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Weil er sich selbst beim Lottospielen erwischt und seine Ein- samkeit realisiert, entwendet Lukas frustriert den alten Kadett seiner Oma und ist schon bald mit dem sonderbaren Kev, der ausgerissenen Linda und seiner schüchternen Blase unter- wegs – unter anderem in einem Dorf in Bayern. Auch Klaus bricht auf und lässt in einem kathartischen Akt sein geliebtes Klavier hinter sich. Er gesteht der Bäckereifachverkäuferin Frau Hase seine Liebe und fliegt mit ihr nach Portugal, wo sie ihre Vergangenheit überholen möchte. Gemeinsam schaffen es die beiden bis nach Berlin, wo alles explodiert.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2024
Matthias Rinke
Mittelmaß und Mittelstrahl
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Schwarz
Leergut
Play
Kreuze
Wände
Los
Heiermann
Omma
Dunkel
Hall
Mutterschiff
Pogo
Rauschen
Garagenfahrzeug
Holzsplitter
Unten
Bodenkontrolle
Wut
Aufbocken
Containern
Aussparung
Angeschnallt
Meister
Winter
Raus
Spüren
Papiermengen
Frosch
Rehaugen
Glitzer
Bockwurstaquarium
Hunger
Haken
Testballon
Abwärts
Kürbiskerne
Rasten
Ungetränk
Herdentiere
Grün
Schlingern
Zielen
Seeheim
Portoprofi
Sauerei
Frikadöse
Alvaro
Oberwasser
Katzenjammer
Schwer
Expertin
Panik
Bierhelm
Koteletten
Magie
Elend
Tischdecke
Anpfiff
Katerstimmung
Briefmarken
Schaltzentrale
Knietief
Katzenkratzbaum
Angstbude
Kriechen
Longdrinks
Domino
Altholz
Schlüssel
Drachen
Spatenstich
Licht
Sprudel
Gleich
Impressum neobooks
Matthias Rinke
Mittelmaß und Mittelstrahl
Vielen Dank an Anni, Jo und an den
professionellen Hobby-Lektor Wiens
Das Buch
Weil er sich selbst beim Lottospielen erwischt und seine Einsamkeit realisiert, entwendet Lukas frustriert den alten Kadett seiner Oma und ist schon bald mit dem sonderbaren Kev, der ausgerissenen Linda und seiner schüchternen Blase unterwegs – unter anderem in einem Dorf in Bayern. Auch Klaus bricht auf und lässt in einem kathartischen Akt sein geliebtes Klavier hinter sich. Er gesteht der Bäckereifachverkäuferin Frau Hase seine Liebe und fliegt mit ihr nach Portugal, wo sie ihre Vergangenheit überholen möchte. Gemeinsam schaffen es die beiden bis nach Berlin, wo alles explodiert.
Mittelmaß und Mittelstrahl ist mehr als ein doppelter Roadtrip, weil beide Abenteuer mehr verbergen als man auf den ersten Blick erkennt.
Der Autor
Matthias Rinke, 1980 in Schwerte geboren, schreibt (unter seinem Familiennamen Möde) seit fast 20 Jahren vor allem über Musik und hauptsächlich für die Magazine VISIONS und MINT. Sein zweiter Roman erscheint noch in diesem Jahrzehnt.
Matthias Rinke
Mittelmaß
und Mittelstrahl
Roman
Impressum
Text: © 2023 Matthias Rinke
Umschlag: © 2023 Annika Rinke
Foto: © 2023 Matthias Rinke
Verantwortlich für den Inhalt:
Matthias Rinke
Kampmannstr. 9
44799 Bochum
Kontakt:
instagram.com/iammmnotbatman
Druck:
epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Bereits im dritten Takt brach Klaus ab und ließ seine Hände auf die Tasten sacken, als wären sie aus Hefeteig, seine Körperspannung war kaum mehr als solche zu bezeichnen. Das Klavier seufzte kurz und laut auf. Seine Finger hatten Note für Note perfekt gespielt, das Desaster lag trotzdem auf der Hand: Die Kreisfluss-Sonate verlor ihren Zauber. Bereits zum dritten Mal in Folge gab ihm die funkelnde Melodie nicht den nötigen emotionalen Schub, der ihn sonst stets wie ein Blitz in Zeitlupe durchfuhr, wenn er die 1832 von Aurelius Bent komponierte Sonate mit Inbrunst spielte. Vorgestern Nacht hatte er es immerhin noch bis zur öffnenden Passage im neunten Takt geschafft, heute loderte kaum mehr ein Flämmchen. Dieses Stück am Klavier seines Onkels spielen zu können, zog ihn seit Jahren aus dem Wasser, wenn die lauwarme Wanne des Lebens mal wieder bis zum Hals gefüllt war. Nun war dieser Rettungsanker auch noch abhandengekommen.
Seinen seit Wochen schlechten und stets schlechter werdenden Zustand konnte er weder auf eine Midlife-Crisis noch auf eine Winterdepression schieben, auch wenn sich zum zweiten Mal in diesem Jahr Schnee auf seinem Balkon breit machte. Er klappte das Klavier vorsichtig zu, atmete tief durch, stand auf und blickte auf das gegenüberliegende Regal. So verharrte er, vielleicht zwei, vielleicht zehn, vielleicht 20 Minuten. Er wusste es nicht genau, als er sich endlich um das Klavier herum auf das Regal zubewegte.
Er ließ die Bücher links liegen, von denen sich über die Jahre einige Hundert angesammelt hatten, zahlreiche Biografien und Musiktheorie, Gedichtbände, ein paar Bücher von Dostojewski, Schiller und anderen vermeintlich wichtigen Autoren, die er doch nur selten oder gar nicht gelesen hatte. Das dekorativ gebundene und in den USA veröffentlichte Hesse-Werk Demian fiel ihm ins Auge, doch er ließ davon ab, ging auf die Schallplatten zu, von denen er noch ein paar mehr als Bücher besaß.
Wie immer in den letzten Wochen und Monaten blieb er bei der gleichen LP hängen. Er zog sie aus dem Regal und sah sich das Cover an, dessen Dunkelheit durch ein Prisma gebrochen wurde, das einen Lichtstrahl in Regenbogenfarben zerlegte. Er wog die Platte in den Händen hin und her, als wartete er darauf, dass sich etwas auf dem Cover ändern würde, wie bei einem 3D-Bild. Es tat sich nichts, aber er fand sich in den wenigen bunten Strahlen, im fahlen Licht und vor allem in der Menge an Schwarz wieder. In diesen Nuancen hatte er das Album vor rund 40 Jahren unfreiwillig kennen, schätzen und fürchten gelernt.
Lukas stieg die verbrauchte Luft zu Kopf. Die schlecht verputzten Wände rochen noch immer nach kaltem Rauch, obwohl keiner von ihnen in den knapp vier Jahren, die sie nun hier wohnten, jemals geraucht hatte. Vermutlich hatten sie die Wohnung einfach nie genug mit Leben gefüllt, um den Geruch und das Wesen der Vormieter zu verdrängen. Und die reinlichste WG waren sie auch nie gewesen.
»Du weißt, in welche Richtung sich das alles noch entwickeln kann und wie schlecht dieses Internet auch für einzelne Menschen sein kann«, sagte Lukas sanft und beschwichtigend, nachdem er das zuvor einseitig verlaufene Gespräch mit einem wütenden Aufschrei unabsichtlich beendet hatte. Karmen war auf ihrem schwarzen Schreibtischstuhl erstarrt: gerader Rücken, die Hände im Schoß ihrer schwarzen, enganliegenden Jogginghose und versteinerte Miene.
Ihre kleinen braunen Augen blickten in die nicht vorhandene Ferne. Sie sah wie immer blass aus, was vielleicht auch daran lag, dass sie stets schwarz gekleidet war. Lediglich ihr weiter Kapuzenpullover setzte mit einem dünnen roten Streifen einen Farbakzent. Lukas wich einen kleinen Schritt zurück und setzte sich auf die Lehne des Sofas, das an der fahrig und farbig gestrichenen Wand stand.
Er rieb sich mit den Händen durch Augen und Gesicht, atmete schwer aus und langsam ein. Karmen schwieg, ihr drehbarer Schreibtischstuhl bewegte sich leicht hin und her. Auch wenn Lukas die langen Momente der Stille zwischen ihnen kannte, kam ihm dieser besonders intensiv vor. Er war der Verzweiflung nahe, das hatte er nicht nur geträumt oder gespürt. Er wusste es. Wie er es sich oder anderen erklären konnte, wusste er hingegen noch nicht.
Es Karmen zu erklären, machte wenig Sinn. Die Aussicht auf eine spürbare Rückmeldung wäre wahrscheinlich vielver-sprechender, wenn er es lauthals aus dem Fenster brüllen würde – und sei es nur ein wütender Schrei oder ein Flaschenwurf. Er stand auf, ging nervös in Richtung Fenster und drückte sich mit beiden Händen von der Fensterbank ab. Seine Füße schwebten kurz über dem Boden, dann ließ er sie wieder sinken und drehte sich zu Karmen um.
»Du schreibst Programme für alles Mögliche, da wirst du doch irgendwie auch das Internet lahmlegen können«, sagte Lukas vorwurfsvoll. Er schwieg wieder, um sich zu beruhigen. Er wusste, dass es seine ohnehin nur noch minimalen Chancen steigern würde, wenn er freundlich fragte: »Kann man da denn nicht irgendetwas machen?« Es war ihm nur halbwegs gelungen, seine Frage freundlich und besonnen zu formulieren. Er verlagerte sein Gewicht langsam von einem Fuß auf den anderen, während Karmen weiterhin schweigend verharrte, die Hände im Schoß gefaltet.
Lukas‘ Wut auf das Internet war persönlicher Natur und wenig rational begründet. Sie richtete sich gegen die ignorante Dummheit der Menschheit, die Lukas immer wieder feststellte, aber auch gegen die negativen Erfahrungen, die er persönlich gemacht hatte – sie alle projizierten sich für ihn auf das zu mächtige Internet. Man müsse und sollte etwas dagegen tun – Lukas‘ Gedanken setzten zum nächsten Sprung an, doch er konnte sie und sich noch bremsen. Karmen hatte ihre Antwort zwar nicht ausgesprochen, doch Lukas verstand und zog sich lautlos aus ihrem Zimmer zurück. Im Flur hörte er noch das leise Brummen ihres Computers und das Knirschen, mit dem ihre Tür ins Schloss fiel.
Er ging in die Küche, steckte eine alte Brotschreibe in den Toaster und öffnete den Kühlschrank, um die Butter herauszuholen – die einzige Option, die die Kühlfächer boten, um das alte Brot etwas schmackhafter zu machen. In der Zeit ihres gemeinsamen WG-Lebens hatte sich Karmen immer mehr zum Nerd-Prototypen entwickelt, mit Kaffeemaschine neben dem Computer und Verschwörungstheorien. Noch vor zwei Wochen hatte sie sich parallel zu ihrem Großprojekt – ein Programm, das anhand weniger Informationen einen Menschen auf seine Einzigartigkeit überprüfen und mögliche Doppelgänger finden soll – einem kurzweiligen Spaß gewidmet, bei dem Lukas eine entscheidende Rolle gespielt hatte.
In geheimer Mission zapften sie gemeinsam einen Pfandautomaten in einem Supermarkt am anderen Ende der Innenstadt an und nahmen ihm mit den 27 leeren Flaschen vom WG-Balkon die 270 kalkulierten Euro ab, gestückelt in zehn Pfandscheine mit unterschiedlich krummen Beträgen. Von zwei Pfandscheinen gingen sie in der Pizzeria an der Ecke essen, der einzige Laden, den Karmen neben dem Supermarkt regelmäßig betrat. Die anderen Scheine schenkten sie einem Obdachlosen, der sein Lager zwei Straßen weiter hatte.
Mit Brot und Butterfingern ging Lukas in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch und weckte seinen Computer aus dem Ruhezustand.
Er hielt das Cover mit gestreckten Armen vor sich, als müsste er einen Sicherheitsabstand wahren, drehte sich um die eigene Achse und blickte in seine helle, größtenteils geflieste Eigentumswohnung. Er musterte das Klavier, die Notenhefte, die sich auf dem Boden stapelten, die Bücher und Schallplatten im Regal, die Ledercouch und den davor liegenden Teppich, den Schreibtisch, auf dem das unkreative Chaos seit Monaten herrschte, die kleine Einbauküche und den Treppenaufgang in die zweite Dachgeschossetage. Vor der Haustür stand sein Kleinwagen des gehobenen Preissegments, keine zwei Jahre alt, die Nachbarschaft bestand aus Akademikerfamilien, gut betuchten Rentnern und Mittelstandsmenschen zusammen.
Von außen betrachtet, hatte er es hierhergeschafft, aber wie es sich hier drinnen, eingepfercht in den eigenen vier Wänden anfühlte, wusste nur er, auch wenn er gar nicht so genau festmachen konnte, was ihn einengte. Sein Blick verweilte auf dem Rahmen über dem Plattenspieler, von hier aus konnte er es kaum lesen, aber er wusste, dass es dort steht, Schwarz auf Weiß: »Klaus Kleiber – Klee sammeln in Moll«. Sein einziges, eigens komponiertes und abgeschlossenes Klavierstück, von einem kleinen Label in geringer Stückzahl veröffentlicht. Kurz danach war es sogar mal bei einem lokalen Radiosender gespielt worden. Er hatte seine Liebsten und Freunde vorab informiert und zu diesem Zweck drei E-Mails geschrieben.
Nach den geringen Erfolgen bei Musikwettbewerben und Mädchen, dem gerade so bestandenen Abitur und dem nicht ansatzweise absolvierten Studium sollte dieser Erfolg endlich die Auszeichnung sein, mit der er sich vor sich, seiner Mutter und seinen wenigen Freunden beweisen könnte, um sich besser und wertgeschätzter zu fühlen. Dabei wusste er den eigenen Erfolg selbst am besten einzuschätzen: Solch grandiose Kompositionen wie die allseits gelobte und von ihm vergötterte Kreisfluss-Sonate waren Lichtjahre von seiner eigenen entfernt. Das Hoch hielt also nur kurz an, im Rückblick grenzte es an Ironie, es überhaupt als solches zu bezeichnen.
Seine eigene Komposition klang derart minderwertig für ihn, er hatte sie schon bei ihrer Veröffentlichung nicht mehr hören können und dies seitdem auch nicht mehr getan. Wenn ihn jemand darauf ansprach, reagierte er stets einsilbig und lenkte schnell vom Thema ab. 14 Jahre lang hatte er sich nun schon nicht mehr auf seine einstige Errungenschaft eingelassen, um sie nicht als die Schmach zu erleben, für die er sie hielt. Nur eine Platte hatte er ganz sicher länger nicht gehört, obwohl sie ihn einst unfreiwillig an die Musik herangeführt und damit auch für seine Klavierleidenschaft gesorgt hatte.
Sein Blick wanderte zum Plattenspieler, zu seinen Händen, die leicht bebten, als würden sie jeden Moment beginnen zu zittern. Sie ahnten, was er bereits wusste: Heute würde er das Pink-Floyd-Album Dark Side Of The Moon zum ersten Mal seit etwa 40 Jahren bewusst hören und damit all die Erinnerungen wecken, die sich vor allem um seinen Vater drehten, von dem er die Platte nach dessen frühen Tod geerbt hatte.
Beim Ankreuzen der letzten Zahl warf Lukas eine plötzlich aufkeimende Erinnerung aus der Bahn, er drückte sich mit den Händen von der Schreibtischkante ab, sodass sein Bürostuhl rückwärts über den verkratzten PVC-Boden rollte. »Wer Lotto spielt, ist vollkommen verzweifelt und am Ende«, hatte er so oft gedacht und gesagt und gegenüber anderen gepredigt. Der Sachverhalt war schon immer klar: Auf der einen Seite die Lotterie, die mit kaltem Kalkül bei jeder Ziehung gewinnt. Auf der anderen Seite die Lottospieler, die sich zum Großteil nicht durch die verlogene Champagner- und Luxusleben-Werbung anlocken lassen, sondern durch Verzweiflung. Pure Verzweiflung. Durch den immer wieder aufkeimenden Wunsch, der Monotonie des Hamsterrades zu entkommen, das immer häufiger ins Stocken gerät, je mehr es sich drehen muss.
Was genau Lukas letztlich dazu veranlasst hatte, sich auf der Lotto-Website zu registrieren und den ersten Lottoschein seines Lebens auszufüllen, wusste er nicht genau. Jedenfalls hatte er seinen Lottoschein fast fertig ausgefüllt – online. Wie neu und wie leicht das war. Und wie eindeutig: Er war verzweifelt. Vollkommen. Seine eigene Logik und Prophezeiung machten diesen Fakt unumstößlich. Immerhin war er nicht in einen Zeitschriftenladen gegangen, in dem man Lotto analog spielen konnte, mit Zettel und Stift. Und vor allem mit der unangenehmen Offenbarung gegenüber den Mitarbeitern und anderen Kunden: Seht her – mein Leben taugt ohne ein paar schwarze Nullen mehr auf dem Konto nicht mehr. Immerhin das, dachte er.
Er saß zuhause an seinem Computer und setzte zwar nicht völlig anonym seine sechs Kreuze des Unglücks, war in dieser peinlichen Situation aber immerhin unbeobachtet – sofern niemand seinen PC angezapft hatte. Erst letzte Woche hatte Karmen ihm noch einen Vortrag über Spy-Software, die NSA und uns bevorstehende Cyber-Kriege gehalten. Wie immer hatte sie dabei auf ihre Bildschirme gestarrt und kryptische Befehle in ihre Tastatur getippt. Lukas drehte sich auf seinem Schreibtischstuhl langsam und vorsichtig zur Tür um, sie war geschlossen und er erleichtert. Karmen hatte ihn bei seinem armseligen Versuch, an einem aussichtslosen Glücksspiel teilzunehmen, nicht beobachtet – es sei denn, sie hatte seinen PC ausspioniert.
Lukas verwarf den Gedanken schnell wieder, notierte sich seine sechs Glückszahlen, den Code des Scheiterns, schnell mit einem Kugelschreiber auf einem angerissenen Zettel – 7, 13, 23, 36, 47, 49 – und hielt sich gedanklich an der geschlossenen Tür fest. Ein paar Mal hatte er diese in ähnlich unangenehmen Situationen offenstehen lassen. Etwa als er seine eigenen Kommentare im Forum des Bundesamts für Magische Wesen – er hatte diese Institution einst durch Zufall und mit großer Freude entdeckt – laut vorgelesen und dazu affektiert geschauspielert hatte. Es waren etliche Kommentare gewesen, einer unangenehmer als der andere, und wie sich erst später herausstellte, hatte Karmen ihn dabei eine ganze Weile beobachtet.
Sie hatte ihm offenbar wie versteinert zugesehen und den typischen Karmen-Blick selbst dann nicht abgelegt, nachdem er sie entdeckt hatte. Sie guckte in solchen Situationen, von denen es in ihrer gemeinsamen WG-Zeit einige gegeben hatte, irritiert und schräg zur Seite und bekam kein Wort über die Lippen. Reden und Einfühlungsvermögen waren nicht ihre Stärke, soweit Lukas das mit seiner eingerosteten Empathie überhaupt selbst beurteilen konnte. Denn seine einstigen Stärken verkamen zuletzt eindeutig zu oft auf dem Drehstuhl mit der kaputten Lehne vor dem Computerbildschirm.
Er war 29 Jahre alt und seine sozialen Beziehungen waren in den letzten drei Jahren auf ein Minimum geschrumpft. Er sprach nicht gerne darüber und grundsätzlich ungerne über die Vergangenheit. Er dachte nicht mal gerne darüber nach. Jetzt, in diesem Moment der peinlichen und bewussten Verzweiflung, sortierten sich seine Gedanken mit einer solchen Klarheit, als würden bei Tetris nur Quadrate, die Profis nennen sie »O«, hatte Lukas mal gehört, und zu guter Letzt ein »I« vom Himmel fallen.
Die Lösung ließ sich ausnahmsweise nicht in eine Tastatur tippen, sie war viel mehr durch eine letzte Tastenkombination in Reichweite: Strg+Alt+Entf. Apfel+Q. Alles beenden und diese Kiste fürs Erste herunterfahren, mindestens so lange, bis er hier weg war. Was er mit dem Geld anstellen würde, falls er tatsächlich im Lotto gewinnen sollte, wusste er nicht. Er suchte nach einem Ausweg, den er mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit und schneller auch anders beschreiten konnte.
Er atmete tief ein. Im Sitzen würde man automatisch nur flach atmen, hatte er mal gelesen, und das wäre nicht gut, weil die Lunge nicht ausreichend belüftet würde. Oder so. Er war sich nicht sicher, hatte sich trotzdem eine Durchatempause pro Tag angewöhnt, dafür extra aufzustehen, sah er allerdings nicht ein. Auch jetzt nicht, als er die Durchatempause in vollen Zügen vollzog und seine Gedanken sammelte. Karmen! Karmen könnte ihm gleich eine doppelte Hilfe sein, er könnte seinen Computer mit ihrer Unterstützung wirklich direkt abschalten.
Lukas sog die dünne Luft seines Zimmers noch ein letztes Mal tief ein, stand auf und entfernte die Kabel von seinem PC so ruckartig wie er aufgestanden war. Den Rechner trug er abwechselnd auf Bauch und Oberschenkeln durch den Flur zu Karmens schräg gegenüberliegendem Zimmer. Ihre Tür war wie immer verschlossen, durch das milchige Glas konnte man das Flimmern ihrer Bildschirme erkennen. Karmen hatte sich schon immer im Dunklen äußerst wohl gefühlz, sie zog sich zurück und saß stundenlang, im Grunde sogar tagelang vor ihrem Computer, wo sie nur durch das Licht der Bildschirme in ihren schwarzen Klamotten zu erkennen war.
In den vier Jahren ihres WG-Lebens hatte Lukas wenig über sie erfahren, auch wenn er selbst nicht der Gesprächigste war, hatte sie sich doch so verschlossen wie nur möglich verhalten, rekapitulierte Lukas vor Karmens Tür, während der Computer immer schwerer wurde und drohte abzurutschen. Aus Karmen mehr als ein paar Wörter herauszubekommen, war oft unmöglich. Vermutlich hatte er in all der Zeit mehr mit seinen Star-Wars-Figuren als mit Karmen gesprochen, dachte er und klopfte etwas unbeholfen mit dem rechten Ellenbogen an die Tür.
Er hörte eine ruckartige Bewegung, die ihm versicherte, das Karmen das Klopfen gehört hatte. Er trat ein, Karmen saß an ihrem Computer, blickte in seine Richtung und durch ihn hindurch. Sie sagte nichts. Ihr Blick wanderte von der Wand auf den kabellosen Rechner, der sie offenbar irritierte, wie Lukas aufgrund eines Zuckens in ihrem Gesicht vermutete. Die Jalousien waren geschlossen und die mit Zahlen und Zeichen gefüllten Bildschirme umhüllten Karmen mit einem schimmernden Licht. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte Lukas. »Zwei, um genau zu sein.«
Mit zittrigen Händen führte er die Nadel auf die schwarze, leicht zerkratzte Schallplatte. Wie viele Umdrehungen sie wohl schon hinter sich hatte? Mit Schätzungen und Überschlagsrechnungen versuchte er sich zu nähern, merkte aber, dass er sich damit nur ablenkte und den Moment hinauszögerte, in dem er den Startknopf drücken und die LP sich langsam anfangen würde zu drehen. Er setzte die Kopfhörer auf, die er so liebte, weil sie ihn auch ohne einen Ton von der Außenwelt abschotteten, ihm ein heimeliges Gefühl verliehen. Viel zu oft lag er mit ihnen in Embryo-Stellung auf dem Teppich vor dem Plattenspieler.
Klaus war kein geschickter Handwerker, hatte sich in tagelanger Arbeit aus Kissen und Holz aber eine Vorrichtung gebaut, mit der die breiten Ohrmuscheln des Kopfhörers beim Liegen auf dem Boden ebendiesen nicht berührten. So drückten sie nicht auf das Ohr, auf dem er lag, oder gingen nach vielfachem Gebrauch kaputt. Sie schwebten in der Luft, während der Rest des Kopfes weich gebettet war. Nach Fertigstellung seiner Erfindung, wie er sie in Gedanken noch heute nannte, hatte er den ersten Abend und die erste Nacht in Embryo-Stellung verbracht und Max Richters »Sleep« gehört, eine 24-stündige Komposition, die zum Schlafen anregen sollte. Jedes Mal, wenn er aufwachte und das Kratzen und Rauschen des Plattenspielers erkannte, drehte er die Platte um und schlief weiter.
Er rückte seine Erfindung zurecht, straffte das Kabel des Kopfhörers, drückte mit zitterndem Zeigefinger den Startknopf, zog die Beine an und legte seinen Kopf in seine Erfindung. Mit jedem Schlag des lauter werdenden Klopfens wurden seine Erinnerungen deutlicher. Im Kopfhörer ertönte das Klingeln der Kasse, der nahende Hubschrauber, die verrückte Lache und schließlich der beruhigende Rhythmus von Breathe (In The Air), zu dem die Teller und Gegenstände damals wie in Zeitlupe durch die Wohnung geflogen und die Schreie kaum noch zu erahnen gewesen waren.
»Könntest du auf meinen Computer aufpassen?«, stammelte Lukas, als plane er, Karmen ein Baby anzuvertrauen. Sie schwieg, und weil Lukas die Stille und die Gesamtsituation peinlich waren, redete er einfach weiter: »Du könntest ihn hier bei dir aufbewahren, immerhin habe ich einige wichtige Daten auf dem Rechner. Nur für den Fall.« Lukas suchte mit zuckenden Augen Blickkontakt, Karmen schaute weg und schwieg weiter. »Und wenn du mit deinem Doppelgänger-Programm fertig bist, gib mir auf jeden Fall sofort Bescheid, okay?«
Lukas wartete auf eine Antwort, auf eine Nachfrage, was um alles in der Welt er denn überhaupt vorhabe. Karmen drehte sich auf ihrem Schreibtischstuhl langsam in Richtung ihrer Bildschirme und öffnete per Shortcut ein Fenster auf dem rechten Bildschirm. Lukas kannte den Grundgedanken hinter Karmens Programm-Idee: Sie war sich sicher, dass wir Menschen gar nicht so individuell und unverwechselbar waren, wie wir immer dachten. Irgendwo auf der Welt müsse es einen Doppelgänger im Geiste geben, hatte sie ihm einst erzählt. Eine wahrscheinlich anders aussehende Kopie, mit gleichen Emotionen und Denkweisen und einer Art zu handeln, die zwangsläufig irgendwann das Gleiche durchleben würde wie man selbst. Sie war fasziniert und besessen von der Idee. Lukas immerhin fasziniert.
Mit ihrem Programm wollte Karmen es ermöglichen, einen Doppelgänger über das gerade rapide wachsende Internet aufzuspüren. Dazu klügelte sie seit etwa zwei Jahren an diversen tiefenpsychologischen Theorien, unzähligen statistischen Daten und Dingen, die Lukas nicht verstand. »Ein Doppelgänger muss weder das gleiche Alter noch Geschlecht haben, da bin ich mir nun sicher. Ich habe einen entsprechenden Algorithmus fast fertig«, holte sie für ihre Verhältnisse zu einem ausführlichen Rundumschlag aus.
»Gut«, stottere Lukas, der in diesem Moment endlich verstand, warum Karmen so viel Energie in dieses Projekt steckte. Sie erhoffte sich, ihren Doppelgänger zu finden, eine Person, die sie verstand, die ihr ähnlich war, die fühlte wie sie. Lukas hatte sie nach Jahren akzeptiert, mehr aber konnte sie nicht zulassen. Als könnte sie seine Gedanken lesen, schloss sie das Fenster am Bildschirm mit einem schnellen und festen Tastendruck wieder. Lukas knetete sich verlegen die Finger, dachte nach und konnte es dann doch nicht lassen: »Ich müsste nur noch mal schnell ins Internet und dann bin ich weg. Kann ich kurz an deinen...?« Er beugte sich vor, bereit etwas in Karmens Tastatur einzugeben. Sie wich leicht zurück, räumte ihren Platz aber keinen Zentimeter.
Lukas hätte auch zwei Straßen weiter in eines der nun wirklich nicht nach der Zukunft, geschweige denn nach Café aussehenden Internetcafés gehen können, die Möglichkeit hatte er auf dem Schirm, doch er wusste, dass Karmens heiligstes Gut ihr Computer war, und was es sie für eine Überwindung kosten musste, jemanden daran etwas machen zu lassen – und genau aus diesem Grund versuchte er es. Er wollte sehen, wie sie reagierte, auch wenn es ihm fast schon wieder leidtat.
»Ich bediene Tastatur und Maus!«, sagte Karmen ruhig, aber bestimmt. »Bist du jetzt meine Sekretärin?«, lachte Lukas gekünstelt. Also gut, dann sollte sie eben seine Assistentin auf dem Weg hier raus sein. Er diktierte Karmen die URLs zweier Foren und nach kurzem Zögern jeweils auch seinen Nutzernamen samt Passwort, sie waren jeweils identisch und ohnehin nicht länger von Wert. Zudem hätte Karmen die Passwörter sowieso herausfinden können, wenn sie gewollte hätte. Sie war zu einigem mehr fähig, als sie nach außen hin ausstrahlte, das hatte Lukas schon früh erkannt. Er wollte gar nicht wissen, an was für Programmen oder Weltplänen sie im Geheimen arbeitete.
Langsam blickte Lukas aus dem Fenster und erwischte sich selbst bei einem fernsehtauglichen Blick, der eigentlich in die Ferne schweifen sollte, aber gegenüber von der kaputten Häuserfassade gestoppt wurde. Es war in diesem Moment als beobachte er sich selbst mit einer Mischung aus Mitleid und Fremdscham, der somit eigentlich gar kein Fremdscham war. So emotionslos wie möglich diktierte er Karmen die drei Sätze, die seine letzten in den beiden Nerd-Foren bleiben sollten, in denen er so viel Zeit verbracht hatte: »Fahre morgen, am Freitag den 13., auf direktem Weg zur Hölle. Wer kommt mit? Abfahrt um 6:06 Uhr und 6 Sekunden. LU-PG-7349.«
Karmen kannte die Verschlüsselung der Koordinaten auf Basis von Hexadezimalzahlen und GC-Codes natürlich, sie sagte kein Wort, ließ sich den Ort aber gleich in einer Offline-Karte anzeigen. Die Fragen, warum Lukas morgen Richtung Hölle fahren wollte und warum er den Treffpunkt dazu ausgerechnet in Castrop-Rauxel gewählt hatte, stellte Karmen nicht, sie standen aber deutlich im Raum, während sie auf die Karte starrte und weder sich noch ihre Maus bewegte.
Lukas blickte erneut auf die gegenüberliegende Hauswand und dachte daran, wie Karmen einst unmittelbar vor der Tür zum WC gewartet hatte, während er drinnen seinem Geschäft nachkam – oder es zumindest versuchte. Das Badezimmer bestand aus zwei Teilen: einem an den Flur grenzenden Bad mit Dusche und Waschbecken und einem dahinter liegenden WC, das mit einer separaten Tür abschließbar war. Dort saß Lukas wenige Wochen nach seinem Einzug als sich die Türklinke langsam nach unten bewegte. Durch den Spalt unter der Tür konnte er erkennen, dass Karmen direkt vor der nicht gerade panzerartigen Tür stand und dort stehenblieb, nachdem sie gemerkt hatte, dass die Toilette belegt war.
Lukas verrenkte sich fast den Rücken, um festzustellen, dass sie weiterhin vor der Tür stand. Langsam und so leise wie möglich brach er sein Vorhaben ab, um die Toilette anschließend mit leichten Bauchschmerzen und ohne Worte zu verlassen. Karmen ging einen Schritt zur Seite, als Lukas die Tür öffnete. Lukas verschwand darauf schnell, aber nur kurz in seinem Zimmer und danach aus der Wohnung, um im Baumarkt ein neues Schloss für die erste, an den Flur grenzende Tür zu besorgen, die bis dahin nicht abschließbar war.
Lukas verriegelte fortan stets beide Badezimmertüren und sprach mit Karmen nie über diesen Vorfall, der für sie womöglich keiner war. Rückblickend war dieser Moment, der Lukas wie eine Ewigkeit vorkam, der erste dieser Art gewesen. Mit der Zeit kamen weitere hinzu, nicht nur in den WG-Wänden. Er wurde mehr und mehr nervös bis panisch, wenn er eine Toilette aufsuchen musste und dabei nicht allein war. In den letzten Monaten genügte es sogar schon, wenn Karmen nur in ihrem Zimmer, bei geschlossener Tür saß, damit Lukas lieber so lange einhielt, bis sie schlief, laut telefonierte (was sehr selten vorkam) oder das Haus verließ (was noch seltener vorkam).
Als er im vergangenen Frühling mit ein paar Freunden, die er seitdem nicht mehr gesehen hatte, für eine langes Wochenende campen ging, stellte er sich eine rückwärts laufende Uhr über der großen WC-Anlage vor. Die Uhr zeigte ihm an, für wie lange die WCs noch unbesetzt blieben. Er stellte sich vor, wie er die Uhr aus sicherer Entfernung beobachten würde, um erst dann in Ruhe die Toilettenanlage zu betreten, wenn sie mindestens vier bis fünf Minuten anzeigen würde. Vor wenigen Wochen hatte er auf Spiegel Online einen Artikel zur sogenannten »Schüchternen Blase« gelesen, die er offenbar auch besaß. In den folgenden Tagen tauchte der Begriff auf verschiedenen News-Seiten ebenfalls auf, wenig später tröpfelten nur noch vereinzelt Meldungen dazu herein, bis dieses Thema wieder fallen gelassen wurde. Auch Lukas’ anfängliches Begehren, gegen seine introvertierte Blase, wie er sie nannte, etwas zu unternehmen, hatte ihn recht schnell wieder verlassen. Jetzt galt es ohnehin anderes zu erledigen.
Wie so oft zuvor, dachte er darüber nach, ob die teils verstörend klingenden Songs damals wirklich verstörend oder hilfreich gewesen waren, weil sie ihn zumindest akustisch vor dem geschützt hatten, was zwischen seinen Eltern und um ihn herum mehrfach pro Woche getobt hatte. Zu einem Ergebnis kam er auch dieses Mal nicht. Die Augenblicke, in denen sich der nächste Streit oder Wutanfall heraufbeschworen hatte, waren in seiner Erinnerung nicht besonders grauenhaft, dennoch versetzten sie ihn oft in einen tranceartigen Zustand, mit dem er sogar so etwas wie Vorfreude verknüpfte, weil sein Vater ihm in so einem Moment stets die Kopfhörer übergestülpt und The Dark Side of the Moon aufgelegt hatte.
Klaus konnte die vor Wut zitternden Hände seines Vaters noch heute vor sich sehen und die Mischung aus Tabak und Schweiß riechen, sobald sich die Platte zu drehen begann. Zu den Klängen, die er seit vielen Jahren nicht mehr gehört hatte, hatte er damals allein in einer Ecke gesessen, in seiner eigenen kleinen Welt. Die einsamen, beeindruckenden und verstörenden Stunden unter den Kopfhörern hatten seine Liebe zur Musik, zur Melancholie und zur Tragik geprägt, dachte er und es durchzuckt ihn. Er streckte sich kurz und kauerte sich wieder zusammen, als die Uhren in Time anfingen zu läuten.
Sein Vater war ein cholerischer Mensch, der nach strikten Prinzipien handelte, diese zumindest vorgab und vorlebte, auch wenn er hinter dem Rücken der anderen weniger konsequent war. Der unwirklich hohe Gesang von The Great Gig In The Sky fand sein Ende, Klaus raffte sich auf, drehte die Platte um und bezog erneut Stellung auf seiner Erfindung. Er schloss die Augen und tauchte erneut in Erinnerungen ab: Um mit seinen Freunden zur Kirmes gehen zu können, hatte er es mit 14 ein einziges Mal gewagt, seinem Vater ein Fünf-Mark-Stück zu stehlen. Er hatte sich einen Wecker gestellt, um nachts die Jacke seines Vaters zu durchsuchen, die immer an der gleichen Stelle hing. Auf dicken Socken schlich er durch den Flur, fingerte den Heiermann aus der Innentasche und wollte gerade triumphierend in sein Zimmer zurückschleichen, als er über eine leere Bierflasche im Flur stolperte. Noch bevor er die Flasche wieder aufstellen konnte, stand sein Vater in Unterhemd auf dem Flur und durchschaute die Situation sofort. »Mach! Das! Nie! Wieder!«, herrschte er ihn an und ließ eine mittelharte Backpfeife folgen.
Klaus ging kleinlaut auf sein Zimmer zurück. Zu seiner Verwunderung kam sein Diebstahl in den nächsten Wochen nicht zur Sprache, doch er hatte sich zu früh gefreut, mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Am letzten April-Wochenende war die versammelte Verwandtschaft zu Besuch, um den 50. Geburtstag seiner Mutter zu feiern, es gab Kuchen und vor allem Kaffee, außerdem langweilige Gespräche im Überfluss. Er hasste diese Familienfeiern schon immer, dieses Mal wäre er aber am liebsten geflüchtet. Sein Vater hatte ihm morgens freudig ein T-Shirt überreicht und ihn dazu verdonnert, es zu tragen. Ein schwarzes Shirt mit weißem Aufdruck: »Ich bin ein Dieb!«
Im Treppenhaus roch es wie immer muffig, die gewohnte Melange aus alten Zeitungen, Schuhen und Wänden stieg Lukas heute aber ungewohnt penetrant in die Nase. »Reisen. Ja, man sollte eine Reise machen«, dachte er, um sich abzulenken. Er hatte ein paar Klamotten in seine für den großen Tag halbwegs vorbereitete Sporttasche gesteckt, dazu zwei alte Kassetten aus dem Regal gefummelt und in der Küche unbemerkt einen Teller und ein Messer entwendet, dazu einen Kaffeebecher, in den er sich etwas Kaffee aus der Maschine goss. Er dachte an seinen Opa. »Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen«, hatte er oft gesagt. Ungefragt. Opa hatte viele schlaue Sprüche auf Lager gehabt.
Etliche Abende hatte Lukas mit am oder neben oder unter dem Tisch gesessen, wenn Opa mit seinen Skat-Brüdern lauthals über halbe Brote, blinde Hühner und Soldaten gesprochen hatte. Unter dem Tisch hatte Lukas das Geräusch genossen, wenn die Karten samt knochiger Handballen nach und nach auf die Tischoberfläche geknallt waren. Manchmal hatte er dort stundenlang gesessen und sich vorgestellt, er wäre der letzte Überlebende einer grauenvollen Katastrophe – bis Opa schließlich leiernd gesagt hatte: »Lukas, Bettkarte lochen!«
Im Erdgeschoß stapelten sich unter den Briefkästen die Gratis-Wochenzeitungen und Werbeprospekte, die zum Großteil aus den Zeitungen gefallen waren, die sich besser Werbezeitungen nennen sollten, dachte Lukas. Der Anteil des redaktionellen Inhalts war im Vergleich zur enthaltenen Werbung gering und zudem meistens überflüssig. Eigentlich müsste man auf alle Briefkästen und an der Haustür Aufkleber anbringen, die den Einwurf oder das Ablegen der Werbezeitungen im Flur verbieten. Und wenn das nicht hilft: Tretminen, Heckenschützen oder Selbstschussanlagen. Die restlichen Bewohner der Goethestraße 13 sahen diesem Problem offenbar entspannter entgegen.
Lukas öffnete die Haustür, das laute Quietschen konnte den Streit auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht übertönen. Eine Frau und ein Mann standen oben im Fenster, ein zweiter, offenbar älterer Mann wild gestikulierend auf der Straße, den Blick Richtung Fenster gerichtet. Lukas hielt kurz inne, blickte rechts an den Fassaden der zweckmäßigen Bauten entlang und über den trostlosen, breiten und von Müll gesäumten Bürgersteig hinweg. Gegenüber versuchte der Mann am Fenster vergeblich, die Frau in die Wohnung zu zerren. Sie war nicht zu halten und rief dem Mann auf dem Bürgersteig, der schon im Begriff war zu gehen, etwas hinterher – sicher kein Friedensangebot. Der ältere Mann machte auf dem Absatz kehrt, verschwendete nun keinen Blick mehr an das Fenster, sondern ging mit schnellen Schritten auf die Haustür zu und klingelte, erst in kurzen Intervallen, dann durchgängig.
Lukas nippte an seinem Becher und spülte den jetzt schon lauwarmen Kaffee durch den Mund. Er liebte das Geräusch, das dabei zwischen Backen und Zähnen entstand. Er blickte in seinen Becher, ein jämmerlicher Rest Kaffee hatte es sich dort auf dem Boden bequem gemacht. Der Rest vom Rest zischte zwischen seinen Zähnen hin und her, während sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Fenster schloss und die Haustür öffnete.
Als Lukas hier angekommen war, hatte er nicht nur studieren, sondern auch leben wollen. Ankommen. Eins werden mit dieser großen Stadt und bloß kein unwirkliches Studenten-Pendler-Leben führen, wie es viele seiner ehemaligen Mitschüler und Bekannten taten. In der Woche brav studieren, mit dem Fahrrad zur Uni radeln, in der Mensa essen und sich abends mit der Lerngruppe treffen, am Freitag direkt nach der letzten Vorlesung und auf dem schnellsten Wege zurück in die Heimat, in das kleine wohlhabende Dorf, in dem die Eltern mit Frühstück, warmen Mahlzeiten und Taschengeld warteten. Nicht mit ihm – wenn schon, dann richtig. Die Abnabelung hatte für ihn unbedingt dazu gehört und war ohnehin schon viel zu spät gekommen. Dass er sich damals ausgerechnet von seiner Mutter hatte nach Dortmund chauffieren lassen, war ihm rückblickend noch peinlicher als damals, als er seine Nabelschnur vom behüteten Dorf bis durch die vernebelte und graue Hafenlandschaft hinter sich hergezogen hatte.
Die stählernen Lastenkräne, die Schiffe und im Hintergrund die Skyline Dortmunds hatten ungeschönte Großstadtromantik versprochen. Seinen dritten Abend hatte Lukas am Dortmund-Ems-Kanal verbracht, er hatte seine Füße in Richtung des undurchsichtigen und dickflüssigen Wassers baumeln lassen, während der Schall der befahrenen und nahe liegenden Brücke über das Wasser glitt. Schräg gegenüber der Lastenkran, der sich von seinem harten Arbeitstag erholt und im Rücken das aus der Landschaft ragende Industriegebäude, das aussah wie zwei riesige Ostereier. Er hatte dort mit einer halbleeren Flasche Bier gesessen – zufrieden. Nicht glücklich, aber zufrieden. Vollkommen. Geblieben war davon wenig. So wenig, dass er mit Rucksack und Kaffeebecher die nächste Bahn Richtung Hauptbahnhof nehmen wollte und nicht die Absicht hatte wieder zu kommen.
Das sich an den Schienen reibende Fahrgeräusch der einfahrenden U 47 klang vertraut, trotzdem riss es Lukas aus den Gedanken. Ich sollte vielleicht nicht so viel grübeln, dachte Lukas, als die U-Bahn in den Tunnel hinabruckelte, um ihrem Namen zumindest im oder unter dem Innenstadtbereich gerecht zu werden. Lukas schaute sich nach einem freien Sitzplatz um, blieb aber letztlich an der Tür stehen, den Rücken gegen die Glasscheibe gelehnt.
Er hatte sich in den U-Bahnen dieser Stadt, inmitten seiner Mitmenschen immer wohl gefühlt. Jetzt verspürte er Unbehagen gegenüber der nervös am Handy tippenden Mutter mit Kinderwagen, dessen Inhalt er nicht sehen, aber jammern hören konnte. Gegenüber den Studenten, die lauthals über die letzte, sicher stinklangweilige Party sprachen. Gegenüber dem verwahrlosten Mann, der durch den Gang schlurfte und mit einem kaputten Pappkaffeebecher um eine Spende bat. Gegenüber der Familie, die sich auf dem Vierersitz hinter der Glasscheibe freudig unterhielt. Gegenüber dieser Luft, die nach Mitmenschen roch und sich in diesen fahrenden Schlauch gequetscht Richtung Hauptbahnhof bewegte.
Lukas dachte an seine Mutter, die öffentliche Verkehrsmittel hasste und fast alle Wege mit dem Auto zurücklegte. Lukas hatte ihr oft genug vorgeworfen, dass sie die Welt nicht kennen würde, ja nicht mal ihre eigene Region und deren Menschen, weil sie, sobald sie eine Tür verlasse, sich in ihr Auto setze und danach die nächste Tür betrete – quasi ununterbrochen abgeschirmt von der Außenwelt. In diesem Moment konnte er seine Mutter zum ersten Mal verstehen. Wie gerne säße er jetzt schon im Auto der Mutter seiner Mutter, die Außenwelt im Rückspiegel.
Am Bahnhof verließ Lukas zügig die U-Bahn, um nicht im Mitmenschenstrom laufen zu müssen. »Es gibt ungefähr sieben Personen auf der Erde, die aussehen wie du«, verkündigte die Rubrik »Unnützes Wissen« auf einem der großen Bildschirme. Er musste an Karmen denken: Wenn es diese sieben gleich aussehenden Personen wirklich geben sollte, wie auch immer man das festgestellt haben mochte, dann könnte auch Karmen Recht behalten, und den einen Menschen finden, der genau so ist wie man selbst. Unvorstellbar, dachte Lukas, aber im Vergleich zu einem gleich aussehenden Menschen müsste der Effekt wesentlich krasser und umfassender sein.
Auf halber Strecke fing er auf der Rolltreppe an zu gehen und beschleunigte seinen Schritt. Die Treppe hinauf auf Gleis 20 nahm Lukas fast im Sprint, er eilte dem Licht und der frischen Luft entgegen, auch wenn der Zug Richtung Münsterland erst zehn Minuten später planmäßig einrollen würde. Lukas fand schnell einen Zweiersitz, den er mit großer Wahrscheinlichkeit für sich allein behalten könnte. Damit das klappte, legte er seinen Rucksack zur Hälfte auf den Sitz neben sich, zur Hälfte auf seinen linken Oberschenkel. Das sieht nicht komplett nach Platzreservierung aus, wie die unerträglichen Handtücher deutscher Touristen auf unbesetzten Liegen am Pool, schreckt die meisten Mitfahrer aber doch ab, sich ausgerechnet auf diesem halbwegs belegten Sitz niederzulassen, dachte Lukas. Schließlich gab es noch genügend Sitze, auf denen kein halber Rucksack lag. Sein Trick funktionierte, ohne dass er sich schlecht dabei fühlen musste. Durch den wenig gepflegten Norden, vorbei an Scharnhorst und Kirchderne fuhr »Der Lünener« über Preußen in Richtung der namensgebenden Stadt Lünen.
Lukas war diese Strecke in den letzten Jahren oft genug gefahren, um zu wissen, dass er die Hälfte dieser deprimierenden Tour überstanden hatte und der Höhepunkt noch folgen würde. Weil er sich an der vorbeiziehenden Landschaft schon vor Monaten satt gesehen hatte, betrachtete Lukas die Inneneinrichtung des Zuges, die in hauptsächlich grün-blauer Optik gar nicht übel war.
Auf dem Vierer vor ihm echauffierten sich zwei Frauen über einen Olympia-Teilnehmer der gestern offenbar eine Goldmedaille für Deutschland gewonnen, aber in den anschließenden Interviews kein Deutsch gesprochen hatte. Es würde ihn jedenfalls nicht wundern, wenn die beiden RTL2-und-Bild-der-Frau-verdorbenen Personen in wenigen Minuten mit ihm aussteigen würden. Als der Zug zwei Minuten später in den Bahnhof einfuhr, machte eine der beiden mit aufgeregt hoher Stimme gerade klar, wie sie sich das vorstellte, mit der Teilnahme an Olympia für Deutschland. Lukas nahm seinen Rucksack, stand auf und ging an den beiden Damen vorbei, blickte sie an und sagte seelenruhig: »Heil Hilti.«
Den Spruch hatte er neben 27 anderen auf einer Baustelle gelernt, auf der er in den Semesterferien gearbeitet und jede Menge Bier getrunken hatte. Mit einer Mischung aus Genugtuung und Unwohlsein verließ Lukas den Zug in Ascheberg. Allein der Name dieser Stadt klang so morbide, dachte Lukas, während er den zweigleisigen Bahnhof verließ. Die Stadt sei keine Stadt, sondern eine Gemeinde des Münsterlands, wie seine Oma stets betonte. Doch trotz des Grüns der Felder und Wälder empfand Lukas eine ähnliche Tristesse, wie sie auch im Dortmunder Norden herrschte. Hier wurde sie weniger durch graue Betonbauten oder herumliegenden Müll verkörpert, sondern durch die CDU-dauerregierte Langeweile und Perspektivlosigkeit, in der sich beide Orte ebenfalls ähnelten.
Lukas erinnerte sich an die Ausflüge zum Burgturm in die Nachbargemeinde Davensberg, die er mit seiner Oma unternommen hatte, an die wenigen Kneipen, die er einst alleine besucht hatte, um mehr oder weniger unbemerkt seine ersten Alkoholabstürze zu erleben, an den Alleinunterhalter samt Glitzerhemd im Flair Hotel Goldener Stern und an das jämmerliche Bonsai Zentrum am Rande der Gemeinde, das er schon zu oft mit seiner Oma besucht hatte.
Nun war Lukas dabei, seiner Oma Erika einen Besuch abzustatten. Aus einem bestimmten Grund: Er wollte sich ihr Auto ausleihen, auf unbestimmte Zeit und ohne ihre Zustimmung. Er dachte Lukas an eine Geschichte, die seine Mutter ihm gerne erzählte, wenn mal wieder unangenehme Stille zwischen ihnen herrschte: Mit etwa vier Jahren sei er gefragt worden, wie seine Oma hieße, woraufhin er nur geantwortet habe: »Omma!« Mit doppeltem »m«, wie seine Mutter danach immer betonte. Sie sei einfach Omma für ihn gewesen, mit gleichem Herz und gleicher Seele.
Der Bahnhofsweg durchquerte ein kleines Waldstück, ging vorbei an Feldern, den fünf Tennisplätzen des TC Ascheberg und den zwei Fußballplätzen des TuS Ascheberg. Sport trieb dort gerade niemand, und zumindest auf den Tennisplätzen würde sich das in naher Zukunft wohl kaum ändern, dachte Lukas. Das Durchschnittsalter des weißen Sports stieg vermutlich schon seit vielen Jahren, der kurze Boris-Becker-Steffi-Graf-Boom lag schon zu viele Jahre zurück.
Lukas legte den Weg in die T-Straßen-Sackgasse der Siedlung schneller zurück als erwartet, vermutlich weil er in seinem Kopf nach Erinnerungen kramte und immer wieder seinen Hass über die altbackenen, bald aussterbenden Gegebenheiten Aschebergs ausschüttete, die in dieser Siedlung nahe der Bundesstraße 58 gipfelten. Eine am Reißbrett konzipierte Häuseranordnung samt Spielplatz. Hier wusste jeder in jeder Minute, was die anderen machten. Wobei genau das bei den meisten Bewohnern ziemlich vorhersehbar war: Kennst du einen Tag, kennst du alle.
Rentner, die morgens die ersten an der Supermarktkasse und abends die ersten im Bett sind; Familien, die morgens die Straßen der nahegelegenen Schule blockieren und abends erschöpft vor dem Fernseher sitzen; der Verrückte aus der Sieben, der morgens trompetend im Garten steht und abends mit einer Angel auf dem Balkon sitzt. Und Omma, die sich mit der zweckmäßigen Doppelhaushälfte damals – noch mit Erwin und zu horrenden Zinsen – einen Traum erfüllt hatte, aus dem sie bis heute nicht so richtig erwacht war. In ihrem beinahe quadratischen, kleinen und eingezäunten Garten erntete sie regelmäßig Salat, Möhren und Kartoffeln. Den Rest besorgte sie im nahegelegenen Edeka. Der Hausarzt war auch nicht weit, und auf die ersten drei Programme und das Telefon mit Wählscheibe war weiterhin Verlass.
Er erwachte vom sprunghaften Rauschen in den Kopfhörern, atmete tief ein und schüttelte sich. Vorsichtig blickte er sich um –er war allein. Er lebte, auch wenn er wankte. Er schaltete den Plattenspieler aus und ging in die Küche, um einen Schluck Wasser und zwei vom Rotwein gleich hinterher zu trinken. In den Wohnhäusern gegenüber war das Licht komplett erloschen. Bestimmt 30 Parteien, dachte er, und alle schliefen. Er blickte auf die Uhr, die viel zu laut über der Küchentür tickte, es war drei Uhr nachts. 30 Parteien und trotzdem nicht eine einzige wach, dachte er und trank noch einen großen Schluck vom günstigen Roten.
In der viel zu kleinen Küche, der ansonsten schön geschnittenen Wohnung, stand noch die angefangene Flasche Pastis. Claudette liebte diesen Anis-Schnaps, leider war sie lange nicht mehr hier, weil sie weder den Schnaps noch das unkreative Chaos der Wohnung liebte – und auch ihn nicht mehr genug. Die Abende mit Claudette waren ein Rettungsanker für ihn gewesen, nicht nur, weil sie häufig im Bett geendet waren. Manchmal aber auch einsam in Embryo-Stellung auf dem Teppichboden. Er nahm die Flasche Pastis, blickte durch das grüne Glas auf den Grund und dachte nach: Mein Leben gerät seit Wochen und Monaten weiter aus den Fugen und ich sehe dabei zu. Wie in einem Traum, in dessen Geschehen man nicht eingreifen kann, so sehr man auch möchte, sich anstrengt oder schreit – es hilft nicht. Schon lange nicht mehr. Und nun traf es ihn umso mehr.
Planlos wanderte sein Blick durch den Raum und blieb am Kalender hängen. Seine Augen fixierten das schwach inszenierte Landschaftsmotiv, stellten die Daten scharf, ließen sie wieder verschwimmen, stellten scharf, ließen verschwimmen, stellten scharf und gaben den Reiz weiter: Es war sein 52. Geburtstag.
Linda knallte die Tür so heftig ins Schloss, wie sie es in den letzten zehn Jahren nicht getan hatte. Dabei hatte sie diese und so ziemlich jede andere Tür des Hauses weiß Gott unzählige Male zugeknallt – und es gab viele Türen in dem viel zu großen Einfamilienhaus ihrer Eltern, auch wenn der monströse Wohn-, Ess- und Küchenbereich offen, also ohne Türen gestaltet war. Die Auslöser waren stets vielfältig gewesen, ein paar besonders denkwürdig: Einmal erwischte ihre Mutter sie bei einem nächtlichen Fluchtversuch (nicht ihr erster), ein anderes Mal entdeckte ihr Vater sie dabei, wie sie eine Mischung aus Knoblauchöl und Ghost Pepper in seine teuren Weinflaschen injizierte. Eines Abends erwischte Linda ihre Eltern beim übertrieben durchgeführten Geschlechtsverkehr. Ihr Vater trug schwarzes Leder und Nieten, ein Anblick, den sie bis heute nicht verdrängen konnte.
Der Grund für ihre Wut und das Knallen der Türen war aber immer der gleiche: ihre Eltern, mit denen sie einfach nicht unter einem Dach leben wollte und konnte. Sie verachtete die Welt ihrer wohlhabenden, gut situierten, reinlichen Eltern. Sie wusste, dass die beiden dafür viel arbeiteten und alles für ihre einzige Tochter taten, trotzdem waren sie einfach nicht zu ertragen in ihrer Art, in ihrem Wesen – und überhaupt. Linda wehrte sich mit Händen und Füßen, mit Piercings und bunten Haaren, Ratten und Ritzen, mit strikter Verweigerung, Alkoholexzessen, schlampigem Auftreten und einem dreiwöchigen Schweigegelübde gegen diese Welt.
Am Abend vor ihrem 16. Geburtstag rasierte sie sich die schulterlangen, leicht krausen Haare ab und malte sich mit einem Filzstift ein Hakenkreuz auf den Oberarm. In ihrem schwarzen, ausgeleierten Top betrachtete sie sich im Spiegel: Ihre Schulterknochen standen hervor, ebenso die Wangenknochen, ein Überbleibsel ihrer mit 14 Jahren herbeigesehnten Magersucht, mit der sie auffallen wollte, die sie aber nicht durchzog, weil sie viel zu gerne aß und ihr die Bulimie ein Schritt zu hart war.
Ein letzter Rest Selbstachtung blieb ihr stets, egal, was sie versuchte. Und so verachtete sie sich selbst auch als kahlrasierte Nazibraut und wusste, dass sie ihre Haare wieder wachsen lassen würde, trotzdem marschierte sie noch am gleichen Abend ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern gerade einen guten Wein tranken, eine Talkshow im Fernsehen verfolgten und mal wieder alles gaben, um den häuslichen Frieden scheinen zu lassen. Doch selbst an diesem Abend gaben ihre Eltern sie nicht auf.
Linda zog den Beckengurt ihres Rucksacks fester und drehte sich auf der obersten Stufe der viel zu breiten Treppe, die in den üppigen Vorgarten führte, noch mal um. Der Türrahmen schien immer noch nachzuhallen und zu vibrieren. Sie holte tief Luft, atmete aus und spuckte auf die hässliche Fußmatte. Sie wusste, dass sie dieses Mal nicht zurückkehren und für einen Schlussstrich über Leichen gehen würde.
Lukas wanderte mit seinem Blick durch das kleine Wohngebiet als würde er es von einem anderen Planeten durch ein meterlanges Fernrohr betrachten. Zumindest fühlte er sich dermaßen weit entfernt, obwohl er genau hier an der Kreuzung stand und vermutlich bereits mehrere Augenpaare auf ihm ruhten. Das einzige Mal, dass Omma daran gedacht hatte, ihr Haus im Erlentrup zu verkaufen, das mittlerweile viel zu groß für sie war, aber immerhin so gut wie abbezahlt, war kurz nach dem Mord, der sich vor etwa sieben Jahren im benachbarten Eskentrup 5 ereignet hatte.
»Keine 200 Meter von meinem Schlafzimmer entfernt...«, hatte sie jeden zweiten Satz noch monatelang danach begonnen. In dem Einfamilienhaus im Eskentrup musste sich eine Tragödie abgespielt haben: Er, 37, erfolgreicher Unternehmensberater, der gerne rosafarbene Hemden trug, kam nach einem langen Arbeitstag nach Hause und fand seine Frau und seinen Schwiegervater erstochen auf. Sie soll schwanger gewesen sein. Bis heute wurde niemand wegen des möglichen Doppelmordes festgenommen, die genauen Umstände konnte die Polizei nie aufklären. An der Sieben hatten sie damals natürlich auch geschellt, um den von Grund auf verdächtigen, trompetenden Angler zu verhören.
Manchmal kochte die Gerüchteküche im Erlentrup noch heute alte Süppchen auf. Das lag unter anderem an der schrägen, dreiköpfigen Familie Dulie – Vater, Mutter und längst erwachsene Tochter –, die noch heute im hinteren Berkentrup wohnte und die damals ein ziemlich verstörendes Bild abgegeben hatte. Vor dem Eskentrup 5 hatten die Absperrbänder der Polizei gehangen, das Blut war quasi noch nicht getrocknet, und genau das hatte das Dulie-Trio angelockt.
Er, Ende 50, stattlicher Bauch und Tonsur, hatte den Rollstuhl geschoben, in dem sie, Anfang 50, Kettenraucherin, thronte. Sie hatte ihr linkes Bein einst bei einem Unfall in einer Bonbonfabrik verloren, in der sie als Putzkraft arbeitete. Sie hatte unerlaubter Weise mit den Maschinen herumexperimentiert und war in eine hineingeklettert, als es passiert. Auf eine Prothese legte sie keinen Wert. Sollten die anderen ihr Leid doch ruhig mitansehen müssen, hatte ihr von Menthol-Zigarettenrauch verhangene Blick stets gesagt. Ihre Tochter, Ende 20, unförmig und soziopathisch, hatten sie wie immer im Schlepptau.
