Mit Stolz aus der Abhängigkeit - Martin Fleckenstein - E-Book

Mit Stolz aus der Abhängigkeit E-Book

Martin Fleckenstein

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Beschreibung

- Neuer positiver Ansatz in der Suchttherapie: Die Wirksamkeit der LST in der Rückfallprävention ist wissenschaftlich belegt - Wichtiger Aspekt in der Therapie: Starker Einbezug der Angehörigen - Umfassend: Grundlagen und Manual in einem Buch - Aus der Praxis für die Praxis: Autoren haben das Konzept entwickelt und wenden es in ihrer Klinik an Bei Menschen, die eine Therapie für Abhängigkeitserkrankungen beginnen, überwiegen meist Gefühle wie Scham und Schuld – Scham, dass sie diese Krankheit entwickelt haben und dass sie es nicht allein geschafft haben, abstinent zu leben; Schuld, dass sie Angehörige und Freunde belasten. Diese negativen Emotionen fördern jedoch die Aufrechterhaltung der Abhängigkeitserkrankung. Hier setzt die Leistungssensible Suchttherapie (LST), welche von den Autoren Fleckenstein und Fleckenstein-Heer entwickelt wurde, an: In der Therapie wird eine neue konstruktive, von Stolz geprägte Haltung gegenüber der Abhängigkeitserkrankung vermittelt. Betroffene und Angehörige werden für die erbrachten Leistungen in der Überwindung der Sucht sensibilisiert und somit eine neue, konstruktive Haltung im Umgang mit dieser herausfordernden Erkrankung gefördert. Das Ergebnis: Positive Gefühle wie Stolz und dadurch ein transparenterer Umgang mit den Symptomen der Erkrankung und eine bessere Beziehungsqualität zwischen Angehörigen und Betroffenen. Dieses Buch richtet sich an: Psychiater, Psychotherapeuten, Suchttherapeutisches Fachpersonal aus den Bereichen Pflege und Sozialpädagogik, Fachinteressierte, Betroffene und Angehörige.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Fleckenstein ■ Fleckenstein-Heer ■ Leiberg ■ Lüddeckens ■ Breit

Mit Stolz aus der Abhängigkeit

Leistungssensible Suchttherapie

nach Fleckenstein und Fleckenstein-Heer

Mit einem Geleitwort von Karl Mann

Impressum

Martin Fleckenstein

[email protected]

Marlis Fleckenstein-Heer

[email protected]

Dr. rer. nat. Susanne Leiberg

[email protected]

Dr. med. Thomas Lüddeckens

[email protected]

Dr. med. Wilhelm Breit

[email protected]

Die digitalen Zusatzmaterialien haben wir zum Download auf www.klett-cotta.de bereitgestellt. Geben Sie im Suchfeld auf unserer Homepage den folgenden Such-Code ein: OM40044

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Besonderer Hinweis

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollten bitte im allgemeinen Interesse dem Verlag mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst bleibt verantwortlich für jede diagnostische oder therapeutische Applikation, Medikation und Dosierung.

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Schattauer

www.schattauer.de

© 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Jutta Herden, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von © Adobe Stock/APD

Lektorat: Marion Drachsel, Berlin

Projektmanagement: Dr. Nadja Urbani

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Printausgabe: ISBN 978-3-608-40044-1

E-Book: ISBN 978-3-608-11591-8

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20433-9

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

Geleitwort

Einleitung

1 Der Leistungssensible Gedanke

1.1 Gummibandanalogie

1.2 Flugzeuganalogie

1.3 Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Stigmatisierung, Scham und Abhängigkeit

2.1.1 Stigmatisierung

2.1.2 Stigmatisierung, Selbststigmatisierung und Abhängigkeit

2.1.3 Zur Emotion Scham

2.1.4 Konsequenzen für die Therapie von Abhängigkeitserkrankungen

2.2 Leistungssensibilität und Stolz versus Stigmatisierung und Scham

2.2.1 Leistungen und Bemühungen im Suchtausstiegsprozess

2.2.2 Aufgaben und Zielrichtung der Leistungssensiblen Therapie

2.2.3 Zur Emotion Stolz

2.2.4 Vermittlung einer leistungssensiblen Haltung bei Betroffenen und ihren Angehörigen

2.2.5 Stolz und Motivation – über die Wirkung positiver Emotionen

2.3 Grundlagen der Leistungssensiblen Therapie

2.3.1 Motivierende Gesprächsführung als Fundament

2.3.2 Leistungssensible Therapie und Bindung

2.3.3 Erklärungsmodell nach Fleckenstein, Fleckenstein-Heer und Lüddeckens

2.4 Leistungssensible Therapie, Abhängigkeitserkrankungen und Trauma

2.5 Neurobiologische Erklärungen abstinenzbezogener Leistungen

3 Durchführung des Therapieprogramms

3.1 Aufbau des Programms

3.2 Anpassung des Programms an den Kontext

3.2.1 LST im Entzug

3.2.2 LST in der Entwöhnungstherapie

3.2.3 LST als ambulantes Gruppenangebot

3.2.4 LST im Einzelsetting

3.2.5 LST und kontrollierter Konsum

3.3 Tägliche Kurzinterventionen – Wozu?

3.4 Vorbereitung der Gruppenleitung

3.5 Ablauf der Gruppensitzungen

3.6 Problemsituationen

3.7 Grenzen – Was die Leistungssensible Therapie nicht bietet

4 Drei Erfahrungsberichte

4.1 Interview mit einem Betroffenen

4.2 Interview mit betroffenen Angehörigen

4.3 Interview mit einem Peer-Mitarbeiter

5 Empirische Befunde

6 Ausblick

6.1 Selbstmitgefühl

6.1.1 Was ist Selbstmitgefühl?

6.1.2 Selbstmitgefühl und Wohlbefinden

6.1.3 Selbstmitgefühl und Abhängigkeitserkrankungen

6.1.4 Kultivierung von Selbstmitgefühl

6.1.5 Kultivierung von Selbstmitgefühl bei Patient_innen mit Abhängigkeitserkrankungen

6.1.6 LST und Selbstmitgefühl

6.2 Leistungssensibilität in der Prävention

6.3 LST in der Behandlung anderer psychischer Erkrankungen

6.4 Neue Medien und die Leistungssensible Therapie

6.5 Leistungssensible Haltung in Suchthilfesystemen

Literaturverzeichnis

Manual zur Kurzintervention »Leistungssensible Suchttherapie« nach Fleckenstein & Fleckenstein-Heer

Einführung

I Aufbau der Kurzintervention

II Erste Gruppensitzung: Haltung

II-A Begrüßung und Einführung zum Thema Haltung

II-B Haltungen gegenüber der Abhängigkeitserkrankung

II-C Leistungssensible Haltung

II-D Diskussion über den Bergsteiger/Marathonläufer

II-E Zuwendung statt Ablehnung

II-F Fazit

II-G Überleitung zur zweiten Gruppensitzung

III Zweite Gruppensitzung: Ehrlichkeit und Transparenz

III-A Begrüßung und Einstieg in die zweite Gruppensitzung

III-B Hinführung zum Thema Ehrlichkeit

III-C Vor- und Nachteile von Transparenz

III-D Arbeitsblatt Ehrlichkeit

III-E Rollenspiel

III-F Ich nehme mir vor …

III-G Fazit

IV Dritte Gruppensitzung: Einbezug nahestehender Personen

IV-A Begrüßung und Einstieg in die dritte Gruppensitzung

IV-B Zusammenfassung der ersten und zweiten Sitzung

IV-C Wünsche und Befürchtungen

IV-D Leistungssensibler Umgang mit Krisen

IV-E Verabschiedung

V Tägliche Kurzinterventionen

VI Arbeits- und Informationsblätter (Kopiervorlagen)

VI-A Arbeitsblatt 1: Eine hilfreiche Haltung

VI-B Arbeitsblatt 2: Innere Kommunikation

VI-C Infoblatt 1: Haltung

VI-D Infoblatt 2: Schreiben zur Einladung nahestehender Personen

VI-E Arbeitsblatt 3: Pro-und-Kontra-Viereck

VI-F Arbeitsblatt 4: Ehrlichkeit

VI-G Arbeitsblatt 5: Ich nehme mir vor …

VI-H Infoblatt 3: Ehrlichkeit

VI-I Arbeitsblatt 6: Wünsche und Befürchtungen

VI-J Infoblatt 4: Auszug aus »Der kleine Prinz« (Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry)

VI-K Infoblatt 5: Leistungssensibler Umgang mit der Abhängigkeitserkrankung

VI-L Arbeitsblatt 7: Wie reagieren wir bei einer Krise?

VI-M Infoblatt 6: Merksätze zum leistungssensiblen Umgang mit der Abhängigkeitserkrankung

Sachverzeichnis

Geleitwort

Bezeichnend für diese Unglücklichen ist es, dass sie nicht nur eine minderwertige Gesundheit, sondern auch eine minderwertige Krankheit haben.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (Band 1; 1930)

Europa ist der Kontinent mit dem höchsten Alkoholkonsum der Welt. Besonders in Zentraleuropa fehlt der politische Wille, bewährte verhältnispräventive Maßnahmen zu implementieren und damit die Bevölkerung zu schützen. Entsprechend leiden viele Menschen in Deutschland und der Schweiz an einer Alkoholabhängigkeit mit allen Folgen für sie selbst und für ihre Angehörigen und Freunde. Trotz Erfolg versprechender Therapieangebote entschließt sich nur rund jeder siebte Alkoholabhängige zum Antritt einer spezialisierten Behandlung. Ein Grund hierfür liegt in der Stigmatisierung der Betroffenen. Sie gelten immer noch als schwache und willenlose Charaktere, obwohl die Forschung der letzten 50 Jahre eindeutig den Krankheitswert von Sucht belegt hat. Der oben zitierte Satz von Robert Musil zielte auf psychisch Erkrankte insgesamt, heute erscheinen Suchtkranke jedoch ganz besonders von Stigmatisierung betroffen zu sein – durch die Gesellschaft, das nahe Umfeld und, für den Suchtausstiegsprozess besonders hinderlich, auch durch sich selbst.

Das vorliegende Buch stellt mit der »Leistungssensiblen Suchttherapie« einen neuen Weg aus diesem Dilemma vor. Gegründet auf eine bedingungslose Wertschätzung des Gegenübers werden Selbstbeschämung und Selbstvorwürfe ersetzt durch Betonung der im Verlauf der Therapie erbrachten Leistungen und des systematisch verstärkten Stolzes hierauf. Mit der Fokussierung auf diese Leistungen im Dienste der Abstinenz bzw. Konsumreduktion verfolgt der Ansatz das Ziel, die Haltung der Betroffenen und ihrer Angehörigen gegenüber der Abhängigkeitserkrankung nachhaltig positiv zu beeinflussen. Damit greifen die Initiatoren dieses haltungsbasierten Ansatzes unter anderem auf den deutschen evangelischen Pastor und Theologen Friedrich von Bodelschwingh der Ältere (1831–1910) zurück, der schon vor über hundert Jahren von »geretteten Trinkern« als »Helden« sprach, die ob ihrer Leistung höchste Anerkennung und Achtung verdienen.

Die Autoren des Buches haben es nicht bei der Entwicklung eines modifizierten Therapieansatzes bewenden lassen. Sie haben zudem in einer aufwendigen Studie auch einen empirischen Beleg für die Wirksamkeit ihres Konzepts vorgelegt. Dem Buch und der leistungssensiblen Haltung ist eine weite Verbreitung unter Fachpersonen, Betroffenen und Angehörigen zu wünschen. So könnte es Betroffenen ihre Würde im Umgang mit der Erkrankung zurückgeben und ihnen Mut zum Antritt und Fortführen einer Therapie machen!

Univ.-Prof. a. D. Dr. Karl Mann

Seniorprofessor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim

Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Einleitung

Wenn sich Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung entscheiden, Angebote aus dem Suchthilfesystem in Anspruch zu nehmen, haben sie einen langen Weg hinter sich. Sich Hilfe zu holen, sei es nun beim Hausarzt, in Beratungsstellen, in auf Abhängigkeitserkrankungen spezialisierten Ambulatorien, Tageskliniken oder stationären Einrichtungen bedeutet anzuerkennen, dass man bei dem Versuch gescheitert ist, selbst die Kontrolle über den Konsum zurückzugewinnen. Das ist für die Betroffenen zutiefst beschämend.

Eine Suchttherapie von unklarer Dauer anzutreten ist ungefähr so attraktiv wie ein Zahnarztbesuch. Wobei – genau genommen stimmt das gar nicht! Denn ein Zahnarztbesuch ist vergleichsweise kurz. Und er ist gesellschaftlich anerkannt: Menschen können offen über ihre Schmerzen und den Besuch beim Zahnarzt berichten. Sie erhalten mitfühlende Aufmunterung, werden geschont und in ihrem Problem verstanden. Sie werden weder stigmatisiert noch ausgegrenzt und müssen das auch nicht befürchten.

Ganz anders verhält es sich bei Patient_innen in einer Behandlung für Abhängigkeitserkrankungen. Diese dauert lang und beinhaltet zuweilen stationäre Aufenthalte. Es ist also nur schwer möglich, die Behandlung anzutreten, ohne dass die nahestehenden Personen, aber auch die Arbeitgeber_in davon erfahren. Die Betroffenen fürchten die soziale Ausgrenzung, die negative Bewertung durch andere. Sie sind zutiefst beschämt, ob ihrer Unfähigkeit, ihre Situation ohne professionelle Hilfe in den Griff zu bekommen. Vor diesem Schritt haben sie alles versucht, um die Probleme selbstständig unter Kontrolle zu bekommen. Sie sind unzählige Male morgens aufgewacht mit der Motivation, »Heute konsumiere ich weniger oder gar nicht«, und abends mit der Erfahrung zu Bett gegangen, wieder genauso viel oder mehr konsumiert zu haben. Ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeitserwartung sind durch die Schwere der Abhängigkeitserkrankung auf einem Tiefpunkt. Nicht selten geht dem Entscheid für eine Behandlung eine innere Bankrotterklärung voraus. Das Eingeständnis, es allein nicht zu schaffen. Wie unangenehm muss diese Einsicht sein? Und wie oft ist sie so schmerzhaft und beschämend, dass sie nur teilweise oder zeitlich befristet wahrgenommen werden kann?

Menschen, die eine Suchtbehandlung antreten, haben häufig ein geringes Selbstvertrauen, sind zutiefst beschämt durch den eigenen Kontrollverlust. Bildhaft gesprochen, stehen sie mit heruntergelassener Hose vor ihrem Umfeld und den Behandlern. Die Bewältigung dieser Herausforderung ohne Rückfall in alte Muster ist allein schon eine überragende Leistung. Und wie wichtig und entlastend ist es wohl für diese Menschen, wenn sie auf Fachpersonal treffen, das kompetent, sensibel und würdigend mit genau diesem Umstand umgeht? Wie groß muss das Bedürfnis dieser Betroffenen und ihrer Angehörigen nach einem Zugang zu positiven Gefühlen im Umgang mit dieser schweren Erkrankung sein?

Diesen Bedürfnissen widmet sich die Leistungssensible Therapie, kurz LST.

Die Idee für die Leistungssensible Therapie entstand aus der Beobachtung, dass viele von einer Abhängigkeitserkrankung Betroffene eine erfolgreiche Therapie absolvieren, sich intensiv mit sich und ihrer Biografie auseinandersetzen, monatelang schwierigste Gefühle und Situationen ohne Substanzkonsum oder Problemverhalten aushalten und meistern – und dennoch auf diese Erfolge nicht stolz sein können. Diese Menschen gehen davon aus, Abstinenz sei eine Selbstverständlichkeit, und sie schämen sich sogar dafür, eine Behandlung in Anspruch genommen zu haben. Oft kommt es nach dem Ende einer stationären Behandlung zu Rückfällen und in der Folge zu einer erneuten Hospitalisation. Dies stellt für die Betroffenen umso mehr einen Grund dar, sich zu schämen und sich mit ihrer Erkrankung zu verstecken. Ein Teufelskreis. Ihnen nahestehende Personen und nicht selten auch Fachleute sehen oft in erster Linie das »Scheitern« der Betroffenen.

Dies alles steht in einem eindrücklichen Kontrast dazu, dass die Betroffenen für die Erlangung und Aufrechterhaltung der Abstinenz enorme Leistungen erbringen müssen. Beispiele dafür sind das Aushalten von Konsumverlangen, das Aushalten schwieriger Gefühle und Situationen, das Erlernen neuer Verhaltensweisen, das Aufarbeiten der eigenen Vergangenheit, das Meiden gewisser sozialer Kontakte und oft auch das Beenden langjähriger Freundschaften und kollegialer Beziehungen. Abhängigkeitserkrankungen sind schwere, chronische, psychische Erkrankungen. Der konstruktive Umgang mit ihnen erfordert große Anstrengungen und Leistungen.

Das vorliegende Manual beruht auf einer tiefen Überzeugung: Das Sehen und Würdigen der zu vollbringenden und bereits vollbrachten Leistungen im Suchtausstiegsprozess und in der Aufrechterhaltung der Abstinenz trägt maßgeblich zum Gelingen der Abstinenzleistungen bei. Eine von Stolz und Ehrlichkeit geprägte Haltung wird als Alternative für eine von Scham, Bagatellisierung und/oder Verleugnung geprägte Haltung angeboten.

Innovativ an diesem Therapieprogramm ist das Ziel, begleitend zu der Verhaltensänderung, wie andere Therapieprogramme sie eher ausschließlich anstreben, bei Betroffenen und deren nahestehenden Personen eine Haltungs- bzw. Einstellungsänderung gegenüber der Abhängigkeitserkrankung zu bewirken. Mit der Leistungssensiblen Therapie wird eine Haltung implementiert, die von Ehrlichkeit und Stolz geprägt ist.

1 Der Leistungssensible Gedanke

Wie schon einleitend kurz beschrieben, müssen Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung größte Leistungen erbringen, um Abstinenz oder Konsum-/Verhaltenskontrolle zu erreichen bzw. aufrechtzuerhalten. Sie erleben oder befürchten Kontrollverlust und kämpfen gegen diesen an. Indem sie den Kampf häufig verlieren, sind sie zutiefst beschämt und versuchen zuweilen mit allen Mitteln, ihre Situation vor ihrem Umfeld zu verbergen. Da die nahestehenden Personen oftmals mit dem Konsum von Suchtmitteln bzw. der Kontrolle des Konsums keine Schwierigkeiten haben, ernten Betroffene zumeist wenig Verständnis für ihre Probleme im Umgang mit der Erkrankung. Lob oder Anerkennung für ihre Kontrollbemühungen sind selten oder stehen nicht in einem adäquaten Verhältnis zu den Anstrengungen, die die Betroffenen erleben.

Dies ist teilweise gut nachvollziehbar, da Angehörige(1) und nahestehende Personen viele Phasen in der Entstehung der Abhängigkeitserkrankung und im weiteren Verlauf miterleben mussten, in denen die Betroffenen tatsächlich keinerlei sichtbare Abstinenzbemühungen zeigten oder diese vortäuschten. Nahestehende Personen leiden unter diesen von der Abhängigkeit dominierten Phasen und erleben belastende Gefühle wie Ohnmacht, Angst, Hilflosigkeit, Scham und Schuld oder auch Wut. Das bedeutet: Auch nahestehende Personen sind Leistungserbringer im Umgang mit dieser chronischen Erkrankung. Ihre Leistungen werden noch seltener in adäquater Form gewürdigt. Die Betroffenen sind stark mit der Bewältigung ihrer Erkrankung beschäftigt und manchmal konflikthaft verstrickt mit ihrem Umfeld, sodass gegenseitige Würdigung(1) im Alltag kaum stattfindet. Andere externe Personen werden nur zögerlich miteinbezogen, da sich das gesamte von der Abhängigkeitserkrankung betroffene System vor der negativen Bewertung von außen schützen will.

Begeben sich Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in den Suchtausstiegsprozess, beobachten wir also eine Konstellation, in der Betroffene wie auch ihre nahestehenden Personen Höchstleistungen erbringen und schon erbracht haben, diese aber kaum gesehen, geschweige denn gewürdigt oder belohnt werden. Weder findet diese Würdigung gegenseitig statt, noch in ausreichendem Maße durch das Suchthilfesystem.

Betrachten wir andere Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in denen Höchstleistungen erbracht werden, z. B. im Beruf, im Sport oder in der Kunst, so fehlt es hier nicht an der entsprechenden Anerkennung. Sie zeigt sich in Lob oder Lohnerhöhungen, Trophäen im Sport oder Applaus nach einem geglückten Konzert. Wie würden wohl Mitarbeiter_innen, Sportler_innen oder auch Künstler_innen reagieren, wenn sie nach monatelanger Anstrengung nicht gesehen, nicht gewürdigt oder in irgendeiner Form anerkannt werden? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Leistungen wiederholen, die Anstrengungen erneut auf sich nehmen? Lob, Anerkennung und Würdigung motivieren immer wieder neu zu erstaunlichen Leistungen und Anstrengungen. Ausbleibendes Lob, fehlende Anerkennung(1) und Würdigung führen zum Gegenteil. Es ist demotivierend und beschämend, sich immer wieder Tag für Tag anzustrengen und darin nicht gesehen zu werden.

Betrachten wir diese Zusammenhänge, hilft uns dies zu verstehen, wie schwierig die Aufgabe für Betroffene und ihre nahestehenden Personen ist und welche wichtige Rolle die Sensibilisierung für die jeweiligen Leistungen als Basis für gegenseitige Anerkennung und Würdigung spielt.

Mit Leistung bezeichnen wir eine erbrachte Anstrengung. In der Leistungssensiblen Therapie geht es darum, Leistungen im Dienste der Abstinenz zu würdigen. Dies soll kein Selbstzweck sein, sondern das tiefe Verständnis ausdrücken, das wir für die hinter der Abstinenz liegenden Anstrengungen entwickelt haben. Menschen ohne Abhängigkeitserkrankung, und dazu gehören viele Angehörige wie auch die meisten Fachpersonen, können sich nicht vorstellen, wie anstrengend der abstinente Zustand ist, und nehmen dessen Erreichung und Aufrechterhaltung nicht als Leistung wahr. Daher sind ihre Bemühungen um Anerkennung der Abstinenzleistungen der Betroffenen häufig oberflächlich oder fehlen ganz. Es fällt schwer, wirklich nachzuvollziehen, welche Anstrengungen sich tatsächlich hinter diesem Zustand der Abstinenz verbergen. Es fehlt das nötige »Empathiewissen(1)«. Nur wer diese Anstrengungen auch in der Tiefe begreifen lernt, kann in adäquater Form emotional darauf reagieren, in echter Anerkennung staunen und Demut entwickeln vor der Aufgabe des Betroffenen.

Wir möchten nun mittels zweier Analogien das Verständnis für diejenigen Anstrengungen schärfen, die für die Erreichung und Aufrechterhaltung der Abstinenz bzw. der Konsumkontrolle nötig sind:

Gummibandanalogie

Flugzeuganalogie

1.1 Gummibandanalogie(1)

Stellen Sie sich vor, unser Gehirn wäre kein komplexes System voller unzähliger Nervenzellen, sondern ein einfacher Muskel. Stellen Sie sich nun vor, Sie hätten ein Gummiband in den Händen. Ein Gummiband, wie es in der Gymnastik zum Einsatz kommt. Stellen Sie sich weiter vor, dieses Gummiband entspräche diesem Muskel.

Unternimmt ein Mensch mit einer Abhängigkeitserkrankung keine Anstrengungen, um seine Erkrankung zu kontrollieren, so bedeutet dies, dass der Muskel nicht aktiv ist. Analog läge das Gummiband schlaff in Ihren Händen. Das entspricht dem Konsumzustand bei Betroffenen (▶ Abbildung 1).

Abbildung 1: Konsumzustand bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Gummibandanalogie

Wie sieht es aber aus, wenn die Betroffenen nun Anstrengungen unternehmen, um ihre Erkrankung zu kontrollieren, ihren Konsum zu reduzieren oder den Zustand der Abstinenz herzustellen? Dazu ist das Gehirn gefordert. Der Muskel muss aktiv werden. In der Analogie wäre das Gummiband zwischen Ihren Händen vollständig gespannt (▶ Abbildung 2).

Abbildung 2: Abstinenzzustand bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Gummibandanalogie

Nun erwarten die Betroffenen von sich, dass sie abstinent bleiben oder den Konsum auch weiterhin unter Kontrolle haben. Und sicher wird sich das Umfeld oder die begleitende Fachperson dies ebenfalls wünschen. Das bedeutet, das Gehirn muss weiterhin aktiv bleiben, Sie halten das Gummiband also weiterhin gespannt – morgen, übermorgen, nächste Woche und den ganzen nächsten Monat. Und um Rückfälle ins alte Muster zu verhindern, wäre es gut, Sie halten das Gummiband auch das gesamte nächste Jahr straff.

Sie können sich schon nach wenigen Minuten davon überzeugen, welche große Herausforderung da auf Sie zukommt. Eventuell spüren Sie schon ein leichtes Zittern zwischen ihren Schulterblättern, vielleicht haben Sie erste Zweifel, ob Sie diesen Zustand so lange aufrechterhalten können (▶ Abbildung 3).

Abbildung 3: Dauerhafter Abstinenzzustand bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Gummibandanalogie

Sollte es nun dazu kommen, dass Ihnen die Kraft ausgeht und das Gummiband erschlafft, würden Sie sich sicher freuen, wenn Ihnen jemand gut zureden würde, stolz auf Ihre bisherigen Leistungen wäre und Ihnen dabei helfen würde, das Gummiband zu spannen, bis Sie selbst wieder genügend Kraft dafür haben. Aber wie wäre es wohl für Sie, wenn dann nur Kritik im Sinne von »Ich wusste doch, dass du es nicht schaffst!« auf Sie einprasselt? Würde Ihnen das die nötige Kraft und Motivation geben, um das Gummiband wieder selbstständig zu spannen?

Diese Gummibandanalogie veranschaulicht deutlich, was Menschen im Suchtausstiegsprozess(1) auf sich nehmen. Welche Herausforderung sie mutig zu stemmen versuchen. Und wie entscheidend es sein kann, entsprechende Unterstützung von nahestehenden Personen zu erfahren.

Wie stellt sich die Gummibandanalogie für »Nicht-Betroffene« dar? Wie fühlt es sich für sie an? Wenn »Nicht-Betroffene« auf ein Suchtmittel verzichten sollen, so müssen sie nicht aktiv werden. Der Muskel bleibt entspannt. Wenn also »Nicht-Betroffene« vom Zustand der Abstinenz reden, so reden sie entsprechend von dem Zustand, den in der Analogie das schlaffe Gummiband in Ihren Händen symbolisiert (▶ Abbildung 4).

Abbildung 4: Abstinenzzustand bei Menschen ohne eine Abhängigkeitserkrankung in der Gummibandanalogie

Aus diesem Erleben heraus fällt es »Nicht-Betroffenen« häufig schwer, Betroffene für ihre Abstinenzleistungen adäquat zu würdigen und zu unterstützen. Sie selbst empfinden den Verzicht auf ein Suchtmittel als sehr leicht, warum also sollten sie die betroffene Person für solch eine Selbstverständlichkeit würdigen? Im Sinne von: »Der müsste sich ja nur ein bisschen anstrengen, dann würde das ja auch klappen.« Statt Unterstützung und Anerkennung resultieren aus dieser Betrachtungsweise nur Vorwürfe und Anklagen. Es steckt keine Boshaftigkeit hinter dieser Haltung, sondern eine ganz menschliche Vorgehensweise. Wir beurteilen die Dinge ausgehend von unserem eigenen Erleben. Es fällt uns manchmal sehr schwer, nachzuvollziehen, dass sich das »Gleiche« für andere eben nicht »gleich« anfühlt.

Merke:

Wenn Betroffene und ihnen nahestehende Personen (auch helfende Fachpersonen) miteinander über Abstinenz reden, dann reden sie über den gleichen Begriff, aber nicht über den gleichen Zustand! Redet ein Mensch mit einer Abhängigkeitserkrankung über Abstinenz, dann meint er den Zustand des gespannten Gummibandes. Er erlebt Abstinenz als dauerhafte Anstrengung und Herausforderung.

Reden hingegen »Nicht-Betroffene« über Abstinenz, dann gehen sie vom Zustand des schlaffen Gummibandes aus. Sie erleben einen entspannten Zustand und sehen Abstinenz als etwas Selbstverständliches beziehungsweise leicht Erreichbares an.

1.2 Flugzeuganalogie(1)

Mittels der Gummibandanalogie ist nun schon etwas klarer geworden, welche enormen Anstrengungen sich hinter der Aufrechterhaltung der Abstinenz bzw. der Konsumreduktion verbergen. Zudem ist es nun auch leichter zu verstehen, warum auf diese Anstrengungen und Leistungen häufig nicht mit Anerkennung und Würdigung reagiert wird. Das nötige »Empathiewissen(2)«, das vom eigenen Erleben ausgeht, fehlt beim »gesunden« Gegenüber häufig. Die Fähigkeit, die Anstrengungen hinter der Abstinenz tatsächlich nachzuvollziehen, ist nicht nur für nahestehende Personen die Grundlage, um würdigend darauf zu reagieren. Es kann häufig beobachtet werden, dass auch Betroffene selbst kein Verständnis dafür aufbringen und somit im Konflikt mit den eigenen, unrealistischen Erwartungshaltungen stehen. Auch die Betroffenen lassen also »Empathiewissen« sich selbst gegenüber vermissen. Das Selbstmitgefühl(1) (▶ Kapitel 6.1), welches in diesem Kontext sehr wichtig wäre, fehlt oft vollständig oder steht einem dominanten »inneren Kritiker(1)« gegenüber. Statt Lob und Anerkennung überwiegen Kritik und Vorwürfe, sei es durch die Betroffenen selbst oder durch ihr Umfeld – dies mit den oben beschriebenen katastrophalen Auswirkungen auf ihre Motivation und die Beziehungen zu ihrem Umfeld.

Mit der folgenden Flugzeuganalogie möchten wir die Anstrengungen, die im Dienste des Suchtausstiegs von den Betroffenen und ihren nahestehenden Personen abverlangt werden, mit einem weiteren Bild veranschaulichen: Stellen Sie sich ein Flugzeug vor, das am Boden steht. Da es am Boden steht, muss es keine Leistung erbringen. Es ist im Ruhemodus. Dies entspricht bei einem Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung dem »Konsumzustand« (▶ Abbildung 5). Werden keine Anstrengungen unternommen, um den Konsum zu reduzieren oder zu stoppen, dann ist die Aufrechterhaltung des abhängigen Lebensstils die Konsequenz.

Abbildung 5: Konsumzustand bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Flugzeuganalogie

Was muss nun mit diesem Flugzeug geschehen, damit es den Ruhemodus verlassen kann? Es muss mit Kerosin betankt, auf die Startbahn geleitet und dort so stark beschleunigt werden, dass es in der Lage ist, vom Boden abzuheben und entgegen der Erdanziehungskraft im Steilflug die Zielhöhe anzustreben. Diese Phase entspricht bei einer Person mit einer Abhängigkeitserkrankung häufig der Phase, in welcher sie sich für den Weg der Abstinenz bzw. der Konsumreduktion entscheidet. Die Betroffenen holen sich Hilfe, absolvieren mit großer Motivation einen Entzug. Sie streben Stabilität und eine bleibende Veränderung ihres Konsumverhaltens an (▶ Abbildung 6).

Abbildung 6: Phase des Abstinenzentscheids bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Flugzeuganalogie

Irgendwann erreicht das Flugzeug die anvisierte Zielhöhe. Es fliegt auf gleich bleibender Höhe seinem Ziel entgegen. Dieser Zustand kann bei Betroffenen als »Abstinenz« bezeichnet werden (wahlweise auch als die »gewünschte Konsummengenreduktion«). Was muss nun mit dem Flugzeug geschehen, damit es nicht wieder landen und in den Ursprungszustand zurückkehren muss? Das Flugzeug muss nach wie vor Leistung erbringen, um nicht an Flughöhe zu verlieren. Es verbraucht Kerosin, um die Triebwerke am Laufen zu halten. Damit das Kerosin nicht ausgeht, muss das Flugzeug in der Luft betankt werden (▶ Abbildung 7). Ansonsten droht eine Bruchlandung. – In der Luft tanken, allein? Geht nicht!

Abbildung 7: Vom sozialen Umfeld unterstützter Abstinenzzustand bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in der Flugzeuganalogie

Dies entspricht der Tatsache, dass von einer Abhängigkeitserkrankung betroffene Menschen täglich Leistungen erbringen müssen, damit sie nicht in alte Konsummuster zurückfallen. Um diese Leistungen erbringen zu können, benötigen sie Motivation(1). Sollte ihnen die Motivation ausgehen, droht der Rückfall in alte Konsummuster. Die Motivation ist also im Bild gleichzusetzen mit dem Kerosin. Die Motivation ohne Unterstützung von außen für längere Zeit oder gar für immer aufrechtzuerhalten ist ähnlich unmöglich wie in der Luft allein zu tanken. Es braucht hier die richtige Unterstützung, um diese dauerhaften Leistungen im Dienste der Abstinenz (oder Konsummengenreduktion) bewerkstelligen zu können. Um nicht abzustürzen! Schließlich wird das Flugzeug unablässig von der Erdanziehungskraft zu Boden gezogen. Das neurobiologische Pendant zu dieser Gravitationskraft sind die neurobiologischen Veränderungen in den Gedächtnis- und Motivationszentren des durch den Abhängigkeitsprozess veränderten Gehirns (▶ Kapitel 2.5).

Die Flugzeuganalogie macht deutlich, dass Konsummengenreduktion oder Abstinenz für Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung niemals eine Selbstverständlichkeit sein werden. Sie müssen täglich Leistungen dafür erbringen und Anstrengungen über Wochen, Monate und Jahre auf sich nehmen, um die erreichte Stabilität nicht zu gefährden. Die Betankung in der Luft symbolisiert eindrücklich die Notwendigkeit der Unterstützung durch Personen im Umfeld der Betroffenen. Sie können durch diese Unterstützung Kraft tanken, um weiterhin Anstrengungen meistern zu können. Auch nahestehende Personen erbringen dauerhaft Leistungen, um zu verhindern, dass Betroffenen die Motivation ausgeht und um bei einem Einbruch der Motivation zu helfen, dass kein schlimmer Absturz erfolgt. Deshalb brauchen auch nahestehende Personen Unterstützung.

Merke:

Sowohl die Leistungen und Anstrengungen der direkt betroffenen Personen im Dienste der Abstinenz als auch die Unterstützungsleistungen der nahestehenden Personen verdienen Anerkennung und Würdigung. Abstinenz ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine täglich zu erbringende Leistung. Dafür benötigen alle Beteiligten eine stabile Motivation. Gegenseitige Anerkennung und Würdigung sind dafür notwendige Voraussetzungen. Wenn es gelingt, Betroffene, nahestehende Personen und helfende Fachpersonen dafür zu sensibilisieren, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für einen gelingenden Suchtausstiegsprozess deutlich! Menschen, die direkt oder indirekt von einer Abhängigkeitserkrankung betroffen sind, leisten Erstaunliches! Viel zu selten erleben sie die für diese Leistungen adäquate Emotion »Stolz«. Genau dies ist das Ziel der Leistungssensiblen Therapie.

1.3 Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung(1)(1)

Im vorherigen Kapitel wurde mittels der »Flugzeugmetapher« versucht, die Leistungserbringung von Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung im Suchtausstiegsprozess zu veranschaulichen und somit verstehbar zu machen. Dieser intuitive Zugang zur Leistungssensibilität soll nun in Bezug gesetzt werden zum Stufenmodell der Verhaltensänderung(1) (»stages of changes«), besser bekannt auch als transtheoretisches Modell (TTM(1); Prochaska & DiClemente, 1984; Prochaska et al., 1992):

Der Suchtausstiegsprozess lässt sich nach dem TTM als ein Veränderungsprozess verstehen, der das Durchlaufen aufeinander aufbauender Stufen beinhaltet. Fünf Stufen sind für die Bewältigung einer Abhängigkeitserkrankung zentral:

Absichtslosigkeit (»precontemplation«)

Absichtsbildung (»contemplation«)

Vorbereitung (»preparation«)

Handlung (»action«)

Aufrechterhaltung (»maintenance«)

Die Namen dieser Stufen lassen auf den ersten Blick vermuten, dass nur in der Handlungsphase (»action«) Leistungen zu erbringen sind. Dies ist natürlich nicht der Fall. Im Folgenden sollen daher zunächst die fünf Stufen mit der »Flugzeuganalogie(1)« in Zusammenhang gesetzt und anschließend die jeweils zu erbringenden Leistungen benannt werden:

Absichtslosigkeit: Das Flugzeug steht am Boden; sein Einsatz ist nicht geplant.

Absichtsbildung: Das Flugzeug steht noch immer am Boden; ein Flugeinsatz wird erwogen, und es wird geprüft, ob dieser sinnvoll und umsetzbar wäre.

Vorbereitung: Das Flugzeug wird gewartet, gesäubert, betankt etc. Das Personal wird eingeplant und steht zur Verfügung.

Handlung: