundstück. Mit allen Mitteln!«, bellte Tatum wutentbrannt. Erschrocken wich Fynn vor ihm zurück, was Tatum einen weiteren Stich an diesem Tag versetzte.

2

Immer wenn Muriel zum Einkaufen in die Innenstadt von Bangor fuhr, spürte sie ein Ziehen in der Magengegend, so auch jetzt wieder. Ein diffuser Schmerz, den sie nicht einmal genau lokalisieren konnte. Er schien zu wandern, wie ein Wurm, der sich durch ihren Körper fraß.

Bereits bei der Abfahrt daheim spürte sie einen Kloß im Hals. Während der Autofahrt pochte ihr Herz immer heftiger, sodass sie tief ein- und wieder ausatmete, in der Hoffnung, dass es sich dadurch wieder beruhigte. Stieg sie vor dem Laden aus, in dem sie Besorgungen zu machen hatte, krampfte sich ihr Inneres zusammen. In ihrem Bauch rumorte es so lebhaft, dass sie felsenfest davon überzeugt war, jeder, der an ihr vorüberging, würde das Gluckern und Gurgeln hören.

Sie hatte den Eindruck, die Menschen würden sie wegen der peinlichen Geräusche anstarren. Und manche taten das auch, was allerdings vielleicht auch an den altmodischen Kleidern ihrer Mutter lag. Fremde konnten natürlich nicht wissen, dass Muriel sie trug, weil sie nie über ihren Verlust hinweggekommen war. Sie war damals erst sechzehn Jahre alt gewesen, und die Kleider waren das Einzige, das Muriel von ihr geblieben war, ihre einzige Verbindung zu sonnigeren Zeiten mit Versteckspielen im Wald, Picknick auf der Wiese und Gutenachtküssen.

Heutzutage kannte sie nur Entbehrung, aber ihrem dürren Körper sah man lediglich den Mangel an Nahrung an. Muriel passte gut auf, dass Alica nicht merkte, wie groß ihre Portionen im Vergleich zu denen ihrer Schwester ausfielen. Der Hunger nach körperlicher Nähe war dagegen für sie viel schwerer zu ertragen.

Mit starrem Blick erledigte sie rasch, was auf dem Plan stand. Nur nicht rechts und links sehen. Geradeaus marschieren und zügig vorangehen, dann wurde sie auch nicht angesprochen. Sie wusste, dass sie dadurch wie ein Feldwebel wirkte, steif und hart, denn sie hatte sich einmal in einem Schaufenster gesehen und erschrocken den Blick abgewendet. Das war nicht sie. Sie zeigte niemandem ihr wahres Ich, wie verletzlich sie war, nicht einmal Alica, denn sie musste für ihre jüngere Schwester stark sein und ihr nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen.

Der Druck in der Leibesmitte ließ erst nach, wenn Muriel wieder heimfuhr, denn dieses unsichtbare Übel setzte beim Verlassen des Grundstücks ein und fiel bei der Heimkehr an derselben Stelle wieder von ihr ab. Sie kannte die Ursache, sie war nicht dumm, selbstverständlich handelte es sich nicht um einen Wurm. Aber sie wollte sich mit dem Grund dafür, dass sie sich außerhalb ihres Zuhauses immer wieder in sich zurückzog, sodass sie abweisend, ja, geradezu mürrisch auf andere wirkte, nicht auseinandersetzen.

Wieder daheim, fühlte sie sich nach dem Ausflug jedes Mal wie befreit, aber auch schutzlos. Darum hatte sie auch diese Männer, den Advokat des Teufels und diesen anderen Kerl, am gestrigen Tag nicht aufs Grundstück gelassen. In ihren eigenen vier Wänden schaffte sie es nicht, den Schutzwall um sich herum aufrechtzuerhalten. Denn dort erinnerte sie alles daran, wer sie wirklich war.

Nur darum hatte sie das Gewehr und die Pistole ihres Vaters behalten. Er hatte ihr beigebracht, ihre Gefühle zu verbergen, nicht absichtlich, sondern als Nebenprodukt seiner Erziehung. Seit dem Tod der Mutter hatte sie stark sein müssen, und das war sie auch, stark, aber eben nicht nur. Ich bin es leid, allen ständig etwas vormachen zu müssen!

Auch jetzt, wo sie den Wagen vor dem Einkaufszentrum parkte, ausstieg und zum Drugstore marschierte, wie ein Soldat auf einer Mission, der sich von nichts aufhalten lassen würde, starrten die Passanten sie an. Sie musterten sie, rümpften die Nase und tuschelten. Muriel tat, als würden die Blicke an ihrem Schutzschild abprallen, doch in Wahrheit bohrten sie sich wie Messerspitzen in ihre Seele. Lange, das ahnte sie, würde sie diese Scharade nicht mehr spielen können. Ihr ging die Kraft dazu aus.

Sie tauchte in das Geschäft ein und scannte, wer sich darin aufhielt, wer ihr gefährlich werden konnte.

An der Kasse suchte eine Kundin in ihrem Portemonnaie nach Kleingeld und legte mit zittrigen, altersfleckigen Händen eine Münze nach der anderen auf den Tresen, was den Kassierer dazu veranlasste, die Augen zu verdrehen. Gerne hätte Muriel ihr geholfen, doch um das zu tun, hätte sie aus ihrer Deckung herauskommen müssen.

Der Angestellte vertrieb sich die Wartezeit damit, einer Frau in Minirock und Tanktop, die gelassen und selbstbewusst am Kosmetikregal entlangstolzierte, nachzuschauen. Verstohlen musterte auch Muriel sie und beneidete sie um ihre Haltung und ihre Kurven.