Mitternacht in Donezk - Grzegorz Szymanik - E-Book

Mitternacht in Donezk E-Book

Grzegorz Szymanik

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Beschreibung

Mitternacht in Donezk widmet sich der komplexen Realität und den Fantasiewelten der zeitgenössischen Region Donbass, um die im Ukraine-Krieg von Anfang an hart gekämpft wird. Die literarische Qualität der berühmten polnischen Reportagen geht hier Hand in Hand mit einer gründlichen Recherche: Wizowska und Szymanik beschäftigen sich nicht nur mit dem aktuellen Geschehen, sondern auch mit der Vergangenheit der Region. Im Fokus stehen der Alltag der Einwohner sowie deren Hoffnungen und Ängste zwischen Normalität und Katastrophe. In Mitternacht in Donezk werden sowohl die Ästhetik von Shooter-Spielen als auch Parodien dystopischer B-Movies sowie der magische Realismus mit seinen Verstrickungen zwischen Träumen und Politik evoziert. Doch sind diese Textcollagen tatsächlich nur raffinierte literarische Mittel oder spiegeln sie vielmehr Erzählungen wider, die es den Menschen vor Ort ermöglichen, mit der grausamen Realität besser umzugehen?

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Grzegorz Szymanik

Julia Wizowska

MITTERNACHT IN DONEZK

Literarische Reportage

Aus dem Polnischen übersetztvon Stanisław Strasburger

Grzegorz Szymanik

Julia Wizowska

Mitternachtin Donezk

Eine literarische Reportage

Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text wurde im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Kofinanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union oder wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können für diese verantwortlich gemacht werden.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Po północy w Doniecku

© 2016 Wydawnictwo Agora, Warschau

Erste Auflage

©2024 by Secession Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Stanisław Strasburger

Fremdsprachenlektorat: Simone Falk

Lektorat: Christian Ruzicska, Felicitas Fritzsche

Korrektorat: Felicitas Fritzsche

www.secession-verlag.com

Gestaltung: Eva Mutter, Barcelona

Satz: Marco Stölk, Berlin

Herstellung: Daniel Klotz, Berlin

Printed in Germany

eISBN 978-3-96639-115-3

»Wenn auf Straßenkreuzungen Panzerwagen stehen, wenn Feuer qualmen, in denen alte Wahrheiten verbrannt werden, so ist das keine historische Umwälzung mehr. Dann hat schon die neue Geschichte begonnen.«

Arkadi Strugatzki und Boris Strugatzki,Die Last des Bösen oder vierzig Jahre später.Deutsch: Kurt Baudisch, Wilhelm Heyne Verlag, 2011.

Inhalt

Kapitel 1. Denkmäler und Menschen – Winter 2013

Kapitel 2. Der Rote Sand – Sommer 2014

Kapitel 3. Die Hundeviertel – Frühling 2015

Kapitel 4. Die Hasenherzen – Herbst 2015

Bibliographische Angaben

Kapitel 1

Denkmäler und Menschen

Winter 2013

Hinterher sagten die Bewohner der Stadt, dass man das alles schon hätte vorhersehen müssen, als die Zeit stehen geblieben war. Etwa einen Monat bevor es losging, war so viel Staub in das Uhrwerk des Donezker Postturms eingedrungen, dass die Uhr nicht mehr lief. Um 8:55 Uhr blieben die Zeiger stehen.

»In einer Stadt, in der die Zeit stehen geblieben ist«, sagten die Einwohner, »kann nichts Gutes geschehen.«

Man spürt den Winter kommen. Der Wind treibt vereinzelte Schneeflocken über den Lenin-Platz und für einen Moment glauben wir, es seien Pusteblumen. Die Pfützen sind bereits gefroren und die Straßenlaternen spiegeln sich im Eis. Schneematsch bedeckt die Bänke. Vor dem Denkmal des Revolutionsführers hocken Tauben dicht an dicht, als wären sie Demonstranten. Die wenigen Passanten stellen ihre Kragen auf und versuchen, gegen den Wind die Artjom-Straße hinunterzulaufen. Es ist noch früh am Abend, aber die Stadt wirkt schläfrig. Sie bewegt sich langsam und träge, als wollte sie ihre Kräfte schonen für den Krieg, der in sechs Monaten ausbrechen soll.

Auf dem Markt von Donezk steckt der Mann in Lederjacke und Baseballmütze mit der Aufschrift ›Russian Division‹ gerade die raubkopierten CDs wieder in seine Tasche. Eigentlich heißt er Alexander Matjuschin, aber wegen seiner Schweizer Vorfahren nennen ihn die einen Sascha de Krog, für die anderen ist er einfach Warjag, von den Warägern, den Wikingern. In ein paar Monaten wird Warjag sein erstes Opfer töten.

Professor Sergei Baryschnikow verbringt diesen Abend in der Bierstube Sarmata. Baryschnikow lehrt Geopolitik an der örtlichen Universität und ist ein Genussmensch. Sein bärtiges, rundes Gesicht spiegelt sich in seinem leeren Bierkrug. In einem halben Jahr wird dasselbe Gesicht auf einer Terroristenliste zu sehen sein.

Sergei Sacharow zeichnet gerade ein Bild. Maler wollte er schon immer werden, aber davon kann man hier nicht leben. Also arbeitet er tagsüber als Innenarchitekt und malt abends. Auf seinen Leinwänden wimmelt es von verrückten Formen, Ovalen, Kreisen und Ornamenten, die aussehen wie Gewebe unbekannter Lebewesen unter dem Mikroskop. Doch seit einiger Zeit mischen sich Helme und Gewehre unter diese Formen. Warum, weiß er nicht.

Etwa zur gleichen Zeit schließt der einundvierzigjährige Andrei Purgin die Tür seines kleinen Baumarktes ab. Bald soll er stellvertretender Ministerpräsident eines Landes werden, das er sich selbst ausgedacht hat.

Dann ist da Pawlo Hubarjew. Er probiert gerade sein Väterchen Frost Kostüm an. Ein schwerer Mantel, weißer Bart bis zum Gürtel, die Mütze mit Pelzbesatz. Dazu Fausthandschuhe und dicke Filzstiefel, Walenki genannt. Seit acht Jahren trinkt Hubarjew nicht mehr und arbeitet nebenbei als Weihnachtsmann. Er besucht Menschen zu Hause und hört zu, wenn die Kinder ihm Gedichte vortragen. Bald wird er Kundgebungen leiten und den Menschen seine eigenen Ideen vortragen.

Die ältere Dame mit dem ergrauten Dutt, die gerade die Straße überquert, heißt Soja Andrijiwna. Sie ist pensionierte Mathematiklehrerin. Ob sie je gedacht hätte, dass sie sich bald vor ihren eigenen Schülern verstecken muss?

Und der Unternehmer Enrique Menendez. Er spielt gerade mit seiner Tochter. Doch die Frontlinien werden sie schnell voneinander trennen.

In Irina Dowgans Kosmetiksalon geschieht an diesem Abend etwas Seltsames. Zum ersten Mal in ihrem Leben streitet sie sich mit einer Kundin. Es geht um die protestierenden Studenten in Kiew. In einer kalten Nacht wurden sie von ukrainischen Milizionären blutig geschlagen. Die Kundin findet, dass ihnen das zu Recht geschah. »Ich nehme Ihnen jetzt die Schönheitsmaske ab, und dann kommen Sie nie wieder her«, antwortet Irina. Von diesem Tag an unterhält sie sich nicht mehr mit ihren Kundinnen. Stattdessen macht sie laute Musik an.

Nur im Donezker Science-Fiction-Literaturzirkel scheinen sich die Teilnehmer auf etwas vorzubereiten. Der Schriftsteller Fjodor Beresin schiebt, wie es seine Art ist, die Brille hoch auf die Stirn und beginnt zu sprechen. Das Thema seines Vortrags lautet: »Die Kriege der Zukunft oder was unsere Zivilisation jetzt erwartet.«

Denn lange bevor der Krieg in den Donbass kommt, haben die Menschen sich den Krieg selbst erdacht.

Der Schriftsteller Fjodor Beresin kam auf die Idee, dass Donezk von türkischen und ukrainischen Streitkräften angegriffen wird. Sein Kollege Georgi Sawizki erdachte sich einen Angriff von Ukrainern und Amerikanern. Gleb Bobrow nahm indessen an, man würde gegen Ukrainer und Polen kämpfen müssen.

Krieg kommt nie von selbst. Vorher gibt es immer jemanden, der von ihm träumt, der Angst vor ihm hat, der ihn in Gedanken führt und von Schlachten fantasiert. Oft taucht der Krieg zuallererst in der Kultur auf, in Büchern und in Songs, die davon erzählen, was zuvor unausgesprochen geblieben war. Die Saat wird gesät. Sie keimt, setzt sich in der Erde fest und breitet sich aus. Erst dann drängen die Sprossen an die Oberfläche.

Der Krieg von Fjodor Beresin fängt mit dem Seufzer eines Panzersoldaten an. Sein Roman Die Ukrainische Front. Rote Sterne über dem Majdan erschien im Jahr 2009. Der Krieg von Gleb Bobrow beginnt mit nächtlichem Regen. Sein Buch Ukraine im Krieg. Die Zeit der Totgeborenen veröffentlichte er im Jahr 2007. Der Roman von Georgi Sawizki, Schlachtfeld Ukraine. Die zerbrochene Trysub, aus dem Jahr 2009, fängt mit dem Marsch amerikanischer Truppen durch die ausgedorrte ukrainische Steppe an.

»Mein Roman«, Beresin klopft auf den orangefarbenen Umschlag seines Die Ukrainische Front, »ist in der Ukraine verboten worden. In die Buchläden von Donezk drangen ukrainische Sicherheitsleute ein und verlangten, den Roman aus den Regalen zu nehmen. Auf Festivals für Science-Fiction-Literatur findet man alle meine anderen Bücher, Die Mondvariante und die Reihe Die roten Sterne, nur dieses eine nicht. Der Verleger behauptet, er habe Angst bekommen. Ich will doch niemanden angreifen. Den Roman habe ich nur geschrieben, um zu zeigen, dass wir uns im Osten ziemlich von denen im Westen unterscheiden. Es könnte alles passieren. Zum Beispiel ein Bürgerkrieg. Den halte ich für sehr wahrscheinlich. Wie ich das Buch geschrieben habe? Ich habe meinen Finger über die Landkarte bewegt und viel nachgedacht. Wer könnte Appetit auf den Donbass bekommen? Ich kenne mich mit Kriegen gut aus. Bis 1991 war ich Berufssoldat, ich habe es sogar bis zum Kapitän geschafft«, erzählt er.

Beresin diente in den sowjetischen Raketentruppen in Kasachstan und im Fernen Osten. Als er dies aufgegeben hatte, Reservist wurde und nach Donezk zurückkehrte, brach gerade die UdSSR zusammen. Die Familie verarmte. Er musste in einer Mine arbeiten, trieb Handel, und als er sich einen Rechner und einen Drucker leisten konnte, fing er an, Romane zu schreiben. Er nahm sich vor, nur solche Bücher zu schreiben, die die Menschen auch lesen wollten.

Über den zukünftigen Krieg im Donbass wollten die Menschen lesen.

»Mir gingen verschiedene Szenarien durch den Kopf«, erzählt Gleb Bobrow aus Lugansk, und zupft dabei an seinem vollen, schwarzen Bart. »Wie könnte der Krieg aussehen? Was würde mit den russischsprachigen Bewohnern des Ostens passieren? Als ich alles durchdacht hatte, fing ich an zu schreiben. Ich weiß, wie man über den Krieg schreibt. 1982 kam ich als Wehrdienstleistender nach Afghanistan. Ich war in der Provinz Badachschan stationiert und war Scharfschütze.«

Für seinen Mut wurde Bobrow mit einer Medaille ausgezeichnet. Er bereute nie, dass er nach Afghanistan gegangen war, und er bereute auch nichts von dem, was er dort getan hatte. Nach dem Militärdienst arbeitete er als Schullehrer für Wehrunterricht, er malte auch Bilder für den Zirkus in Lugansk. Doch er musste sich eingestehen, dass er dafür nicht gemacht war. Er beschloss, Schriftsteller zu werden. Zuerst schrieb er Sachbücher, in denen er ukrainische Nationaldichter kritisierte. Er warf ihnen vor, sie würden die Ukrainer mit dem Virus des Nationalismus anstecken. Dann machte er sich an Erzählungen und Romane. Die Zeit der Totgeborenen erfreut sich bislang sechs Neuauflagen.

»Das Buch hat mich viel Zeit und Mühe gekostet. Ich fing schon 2005 an, erlitt aber einen Herzinfarkt. Wie durch ein Wunder habe ich überlebt. Keiner wollte meinen Roman herausbringen. Erst als ich ihn online stellte, habe ich ein Angebot bekommen. Ich war der Erste, der sich den Krieg im Donbass ausgedacht hat, lange vor Beresin und Sawizki.«

»Ich habe den Beschuss der Städte genauer beschrieben als Bobrow und Beresin«, plustert sich Georgi Sawizki auf, der Jüngste der drei. Als Einziger von ihnen ist er nicht beim Militär gewesen. Sawizki studierte in Donezk an der Fakultät für Biologie. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete er als Gärtner und züchtete Pilze. In seiner Freizeit tauchte er in die Welt der Flugzeuge und Luftkämpfe ein.

Georgi Sawizki ist ein Künstlername. Der Autor schrieb unter diesem Namen achtzehn Bücher, darunter Das Schlachtfeld Sewastopol über den Abwehrkrieg gegen die Amerikaner auf der Krim, Die atomare Revanche: Steh auf, du großes Land, wo die Amerikaner zwar den Roten Platz besetzen, doch hinter dem Ural die Russen bereits Kräfte für einen Gegenschlag sammeln, Der Impakt des Atoms: Ich sterbe, doch ich ergebe mich nicht über den Zusammenbruch der US-Wirtschaft, die letztendlich nur ein Krieg retten kann, und schon marschiert die NATO in Russland ein. Und natürlich Schlachtfeld Ukraine. Die zerbrochene Trysub, in dem er von einem fiktionalen Bürgerkrieg berichtet.

Die Kriege sind mit Liebe zum Detail beschrieben.

Der Krieg von Beresin beginnt am Flughafen von Donezk. Er bricht aus, als die Ukraine beschließt, NATO-Mitglied zu werden. Im Osten der Ukraine werden die Menschen wütend. Auf den Straßen von Donezk demonstrieren Zehntausende, auf dem Leninplatz stellen Protestierende Zelte auf. In Sachen NATO verlangt der Donbass ein Referendum. Derweil landen türkische Angriffstruppen auf dem Flughafen. Die türkische Tourismusbranche erleidet gerade eine schwere Krise wegen eines schiffbrüchigen Tankers vor der Küste Antalyas. Nun soll Abhilfe geschaffen werden: Junge Frauen werden aus den Studentenwohnheimen in Donezk entführt und in türkische Laufhäuser verschleppt. Die Türkei greift Donezk in Rücksprache mit Kiew an. Die Regierung ist sogar bereit, einige Gebiete im Osten abzutreten, wenn den Menschen aus der gesamten Region eine Lektion erteilt wird. Die Türken setzen Städte in Brand und die ukrainischen Soldaten schauen zu.

Bei Sawizki sind die Hintergründe des von ihm erdachten Krieges wirtschaftlicher Natur. Eine schwere Krise hat die Ukraine zu einem billigen Reservoir von Bodenschätzen für die US-Amerikaner gemacht:

»Die NATO-Strategen haben die Ukraine missbraucht, um Russland zu erpressen. Russland, das einzige Land, das noch genug Eier hat, um den Hamburger fressenden Möchtegern-Weltherrschern die Stirn zu bieten.«

Erst brechen Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und ukrainischen Nationalisten in Poltawa aus. Schaufenster mit russischen Aufschriften werden zerstört, in Läden wird eingebrochen, Autos werden angezündet und Passanten angepöbelt. Junge Piloten, tapfere Jungs aus dem Osten, stellen sich den Nationalisten entgegen. Um der Lage Herr zu werden, bittet der ukrainische Präsident die USA um Hilfe. Die Marines landen im Donbass, sie werden von nationalistisch-ukrainischen Paramilitärs begleitet.

»Sie marschierten in Reih und Glied, übermütig und siegessicher, im Banner der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten. Die Verachtung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Obwohl sie auf dem Majdan der Unabhängigkeit in Kiew mit Brot und Salz empfangen wurden, wusste der Osten, dass nun die Besatzer gekommen waren. Es war nicht der NATO-Beitritt der Ukraine, mit dem die Politiker zuvor immer wieder gedroht hatten. Es war eine Eroberung …«

Am Himmel fliegen Formationen US-amerikanischer Flugzeuge. Ein Völkermord an der russischsprachigen Bevölkerung beginnt, ganze Städte werden in Schutt und Asche gelegt.

Und die Krim? Bei Bobrow wird sie umkämpft. Bei Beresin machen sich die türkischen Streitkräfte daran, sie zu besetzen, und bei Sawizki löst sich die Halbinsel mit Hilfe der russischen Schwarzmeerflotte von der Ukraine und wird ein Teil von Russland.

»Der langsame Bär setzte sich auf sein haariges Hinterteil und zeigte die Eckzähne. Die schamlose ukrainische Sau rannte brüllend in ihren Stall.«

Die Krimtataren flehen die Russen an, sie mögen sie in ihr Land einbürgern.

Dann kommen die wahren Helden ins Spiel.

Beresin beschreibt, wie die Partisanenverbände des Major Killermann gegen Ukrainer und Türken im Osten kämpfen.

Bei Sawizki übermalt ein Kampfjetpilot namens Oleg die ukrainischen Abzeichen seiner Maschine mit roten Sternen und zerstört ganze Flugzeuggeschwader des Feindes. Dnipro liegt in Schutt und Asche, Poltawa wird vom Feuer verschlungen, aber dort, im Osten »ist die Zeit gekommen, dass Kinder für die Tempel und das Erbe ihrer Väter kämpfen.«

Weiter geht es so:

»Das Land der Bergbauer und Metallarbeiter hat den ›Kämpfern für Demokratie‹ den Weg versperrt. Korrupte westlich orientierte Politiker erklärten sie zu Separatisten und forderten sie auf, die Waffen niederzulegen, um die Einheit des Landes zu bewahren.«

Bei Bobrow gibt es eine Einheit von Diversanten. Sie wird von einem gewissen Derkulow angeführt und zählt einundzwanzig Mann. Sie haben nur fünf Granaten, eine alte Panzerbüchse RPG-7 und kein einziges Maschinengewehr. Die RPG wird von Antoscha bedient, dem Jüngsten in der Truppe, der zuvor nur in Shooter-Spielen geschossen hat.

Der Aufmarsch ukrainischer Truppen, die angeblich für die Einheit des Landes kämpfen, geht mit verbrannten Dörfern einher, mit Straßenkämpfen in den Städten und Wellen von Geflüchteten. Die Frontlinie durchschneidet Kramatorsk und Artjomowsk. Und in den Partisanenlagern wird ein bestimmtes Lied über den Feind gesungen: ›Noch sind die Wichser nicht verloren‹ – in der Melodie der polnischen Nationalhymne. Mit der Zeit ziehen Freiwillige nach, auch aus dem Ausland: aus Serbien und Weißrussland.

»Niemand zwingt sie. Sie sind die Herren über ihr eigenes Schicksal. Und über das Schicksal so mancher anderer. Sie gehen ihren Weg und vertrauen ihren Kommandanten, selbst in größter Dunkelheit, im Schlamm, im Anblick des Todes.«

Und dann kommt Russland ins Spiel.

In den herbeifantasierten Kriegen eilt Russland dem Donbass immer zu Hilfe. Russland liefert Waffen und entsendet Berater auch dann, wenn die Welt mit Sanktionen droht. Freiwilligenverbände ziehen aus Russland nach. Es sind Veteranen und Geflüchtete, schließlich kommen auch reguläre Streitkräfte. Die Bewohner des Donbass streuen ihnen Blumenblüten vor die Füße. Der Krieg breitet sich aus: vom Donbass über die ganze Ukraine …

Auch wenn die Romane sich durch viele Details voneinander unterscheiden, der Krieg bleibt immer der gleiche.

Und die prorussischen Nationalisten in Donezk lasen gerne Geschichten über den Krieg. Unter ihnen sind Sascha de Krog, CD-Verkäufer und zukünftiger Kommandant zweier Stadtteile in Donezk, und ›Patison‹ Pawel Gubarew, Besitzer einer PR-Agentur und zukünftiger Volksgouverneur der Region Donezk.

Doch all diese Geschichten waren Fiktion, pure Fantasie …

Schlagzeilen, Hauptausgaben der Tagesschau, Agenturmeldungen: »Besetzung von Regierungsgebäuden …«, »Wird der Präsident einlenken …?«, »Schon eine halbe Million Menschen versammelt …«

Im Dezember 2013 strömen Menschenmassen auf den Majdan, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Die Demonstranten wenden sich gegen Präsident Viktor Janukowitsch, der die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union verschoben und das Land auf Russland ausgerichtet hat. Nachdem am 30. November zahlreiche Studenten zusammengeschlagen werden, nimmt die Zahl der demonstrierenden Ukrainer zu. Am 1. Dezember sind bereits achthunderttausend Menschen auf den Straßen. Sie prangern die Korruption an, die das Land wie ein dichtes Netz überzieht, die Arroganz der Machthaber und die Demütigungen, denen sie ausgesetzt sind.

Die Lage spitzt sich zu. Plötzlich verschwinden die Anführer der Proteste, man findet sie zusammengeschlagen oder tot in den verschneiten Wäldern am Rande der Stadt. Innerhalb weniger Wochen umstellt eine Spezialeinheit namens Berkut den Platz. Journalisten aus aller Welt reisen nach Kiew, um die schnell wachsende Zeltstadt auf dem Majdan mit eigenen Augen zu sehen, um den Demonstranten über die Schulter zu schauen, um zu sehen, wie Barrikaden aus Eisblöcken und Pflastersteinen errichtet werden. Sie wollen die Proteste sehen, die von Tag zu Tag größer werden. Aber wir fahren weiter.

Im Waggon vom Typ Platskartny, mit Betten in offenen Abteilen, klirrt das Eis an den Fensterscheiben. Es riecht nach Brathähnchen, nach Schweiß und Bier. Wir fahren durch den Donbass, durch das Kohlebecken, nach Donezk. Neben der Krim ist das die prorussischste Region des Landes. Hier wird Russisch gesprochen und Russisch gedacht. Die Menschen verstehen ihre Mitbürger aus dem Westen nicht, auch nicht die, die in dieser schrecklichen Kälte auf dem Majdan Zelte aufschlagen. Von hier stammt der Präsident, und aus dem Osten kommt auch seine Partei der Regionen, die das Land regiert.

In Kiew demonstrieren Hunderttausende. Auch in Lwiw, Odessa, Dnipro, Poltawa, Bila Zerkwa, Saporischschja, Iwano-Frankiwsk und Trnopil gehen die Ukrainer auf die Straße. In Donezk hingegen herrscht Stille. Auf den schneebedeckten Plätzen der Stadt flanieren Tauben. Berichten denn nicht Medien aus aller Welt über die brutal zusammengeschlagenen Studenten? Die offizielle Zeitung der Donezker Stadtverwaltung, Municypalnaja Gaseta, herausgegeben von der Journalistin Jelena Blocha, veröffentlicht auf der Titelseite ein Foto aus der Stadt. Darauf sind Einwohner zu sehen, die Bäume pflanzen. Der Artikel trägt die Überschrift »Unsere Stadt, ein Garten.«

Donezk ist aus Feuer, Kohle und Stahl geboren. Alles begann mit einem Stahlwerk, das durch enge Straßen mit anderen Fabriken und Bergwerken verbunden wurde. Neben den Fabriken bauten die Stahlarbeiter und Bergleute ihre Häuser und so wuchs die Stadt.

Wir fahren vom Zentrum an den Stadtrand, vorbei an Wäldern und Feldern, plötzlich wieder dichte, städtische Bebauung, dann Wiesen, wieder Häuser, und immer noch ist es Donezk, ein Archipel aus Fabriken, Bergwerken und Weilern, achtunddreißig Kilometer lang und fünfundfünfzig breit.

Seit 1869 war Donezk aus Schweiß, Mühsal und Plackerei gewachsen und schwoll an, je mehr Menschen eintrafen. Sie kamen, um auf den Ländereien des walisischen Unternehmers John Hughes zu arbeiten. Ein bärtiger Mann in Weste, die Hand auf Hammer und Amboss gestützt, so blickt er uns von einem Denkmal in Donezk an.

Die Geschichte des Donbass lässt sich anhand der Biografien vierer Männer erzählen. Der erste ist John Hughes.

Hughes behandelte sein Leben wie das Metall, das er produzierte. Er bearbeitete, formte und härtete es so, wie er es für richtig hielt.

Er wurde 1814 in Merthyr Tydfil im Süden von Wales geboren. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde dort eine Eisenhütte gegründet, die, wie später in Donezk, das Dorf schnell in eine geschäftige Stadt verwandelte. Zeitweise war Merthyr Tydfil sogar das größte Eisenwerk der Welt.

Das Handwerk erlernte er von seinem Vater, einem Hütteningenieur. Obwohl Hughes kaum alphabetisiert war (er konnte nicht schreiben und kaum lesen), machte er sich durch seinen Erfindungsreichtum einen Namen und häufte schnell ein Vermögen an. Die Millwall Iron Works Company, deren Direktor er wurde, erhielt von der Regierung des zaristischen Russlands den Auftrag, am Ausbau der Festung Kronstadt mitzuarbeiten. Dort erfuhr Hughes von Plänen zur Entwicklung der Metallindustrie im Donbass und sicherte sich eine Konzession für den Bau einer Schienenfabrik.

Der Vertrag mit dem Russischen Reich verpflichtete Hughes, die Neurussische Aktiengesellschaft zu gründen, Kohle zu fördern und mit der Schienenproduktion zu beginnen. Im Gegenzug stellte ihm die Regierung das Land und seine Ressourcen zur Verfügung. 1870 machte sich Hughes mit acht Schiffen, vier seiner Söhne, hundert Metallurgen, Bergleuten und Spezialisten auf den Weg in den Donbass.

Vom Hafen Taganrog aus wurde das Material mit Ochsen durch die Steppe gezogen. Die Räder blieben im Schlamm stecken, der Winter war ungewöhnlich hart und in der Gegend wurden Choleraepidemien gemeldet. Doch allen Hindernissen zum Trotz konnte nach acht Monaten Arbeit der erste Schmelzofen in Betrieb genommen werden. In Anlehnung an den russischen Klang des Namens ›Hughes‹ begann man, den Ort ›Jusowka‹ zu nennen. Bergwerke wurden gebaut, Schächte und Stollen unter Tage gegraben, und das Gebiet um die Stadt füllte sich nach und nach mit Berghalden, Hügel mit vulkanartig flachen Kuppen, die im Laufe der Jahre von Gras und Unkraut überwuchert wurden. Auf der Strecke zwischen den Bergwerken und der Fabrik fuhren bald die ersten Züge.

Die Bauern aus der Umgebung suchten Arbeit. Sie fuhren auf Flößen, in stinkenden Kutschen, in Karren, die vor Kühe gespannt waren, oder gingen einfach zu Fuß nach Jusowka am Kalmius-Fluss (der Name stammt aus dem Türkischen und bedeutet »zu einem Horn gekrümmtes Haar«, weil sich das Flussbett so stark windet). Um 1870 lebten hier 164 Menschen, 1897 waren es bereits 29.000. Jusowka entwickelte sich planlos und wucherte wie eine unförmige Masse vor sich hin.

Doch Hughes kümmerte sich um seine Stadt in der Steppe, schmiedete Donezk wie Eisen. Er baute eine Feuerwehr und eine Polizei auf, die aus Firmengeldern finanziert wurden. Für die Geschäftsleute, die in Jusowka Stahl und Kohle kauften, baute er ein Hotel, das noch heute in Betrieb ist: das Great Britain. Für die Trinkwasserversorgung ließ er Becken ausheben. Gut sortierte Läden wurden eröffnet, Schenken und Trinkhallen mit deutschem Bier beliefert. Ein Postamt nahm seinen Betrieb auf. Da Arbeitskräfte aus anderen Gouvernements angeworben werden mussten, entstanden Wohnsiedlungen und Arbeiterhotels. Das Krankenhaus erhielt eine chirurgische Abteilung, Medikamente wurden kostenlos vergeben. Die Kinder der Bergleute und Stahlarbeiter konnten eine allgemeine und eine technische Berufsschule besuchen. Die Briten brachten auch den Fußball in die Steppe: Die ersten Amateurvereine wurden gegründet, die Spiele fanden im Schatten der Stahlwerke statt.

Dennoch blieb der Donbass der Wilde Westen Russlands. Die rauen Lebensbedingungen, die harte und gefährliche Arbeit in den Bergwerken schufen einen neuen Menschentypus, der sich von den alten ukrainischen Stadtbewohnern unterschied. Die Neuankömmlinge hatten keine Zeit, Traditionen des städtischen Zusammenlebens zu entwickeln. Jusowka gehörte der Firma Hughes, die Eigentümerin und alleinige Verwalterin der Grundstücke war. Die Gesellschaft verfügte über einen Wohnungsfonds und organisierte alle kommunalen Angelegenheiten, einschließlich der Erteilung von Genehmigungen für Handel und Gewerbe. Die Bewohner nahmen somit nicht am Leben der Stadt teil. Sie wählten keine Vertreter, sie interessierten sich nicht für den Bau des Wasserwerks. Sie wurden keine Bürger. Aber die Schufterei in den Fabriken und Bergwerken prägte die Gemüter. Das führte dazu, dass Arbeitervereine und revolutionäre Untergrundorganisationen an Bedeutung gewannen.

Hughes erlebte dies nicht mehr. Er starb 1889 auf einer Geschäftsreise in Sankt Petersburg. Seine Söhne erbten ein Hüttenwerk, eine Kokerei, zehn Kohlegruben, eine Eisenbahnlinie, eine Ziegelei sowie Kalk-, Sand- und Tongruben. Sie lebten noch einige Jahre in ihrem Haus, bis sie es 1903 wegen der aufkommenden revolutionären Stimmung verließen. Ein halbes Jahr vor der Oktoberrevolution erhielt Jusowka das Stadtrecht.

Die Revolution verwandelte das Hughes-Haus in eine Taubstummenanstalt und überführte die privaten Bergwerke an den Staat. Aber auch den Bolschewiki fehlten die Arbeiter. Selbst die Feinde des neuen Systems – Weißgardisten, Kulaken, Kapitalisten –, die anderswo vertrieben und verjagt worden waren, fanden hier Arbeit. Die Stadt erhielt den Namen Stalin.1

»So wurde sie zu Ehren von Lenin benannt«, erklärt uns der Donezker Historiker Waleri Stiopkin. »Das Zentralkomitee verkündete nämlich, Lenin sei die Lokomotive der Geschichte, und Lokomotiven sind ja aus Stahl. Nun, diese Herkunft des Namens wurde von den obersten Parteigenossen schnell vergessen. Zumal sich der Name damals als sehr unpassend erwies. Man denke nur an die möglichen Schlagzeilen in der Presse: ›Stalin hat den Plan nicht ausgeführt‹, ›Baupause. Stalin verzögert‹, ›Stalin: blutiger Mord‹. Also wurde der Buchstabe ›o‹ an ›Stalin‹ angehängt und die Stadt hieß fortan Stalino.«

Der Donbass sollte ein Schaufenster der sowjetischen Industrie werden, und die Machthaber wollten mit der Arbeiterklasse assoziiert werden, weshalb die Städte nach Ministern und Generälen benannt wurden. In den jungen Diktaturen waren die Posten von Ministern und Generälen jedoch unsicher, sodass die sowjetischen Städte oft umbenannt wurden, wenn diejenigen, die in Ungnade gefallen waren, in Lager geschickt oder zum Tode verurteilt wurden. Bachmut wurde in Artjomowsk umbenannt (zu Ehren des Revolutionärs Artjom, 1924), Jenakijewe in Rykow (zu Ehren von Rykow, 1928), dann in Ordschonikidse (weil Rykow 1936 zum Volksfeind erklärt wurde). Mariupol wurde in Schdanow umbenannt (1948, zu Ehren von Stalins verstorbenem Mitarbeiter Andrei Schdanow). Die mit Kliment Woroschilow verbundenen Namen verschwanden: Aus Woroschilowgrad wurde Lugansk und aus Woroschilowsk (bis 1931 Altschewsk) wurde Komunarsk (1961).

Und nach Stalins Tod wurde Stalino in Donezk umbenannt.

Doch schon vorher war der Donbass die bedeutendste Schwerindustrieregion der UdSSR und ihre wichtigste Energiedrehscheibe. Seine Bewohner, Bergleute und Metallurgen, sollten die Helden der neuen Welt werden. Stalin verkündete, die Sowjetunion müsse die Kluft zu den Industriestaaten mit einem Sprung überbrücken. Es bedürfe der gemeinsamen Anstrengung aller.

Der zweite Fünfjahresplan wurde eingeleitet. Und die Arbeitsnormen waren in der Tat heroisch. Wenn der Plan nicht erfüllt wurde, gab es einfach keinen Lohn. Hier kommt der Bergmann Alexei Stachanow ins Spiel. Er ist der zweite der Männer, deren Leben uns helfen wird, den Donbass zu verstehen.

Wir finden ihn etwa drei Stunden von Donezk entfernt, im Bergwerk Zentralnaja-Irmino. Damals war dies eine der am wenigsten ertragreichen Minen in der Region, und der Betriebsleitung drohte die Verbannung. Auf der Suche nach einem Ausweg kam der Vorsitzende des Betriebskomitees der Partei auf die Idee, den bisherigen Förderungsrekord zu brechen. Doch es fanden sich kaum Interessenten. Ein neuer Rekord bedeutete neue, hohe Anforderungen. Nur Stachanow meldete sich.

Stachanow stammte aus dem Dorf Lugowaja im Kreis Orlowskaja. Dort hütete er das Vieh und kümmerte sich um die Gärten. Er kam zum Bergwerk in der Hoffnung, genug Geld zu verdienen, um sich seinen Traum zu erfüllen: ein Schimmelpferd zu kaufen. Zunächst sicherte er den Streb und arbeitete als Huntstößer, doch bald lernte er, mit dem Presslufthammer umzugehen. Für den Rekord versprach man ihm eine Stute, Stiefel und einen Urlaub am Schwarzen Meer.

In einer Augustnacht im Jahre 1935 förderte er in 5 Stunden und 45 Minuten 102 Tonnen Kohle und übertraf damit die Norm um 1475 Prozent. Er selbst baute nur ab, andere luden für ihn, leuchteten aus und sicherten die Grubenwände.

Die Nachricht über den Landesrekord wurde in der Zeitung Prawda2 veröffentlicht. Grigori Ordschonikidse, der Volkskommissar für Schwerindustrie, wurde auf die Notiz aufmerksam und Alexei Stachanow nach Moskau beordert.

(Eigentlich hieß er Andrei. Auf dem Telegramm an die Prawda stand jedoch »A. Stachanow«, und die Journalisten deuteten den Anfangsbuchstaben falsch. Stalin erklärte: »Die Prawda kann sich nicht irren.« Und so wurde ein neuer Pass mit geändertem Namen ausgestellt).

Auf dem Kongress der Helden der Arbeit hielt Stachanow eine von der Propagandakommission des Zentralkomitees vorbereitete Rede. Nach ihm trat Stalin ans Rednerpult: »Genossen, das Leben ist besser geworden, das Leben ist fröhlicher geworden.«

Damit war die Stachanow-Bewegung geboren, und die Begeisterung erfasste das ganze Land. Alexei reiste durch die gesamte Sowjetunion, traf sich mit Arbeitern und spornte sie an. In den Stahlwerken, Bergwerken und Fabriken wurden immer neue Rekorde gebrochen. Sogar NKWD-Offiziere verhafteten so viele Menschen wie noch nie zuvor. Die Zeitschrift Stachanowez wurde gegründet, der örtliche Fußballverein in Stachanowez Donezk umbenannt. Im Dezember erschien Alexei auf der Titelseite des Time Magazine.

Dennoch, der Aufschwung stockte. Je mehr Rekorde aufgestellt wurden, desto höher wurden die Standards. Die immer ehrgeizigeren Pläne führten dazu, dass die Fabriken mit der Produktion nicht Schritt halten konnten und bei der Berichterstattung schummelten. Die Produktqualität sank, Maschinen verschlissen, die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich.

Stachanow lebte derweil in Moskau im luxuriösesten Gebäude der Stadt, dem sogenannten Haus am Kai. Er wurde mit dem Leninorden ausgezeichnet und ließ sich scheiden: Seine Frau vertrat Ansichten, die nicht mit der Parteilinie vereinbar waren. In der Hauptstadt freundete er sich mit Stalins Sohn Wassili an. Sie verbrachten ihre Tage im Hotel Metropol, wo sie sich betranken oder versuchten, Fische im hoteleigenen Aquarium zu fangen. Als Alexei einmal seine Jacke mit dem Leninorden darauf verlor, bekam er vom Diktator zu hören: »Wenn Sie den berühmten Namen Stachanow entehren, wird er Ihnen aberkannt.« Alexei war zum Eigentum der sowjetischen Propaganda geworden. Wie der ganze Donbass.

Der Zweite Weltkrieg, in der UdSSR Großer Vaterländischer Krieg genannt, hinterließ im Donbass rauchende Ruinen und eine bis heute lebendige Erinnerung an die Besatzer. Stachanow versuchte, sich als Freiwilliger an die Front zu melden. Er wurde jedoch abgelehnt. Das Imperium brauchte das Symbol. Im Volkskommissariat für Kohleindustrie wurde er zum Direktor der Abteilung für sozialistischen Arbeitswettbewerb ernannt, die eigens für ihn eingerichtet wurde.

Nach den Zerstörungen des Krieges baute die Bevölkerung Donezk wieder auf, und Hunderttausende kamen zur Zwangsarbeit: Heimkehrer, Kriegsgefangene und Häftlinge. »Der Donbass ist unsere neue Heimat geworden. Uns zieht es in die Minen genauso wie auf die Felder der Kolchosen. Und viele von uns haben beschlossen, nicht nur für einen Monat, sondern für immer im Donbass zu bleiben«, schrieb die Prawda.

Doch die Wahrheit war düster. Es fehlte an Lebensmitteln, die Wohnblocks waren überfüllt, Krankheitserreger schwirrten durch die Luft, die Kriminalität nahm zu:

»Ich schreibe dir diesen Brief, während ich eine rohe Rübe esse. So ernähren sie uns, liebe Mutter. Es gibt nicht einmal genug Rüben. Um ein Stück Rote Bete wird gekämpft. Liebe Mutter, ich wünsche meinem ärgsten Feind nicht, hier zu sein und diesen Hunger zu ertragen.«

»Es widert mich an, ein Maulwurf unter Tage zu sein und für umsonst zu arbeiten. Die Bergleute an der vordersten Arbeitsfront sind vor Hunger ganz aufgedunsen. Sie haben keine Kraft mehr zu arbeiten. Das ist Mord.«

»Ich arbeite in einem Bergwerk in der Stadt Stalino. Wir leben angeblich in Freiheit, aber diese Freiheit ist schlimmer als Sklaverei. Vor meinen Augen haben viele Kameraden ihre Seelen Gott anvertraut. Ein schrecklicher Anblick. Viele Gefährten sind geflohen, viele andere stehen wegen Diebstahls vor Gericht. Auch ich habe kein Gewissen mehr. Ich kann anderen das Brot aus der Hand reißen und brauche sonst nichts mehr im Leben (…). Oh, in was für Zeiten wir leben, ich hasse alle, und alle haben auch Angst vor mir.«

Dies sind einige Auszüge aus Briefen von Arbeitern, die von der Zensur beschlagnahmt wurden.

In Donezk vermischten sich Menschen aus der ganzen Welt wie in einem internationalen Kessel, in einer großen ethnischen Suppe. Und das sieht man auch heute noch.

Der Besitzer des kleinen Baumarktes, Andrei Purgin, trägt einen Lenin-Bart und hat acht Nationalitäten in seiner Familie.

Professor Baryschnikows Großvater väterlicherseits, Lawrenti, stammte aus Wjatka in Russland, seine Großmutter (geborene Olejnik) aus Bila Zerkwa bei Kiew.

Der Großvater des Unternehmers Enrique Menendez war ein Spanier, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Donbass niederließ. Juden, Polen und Griechen lebten dort.

Sascha de Krog hat einen russischen Großvater und eine kosakische Großmutter.

»Die Tataren sind unser aller Vorfahren«, pflegt er zu sagen. »Und noch weiter zurück stammen wir aus dem Schoß von Byzanz.«