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Fußball in der "Hauptstadt der Bewegung" – Ein Verein als Teil der deutschen Gesellschaft der NS-Zeit. Als Kurt Landauer, der jüdische Präsident des FC Bayern München, Ende März 1933 zurücktrat, war das der erste sichtbare Schritt auf dem Weg des Vereins in die NS-Diktatur. Nationalsozialisten hatte es beim FCB schon vor 1933 gegeben, aber es waren auch viele jüdische Münchner unter den Vereinsmitgliedern. Gregor Hofmann betrachtet die Geschichte der Bayern in der NS-Zeit nicht isoliert, sondern folgt ihr jenseits sportlicher Kennziffern vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik. Konsequent zieht der Autor Vergleiche zu anderen großen Fußballklubs und verfolgt den Aufstieg des Vereins in der Weimarer Republik, als Fußballspiele zu Massenereignissen wurden. Er verortet die Funktionäre und Spieler in der Münchner Stadtgesellschaft und begreift sie als Akteure, die nicht nur passive Befehlsempfänger waren. Diese Akteure konnten Handlungsspielräume nutzen, um im Sinne des Nationalsozialismus zu handeln – sie konnten sich aber auch widersetzen. Die von Gregor Hofmann herausgearbeitete enorme Bandbreite der Einstellungen und Haltungen kennzeichnet den FC Bayern zur Zeit des Nationalsozialismus, in der gleichwohl die meisten Protagonisten als Mitspieler des Regimes agierten.
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Seitenzahl: 1172
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gregor Hofmann
Mitspieler der»Volksgemeinschaft«
Der FC Bayern und derNationalsozialismus
Für Ina
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2022
www.wallstein-verlag.de
Umschlagbild: Ehrung für den Meistertitel in der Gauliga durch »Gausportführer« Breithaupt (1944). Gausportführer General Breithaupt überreicht den Siegerkranz an den FC Bayern, 1944, StadtAM, FS-ERG-P-0088
ISBN (Print) 978-3-8353-5261-2
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4973-5
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4974-2
Vorwort
1. Einleitung
2. Die Wurzeln des FC Bayern (1900-1918)
Fred Dunn und die Geburtsstunde des Münchner Fußballs — »Zuagroaste« an Münchens Spitze — Bayern als Abteilung des Münchner Sportclubs (1906-1919) — Bayerns Führungspersonal im Kaiserreich — Bürgerlichkeit als kulturelles Leitbild — Der Klub der Schwabinger Bohème? — Jugendarbeit im Zeichen nationaler Erziehung — Der Erste Weltkrieg
3. Der FC Bayern in der Weimarer Republik (1919-1932)
3.1. Ein Münchner Fußballklub
Bayern-Funktionäre im Kampf gegen die Räterepublik — Der Weg zur Spitzenmannschaft — Bayern als Abteilung des Turnvereins Jahn (1919-1924) — Aufstieg des Fußballs in der Weimarer Republik — Professionalisierung auf und neben dem Platz — Rugby, Ski, Betriebssport: Weitere Sportangebote ab 1925 — Spitzenverein ohne Stadion — »Ein ganz nettes Bankkonto«: Die Finanzen des FC Bayern — Inflation und Putsch: Bayern-Mitglieder im Krisenjahr 1923 — Frühe Nationalsozialisten beim FC Bayern — Der Verein und seine Stadt
3.2. Der Sinn des Sports
Erinnerung an den Ersten Weltkrieg — Bürgerliche Inszenierung — Frauen im FC Bayern — Der Streit um den Profifußball als Auseinandersetzung um den Sinn des Sports — Spesen und Spielerwechsel: Die Praxis beim FC Bayern — Die Haltung der Klubführung zur Amateurfrage — Vergemeinschaftung versus »Vereinsfanatismus« — Sport als Kampf gegen »Volksverderber« und Naturentfremdung — Sehnsucht nach der »Volksgemeinschaft«
4. Der FC Bayern und die Selbstmobilisierung des Sports (1933-1934)
4.1. Ein Verlierer der Machtübernahme?
Machtübernahme in Bayern und in München — Die Organisation des Vereinssports im NS-Staat — Glückloser Titelverteidiger — Verlust jüdischer Funktionäre und Förderer — Finanzielle Folgen der Weltwirtschaftskrise – und der Machtübernahme — Bayerische Spitzenvereine: Verlierer der Gauliga-Einführung — Spielerabgänge I: Oskar Rohr — Spielerabgänge II: Robert Breindl und Karl Haymann
4.2. Handlungsspielräume und Auseinandersetzungen
Landauers Rücktritt und die Austrittswelle jüdischer Mitglieder 1933 — »Stuttgarter Erklärung«: Öffentliches Bekenntnis zum NS-Staat — Frühe Übernahme des »Führerprinzips« — Bayerns Jugend marschiert – aber nicht zum »Wehrsport« — Die Skiabteilung: Ein nationalsozialistischer Fremdkörper? — Der Ältestenrat oder: Herrmanns Vorstellung von Gemeinschaft — Stimmungsumschwung: Mit neuem »Führer« aus dem Tief — Selbstmobilisierung im Zeichen der »Volksgemeinschaft« — Weder »gleich« noch »geschaltet«: Bürgerliche Sportvereine 1933/34
5. Vereinsentwicklung und Führungspersonal im NS-Staat (1933-1939)
5.1. Vereinssport in der Diktatur: Der FC Bayern, der Staat und die Partei
Scheinbare Normalität: Von der Machtübernahme zum Vorabend des Krieges — Der FC Bayern in der Gauliga: »Mittelmaß« und Dauerkrise? — Reserve und Breitensport: Fußball unter erschwerten Bedingungen — Die Jugendabteilung und das Ausgreifen der HJ — Die Abteilungen Ski und Rugby 1933-1939 — Die Handballabteilung: Intermezzo einer Militärmannschaft — Finanzmisere trotz Steuererleichterung — Arbeitsplätze für Bayernspieler: Wie Ludwig Goldbrunner Beamter wurde
5.2. »Vereinsführer« und Funktionärskorps
»Vereinsführer« und Vereinsführung des FC Bayern — Siegfried Herrmann: Das umstrittene Urgestein — Karlheinz Oettinger: Der populäre Unbekannte — Richard Amesmaier: Der überarbeitete Sanitätsführer — Franz Paul Nußhart: Die bewährte Notlösung — Josef Kellner: Der abwesende Wunschkandidat — Die »Dietwarte« — Die administrativen Funktionäre — Die sportlichen Funktionäre — Quantitative Auswertung: NSDAP-Mitglieder unter Funktionären und Spielern
5.3. Der Verein in der Öffentlichkeit
Die Clubnachrichten als Plattform für Politik und »Dietarbeit« — »Das muß man erlebt haben«: Feste und Feiern — Presse, Prominenz und Polizei: Bayernspieler in der Öffentlichkeit — Bayern international: Fußball im Dienst der NS-Außenpolitik
6. Jüdische Mitglieder des FC Bayern
6.1. Ein »Judenklub«?
Wer waren »die Juden« des FC Bayern? — Die Konstruktion eines »Judenklubs«
6.2. »Arierparagraphen«, Antisemitismus und Erfahrungen der jüdischen Bayern
Austritte und Ehrungen: Die Monate nach der Machtübernahme — Selbstbehauptung: Bayern-Mitglieder beim JTSV München — Antisemitischer Radikalisierungsschub — Die Streichung des »Arierparagraphen« 1938 — »Miesmacher« und »Judenknecht«: Interne Konflikte — Das Ende der Spielräume
6.3. Verfolgung, Raub und Mord
Vom Boykott zum Pogrom — »Arisierung« und ihre Profiteure — Erpressung und Kunstraub durch den Staat — Flucht – Mord – Überleben
7. Der FC Bayern im Zweiten Weltkrieg (1939-1945)
7.1. Verein und Sportler im Krieg
Kriegsverlauf und Kriegserlebnis: Ein Überblick — Von der Stadtteilrunde zur Gaumeisterschaft — Jugend- und Reservemannschaften im Krieg — Exkurs: Die Organisation des Sports 1938-1945 — Funktionärsbiografien im Krieg: Siegfried Herrmann und Franz Paul Nußhart — Die Vereinsführung in den letzten Kriegsjahren (1943-45) — Unabkömmliche, Soldaten, Gastspieler: Wer spielte für die Bayern? — Vereinsorganisation und Vereinsleben im Krieg — Gefangeneneinsatz im Stadion und »Volksgemeinschaft« im Luftkrieg — Internationale Spiele im Krieg: Zürich 1943 — »Gruppenbild im Westen«: Bayerns Soldaten in der Öffentlichkeit — Rückzug – Gefangenschaft – »Volkssturm«
7.2. Verbrechen und Widerstand im Kontext der deutschen Expansion
Wirtschaft: Emil Friz und das BMW-Werk Bitschweiler — SS: Theodor Slipek und Moritz Jaegy im besetzten Polen — Verwaltung: Josef Kellner als Spitzenbeamter im »Sudetengau« — Widerstand: Willy Buisson
8. Der FC Bayern nach 1945
Vom Kriegsende zu den ersten Spielen — Der Weg zur Lizenz: Sportpolitik in der US-Zone — Das »Wunder« der Oberliga Süd — Verein und Funktionäre in den ersten Nachkriegsjahren — Kurt Landauer kehrt zurück — Neues Wachstum und alte Konflikte — Säbener Straße — Anspruch und Realität — Jüdische Mitglieder nach 1945 — Entnazifizierung — Reintegration von Nationalsozialisten — »Sportfremde Demagogen«: Blicke auf die eigene Vergangenheit — Landauers Abwahl — Große Pläne und tiefer Fall — Chaos und Rettung im Frühling 1955 — Eine Geschichte mit offenem Ausgang
9. Resümee
10. Anmerkungen
11. Anhang
11.1. Verzeichnisse
11.2. Verwendete Quellen und Literatur
Dank
Die Geschichte des Fußballs in der NS-Zeit hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem boomenden zeithistorischen Forschungsfeld entwickelt. Thematisch standen dabei die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes, das Schicksal jüdischer Fußballspieler und Funktionäre sowie die Entwicklung einzelner Vereine nach 1933 im Mittelpunkt. Vereinseigene Aufarbeitungsbemühungen waren nicht zuletzt von Fangruppen und Vereinsmitgliedern vielfach eingefordert und auch selbst praktiziert worden. Sie fanden ihren Ausdruck in Fan-Aktionen in den Stadien, Ausstellungen, neu verfassten Vereinspublikationen und breiter angelegten historischen Darstellungen.
Im Jahre 2017 wandte sich der FC Bayern München mit der Bitte an das Institut für Zeitgeschichte, den Verein bei der Aufarbeitung seiner Geschichte – nicht zuletzt der Jahre des »Dritten Reiches« – zu unterstützen, um nicht zuletzt deren Präsentation im vereinseigenen Museum auf eine solide wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Eine solche Anfrage eröffnete dem Institut die Chance, im Rahmen eines Dissertationsprojektes neue Akzente in der expandieren Geschichtsschreibung über Fußballvereine in der NS-Zeit zu setzen. Wir entschieden uns deshalb, die Arbeit über den FC Bayern an vier Prämissen auszurichten:
Erstens sollten grundlegende Erkenntnisse der Gesellschaftsgeschichte der NS-Zeit, die in den letzten Jahren gesellschaftliche Leitbilder wie das der »Volksgemeinschaft« in den Blick genommen und Bindekräfte zwischen Bevölkerung und Regime analysiert hatte, auch auf die Geschichte des Fußballs übertragen werden. Dies hieß konkret, Fußballgeschichte und Gesellschaftsgeschichte miteinander zu verzahnen. Der Fußball sollte deshalb als Teil des gesellschaftlichen Alltags begriffen und nicht mit Termini wie »Eigenlogik« und »Eigenwelt« vorschnell von diesem getrennt werden, um das Geschehen nach 1933 weder zu beschönigen noch vordergründig zu skandalisieren. Wer sich beispielsweise vor Augen hält, dass in der NS-Zeit jeder vierte männliche Erwachsene der NSDAP angehörte und die Zahl der Mitgliedschaften in NS-Organisationen addiert mehr als hundert Millionen betrug, wird sich über entsprechende Zahlenverhältnisse in den Fußballvereinen nicht weiter wundern.
Zweitens sollte ein Deutungsschema vermieden werden, das sich in manchen der erwähnten Vereinsgeschichten abgezeichnet hatte: Hier »die Nazis« – dort »der Verein«. Ein solcher Dualismus wies den Vereinen und ihren Mitgliedern oft eine passive Rolle zu, als hätten sie nach 1933 auf politische Vorgaben von oben immer nur reagiert, nie aber eigenständige Initiativen ergriffen oder Akzente gesetzt. Wer beispielsweise die Verdrängung jüdischer Mitglieder aus den Vereinen nach 1933 untersucht, der stößt jedoch auf eine Vielzahl von Initiativen, mit denen die Fußballvereine entsprechenden Vorgaben der NS-Machthaber weit vorauseilten.
Deshalb war und ist es drittens unumgänglich, die Vereine und ihre Mitglieder als selbständige Akteure mit spezifischen Handlungskalkülen wahrzunehmen, und nicht bloß als abhängige Rädchen im Getriebe einer totalitären Diktatur zu behandeln. Auf diese Weise werden unweigerlich eine Vielzahl von Orientierungen und Handlungsweisen in den jeweiligen Vereinen sichtbar, die nicht miteinander vereinbar waren und von daher auch dem Eindruck entgegenwirken, als seien die Vereine homogene Einheiten gewesen, aller beschworenen Gemeinschaftsrhetorik zum Trotz.
Viertens schließlich sollte sich die Darstellung nicht auf die Zeit von 1933-1945 beschränken, um einen verinselten Blick auf die braunen Jahre zu vermeiden. Grundlegende Weichenstellungen, die das Verhältnis des Fußballs zum NS-Regime bestimmten, waren schon vor 1933 vorgenommen worden, wenn man beispielsweise an den deutschen Sonderweg des Amateurprinzips oder spezifische Gemeinschaftsvorstellungen denkt, die im DFB, aber auch in vielen Vereinen propagiert wurden. Darüber hinaus gab es weder im Fußball noch im Rest der Gesellschaft im Jahre 1945 eine »Stunde Null«, die alle Kontinuitäten und längerfristigen Entwicklungen mit einem Schlag beendete.
Mit Gregor Hofmann konnten wir einen Bearbeiter für das Projekt gewinnen, der seine besondere zeithistorische Kompetenz und sein Interesse am Thema mit einer viel beachteten Darstellung über den VfB Stuttgart in der NS-Zeit unter Beweis gestellt hatte. Er hat die Ausgangsüberlegungen in der vorliegenden Studie über den FC Bayern beeindruckend umgesetzt und eine wissenschaftliche Darstellung der Vereinsgeschichte des FC Bayern München in der NS-Zeit erarbeitet, die nicht mit gestelzter Wissenschaftlichkeit paradiert, sondern auch für den interessierten Fußballfan lesbar geblieben ist. Möge sie künftige Monographien zur Geschichte des Fußballs in der NS-Zeit inspirieren, eingetretene sporthistorische Pfade zu verlassen und die Entwicklungen rund um den Fußball immer auch als Teil allgemeiner Gesellschaftsgeschichte zu begreifen.
Ein besonderer Dank gilt abschließend dem FC Bayern München, der das Projekt mit einem Dissertationsstipendium finanziell großzügig gefördert, Gregor Hofmann umfassend unterstützt – nicht zuletzt bei der Quellensuche – und sich zugleich jeder Einflussnahme auf das Projekt enthalten hat. Eine solche vorbildliche Kooperation zwischen einem Fußballverein und einer Forschungseinrichtung ist zur Nachahmung gerne empfohlen.
Prof. Dr. Frank Bajohr
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte
»Es hat keinen Zweck, sich über die Ursachen dieser Gesinnungsverrohung zu unterhalten«, konstatierte Kurt Landauer im Angesicht von Holocaust und Vernichtungskrieg um die Jahreswende 1944/45.[1] Der ehemalige Präsident des FC Bayern München (FCB) schrieb diesen Satz im Schweizer Exil, wo er den Zweiten Weltkrieg, vom nationalsozialistischen Deutschland als Jude verfolgt, erlebte und überlebte. Nachdem die NSDAP im März 1933 auch in München die Macht übernommen hatte, war er von seinem Amt zurückgetreten. 1939 gelang Landauer im letzten Moment die Flucht aus dem Deutschen Reich. Ein großer Teil seiner Familie wurde ermordet. Obwohl er ratlos vor dem Ausmaß der deutschen Verbrechen stand, hob er im selben Satz doch zu einem Erklärungsversuch an – »es ist der Ausfluss der Erziehung der deutschen Jugend seit dem Jahre 1933«.
Als Landauer diese Worte niederschrieb, spielte der FC Bayern gerade eine sehr erfolgreiche Saison, die ihm den Meistertitel in der Gauliga München-Oberbayern 1944/45 einbrachte. Kenntnis von diesem Meistertitel haben heute wohl nur Bayernfans, die sich mit ganz besonderer Hingabe in die Historie ihres Lieblingsklubs vertiefen. Selbst den meisten der mehr als 290.000 Vereinsmitglieder dürfte dieser Erfolg völlig unbekannt sein. Neben 32 Deutschen Meisterschaften und einer Reihe anderer nationaler, europäischer und Welt-Pokale nimmt sich die oberbayerische Meisterschaft, die sich die Bayern in den letzten Kriegsmonaten erspielten, nun einmal bescheiden aus. Geschichte des FC Bayern – das bedeutete daher bis um das Jahr 2000 vor allem Beckenbauer, Maier und Müller.
Dafür gab es gute Gründe: Es waren schließlich diese Spieler, die dem FC Bayern in den 1970er Jahren drei Europapokale in Serie gewannen. Als ihren ersten großen Titel aber hatten die Bayern einst im Jahr 1932 die Deutsche Meisterschaft unter Kurt Landauer gefeiert. Erst seit der Jahrtausendwende ist der jüdische Präsident wieder in das Gedächtnis des Klubs und seiner Fans zurückgekehrt. In einem Spielfilm wurde seiner ebenso gedacht wie im Vereinsmuseum. An die Geschichte des FC Bayern München vor Beckenbauer, besonders aber zwischen 1933 und 1945, begannen sich damit neue Fragen zu stellen. Erschöpfende Antworten auf diese Fragen sind bis heute nicht gegeben worden – und so wird über die Geschichte des FC Bayern in der Zeit des Nationalsozialismus so heftig gestritten wie bei keinem anderen Verein.
Mit der »Gesinnungsverrohung« (Landauer) des Nationalsozialismus hatte sich der FC Bayern bereits 1950 selbst auseinandergesetzt. Die Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Vereins thematisierte die NS-Zeit in einer Weise, wie sie in vergleichbaren Publikationen selten zu finden ist.[2] Während es in den 1950er Jahren – und meist noch lange darüber hinaus – unter Sportvereinen üblich war, die jüngste Vergangenheit zu beschweigen oder, wie etwa beim VfB Stuttgart, als anonyme »Wellen der politisch bewegten Zeit um 1933« abzutun, widmete ihr die Jubiläumsschrift der Bayern mehr als 17 Seiten, geißelte dort die nationalsozialistische Sportpolitik und gedachte sieben ermordeter Vereinsmitglieder namentlich.[3] Gleichwohl handelte es sich nicht um eine ausgewogene Darstellung. Ihr Verfasser, der langjährige Funktionär Siegfried Herrmann, schrieb in der Jubiläumschronik seine Perspektive als verbindlich für den Verein fest.[4] Sie nahm nicht nur problematische Bewertungen einzelner Ereignisse vor, sondern folgte der Grundtendenz, einen Kern »alter Bayern« innerhalb des Vereins zu identifizieren, der sich als resistent gegenüber nationalsozialistischen Außeneinflüssen erwiesen habe.
Es spricht allerdings viel dafür, dass Herrmanns Deutung der Bayern-Geschichte zunächst nur eine begrenzte Reichweite besaß. Denn erstens unterschieden sich die folgenden Festschriften kaum von denen anderer Sportvereine. Und zweitens verblasste die Erinnerung an den unter Landauer errungenen Meistertitel von 1932 – und an die eigene Geschichte vor 1945 überhaupt – zusehends. Durch den Bundesliga-Aufstieg 1965, die DFB-Pokalsiege 1966 und 1969, den Europapokalsieg 1967 und die Meisterschaft 1969 verlor er seine Stellung als größter Erfolg der Vereinsgeschichte. Als eine Trophäe unter vielen wurde er als ultimativer Referenzpunkt der Klubhistorie abgelöst.[5]
Zwar veröffentlichte der Sporthistoriker Hajo Bernett seit Ende der 1960er Jahre mehrere Pionierstudien, die aufzeigten, dass die Behauptung einer äußerlich angepassten, letztlich jedoch von der Diktatur unberührten Nische unhaltbar war. Vereine und Verbände zeigten an diesen Erkenntnissen jedoch kein Interesse. Die akademische Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus erblickte im Sport zu diesem Zeitpunkt noch keinen lohnenden Gegenstand.[6] Seit den 1990er Jahren hat sich dies allerdings grundlegend gewandelt: »Sport matters«.[7] Das gilt grundsätzlich für die Geschichte des Sports im 19. und 20. Jahrhundert, deren Erkenntnispotenzial Studien wie »English sports« und deutsche Bürger (Christiane Eisenberg) offenlegten.[8] Es gilt in besonderem Maße jedoch für Sport im Nationalsozialismus, wie eine einschlägige Bibliografie ausweist, und auch für den FC Bayern.[9]
Einen entscheidenden Fortschritt markierte das Jahr 1997. Anton Löffelmeier erarbeitete in einem Sammelband des Münchner Stadtarchivs eine Lokalgeschichte des Fußballs in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.[10] Dabei behandelte er im Hinblick auf den FC Bayern erstmals die wichtige Rolle jüdischer Mitglieder und die Biografie Kurt Landauers, aber auch eine Reihe weiterer Einzelfragen, die noch immer zur Diskussion stehen: etwa die Einordnung als »Judenverein«, die Verortung der Ski-Abteilung als rechtsgerichtete Vereinsopposition oder eine ausgebliebene Ehrung durch den Oberbürgermeister für den 1944 errungenen Gaumeistertitel. Löffelmeier bezog sich in vielen Aspekten auf Siegfried Herrmanns Festschrift von 1950 und erschloss damit eine wichtige Quelle, transportierte allerdings auch Herrmanns problematische Perspektiven.
Ebenfalls 1997 nahm Dietrich Schulze-Marmeling ein längeres Kapitel über die NS-Zeit in seine Vereinschronik auf. Hier kam Herrmanns Chronik in ausführlichen Zitaten zu Wort. Überschriften wie »Mit den Nazis in die Krise«, »Ende eines ›Juden-Clubs‹« oder »Nazifizierung und Widerstand« zeigten eine Lesart der Vereinsgeschichte an, die für rund 20 Jahre stilbildend werden sollte.[11] Zwar sparte Schulze-Marmeling keineswegs die Aussagen des Nationalspielers und Zeitzeugen Wilhelm »Schimmy« Simetsreiter aus, die die achselzuckende Indifferenz nichtjüdischer Vereinsmitglieder gegenüber der Verfolgung jüdischer Bayern nur zu gut illustrierten. Entscheidend für das Urteil blieben jedoch die Argumente, dass an der Vereinsspitze lange keine Nationalsozialisten gestanden hätten und politische Gründe mitursächlich für sportlichen Misserfolg gewesen seien.[12]
Schulze-Marmeling und Löffelmeier kommt das große Verdienst zu, die Leistungen jüdischer Mitglieder von diesen ersten Wortmeldungen an ins Licht gerückt zu haben. Heiner Gillmeister wies in einem Beitrag im Jahr 2000 zudem darauf hin, dass der Verein seine Existenz insbesondere seinem ersten Präsidenten Franz John sowie zwei jüdischen Sportpionieren, Josef Pollack und Gustav Manning, verdanke. Er verband dies im Jahr des 100. Vereinsjubiläums mit dem Vorwurf mangelnden Geschichtsbewusstseins an den FC Bayern, der die Pioniertat seiner Gründerväter nicht ausreichend zu würdigen wisse.[13]
Seither hat sich im Anschluss an diese ersten Forschungen der Kenntnisstand über jüdische Mitglieder geradezu exponentiell erhöht. Insbesondere ist hier Schulze-Marmelings Monografie Der FC Bayern und seine Juden anzuführen, die 2011 erschien und mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt.[14] Sie stellte nicht nur zahlreiche Biografien jüdischer Mitglieder des FC Bayern vor, die dessen Ruf als »Judenklub« empirisch zu unterfüttern schienen, sondern präsentierte den Verein eingebunden in ein urbanes, kosmopolitisches, leistungsorientiertes und europäisch vernetztes Fußballmilieu – versinnbildlicht im Untertitel des Buches, der von einer »liberalen Fußballkultur« sprach. Darüber gerieten allerdings, wie sich zeigen sollte und unten darzustellen ist, andere Elemente der Vereinsgeschichte aus dem Fokus oder spielten jedenfalls eine untergeordnete Rolle. Die jüngste Auflage (2017) wurde dahingehend ergänzt und der Untertitel gestrichen.
Zweifellos fügte sich das Werk in zwei Trends, die um die Jahrtausendwende Fahrt aufnahmen und bis heute ungebrochen scheinen. Zum einen ist damit eine zunächst widerwillig oder zaghaft – und gegenüber anderen Gesellschaftsbereichen nachholend – betriebene Beschäftigung des deutschen Fußballs mit der eigenen NS-Vergangenheit gemeint. Sie nahm ihren Anfang in einzelnen Initiativen »von unten«, von Fans, mündete jedoch in eine öffentliche, explizit historisch begründete Positionierung der meisten Verbände und Vereine. »In unserer Welt dürfen Homophobie, Hass und Ausgrenzung egal welcher Art keine Rolle spielen«, äußerte etwa Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge im Februar 2021 anlässlich des seit 2004 jährlich begangenen »Erinnerungstages im deutschen Fußball«.[15]
Zum anderen – und damit eng verbunden – erfolgte eine zunehmende Erforschung der Rolle großer deutscher (und österreichischer) Fußballorganisationen in der Zeit des Nationalsozialismus. Zum 100-jährigen Jubiläum des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Jahr 2000 erschienen neben der offiziellen Chronik, die das Thema immerhin nicht gänzlich aussparte, zwei eigenständige Titel, die zu gegensätzlichen Schlüssen gelangten.[16] Eine erste Welle wissenschaftlicher Publikationen lässt sich Mitte der 2000er Jahre ausmachen. Nils Havemanns DFB-Studie Fußball unterm Hakenkreuz zählt hierzu ebenso wie die Monografien über den FC Schalke 04 (beide 2005) und den 1. FC Kaiserslautern (2006).[17] Bei den erstgenannten handelt es sich – durchaus bezeichnend – um Ausarbeitungen im Auftrag des Verbandes bzw. Vereins; der DFB reagierte mit dem Forschungsauftrag auf öffentlichen Druck im Vorfeld der WM 2006.
Die Konjunktur, die diese Neuerscheinungen anzeigten, hält bis heute an. Mittlerweile liegen wissenschaftliche Monografien beispielsweise über Eintracht Frankfurt (2007), Hertha BSC, den TSV 1860 München (beide 2009), den FC St. Pauli (2010), Rapid Wien (2011) und den VfB Stuttgart (2018) vor, überdies eine ganze Reihe aussagekräftiger Aufsätze, die einzelne Aspekte anderer Vereinsgeschichten ausleuchten.[18] Zuletzt kamen Studien über Austria Wien (2019) und die »Vereinsführer« der Frankfurter Eintracht hinzu.[19] Über Borussia Dortmund war bereits 2002 ein Band erschienen, der jedoch vor allem Anekdoten angeblicher Widerborstigkeit versammelt hatte; mittlerweile entsteht auch hier eine wissenschaftliche Untersuchung.[20]
Mit jeder dieser Untersuchungen zeichnet sich deutlicher ab, dass sich die Anpassung deutscher Fußballklubs an die Bedingungen nationalsozialistischer Herrschaft zwar von Fall zu Fall in ihren Details unterschied, doch letztlich flächendeckend ohne nennenswerte Widerstände verlief. Vor diesem Hintergrund schien es sich beim FC Bayern München um eine Ausnahme zu handeln, denn hier konstatierte Schulze-Marmeling eine »gewisse Widerständigkeit des Klubs«, dem gegenüber sich Vertreter des Regimes ablehnend verhalten hätten.[21] »Die Nazis diskriminierten den FC Bayern fortan als ›Judenclub‹«, brachte die Süddeutsche Zeitung(SZ) dieses Bild, das der Verein mittlerweile auch selbst in die Öffentlichkeit trug, auf den Punkt.[22]
Widerspruch erfuhr dieses Urteil in einem 2016 publizierten Aufsatz Markwart Herzogs, der Die drei »Arierparagrafen« des FC Bayern München zum Gegenstand hatte.[23] Herzog machte geltend, dass die leicht zugänglichen Vereinsregisterakten des FC Bayern bisher nicht ausgewertet worden waren, unterzog bekannte Quellen wie die Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum einer eingehenden Kritik und kam zu dem Schluss, dass der FCB sich kaum von anderen Klubs unterschieden habe: Er habe seine jüdischen Mitglieder ausgeschlossen und sich insgesamt keineswegs gegen nationalsozialistische Einflussnahmen gewehrt.
Die seither entbrannte öffentlich ausgetragene Kontroverse – die SZ titelte bereits 2016: »Historiker im Zweikampf« – dauert bis heute an.[24] Es ist unmöglich, hier alle ihre Facetten und bisweilen schwer nachvollziehbaren Verästelungen nachzuzeichnen. Grundsätzlich weist Dietrich Schulze-Marmeling zu Recht darauf hin, dass manche der von Herzog präsentierten Quellen in irgendeiner Form bereits zuvor von ihm ausgewertet worden waren. Gleichwohl ist unverkennbar, dass seine jüngeren Publikationen Konzessionen an die Kritik enthalten und Urteile über den FC Bayern weniger eindeutig ausfallen. Augenfällig ist die Ergänzung des Buchtitels Der FC Bayern und seine Juden, der nunmehr Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis lautet.[25]
Schulze-Marmelings Publikationen rücken die zahlreichen jüdischen Mitglieder des FC Bayern vor 1933 und ihre Biografien in den Mittelpunkt und sind zwar weitgehend valide recherchiert, kommen aufgrund ihres journalistischen Zuschnitts aber in den meisten Fällen ohne Quellenbelege aus. Sie sparen keine belastenden Quellen der Vereinsgeschichte aus und gehen stellenweise hart mit den damaligen Verantwortlichen ins Gericht. Letztlich aber erscheinen vor allem weniger belastete oder verfolgte Personen wie Kurt Landauer als Verkörperung der Klubhistorie und die NS-Zeit daher als ein unverbundenes Zwischenspiel – »[a]ls ob zwölf Jahre NS-Regime nur ein böser Traum gewesen wären«.[26]
In scharfer Abgrenzung zu diesem Urteil richtet sich Markwart Herzogs Kritik vor allem gegen zwei Aspekte: Erstens habe sich der FC Bayern dem NS-Regime gegenüber mitnichten distanzierter gezeigt als ein durchschnittlicher Sportverein. Zweitens treibe der Klub Geschichtspolitik und Selbstvermarktung auf Grundlage falscher Einschätzungen.[27] Bezogen auf den historischen FC Bayern unterzieht Herzog bekanntes Material einer Neubewertung, hat in zwei Aufsätzen 2016 und 2019 jedoch auch neue Quellen präsentiert. Insbesondere stehen Vereinsfunktionäre der NS-Zeit in seinem Fokus, deren bisherige Bewertung Herzog in Zweifel zieht (Siegfried Herrmann, »Vereinsführer« 1933-1934) oder zu deren Biografie bisher unbekanntes Belastungsmaterial ausfindig gemacht wird (Josef Kellner, »Vereinsführer« 1938-1943).[28] Insgesamt zeigt Herzog damit zutreffend Defizite auf und bringt wichtige Korrekturen an. Der Ton der Auseinandersetzung, in der beide Seiten relevante Argumente aufbieten können, wird allerdings zunehmend schriller, zumal er sich mit persönlichen Antipathien und politischen Frontstellungen vermengt.[29]
Es ist in der Hauptsache den Arbeiten Schulze-Marmelings und Herzogs zu verdanken, dass über wichtige Aspekte der Vereinsgeschichte des FC Bayern ein beachtliches Quantum belastbarer Erkenntnisse vorliegt. Das gilt zuvorderst für zahlreiche Biografien jüdischer Mitglieder, an deren Recherche auch der Verein selbst beteiligt war.[30] Nicht nur sind rund 130 von ihnen namentlich bekannt, auch können ihre Lebensgeschichten in vielen Fällen detailliert nachvollzogen werden – insbesondere ist das Leben Kurt Landauers mittlerweile wohluntersucht.[31] Auch für einige nichtjüdische Spitzenfunktionäre wie Siegfried Herrmann liegen aussagekräftige Informationen vor, mit einigen Abstrichen gilt das auch für »Vereinsführer« wie Josef Kellner, Franz Paul Nußhart oder Richard Amesmaier.[32] Einzelne Entwicklungen innerhalb des Vereins – der Übergang zum »Führerprinzip« 1933 und die Einführung von »Arierparagraphen« – sind zudem quellennah dargestellt worden, wenngleich deren Beurteilung umstritten ist.
Doch bestimmen nicht nur diese widerstreitenden Positionen das Feld. Es ist gleichermaßen zu konstatieren, dass die Vereinsgeschichte des FC Bayern in der NS-Zeit – aber auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt – bei aller öffentlichen Aufmerksamkeit noch zahlreiche blinde Flecken aufweist. Dies gilt zunächst einmal für die meisten der handelnden Personen unterhalb der Ebene der Vereinsvorsitzenden bzw. »Vereinsführer«. Zahlreiche Vorstandsmitglieder der NS-Zeit, darunter auch für die ideologische Schulung zuständige »Dietwarte«, sind lediglich dem Namen nach bekannt. Weiterhin ist die Mitgliederzeitschrift des Vereins bis dato nur stichprobenartig ausgewertet worden, wiewohl ihre Ausgaben von 1925 bis 1939 lückenlos vorliegen. Damit fehlt folglich auch die Verknüpfung einer gezielten Biografieforschung mit der in den Clubnachrichten dargestellten Vereinspolitik, aus der eine Interpretation der Vereinsgeschichte überzeugende Argumente schöpfen könnte.
Ebenso steht eine Auswertung der Medienberichterstattung über den FC Bayern noch weitgehend aus.[33] Unbekannt ist ferner, in welchem Verhältnis wichtige Münchner Nationalsozialisten zum Verein standen. Jenseits des Wirkens jüdischer Mitglieder und sportlicher Aspekte weiß man letztlich auch über die Zeit der Weimarer Republik und den Weg zur Deutschen Meisterschaft 1932 wenig. Unverkennbar beziehen sich zudem fast alle Aussagen über die NS-Vergangenheit der Bayern auf die Zeit bis 1939 – die Geschichte des Klubs im Zweiten Weltkrieg liegt, von Statistiken der ersten Mannschaft und einigen Anekdoten abgesehen, im Dunkeln.
Eine unabhängig erarbeitete, umfassende und quellengesättigte Studie zur Geschichte des FC Bayern München in der Zeit des Nationalsozialismus ist daher ein Desiderat. In dieser Erkenntnis hat sich der Verein im November 2017 entschlossen, einen Forschungsauftrag an das Institut für Zeitgeschichte zu vergeben.[34] Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und fließen in die Ausstellung des Vereinsmuseums ein. Der Ertrag dieser Forschungen ist die vorliegende Studie, die im März 2018 begonnen und im Juni 2021 abgeschlossen worden ist. Sie unternimmt den Versuch, die Vereinsgeschichte des FC Bayern jenseits sportlicher Kennziffern auszuleuchten, seinen Protagonisten auf die Spur zu kommen und ein Bild des Klubs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entwerfen, das seine politischen, sozialen und kulturellen Konturen zutage treten lässt. Dabei möchte sie die Geschichte des FC Bayern nicht nur für sich betrachten, sondern sie in Beziehung zur Geschichte des Sports in der Diktatur, zur Geschichte Bayerns und Münchens setzen und im Zusammenspiel mit der neueren Forschung über die nationalsozialistische Gesellschaft Erklärungen anbieten.
Im besten Fall ergeben sich dabei Erkenntnisse, die über den Verein hinausweisen. Wenn die Untersuchung von der Grundannahme ausgeht, dass der Sport »ein Gesellschaftsphänomen sondergleichen [ist], das sich nie ohne seine politischen, sozioökonomischen und kulturellen Implikationen denken lässt«, so soll damit allerdings nicht die oft strapazierte Vorstellung vom Fußball als einem Spiegelbild der Gesellschaft gemeint sein.[35] Sport produziert Sinn und Wissen, »prägt und relativiert politische und ökonomische Normensysteme« und ist »Teil, nicht Abbild von ›Welt‹«.[36] Ein Sportverein ist daher weder ein Spiegel, der lediglich gegebene gesellschaftliche Bedingungen reflektiert und keine eigenen Gestaltungsoption besitzt, noch eine »Eigenwelt«, die sich den Bedeutungszusammenhängen der umgebenden Welt zu entziehen vermag. Spieler, Funktionäre, Fans oder Sponsoren der Bayern – aber auch der Verein als Organisation – können als Akteure aufgefasst werden, die unter dem Einfluss gesellschaftlicher Bedingungen ihres Handelns stehen, ihrerseits aber in der Lage sind, durch ihr Handeln die Gesellschaft zu beeinflussen. Der FC Bayern und seine Mitglieder sind daher nicht als Opfer oder Täter, als passive Objekte von Indoktrination oder Zwang zu verstehen. Vielmehr interessieren die »Mischungsverhältnisse von Abhängigkeit und Selbst-Handeln«, weil im NS-Staat »Zustimmen, Hinnehmen und Mitmachen – aber auch ›Abtauchen‹, Sich-Distanzieren, mitunter auch Sich-Widersetzen […] weder fortdauernde, noch notwendige Gegensätze« darstellten.[37]
Um es an einem Beispiel konkret zu machen: Ein Vereinsmitglied konnte sich von der Anwesenheit hoher NS-Amtsträger bei einem Heimspiel geehrt fühlen und von der Inszenierung des Spiels, der Einlaufzeremonie mit kollektivem Hitlergruß fasziniert sein; dabei gleichzeitig den drohenden Ausschluss seines jüdischen Freundes aus dem Klub bedauern; und schließlich für die Einführung eines »Arierparagraphen« stimmen, um auf der Mitgliederversammlung nicht aufzufallen und einer unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Mit einem Verständnis von Sport und nationalsozialistischer Gesellschaft, das von einer durch Zwang und Instrumentalisierung strukturierten Dichotomie aus Verein einerseits und »den braunen Machthabern« andererseits ausgeht, ist der Komplexität der Verhaltensweisen daher nicht beizukommen.[38] Das Modell eines apolitischen Mikrokosmos mit eigenen Regeln, dessen Protagonisten »an Politik nicht sonderlich interessiert«, sondern »darauf erpicht waren, das Kulturgut Sport durch die Zeit zu bringen«, mithin also eine rationale und ökonomische Entscheidung für eine Anpassung trafen, trägt allerdings auch nicht weiter, weil alle Handlungen im Grau einer »unpolitischen Mobilisierung« verschwimmen.[39]
Nimmt man den Verein und seine Mitglieder als Akteure – als Mit-Spieler – ernst, so bietet sich »Volksgemeinschaft« als eine Perspektive an, die verdeutlicht, »dass das Politische nicht allein im Staat zu suchen ist« und die Struktur der Gesellschaft immer wieder in konkreten Situationen von neuem ausgehandelt wird.[40] Die vorliegende Arbeit wird auch deshalb immer wieder auf dieses Konzept zurückkommen, weil es sich in zweierlei Hinsicht besonders für die Analyse ihres Gegenstandes eignet: Es vermag die Gleichzeitigkeit von Partizipation und Repression sichtbar zu machen – der FC Bayern war nicht nur ein Objekt von Zwang und Bevormundung, sondern besaß im NS-Staat Handlungsoptionen, konnte sich etwa verweigern, aber auch mittun oder Chancen wahrnehmen. Zudem lenkt »Volksgemeinschaft« den Blick auf Mechanismen der Vergemeinschaftung, und zwar gleichermaßen auf Inklusion und Exklusion. Die Herstellung von Gemeinschaft, die Bedingungen für das Dazugehören, also die Frage, wer zum FC Bayern gehören und sich als ein Teil des Vereins fühlen könne und wer nicht, beschäftigte den Verein oft genug selbst – auch bevor diese Frage ab 1933 eine dezidiert antisemitische Wendung erhielt.
Neben dieser Perspektivverschiebung unternimmt die vorliegende Studie den Versuch, die Geschichte des FC Bayern immer wieder an den Entwicklungen des deutschen Fußballs und insbesondere anderer Vereine zu messen. Wenngleich eine Gesamtdarstellung zum Sport oder Fußball im Nationalsozialismus noch immer fehlt, so bieten die bisher erschienenen Einzelstudien zur Geschichte deutscher Fußballvereine, mitunter aber auch Quellenmaterialien zu anderen Sport- oder Turnvereinen hier wertvolle Vergleichspunkte. Die Einbindung der Bayern in dieses Koordinatensystem großer und kleiner Sportvereine ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil eine Bewertung und Einordnung des Handelns des Vereins bzw. seiner Mitglieder nur dann aussagekräftig sein wird, wenn sie über den vielfach gewählten Referenzpunkt TSV 1860 hinausgeht, dessen Nähe zur NSDAP in München, vermutlich aber auch weit darüber hinaus einen Sonderfall darstellt.[41]
Um die Geschichte des FC Bayern zwischen 1933 und 1945 zu verstehen und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus zu bestimmen, ist jedoch nicht nur ein kontinuierlicher Vergleich erforderlich. Ebenso muss eine umfassende Studie Entwicklungen im und um den Verein einbeziehen, die sich vollzogen, bevor die Diktatur Bedingungen verschob und Handlungsspielräume veränderte. Nur so ist es auch möglich, die Tiefe von Zäsuren zu überprüfen, Kontinuitäten und Brüche zu markieren. Der Untersuchungszeitraum setzt daher bereits mit der Vereinsgründung ein und endet Mitte der 1950er Jahre. Er umfasst also auch die Nachkriegszeit und die ersten Jahre der Bundesrepublik, zumal dieser Abschnitt der Vereinsgeschichte bisher nur schlaglichtartig erhellt worden ist. Der Schwerpunkt der Analyse liegt gleichwohl auf den Jahren 1933 bis 1945.
Die Arbeit folgt grundsätzlich einer chronologischen Struktur; der inhaltliche Teil beginnt im folgenden zweiten Kapitel, das sich mit dem FC Bayern zwischen der Vereinsgründung und dem Ersten Weltkrieg befasst (1900-1918). Das ist schon allein deshalb notwendig, weil wichtige Protagonisten der NS-Zeit dem Verein bereits seit dem Kaiserreich angehörten. Zwar können Gründung und Gründer des Vereins als erforscht gelten, auch über Angelo Knorr, den Bayern-Präsidenten von 1907 bis 1913, liegt eine aussagekräftige biografische Studie vor.[42] Doch ist über diesen engen Kreis hinaus wenig über das Führungspersonal des Klubs bekannt, der als »Künstler-Klub« aus Schwabing, dem Viertel »idealistische[r] Weltverbesserer und reale[r] Revolutionäre«, vorgestellt worden ist.[43] Inwieweit diese Charakterisierung zutrifft und welches Selbstverständnis die Bayern teilten, soll hier herausgearbeitet werden.
Eine ähnliche Diagnose ist für die Zeit der Weimarer Republik zu stellen, die das dritte Kapitel behandelt (1918/19-1932). Auch hier sind, bezogen auf Funktionäre, Vereinsleben oder die Abteilungen Ski und Rugby, aber auch auf neuralgische Punkte der Stadtgeschichte wie die Münchner Räterepublik und ihre Niederschlagung (1919) oder den »Hitlerputsch« (1923), noch zahlreiche Fragen offen. Dabei handelt es sich um die Take-off-Phase des Fußballs in Deutschland, der sich binnen weniger Jahre zu einem Massenphänomen entwickelte. Im selben Zeitraum gelang dem FC Bayern der Aufstieg zu einem der spielstärksten Klubs in Deutschland – gekrönt vom ersehnten Meistertitel im Juni 1932. Gleichzeitig tobten in Vereinen und Verbänden scharfe und ideologisch aufgeladene Auseinandersetzungen, in deren Mittelpunkt die Frage nach einer Professionalisierung des Spitzensports stand. Dieser Streit wurde auch vom und innerhalb des FC Bayern geführt, wobei seine Funktionäre ihre Gemeinschaftsvorstellungen und Sinnzuschreibungen im Hinblick auf Körper und Sport energisch vertraten.
Das vierte Kapitel unterzieht die Jahre 1933 und 1934 einer präzisen Analyse. Den schon vor vier Jahrzehnten formulierten Befund, dass sich (bürgerliche) Sportverbände und -vereine im Frühjahr 1933 auf die Seite der Nationalsozialisten stellten, haben nahezu alle Untersuchungen zu großen Fußballvereinen nur bestätigen können.[44] Demgegenüber ist das Geschehen beim FC Bayern auf die Formel »Nazifizierung mit Widerständen« gebracht worden.[45] Das Kapitel geht der umstrittenen Frage nach, inwieweit Folgen der nationalsozialistischen Machtübernahme den FC Bayern stärker trafen als andere Vereine. Es zeichnet nach, wie sich der Klub zum NS-Staat positionierte, welche Konflikte zum Austrag kamen und lotet Handlungsspielräume der Akteure aus. Schließlich zeigt es auf, weshalb die in der Sporthistoriografie verbreitete Kategorie »Gleichschaltung« wenig geeignet ist, die Selbstmobilisierung des Sports 1933/34 analytisch zu erfassen.
Kapitel fünf verschafft einen fundierten Überblick über den FC Bayern in den ersten sechs Jahren der NS-Herrschaft bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs (1933-1939). Es geht sportlichen Entwicklungen ebenso nach wie den dahinter liegenden finanziellen und organisatorischen Prozessen und nimmt dabei die für den Klub selten vorteilhaften Bedingungen für Vereinssport in der Diktatur in den Blick. Dabei kommt es erstmals auch auf die kurzlebige Handball-Abteilung der Bayern zu sprechen und kann ferner darlegen, wie bekannte Münchner Nationalsozialisten in Gauleitung und Rathaus die berufliche Karriere prominenter Spieler förderten. Ein umfangreiches Teilkapitel ist dem Führungspersonal des FC Bayern gewidmet, dessen Zusammensetzung es für die Vorkriegsjahre weitgehend rekonstruieren kann. Es stellt wichtige Funktionäre vor, beschränkt sich dabei jedoch nicht auf die »Vereinsführer«, sondern liefert Informationen zu bis dato wenig oder nicht beachteten Verantwortlichen. Die Analyse des Funktionärskorps soll aber nicht bei der Ermittlung biografischer Skizzen stehen bleiben, die erst dann ganze Aussagekraft erlangen können, wenn deutlich wird, wie repräsentativ sie für die Führungsebene des Vereins sind. Um diese Rückbindung zu erreichen, wird schließlich eine quantitative Auswertung der NSDAP-Mitgliedschaften zentraler Personengruppen innerhalb des Vereins vorgenommen. Schließlich befasst sich das dritte Teilkapitel damit, wie der FC Bayern in der Öffentlichkeit von Medien präsentiert wurde, aber auch selbst auftrat. Auf Anekdoten und Aussagen Siegfried Herrmanns gegründet, bestand lange die Ansicht, der Verein sei von der NS-Presse und der politischen Lokalprominenz gemieden worden und mithin von nationalsozialistischer Inszenierung bis 1943 ausgeschlossen gewesen.[46] Dies wird – unter anderem anhand der Ausgestaltung prestigeträchtiger internationaler Fußballspiele – einer kritischen Prüfung unterzogen.
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hatte der FC Bayern München keine jüdischen Mitglieder mehr. Genauer gesagt: Er hatte sie alle, sofern sie nicht bereits vorher ausgetreten waren, 1935 per Satzungsänderung hinausgeworfen. Damit endeten 35 Jahre, in denen Juden den Verein mitgeprägt hatten. Deshalb ist das sechste Kapitel der grundsätzlich chronologisch strukturierten Darstellung den jüdischen Mitgliedern des FC Bayern gewidmet und umfasst nicht nur die Zeit ihrer Verfolgung im Nationalsozialismus. Ihr Wirken ist nicht aus der Vereinsgeschichte zu lösen, wie die anderen Kapitel und schon allein der Name Kurt Landauers verbürgen – aber gerade deshalb ist es geboten, ihren Geschichten über die Zäsur 1933 hinweg zu folgen und nicht nur verstreut immer wieder einmal darauf zu sprechen zu kommen. Dabei prüft das Kapitel nicht nur den Gehalt der Rede vom »Judenklub« und den Umgang des FC Bayern und seiner Funktionäre mit jüdischen Mitgliedern. Es nimmt sie als verfolgte, aber so weit wie möglich selbstbewusst und selbstbestimmt handelnde Akteure wahr und lässt ihre Perspektive möglichst umfangreich in die Darstellung einfließen, weil »jüdische Wahrnehmungen und Reaktionen […] ein untrennbarer Bestandteil dieser Geschichte waren«.[47]
Mit dem siebten Kapitel wendet sich die vorliegende Studie dem Zweiten Weltkrieg zu (1939-1945). Über diesen Abschnitt der Vereinsgeschichte sind bis dato fast keine belastbaren Erkenntnisse vorhanden, obwohl es sich – gemessen an den Tabellenplatzierungen der ersten Mannschaft – um die sportlich erfolgreichste Periode in der NS-Zeit handelt. Das Kapitel nähert sich deshalb nicht nur den Funktionären der Kriegsjahre und rekonstruiert das Vereinsleben unter den Bedingungen des Luftkriegs, sondern prüft auch die Ursachen des sportlichen Erfolgs. Es erlaubt einen Einblick, weshalb junge Männer trotz der zunehmend prekären militärischen Lage in München Fußball spielten. An seinem Schluss stehen vier Skizzen, die an ausgewählten Biografien die Beteiligung von Vereinsmitgliedern an nationalsozialistischen Verbrechen im Kontext der gewaltsamen deutschen Expansion aufzeigen – und in Willy Buisson einen Funktionär der Weimarer Republik vorstellen, der sich zum Widerstand entschloss und dafür mit seinem Leben bezahlen musste.
Das achte Kapitel rückt die Geschichte des FC Bayern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Fokus. Es zeichnet den organisatorischen und sportlichen Wiederaufbau nach und beleuchtet dessen sportpolitische Bedingungen in der amerikanisch besetzten Zone. Ein Schwerpunkt liegt auf der Nachgeschichte des Nationalsozialismus, denn während bis 1945 verfolgte Vereinsmitglieder aus dem Exil zurückkehrten oder um Entschädigung kämpften, mussten sich andere in Entnazifizierungsverfahren verantworten. Mitglieder versuchten, ihre eigene Geschichte, aber auch die ihres Vereins zu deuten; derweil durchlebte der FC Bayern eine sportlich, personell und finanziell turbulente Zeit. Der Abstieg aus der Oberliga 1955 bedeutete nicht nur den sportlichen Tiefpunkt der Vereinsgeschichte, sondern demonstriert auch, dass die Entwicklung zum weltweit erfolgreichen Fußballunternehmen alles andere als zwangsläufig war.
Die Ergebnisse der Arbeit fasst das neunte Kapitel zusammen, das in einem Resümee wesentliche Entwicklungslinien der Vereinsgeschichte zwischen 1900 und den 1950er Jahren herausarbeitet. Ein Anhang liefert Abkürzungs-, Abbildungs- und weitere Verzeichnisse sowie ausführliche Nachweise der Literatur- und Quellenangaben.
Der Hinweis, dass Anzahl, Beschaffenheit und Verfügbarkeit von Quellen die Arbeit an der Geschichte eines Fußballvereins gemeinhin nicht erleichtern, ist wohl in fast jeder Studie zu finden, die sich mit einem solchen Thema befasst.[48] Ganz besonders gilt dies für die Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus.[49] Der FC Bayern ist hier keine Ausnahme. 1944 wurde die damalige Geschäftsstelle in der Innenstadt durch Bomben zerstört. »Nur einen geringen Teil wichtiger Unterlagen, der Siegestrophäen, der Pokale und Ehrenwimpel hatte man auf dem Lande verlagert, wo sie uns erhalten blieben«, hielt Siegfried Herrmann 1950 fest.[50] Unter diesen Unterlagen müssen sich unter anderem »Mitgliederverzeichnisse aus den Jahren 1935 und 1938« befunden haben, von denen in Korrespondenz aus den 1950er Jahren die Rede ist und in denen heute ein unschätzbarer Quellenwert läge.[51] Sie sind jedoch nicht im Vereinsarchiv des FC Bayern überliefert, zu welchem dem Autor uneingeschränkt Zugang gewährt wurde. Ebenso besitzt der Verein bis auf wenige Ausnahmen keine interne Überlieferung aus der Zeit vor 1945. Das gilt insbesondere für Protokolle der Vorstandssitzungen, die für andere Klubs in einzelnen Fällen vorliegen.[52] Nichtsdestotrotz verwahrt das Vereinsarchiv des FC Bayern einen Bestand von großer Relevanz, nämlich eine umfangreiche Korrespondenz der Geschäftsstelle mit Vereinsmitgliedern, die sich zumeist auf die zweite Hälfte der 1940er Jahre und die 1950er Jahre datieren lässt. Der Bestand ist nicht erschlossen, durch die Sichtung aller 20 Kartons konnten jedoch zahlreiche Briefe herausgefiltert werden, deren Inhalt sich auf vereinsinterne Geschehnisse der NS-Zeit bezieht.
Den größten Teil des Quellenkorpus trugen öffentliche Archive in Deutschland bei. Die Akten des Landesentschädigungsamtes aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv etwa erlaubten, Verfolgungsgeschichten jüdischer Bayern-Mitglieder zu rekonstruieren. Im Staatsarchiv München wurde eine große Zahl Spruchkammerakten eingesehen, die von den Entnazifizierungsverfahren zeugen, die viele Vereinsmitglieder nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durchliefen. Aus den Beständen des Stadtarchivs München flossen große Teile der Überlieferung des Amtes für Leibesübungen sowie Personalakten in die Studie ein. Die Dienststellen des Bundesarchivs lieferten eine Vielzahl personenbezogener Informationen über Mitgliedschaften in nationalsozialistischen Organisationen oder Militärverhältnisse. Aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes bezieht die Untersuchung Material über zahlreiche internationale Fußballbegegnungen. Unter den rund 60 Archiven und Bibliotheken, die Informationen zur Verfügung stellten, sind auch mehrere Archive im Ausland anzuführen, deren Bestände teils online bereitstehen, teils persönlich eingesehen wurden. So führte eine längere Recherche auf den Spuren des »Vereinsführers« Josef Kellner in die Lesesäle der Staatlichen Gebiets- und Kreisarchive in Litoměřice und Česká Lípa.
Die archivalischen Quellen werden ergänzt durch zahlreiche zeitgenössische Periodika ganz unterschiedlicher Provenienz und Ausrichtung. An erster Stelle sind die Clubnachrichten des FC Bayern zu nennen, die von 1925 bis 1939 komplett, mit einigen Vorläufern und Unterbrechungen sogar seit 1911 vorliegen und im Rahmen dieser Studie erstmals vollständig ausgewertet werden. Daneben treten Stichproben anderer Vereinshefte, soweit dies dem Vergleich dienlich erscheint. Zudem zieht die vorliegende Untersuchung mehrere Tageszeitungen und Sportzeitschriften heran, unter ihnen am häufigsten den Fußball, eines der meistgelesenen Fachblätter, das durch seinen Redaktionssitz in München für gewöhnlich besonders gut über den FC Bayern und seine Lokalrivalen informiert war.
Obwohl also der FC Bayern selbst nicht über eine ausreichende, einschlägige Überlieferung verfügt, konnte aussagekräftiges Material zusammengetragen werden, um der Vereinsgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen. Die vorliegende Studie wird auf den folgenden Seiten versuchen, möglichst präzise und schlüssige Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis des FC Bayern zum Nationalsozialismus zu geben. Wenn dies gelingen soll, so wird ihr nichts anderes übrigbleiben, als selbst eine ganze Reihe unangenehmer Fragen aufzuwerfen und – um mit Kurt Landauer zu sprechen – »sich über die Ursachen dieser Gesinnungsverrohung zu unterhalten«.[53]
Es war um das Jahr 1890, »ich war damals ein Jüngling mit 17 Lenzen, als ich des Turnens als einzige körperliche Betätigung überdrüssig geworden war, da fings an: Die große Liebe zum Sport.«[1] Diese Worte stammen aus der Feder des Münchner Fußballpioniers Fred Dunn, seit 1908 Mitglied des FC Bayern – und sie geben beispielhaft Antwort auf die Frage, wie der Sport nach Deutschland kam: Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten bürgerliche junge Männer das Ballspiel für sich, das ihre Freunde, Mitschüler oder Geschäftspartner aus dem anglophonen Ausland in die Kurbäder, Handels- und Residenzstädte gebracht hatten.
Nun stellt sich die Frage, warum eine Studie über den FC Bayern, die dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus zum Gegenstand hat, nicht nur die Weimarer Republik, sondern bereits die Gründungsjahre des Vereins zum chronologischen Ausgangspunkt wählt. Ließe diese Studie aber die ersten 19 Jahre Vereinsgeschichte außen vor, unterbliebe der Blick auf Akteure und Entwicklungen, die den Klub vor und nach 1919 prägten. Funktionäre, die die Vereinsgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg selbst miterlebt und mitgestaltet hatten, schlugen immer wieder einen – oft romantisierenden – Bogen zum FC Bayern des Kaiserreichs. Wer ab 1919 den Aufstieg bis hin zur Deutschen Meisterschaft 1932 verantwortete, hatte in vielen Fällen schon vorher beim FC Bayern Fußball gespielt; er – alle in der vorliegenden Arbeit genannten Fußballspieler waren Männer – hatte die gesellschaftlichen Veränderungsdynamiken, die Durchsetzung des Industriekapitalismus und die Orientierungskrise des Bürgertums erfahren.[2] Und schließlich war er als Sportler auch Teil einer Entwicklung gewesen, die schon Zeitgenossen in einen Zusammenhang mit diesen Dynamiken brachten; immerhin waren Leistungsprinzip und Konkurrenz Bedingungen neuzeitlichen Wirtschaftslebens und hatten umso größere Geltung im Funktionssystem Sport: »Der Sport diente also als Motor des gesellschaftlichen Wandels und war zugleich ein Teil dieser Entwicklung.«[3]
»Zu den großen Umwälzungen der modernen Lebens- und Erfahrungswelt« rechnete Thomas Nipperdey den »gewaltige[n] Aufstieg aller sportlichen Betätigungen« seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.[4] München war, was den Fußball anging, aber kein Vorreiter. Während sich in Berlin, Hannover oder Stuttgart bereits Vereine gegründet hatten, spielte Dunn mit seinen Freunden aus dem »American Artist Club« noch Baseball.[5] Er war in New York geboren worden und 1879 als Sechsjähriger mit seinem Onkel nach München gekommen, absolvierte eine Lehre als Goldschmied und eröffnete 1900 eine eigene Werkstatt.[6] Nachdem Dunn seine fußballerische Heimat im FC Bayern gefunden hatte, war er dort ein angesehenes Mitglied, wurde 1911 Geschäftsführer des Münchner Sportclubs (MSC), dem sich Bayern angeschlossen hatte, übernahm im Ersten Weltkrieg für einige Monate den Abteilungsvorsitz und gehörte 1934 dem neu geschaffenen Ältestenrat an.[7] Fred Dunn gibt damit ein anschauliches Beispiel ab für die biografischen Kontinuitätslinien von Münchens ersten Fußballspielen bis in die NS-Zeit hinein.
Als Dunn sich für den Sport zu begeistern begann, besuchte er vermutlich die Real- oder Kunstgewerbeschule.[8] 1894 gründete er mit einigen Gymnasiasten »Terra Pila« – den ersten Fußballverein in München, dessen lateinischer Name kein Zufall, sondern Ausweis des bildungsbürgerlichen Hintergrunds seiner Gründer war.[9] Dunns Erinnerungen, die er 1929 für die Clubnachrichten des FC Bayern abfasste, illustrieren mehrere Facetten der frühen Fußballgeschichte in Deutschland: die Abwendung vom Drill des Turnens ebenso wie den Import der Spiele aus den anglophonen Ländern oder die internationale Zusammensetzung der Mannschaften.[10] Es waren Gymnasiasten, Studenten, Angehörige freier Berufe oder Kaufleute (also oft kaufmännische Angestellte), die um 1890 den neuen Ballsportarten nachgingen.[11] Auch war die Theresienwiese kein zufälliger Schauplatz der Erinnerungen Dunns, denn »der Sport etablierte sich in dieser Zeit in städtischen Leerräumen und hinterließ keine dauerhaften Spuren im Stadtbild« – wo Jugendliche spielten, exerzierten anderntags Soldaten oder fanden Märkte statt.[12]
Als Dunn »Terra Pila« gründete, bestand der Karlsruher FV, der Süddeutschlands Fußball bis zum Ersten Weltkrieg dominieren sollte, bereits seit drei Jahren. Der Trend zum vereinsmäßig organisierten Fußball nahm Fahrt auf: Waren 1904 rund 10.000 Mitglieder in 200 Vereinen unter dem Dach des 1900 gegründeten Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vereinigt, waren es 1914 bereits rund 190.000 in etwa 2.200 Vereinen. Damit war der DFB allerdings nur ein Freizeitverband unter vielen – vergleichbar mit den Sängern oder Leichtathleten und bei weitem nicht so bedeutsam wie die über eine Million Mitglieder zählende Deutsche Turnerschaft (DT).[13] Der Mode, der das junge Bürgertum hier nachlief, konnten sich die Turnvereine trotzdem nicht verschließen.[14] In München öffnete sich der Männer-Turn-Verein 1879 (MTV) im Jahr 1897 dem Fußball, 1899 folgte ihm der Turnverein 1860.[15] Der MTV entwickelte sich zum spielstärksten Team in München und betrachtete seine Elf, die anlässlich des Deutschen Turnfestes in Hamburg 1898 eine Dresdner Mannschaft schlug, durchaus als Aushängeschild – wenngleich viele DT-Vereine dem Wettbewerbscharakter des Sports äußerst skeptisch gegenüberstanden.[16]
Im MTV liegen die Wurzeln des FC Bayern. Noch vor rund 20 Jahren beklagte Heiner Gillmeister, dieser habe seine Gründerväter geradezu vergessen.[17] Mittlerweile liegen detaillierte Erkenntnisse über deren Biografien ebenso vor wie über die Umstände des Gründungsaktes am 27. Februar 1900.[18] Gleichwohl hat Gillmeisters Interpretation Bestand, die Gründung als »the result of long and careful planning« und das Werk eines frühen Netzwerks von Fußballpionieren zu betrachten.[19] Im Kern ging es dabei um den Berliner »Gus« Manning, der seine Bekannten Josef Pollack und Franz John dafür mobilisierte, München an den Verbandsfußball anzuschließen – die Turnvereine hatten sich diesem Schritt stets verweigert. Als eine neuerliche Initiative beim MTV misslang, kam es zur Gründung des FC Bayern.[20]
Der Verein trat in einem Moment auf die Bühne des süddeutschen Fußballs, als das locker organisierte Gesellschaftsspiel bereits die ersten Meter auf dem Weg zunehmender Institutionalisierung und Erfolgsorientierung beschritten hatte.[21] Seine Mannschaft rekrutierte der FC Bayern zunächst aus ehemaligen MTV-Spielern. Damit versammelte er bemerkenswert wenige gebürtige Münchner, stattdessen jedoch zahlreiche »Zuagroaste«, die bereits andernorts Fußball im Verein gespielt hatten.[22] In vielen Fällen hatte sie Beruf oder Ausbildung aus allen Teilen des Reichs, aus Österreich, der Schweiz oder den Niederlanden nach München verschlagen, und es geht wohl nicht fehl, darin einen gewichtigen Grund für die führende Rolle zu erblicken, die Bayern im Münchner Fußballsport seit der Gründung einnahm.[23]
Spielte der Klub auch eine lokal dominierende Rolle, gelang es ihm zunächst nicht, in die Phalanx süddeutscher Spitzenteams einzubrechen.[24] Für das Verlangen nach Wettbewerb stehen gleichwohl mehrere internationale Freundschaftsspiele, die Bayern früh nach Prag, in die Schweiz oder nach Südtirol führten. Diese Reisen spiegeln die frühe internationale Vernetzung des Fußballs (oder besser: seiner frühen Protagonisten), man musste sie sich aber auch leisten können, was wiederum ein Schlaglicht auf den sozialen Hintergrund der Akteure wirft. Deren Väter waren in der Lage, Pokale zu stiften oder Grundstücke als Sportplätze zur Verfügung zu stellen.[25]
Unter diesen Vorzeichen griffen die Bayern direkt auf britische Expertise zurück: Die Namen der ab 1908 tätigen Trainer lauteten Taylor, Hoerr, Griffiths und Townley.[26] Zudem hatte Bayern 1910 den Torhüter Karl Pekarna verpflichtet, der Erfahrung im schottischen Profifußball aufwies. Dieser Professionalisierungsschub zahlte sich schnell aus. Obwohl in Nürnberg und Fürth neue Konkurrenz heranwuchs, konnte sich der Verein 1910 und 1911 als spielstärkste Mannschaft im Königreich Bayern profilieren und stellte vor dem Ersten Weltkrieg drei Nationalspieler.[27] Die Erfolge trugen ihren Teil zum Wachstum des Zuschauerinteresses bei; am 19. November 1912 verfolgten 3.500 Zuschauer das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg – davon 350 mit dem Sonderzug angereiste Nürnberger.[28] Auch Bayerns Mitgliederzahlen nahmen zu: Um das Jahr 1908 gehörten bereits 300 Mitglieder dem Verein an.[29]
Damit waren die Bayern eine der größten Abteilungen des Münchner Sportclubs, dem sie am 1. Januar 1906 als Fußballsektion beigetreten waren. Der MSC gewann dadurch deutlich an Mitgliederstärke und konnte sich mit der erfolgreichsten Fußballmannschaft der Stadt schmücken. Zum Jahresende 1911 waren im MSC insgesamt 1.455 Mitglieder organisiert; 453 davon zählten sich zur Fußballabteilung. Schon die Fußballabteilung des 3.200 Mitglieder zählenden TV 1860 fiel demgegenüber mit 270 Mitgliedern deutlich ab.[30] Die Bayern schlossen sich dem MSC aus finanziellen und infrastrukturellen Gründen an: Die Verfügbarkeit eines Trainingsplatzes, aber noch viel mehr eines geeigneten Ortes für zuschauerträchtige Spiele vermochte ganz konkret über die Zukunft eines Fußballklubs zu entscheiden. Wer zu einem etablierten Verein gehörte, konnte auf dessen Strukturen zurückgreifen. So spielten die Mannschaften des TV 1860 und des MTV jeweils vor einer überdachten Tribüne. Dem FC Bayern eröffnete der Beitritt zum MSC eine wesentlich bessere Ausgangsposition für die Schaffung einer solchen Anlage. Bereits am 15. September 1907 wurde sie nach kurzer Bauzeit an der äußeren Leopoldstraße eingeweiht.[31]
Mit dem Beitritt zum MSC verschmolzen zwei Sportvereine, deren beider Basis aus einem bürgerlichen Publikum bestand; mehr noch als bei den Bayern dürfte das durchschnittliche MSC-Mitglied gutsituiert gewesen sein, schließlich bot der Mehrspartenverein Sportarten wie Tennis und Hockey an, die mehr soziales Distinktionspotenzial als der Fußball versprachen, und leistete sich Klubräume im Hotel Vier Jahreszeiten. Die Fußballabteilung (FA) behielt ihren Namen »Bayern« und eine gewisse Autonomie, spielte aber statt in Blau-Weiß fortan in weißem Hemd und roter Hose – den Farben des MSC, die sich auch in der Bezeichnung »Rothosen« niederschlugen.[32]
Die Abteilung wurde durch einen gewählten Vorstand vertreten. Es ist also anzunehmen, dass die handelnden Personen Positionen und Wertvorstellungen verkörperten, mit denen sich eine Mehrheit der Mitglieder identifizieren konnte. Wer war es nun, der die Geschicke der FA Bayern bis 1919 bestimmte? Zwei Aspekte fallen beim Blick auf die personelle Zusammensetzung des Vorstands auf: Erstens war sie zwischen dem Beitritt zum MSC und dem Beginn des Ersten Weltkriegs bemerkenswert stabil. Zweitens befanden sich unter den überlieferten Namen mehrere Personen, die auch zur Zeit der Weimarer Republik oder noch nach 1933 dem Verein verbunden blieben. Ausgerechnet im Fall des ersten Vorsitzenden ist diese Kontinuitätslinie abgeschnitten. Unter Angelo Knorr erlebte die FA Bayern zwischen 1907 und 1913 ihre bis dahin erfolgreichsten Jahre, steigende Mitgliederzahlen und einen strukturellen Professionalisierungsschub. Knorr trat plötzlich zurück, als er wegen seiner Homosexualität ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet. Er kam zwar gegen eine hohe Kaution aus der Untersuchungshaft frei, verließ München jedoch kurz darauf.[33]
Seine Vorstandskollegen aber blieben: Hans Tusch, Knorrs Stellvertreter, trieb gemeinsam mit diesem früh die Vernetzung in den Sportverbänden voran.[34] Er übernahm 1915 für einige Monate das Präsidentenamt und war ein geachtetes Mitglied.[35] Als Tusch 1939 überraschend verstarb, würdigte die Sportpresse den ehemaligen Journalisten der Münchner Neuesten Nachrichten (MNN) insbesondere als langjährigen Gauvorsitzenden des Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV).[36] In der Vorstandschaft der FA Bayern wirkten vor 1919 in verschiedenen Funktionen auch der eingangs zitierte Dunn, der es bis 1921 auf drei kurze Amtszeiten als Bayern-Präsident brachte, und Kurt Landauer, die wohl bekannteste Figur der Klubgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[37] Schließlich gehörte Siegfried Herrmann, dessen Rolle während der NS-Zeit umstritten ist, als Jugendleiter ebenso zum Vorstand wie Leopold Moskowitz als Kassier, der dem Verein als Sponsor treu blieb und 1939 nach New York emigrieren musste.[38] Mit ihnen am Sitzungstisch saß das frühere Verteidigerpaar Robert Lecke und Hans Bermühler – Lecke war Mitbegründer der Skiabteilung, die wiederholt als Keimzelle der Nazifizierung des FC Bayern apostrophiert worden ist, während Bermühler sich nach 1945 über die Wiederaufnahme von Nationalsozialisten entrüstete.[39]
Klubraum des MSC im Hotel »Vier Jahreszeiten«, Tribüne an der Leopoldstraße
Was mit Blick auf diese Funktionäre zunächst ins Auge fällt, ist ihr Alter: Sie waren, sieht man von Dunn ab, am Vorabend des Ersten Weltkriegs um die 30 Jahre alt.[40] Damit ist einerseits eine Bedingung für die beobachteten personellen Kontinuitäten benannt, denn in der Regel reichten ihre Lebensdaten über mehrere politische Zäsuren im Untersuchungszeitraum hinaus. Andererseits lenken sie den Blick auf einen generationellen Aspekt, unter dem die Durchsetzung des Fußballspiels als Freizeitgestaltung ebenfalls betrachtet werden kann: Als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins Jugendlicher gegenüber dem bis dahin gültigen Leitbild des gereiften Mannes als zentralem gesellschaftlichen Einzelakteur – der für den Sport in vielen Fällen nur ein Kopfschütteln übrighatte. Nicht zufällig stellten die damaligen Protagonisten den Fußball in der Rückschau als Innovation dar, als Sache der Jugendlichen, die es im »Kampf gegen die sportfeindlichen Behörden« zu verteidigen galt.[41]
Gleichzeitig finden sich in Landauer und Moskowitz zwei Funktionäre jüdischer Konfession. »Bayern Munich FC mainly owes its existence to two Jewish soccer enthusiasts, young men of high intelligence and great organizational talent«, konstatierte bereits Heiner Gillmeister mit Blick auf Pollack und Manning, stellte aber im gleichen Atemzug fest, dass dies im europäischen Vergleich keine Ausnahme bilde.[42] In seinem Fokus auf das Leistungsprinzip, seiner Rolle als moderner, individualistischer und selbstbestimmter Gegenentwurf zum Turnen oder in seinem zeitweiligen Ruf als Sport intellektueller und kreativer Kreise lassen sich Momente erblicken, die zur Attraktivität des Fußballs für die oft jungen und gut ausgebildeten jüdischen Mitglieder der Sportvereine beitrugen.[43] Das Fußballspiel war sportlicher Ausweis der Industriegesellschaft, einer »neuen Zeit«, deren Dynamiken die aufstiegsorientierte Minderheit mit weniger Vorbehalten begegnete als viele Zeitgenossen. In den Gruppen, die um 1900 als überdurchschnittlich sportaffin gelten konnten, waren jüdische Deutsche überrepräsentiert: Unter ihnen war die Quote der höheren Schulabschlüsse höher, sie waren unter Akademikern häufiger vertreten und verfügten daher über ein höheres Durchschnittseinkommen.[44]
Selbst wenn sich die Gründung von Nationalverbänden als eine zunehmende Orientierung auf den Nationalstaat interpretieren lässt, ist am Lebenslauf vieler Fußballpioniere, an der Zusammensetzung der ersten Mannschaften und an der Wertschätzung des grenzüberschreitenden Spielverkehrs ein internationaler Charakterzug des frühen Fußballs abzulesen.[45] Dieser war unterschiedlich ausgeprägt, entfaltete aber sicher eine integrativere Wirkung als die antisemitischen Traditionen der Deutschen Turnerschaft.[46] Die Mitgliedschaft in einem Fußballclub und das Spielen in einer Mannschaft sind demnach auch als vergleichsweise leicht erreichbare Eintrittskarten für eine mit nichtjüdischen Deutschen erlebte Gemeinschaft aufzufassen; sie eröffneten die Möglichkeit, »nicht nur wie die anderen, sondern auch mit den anderen [zu] leben«.[47]
Häufige internationale Kontakte waren auch für den FC Bayern typisch.[48] An einem europäischen Pokalwettbewerb nahmen deutsche Mannschaften bis 1945 nicht teil. Umso mehr Zuschauer und Prestige versprachen jedoch die Freundschaftsspiele, von denen Bayern schon aus geographischen Gründen viele gegen Teams aus der Schweiz und der Habsburgermonarchie bestritt.[49] Insgesamt 50 absolvierte der Klub bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, demnach war fast jede siebte Partie eine internationale. Diese Spiele dienten aber nicht nur sportlichem Kräftemessen und fußballtaktischer Weiterbildung durch das intensive Studium der gegnerischen Spielweise. Ob die Bayern ins Ausland fuhren oder selbst internationale Gäste in München empfingen, stets war es an den Gastgebern, den Aufenthalt als Bildungsreise zu gestalten und für die Abendgestaltung – oft in Form eines Banketts zu Ehren der Gäste – Sorge zu tragen.[50]
Ohnehin waren es, abgesehen vom Spielfeld, Orte organisierter Geselligkeit, an denen sich Bayern-Mitglieder versammelten. Dabei konnte es sich um Faschingsbälle oder eine als alpenländisches Trachtenfest gewandete »Tanzgaudi« handeln, in »Festkneipen« wiederum ahmten sie Gebräuche korporierter Studenten nach, was unter den Klubs des Kaiserreichs keine Ausnahme darstellte.[51] Vielmehr fand sich in deren Auftreten nicht selten ein »Sammelsurium mehr oder weniger schlecht kopierter und inkonsequent verwendeter Zitate aus der bürgerlichen Kultur«.[52] Dennoch offerierten diese Versatzstücke die Gelegenheit, den eigenen sozialen Status zu definieren und aufzuwerten; das galt für Angestellte, die sich oft hinter den in Klubs eingeschriebenen »Kaufleuten« verbargen, aber auch für Studenten oder Absolventen technischer Hochschulen, die angesichts der rasant gestiegenen Studierendenzahlen nach Distinktion und Selbstvergewisserung suchten.[53]
Dass Letztere bei den Bayern-»Kneipen« das Glas erhoben, kann als gesichert angesehen werden. Als sich am 8. Dezember 1912 die Fußballmannschaften des Polytechnikums und der Tierärztlichen Hochschule gegenüberstanden, wirkten beim Polytechnikum vier Bayernspieler, auf der Gegenseite ein weiterer mit.[54] Dass Fred Dunn erst 1908 dem FC Bayern beitrat, mochte indes einen handfesten Grund haben: Bis dahin war es nur Inhabern der prestigeträchtigen Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung gestattet, dem Klub anzugehören. Dabei handelte es sich um Absolventen eines Gymnasiums oder einer Realschule, die es sich obendrein leisten konnten, Einkleidung und Verpflegung während des Wehrdienstes aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Sie leisteten verkürzt Dienst und verließen die Kaserne in der Regel als Reserveoffiziere.[55] Dunn aber hätte als gebürtiger US-Amerikaner wohl kaum das Einjährigen-Diplom für die bayerische Armee erhalten. Die Abschaffung dieser Zugangshürde fiel in die Amtszeit Knorrs, der manche Öffnung anstieß.[56] Generell hemmte jedoch die soziale Exklusivität des Fußballs dessen Entwicklung im Kaiserreich.[57] Ein Geschehen wie beim 1. FC Nürnberg, der 1905 den talentierten Lehrling Ludwig Philipp anwarb, um damit die eigene Spielstärke zu heben, wäre beim FC Bayern noch undenkbar gewesen.[58]
»Unter diesen Verhältnissen darf es kein Wunder nehmen, wenn der F.C. Bayern als ›Protzenklub‹ von Anfang an verschrieen, aber auch allgemein geachtet war«, stellte die Festschrift zum 25-jährigen Vereinsjubiläum mit Blick auf das Kaiserreich fest und nannte Studenten, Künstler und Kaufleute als tragende Gruppen.[59] Sieht man allerdings vom Erfordernis des »Einjährigen« bis 1908 ab, waren die Sozialstruktur der ersten Mitglieder und ihr Auftreten für den frühen Fußball in Deutschland nicht außergewöhnlich. Eine Popularisierung und Kommerzialisierung, schließlich die Aneignung des Fußballs durch die Arbeiterklasse, wie sie in England bereits erfolgt war, blieb im Deutschen Reich bis 1914 aus.[60] Bayern mochte daher für einzelne Münchner Konkurrenten, nicht aber relativ zur Gesamtheit der Sportler gesehen als ein ungewöhnlich »protziger« Klub erscheinen.[61] Die Konstruktion einer solchen Zuschreibung ist auch kein Münchner Spezifikum: In Freiburg begründete der FV 04 – ein Vorgänger des SC Freiburg – im Jahr 1906 seinen Anspruch auf einen städtischen Sportplatz mit dem Anliegen, »auch Nichtakademikern Gelegenheit zur Pflege des Fußballsports zu geben«, und grenzte sich damit unverhohlen vom Freiburger FC ab.[62] Dabei ist zu bedenken, dass umgekehrt auch im Ruf des »Protzenklubs« eine informelle Zugangshürde (weiter-)bestehen konnte, die etwa dazu beitrug, dass in der Jugend der Bayern noch 1912 wenige Lehrlinge spielten.[63] Das markierte aber ebenfalls keine Ausnahme: Noch 1910 waren fast drei Viertel der im DFB organisierten Schüler solche einer höheren Schule; nur ein Zehntel von ihnen besuchte eine Volksschule, an der vor allem Handwerker oder Arbeiter ihre Kinder einschrieben.[64] Und auch andere Vereine griffen in dieser Hinsicht nur schleppend über ihr angestammtes Milieu hinaus.[65]
Die bürgerlichen Konturen des FC Bayern traten demnach deutlich zutage. »Bürgerlich« ist im Anschluss an Jürgen Kocka allerdings weniger wirtschaftlich als kulturell zu verstehen, denn auch innerhalb des Klubs dürften sich die ökonomischen Möglichkeiten der Sprösslinge des Ofenfabrikanten Wamsler und anderer Mitglieder beträchtlich unterschieden haben.[66] Dennoch wanden Moralnormen, Kulturideale oder neuhumanistisches Bildungsverständnis »ein alle Gruppen umspannendes und einigendes Band, das es erlaubt, von diesen Gruppen insgesamt als Bürgertum zu sprechen«.[67] Ein Münchner Charakteristikum ist in dieser Hinsicht, dass in der spät industrialisierten »Musenstadt« um 1900 rund 4.000 Haushalte von der Kunstproduktion leben und sich selbst zum Bürgertum zählen konnten.[68] Dass in diesem »Hauptort der kulturellen Moderne« auch zahlreiche Künstler zum Sport fanden, muss nicht verwundern, zumal ihm selbst der Ruf des Modernen vorauseilte und denen attraktiv erschien, die innerhalb des Bürgertums nach neuen Identifikationsangeboten suchten.[69] Das Zentrum des künstlerischen Lebens lässt sich im Wortsinne verorten – in Schwabing, dessen Name seither weniger für den geographisch definierten Stadtteil und mehr für ein Lebensgefühl und eine vielgestaltige Szene aus Malern, Literaten und Bohémiens steht, die sich in Cafés, Ateliers, Weinlokalen oder privaten Salons trafen. Die Etiketten »Schwabinger Club« und »Künstler-Klub«, mit denen der FC Bayern in jüngster Zeit (wieder) bedacht worden ist, stehen demnach in einem engen Zusammenhang.[70]
»Schwabing« versinnbildlicht charakteristische Strömungen des Fin de Siècle im ausgehenden Kaiserreich, Radikalität und Heterogenität der Kunst und ihre Suche nach Ausdrucksformen. Konfrontiert mit tatsächlichen oder empfundenen Krisen der Industriegesellschaft vollzogen sich Hinwendungen zu reiner Ästhetik, Jugend oder Natürlichkeit, gerieten Einfachheit oder Genialität zu Leitmotiven, während man dem etablierten Bürgertum Kompromisse mit den Zumutungen der Massengesellschaft vorwarf.[71] »Schwabing« aber war nicht nur liberal, anarchistisch oder Zufluchtsstätte für Revolutionäre – es konnte auch antiaufklärerische und antimoderne Züge tragen.[72]
