Mitz, das Pinseläffchen - Sigrid Nunez - E-Book
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Mitz, das Pinseläffchen E-Book

Sigrid Nunez

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Beschreibung

Sigrid Nunez' beliebtester Roman – endlich neu übersetzt.

»Du hast eine Freundin gefunden.« Diese Worte markieren die erste Begegnung von Leonard und Virginia Woolf mit dem Pinseläffchen Mitz im Sommer 1934. Unter Leonards liebevoller Fürsorge erholt sich das kränkelnde Äffchen, wird bald zum untrennbaren Teil der Familie Woolf und sorgt in der legendären Bloomsbury Group für Heiterkeit. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen inspirierten Sigrid Nunez zu diesem intimen Porträt des Künstlerehepaars – eine berührende Geschichte über die heilsame Kraft der Verbindung zwischen Mensch und Tier. 

»In kurzen, glitzernden Sätzen beschreibt Sigrid Nunez das Leben der herrlich exzentrischen Woolfs.« The Wall Street Journal.

»Mit ihrem Witz, ihrer stilistischen Brillanz und ihrer Furchtlosigkeit, mit der sie die großen Fragen unseres Lebens adressiert, hat sich Sigrid Nunez eine große Leserschaft erschrieben.« Denis Scheck.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

1934 nahmen Virginia und Leonard Woolf ein Pinseläffchen namens Mitz bei sich auf, das aus Südamerika ins kalte England verschifft worden war. Unter Leonards liebevoller Fürsorge erholt sich das Äffchen, entwickelt eine tiefe Zuneigung zu den Woolfs und schließt bald Bekanntschaft mit Persönlichkeiten wie John Maynard Keynes und anderen Mitgliedern der Bloomsbury Group. Anhand von Briefen, Memoiren und Tagebüchern zeichnet Sigrid Nunez das Bild eines hinreißenden Tierchens und gewährt tiefe Einblicke in das Leben von Leonard und Virginia Woolf in den 1930er Jahren. Auf einer Autoreise durch NS-Deutschland etwa wird die ungewöhnliche Begleiterin zum Blickfang, mit überraschenden Folgen.

Ein einfühlsamer Roman über den Trost, den ein kleines Tier in unruhigen Zeiten spenden kann.

Über Sigrid Nunez

Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für »Der Freund« erhielt sie 2018 den National Book Award und erreichte international ein großes Publikum, auch im deutschsprachigen Raum wurde es ein Bestseller. Sigrid Nunez lebt in New York City.

Alle lieferbaren Titel der Autorin sehen Sie unter www.aufbau-verlage.de und mehr zur Autorin unter sigridnunez.com. 

Anette Grube, geboren 1954, lebt in Berlin. Sie ist die Übersetzerin von Arundhati Roy, Vikram Seth, Chimamanda Ngozi Adichie, Tsitsi Dangarembga, Kate Atkinson, Richard Yates und vielen anderen.

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Sigrid Nunez

Mitz, das Pinseläffchen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Anette Grube

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Motto

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Dank

Impressum

Zu jener Zeit hatte ich ein Pinseläffchen namens Mitz, das auf meiner Schulter oder in meiner Weste saß und mich fast überallhin begleitete.

LEONARD WOOLF,

Downhill All the Way

1

Es war ein Donnerstagnachmittag im Juli. Leonard und Virginia Woolf fuhren von London nach Cambridge, um ihre jungen Freunde Barbara und Victor Rothschild zu besuchen. Die Rothschilds hatten im vergangenen Dezember geheiratet. Sie lebten in einem herrschaftlichen, alten, grauen Haus, das Merton Hall hieß. Als die Woolfs ankamen, saß Barbara im Freien auf einem Stuhl in der Wiese, ihr hübsches Gesicht im Schatten eines großen Strohhuts. Sie kannten sie schon, seit sie ein Baby war. Jetzt erwartete sie selbst eins.

Sie nahmen einen Imbiss zu sich – nur sie drei; Victor hielt ein Schläfchen. Kalte Limonade – auf Wunsch mit Gin – und dünne, frisch zubereitete Sandwiches. Im Zimmer standen große Alabasterschalen mit Blumen. Eine Biene war hereingeflogen und schwirrte von Schale zu Schale, von roten Rosen zu weißen Rosen, summte unentschlossen. Auch Barbara war unentschlossen. Welchen Namen für einen Jungen? Welchen Namen für ein Mädchen? Sie und Victor wollten bald ins Ausland reisen – wo sollten sie wohnen? Dann gesellte sich Victor zu ihnen, vom Schlaf gerötet und mit strahlenden Augen, und wollte ihnen unbedingt den Garten zeigen. Virginia, die sehr eigen war, was Gärten anbelangte, gefiel dieser nicht (»hart wie ein Marmeladentörtchen … ein prätentiöser vernachlässigter Garten«, höhnte sie zwei Tage später in ihrem Tagebuch).

Während sie über die schmalen Wege schlenderten – Virginia mit Victor, Barbara und Leonard hinter ihnen –, ging der Nachmittag in den Abend über. Es war ein sengend heißer Tag gewesen. Jetzt frischte eine Brise auf, angenehm feucht, und eine Nachtigall sang. Die Sonne hing zwischen zwei dunklen Ulmen und vibrierte wie ein geschlagener Gong. Es wäre eine Schande gewesen, ins Haus zurückzukehren, deswegen nahmen sie das Abendessen auf dem Rasen ein, während die Schatten dunkler wurden und der Himmel sich in immer neue, tiefere Blautöne färbte. Als die ersten Sterne funkelten, verstummte die Nachtigall, als hätte sie für ihr Erscheinen gesungen.

Es war ein opulentes Abendessen. Leonard aß mit Vergnügen, lobte den Fisch, das Fleisch und den Wein. Doch obwohl sie die Großzügigkeit bewunderte, mit der sie bewirtet wurden, aß Virginia langsam, ohne Appetit. Das war nicht ungewöhnlich; Virginia musste sich oft zwingen, etwas zu essen. Aber als Leonard den Fisch pries, pries ihn auch Virginia. Als er sagte, das Kotelett sei perfekt gebraten, sagte sie, ihres sei es auch. Und als er einen Schluck Wein trank und ihn als köstlich bezeichnete, nickte sie zustimmend, obwohl sie noch nicht einmal daran genippt hatte. Viel Aufwand war betrieben worden, um es ihnen recht zu machen, und für solchen Aufwand musste man sich bedanken.

Obwohl sie an der Unterhaltung teilnahm und jedes Wort hörte, entging ihr nichts von dem, was um sie herum passierte. Ein Schriftsteller muss alles wahrnehmen, hatte der alte Freund ihres Vaters, Henry James, gesagt. (So eifrig hielt sich Virginia an diese Regel, dass Leonard sie bisweilen in der Öffentlichkeit ermahnen musste, die Leute nicht derart zu fixieren.) Das wechselnde Licht, die veränderlichen Farben des Himmels, der Flug von Schwalbe und Fledermaus, wann die Nachtigall sang und wann nicht – nichts davon übersah oder überhörte Virginia. Sie aßen den Nachtisch – Erdbeeren und Sahne –, als ihr etwas auf der anderen Seite des Rasens auffiel. Ein Geschöpf, klein und grau. Aber was? Virginia kniff die Augen zusammen und versuchte, es zu erkennen. Ein Eichhörnchen, dachte sie. Aber nein: Es war ungefähr so groß wie ein Eichhörnchen, doch es bewegte sich anders. Dieses Tier kroch, sah Virginia, und das tun Eichhörnchen nicht. Nein, es war nicht das flinke, hüpfende Wieseln eines Eichhörnchens. War es eine Ratte?, fragte sie sich und bemerkte jetzt mit einem leichten Schauder den langen dünnen Schwanz. Wieder nein. Das war nicht die unverkennbare bucklige Silhouette einer Ratte. Konnte es eine Katze sein? Eine sehr kleine Katze – ein Kätzchen? Virginia erinnerte sich, dass vorhin, als sie den Imbiss eingenommen hatten, eine Katze und vier Kätzchen im Garten herumgetollt waren. Aber keins davon war grau gewesen.

Es war kein Kätzchen. Es war –

»Ein Pinseläffchen.«

Victor sprach es aus, gerade als Virginia es auch sagen wollte. Unter den vielen Haustieren, die im Lauf der Zeit in ihrem Elternhaus in Kensington gelebt hatten, war auch ein Pinseläffchen gewesen. Aber das war lange her, und Virginia hatte es so gut wie vergessen.

Victor nahm jetzt seinen Teller und stellte ihn auf den Boden. Er schnalzte mit der Zunge. »Mitz!«, rief er. »Hierher, Mitz! Komm, komm!« Und Mitz kam – aber nicht wie zu erwarten über den Rasen hüpfend, sondern langsam, stockend wie ein Spielzeug, das an einer Schnur gezogen wird.

»Leider ist sie nicht ganz gesund«, sagte Victor. »Ich glaube, sie hat Rachitis.«

Wie klein sie war! Ein winziger Ball von einem Äffchen. Man hätte sie auf die Handfläche setzen können wie einen bepelzten Apfel. Der Kopf nicht größer als eine Walnuss, die Augen zwei schwarze Punkte und die allerwinzigsten Nasenlöcher – wie Nadelstiche. Ihr Fell war überwiegend grau – eichhörnchengrau –, aber Büschel helleres Fell wuchsen seitlich und hinten am Kopf (ein ziemlich clownesker Effekt, das muss man sagen). Mit beiden Pfoten griff sie nach einer Erdbeere und stopfte sie sich in den Mund. Sie aß viel zu schnell, um es zu genießen, blickte dabei rasch nach rechts und links, als fürchtete sie, ein anderes Geschöpf könnte auf dem Rasen auftauchen und ihr die Mahlzeit wegnehmen. Inzwischen hatte sie überall Sahne im Gesicht. Sie kaute noch, als sie die nächste Erdbeere nahm und ebenfalls in den Mund stopfte. Während die anderen lachten, sah Virginia weg. Sie war empfindlich, was Völlerei betraf. (»Ich mag keine Gier, wenn es um Essen & Kauen & Auftunken von Soße geht«, schrieb sie einmal in ihr Tagebuch aus Wut über einen gewissen Gast.) Doch Virginia war zu fasziniert, um den Blick lange abwenden zu können. Dieses nackte kleine Gesicht hatte etwas Menschliches, allzu Menschliches – Virginia hatte sich immer vorgestellt, dass Elfen (vielleicht) solche Gesichter hatten. Das Gesicht einer Elfe, Körper und Schwanz eines Nagetiers: Es war diese Kombination, die aus Mitz so ein Wunder machte. Man sah sie an und dachte: Wie grotesk. Um im nächsten Augenblick: Wie bezaubernd. Und dann wieder: Wie grotesk.

»Woher kommt sie?«, fragte Leonard.

»Ursprünglich aus Südamerika«, sagte Victor. »Ich habe sie in einem Trödelladen gefunden. Und für Barbara gekauft.« Barbara sagte daraufhin nichts, aber die Art und Weise, wie sie die Augen verdrehte, sprach Bände. Virginia verstand. Ein gesundes Äffchen war schon ein sonderbares Geschenk für eine Frau, die ein Baby erwartete. Ein kränkliches Äffchen …

»Das Erstaunliche bei dieser Art ist«, sagte Victor, der sich vielleicht ebenfalls an den Zustand seiner Frau erinnerte, »dass die Männchen den Weibchen bei der Geburt helfen.«

Virginia fiel die Kinnlade herunter. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ein erstaunliches Bild. »Wie – was –?«

»Wir glauben nicht, dass wir das wissen wollen«, sagte Barbara, verdrehte erneut die Augen und tätschelte leicht ihren gewölbten Bauch (das Kind sollte im September geboren werden).

Ein Dienstbote kam und räumte den Tisch ab. Virginia blickte zu Leonard und sah, dass er die Stirn runzelte, und sie meinte, genau zu wissen, was er dachte: Ein Trödelladen! Was hatte dieses arme Geschöpf in einem Trödelladen verloren? Victor hatte recht: Mitz war nicht gesund. Ihr stockender Gang deutete wahrscheinlich auf Rachitis hin. Ihr Fell war nicht glatt, wie es hätte sein sollen, sondern struppig und trocken mit ein paar kahlen rosa Stellen, wo Wunden verheilt waren. Das Fell um ihren Hals war abgewetzt und die Haut aufgerieben. Offensichtlich war Mitz einst angekettet gewesen …

Nachdem sie die Beeren verschlungen und die letzte Spur Sahne aufgeleckt hatte, stieß Mitz eine Reihe Schreie aus – einen schrillen schnatternden Affensatz, der sich am Ende hob wie eine Frage. Da niemand ihn verstand, konnte niemand antworten. Sie schaute in die vier Gesichter vor dem dunkler werdenden Himmel, und was immer sie suchte, sie schien es in Leonards langem, schmalem, knöchernem Gesicht zu finden. Sie sprang auf seinen Schoß.

»Du hast eine Freundin gefunden«, sagte Barbara. Und Victor sagte: »Ich habe noch nie gesehen, dass sie so schnell an jemandem Gefallen findet.«

Virginia war nicht überrascht. Die Woolfs (oder die Wölfe, wie sie weithin genannt wurden) waren seit zweiundzwanzig Jahren verheiratet, und in diesen zweiundzwanzig Jahren war Virginia oft genug Zeugin davon geworden, wie Tiere Gefallen an ihrem Mann fanden. Er liebte Tiere, und sie war überzeugt, dass er wie Victor ein krankes, dahinsiechendes Äffchen aus einem Trödelladen gerettet hätte. Ebenso überzeugt war sie, dass er es niemals zum Geschenk erklärt hätte.

Mitz saß auf Leonards Knie. Mit der Fingerspitze kraulte er ihren Kopf, was sie zu mögen schien. Sie schloss die Augen, schlang den Schwanz fest um sich und döste ein.

Brandy wurde serviert. Leonard zündete seine Pfeife an und Victor eine Zigarre. Das Gespräch wurde fortgesetzt. Es kreiste an diesem Abend um ernste Dinge, und sie kamen immer wieder – was zweifellos auch an vielen anderen Esstischen der Fall war – auf das gleiche Thema zu sprechen. Vor drei Wochen waren in Deutschland Hunderte Menschen niedergemetzelt worden. Damit hatten sich die schlimmsten Befürchtungen wegen Hitler bestätigt, der im Jahr zuvor an die Macht gekommen war. Derzeit war der Gedanke an Krieg allgegenwärtig. Der Krieg von 1914 war den Woolfs äußerst schmerzlich in Erinnerung. Einer von Leonards Brüdern war in diesem Krieg gefallen und ein anderer schwer verwundet worden (beim selben Angriff und von derselben Granate getroffen). Noch so ein Krieg wie der von 1914, sagte Leonard, und mit der Zivilisation wäre es vorbei.

Die Brise, die sie während des Essens gekühlt hatte, wurde heftiger. Barbara zog ihr Schultertuch fester um sich. Virginia schlang sich eine Strickjacke um die Schultern. Im Haus gingen Dienstboten von Zimmer zu Zimmer, schlossen die Fenster, zogen die Vorhänge zu. Mitz schmatzte im Schlaf – träumte sie von Erdbeeren mit Sahne?

Leonard blickte auf seine Uhr. »Um Himmels willen«, sagte er. Es war nach zehn. Die Woolfs mussten aufbrechen. Leonard stand auf, Mitz erwachte, und als er sie absetzen wollte, klammerte sie sich an seinen Ärmel, an sein Hosenbein, an seinen Schuh.

»Ich glaube, sie hat sich verliebt«, sagte Victor, und alle lachten.

Bevor die Woolfs nach Hause fuhren, wurden sie noch einmal ins Haus gebeten, um sich die Bibliothek anzusehen. Victor hatte eine erlesene Büchersammlung, viele seltene Ausgaben, in rotes Saffianleder gebunden. Die Woolfs bewunderten einen Band von Wordsworth und eine Erstausgabe von Gullivers Reisen. Die meisten Bücher hatte Victor erst vor Kurzem erworben – es sei Virginias Der gewöhnliche Leser gewesen, der in ihm den Bibliophilen geweckt habe, sagte er. Wieder biss sich Virginia auf die Zunge und hob sich die Kritik für ihr Tagebuch auf: »Ah, aber so liest man nicht … Zu einfach; bei Sotheby’s zu sitzen und mitzubieten.«

Auf dem Rückweg nach London gähnte Virginia immer wieder. Normalerweise blieben sie nicht so lange weg. Sie und Leonard sprachen über den Abend, machten sich über ihre Freunde lustig (der Garten, die Bücher), so wie viele reiche Leute oft befürchten, dass es Literaten, die sie bewirtet haben, auf dem Nachhauseweg tun. Dennoch gab es viel, worum sie die Rothschilds beneideten. Nicht um den Reichtum, denn die Woolfs verachteten Reichtum, aber um die Zukunft, das Baby, das im September auf die Welt kommen sollte, das ganze Leben, das sie noch vor sich hatten. In einem Wort: um ihre Jugend.

Als sie vor zweiundzwanzig Jahre heirateten, hatten auch Leonard und Virginia geglaubt, dass sie Kinder haben würden.

Sie fuhren mit offenem Verdeck. Die Straße war verlassen, die Felder waren schwarz. Es war Mitternacht, der 19. Juli 1934.

2

Die Woolfs lebten seit zehn Jahren in 52 Tavistock Square. Das Haus hatte drei Stockwerke. Leonard und Virginia wohnten im zweiten und dritten Stock; das Erdgeschoss und der erste Stock waren an die Anwaltskanzlei Dollman & Pritchard vermietet. Im Keller befand sich ein altes Billardzimmer, das Virginia als Arbeitszimmer nutzte. Dort, mitten in einem Durcheinander, das ihren Mann stets aufs Neue erstaunte, saß sie morgens in einem großen, alten, zerfledderten Sessel, mit einem Sperrholzbrett auf den Knien, tauchte ihren Federhalter in ein Tintenfass, das sie auf das Brett geklebt hatte, und schrieb.

Im Keller befand sich auch der Verlag der Woolfs. Die Hogarth Press, die sie 1917 gegründet hatten (da sie beide der Ansicht waren, dass einem Schriftsteller und einer Schriftstellerin nichts mehr Spaß machen könne, als seine oder ihre eigenen Bücher selbst zu verlegen), war im Lauf der Jahre zu einem wichtigen Unternehmen geworden. Die Woolfs publizierten einige der besten Autoren ihrer Zeit und ihre Freunde (wobei es sich manchmal, aber nicht immer um dieselben Personen handelte).

Die Woolfs hatten eine feste Routine, von der sie nur selten abwichen. Jeden Morgen um halb zehn, gleich nach dem Frühstück (das Leonard Virginia immer ans Bett brachte), gingen sie in ihr jeweiliges Arbeitszimmer, um zu schreiben. Sie schrieben von halb zehn bis eins. Die Woolfs hatten so viele Vormittage ihres Lebens auf diese Weise verbracht, dass sie zusammen bis 1934 über zwanzig Bücher verfasst hatten. Um eins trafen sie sich zum Mittagessen. Manchmal hatten sie einen Gast. Es konnte Virginias Schwester Vanessa Bell sein oder eins von Vanessas Kindern oder einer oder eine der vielen Freunde und Freundinnen der Woolfs: Maynard Keynes oder E. M. Forster, genannt Morgan, oder Tom Eliot oder Vita Sackville-West. Dieser Tage war es oft (zu oft, beschwerte sich Virginia) die geschwätzige Ethel Smyth, nach deren Besuchen Virginia immer erschöpft und heiser war, weil sie in Ethels Hörrohr schreien musste.

Nach dem Mittagessen lasen die Woolfs ihre Post und die Zeitungen. Die Nachmittage widmeten sie für gewöhnlich dem Abtippen und Überarbeiten dessen, was sie am Morgen geschrieben hatten, oder sie kümmerten sich um Verlagsangelegenheiten. Wann immer das Wetter schön war (und oft auch wenn nicht), ging Virginia am Nachmittag gern spazieren. Es war eine ihrer größten Leidenschaften. Sie hatte sie neben der Leidenschaft für Literatur von ihrem Vater, Leslie Stephen, geerbt, der zu seiner Zeit ein begeisterter Spaziergänger gewesen war. Virginia erinnerte sich, dass er frühmorgens mit einem Paket Sandwiches aufbrach und erst wieder zurückkehrte, als der Abend dämmerte. Virginia war gern ein, zwei Stunden lang unterwegs. Für sie war ein Spaziergang, auch durch wohlbekannte Straßen, ein Abenteuer. Sie liebte es, Leute zu sehen, ihnen ins Gesicht zu schauen, sich ihr Leben vorzustellen und Geschichten über sie zu erfinden. Wenn sie spazieren ging, fiel sie manchmal in eine Art Trance – oft auch wenn sie schrieb –, und sie begann, laut mit sich selbst zu sprechen, schreckte damit Passanten auf und wurde ausgelacht. Unterwegs schrieb sie manchmal tatsächlich – überarbeitete in Gedanken Sätze, die sie am Morgen verfasst hatte, entwickelte Szenen.

Leonard, der ebenfalls gern spazieren ging, begleitete Virginia manchmal, und ihren Cockerspaniel Pinka ließ er mehrmals am Tag über den Tavistock Square laufen. Da er sich so oft dort aufhielt, hatte Leonard mit dem Platzwart Bekanntschaft geschlossen, eine Art Klatschbase von Bloomsbury, von dem Leonard viel über seine Nachbarn erfuhr.

Um halb fünf gab es Tee und um acht Abendessen, und auch dann empfingen die Woolfs oft Gäste.