Der Freund - Sigrid Nunez - E-Book

Der Freund E-Book

Sigrid Nunez

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14,99 €

Beschreibung

New York Times-Bestseller und Gewinner des National Book Award. Eine Frau, die um ihren Freund trauert, ein riesiger Hund – und die berührende Geschichte ihres gemeinsamen Wegs zurück ins Leben. Als die Ich-Erzählerin, eine in New York City lebende Schriftstellerin, ihren besten Freund verliert, bekommt sie überraschend dessen Hund vermacht. Apollo ist eine riesige Dogge, die achtzig Kilo wiegt. Ihr Apartment ist eigentlich viel zu klein für ihn, außerdem sind Hunde in ihrem Mietshaus nicht erlaubt. Aber irgendwie kann sie nicht Nein sagen und nimmt Apollo bei sich auf, der wie sie in tiefer Trauer ist. Stück für Stück finden die beiden gemeinsam zurück ins Leben. Ein Buch über Liebe, Freundschaft und die Kraft des Schreibens -- und die tröstliche Verbindung zwischen Mensch und Hund. »Auf fast jeder Seite wollte ich mir mehrere Sätze anstreichen, bis ich es irgendwann gelassen habe, man kann ja nicht ein ganzes Buch anstreichen. Es handelt von Freundschaft, Trauer und Schreiben, könnte nicht knapper und eleganter formuliert sein.« Johanna Adorján. »Mit "Der Freund" ist Sigrid Nunez über Nacht berühmt geworden als Titanin der amerikanischen Gegenwartsliteratur.« The New York Times. »Eine der schwindelerregend genialsten Autorinnen überhaupt.« Gary Shteyngart.

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Seitenzahl: 259

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Über Sigrid Nunez

Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für »Der Freund« erhielt sie 2018 den National Book Award und erreichte ein großes Publikum. Sie lebt in New York City.

Anette Grube, geboren 1954, lebt in Berlin. Sie ist die Übersetzerin von Arundhati Roy, Vikram Seth, Chimamanda Ngozi Adichie, Mordecai Richler, Yaa Gyasi, Kate Atkinson, Monica Ali, Richard Yates u.a.

Informationen zum Buch

New York Times-Bestseller und Gewinner des National Book Award.

Eine Frau, die um ihren Freund trauert, ein riesiger Hund – und die berührende Geschichte ihres gemeinsamen Wegs zurück ins Leben.

Als die Ich-Erzählerin, eine in New York City lebende Schriftstellerin, ihren besten Freund verliert, bekommt sie überraschend dessen Hund vermacht. Apollo ist eine riesige Dogge, die achtzig Kilo wiegt. Ihr Apartment ist eigentlich viel zu klein für ihn, außerdem sind Hunde in ihrem Mietshaus nicht erlaubt. Aber irgendwie kann sie nicht Nein sagen und nimmt Apollo bei sich auf, der wie sie in tiefer Trauer ist. Stück für Stück finden die beiden gemeinsam zurück ins Leben. Ein Buch über Liebe, Freundschaft und die Kraft des Schreibens – und die tröstliche Verbindung zwischen Mensch und Hund.

»Auf fast jeder Seite wollte ich mir mehrere Sätze anstreichen, bis ich es irgendwann gelassen habe, man kann ja nicht ein ganzes Buch anstreichen. Es handelt von Freundschaft, Trauer und Schreiben, könnte nicht knapper und eleganter formuliert sein.« Johanna Adorján.

»Mit ›Der Freund‹ ist Sigrid Nunez über Nacht berühmt geworden als Titanin der amerikanischen Gegenwartsliteratur.« The New York Times.

»Eine der schwindelerregend genialsten Autorinnen überhaupt.« Gary Shteyngart.

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Sigrid Nunez

Der Freund

Roman

Aus dem Amerikanischen von Anette Grube

Inhaltsübersicht

Über Sigrid Nunez

Informationen zum Buch

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1. Teil

2. Teil

3. Teil

4. Teil

5. Teil

6. Teil

7. Teil

8. Teil

9. Teil

10. Teil

11. Teil

12. Teil

Dank

Impressum

Es ist nicht so, dass man hoffen kann, sich schreibend über seine Trauer hinwegzutrösten.

Natalia Ginzburg, »Mein Beruf«

So siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; der hat ein paar Augen so groß wie Teetassen; doch darum sollst du dich nicht kümmern!

Hans Christian Andersen, »Das Feuerzeug«

Die Frage, die jeder Roman zu beantworten sucht, lautet: Ist das Leben lebenswert?

Nicholson Baker, »The Art of Fiction No. 212«, The Paris Review

1. Teil

In den 1980er Jahren suchte in Kalifornien eine große Zahl Frauen aus Kambodscha mit den gleichen Beschwerden einen Arzt auf: Sie konnten nicht mehr sehen. Alle Frauen waren Kriegsflüchtlinge. Bevor sie aus ihrer Heimat flohen, waren sie Opfer der Gräuel geworden, die die Roten Khmer, zwischen 1975 und 1979 an der Macht, verübt hatten. Viele der Frauen waren vergewaltigt oder gefoltert oder auf andere Weise brutal behandelt worden. Die meisten hatten mit ansehen müssen, wie Familienmitglieder vor ihren Augen umgebracht wurden. Eine Frau, die ihren Mann und ihre drei Kinder nie wiedergesehen hat, nachdem sie von Soldaten abgeholt worden waren, erzählte, dass sie das Augenlicht verlor, nachdem sie vier Jahre lang jeden Tag geweint hatte. Sie war nicht die einzige, die sich scheinbar blind geweint hatte. Andere sahen nur verschwommen oder teilweise, ihre Augen schmerzten oder nahmen nur noch Schatten wahr.

Die Ärzte, die die Frauen – insgesamt ungefähr einhundertfünfzig – untersuchten, stellten fest, dass ihre Augen gesund waren. Weitere Untersuchungen ergaben, dass auch ihr Gehirn normal arbeitete. Wenn die Frauen die Wahrheit sagten – und manche bezweifelten es und glaubten, die Frauen würden simulieren, weil sie Aufmerksamkeit suchten oder hofften, Erwerbsunfähigkeitsrente zu beziehen –, war die einzige Erklärung psychosomatische Blindheit.

Mit anderen Worten, die Frauen, die so viel Entsetzliches hatten mit ansehen müssen und nicht mehr in der Lage waren, noch mehr zu verkraften, hatten es geschafft, das Licht auszuschalten.

Das war das Letzte, worüber du und ich gesprochen haben, als du noch am Leben warst. Danach kam nur noch deine E-Mail mit der Liste der Bücher, von denen du geglaubt hast, dass sie für meine Recherche hilfreich sein könnten. Und, weil es der Jahreszeit entsprach, die besten Wünsche für das neue Jahr.

In dem Nachruf auf dich waren zwei Fehler. Das Jahr, als du von London nach New York gezogen bist: ein Jahr daneben. Der Mädchenname deiner ersten Frau war falsch geschrieben. Kleine Fehler, die später berichtigt wurden, die dich jedoch, wie wir alle wussten, über die Maßen geärgert hätten.

Doch bei deiner Trauerfeier hörte ich etwas, das dich amüsiert hätte:

Ich wünschte, ich könnte beten.

Was hält dich davon ab?

Er.

Hätte, wäre. Die Toten halten sich im Konditional auf, in der Zeitform des Nichtwirklichen. Zugleich ist da das außergewöhnliche Gefühl, dass du allwissend geworden bist, dass nichts, was wir tun oder denken oder empfinden, vor dir verborgen bleibt. Das außergewöhnliche Gefühl, dass du diese Worte liest, dass du weißt, wie sie lauten werden, noch bevor ich sie schreibe.

Es stimmt, dass man nur noch verschwommen sieht, wenn man lange genug heftig genug weint.

Ich ruhte, es war mitten am Tag, aber ich lag im Bett. Von dem vielen Weinen hatte ich Kopfweh bekommen, ich hatte seit Tagen pochende Kopfschmerzen. Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Es war noch Winter, neben dem Fenster war es kalt, es zog. Doch es fühlte sich gut an – so, wie es sich gut anfühlte, die Stirn an das eiskalte Glas zu drücken. Ich blinzelte, aber meine Sicht wurde nicht klar. Ich dachte an die Frauen, die sich blind geweint hatten. Ich blinzelte und blinzelte, Angst stieg in mir auf. Dann sah ich dich. Du hattest deine alte braune Bomberjacke an, die dir zu eng war – und deswegen an dir nur umso besser aussah –, und dein Haar war dunkel und dicht und lang. Daher wusste ich, dass es vor langer Zeit war. Vor sehr langer Zeit. Vor fast dreißig Jahren.

Wohin warst du unterwegs? Du hattest kein bestimmtes Ziel. Nichts zu erledigen, keine Verabredung. Du bist nur herumgeschlendert, die Hände in den Taschen, und hast die Straße in dich aufgenommen. Das war dein Ding. Wenn ich nicht spazieren gehen kann, kann ich nicht schreiben. Morgens hast du gearbeitet, und an einem bestimmten Punkt, der immer kam, als es schien, als könntest du nicht einmal mehr einen einfachen Satz schreiben, bist du hinausgegangen und meilenweit gelaufen. Verflucht waren die Tage, wenn das schlechte Wetter dich daran hinderte (was nur selten der Fall war, weil dich weder Kälte noch Regen davon abhielt, nur ein richtiger Sturm konnte dir einen Strich durch die Rechnung machen). Nach deiner Rückkehr hast du dich wieder hingesetzt und weitergearbeitet und dabei versucht, den Rhythmus beizubehalten, der sich während des Gehens eingestellt hatte. Und je besser dir das gelungen ist, umso besser war, was du geschrieben hast.

Denn es geht nur um den Rhythmus, hast du gesagt. Gute Sätze beginnen mit einem Taktschlag.

Du hast einen Essay gepostet, »Wie man zum Flaneur wird«, über die Gewohnheit, in der Stadt spazieren zu gehen und zu bummeln, und ihren Platz in der literarischen Kultur. Du musstest heftige Kritik einstecken, weil du infrage gestellt hast, ob es so etwas wie eine Flaneuse wirklich geben kann. Du hast es nicht für möglich gehalten, dass eine Frau mit der gleichen Einstellung und auf die gleiche Weise durch die Straßen schlendern kann wie ein Mann. Eine Fußgängerin ist ständiger Belästigung unterworfen: Blicke, Kommentare, Pfiffe, Grabschen. Eine Frau wird dazu erzogen, immer auf der Hut zu sein: Kommt ihr dieser Mann zu nahe? Folgt ihr der Kerl? Wie soll sie sich da jemals so sehr entspannen, dass sie das Gefühl für sich selbst verliert und die Freude des reinen Seins erfährt, die das Ideal des wahren Flanierens ist?

Du hast geschlossen, dass das Äquivalent für Frauen wahrscheinlich Shopping sein muss – insbesondere das unverbindliche Sichumsehen, wenn man nicht wirklich etwas kaufen will.

Ich fand, dass du mit allem recht hattest. Ich kenne viele Frauen, die sich wappnen, wann immer sie aus dem Haus gehen, sogar ein paar, die es möglichst vermeiden, das Haus überhaupt zu verlassen. Natürlich muss eine Frau nur warten, bis sie ein gewisses Alter erreicht und unsichtbar wird, und – Problem gelöst.

Man beachte, dass du das Wort Frauen benutzt hast, als du eigentlich junge Frauen gemeint hast.

In letzter Zeit bin ich viel spazieren gegangen, aber ich habe nichts geschrieben. Ich habe meinen Abgabetermin versäumt. Und erhielt einen barmherzigen Aufschub. Habe auch die nächste Deadline versäumt. Jetzt glaubt der Lektor, dass ich simuliere.

Ich war nicht die Einzige, die den Fehler beging, zu glauben, du würdest es nicht tun, nur weil du so viel darüber gesprochen hast. Und schließlich warst du nicht der unglücklichste Mensch, den wir kannten. Du warst nicht der am meisten Deprimierte (man denke an G, an D oder an T-R). Du warst nicht einmal – so seltsam es jetzt auch klingen mag – der am meisten Selbstmordgefährdete.

Aufgrund des Zeitpunkts – so kurz nach Jahresbeginn – könnte man meinen, dass es ein fester Entschluss gewesen ist.

Bei einer dieser Gelegenheiten, als du darüber gesprochen hast, sagtest du, dass deine Studenten dich davon abhalten würden. Du warst natürlich besorgt wegen der Wirkung, die so ein Beispiel auf sie haben könnte. Dennoch haben wir uns nichts dabei gedacht, als du letztes Jahr aufgehört hast zu unterrichten, obwohl wir wussten, dass du es gern getan und das Geld gebraucht hast.

Ein anderes Mal sagtest du, dass es für eine Person, die ein gewisses Alter erreicht hat, eine rationale Entscheidung, ein vollkommen vernünftiger Entschluss, sogar eine Lösung sein kann. Im Gegensatz dazu kann es immer nur ein Fehler sein, wenn ein junger Mensch sich umbringt.

Einmal hast du uns zum Lachen gebracht mit dem Satz: Ich glaube, mir wäre eine Novelle von einem Leben lieber.

Dass Stevie Smith den Tod als den einzigen Gott bezeichnete, der kommen muss, wenn man ihn ruft, hat dich köstlich amüsiert, ebenso die anderen Arten, wie die Leute ausgedrückt haben, dass sie nicht weiterleben könnten, wenn es die Möglichkeit des Selbstmords nicht gäbe.

Als Samuel Beckett an einem schönen Frühlingsvormittag mit einem Freund spazieren ging, fragte ihn dieser: Freut man sich an so einem Tag nicht, dass man am Leben ist? So weit würde ich nicht gehen, antwortete Beckett.

Und warst nicht du es, der uns erzählt hat, dass Ted Bundy einmal bei einer Selbstmordhotline gearbeitet hat?

Ted Bundy.

Hallo. Ich heiße Ted und höre zu. Sprechen Sie mit mir.

Dass es eine Trauerfeier geben sollte, überraschte uns, die wir dich sagen gehört hatten, dass du so etwas nie und nimmer wolltest, dass du die Vorstellung abstoßend fandst. Hat sich Ehefrau Drei einfach dafür entschieden, deinen Wunsch zu ignorieren? Oder hattest du versäumt, es schriftlich festzuhalten? Wie die meisten Selbstmörder hast du keine Notiz hinterlassen. Ich habe nie verstanden, warum es Notiz genannt wird. Es muss Selbstmörder geben, die sich nicht kurzfassen. Im Deutschen heißt es Abschiedsbrief. (Besser.)

Zumindest wurde dein Wunsch, eingeäschert zu werden, respektiert, und es gab keine Beerdigung, es wurde keine Schiwe gesessen. Im Nachruf wurde dein Atheismus hervorgehoben. Zwischen Religion und Wissen, sagte er, muss sich eine Person für das Wissen entscheiden.

Was für eine absurde Aussage für jemanden, der auch nur ein bisschen was über jüdische Geschichte weiß, war in einem Kommentar zu lesen.

Als die Trauerfeier schließlich stattfand, war der Schock abgeflaut. Die Leute lenkten sich mit Spekulationen ab, wie es wäre, wenn sich alle Ehefrauen in einem Raum aufhielten. Ganz zu schweigen von den Freundinnen (so viele, wurde gewitzelt, dass sie nicht in einen Raum passen würden).

Abgesehen von der Diashow-Schleife mit der immer wiederkehrenden Erinnerung an vergangene Schönheit und verlorene Jugend, gab es kaum Unterschiede zu anderen literarischen Zusammenkünften. Die Leute, die sich beim Empfang unterhielten, sprachen über Geld, Literaturpreise als Wiedergutmachung und die neueste Stirb-Autor-stirb-Kritik. Die Etikette forderte in diesem Fall, dass keine Tränen vergossen wurden. Die Leute nutzten die Gelegenheit, um zu netzwerken und sich auf den neuesten Stand zu bringen. Klatsch und Kopfschütteln wegen des zu persönlichen In-memoriam-Artikels von Ehefrau Zwei (und dann das Gerücht, dass sie ein Buch daraus machen will).

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Ehefrau Drei strahlend aussah, auch wenn es ein kaltes Strahlen war wie das einer Klinge. Behandelt mich als ein Objekt des Mitleids, besagte ihre Haltung, deutet auch nur an, dass ihr mir die Schuld dafür gebt, und ich werde euch in Zukunft schneiden.

Ich war gerührt, als sie mich fragte, wie ich mit dem Schreiben vorankomme.

Kann es gar nicht erwarten, es zu lesen, sagte sie unaufrichtig.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es zu Ende bringe, sagte ich.

Ah, aber er hätte gewollt, dass du es fertig schreibst. (Hätte.)

Sie hat die beunruhigende Angewohnheit, während des Sprechens langsam den Kopf von rechts nach links zu bewegen, als würde sie jedes Wort, das sie sagt, bestreiten.

Jemand Halbberühmtes näherte sich. Bevor sie sich abwandte, fragte sie: Ist es dir recht, wenn ich dich anrufe?

Ich brach früh auf. Auf dem Weg hinaus hörte ich jemanden sagen: Hoffentlich kommen zu meiner Trauerfeier mehr Leute.

Und: Jetzt ist er offiziell ein toter weißer Mann.

Stimmt es, dass die literarische Welt mit Hass vermint, ein von Scharfschützen umzingeltes Schlachtfeld ist, auf dem ständig Eifersüchteleien und Rivalitäten ausgetragen werden?, fragte der Journalist von National Public Radio (NPR) den angesehenen Autor. Der es einräumte. Es gibt eine Menge Neid und Feindschaft, sagte der Autor. Und er versuchte zu erklären: Es ist wie ein sinkendes Floß, auf das sich zu viele Leute retten wollen. Deshalb hebt jeder Schlag, den man austeilen kann, das Floß für einen selbst ein Stückchen an.

Wenn Lesen die Fähigkeit zur Empathie tatsächlich fördert, wie uns ständig erzählt wird, dann scheint Schreiben sie zu vermindern.

Bei einer Konferenz hast du den bis auf den letzten Platz besetzten Saal einmal aufgeschreckt, als du sagtest: Woher habt ihr alle bloß die Vorstellung, dass es wunderbar ist, Schriftsteller zu sein? Simenon sagte, dass Schreiben kein Beruf, sondern eine Berufung zum Unglücklichsein sei. Georges Simenon, der Hunderte von Romanen unter seinem Namen schrieb, und Hunderte mehr unter zwei Dutzend Pseudonymen, und der, als er mit dem Schreiben aufhörte, der am meisten verkaufte Autor der Welt war. Tja, das ist ein großes Unglück.

Der damit prahlte, nicht weniger als zehntausend Frauen gefickt zu haben, viele, wenn nicht die meisten von ihnen, Prostituierte, und sich selbst einen Feministen nannte. Der zur literarischen Mentorin keine Geringere als Colette und als Geliebte keine Geringere als Josephine Baker hatte, doch angeblich beendete er diese Affäre, weil sie ihn zu sehr von der Arbeit abhielt und die Romanproduktion jenes Jahres auf ein lausiges Dutzend reduzierte. Der auf die Frage, was ihn zu einem Schriftsteller gemacht hatte, antwortete: Der Hass auf meine Mutter. (Das ist eine Menge Hass.)

Simenon, der Flaneur: Die Ideen zu allen meinen Büchern sind mir während des Spazierengehens gekommen.

Er hatte eine Tochter, die auf krankhafte Weise in ihn verliebt war. Als kleines Mädchen bat sie ihn um einen Ehering, den er ihr gab. Während sie heranwuchs, ließ sie den Ring immer wieder weiten, damit er auf ihren Finger passte. Mit fünfundzwanzig hat sie sich erschossen.

Frage: Woher hat eine junge Pariserin eine Schusswaffe?

Antwort: Von einem Waffenschmied, von dem sie in einem von Papas Romanen gelesen hatte.

An einem Tag im Jahr 1974 verkündete eine Dichterin in demselben Seminarraum der Universität, in dem ich manchmal unterrichte, den Teilnehmern des Kurses, den sie in diesem Semester leitete: Nächste Woche werde ich möglicherweise nicht kommen. Zu Hause zog sie später den alten Pelzmantel ihrer Mutter an und schloss sich mit einem Glas Wodka in der Garage ein.

Der alte Pelzmantel der Mutter ist die Art Detail, auf die Dozenten ihre Studenten gern hinweisen, eins dieser vielsagenden Details – ebenso wie Simenons Tochter an die Waffe gekommen war –, die im Leben im Überfluss vorhanden sind, aber in den Geschichten der Studierenden überwiegend fehlen.

Die Dichterin stieg in ihren Wagen, einen tomatenroten Cougar Baujahr 1967, und drehte den Zündschlüssel.

Im ersten Schreibkurs, den ich je unterrichtete, hob ein Student die Hand, nachdem ich die Wichtigkeit von Details betont hatte, und sagte: Ich bin absolut nicht einverstanden. Wenn man viele Details will, sollte man fernsehen.

Ein Kommentar, den ich im Lauf der Zeit nicht mehr für so dumm hielt, wie er anfänglich schien.

Derselbe Student warf mir (seine Worte waren Schriftstellern wie Ihnen) vor, anderen Leuten Angst einjagen zu wollen, indem ich Schreiben als viel schwieriger darstellte, als es war.

Warum sollten wir das tun?, fragte ich.

Ach, kommen Sie, sagte er. Liegt das nicht auf der Hand? Der Kuchen ist nur so und so groß.

Meine erste Creative-Writing-Lehrerin sagte ihren Studenten immer wieder, wenn es irgendetwas anderes gebe, was sie mit ihrem Leben anfangen könnten, irgendeinen anderen Beruf statt Schriftsteller, dann sollten sie ihn ergreifen.

Gestern Abend spielte ein Mann im U-Bahnhof Union Square »La vie en rose« molto giocoso auf einer Flöte. In letzter Zeit bin ich anfällig für Ohrwürmer, und selbstverständlich traktierte mich das Lied in der peppigen Version des Flötisten den ganzen Tag. Angeblich wird man einen Ohrwurm wieder los, indem man das Lied mehrmals von Anfang bis Ende hört. Ich hörte die berühmteste Version, die von Edith Piaf natürlich, die den Text geschrieben und das Lied 1945 zum ersten Mal gesungen hatte. Jetzt werde ich die seltsame, weinerliche Seele-Frankreichs-Stimme des Spatzen von Paris nicht mehr los.

Ebenfalls im U-Bahnhof Union Square stand ein Mann mit einem Schild: Obdachloser, zahnloser Diabetist. Guter Spruch, sagte ein Pendler, als er Kleingeld in den Pappbecher des Mannes warf.

Manchmal, wenn ich am Computer sitze, öffnet sich plötzlich ein Fenster: Schreibst du ein Buch?

Worüber will Ehefrau Drei mit mir sprechen? Ich bin nicht so neugierig, wie man erwarten könnte. Hättest du mir einen Brief oder eine Botschaft hinterlassen, hätte ich sie bestimmt schon längst. Vielleicht plant sie noch eine andere Art Gedenkfeier, eine Sammlung schriftlicher Erinnerungen zum Beispiel, und wenn es so ist, wird sie wieder etwas tun, wogegen du dich ausgesprochen hast.

Mir graut vor dem Treffen, nicht, weil ich sie nicht mag (ich mag sie), sondern weil ich an diesen Ritualen nicht teilhaben will.

Und ich will nicht über dich sprechen. Unsere Beziehung war durchaus ungewöhnlich, für andere nicht immer leicht zu verstehen. Ich habe dich nie gefragt und wusste deshalb auch nie, was du deinen Frauen über uns erzählt hast. Ich war immer dankbar, dass Ehefrau Drei, obwohl sie im Gegensatz zu Ehefrau Eins nicht meine Freundin war, zumindest nicht wie Ehefrau Zwei meine Feindin war.

Es war nicht ihre Schuld, dass eure Ehe deine Freundschaften veränderte, das tun Ehen. Du und ich standen uns am nächsten in den Phasen zwischen zwei Ehefrauen, die nie lange dauerten, weil du in nahezu krankhaftem Maß unfähig warst, allein zu sein. Du hast mir einmal erzählt, dass du von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, wenn du beruflich unterwegs warst, auf einer Lesereise zum Beispiel (und auch dann nicht immer), seit vierzig Jahren keine Nacht allein geschlafen hast. Zwischen den Ehefrauen hattest du immer irgendeine Freundin. Zwischen den Freundinnen hattest du One-Night-Stands. (Es gab auch, was du gern Drive-bys genannt hast, doch Schlaf spielte dabei keine Rolle.)

Ich halte kurz inne, um zu gestehen, nicht ohne mich zu schämen: Die Nachricht, dass du dich verliebt hast, hat mir immer einen Stich versetzt, ebenso wenig konnte ich einen Freudenausbruch unterdrücken, wenn ich erfuhr, dass du dich von jemandem getrennt hast.

Ich will nicht über dich sprechen oder andere über dich sprechen hören. Es ist natürlich ein Klischee: Wir sprechen über die Toten, um uns an sie zu erinnern, um sie auf die uns einzige mögliche Weise am Leben zu erhalten. Doch ich muss feststellen, dass du mir umso mehr entgleitest, umso mehr zu einem Hologramm wirst, je mehr die Leute über dich sagen, zum Beispiel die, die bei der Trauerfeier über dich gesprochen haben – Menschen, die dich liebten, Menschen, die dich gut kannten, Menschen, die sehr gut mit Worten umgehen können.

Ich bin erleichtert, dass ich zumindest nicht zu dir nach Hause eingeladen werde. (Es ist immer noch dein Haus.) Nicht, dass mich irgendetwas stark mit dem Ort verbindet, da ich nur zwei- oder dreimal in den Jahren dort war, seit es dein Zuhause war. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Besuch, nicht lange, nachdem du eingezogen warst, als du mich durch das Brownstone-Haus geführt hast und ich die eingebauten Bücherregale und die schönen Teppiche bewunderte, die auf dem gealterten Walnussboden lagen, und wieder einmal dachte, wie bürgerlich zeitgenössische Schriftsteller letztlich leben. Bei einem hervorragenden Abendessen im Haus eines anderen Schriftstellers erwähnte jemand Flauberts berühmte Regel, dass man als Bürger leben und als Halbgott denken solle, obwohl ich nie begriffen habe, wie man behaupten kann, dass das Leben dieses wilden Mannes dem eines gewöhnlichen Bürgers geähnelt hätte. Heutzutage (darin stimmte der gesamte Tisch überein) gab es den nichtsnutzigen Bohémien so gut wie nicht mehr, er war ersetzt worden durch den Hipster, der bekannt ist für seinen Scharfsinn, seine Intelligenz als Konsument, seinen Gaumen und grundsätzlich seinen Geschmack. Und ob berechtigt oder nicht, beteuerte unser Gastgeber und öffnete die dritte Flasche Wein, viele Schriftsteller gestehen heutzutage Gefühle der Verlegenheit und sogar der Scham ein für das, was sie tun.

Du, der du Jahrzehnte vor dem Boom dorthin gezogen bist, warst entmutigt, als Brooklyn zu einer Marke wurde, und hast dich gewundert über die Tatsache, dass es so schwer wurde, über dein Viertel zu schreiben, wie über die Gegenkultur der Sechziger: Gleichgültig, wie sehr man sich um Ernsthaftigkeit bemühte, die Tinte der Parodie sickerte immer ein.

So berühmt wie Flauberts Worte sind die von Virginia Woolf: Man kann nicht gut denken, gut lieben, gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat. Verstanden. Doch der hungernde Künstler war nicht immer ein Mythos, und so viele Denker haben wie Almosenempfänger gelebt oder wurden in Armengräbern bestattet.

Woolf beschreibt Flaubert und Keats als geniale Männer, die heftig litten, weil sie der Welt gleichgültig waren. Aber was, glaubst du, hätte Flaubert von ihr gehalten – er, der gesagt hat, dass alle Künstlerinnen Schlampen sind? Beide erschufen Figuren, die sich das Leben nahmen, wie auch Woolf selbst.

Es gab eine Zeit – eine lange Zeit sogar –, als du und ich uns fast jeden Tag gesehen haben. Doch während der letzten paar Jahre hätten wir auch in unterschiedlichen Ländern leben können statt nur in verschiedenen Stadtteilen, wir hielten überwiegend und regelmäßig Kontakt via E-Mail. Im letzten Jahr trafen wir uns kaum geplant, sondern öfter per Zufall, auf einer Party oder bei einer Lesung oder einer anderen Veranstaltung.

Weswegen habe ich also solche Angst, dein Haus zu betreten?

Ich glaube, ich würde zusammenbrechen, sollte ich ein vertrautes Kleidungsstück oder ein bestimmtes Buch oder Foto sehen oder eine Andeutung deines Geruchs riechen. Und so will ich nicht zusammenbrechen, o mein Gott, nicht, wenn deine Witwe danebensteht.

Schreibst du ein Buch? Schreibst du ein Buch? Hier klicken, um zu erfahren, wie du es veröffentlichen kannst.

Seit Kurzem, seit ich begonnen habe, dies zu schreiben, öffnet sich ein Fenster mit einer neuen Nachricht.

Allein? Verängstigt? Deprimiert? Rufen Sie die 24-Stunden-Telefonseelsorge an.

Das einzige Tier, das sich selbst umbringt, ist auch das einzige Tier, das weint. Ich habe allerdings gehört, dass in die Enge getriebene Hirsche, erschöpft von der Jagd, ohne Fluchtmöglichkeit vor den Hunden, manchmal Tränen vergießen. Auch von weinenden Elefanten wurde berichtet, und selbstverständlich erzählen einem die Leute alles Mögliche über ihre Katzen und Hunde.

Die Wissenschaft sagt, dass Tiertränen Tränen aufgrund von Stress sind, nicht zu verwechseln mit denen eines gerührten menschlichen Wesens.

Bei Menschen unterscheidet sich die chemische Zusammensetzung emotionaler Tränen von der Zusammensetzung der Tränen, die sich bilden, um das Auge zu benetzen oder zu säubern, wenn es gereizt ist. Es ist bekannt, dass die Freisetzung dieser chemischen Stoffe dem Weinenden wohltun kann, was wiederum erklärt, warum sich die Leute so oft besser fühlen, nachdem sie sich ausgeweint haben, und Schnulzen nach wie vor so beliebt sind.

Laurence Olivier war angeblich frustriert, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern Tränen nicht auf Knopfdruck produzieren konnte. Es wäre interessant, die chemische Zusammensetzung der von einem Schauspieler produzierten Tränen zu kennen und zu wissen, zu welchem der beiden Typen sie gehören.

Im Volkstum und in Märchen werden menschlichen Tränen wie menschlichem Samen und menschlichem Blut magische Eigenschaften zugeschrieben. Am Ende des Märchens von Rapunzel, als sie und der Königssohn sich nach Jahren der Trennung und des Leids wiederfinden und umarmen, fließen ihre Tränen in seine Augen und geben ihm wie durch ein Wunder die Sehkraft zurück, die ihm die Hexe genommen hat.

Auch eine der vielen Legenden über Edith Piaf handelt von der wundersamen Wiederherstellung ihres Augenlichts. Die Keratitis, die sie als Kind für mehrere Jahre blind machte, wurde angeblich geheilt, nachdem Prostituierte im Bordell ihrer Großmutter, in dem die kleine Edith damals auch lebte, sie auf eine Wallfahrt zu Ehren von Thérèse von Lisieux mitnahmen. Das ist vielleicht nur ein weiteres Märchen, aber Tatsache ist, dass Jean Cocteau einmal sagte, Piaf habe, wenn sie singe, »die Augen einer Blinden, die durch ein Wunder zu Augen einer Hellseherin wurden«.

Doch für zwei Tage wurde ich blind.… Was hatte ich gesehen? Ich werde es nie erfahren. Worte einer Dichterin, die eine Episode aus ihrer Kindheit beschrieb, eine Zeit, die von Gewalt und Vernachlässigung geprägt war. Louise Bogan. Die auch sagte: Ich muss von Geburt an Gewalt erlebt haben.

Ich dachte, dass ich das Märchen der Gebrüder Grimm ganz genau kenne, aber ich hatte vergessen, dass der Königssohn versucht, sich umzubringen. Er glaubt der Hexe, als sie zu ihm sagt, dass er Rapunzel nie wiedersehen würde, und stürzt sich aus dem Turm. In meiner Erinnerung blendete ihn die Hexe mit ihren Fingernägeln – und sie droht ihm zudem, dass ihm die Katze, die seinen hübschen Vogel gefangen hat, die Augen auskratzen wird. Doch der Königssohn verliert sein Augenlicht, weil er springt. Er landet in einem Dornengestrüpp, das seine Augen verletzt.

Doch selbst als Kind fand ich, dass die Hexe zu Recht verärgert war. Ein Versprechen ist ein Versprechen, und sie hatte die Eltern ja nicht mit einer List dazu gebracht, ihr das Kind zu überlassen. Sie kümmerte sich gut um Rapunzel, beschützte sie vor der großen bösen Welt. Es schien nicht wirklich fair, dass der erste gut aussehende junge Mann, der zufällig vorbeikam, sie ihr wegnehmen sollte.

Während der Zeit in meiner Kindheit, als ich am liebsten Märchen las, hatte ich einen Nachbarn, der blind war. Obwohl er ein erwachsener Mann war, lebte er noch bei seinen Eltern. Seine Augen waren immer hinter großen dunklen Gläsern verborgen. Es verwirrte mich, dass ein Blinder seine Augen vor dem Licht schützen musste. Der Rest seines Gesichts war zerfurcht und sah gut aus wie das des Scharfschützen in Westlich von Santa Fé. Er hätte ein Filmstar oder Geheimagent sein können, doch in der Geschichte, die ich über ihn schrieb, war er ein verletzter Prinz, und es waren meine Tränen, die ihn retteten.

* * *

»Ich hoffe, der Ort ist in Ordnung. Es war so nett von dir, den weiten Weg herzukommen.«

Wie sie weiß, dauerte die Fahrt nicht einmal eine halbe Stunde, aber sie ist eine kultivierte Frau, Ehefrau Drei. Und »der Ort« ist ein charmantes Café im europäischen Stil, gleich um die Ecke von deinem Brownstone. (Es ist noch dein Brownstone.) Eine perfekte Kulisse für eine so elegante hübsche Frau, dachte ich, als ich das Café betrat und sie an einem Tisch am Fenster sitzen sah – ohne wie alle anderen, die allein da waren (und auch manche, die nicht allein waren), ein elektronisches Gerät zu benutzen, sondern stattdessen die Straße zu betrachten.

Sie ist der Typ Frau, die weiß, wie man einen Schal auf fünfzig verschiedene Weisen bindet, gehörte zu den ersten Dingen, die du uns über sie erzählt hast.

Nicht, dass sie nicht aussieht wie sechzig, aber sie lässt es so leicht aussehen, mit sechzig noch attraktiv zu sein.

Ich weiß noch, wie überrascht wir alle waren, als du anfingst, dich mit ihr zu treffen, einer Witwe, die fast so alt war wie du. Wir dachten natürlich an Ehefrau Zwei und an andere, die noch jünger gewesen waren, und dass es angesichts deiner Vorlieben nur eine Frage der Zeit wäre, bis du jemanden hättest, der jünger ist als deine Tochter. Wir waren einhellig der Meinung, dass dich die Kämpfe in deiner zweiten Ehe, die dich deiner Aussage nach um zehn Jahre hatte altern lassen, in die Arme einer Frau mittleren Alters getrieben hatten.

Aber noch während ich sie bewundere – das frisch geschnittene und gefärbte Haar, das Make-up, die wunderbar manikürten Hände und, wie ich weiß, die verborgenen wunderbar pedikürten Füße –, kann ich einen bestimmten Gedanken nicht unterdrücken, denselben Gedanken, den ich hatte, als ich sie bei der Trauerfeier sah, und der mich an einen Zeitungsbericht über ein Paar erinnerte, dessen Kind während eines Familienurlaubs verschwunden war. Tage vergingen, das Kind wurde immer noch vermisst, es gab keine Spuren, und ein Schatten des Zweifels fiel auf die Eltern. Sie wurden fotografiert, als sie aus dem Polizeirevier kamen, ein gewöhnliches Paar, dessen Gesichter keinen bleibenden Eindruck hinterließen. Mir ist nur in Erinnerung geblieben, dass die Frau Lippenstift und Schmuck trug: eine Halskette – ein Medaillon, glaube ich – und große Kreolen. Dass eine Person sich in so einem Augenblick die Mühe machte, sich zu schminken und Schmuck anzulegen, erstaunte mich. Ich hätte das Aussehen einer Obdachlosen erwartet.

Und jetzt, im Café, denke ich wieder: Sie ist die Ehefrau, sie hat die Leiche gefunden. Aber jetzt hat sie sich wie bei der Trauerfeier alle Mühe gegeben, nicht nur präsentabel, nicht nur gefasst auszusehen, sondern so gut wie möglich: Gesicht, Kleidung, Fingerspitzen, Haarwurzeln – alles penibel gepflegt.

Das soll keine Kritik sein, was ich empfinde, ist Ehrfurcht.

Sie war anders: eine der wenigen Personen in deinem Leben, die nicht auf die eine oder andere Weise etwas mit der literarischen oder akademischen Welt zu tun hatten. Seit sie ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat, arbeitet sie als Managementberaterin in ein und derselben Firma in Manhattan. Aber sie liest mehr als ich, hast du den Leuten auf eine Weise erzählt, die uns schaudern ließ. Von Anfang an war sie höflich, aber distanziert mir gegenüber, akzeptierte mich als eine deiner ältesten Freundinnen, blieb dabei für mich jedoch immer nur eine Bekannte. Das war bei Weitem besser als die irrsinnige Eifersucht von Ehefrau Zwei, die verlangte, dass du den Kontakt zu mir und allen anderen Frauen aus deiner Vergangenheit abbrechen solltest. Insbesondere unsere Freundschaft ärgerte sie; sie nannte sie eine inzestuöse Beziehung.

Warum »inzestuös«?, fragte ich.

Du hast die Schultern gezuckt und gesagt, sie meine, dass wir uns zu nahestehen würden.

Sie wollte einfach nicht glauben, dass wir nicht miteinander ins Bett gingen.