Mitten unter uns - Masoud Aqil - E-Book

Mitten unter uns E-Book

Masoud Aqil

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Beschreibung

280 lange Tage geht der kurdische Journalist Masoud Aqil in den Gefängnissen des "Islamischen Staats" durch die Hölle. Er wird gefoltert, muss immer wieder Hinrichtungen mit ansehen und durchlebt selbst mehrere Scheinexekutionen. Als er im Rahmen eines Gefangenaustauschs frei kommt, flieht er ins vermeintlich sichere Deutschland. Doch hier macht er eine erschreckende Entdeckung: Viele seiner einstigen Peiniger – ehemalige Gefängniswärter und Soldaten des IS – sind im Schutz der Flüchtlingswelle nach Europa gelangt und leben längst mitten unter uns. Seitdem hilft Masoud Aqil den deutschen Sicherheitsbehörden, IS-Terroristen hierzulande aufzuspüren. In seinem Buch spricht Masoud Aqil, selbst Flüchtling und Opfer des IS, von der Gefahr islamistischer Schläfer in Deutschland und warum er alles dafür tut, das Land zu schützen, das ihm Asyl gewährt hat. Als der Journalist Masoud Aqil im Dezember 2014 eine Recherchefahrt für seinen kurdischen Sender unternimmt, beginnt für den damals 22-Jährigen ein unvorstellbares Martyrium: Ein IS-Kommando nimmt ihn und seinen Kollegen fest und verschleppt die beiden. 280 Tage befindet sich Masoud Aqil in den Fängen der Terroristen. Eingesperrt in lichtlose Kellerzellen, wird er immer wieder gefoltert, muss mit ansehen, wie Mitgefangene auf martialische Weise hingerichtet werden, und durchlebt selbst mehrere Scheinexekutionen. Nach neun qualvollen Monaten kommt Masoud Aqil überraschend frei und flieht ins vermeintlich sichere Deutschland. Als ihm klar wird, dass der IS die Flüchtlingswelle des Jahres 2015 genutzt hat, um Terroristen gezielt nach Europa zuschleusen, macht er eine erschreckende Entdeckung: Viele seiner Peiniger – ehemalige Gefängniswächter und Soldaten des IS – sind längst in Deutschland. Seitdem hilft er den deutschen Sicherheitsbehörden, IS-Schläfer aufzuspüren.

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2017

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1. eBook-Ausgabe 2017

© 2017 Europa Verlag GmbH & Co. KG, Berlin · München · Zürich · Wien Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Patrick Pleul/picture alliance/dpa Lektorat: Heike Gronemeier

Layout & Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/CommissionePub-ISBN: 978-3-95890-177-3ePDF-ISBN: 978-3-95890-178-0

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

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Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die gegen Unterdrückung und für Frieden kämpfen. Ich denke mit Hochachtung an die kurdischen Streitkräfte, die an der Front den Geist des Bösen bekämpfen, und an die Seele des jungen kurdischen Märtyrers Hagi Issa aus Kobane.

INHALT

VORWORT

TEIL I

1. Syrien zerfällt

2. Die Entführung

3. Tal Hamis (15. bis 17. Dezember 2014)

4. Al-Shaddadi (17. Dezember 2014 bis 23. Januar 2015)

5. Al-Raqqa (23. Januar bis 1. Mai 2015)

6. Al-Tabqa (1. bis 21. Mai 2015)

7. Al-Bab (21. Mai bis 15. Juli 2015)

8. Manbidsch (15. Juli bis 15. September 2015)

9. Die Befreiung

TEIL II

1. Eine schwere Entscheidung

2. Der IS ist auch in Istanbul

3. In Seenot

4. Verirrt und fast erfroren

TEIL III

1. Dem IS entkommen, aber unglücklich

2. Al-Shaddadis Befreiung wird auch meine

3. Wie Dschihadisten den Koran verstehen

4. Die Europäer beim IS

5. Die Frauen beim IS

6. Die Kinder beim IS

7. Die Rückkehrer

8. »Bleibt fort, tötet zu Hause«

9. Mitten unter uns: Ausländische Islamisten in Europa

10. Mein Entschluss

TEIL IV

1. Jürgen Todenhöfer besucht den IS

2. Was mich in Europa irritiert

3. Was mich an Muslimen verstört

4. Die dunkle Rolle einiger Moscheen

5. Flüchtlinge und Einheimische: Wir müssen uns gegenseitig helfen

Danksagung

Quellen und Anmerkungen

VORWORT

Ich habe es mir nicht ausgesucht, dass der »Islamische Staat« mein Leben bestimmt. Aber er tut es, bis heute. Auf eine Weise, die ich mir nicht hätte vorstellen können.

Der Albtraum begann, als die Terroristen des IS mich im Dezember 2014 kidnappten. 280 Tage und Nächte wurde ich in ihren Gefängnissen bedroht und gefoltert. Als Journalist war ich für sie ein wichtiger Fang, ein Objekt, mit dem man Geld, Waffenlieferungen oder die Freilassung inhaftierter Gotteskrieger erwirken konnte. Als Kurde war ich für sie Abschaum, kein richtiger Muslim, einer, an dem sie Willkür und Gewalt ausleben konnten.

Nach dem Ende meiner Entführung entschied ich mich, meiner Heimat den Rücken zu kehren. Eine wochenlange Irrfahrt führte mich schließlich in ein Land, in dem ich mich in Sicherheit glaubte. Es war ein Schock, als ich erkennen musste, dass mich die Anhänger des IS selbst in Deutschland einholten. Es ist ein bisschen wie in dem Märchen der Gebrüder Grimm vom Hasen und dem Igel: Egal wohin ich, der Hase, laufe, die Igel, die Schergen des IS, sind schon da.

Im Sommer 2016 stieß ich im Internet auf ein Propagandavideo der Terroristen. Fünf gefesselte, kniende Männer in orangen Overalls, dahinter Kinder in Tarnanzügen, Pistolen in der Hand. Sie recken die Waffen jubelnd gen Himmel, dann richten sie sie auf die Hinterköpfe der Gefangenen und drücken ab. Stolz feiern sie ihre Untat mit dem Ausruf »Allahu Akbar!«.

Einer dieser Buben war ein blasser, blauäugiger Engländer, dem sie den Kampfnamen »Abu Abdullah al-Britani« verliehen hatten. Eine Reminiszenz an einen Kämpfer, der 2015 getötet worden war. Das Opfer des Jungen war mein Freund. Der Mann, mit dem ich mehrere Monate in denselben Zellen in Al-Bab und Manbidsch verbracht hatte. Er war mir vertraut gewesen, als gehörte er zu meiner Familie. Gemeinsam mit zwei Dutzend weiteren Kurden waren wir gefangen in Leid und Leiden. Der IS mordet nicht im Stillen, Verborgenen. Seine Propagandisten inszenieren grausame Hinrichtungen nicht nur, sie zelebrieren sie. Alle Welt soll sehen, aus welchem Holz selbst die jüngsten Gotteskrieger geschnitzt sind.

Das Video zeigte die Exekution von insgesamt 14 Männern, neun von ihnen kannte ich aus meiner Zeit in Gefangenschaft. Ich werde Ihnen von diesen verlorenen, ermordeten Freunden berichten, weil wir sie nicht vergessen dürfen. So, wie der blasse Junge aus England kein beliebiger Killer ist (das haben die Berichte in den Medien hinlänglich bewiesen), so sind meine Freunde keine beliebigen Toten. Sie waren Menschen, die ich liebte. Sie verdienen mehr als ein irregeleiteter Minderjähriger, nicht vergessen zu werden.

Ich werde Ihnen von Opfern und von Tätern in diesem Krieg in der Levante berichten. Und von Tätern, die den Weg aus den Territorien des IS nach Europa eingeschlagen haben. Denen ich nach meiner Flucht in Deutschland wiederbegegnet bin. Was viele Menschen hierzulande lange verdrängt haben, ist wahr: Terroristen des IS und anderer radikalislamischer Gruppierungen haben sich unter den großen Strom der Flüchtlinge gemischt und leben nun hier, mitten unter uns. Das belegen nicht zuletzt Twitter-Botschaften und Einträge in Internetforen wie Facebook. Während der Arbeit an diesem Buch stieß ich dort zum Beispiel auf einen Araber, der sich offenbar einer salafistischen Terrorgruppe zugehörig fühlt. Er sendet Botschaften, die den IS unterstützen und preisen, und hat mehrere Tausend Follower. Sein Profilbild weist unübersehbar darauf hin, dass er sich in Deutschland aufhält.

Aus dieser Tatsache, vor der wir nicht länger die Augen verschließen dürfen, ergibt sich eine Reihe von Fragen: Können wir davon ausgehen, dass ein Islamist sich an die hiesigen Gesetze hält, kaum dass er deutschen Boden betreten hat? Können wir darauf vertrauen, dass ein Islamist, der gerade noch von seinen »Heldentaten« gegen »Ungläubige« berichtete, der Ideologie des IS plötzlich abgeschworen hat? Können wir sicher sein, dass ein »Soldat« einer islamistischen Organisation keine Waffe mehr anfasst, nachdem er Europa erreicht hat? Und können wir davon ausgehen, dass ein Dschihadist, der inzwischen als Imam einer Moscheegemeinde mitten in Europa vorsteht – auch das ist Realität –, statt der kriegerischen nur noch die friedfertigen Suren des Korans predigt und der Gewalt abgeschworen hat?

Nein, von alldem können wir nicht ausgehen. Zu stark verwurzelt sind die dunklen Ideologien in den Gehirnen dieser Männer, zu tief verankert der Hass auf alle, die anders sind.

Ich war damals Gefangener dieser Terroristen, weil ich ihnen als kurdischer Journalist automatisch als Feind galt und zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. In den verwanzten Gefängniszellen in Tal Hamis, Al-Shaddadi, Al-Raqqa, Al-Tabqa, Al-Bab und Manbidsch saßen aber auch Männer ein, die selbst glühende Anhänger von Daesh (ein Akronym, gebildet aus der arabischen Bezeichnung für den »Islamischen Staat«) waren. Sie hockten neben mir auf dem Boden in irgendeinem feuchten Kerker, weil sie gegen eine banale Islamistenregel verstoßen, Musik gehört oder Alkohol getrunken hatten. Manchmal waren die Vergehen, die ihnen vorgeworfen wurden, aus Sicht des IS schwerwiegender: das Töten eines Bürgers ohne Befehl, das Töten eines IS-Mitglieds, das Missachten eines Befehls, der Besitz eines Schalldämpfers, Spionage für den Feind oder schlicht die Tatsache, dass sie Kontakt zu Menschen gehalten hatten, die außerhalb des IS-Gebiets lebten.

Ich teilte die wenigen Quadratmeter, auf denen sich mein Leben 280 Tage lang abspielte, also nicht nur mit Gegnern und Opfern des IS, sondern auch mit seinen Anhängern. Morgens und abends kauten wir bedächtig unsere kümmerlichen Rationen aus Reis, Kartoffeln, Suppe und Brot. Nachts roch ich ihre Ausdünstungen, spürte die Wärme ihrer Körper und hörte sie hin und wieder leise wimmern. Fünfmal am Tag ertrug ich ihre Gebete und ich hörte, wie sie Koransuren rezitierten, die auch ich bald auswendig vortragen konnte. Und ich musste es aushalten, wenn diese Männer mit ihren Taten prahlten, wenn sie erzählten, wie sie die Dörfer meiner Familie und meiner Freunde bombardiert, »Ungläubige« erschossen, Frauen entführt und sich an ihnen vergangen hatten.

Natürlich glaubten sie damals, so sehr wie ich fürchtete, dass ich ihre Erzählungen mit ins Grab nehmen würde – oder wo sonst sie mich verscharren würden, wenn sie mich erschossen oder geköpft hätten. Denn anders als in ihren Fällen schien klar zu sein, dass ich dieses Gefängnis nicht lebend verlassen würde. Noch kein kurdischer Journalist in IS-Haft war je nach Hause zurückgekehrt.

In den Gefängnissen konnte ich nichts gegen diese Barbaren unternehmen. Ich war dazu verdammt, ihnen Publikum zu sein und ihre Schikanen zu ertragen.

Aber nun, in Deutschland, kann ich mich widersetzen. Wenn sie, die inzwischen mitten in Europa leben, in sozialen Medien wie Facebook noch immer den Dschihad predigen und verlangen: »Wir müssen die Ungläubigen töten«, dann ist es meine Pflicht, ihnen entgegenzutreten.

Auf meinem Smartphone und auf einem USB-Stick habe ich Screenshots aktueller, aber auch bereits offline gegangener Seiten von Dschihadisten in Europa gespeichert. Ich hatte mich schon in Syrien mit Extremisten beschäftigt und Daten zusammengetragen, lange bevor ich wusste, was ich einmal damit tun würde. Erst hier, in dem Land, das mich aufgenommen hat, fügte sich alles zu einem Bild. Weil ich nicht will, dass diese Monster auch Deutschland zu einem Staat machen, in dem der Terror regiert und sich der Islam in seiner radikalsten Ausprägung entfalten kann, beschloss ich, die Ergebnisse meiner Recherchen, all mein Wissen, den deutschen Behörden anzuvertrauen.

Ich wünschte, meine Landsleute würden meinem Beispiel folgen – in den befreiten Gebieten in der Levante wie in Europa. Denn alle, Daheimgebliebene und Flüchtlinge, kennen die Gesichter der Mörder, sie kennen ihre Namen und sie wissen um ihre Untaten. Alle, denen hier in Europa, hier in Deutschland Asyl gewährt worden ist, haben eine Verpflichtung: Wir können, wir müssen dazu beitragen, das Land, das uns so mutig willkommen geheißen hat, im Kampf gegen die Dschihadisten zu unterstützen. Sich aus Angst vor den Terroristen zu verstecken und sein Wissen für sich zu behalten ist die falsche Strategie. Wir müssen aus der Deckung heraustreten und dabei helfen, falsche Identitäten zu entlarven. Auch wenn das bedeutet, dass wir uns unseren eigenen, schmerzlichen Erinnerungen stellen müssen.

TEIL I

Irgendwo westlich von Al-Raqqa wurde der Bus langsamer. Keiner der Mitfahrenden erwartete etwas Außergewöhnliches, wir hatten mehrmals an Checkpoints des Regimes angehalten, seit wir am frühen Abend in Aleppo aufgebrochen waren. Ich war müde und hatte versucht zu schlafen, aber meine Gedanken waren Karussell gefahren, während draußen das Dunkel der Nacht vorbeizog: die vergangenen Wochen in Aleppo, die vielen Toten, die Bomben, die mir zwar nicht mein Leben, aber meine Zukunft genommen hatten. Wie sollte es weitergehen? Ich blickte auf die Uhr. Es würde noch Stunden dauern, bis der Bus meine Heimatstadt Qamishlo erreichte.

Durch das Fenster sah ich in der Ferne ein Lichtsignal. Das musste der nächste Kontrollpunkt sein. Es war immer dieselbe Prozedur: Ein Soldat steigt ein, die Passagiere ziehen ihre Ausweise aus Taschen und Rucksäcken, drücken sie in eine fordernde Hand und hoffen, dass der Bewaffnete, zu dem sie gehört, nichts zu beanstanden hat.

Selbstverständlich bremste der Fahrer auch dieses Mal. Hielte er nicht, würden sie uns beschießen. Vor dem Bus baute sich ein Mann auf, den grellen Strahl einer Taschenlampe direkt auf das Gesicht des Fahrers gerichtet: die Aufforderung, die Tür zu öffnen. Ein dicker, großer Kerl mit Bart stieg ein und verlangte in barschem Ton unsere Ausweise. Sein Dialekt ließ auf eine Herkunft aus Al-Raqqa schließen wie auch die dunkle Haut, die in dieser Gegend typisch war. Er trug schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine Weste mit mehreren Reihen Patronen. In seinem Gürtel steckte eine Pistole, über Schulter und Rücken hing eine AK-47, eine Kalaschnikow. Er wirkte sehr nervös.

Während er sich Reihe für Reihe durch den Bus schob, konnte ich draußen zwei Pick-ups erkennen, auf denen Männer mit Gewehren standen. An einem der Wagen hing eine schwarze Fahne mit weißen Schriftzeichen: »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohamed ist sein Prophet.« Darunter stand der Name der Gruppe: Al-Nusra-Front, damals der syrische Ableger von Al-Qaida. Das war kein normaler Kontrollpunkt. Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich Dschihadisten von Angesicht zu Angesicht.

Als der Bärtige neben mir stand und meinen Ausweis studierte, roch ich Schweiß, Staub und Metall. Ich ahnte, dass es nicht lange dauern würde, bis er feststellte, woher ich stamme. Qamishlo liegt im Nordosten Syriens, im Gouvernement Al-Hasaka nahe der türkischen Grenze. Kurdengebiet. Dennoch erstarrte ich, als er wütend ausrief: »Ihr Ungläubigen! Al-Nusra wird eure Stadt angreifen und besetzen. Und dann werden wir euch alle töten.«

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich, wie sich Panik anfühlt. Wenn er sich weiter in Rage redet, wird er mich aus dem Bus zerren und mich erschießen, dachte ich. Und niemand im Bus wird einen Finger rühren, um ihn daran zu hindern.

1. Syrien zerfällt

Noch nie hatte in meiner Gegenwart ein Mensch lauthals verkündet, er werde mich und meinesgleichen enthaupten. Meinesgleichen: Kurden, die dieser große, schwitzende Dicke mit der Kalaschnikow als »Ungläubige« bezeichnete. Es stimmt, die meisten Kurden ziehen ihr Selbstverständnis nicht aus der Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern eher aus ihrer Zugehörigkeit zu einer Ethnie. Viele legen gar keinen Wert auf Religion, weil sie in einer Atmosphäre des Religiösen leben müssen, die sie verabscheuen. Mein Vater ist Atheist, ich bin Atheist, viele Kurden sind Atheisten. Es gibt keine radikalen Dschihadisten unter uns, und wenn jemand gläubig ist, heißt das nicht, dass er den Fundamentalisten anhängt, die den einen, rechten Glauben predigen und daraus die Legitimation ziehen, alle anderen, alle »Fehlgeleiteten«, ermorden zu dürfen.

Was wir Kurden brauchen, ist nicht eine Religion, sondern ein Stück Land. Tausende Jahre haben die Kurden auf ihrem Land gelebt, zahlreichen Besatzern trotzig widerstanden. Heute leben wir als Minderheit in vier Staaten – in der Türkei, dem Irak, dem Iran und in Syrien. Wir Kurden, verbunden durch unsere Kultur und Sprache, sind die größte Nation der Welt ohne eigenen Staat. Wirklich einig sind wir uns deshalb noch lange nicht. Damit es irgendwann zu einem unabhängigen Staat Kurdistan kommen könnte, der alle Gebiete in Syrien, im Irak, im Iran und in der Türkei einschließt, müssten in erster Linie die türkische PKK und die irakische PDK und ihre Anführer ihre politischen Differenzen überwinden.

Nur dann könnte es gelingen, unser Recht auf Selbstbestimmung mittels eines Referendums für ein unabhängiges Kurdistan durchzusetzen. Wenn wir uns wirklich als eine Nation verstünden, könnten wir eines Tages die kurdisch besiedelten Gebiete unabhängig und zu einem Staat vereint kontrollieren. Bei dieser Gelegenheit könnten wir an eine gute, alte Tradition anknüpfen: allen Ethnien ihren Platz einzuräumen und auf religiösen und politischen Pluralismus achten – anders als die Machthaber in Syrien, im Irak, in der Türkei und im Iran und anders als die radikalen islamistischen Truppen, die alles beseitigen wollen, was nicht ihresgleichen ist.

Derzeit sind wir von einem eigenen Staat weit entfernt. Zwar ist es uns gelungen, in Syrien und im Irak unsere Angelegenheiten in halb autonomen Regionen zu regeln. Doch vielerorts herrschen Unrecht und Unterdrückung. In Syrien hat das eine lange Tradition: 1962 wurden allein im Gouvernement Al-Hasaka rund 120000 Kurden ausgebürgert und zum Teil enteignet. Sie verloren ihre Staatsbürgerschaft, ihre Rechte, ihren Besitz. Die Regierung verfolgte einen »Arabisierungskurs«, in dessen Zuge unter Assads Vater Hafiz ein »arabischer Gürtel« im Grenzgebiet geschaffen werden sollte. Vorgesehen war die Deportation von rund 140000 Kurden, die auf einem etwa 15 Kilometer breiten und 375 Kilometer langen Streifen entlang der türkischen und irakischen Grenze lebten. Sie sollten durch arabische Siedler ersetzt werden. In die Provinz Al-Hasaka zogen in den Jahren 1975/76 rund 25000 arabische Familien.1 Zwar kam es letztlich nicht zur geplanten Deportation, doch die enteigneten Kurden waren ihrer Existenzgrundlage beraubt und als Staatenlose entrechtet. Sie hatten kein Wahlrecht, kein Recht, Land, Immobilien oder ein Geschäft zu besitzen. Kurdische Ortsnamen wurden durch arabische ersetzt, später wurde es Familien untersagt, ihren Kindern kurdische Namen zu geben. Der Besitz kurdischer Literatur war verboten, nicht einmal zu Hause durften wir unsere Sprache benutzen.

Die systematische Diskriminierung der Kurden in Syrien verstieß und verstößt gegen zahlreiche internationale Abkommen, allen voran gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Zwei- bis dreihunderttausend Kurden lebten vor dem Krieg als Staatenlose in Syrien, ein Status, der automatisch auf ihre Kinder übergeht. Sie haben kein einklagbares Recht auf Krankenversorgung oder Sozialleistungen, als »Nichtregistrierte« haben sie noch nicht einmal einen Rechtsanspruch auf den Schulbesuch.

Um solche gravierenden Nachteile zu vermeiden, hat sich ein Großteil der vier Millionen Kurden in Syrien als dem muslimischen Glauben angehörend registrieren lassen. Aber deswegen waren und sind sie noch lange keine Muslime. Das beweist schon allein die Tatsache, dass die kurdischen Jesiden im Nordirak in den vom schiitischen Iran und der sunnitischen Türkei umgebenen Bergen seit tausend Jahren unzählige Male von muslimischen und osmanischen Armeen und seit 2014 vom IS angegriffen und viele von ihnen getötet worden sind, weil sie nicht als Muslime gelten. Die meisten der Kurden haben – trotz des arabischen Ausweises – ihre Geisteshaltung und ihre Weltsicht bewahrt. Das ist auch der Grund dafür, dass unter den Kurden keine radikalen islamistischen Gruppen entstanden sind. Die Muslime beten, wir nicht, sie gehen in Moscheen, wir nicht, sie lesen den Koran, wir nicht. Das ändert sich auch im Ausland nicht, der Gegensatz verschärft sich vielmehr. Muslimische Flüchtlinge, das habe ich in Deutschland beobachtet, kleben am Koran und am Islam und laufen scharenweise zur Moschee, wo sie unter sich bleiben können. Alles, was sie interessiert, ist die Frage: Glaubst du oder glaubst du nicht?

Ganz anders die Kurden: Selbst jene, die an Allah glauben, lassen nicht zu, dass die Religion ihr Leben bestimmt, und sie versuchen auch nicht, das Leben anderer mittels der Religion zu bestimmen. In vielen arabischen Ländern dagegen sind Glaube und Politik auf unselige Weise miteinander verbunden. Der (falsche) Glaube oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie liefert immer wieder die Grundlage für Gewalt und Unterdrückung.

In Syrien zum Beispiel kujonierte das Regime auch Angehörige anderer Minderheiten. Begünstigt wurde das durch die 1963 in Kraft getretenen Notstandsgesetze. Sie erlaubten Einschränkungen der Versammlungsfreiheit, willkürliche Festnahmen, Zensur der Medien, sie verboten Parteien außer der sozialistischen Baath-Partei, die eine ungeteilte arabische Nation anstrebt. Dissidenten und Oppositionelle wurden festgenommen und in Haftanstalten wie dem berüchtigten Sednaya-Gefängnis gefoltert.2

Baschar al-Assad, den wir nur »Stû dirêjo« nennen, den »Mann mit dem langen Hals«, setzte die Politik seines Vaters konsequent fort. Die Hoffnungen, er würde einen reformorientierten Kurs einschlagen, zerstoben in dem Maße, in dem der Ruf der Bevölkerung nach ebensolchen Reformen lauter wurde. Seit dem »Damaszener Winter«, mit dem die kurze Phase der Liberalisierung 2002 endete und die bürgerlichen Freiheiten wieder massiv eingeschränkt wurden, verfolgte Assad einen harten Kurs. Sein diktatorisches Regime unterdrückte nicht nur die Kurden, sondern große Teile der in Syrien lebenden Bevölkerung. Was in den vergangenen Jahren in Syrien geschehen ist und auch mein Leben völlig auf den Kopf stellen sollte, geht in erster Linie auf sein Konto.

2004 kam es in meiner Heimatstadt Qamishlo zu einem folgenschweren Vorfall während eines Fußballspiels. Gewaltbereite Fans des Teams aus Deir ez-Zor attackierten einheimische Zuschauer mit Steinen und Flaschen, sie grölten antikurdische Parolen. Aber nicht sie wurden aus dem Stadion entfernt, sondern die Fans aus Qamishlo. Vor dem Stadion kam es deswegen zu Protesten, Sicherheitskräfte erschossen neun unbewaffnete Kurden. An der Trauerfeier am nächsten Tag nahmen mehrere Zehntausend Menschen teil, darunter auch Christen und Araber. Als einige Teilnehmer Steine auf eine Assad-Statue warfen, griffen Sicherheitskräfte und Zivilbeamte hart durch, erneut gab es Tote.

In den folgenden zwei Tagen kam es in anderen Städten zu Solidaritätsprotesten, mehr als 30 Menschen wurden erschossen, rund 160 verletzt. Assads Armee rückte in Qamishlo ein, das Telefonnetz wurde gekappt, der Strom abgestellt. Wir lebten damals in Damaskus, wo das kurdische Viertel ebenfalls abgeriegelt worden war, und konnten niemanden erreichen. Im ganzen Land nahmen Assads »Sicherheitskräfte« 100 Menschen fest, 25 Kurden wurden getötet, zahllose kurdische Studenten exmatrikuliert.

Einige Jahre später zeigten uns die Menschen in Tunesien, Libyen und Ägypten, dass es möglich ist, einen Tyrannen zu stürzen. Und so fassten auch die Syrer Mut, auf die Straße zu gehen, um Freiheit einzufordern. Assad antwortete mit Gewalt, zuerst in Daraa im Südwesten, wo sein Cousin Atef Najib als Geheimdienstchef Kinder einsperren und foltern und auf Demonstranten schießen ließ. Als der Aufstand eskalierte und das Volk auch in anderen Städten demonstrierte, ließ Assad prügeln, verhaften und schießen – in Hama sogar auf Kinder.

Wo immer Assads Armee Zivilisten terrorisiert hatte, hinterließ sie an Mauern und Hauswänden Parolen in roter oder schwarzer Farbe: »Assad, oder wir werden das Land niederbrennen.« Das ist ihnen ja inzwischen gelungen. Offenbar glaubte Assad, so Angst verbreiten und den Aufstand mit Gewalt ersticken zu können. Stattdessen entwickelte sich ein Bürgerkrieg.

Der »syrische Frühling« 2011 war eine Revolution gegen all das, was die Assads, Vater und Sohn, der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten angetan hatten. Auch wenn ich mit vielem nicht einverstanden war, was die Aufständischen taten, war auch ich überzeugt davon, dass es notwendig war, der Welt zu zeigen, dass Syrien von einem Diktator regiert wird. Aber Assad, das sagte ich oft zu meinen Freunden, wird nicht verschwinden, nur weil wir rufen: »Assad, hau ab«, oder an eine Wand schreiben: »Jetzt bist du dran, Doktor.« Ein Gewaltregime weicht nicht freiwillig, nirgendwo auf der Welt. Um ihre Haut zu retten, ruinieren solche Herrscher eher das ganze Land. Deshalb mussten aus meiner Sicht die großen Nationen der Welt den Aufstand stützen und Assad dazu bewegen, die Menschenrechte zu achten – oder am besten gleich die Macht in andere Hände zu übergeben, in demokratische. Meine größten Hoffnungen ruhten dabei auf den Vereinigten Staaten von Amerika.

Ich beteiligte mich damals nur an einer Demonstration gegen das Regime, am 21. März 2012 in Qamishlo. An jenem Tag, dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, verlangten junge Männer und Frauen Freiheit, forderten den Rücktritt von Assad und ein Ende der korrupten Dynastie, in der Baschar al-Assads Cousin Rami Machlouf (wir Studenten nannten ihn »Dieb«) große Geschäfte machte; in der sein jüngster Bruder Mahir, Leiter einer alawitischen Elitetruppe, der »Republikanischen Garde«, und der Vierten Division der Armee bald seine Schläger und Mörder auf die Protestierer hetzen sollte; und in der sein Schwager Asif Schaukat, lange Chef des Geheimdienstes, inzwischen dem Generalstab angehörte.3

Auf den Kundgebungen waren vereinzelt »Allahu Akbar«- Rufe zu hören. Der Ruf nach Freiheit und das Preisen von Gott passen aber nicht zusammen. Man kann sich entweder Freiheit wünschen oder sich einem Gott unterordnen. Beides zugleich geht nicht. Und so endete die Freiheit, auch unter den Aufständischen. Die Stimmen derer, die für wahre Freiheit und Demokratie warben, verstummten nach und nach. Die wahren Streiter für eine Öffnung verschwanden. Heute opponieren in Syrien längst nicht mehr unzufriedene Bürger und Studenten. Was in Europa und in den USA heute als »Opposition« bezeichnet wird, mit der man gemeinsam gegen Assad agiert, schließt auch mehr oder weniger radikale Islamisten ein.

Assads Krieg gegen das eigene Volk hat das ganze Land in Chaos gestürzt. Er ist die Ursache, die Dschihadisten sind nur das Symptom. Sie haben von diesem Chaos profitiert, sie konnten ihre Einflusssphäre vom Irak auf Syrien ausweiten. Der IS erlangte schnell die Kontrolle über das rebellierende Volk und die Gebiete im Osten Syriens, aus denen sich die Armee des Regimes weitgehend zurückgezogen hatte, um sich auf die alawitischen Gebiete und die fruchtbaren Landesteile zu konzentrieren.

Die Vereinigten Staaten von Amerika, in die nicht nur ich so große Hoffnungen gesetzt hatte, legten die Hände in den Schoß und sahen lange tatenlos zu. Es schien, als wünschten sie sich sogar, der Diktator bliebe an der Macht. Baschar al-Assad konnte seinen Terror gegen das Volk fortsetzen, leer gebombte Städte einnehmen und Araber, Kurden, Assyrier und Armenier, Christen und Muslime, die einst friedlich zusammenlebten, gegeneinander aufhetzen. Erst als der IS immer größere Teile des Landes unter seine Kontrolle brachte, wachte die Weltgemeinschaft langsam auf.

Dass die Ausweitung ihres Machtbereichs so schnell ging, liegt an weiteren Schuldigen für die Vernichtung ganzer Städte, den Tod Hunderttausender und die Flucht von mehr als fünf Millionen Syrern: Es liegt an Katar, Saudi-Arabien und der Türkei. Sie unterstützten direkt und indirekt Organisationen, die nicht die Freiheit wollten, sondern einen islamistischen Staat, in dem die Scharia Gesetz ist und Frauen ihren Körper unter Stoff verbergen müssen. Dass solche Terrororganisationen wie der IS oder Al-Qaida überhaupt entstehen konnten, daran sind die USA nicht unschuldig. Mit ihrer Invasion im März 2003 wurde im Irak ein über 1400 Jahre gewachsenes Gleichgewicht beseitigt. Natürlich war Saddam Husseins Staat eine Diktatur, natürlich hat Hussein ähnlich wie Assad vor allem gegen die Kurden agiert, 1988 selbst den Einsatz von Chemiewaffen im Nordirak befohlen. Trotzdem konnten damals die verschiedenen Ethnien und Religionen einigermaßen friedlich zusammenleben, sofern die Menschen das Regime grundsätzlich akzeptierten. Im Irak war das Miteinander sehr viel friedlicher als das, was wir seit 2003 erleben.

Dieser Krieg und die bis 2011 andauernde Besatzung durch die USA und ihre Verbündeten hat nicht nur mehrere Hunderttausend Menschenleben gekostet, die nachfolgende »Ordnung« hat auch die Machtverhältnisse im Irak auf den Kopf gestellt. Wie schon in anderen Staaten – beginnend in Korea und Vietnam, über Somalia und Afghanistan, schließlich in der Folge des »arabischen Frühlings« in Libyen und im Jemen – hat das Eingreifen der USA die Verhältnisse nicht verbessert.

Im Irak hat es die westliche Koalition versäumt, dafür zu sorgen, dass Minderheiten, insbesondere die bis dahin regierenden Sunniten, in die Politikgeschäfte eingebunden blieben. US-Zivilverwalter Paul Bremer verbot die arabisch-sozialistische Baath-Partei, die Mehrheitsbevölkerung der Schiiten übernahm die politische Macht, was die Balance in der Region zugunsten des Iran und des schiitischen Islam verschob. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki (im Amt von 2006 bis 2014) verfolgte sunnitische und säkulare Politiker sowie sonstige Gegner seiner Regierung mit aller Härte. Die Amerikaner lösten außerdem das Militär auf, wodurch vorwiegend Sunniten ihre Existenzgrundlage verloren, zahlreiche ehemalige Generäle, Offiziere und Soldaten schlossen sich dem Widerstand gegen die Besatzer an.

Auch die aus Afghanistan vertriebene Al-Qaida (»Die Basis«) fand im Irak ein neues Betätigungsfeld. Entstanden war sie einst unter Mithilfe der USA: Amerika hatte dschihadistische Kämpfer rekrutieren und gegen die sowjetischen Soldaten und die gewählte Regierung in Afghanistan in Stellung bringen wollen. Im Irak begann der Dschihad im August 2003 mit einem Anschlag auf die UN-Vertretung in Bagdad. Es folgten Sprengstoffattentate auf die Imam-Ali-Moschee, Menschen wurden entführt und verschleppt.

Im Mai 2004 wurde der Anführer des irakischen Al-Qaida-Ablegers, Abu Musab al-Zarqawi, schlagartig der gesamten Weltöffentlichkeit bekannt. Im Internet tauchte ein Video auf, das die Enthauptung des amerikanischen Geschäftsmanns Nicholas Berg zeigt. Berg trägt einen orangen Overall, der an die Häftlingskleidung von Guantánamo erinnert. Titel des Videos: »Abu Musab al-Zarqawi schlachtet einen Amerikaner«.

Gleichzeitig verschärfte Al-Qaida den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Die neuen Machtverhältnisse zwischen Besatzungsmacht, Zivilverwaltung und irakischem Regierungsrat waren noch nicht gefestigt, und als bei der Parlamentswahl 2005 das Wahlbündnis des Schiiten Ibrahim al-Dschafari die Mehrheit errang, rief al-Zarqawi zum »totalen Krieg« gegen die Schiiten auf. Im Februar 2006 eskalierte die Gewalt nach einem Anschlag auf die schiitische Askarya-Moschee in Samarra, 100 Kilometer nördlich von Bagdad. Wenige Monate später, am 15. Oktober 2006, rief Al-Qaida den »Islamischen Staat im Irak« aus.

Die Amerikaner und ihre Verbündeten hatten mit ihrem Eingreifen zwar erfolgreich Saddam Husseins Diktatur beseitigt, aber das entstandene Machtvakuum nicht mit einem besseren Regime gefüllt. Hinzu kam, dass die Misshandlungen von und die Willkür gegenüber Gefangenen in US-Gefängnissen wie Abu Ghuraib und Camp Cropper bei Bagdad den Widerstand gegen die Besatzer nährten. Camp Bucca, ein weiteres Gefängnis im Süden, geriet unbeabsichtigt zu einer Schule der Extremisten, viele spätere IS-Führer waren hier inhaftiert, unter ihnen der heutige »Kalif« Abu Bakr al-Baghdadi.

Als die Amerikaner das nur scheinbar stabile Land schließlich verließen, brach die Anarchie sich Bahn. Unzählige Sunniten, darunter – wie bereits erwähnt – gut ausgebildete Soldaten und Offiziere, schlossen sich den radikalen Aufständischen an, die am besten organisiert und vor allem finanzkräftig waren. Diese Ausgebooteten hass(t)en den neuen irakischen Staat mehr als den »Islamischen Staat«, der ohne das Eingreifen der USA nie entstanden wäre.

Im Irak hat sich wieder einmal gezeigt: Solange die Gläubigen Angehörigen anderer Religionen mit Hass begegnen, wird es im Nahen Osten keinen Frieden geben. Diesen Krieg haben die USA im Irak noch befeuert. Nebenbei: Es war damals natürlich nicht nur um die Beseitigung einer Diktatur gegangen, sondern auch um das schwarze Gold.

Baschar al-Assad hat radikale islamistische Gruppen im Irak von Beginn an unterstützt. Hunderte Busse voller Dschihadisten fuhren nach dem amerikanischen Einmarsch 2003 von Damaskus und Aleppo in den Irak. Einer unserer Nachbarn in Damaskus gehörte zu den ersten Kämpfern, die tot zurückkehrten; seine Familie inszenierte für ihn ein großartiges Begräbnis. Nach der Ausrufung des »Islamischen Staats Irak« am 15. Oktober 2006 ließ Assad ehemalige Häftlinge in den Nachbarstaat ausreisen, die sich in seinen Gefängnissen, in diesen Akademien des Dschihadismus, weiter radikalisiert und das schmutzige Geschäft des Folterns und Mordens erlernt hatten. Assad wollte die Radikalen keinesfalls einfach abschieben, nein, er hatte ihnen die Aufgabe zugedacht, die Islamisten im Irak zu unterstützen und damit die US-Armee zu beschäftigen.

Von 2011 an kamen sie jedoch zurück. Unter ihnen war auch Abu Mohammed al-Dschaulani (eigentlich wohl Ahmad Husain asch-Sha’ra), der im Januar 2012 Emir der sunnitischen Dschabhat al-Nusra geworden war, des syrischen Ablegers von Al-Qaida im Irak.4 Zu Beginn der Aufstände entließ Assad erneut Hunderte gefährliche Terroristen aus den Gefängnissen. Jeder, auch Assad, wusste, was diese Männer tun würden: Sie würden militante Gruppen gründen, sich in die Aufstände einmischen, sie würden das Chaos in Syrien und auch im Irak vergrößern bzw. aufrechterhalten. Und sie würden die Menschen terrorisieren. Die Islamisten würden ihre Gegner mit denselben Methoden misshandeln, wie sie zuvor von Assads Folterern misshandelt worden waren.

Diesen Männern lieferte nicht nur Saudi-Arabien Waffen, auch Assad hoffte auf diese Weise, die Opposition spalten und das Chaos vergrößern zu können. Und wenn es so weit wäre, könnte er sich zum Retter Syriens aufschwingen, zum Friedensbringer, und auch seine Gegner im Westen davon überzeugen, dass er unverzichtbar sei. Sein Kalkül war, unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung jegliche Maßnahme rechtfertigen zu können, auch sein hartes Durchgreifen gegen die Demonstranten. Dabei bekämpfte er nicht Terroristen, sondern wollte einen Aufstand niederschlagen gegen seine totalitäre Diktatur, gegen das Regime seines Clans. Das Erstarken der Terroristen hat er nicht nur billigend in Kauf genommen, er hat es gefördert.

Inzwischen ist aus dem syrischen Bürgerkrieg ein internationaler Stellvertreterkrieg geworden: Der Iran will seinen Einfluss in der Region nach dem Irak auf einen weiteren Staat ausdehnen; das mehrheitlich sunnitische Saudi-Arabien will genau das verhindern; die Türkei verfolgt auch in Syrien ihre Großmachtträume. Und weil die USA sich zunächst weitgehend herausgehalten hatten, konnte Russland sich ebenfalls als Regionalmacht positionieren.

Als die Vereinigten Staaten schließlich aufwachten, konnten sie sich zunächst nicht entscheiden, wen sie unterstützen sollten; und dann statteten sie »gemäßigte Islamisten« mit Waffen aus, was sich schon im Irak als inadäquat erwiesen hatte. Diese Waffen gelangten häufig in die Hände von Kämpfern der Al-Nusra-Front, des IS oder anderer Islamisten. Diese profitierten 2014 auch von dem vermeintlich unkoordinierten Rückzug der irakischen Armee aus Mossul. Deren 30000 Soldaten überließen einem kleinen Häuflein von ein paar Hundert Dschihadisten alle ihre Waffen – als hätten sie einer übermenschlichen Kriegsmaschinerie gegenübergestanden. Die Gotteskrieger mochten damals Sure 8:65 bestätigt sehen, in der es heißt: »O Prophet, sporne die Gläubigen zum Kampf an! Wenn es unter euch zwanzig Standhafte gibt, werden sie zweihundert besiegen. Und wenn es unter euch hundert gibt, werden sie tausend von denen, die ungläubig sind, besiegen, weil sie Leute sind, die nicht verstehen.«5

Nein, Allah hat den Dschihadisten den Sieg keineswegs geschenkt. Und die Bevölkerung hätte sich in Mossul nicht gefügt, hätte die irakische Armee nur etwas Widerstand geleistet. Doch sie ließ alles zurück, unzerstört. Hat ihnen das jemand befohlen? Wir alle wissen, von wem die irakische Armee Befehle erhält. Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat den Rückzug angeordnet, um dem IS Mossul zu überlassen – mitsamt den intakten Waffen und Panzern der irakischen Armee. Sein Ziel aus meiner Sicht: Der IS sollte schnell wachsen und die Kurden angreifen.

Ein Jahr später »vertrieben« auch in Ramadi angeblich ein paar Hundert IS-Kämpfer 6000 irakische Soldaten, die den Gotteskriegern ihre Waffen und Munition auf dem Silbertablett hinterließen. Zwar eroberten sie die Stadt später zurück, aber fürs Erste hatten die Islamisten Waffen und Munition erhalten – von denen, die angeblich ihre Feinde sind.

Und Europa? Europa hat nicht auf Assads Gewaltexzesse geantwortet und nicht auf die Besetzung von Land durch den IS seit 2013. Assad nimmt Europa deshalb nicht ernst. Aus den Kreisen des Regimes war bei jeder Gelegenheit zu hören, dass Europa keine machtvolle Kraft sei, dass es sich als schwach erwiesen habe, ja dass es auf der politischen Landkarte nicht existiere. Deshalb überraschte es auch nicht, dass ein rüdes Regime wie das von Assad Europa mit keinem Wort dafür dankte, dass es Hunderttausende seiner geflüchteten Landsleute aufnahm. Stattdessen machte Assad Europa dafür verantwortlich, dass sich in seinem Land eine Dschihadistenorganisation wie der IS breitmachen konnte. Dabei war es Assad gewesen, der dessen Krieger gewähren ließ, in der Hoffnung, angesichts dieser rücksichtslosen Terrororganisation würden sich alle Syrer und die ganze Welt hinter ihm scharen, um jene zu eliminieren.

Assad ist ein Trickser und Betrüger. Vielleicht glaubte Barack Obama wirklich, Assad habe alle seine Chemiewaffen vernichten lassen, mit denen er Tausende seiner Landsleute umbrachte wie Saddam Hussein 1988, als er Giftgas – das übrigens zu einem erheblichen Teil mithilfe deutscher Firmen hergestellt wurde – gegen Kurden in Halabdscha einsetzte. Wie damals gegenüber Hussein, so blieb es nach den Giftgasangriffen auf Ghuta im August 2013 auch gegenüber Assad bei Lippenbekenntnissen. Und von Assads Seite bei falschen Versprechungen. Von den Chemiewaffen, die doch angeblich danach alle vernichtet worden seien, sind noch genügend da, versteckt an Orten unweit der Küste im Westen, die Assad noch kontrolliert. Und so starrte im April 2017 die an der Nase herumgeführte Welt ungläubig auf die Bilder des Giftgasangriffs auf Chan Scheichun. Das syrische Regime ist eine listige Schlange, ihr ist kein Wort zu glauben.

Hätte Europa sich frühzeitig eingemischt, so wie es später Russland tat, dann hätte das möglicherweise eine Wirkung auf Assad gehabt. Aber nun haben wir den Diktator immer noch und die Terroristenbanden dazu. Deren Hass gilt auch dem Westen, und dass sie in der Lage sind, auch jenseits des von ihnen beherrschten Gebiets zuzuschlagen, haben sie hinlänglich bewiesen.

Weil das alle wissen und fürchten, könnte Assads Taktik aufgehen. Nachdem die USA die ganze Region in Unordnung gebracht haben, gab es 2014 erste Stimmen in Amerika und in Europa, es sei an der Zeit, mit Assad zu reden, weil nur mit ihm wieder Ruhe in Syrien geschaffen werden könne. »Nun wissen wir mit Sicherheit, dass wir Diktatoren nicht gewaltsam beseitigen können«, schrieb der CIA-Mann Graham E. Fuller damals. »Das führt selten zu Frieden und einer nachweislich besseren Regierung.« Er hielt es für eine bessere Strategie, Assad zu umarmen. Kein Geheimdienst eines westlichen Staates könne all das Wissen und Fühlen zusammentragen, das nötig sei, »um den Konflikt erfolgreich in die Richtung zu manipulieren, die wir wünschen«.6

Woran lag dieser Meinungsumschwung? Inzwischen hatte Abu Bakr al-Baghdadi den Machtkampf gegen die Al-Nusra-Front gewonnen. Viele ihrer Mitglieder waren übergelaufen, nachdem er im April 2013 den »Islamischen Staat im Irak und in Syrien« ausgerufen hatte, am 29. Juni 2014 den »Islamischen Staat im Irak und der Levante (ISIL)«. Eine Woche später sprach al-Baghdadi beim Freitagsgebet in der Al-Nuri-Moschee im nordirakischen Mossul öffentlich als »Kalif«, als ranghöchster Muslim, als Erbe Osama bin Ladens, als Nachfolger Mohammeds. Alle wahren Muslime forderte er auf, in sein Land zu kommen, um gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Die Auswanderung in das »Haus des Islam« sei Pflicht.

Muslime aus aller Welt folgten dem Aufruf. Und wir, die Kurden im Norden Syriens und des Irak, gehörten zu denen, die al-Baghdadi zuerst von dem Land vertreiben wollte, das er nun für sich reklamierte.

Aleppo ist heute das Symbol für Syrien, einen »failed state«. In dieser Stadt, die sich zunehmend zu einer Todeszone entwickelte, verbrachte ich einige der schönsten Stunden meines Lebens. Vier Jahre später, 2016, saß ich in Deutschland vor dem Fernseher und starrte entsetzt auf die Bilder von verstörten Menschen, die wie Geister durch die Trümmerhaufen von Aleppo schlichen. Damals fragte ich mich, wie lange dieser Albtraum noch andauern würde, wie viele Zivilisten noch durch Bomben zerfetzt würden. Und ob ich meine kurdische Heimat je wiedersehen würde.

Wir hatten ein gutes Leben in Qamishlo im Nordosten Syriens an der Grenze zur Türkei, wo ich 1993 zur Welt kam. 1999 zogen wir nach Damaskus, wo ich die Grund- und später die Oberschule besuchte. Meine Eltern achteten sehr darauf, ihre fünf Söhne und zwei Töchter zu anständigen Menschen zu erziehen und sie in eine gute Schule und auf die Universität zu schicken. Nachdem meine Geschwister nach Abschluss ihres Studiums ins Ausland gegangen waren, zwei davon nach Deutschland, waren wir, nun nur noch zu dritt, 2010 nach Qamishlo zurückgekehrt. Mein Vater leitete ein Transportunternehmen, und wir besaßen außerhalb der Stadt etwas Land.

Nach meinem Schulabschluss überlegte ich, welchen Weg ich nun einschlagen sollte. Als Kind hatte ich davon geträumt, Feuerwehrmann zu werden, ich mochte die Vorstellung, Menschen in Not zu helfen. Schließlich entschied ich mich aber doch für ein Studium; allerdings nicht in Damaskus – ich wollte etwas Neues kennenlernen –, sondern in Aleppo. 2011 schrieb ich mich dort an der Fakultät für Kunst und Geisteswissenschaften ein, mein Schwerpunkt war englische Literatur. Damals war Aleppo eine Stadt voller Touristen. Tagsüber las ich Shakespeare und Faulkner, abends ging ich mit meinen beiden besten Freunden in den Park, wo wir uns ins Gras setzten und klassische Musik hörten, in beliebten Restaurants syrische Gerichte aßen, gute Noten feierten und schließlich die Altstadt durchstreiften. Meine Welt war in Ordnung, alles fühlte sich gut an.

Ich war nicht lange in Aleppo, da begannen die Proteste gegen das Assad-Regime. Vom Frühjahr 2012 an demonstrierten auch die Studenten von Aleppo – im Hochschulgebäude. Ich hielt das für falsch. Demonstrationen gehörten auf die Hauptstraßen, ins Zentrum der Städte, nicht an eine Universität. Die Hochschule würde in Mitleidenschaft gezogen, dessen war ich mir sicher, es war nur eine Frage der Zeit.

In dieser Zeit kontrollierte die syrische Armee den größten Teil der Stadt, darunter den westlichen Teil der Altstadt mit der Universität, sowie den Flughafen im Osten. Rebellen verschiedenster Herkunft beherrschten einige Bezirke im Süden und Nordosten. Von Juli 2012 an kam es in Aleppo zu heftigen Kampfhandlungen, welche die nächsten Jahre andauern sollten.

Gegen die demonstrierenden Studenten schickte Assad seine Soldaten, sie warfen mit Tränengas und schossen um sich. Sie stürmten auch auf den Campus, schlugen Studenten, räumten deren Unterkünfte und verhafteten Dutzende, auch solche, die nicht an den Demonstrationen teilgenommen hatten. Das passiert im Chaos, der Krieg kennt keine Regeln mehr. Ich hatte Glück, ich wohnte fünf Kilometer östlich der Universität und fuhr nach Ende des Semesters nach Qamishlo.

Als ich zu Beginn des Wintersemesters im November zurückkehrte, hatte sich die Lage verschlechtert. Nicht alle Studenten hatten sich wieder immatrikuliert, einige hatten Aleppo gar nicht mehr erreichen können, weil Straßen gesperrt waren. Etliche Professoren waren in ihren Heimatorten geblieben, sie fürchteten, auf der Fahrt entführt zu werden – ein beliebtes Mittel, um Lösegeld zu erpressen.

Immer mehr Soldaten patrouillierten in den Straßen und kontrollierten willkürlich die Identität der Passanten, es kam zu Verhaftungen. Bomben fielen. Menschen verließen ihre Häuser, um sich in vermeintlich oder tatsächlich sichere Gegenden zurückzuziehen. Umgekehrt flüchteten sich viele Bewohner der Außenbezirke, wo Assads Armee Rebellen bombardierte, in die Stadt. Die Folge waren steigende Mieten, weshalb eine wachsende Zahl gerade dieser Flüchtlingsfamilien auf dem Campus »wohnte«.

Am Morgen des 15. Januar 2013 war ich auf dem Weg zur Universität, als ich in der Ferne drei gedämpfte Laute hörte: »Plop, plop, plop«. Wenige Sekunden später durchbrachen drei Raketen die Wolken und schlugen an einem zentralen Platz der Universität ein. Internationale Zeitungen und TV-Stationen berichteten von 80 bis 100 Toten. Syrische Medien nannten die Zahl 300. Wir sagen immer: Die syrischen Medien sind stets zehn Kilometer von der Wahrheit entfernt. In diesem Fall schien die von einheimischen Medien und der Regierung verbreitete hohe Opferzahl einem konkreten Zweck zu dienen: Assad behauptete nämlich, den Angriff hätten Terroristen zu verantworten.

Wir hatten bis dahin von terroristischen Gruppen nichts gehört, es gab sie noch nicht. Die Freie Syrische Armee besaß nur Kalaschnikows, kein TNT und keine Raketen. Katar, Saudi-Arabien und die Türkei lieferten damals auch noch nichts dergleichen. Doch Hunderte Menschen hatten die Wahrheit erkannt, sie hatten in den Himmel geblickt wie ich und die Raketen gesehen. Es war klar, von wem sie stammten. Assad hatte einen Platz zerstört, der unter seiner Kontrolle stand, um die Weltöffentlichkeit zu täuschen.