Mitgefühl als Weg - Thom Bond - E-Book

Mitgefühl als Weg E-Book

Thom Bond

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Beschreibung

Mehr Mitgefühl erleben In 52 anschaulichen Lektionen wird Gewaltfreie Kommunikation als konkrete Methode, integrative Umgangsform und als bereichernde Fertigkeit dargestellt und erlebbar gemacht. Vor dem Hintergrund seiner mehr als 30-jährigen Erfahrung stellt Thom Bond die transformative Wirkung der Gewaltfreien Kommunikation anhand von alltäglichen Situationen und Herausforderungen in einer leicht verständlichen, humorvollen und tiefgründigen Form dar. Das Buch bietet - eine prägnante, inspirierende und ehrliche Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation, - konkrete Unterstützung, wie Sie mit fordernden und kritischen Situationen integrativ umgehen können, - eine alltagstaugliche Anleitung, um die Beziehung zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen nachhaltig zu verbessern und zu vertiefen, - eine friedenstiftende Inspiration, um im eigenen Umfeld aktiv zu werden, GFK zu praktizieren und andere dazu einzuladen. Durch seine Tätigkeit als Trainer, Mediator, Referent und Coach hat der Autor Zehntausenden von Menschen die Idee der Gewaltfreien Kommunikation nähergebracht. Seine Artikel wurden u.a. in der New York Times, dem New York Magazine und dem Yoga Magazine veröffentlicht. Das Buch versammelt den Inhalt und die Erfahrung aus dem gleichnamigen Online-Kurs, den bisher über 6.000 Teilnehmer*innen weltweit absolviert haben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Thom BondMitgefühl als Weg52 Lektionen zur Gewaltfreien Kommunikation

Über dieses Buch

Mehr Mitgefühl erleben 

In 52 anschaulichen Lektionen wird Gewaltfreie Kommunikation als ­konkrete Methode, integrative Umgangsform und als bereichernde Fertigkeit dargestellt und erlebbar gemacht. Vor dem Hintergrund seiner mehr als 30-jährigen Erfahrung stellt Thom Bond die transformative Wirkung der Gewaltfreien Kommunikation anhand von alltäglichen Situationen und Herausforderungen in einer leicht verständlichen, humorvollen und tiefgründigen Form dar. 

Das Buch bietet 

eine prägnante, inspirierende und ehrliche Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation, konkrete Unterstützung, wie Sie mit fordernden und kritischen Situationen bedürfnisorientiert umgehen können, eine alltagstaugliche Anleitung, um die Beziehung zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen nachhaltig zu verbessern und zu vertiefen,eine friedenstiftende Inspiration, um im eigenen Umfeld aktiv zu werden, GFK zu praktizieren und andere dazu einzuladen. 

Das Buch versammelt den Inhalt und die Erfahrung aus dem gleichnamigen Online-Kurs, den bisher über 6.000 Teilnehmer*innen weltweit absolviert haben.

Thom Bond ist der Begründer und pädagogische Leiter des NYCNVC (New York Center für Gewaltfreie Kommunikation), Autor und Leiter des Online-Kurses Mitgefühl als Weg. Er ist GFK-Trainer, Mitglied des Komitees für Kommunikationskoordination der Vereinten Nationen und Trainer bei Internationalen Intensiv-Seminaren (IITs) des CNVC.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2023

Copyright der Originalausgabe: © Thom Bond 2017

Coverfoto: © zach / photocase.de

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Die Originalausgabe ist 2017 unter dem Titel The Compassion Book bei One Human Publishing erschienen.

All Rights Reserved.

Übersetzung: Peter Ebenhoch und Gabriele Vana

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2023

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0375-9

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0376-6 (EPUB), 978-3-7495-0377-3 (PDF).

Dieses Buch ist meinemFreund und Mentor Marshall Rosenberg gewidmet. Es ist meine Art, seine Inspiration und Ideen weiterzuverbreiten– und dies habe ich auch für den Rest meines Lebens vor.

Willkommen zu diesem Buch

Auf die gleiche Weise, wie wir Menschen unser Wissen und Verständnis über die physische Welt entwickelt haben, genauso haben wir unser Wissen und Verständnis über den Begriff Mitgefühl weiterentwickelt. Dieses Buch dient dazu, dieses Wissen an Dich weiterzugeben.

Es bietet durch klare, konkrete Ideen und praktische Schritte eine Anleitung zu Mitgefühl. Dadurch, dass wir grundlegende Fertigkeiten erlernen und im Verlauf des Buches stetig darauf aufbauen, erfahren wir in unserem Alltag mehr Mitgefühl – und das verändert alles.

Jedes Kapitel enthält Erläuterungen zu einem bestimmten Thema, eine Geschichte aus dem Alltag zur Veranschaulichung dieses Themas und Übungen zur praktischen Anwendung.

Obwohl die Arbeit mit diesem Buch leicht verständlich ist, kann die Umsetzung in die Praxis eine Herausforderung darstellen. Ich habe mein Bestes getan, um Dir etwas praktisch und realistisch Machbares an die Hand zu geben, etwas, was den Unterschied macht für Dein Leben und das Leben von uns allen.

Das, was Du dazu beisteuern kannst, ist Ausdauer, Übung, Konzentration und Engagement.

Gemeinsam können wir so viel erreichen. Los geht’s!

1. Alles, was wir tun, tun wir um ein Bedürfnis zu erfüllen

Wenn es einen Gedanken gibt, der die mitfühlende Haltung treffend beschreibt, so ist es der folgende: Alles, was wir jemals getan haben, alles, was ein Mensch jemals getan hat oder jemals tun wird, ist ein Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen (ob mit oder ohne Erfolg). Alle menschlichen Handlungen können als ein Versuch angesehen werden, Bedürfnisse zu erfüllen.

Vom Kratzen am Kopf (Wohlbefinden) über das Einnehmen von Mahlzeiten (Ernährung), über das Heiraten (Partnerschaft) bis hin zum Anschreien eines anderen (Selbstausdruck) – jede Handlung kann als ein Versuch angesehen werden, Bedürfnisse zu erfüllen.

Ich behaupte nicht, dass das wahr oder falsch ist. Es geht um eine bestimmte Sichtweise.

Jedoch behaupte ich sehr wohl, dass ich, wenn ich diese Perspektive oder dieses Bewusstsein habe – wenn ich meine eigenen Handlungen oder die Handlungen anderer im Licht der menschlichen Bedürfnisse betrachten kann – mehr Verbindung und Mitgefühl erfahre. Im Ernst, es funktioniert!

Um es klar zu machen: Wenn ich von „Bedürfnissen“ spreche, dann meine ich mehr als all jene Dinge, ohne die wir nicht überleben können (Luft, Wasser, Nahrung, Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung und so weiter). Ich meine all jene Dinge, die wir in einem erfüllten menschlichen Leben erfahren möchten.

Die Bedürfnisse spielen bei einer mitfühlenden Haltung deshalb eine so große Rolle, weil ihre bewusste Berücksichtigung eine verbindende gemeinsame Grundlage schafft. Diese Sichtweise hat alle meine Beziehungen verändert.

Im Laufe dieses Buches werden wir Schritt für Schritt daran arbeiten, mehr Klarheit darüber zu erlangen, was es mit den Bedürfnissen auf sich hat, wie wir sie verstehen können, wie wir unser Verhältnis zu ihnen vertiefen können und wie wir unser Leben und das Leben der Menschen um uns herum bereichern können.

Im Anhang B findest Du eine Liste von Bedürfnissen.

Ich hoffe, durch die folgende Geschichte wird auf anschauliche und hoffnungsvolle Art und Weise deutlich, was ich meine.

1.1 Aus der Praxis: Die Geschichte von den zwei Vätern

Ich werde nie vergessen, wie ich diese Denkweise das erste Mal in einem Gespräch mit meinem Vater angewandt habe. Nach 40 Jahren war ich überzeugt davon, dass er nie aufhören würde, mich zu kritisieren und mir Ratschläge zu erteilen. Während meines ganzen Lebens als Erwachsener fühlte ich mich immer äußerst unwohl, wenn wir uns in der Urlaubszeit trafen und dasselbe Verhaltensmuster jedes Mal wieder von Neuem aufflammte. Es machte mich verrückt.

Nachdem ich etwas über ein Jahr bei meinem Mentor Marshall Rosenberg in die Lehre gegangen war, besuchte ich meine Eltern zum Erntedankfest. Es dauerte nicht lange, bis mich mein Vater im Wohnzimmer nach meinen unmittelbaren Plänen fragte. Und das klang so:

Papa: „Also Thom, wie geht es mit deinem Unternehmen (New York Center for Non Violent Communication, NYCNVC) voran?“

Ich: „Alles bestens. (Ich hatte bereits ein leicht beklommenes Gefühl.) Immer mehr Menschen bekunden Interesse … Es sieht so aus, als ob es im Moment echt gut läuft.“

Papa: „Das ist super … (kurze Stille) Hast du ein Konzept?“

Ich: „Ja, haben wir.“ (Ich habe früher einmal professionelle Unternehmenskonzepte erstellt.)

Papa: „Gut, du brauchst nämlich ein Konzept. Ist es schriftlich ausgearbeitet?“

Ich: „Ja, Papa, es ist schriftlich.“ (Ich konnte den aufsteigenden Ärger in mir spüren.)

Papa: „Das ist gut – das Konzept muss nämlich schriftlich sein … (wieder Stille) Beinhaltet das Konzept ein Gantt-Diagramm? Du weißt schon, eine Liste mit allen Tätigkeiten, die erledigt werden müssen, mit den Personen, die sie erledigen, und einem Zeitplan, bis wann sie erledigt werden sollen. Gibt es so was?“

Ich: „Ja, Papa, haben wir … (Nun war ich kurz vorm Explodieren.) und ja, es ist schriftlich.“ (Oh, wie war mir diese Situation vertraut – und nicht unbedingt im positiven Sinn.)

Das „Verhör“ ging weiter. Schlussendlich war es wieder einmal so weit.

Papa: „Thom, die besten Konzepte und Ideen helfen nichts, selbst wenn du sie zu Papier bringst. Du musst dich ins Zeug legen und aktiv werden! Thom, du musst dich schon anstrengen!“

Im Zeitlupentempo

Die Augenblicke, die nun den Worten meines Vaters folgten, waren anders als diejenigen, die ich bisher in den vorangegangenen 40 Jahren mit ihm erlebt hatte. Ich möchte sie gern im Zeitlupentempo schildern in der Hoffnung, dass es für Dich hilfreich ist.

SCHRITT 1

Ich verlangsamte das Tempo. Ich wurde ganz langsam. Wie heißt es so schön: Wenn Du immer das Gleiche tust, bekommst Du auch immer das Gleiche. In dem Moment, als mein Vater „loslegte“, erinnerte ich mich daran, langsamer zu werden, sodass ich eine Wahl hatte, wie ich agieren wollte – ich musste nicht reagieren. Dadurch, dass ich mich mit der Idee einer mitfühlenden Haltung auseinandergesetzt hatte, war es mir möglich, drei Dinge wahrzunehmen, die in diesem Augenblick abliefen:

Ich hatte ein Bedürfnis, das nicht erfüllt war.

Ich hatte ein Urteil.

Ich war gerade im Begriff, mit meinem Vater in einen weiteren Streit zu geraten – es sei denn, ich änderte dieses Mal mein Verhalten.

Es war eine Herausforderung für mich, meine Aufmerksamkeit auf mein „unerfülltes Bedürfnis“ zu richten und nicht auf das „Urteil“. Eine echte Herausforderung, denn mein ganzes Leben lang hatte ich gelernt, den anderen für meine unerfüllten Bedürfnisse die Schuld zu geben. Ich neigte dazu, die Aufmerksamkeit auf Schuldzuweisungen zu richten anstatt auf meine Bedürfnisse.

Durch das Üben meiner neuen Haltung von Mitgefühl war es mir besser möglich, diese Momente rechtzeitig zu erkennen und das Tempo zu verlangsamen. Dadurch vermochte ich meine Aufmerksamkeit auf meine Bedürfnisse sowie auf die Bedürfnisse der anderen zu richten und nicht auf Schuld oder Urteile.

Um diese neue Fähigkeit zu fördern, hatte ich mir einige Erinnerungshilfen ausgedacht. Sie sollten mich dabei unterstützen, mir bewusst zu machen, wann immer ich gerade wieder dabei war, in Richtung Distanz zu schlittern. Bei jenem Gespräch mit meinem Vater bemerkte ich, dass mein Brustraum enger wurde und ich dachte: „Er sollte das nicht sagen; er ist so rechthaberisch.“ Das war das Signal: enge Brust und Gedanken mit „sollen und nicht sollen“.

SCHRITT 2

Ich begegnete mir selbst mit Empathie. Ich fragte mich: „Was ist es, was ich jetzt in diesem Moment wirklich fühle und brauche?“ Ich fühlte mich verstört und frustriert, aber auch irgendwie hoffnungsvoll. Ich wollte gesehen werden, ich wünschte mir mehr Ungezwungenheit und außerdem sehnte ich mich nach Verbindung. Nachdem ich mir meiner Bedürfnisse bewusst geworden war, konnte ich meine Wahl treffen. Ich wählte Verbindung.

SCHRITT 3

Ich hörte empathisch zu. Als Nächstes probierte ich meine „mitfühlenden Ohren“ aus, Ohren, die in diesem Moment nur die Bedürfnisse meines Vaters hörten. Das war der Augenblick der Wahrheit. In meinem Kopf wiederholte ich ständig die Worte: „Alle Handlungen sind ein Versuch, Bedürfnisse zu erfüllen. Alle Handlungen sind ein Versuch, Bedürfnisse zu erfüllen.“

Aber welche Bedürfnisse könnten das verdammt noch mal sein – so fragte ich mich, die sich mein Vater zu erfüllen versuchte, indem er mir das Leben so schwer machte? Ich stellte mir die Frage noch einmal: „Welche Bedürfnisse …?“ Und dieses Mal wollte ich es wirklich wissen.

Nun war ich bereit, mich ehrlich zu fragen: „Welche Bedürfnisse könnten das sein, die er sich erfüllt, indem er so mit mir spricht?“ Das half mir, den „Angriff“ meines Vaters aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ich konnte seine Worte nun als Versuch verstehen, Bedürfnisse zu erfüllen. Und ich hatte etwas gefunden, das es mir ermöglichte, meinen Vater in einem neuen Licht zu betrachten.

Ich fuhr folgendermaßen fort:

„Papa, es klingt so, als ob du dir wirklich wünschst, dass ich erfolgreich bin und von deiner Erfahrung profitieren kann. Richtig?“

Er sah für einen Moment verwirrt drein und legte den Kopf auf die Seite. Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, sagte er in einem Ton, der eine Kombination aus Erleichterung und Freude zu sein schien: „Ja … ja, das stimmt.“

In dem Moment, als ich meine Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse meines Vaters richtete, veränderte sich alles. Direkt vor meinen Augen verwandelte er sich von einem „kritischen, belehrenden Besserwisser“ zu einem Mann, der seinen Sohn liebte und ihm dabei helfen wollte, erfolgreich zu sein.

Nie werde ich jenen Moment vergessen. Ich hätte mich verteidigen können. Ich hätte versuchen können, ihn davon zu überzeugen, dass ich doch alles richtig machte. In jenem Moment jedoch war meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet: auf Bedürfnisse. Was das Wichtigste zu sein schien, war, dass mir mein Vater helfen wollte, und die Art und Weise, wie er es mir gegenüber ausdrückte, war so, wie er es am besten konnte. Aus dieser Perspektive war es mir möglich, eine Verbindung zwischen uns zu spüren – und es war das erste Mal seit langer, langer Zeit, dass wir nicht miteinander stritten.

1.2 Übungen

ÜBUNG 1

Bedürfnisse erkennen – Halte während des Tages ein kleines Notizbuch bereit. Mache pro Tag zwischen ein und fünf Eintragungen, die beschreiben, was jemand getan oder gesagt hat. Notiere dazu das Bedürfnis, von dem Du annimmst, das der / die Betreffende sich damit erfüllen wollte.

Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Bedürfnisliste im Anhang B angegeben sind. Der Grund dafür wird in den kommenden Kapiteln klarer werden.

ÜBUNG 2

Bedürfnisse erkennen (eine etwas größere Herausforderung) – Denke an eine Person, die Dir nahesteht. Diese Person tut oder sagt etwas, das Dir nicht gefällt. Versuche herauszufinden, welches Bedürfnis sich diese Person zu erfüllen versucht.

Wie bei der vorangegangenen Übung ist es sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Bedürfnisliste im Anhang B angegeben sind. Der Grund dafür wird in den kommenden Kapiteln klarer werden.

2. Was uns beigebracht wurde

Obwohl es möglich ist, alles, was wir tun, als einen Versuch anzusehen, Bedürfnisse zu erfüllen, haben die meisten von uns etwas anderes gelernt, nämlich, dass die Menschen aus ganz anderen Gründen handeln. Uns wurde eine andere Sichtweise über die menschlichen Handlungsweisen vermittelt – mit einer ganzen Kategorie von Begründungen, die wir „Urteile“ nennen.

Richtig und falsch

Viele von uns haben gelernt, dass es Dinge gibt, die „richtig“ sind, und solche, die „falsch“ sind. Und wir sollten die „richtigen Dinge“ tun und nicht die „falschen“.

Gut und böse

Noch immer wird die Eigenschaft „böse“ bestimmten Taten zugeschrieben und als rationale Erklärung für menschliches Verhalten verwendet. Ein bekannter Leitartikelschreiber der New York Times argumentierte auf diese Weise im Zusammenhang mit einem Amoklauf in den USA.

Viele von uns teilen die Ansicht, dass gewisse Menschen oder Handlungen ebenso als „gut“ einzustufen sind.

Sollen und nicht sollen

Für mich ist die Verwendung von „sollen“ und „nicht sollen“ eindeutig die weitverbreitetste Form von Urteilen und zugleich diejenige, die am schwierigsten auszumachen ist. Als kleines Kind lernte ich, mich in der menschlichen Gesellschaft zurechtzufinden, indem ich herausfand, was ich tun oder nicht tun „sollte“.

Mitgefühl für unsere Urteile

Wenn wir uns nun die Botschaft von Kapitel 1 noch einmal vor Augen führen, so lautete die Idee: „Alles, was wir tun, rührt aus der Motivation heraus, Bedürfnisse zu erfüllen.“ Dies gilt auch für Urteile. Indem wir zum Beispiel manche Menschen als „böse“ einstufen, erkennen wir, dass wir uns von ihnen fernhalten oder uns vor ihnen schützen möchten, und damit erfüllen wir eventuell unser Bedürfnis nach Sicherheit. Vielleicht erfüllt es uns auch ein Bedürfnis nach Verstehenwollen, warum Menschen so handeln, wie sie es tun.

Wenn ich Urteile in diesem Licht sehe, dann habe ich ein tieferes Verständnis und mehr Mitgefühl für die Menschen, die urteilen (mich selbst mit eingeschlossen). Der Fokus auf die „Bedürfnisse hinter den Urteilen“ bringt mich zu meinem Mitgefühl. Und so muss ich die Person, die das Urteil hat, nicht mehr verurteilen.

Wir sehen also, dass Urteile uns dabei helfen können, gewisse Bedürfnisse zu erfüllen. Allerdings stillen sie sehr selten das Bedürfnis nach Verbindung und noch seltener erzeugen sie Mitgefühl.

Warum also macht es Sinn, Urteile oder Bewertungen genauer unter die Lupe zu nehmen?

Wir können es so sehen, dass Urteile zweierlei bewirken – erstens haben sie die Tendenz, uns voneinander zu distanzieren, und zweitens geben sie uns (ironischerweise) zugleich Auskunft über unsere Bedürfnisse.

Stell Dir zum Beispiel vor, jemand kommt auf Dich zu und sagt: „Hey, hör mal …, ich möchte mit dir darüber reden, wie dumm du bist.“ Würdest Du gern so ein Gespräch führen wollen? Oder würde Dich so eine Formulierung eher abstoßen, wärst Du vielleicht schockiert? Befremdet? Distanziert?

Nun stell Dir vor, jemand spricht Dich folgendermaßen an: „Du, hör mal …, ich würde gern mit dir darüber reden, wie wir besser und leichter miteinander kommunizieren können.“ Wärst Du an solch einem Gespräch interessiert? Ich könnte mir vorstellen, dass das eher der Fall wäre.

Dieses Beispiel illustriert eine neue Art und Weise, wie wir mit allen Urteilen umgehen können. Durch diese neue Sichtweise entstehen mehr Verbindung und Mitgefühl. Denke an irgendein beliebiges Wort, das ein Urteil beinhaltet und das Du oder jemand anderer vielleicht verwendet – in demselben Wort steckt eine Information über etwas, das Du oder der andere gern haben möchte und nicht erfüllt bekommt … nämlich ein Bedürfnis.

„Egoistisch“ – vielleicht gegenseitige Rücksichtnahme?

„Gemein“ – vielleicht Fürsorglichkeit oder Verständnis?

„Dumm“ – vielleicht Verständnis oder Effektivität?

Wenn wir eine bewertende Sprache voller Urteile verwenden,

schaffen wir Distanz und denken mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit weniger an Bedürfnisse;

bleiben unsere konkreten Bedürfnisse außerhalb unseres Bewusstseins, wodurch wir uns schlechter für das einsetzen können, was wir uns wünschen;

haben wir für gewöhnlich nicht so viel Lebensfreude, als wenn wir die darunterliegenden Bedürfnisse kennen.

Wenn wir Urteile erkennen und sie in Bedürfnisse übersetzen können,

können wir mit anderen Menschen über unsere Bedürfnisse sprechen und die Chance ist groß, dass zugleich eine gewisse Verbindung aufrecht erhalten bleibt;

können wir zu jemandem, dem es gerade schlecht geht, mehr Verbindung herstellen und mehr Mitgefühl für ihn entwickeln.

Es kann eine große Herausforderung sein, unsere Urteile zu bemerken. Wenn wir jedoch lernen, sie zu erkennen und uns ihrer bewusst zu werden, dann öffnen wir damit eine Tür zu mehr Mitgefühl.

Man könnte sagen, dass die Fähigkeit, unsere Urteile in Bedürfnisse zu „übersetzen“, der Schlüssel zu mehr Mitgefühl ist – auch angesichts eines Konflikts oder einer schmerzvollen Situation. Uns unserer Bedürfnisse bewusst zu werden, vergrößert die Chance, dass sie erfüllt werden. Letztendlich erfahren wir dadurch mehr Glück und Mitgefühl.

Das Erkennen und Übersetzen von Urteilen ist eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zu einer mitfühlenden Haltung und ist doch so hilfreich.

Ich lade Dich ein zu einer Reise zu jenem Bewusstsein, zu der größeren Zufriedenheit und Verbindung, die durch das Erkennen von Urteilen und ein Verständnis über die dahinter liegenden Bedürfnisse entsteht. Mich persönlich hat dieser Prozess zu einem tieferen Sinnverständnis und einer tieferen Verbundenheit mit allen Menschen in meinem Leben geführt – ob es sich dabei um eine 30 Sekunden lange Begegnung in einem Lift handelt oder um die lebenslange Beziehung zu meinen Eltern.

2.1 Aus der Praxis: Was hören wir wie?

Wie das Hören aufdie Bedürfnisse, die in den Urteilen verborgen liegen, Dein Leben und das der anderenverändern kann.

Drei Menschen betrachteten ein Gemälde von Monet. Der eine bemerkte die Zypressen, die im Hintergrund immer verschwommener wurden. Ein anderer bemerkte den ruhigen Charakter des Wassers. Der dritte sah eine Kerbe auf einer Seite des Bilderrahmens. Mir ist klar geworden, dass wir die Wahl haben, worauf wir unsere Aufmerksamkeit beim Sehen und Hören richten. Und auf diese Weise können wir beeinflussen, welche Art von Erfahrung wir machen. Ich kann Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und Bewertungen hören oder auf die Lebensenergie horchen, die in Form von Gefühlen und den darunterliegenden Bedürfnissen und Werten ihren Ausdruck findet.

Urteile und Gedanken hören

Kürzlich saß ich mit ein paar Freunden zusammen beim Abendessen, als Brian die Bemerkung machte, dass unser gemeinsamer Freund Frankie „wankelmütig“ und „zu impulsiv“ sei. Da ich nicht mit Brian einer Meinung war, war ich etwas verstört. Mein erster Gedanke war: „Wow, was für eine verurteilende Einstellung. Er projiziert seinen eigenen Kram auf Frankie.“ Zum Glück sprach ich diesen Gedanken nicht aus. Stattdessen bemerkte ich, dass ich diesen Gedanken hatte, und ich bemerkte auch mein Gefühl von Verstörtheit.

Ich sage „zum Glück“, denn ich kann mir vorstellen, dass es nicht sehr gut angekommen wäre, wenn ich diesen Gedanken in einem impulsiven Statement ausgedrückt hätte. Zwei Signale gaben mir den Hinweis darauf, dass ich im Begriff war, etwas Trennendes aufzubauen: Erstens mein Urteil im Kopf, dass er bewertend war, und zweitens meine Verstörtheit. Ich ging in mich und stellte fest, dass ich mir mehr Verbindung und Verständnis wünschte. Und dass ich das höchstwahrscheinlich nicht bekommen würde, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf Brians Gedanken und Urteile oder meine Bewertungen darüber richtete. Es würde eine noch größere Distanz schaffen.

Gefühle und Bedürfnisse heraushören

Da ich mir vorgenommen hatte, mehr Mitgefühl zu leben, hatte ich eine Alternative entwickelt. Durch empathisches Zuhören konnte ich meine Aufmerksamkeit auf Bedürfnisse richten und diese zum Ausgangspunkt meines Handelns machen.

Durch meine Geistesgegenwart und meine Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse nahm das Gespräch eine andere Richtung: Brian erklärte, dass er nicht verstand, warum Frankie etwas getan hatte. Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass Brian sich mehr Verbindung und Klarheit wünschte und sich auch zugehörig fühlen wollte. Das Gespräch wurde langsamer und unsere Gedanken, Vorstellungen und Bewertungen wichen allmählich zurück, um dem Bewusstsein über Bedürfnisse nach Klarheit, Verbindung und Miteinbezogensein Platz zu machen.

Es fühlte sich so viel besser an, über diese Dinge zu reden, als darüber, wie „wankelmütig“ oder „impulsiv“ oder „verurteilend“ jemand sei. Und als unsere Aufmerksamkeit auf Bedürfnisse anstatt auf Bewertungen gerichtet war, war es uns möglich, etwas auf einer tiefen Ebene miteinander zu teilen, das uns im Leben wichtig war … ja, wir konnten sogar einen Weg finden, wie wir diese Bedürfnisse in Form von Bitten ansprechen konnten. Das war eindeutig eine viel schönere Erfahrung!

Vielleicht wirkt diese Episode nicht weltbewegend und doch hat dieser Sekundenbruchteil, als ich mir meiner Bewertungen bewusst wurde und Brians Bedürfnisse sehen konnte, alles verändert, und das Leben fühlte sich besser an.

2.2 Übungen

ÜBUNG 1

Urteile beianderen erkennen und übersetzen – Trage während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Mache pro Tag zwischen ein und fünf Eintragungen, die urteilende Worte enthalten, die jemand geäußert hat. Später, wenn Du Zeit hast, nimm die Bedürfnisliste zur Hand und versuche herauszufinden, welches unerfüllte Bedürfnis beim anderen den Schmerz verursacht haben könnte.

Zur Erinnerung: Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Bedürfnisliste angegeben sind.

ÜBUNG 2

Urteile bei sich selbst erkennen und übersetzen – Trage während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Mache pro Tag zwischen ein und fünf Eintragungen, die urteilende Worte enthalten, die Du gesagt hast oder sagen wolltest. Später, wenn Du Zeit hast, nimm die Bedürfnisliste zur Hand und versuche herauszufinden, welches unerfüllte Bedürfnis bei Dir hinter Deinem Urteil stecken könnte.

Zur Erinnerung: Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Bedürfnisliste angegeben sind.

ÜBUNG 3

Sich von Bewertungen frei machen – Denke an jemanden, über den Du ein Urteil gefällt hast, das du bereits über einen längeren Zeitraum hinweg mit Dir herumträgst (länger als zwölf Wochen). Versuche herauszufinden, welches Deiner Bedürfnisse diesen Gedanken verursacht. Danach denke Dir drei verschiedene andere Möglichkeiten aus, wie Du dieses Bedürfnis erfüllen könntest.

3. Wir sind alle mit einem bordeigenen Radargerät für Bedürfnisse ausgestattet

In den vorangegangenen Kapiteln haben wir die Sichtweise erforscht, nach der jegliches Handeln vom Versuch motiviert wird, Bedürfnisse zu erfüllen. Wir haben auch darüber gesprochen, wie uns das Erkennen und Übersetzen von Urteilen und Bewertungen Auskunft über diese Bedürfnisse geben kann. Das mag uns anfangs nicht so leicht fallen. Wenn es uns jedoch gelingt, uns unserer Bedürfnisse bewusst zu werden, so wächst unser Mitgefühl.

Es gibt aber noch einen anderen Schlüssel zu unseren Bedürfnissen. Und der heißt: fühlen – einfach fühlen. Ich habe erkannt: Wenn ich weiß, wie ich mich gerade fühle, habe ich einen Gradmesser, wie sehr meine Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt sind. Das beruht auf der simplen Annahme:

Wenn unsere Bedürfnisse gestillt sind,dann fühlen wir uns zufrieden und erfüllt … ja sogar glücklich … dann geht es uns gut.

Wenn unsere Bedürfnissenicht gestillt sind, dann fühlen wir uns unzufrieden, unerfüllt, unglücklich … dann geht es uns schlecht.

Ein Beispiel: Stell Dir vor, ich würde Dir 1.000,- Euro geben – ganz ohne Bedingungen. Ich nehme an, es würde sich für Dich ziemlich gut anfühlen: Ein Bedürfnis wäre wohl erfüllt. Wenn Dir jemand andererseits 1.000,- Euro wegnehmen würde, dann würde es Dir vermutlich nicht so gut dabei gehen: Ein Bedürfnis wäre wohl nicht erfüllt. Wenn ich Gefühle aus dieser Perspektive betrachte, so führen sie mich. Sobald ich mir ihrer bewusst werde, sagen sie etwas darüber aus, wie sehr meine Bedürfnisse erfüllt oder nicht erfüllt sind.

Diesen Zusammenhang können wir immer und immer wieder beobachten. Ich esse ein köstliches, gesundes Essen … es fühlt sich gut an – Bedürfnis erfüllt. Ich esse den ganzen Tag nichts … Hungergefühl, Unwohlsein – Bedürfnis nicht erfüllt. Ein Freund oder eine Freundin schickt Dir eine Karte und bedankt sich für Deine Freundschaft … ich würde meinen, das fühlt sich normalerweise ziemlich gut an – Bedürfnis erfüllt. Wenn jemand Dich vor Gericht verklagt, dann fühlt sich das wahrscheinlich nicht so toll an – Bedürfnis nicht erfüllt.

Wir können jedes Gefühl auf diese Art betrachten

Wenn wir Gefühle wahrnehmen und sie mit Bedürfnissen in Zusammenhang bringen, eröffnet sich uns eine ganz neue Sichtweise. Ich nenne es das „parallele Universum der Gefühle und Bedürfnisse“. Wenn wir uns in diesem Universum befinden und unsere Gefühle wahrnehmen, wächst unsere Fähigkeit, unsere Bedürfnisse (und die Bedürfnisse anderer Menschen) klarer zu sehen und ernst zu nehmen … und das bedeutet mehr Mitgefühl.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das bewusste Fühlen (oder Wahrnehmen) von Gefühlen sowie die Fähigkeit, sie zu benennen und sie mit Bedürfnissen zu verknüpfen, für mich persönlich einen lebenslangen Prozess darstellt. Obwohl das Konzept, das hier besprochen wird, relativ einfach zu verstehen ist, kann es doch eine große Herausforderung sein, wenn wir versuchen, es in die Praxis umzusetzen. Die Übungen in diesem Kapitel gehen darauf ein.

Die gute und die schlechte Nachricht über Gefühle

Als erstes die schlechte Nachricht: Für viele von uns ist es nicht einfach, Gefühle wahrzunehmen oder zu fühlen. Viele von uns sind zu dem Glauben gelangt, dass sie gar nicht existieren. Einige von uns sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir ohne Gefühle besser dran sind.

Die gute Nachricht: Es gibt sie. Soweit ich weiß, kann niemand, der einen lebendigen menschlichen Körper / Geist besitzt, seine Gefühle abstellen. Wir lernen nur, sie nicht mehr zu bemerken. Das bedeutet, eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir entwickeln können, um mehr Mitgefühl zu erlangen, ist die Fähigkeit, Gefühle zu fühlen. Das ermöglicht uns, mit unseren Bedürfnissen in Verbindung zu treten, was wiederum mehr Mitgefühl erzeugt.

3.1 Aus der Praxis: Mein erster Schultag und was ich über Gefühle und Bedürfnisse lernte

Nie werde ich meinen ersten Schultag vergessen und was ich an diesem Tag gelernt habe.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich an einem kühlen Herbstmorgen an der Bushaltestelle stand. Meine Mutter war bei mir und ich fühlte mich wirklich ängstlich und verwirrt, weil ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Dann kam der Bus und meine Mutter gab mir zu verstehen, dass ich einsteigen sollte. In jenem Augenblick stellte sich meine gesamte Welt auf den Kopf. Angst überfiel mich. Es war mir so klar, wie sehr ich wirklich nicht einsteigen wollte. Ich wollte wirklich nicht mit Fremden in einem Bus sitzen oder in ein großes fremdes Gebäude mit noch mehr fremden Menschen gehen. Ich wollte zu Hause in unserem Haus bleiben, bei meinen Spielsachen und bei meiner Mutter. An diesem Morgen wollte keine einzige Zelle in meinem ganzen Körper zur Schule gehen. Ich hatte totale Panik.

Ich weigerte mich, einzusteigen. Ich klammerte mich an meine Mutter und bettelte darum, zu Hause bleiben zu dürfen. Währenddessen stieg der Busfahrer von seinem Sitz herab, zog mich ohne langes Federlesen von meiner Mutter weg, warf mich über seine Schulter und setzte mich in den Bus, während ich schrie und darum bettelte, nicht mitfahren zu müssen. Vielleicht irre ich mich, aber es schien mir so, als ob er so was schon öfter gemacht hätte. Der Bus fuhr ab, während ich an die Tür hämmerte. In diesem Moment lernte ich etwas.

Egal, wieunglücklich ich war, es machte keinen Unterschied. Meine Gefühle, so stark sie auch waren, zählten nicht. An diesem Tag war ich auf dem Weg zur Schule.

Ich lernte, dass das Spüren meiner Gefühle und das Wissen um meine Bedürfnisse eine schreckliche Erfahrung sein kann. Ich lernte, dass ich grauenhafte Schmerzen und eine riesige Sehnsucht haben konnte und dass es nichts gab, was ich dagegen tun konnte. An jenem Tag waren Gefühle und Bedürfnisse für mich hauptsächlich eine Quelle des Schmerzes – sie signalisierten etwas Schlimmes, etwas, das wir nicht haben wollen, und für viele von uns gilt das noch heute. Einige von uns haben gelernt, die Existenz von Gefühlen zu ignorieren, sie nicht zu beachten oder sie zu verleugnen. Für manche Menschen ist dies eine Überlebensstrategie.

Ich erzähle das nicht, um meine Mutter, meinen Lehrer, den Busfahrer oder die Gesellschaft zu kritisieren. Ich sage damit nicht, dass sie etwas Falsches getan haben. Ich erzähle es, weil es mir hilft, meine Beziehung zu meinen Gefühlen zu verstehen. Und ich hoffe, dass es möglicherweise auch Dir hilft, Deine Gefühle zu verstehen. Beim Üben von Mitgefühl spielen Gefühle eine große Rolle. Oft beginnt der Weg zu mehr Mitgefühl mit dem Wahrnehmen der eigenen Gefühle, dem Spüren von Gefühlen und damit, sie klar auszudrücken. Wenn es daher um das Thema „Gefühle“ geht, hilft mir diese Erinnerung dabei zu verstehen, wie ich funktioniere oder „nicht funktioniere“.

Hunger

Als Kinder und oft auch als Erwachsene essen wir nach der Uhr. Daher rührt auch der Ausdruck „Mittagessen“. In der Schule gab es normalerweise um 12.00 Uhr Mittagessen und nicht dann, wenn wir Hunger verspürten.

Außerdem hörten viele von uns den Satz „Iss deinen Teller leer!“ oder wurden auf irgendeine andere Art dazu ermutigt, alles, was uns vorgesetzt wurde, aufzuessen – und nicht, dann mit dem Essen aufzuhören, wenn wir das Gefühl hatten, satt zu sein.

Schlaf

Als Kinder und oft auch als Erwachsene schlafen wir nach der Uhr – somit wurde der Wecker erfunden. Für die meisten von uns gab es in der Kindheit eine „Schlafengehenszeit“, die mehr damit zu tun hatte, wie spät es war, als damit, ob wir müde waren.

Essen und Schlafen sind äußerst wichtige menschliche Funktionen und doch essen und schlafen viele von uns, ohne sich dessen bewusst zu sein, was unser Körper uns darüber sagt. Wenn ich nun darauf zurückschaue, wie ich aufgewachsen bin, hilft mir das zu verstehen, warum es Sinn für mich gemacht hat, mich von meinen Gefühlen zu distanzieren. Es schien so, als ob sie eigentlich überhaupt keinen Zweck erfüllten. Ich lernte, sie größtenteils zu ignorieren.

Jetzt als Erwachsener habe ich für mich einen neuen Grund entdeckt, warum ich meine Gefühle spüren und ihnen meine Aufmerksamkeit schenken möchte. Sie sagen etwas über meine Bedürfnisse, ja, über mein Leben aus. Meine Gefühle sind zu meiner Führung geworden. Und je mehr ich mir ihrer bewusst werde, umso mehr möchte ich sie fühlen und umso mehr bin ich mit mir selbst verbunden. Je stärker ich meine Gefühle spüre, umso besser verstehe ich, wie es mir gerade geht und auf welche Weise meine Bedürfnisse gerade erfüllt oder eben nicht erfüllt sind.

In den Jahren als Trainer und „Empathologe“ bin ich zu der Ansicht gelangt, dass wir alle so etwas wie einen „Muskel zum Spüren unserer Gefühle“ besitzen, den wir trainieren können. Und wenn wir diese Fähigkeit (diesen Muskel) und eine tiefere Beziehung zu unseren Gefühlen entwickeln, so bekommen die Gefühle einen neuen Sinn und eine neue Bedeutung für uns.

Meiner Erfahrung nach verspüren wir automatisch mehr Verbindung zu uns selbst und zu anderen, wenn wir eine tiefere Beziehung zu unseren Gefühlen (und Bedürfnissen) haben. Das wiederum verschafft uns leichter Zugang zu mehr Mitgefühl für uns selbst sowie für unsere Mitmenschen.

Es ist für mich deshalb wichtig, die Lektion meines ersten Schultags und die Klarheit darüber in Erinnerung zu behalten, weil es mir als Erwachsener in Situationen hilft, in denen es mir schwerfällt, meine Gefühle wahrzunehmen oder sie zu verstehen. So kann ich mehr Mitgefühl mit mir selbst haben (ich kann mich selbst besser verstehen) und leichter an meiner Mitgefühlspraxis dranbleiben. Und das macht das Leben einfach schöner.

3.2 Übungen

Hinweis: Der Sinn der folgenden Übungen bestehtdarin, uns daran zu gewöhnen, im Laufe des Tages überhaupt an unsere Gefühle zudenken. Allein das ist bereits eine Herausforderung. Deshalb ist ein (tatsächliches)Notizheft / Tagebuch überaus nützlich. Es kann uns daran erinnern, die Aufmerksamkeit auf Gefühle (und allmählichauf Bedürfnisse) zu richten.

Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich diese Übungen das erste Mal machte,frustriert war, weil ichden ganzen Tag ein Notizbuchmit mir herumtrug, es aber nicht verwendete. Genaudiese Frustration zeigte mir auf, wie sehr ich mirFortschritt und Weiterentwicklung wünschte. Es dauerte eine Weile, dann führte mich mein Gefühl von Frustration dazu, dass ich schlussendlich die Übung machte und das Notizbuch auch verwendete.

ÜBUNG 1

Gefühle wahrnehmen – Trage während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Es kann ein Heft sein oder auch ein gefaltetes Stück Papier. Mache pro Tag zwei bis vier Eintragungen, die beinhalten, was jemand anderer gesagt oder getan hat und das Gefühl (oder die Gefühle), die Du in diesem Moment verspürt hast.

Später, wenn Du Zeit hast, nimm die Gefühlsliste (Anhang A) zur Hand und versuche, ein Gefühlswort aus der Liste zu finden, das Dein Gefühl beschreibt. Sieh die Liste wirklich genau durch, vielleicht findest Du noch weitere passende Wörter.

Danach sieh Dir die Bedürfnisliste (Anhang B) an und versuche herauszufinden, auf welches Bedürfnis Dich Dein Gefühl hinweisen wollte.

Zur Erinnerung: Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Liste angegeben sind.

ÜBUNG 2

Noch mehr Gefühle wahrnehmen – Trage während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Mache pro Tag zwischen zwei bis vier Eintragungen dazu, was Du selbst getan oder gesagt hast oder was Du sagen wolltest und das Gefühl (oder die Gefühle), das Du in diesem Moment verspürt hast. Später, wenn Du Zeit hast, nimm wiederum die Gefühlsliste zur Hand und versuche, ein Gefühlswort aus der Liste zu finden, das Dein Gefühl beschreibt. Sieh die Liste wirklich genau durch, vielleicht findest Du noch weitere passende Wörter.

Danach sieh Dir die Bedürfnisliste an und versuche herauszufinden, auf welches Bedürfnis Dich Dein Gefühl hinweisen wollte.

Zur Erinnerung: Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Liste angegeben sind.

4. Was ist so besonders an Bedürfnissen?

Als ich mit dem Üben von Mitgefühl begann, war ich total erstaunt darüber, wie verbunden und einfühlsam ich sein konnte, wenn ich in dem Bewusstsein von Bedürfnissen lebte. Es war geradezu ein kleiner Schock.

Wenn ich übe, Bedürfnisse zu erkennen und wahrzunehmen, wird es mir möglich zu verstehen, dass alle anderen Menschen eigentlich so sind wie ich. Vielleicht handeln sie anders, als ich es tun würde. Vielleicht tun sie etwas, das mir nicht gefällt. Trotzdem ist es letztendlich möglich, zu einer mitfühlenden Sichtweise zu gelangen, wenn ich mir ihre Bedürfnisse bewusst mache.

In diesem Zustand oder Feld von „mitfühlendem Verständnis“ kann ich, nach meiner Erfahrung, etwas ablehnen, das ein anderer macht, ja es sogar verabscheuen, ohne die Person dafür zu verurteilen oder zu hassen.

Das Üben, Bedürfnisse zu sehen und wahrzunehmen, ist deshalb etwas, das wir tun können, um mehr Mitgefühl in unser Leben zu bringen. Viele von uns haben diese Erfahrung bereits mit den Übungen in Kapitel 1 bis 3 gemacht. Wir werden im Laufe des Buches weiter an dieser Fähigkeit arbeiten.

Wir können unser Bewusstsein für Bedürfnisse als eine Tür zu mehr Mitgefühl betrachten. Je größer unsere Bewusstheit wird, umso größer wird diese Tür. Sie wird langsam zu einem Tor, durch das wir immer leichter hindurchgehen können.

In diesem Kapitel möchte ich Dir mitteilen, wie man Bedürfnisse noch betrachten kann und wie diese Sichtweise mein Leben auf wunderbare Weise verändert hat.

Hinweis: Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr hilfreich ist, die Bedürfnisliste vor sich liegen zu haben, während Du dieses Kapitel liest.

Was genau sind Bedürfnisse?

Wie ich bereits eingangs erwähnte, war ich völlig verblüfft und fasziniert von diesem ganzen Thema rund um die Bedürfnisse. Also grübelte ich nach und wollte wissen, welche Funktion sie erfüllen. Ich fragte mich: „Wie nennt man jemanden, der keine Bedürfnisse hat?“ Meine Antwort überraschte mich … „tot“. Wenn man daran denkt, dass jedes Lebewesen Bedürfnisse hat, so kommt man zu dem Schluss: Keine Bedürfnisse, kein Leben.

Ich dachte weiter nach und stellte mir die Frage: „Woraus also bestehen Bedürfnisse in diesem Fall?“ Die darauffolgende Antwort war noch verblüffender … „Bedürfnisse sind Impulse des Lebens, Geschenke der Lebendigkeit. Es sind die Bedürfnisse, die uns mit Leben erfüllen.“

Ich denke, dies ist einer der Gründe, warum eine so tiefe Verbindung entsteht, wenn wir uns selbst und anderen auf der Ebene von Gefühlen und Bedürfnissen begegnen. Wir begegnen dem Leben selbst.

Bedürfnisse sind universell

Bedürfnisse sind das, was wir alle gemeinsam haben, vor allem als menschliche Wesen: Wir alle leben.

Wenn ich die Bedürfnisliste betrachte, so kann ich sehen, dass sich jedes Bedürfnis auf dieser Liste für mich bereits einmal erfüllt hat. Manchmal hätte ich ein Bedürfnis gern stärker erfüllt. Ich vermute, dass das für jeden von uns gilt. Bedürfnisse sind universell – unabhängig vom Alter, Geschlecht, Kulturkreis, von der spirituellen Ausrichtung oder was immer uns sonst noch ausmacht.

Gibt es gute und schlechte Bedürfnisse?

Viele Menschen machen sich Gedanken über den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Dingen, die wir gern hätten. Oft höre ich Begriffe wie „unangemessene Bedürfnisse“ oder „unverantwortliche Bedürfnisse“.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Denkweise eher Distanz zu den Bedürfnissen und letztendlich zwischen Menschen erzeugt. Wenn man recht haben will oder das Verhalten eines anderen Menschen beeinflussen will, dann können diese Gedanken vielleicht ganz nützlich sein. Wenn man jedoch mehr Mitgefühl und Verständnis entwickeln und erleben möchte, dann sind diese Gedanken höchstwahrscheinlich nicht sehr dienlich.

Ein Bedürfnis ist keine Strategie

Wenn wir zwischen Bedürfnissen und der Art, wie wir sie uns zu erfüllen versuchen (Strategien), unterscheiden, erhöhen wir die Chance, zu einer mitfühlenden Denk- und Handlungsweise zu gelangen.

Mein Verständnis des Unterschieds von Bedürfnis und Strategie verändert meinen Blickwinkel in Bezug auf jeden Konflikt und jede menschliche Handlung.

Hier ist eine Übung, die zum besseren Verständnis dieses Unterschieds beitragen kann. Wenn Du Deine Bedürfnisliste ansiehst, wirst Du wahrscheinlich das Wort „Job“ oder „Haus“ oder „Lebenspartner/in“ darauf vermissen. Nimm Dir einen Augenblick Zeit und versuche, die Bedürfnisse herauszufinden, die durch einen Job oder ein Haus oder eine/n Lebenspartner/in erfüllt werden. Cool, oder?

Bedürfnisse widersprechen sich nicht, Strategien schon

Wenn ich mich auf die Bedürfnisse konzentriere statt auf die Strategien, die ich anwende, um diese Bedürfnisse zu erfüllen, dann sehe ich die Dinge in einem anderen Licht.

Man könnte sagen, wenn wir uns im „Strategie-Modus“ befinden, haben wir nur zwei Möglichkeiten – die Strategie anzuwenden oder nicht. Wenn wir im „Bedürfnis-Modus“ sind, dann haben wir zehntausend Strategien zur Verfügung, um jedes beliebige Bedürfnis zu erfüllen (metaphorisch gesprochen natürlich).

4.1 Aus der Praxis: Das Rätsel um Herrn und Frau Schmitt

Herr und Frau Schmitt kommen zur gleichen Zeit von der Arbeit nach Hause. Als sie durch die Tür eintreten, dreht sich Herr Schmitt zu seiner Partnerin, Frau Schmitt, um und sagt mit einer erschöpften Stimme: „Liebling, ich habe gerade den schlimmsten Arbeitstag hinter mir und brauche etwas Raum und Zeit für mich.“

Daraufhin wendet sich Frau Schmitt ihrem erschöpften Mann zu, legt ihre Arme um ihn und ihren Kopf auf seine Schulter und sagt: „Liebling, das ist echt eigenartig, denn ich habe gerade den allerschlimmsten aller Arbeitstage hinter mir und brauche Gesellschaft. Ich muss einfach darüber reden.“

Stehen ihre beiden Bedürfnisse im Gegensatz zueinander?

Warte einen Moment!

Bevor Du antwortest, versuche Folgendes:

Schreibe anhand der Bedürfnisliste auf, welche, Deiner Meinung nach, ihre jeweiligen Bedürfnisse sind – seine und ihre (siehe Anhang B).

Darüber hinaus schreibe jeweils drei Möglichkeiten auf – drei für ihn, drei für sie –, wie sich die Bedürfnisse für beide erfüllen könnten. Es ist hilfreich, hier Deine Fantasie ein bisschen spielen zu lassen.

Je öfter ich diese Übung mache, umso mehr gelange ich zu der Sichtweise, dass sich die beiden Bedürfnisse nicht widersprechen. Es ist die Strategie, die in diesem Moment als Konfliktpunkt angesehen werden kann, nämlich die Strategie, die besagt, dass Herr und Frau Schmitt gegenseitig für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse verantwortlich sind.

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir den Unterschied zwischen einem Bedürfnis und einer Strategie im Blick behalten, die Chance erhöhen, dass unsere Bedürfnisse gesehen und berücksichtigt werden, und dass wir auch die Bedürfnisse der anderen eher berücksichtigen und zu ihrer Erfüllung beitragen wollen. Das ist eine große Sache!

4.2 Übungen

ÜBUNG 1

Lies die Bedürfnisliste durch (Anhang B) – Nimm wahr, was Du spürst und denkst, während Du die Liste liest.

ÜBUNG 2

ÜBUNG 3

Bedürfnisse erkennen (Wiederholung der Übung aus Kapitel 1) – Trage während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Mache pro Tag zwischen eine und fünf Eintragungen, die beschreiben, was jemand getan oder gesagt hat, und notiere dazu das Bedürfnis, von dem Du annimmst, das der / die Betreffende sich damit erfüllen wollte.

Zur Erinnerung: Es ist sehr hilfreich, sich dabei auf die Wörter zu beschränken, die auf der Bedürfnisliste angegeben sind.

ÜBUNG 4

Werde frei – Denke an jemanden, von dem Du meinst, dass er Dich daran hindert, ein Bedürfnis erfüllt zu bekommen. Schreibe das Bedürfnis aus der Bedürfnisliste auf. Dann denke an drei Möglichkeiten, wie Du dieses Bedürfnis ohne diese Person erfüllt bekommen könntest. Es ist auch bei dieser Übung hilfreich, wenn Du Deine Fantasie ein bisschen spielen lässt.

5. Empathie – der Atem des Mitgefühls

Wir haben uns in den vorangegangenen Kapiteln damit beschäftigt, wie wir mehr Mitgefühl erfahren können. Die Grundidee ist: Wenn wir uns unserer Bedürfnisse bewusst werden, können wir zu mehr Mitgefühl gelangen.

Die zwei Möglichkeiten, die wir diesbezüglich besprochen haben, waren:

das Erkennen und das Übersetzen von Urteilen in Bedürfnisse

der Weg über die Gefühle – wir können Gefühle wahrnehmen und sie in Verbindung mit (erfüllten oder unerfüllten) Bedürfnissen setzen

Das Identifizieren von Gefühlen und Bedürfnissen funktioniert nach innen und nach außen. Dieses Innehalten, das Wahrnehmen der Gefühle und Bedürfnisse bei sich selbst (nach innen) und bei anderen (nach außen) – auch Selbstempathie und Empathie genannt –, ist der Atem des Mitgefühls. Ein … aus … ein … aus …

Wir werden während des gesamten Buches weiterhin daran arbeiten, unsere Fähigkeit zu Empathie und zu mehr Mitgefühl weiter auszubauen und zu verfeinern. Indem wir uns der Gefühle und Bedürfnisse immer bewusster werden und Urteile immer besser übersetzen können, beginnt sich die Art und Weise, wie wir unseren Alltag erleben, zu verändern. Mehr Verbindung, Mitgefühl und Freude stellen sich ein.

In diesem Kapitel gibt es eine Übung mit dem Titel „Unterwegs in Richtung Mitgefühl“. Diese Übung führt uns durch die grundlegenden Schritte von Selbstempathie und Empathie. Es handelt sich dabei um ein Steinchen in einem Mosaik, an dem wir wahrscheinlich unser ganzes weiteres Leben bauen.

Vielleicht bemerken wir, dass uns etwas davon abhält, tiefer in diese Praxis einzutauchen; auch mit diesen inneren Hindernissen werden wir arbeiten.

An dieser Stelle möchte ich feiern, dass wir überhaupt über die Themen Selbstempathie und Empathie sprechen.

5.1 Aus der Praxis: Wie die Bond-Jungs zur Harmonie fanden

Vor einigen Jahren war unser 14-jähriger Hund Harpo ernsthaft erkrankt. Es hatte den Anschein, dass er nicht mehr lange unter uns weilen würde.

Mein Sohn Pat (Patrick) war gekommen, um noch einige Zeit mit Harpo zu verbringen, bevor dieser uns verlassen würde. Gemeinsam brachten wir Harpo zum Tierarzt, der uns erklärte, dass das Beste, was wir für Harpo tun konnten, war, es ihm so bequem wie möglich zu machen. Er würde es uns wissen lassen, wenn seine Zeit gekommen sei.

Den ganzen Tag hindurch war Pat in einer Stimmung, die ich als „grantig“ oder wütend bezeichnen würde. Zu meiner eigenen Trauer über Harpos Zustand kam nun noch die Gegenwart einer „wütenden Person“ hinzu.

Als wir nach Hause kamen, verfasste Pat eine Liste mit Dingen, die wir tun konnten, damit es Harpo bequemer hatte. Als er mir davon erzählte, zögerte ich, seine Pläne umzusetzen (eigentlich war ich völlig abgeneigt). Ich selbst war der Überzeugung, dass ich bereits alles Nötige getan hatte, um es unserem Hund so angenehm wie möglich zu machen. Pats Ideen dagegen schienen mir nicht wirklich nützlich zu sein. Wir hatten einen Konflikt. Dadurch entstand ein Abstand zwischen meinem Sohn und mir und ich erlebte die Situation als sehr unangenehm.

Also ging ich in mich. „Was war nur mit mir los? Was brachte mich so sehr aus dem Gleichgewicht? Warum fühlte ich mich so unglücklich? Was fehlte mir?“ Mir wurde klar, dass ich mich nach mehr Harmonie und Verbindung sehnte. Ich fragte mich, was ich tun könnte, damit diese Bedürfnisse erfüllt würden. Da kam mir der Gedanke, dass ich mich für Pats Gefühle und Bedürfnisse interessieren könnte.

Vermutlich schmerzte es ihn enorm, seinen kleinen Freund – den Freund, der ihn die ganze Kindheit über begleitet hatte – sterben zu sehen. Ich konnte mir vorstellen, dass er wütend, ängstlich und hilflos war, weil er zusehen musste, wie sein Freund starb und er so gar nichts tun konnte, um das zu verhindern.

Als ich mir dessen bewusst wurde, veränderte sich plötzlich etwas in mir. Ich verstand auf einmal, dass es bei Pats Liste nicht nur um Harpo ging. Es war Patricks Art, für sich selbst zu sorgen; eine Möglichkeit, in seiner Mitte zu bleiben und seinen Schmerz zu lindern. Von diesem Moment der Erkenntnis an gab es nichts, was ich lieber tun wollte, als Patrick bei seiner „To-do-Liste“ für Harpo zu helfen.

Von diesem Augenblick an erlebte ich dieselbe Situation völlig anders. Harpo hatte von Natur aus ein gutes Gefühl für Verbindung. Als es ihm noch gut ging, pflegte er immer fröhlich im Kreis herumzurennen, wenn er sah, wie Menschen sich umarmten. Es dauerte nicht lange, bis er sich zu Pat und mir gesellte.

5.2 Übungen

ÜBUNG 1

Unterwegs inRichtung Mitgefühl (Wiederholung) – Mache diese Übung ein- oder zweimal oder öfter, siehe Anhang C.

ÜBUNG 2

Werdebewusster – Führe während des Tages ein kleines Notizbuch bei Dir. Mache pro Tag eine bis fünf Eintragungen, die beschreiben, was jemand gesagt oder getan hat (einschließlich Du selbst) und notiere, welche Gefühle und Bedürfnisse dabei in Dir auftauchten.

Für diese bestimmte Übung wähle etwas „Unspektakuläres“, keine „leidvolle“ Situation. Denke an subtilere Begebenheiten: z. B. jemand, der seinem Kind etwas zuruft; jemand, der „Entschuldigung“ sagt oder wenn Du selbst „Danke“ sagst und so weiter.

Der Sinn dieser Übung ist es, uns unserer Gefühle und Bedürfnisse bewusster zu werden, indem wir früh genug darauf achten. Viele von uns warten so lange, bis uns eine Situation über den Kopf wächst, bevor wir damit beginnen, bewusstes Wahrnehmen zu üben.

Diese Übung hilft uns auch dabei zu erkennen, dass die Energie von Gefühlen und Bedürfnissen immer und überall existiert.

6. Versteckte Urteile

An diesem Punkt hast Du vielleicht bereits die Fähigkeit entwickelt, Urteile in Bedürfnisse zu übersetzen (oder zumindest damit begonnen – ich weiß, es kann ganz schön herausfordernd sein). Es handelt sich dabei um eine ganz wesentliche Praxis, die wir auf unserer Reise zu mehr Mitgefühl immer wieder wiederholen und üben werden.

Je besser wir Urteile identifizieren können, umso leichter können wir Bedürfnisse bewusst wahrnehmen und dadurch häufiger und mehr Mitgefühl erfahren.

In diesem Kapitel möchte ich zwei weitere Möglichkeiten aufzeigen, die uns dabei helfen, unser Mitgefühl zu stärken. Es geht darum, unsere „versteckten Urteile“ aufzuspüren, indem wir

zwischen einer Beobachtung und einer Bewertung unterscheiden.

„Pseudo-Gefühlswörter“ wahrnehmen.

Zwischen „Beobachtung“ und „Bewertung“ unterscheiden

Ich kann damit umgehen, wenn du mir sagst, was ichgetan oder nicht getan habe.

Und ich kann damit umgehen, wenn du interpretierst. Aberbitte vermische beides nicht miteinander.

Wenn du Verwirrung erzeugen willst, kann ichdir sagen, wie das geht: Vermische das, was ich tue, mit deinerReaktion darauf.

Sag’mir, dass du enttäuscht bist, wenn du die unerledigte Arbeit siehst, abermich „verantwortungslos“ zu nennen, das motiviert mich überhaupt nicht.

Sag’mir,wenn du dich verletzt fühlst, wenn ich „nein“ sage zu deinen Annäherungsversuchen. Aber mich frigidezu nennen, erhöht deine Chancen bei mir nicht gerade.

Ja, ichkann damit umgehen, wenn du mir sagst, was ich getan oder nicht getanhabe.

Und ich kann damit umgehen, wenn du interpretierst. Aber bitte vermische beides nichtmiteinander.

— Marshall Rosenberg (Freund, Mentor, Lehrer, Dichter)

Wie wir bereits in den vorigen Kapiteln besprochen haben, kann es Distanz erzeugen, wenn wir uns in Form von Urteilen ausdrücken. Die meisten von uns haben jedoch Schwierigkeiten damit, Urteile überhaupt zu erkennen. Indem wir lernen, Bewertungen wahrzunehmen und in unserer Sprache mehr Beobachtungen und weniger Urteile zu verwenden, können wir zu einer tieferen Verbindung (zu uns selbst und anderen) beitragen.

Im praktischen Teil dieses Kapitels gibt es eine Übung, die uns dabei hilft, die zwei Arten der Kommunikation (Bewerten im Vergleich zu Beobachten) auseinanderzuhalten. Dadurch wiederum haben wir mehr Wahlmöglichkeiten, wie wir sprechen möchten und welche Erfahrungen wir als Folge davon machen.

Hinweis: Diese Übung kann eine ziemliche Herausforderung darstellen.

Wörter, die „Pseudo-Gefühle“ ausdrücken

„Pseudo-Gefühlswörter“ sind Wörter, die vermeintlich ein Gefühl ausdrücken. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um kein echtes Gefühl, sondern um versteckte Urteile, die sich als Gefühle „tarnen“. Wir haben dieses Thema schon einmal gestreift. Dennoch ist es eine genauere Betrachtung wert, weil viel Aufmerksamkeit, Engagement und ein starker Wille nötig sind, um „Pseudo-Gefühlswörter“ und die damit verbundenen Gedanken zu entlarven und sie übersetzen zu können.

Ich könnte zum Beispiel sagen: „Ich fühle mich verlassen.“ Denken wir genauer darüber nach, so bezeichnet „verlassen“ eine Handlung, etwas, das geschieht (oder geschah). Damit handelt es sich um kein echtes Gefühl.

Allerdings heißt das nicht, dass eine Person, die „sich verlassen fühlt“, keine Gefühle (oder Bedürfnisse) hätte. Es bedeutet einfach, dass die Gefühle nicht im Wort enthalten sind (und somit wahrscheinlich auch nicht im Bewusstsein der Person).

Wenn wir solche „Pseudo-Gefühlswörter“ erkennen und in Gefühle und Bedürfnisse übersetzen, so erleben wir mehr Verbindung, Verständnis und Mitgefühl. Ich könnte mir zum Beispiel beim Wort „verlassen“ vorstellen, dass sich die Person, die das sagt, einsam fühlt, Angst hat und sich mehr Verbindung, Gesellschaft, Vertrauen oder Liebe wünscht. Wenn ich an diese Gefühle und Bedürfnisse denke (anstatt an das Wort „verlassen“), spüre ich wahrscheinlich mehr Verbindung und kann besser verstehen, was die Person gerade durchlebt.

Anmerkung: Wennwir uns der „Pseudo-Gefühlswörter“ bewusst werden, dann unterliegen viele von uns der Versuchung, andere Personen zu „korrigieren“,