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Mobbing kann jede und jeden treffen. Das Standardwerk aus der Pocket Reihe zeigt, wie Mobbing entsteht und wie man sich gegen Psychoterror am Arbeitsplatz erfolgreich zur Wehr setzt. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nehmen Mobbingfälle zu – unter Gleichgestellten, aber auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Die Arbeitsrechtsspezialistin Irmtraud Bräunlich Keller beleuchtet alle Facetten des Themas: die Entstehung von Mobbing, Wege aus der Mobbingfalle wie können Arbeitgeber und Team vorbeugen und neu auch ergänzt duch den Bereich virtuelles Mobbing.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2024
Stand Gesetze und Rechtsprechung: Mai 2024
4., vollständig überarbeitete Auflage, 2024
© 2006 Beobachter-Edition, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.beobachter.ch
Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich
Lektorat: Käthi Zeugin
Reihengestaltung und Umschlag: Frau Federer GmbH
Satz: Bruno Bolliger
Herstellung: Bruno Bächtold
Druck: CPI Books GmbH, Ulm
ISBN 978-3-03875-534-0
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Die Autorin
Irmtraud Bräunlich Keller, lic. rer. pol., langjährige Spezialistin für Arbeitsrecht beim Beobachter und Autorin zahlreicher Beobachter-Ratgeber, ist in zwei Stiftungsräten und einem Vereinsvorstand aktiv und ausserdem Mitglied der Sozialhilfebehörde ihrer Wohngemeinde.
Inhalt
Vorwort
1 Was ist Mobbing
Mobbing – was steckt dahinter?
Die Definition der Fachleute
Viel Leid und hohe Kosten
Ist sexuelle Belästigung auch Mobbing?
Die Wurzeln des Übels
Ein Sündenbock muss her
Mangelhafte Strukturen und Kompetenzverteilungen
Leistungs- und Kostenspardruck
Inkompetente, unsichere Vorgesetzte
Neid, Eifersucht, Ablenken von eigenen Schwächen
Schlecht durchgeführte Veränderungsprozesse
Die Situation der Mobbingopfer
Jeder kann ins Abseits geraten
Schlafstörungen, Depressionen, Arbeitsunfähigkeit
Werden Sie gemobbt?
Die Sicht von aussen: alles nur Einbildung?
Querulanten haben keine Zweifel
In Kürze «Was ist Mobbing?»
2 Mobbing vorbeugen und stoppen
Wehret den Anfängen
So können Sie vorbeugen
Beachten Sie frühe Warnsignale
Analysieren Sie die Situation
Nehmen Sie die eigene Rolle unter die Lupe
Aussprache statt Eskalation
Das Gespräch mit den Widersachern
Beim Vorgesetzten Unterstützung holen
Wenn der Chef mobbt
Moderne Gefahr: Cybermobbing
Tragen Sie Ihrer Gesundheit Sorge
Kraft schöpfen in der Freizeit
Kämpfen oder fliehen?
In Kürze «Mobbing vorbeugen und stoppen»
3 Mobbing und Recht
Schutz der Persönlichkeit
Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers
Sammeln Sie Beweise
Den Arbeitgeber schriftlich mahnen
Die Arbeit verweigern?
Schadenersatz und Genugtuung fordern
Angst vor einer Kündigung?
Vertragsbrüche und Machtmissbrauch
Grundregel: Verträge sind einzuhalten
Immer weniger Arbeit
Gegen Ihren Willen versetzt
Weniger qualifizierte Arbeit als vereinbart
Auf unzulässige Weise überwacht
Unfair kritisiert und beurteilt
«Man» hat sich über Sie beschwert
Der Arbeitgeber verlangt Schadenersatz
Wenn es gütlich nicht geht: der Rechtsweg
Diskriminierung und sexuelle Belästigung
Diskriminierung und Mobbing
So wehren Sie sich gegen Diskriminierung
Schutz vor sexueller Belästigung
So gehen Sie gegen Übergriffe vor
Wenn keine Einigung möglich ist
Mobber zur Verantwortung ziehen
Machen sich Mobber strafbar?
Strafverfahren bei sexueller Belästigung
In Kürze «Mobbing und Recht»
4 Wenn Mobbing krank macht
Was tun bei gesundheitlichen Problemen?
Ärztliche Hilfe holen
Mobbing verarbeiten
Unsichtbares Leiden
Ihr Lohnanspruch bei Arbeitsunfähigkeit
Krankenlohn oder Krankentaggeldversicherung
Was gilt, wenn jemand dauerhaft erkrankt ist?
In Kürze «Wenn Mobbing krank macht»
5 Kündigung?
Die allgemeinen Kündigungsregeln
Kein wirksamer Schutz vor Entlassung
Die korrekte ordentliche Kündigung
Als Mobbingopfer selbst kündigen?
Sofort gehen – ist das möglich?
Wenn der Arbeitgeber kündigt
Schützende Sperrfristen bei Arbeitsunfähigkeit
Die missbräuchliche Kündigung
Lässt sich der Missbrauch beweisen?
Diskriminierende Kündigung
Wann darf der Chef fristlos kündigen?
Vertragsauflösung im gegenseitigen Einvernehmen
Blick nach vorn – die Zukunft anpacken
Rasch eine neue Stelle suchen
Kämpfen lohnt sich: Ihr Arbeitszeugnis
Worauf achten bei Referenzauskünften?
In Kürze «Kündigung?»
6 Was Firmen gegen Mobbing tun können
Die Verantwortung der Chefs
Wenn Vorgesetzte versagen
Motivation und Produktivität leiden
Prävention: geeignete Massnahmen im Betrieb
Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erfassen
Ein Verhaltensreglement erstellen
Anlaufstellen schaffen
Eingreifen: Probleme früh ansprechen
Fachleute beiziehen
Wenn Schlichtungsversuche nicht fruchten
Vom Umgang mit Betroffenen
In Kürze «Was Firmen gegen Mobbing tun können»
Anhang
Lohnfortzahlung – Basler, Berner und Zürcher Skala
Mustertexte
Nützliche Adressen und Links
Literatur
Vorwort
Gezielte Schikanen, abschätzige Bemerkungen, unfaire Kritik, fiese Machenschaften aller Art – Mobbing hat viele Gesichter. Studien haben ergeben, dass gegen zehn Prozent aller Arbeitnehmenden Psychoterror und Ausgrenzung am Arbeitsplatz erleben. Die Folgen sind oft gesundheitliche Störungen, ein kaputtes Selbstwertgefühl und der Verlust der Stelle.
Auch ans Beobachter-Beratungszentrum wenden sich regelmässig Ratsuchende, die an ihrem Arbeitsplatz ausgegrenzt und gedemütigt werden. «Der neue Chef wollte mich von Anfang an weghaben», heisst es dann etwa. Oder: «Ich werde ständig kritisiert. Aber was ich anders machen soll, erklärt mir niemand.»
Dieser Ratgeber leistet Erste Hilfe. Er informiert einerseits Betroffene, unterstützt sie und zeigt ihnen Wege, wie sie sich wehren können. Andererseits erfahren Führungspersonen, welch zentrale Rolle ihnen bei der Entstehung und vor allem bei der Verhinderung von Mobbing zukommt.
Mobbing verursacht nicht nur sehr viel Leid, sondern auch horrende betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten. Dass es im Interesse aller liegt, destruktive Vorgänge in der Arbeitswelt zu verhindern und fair und respektvoll miteinander umzugehen, das ist die Hauptbotschaft dieses Buches.
Irmtraud Bräunlich Keller
Mai 2024
1 Was ist Mobbing
Mobbing – was steckt dahinter?
Mobbing ist ein Modewort und – so scheint es – in aller Munde. Gemobbt wird am Arbeitsplatz, in Schulklassen, Vereinen und in den sozialen Medien. Auch an der Beratungshotline des Beobachters ist Mobbing regelmässig ein Thema. Was aber ist Mobbing?
Das Wort leitet sich aus dem englischen «to mob» ab und bedeutet «jemanden anpöbeln, über jemanden herfallen». Der Begriff Mobbing wurde in den 1970er-Jahren vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz für Angriffe verwendet, die Gruppen von Tieren gegen ein einzelnes feindliches Tier praktizieren, um es zu verscheuchen. Später wurde das Wort vom deutsch-schwedischen Arbeitspsychologen Heinz Leymann aufgegriffen, der als Begründer der modernen Mobbingforschung gilt (siehe Literaturliste). Er untersuchte als Erster systematische destruktive Vorgänge in der Arbeitswelt, die zum Ziel haben, Mitarbeitende zu schikanieren, sie fertigzumachen und schliesslich aus dem Job zu drängen. Geht Mobbing von den Vorgesetzen aus, spricht man auch von Bossing.
Wenn Bösartigkeiten, Schikanen und Ausgrenzung in Psychoterror ausarten.
Die Definition der Fachleute
Leymann und nach ihm andere Wissenschaftler haben den Begriff Mobbing definiert. Übereinstimmend haben sie festgehalten, dass es sich bei Mobbing um Feindseligkeiten handelt, die über längere Zeit immer wieder ausgeübt werden und sich gegen eine bestimmte Person oder Gruppe wenden. Es sind nicht die einzelnen Vorkommnisse, die das Mobbing ausmachen, sondern ihre Häufung – die Summe aller belastenden Handlungen über einen längeren Zeitraum hinweg.
Mobbing: Definition des Bundesgerichts
«Mobbing ist ein systematisches, feindliches, über einen längeren Zeitraum anhaltendes Verhalten, mit dem eine Person an ihrem Arbeitsplatz isoliert, ausgegrenzt oder gar von ihrem Arbeitsplatz entfernt werden soll. Das Opfer ist oft in einer Situation, wo jede Einzelhandlung unter Umständen als zulässig zu beurteilen ist, jedoch die Gesamtheit der Handlungen zu einer Destabilisierung des Opfers und bis zu dessen Entfernung vom Arbeitsplatz führen kann.»
Die fünf Formen der Schikane
Mobbing kommt in den verschiedensten Formen vor. Da es sich – isoliert betrachtet – mitunter um Lappalien handelt, können Betroffene vor allem in der Anfangsphase nur schwer einordnen, ob es sich um Zufälle oder gezielte Attacken handelt. Heinz Leymann unterschied fünf Arten von Mobbinghandlungen:
Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen: nicht ausreden lassen, Informationen vorenthalten oder falsche Informationen weitergeben, «wie Luft» behandeln Angriffe auf die sozialen Beziehungen: allgemeine Kontaktverweigerung, nicht grüssen, Isolierung des Opfers, Versetzung an einen abgelegenen Arbeitsplatz Angriffe auf das soziale Ansehen: Gerüchte verbreiten, Beleidigungen, öffentliches Blossstellen, abschätzige Bemerkungen über das Privatleben oder das Aussehen der gemobbten Person Angriffe auf die Qualität der Berufs- oder Lebenssituation: schikanöse oder erniedrigende Arbeitszuweisung, ungerechtfertigte Kritik an der Arbeitsweise und der Leistung, Entziehen wichtiger Aufgaben Angriffe auf die Gesundheit: Tätlichkeiten, Arrangieren von Unfällen, sexuelle BelästigungGemäss Leymann handelt es sich um Mobbing, wenn derartige Handlungen mindestens einmal pro Woche und während mindestens eines halben Jahres vorkommen (siehe Fragebogen auf Seite 30). Auch das Bundesgericht hat in einem konkreten Fall entschieden, dass kein Mobbing vorliege, wenn die zwischenmenschlichen Konflikte noch weniger als sechs Monate gedauert haben (Urteil 4A_310/2019 vom 10.6.2020).
Viel Leid und hohe Kosten
Die Schäden, die durch Mobbing verursacht werden, sind enorm – zunächst einmal für die Betroffenen, die durch gesundheitliche Probleme, Verlust des Selbstwertgefühls, Erwerbsausfall und Krankheitskosten stark belastet sind (mehr dazu ab Seite 26). Aber auch für die Betriebe, die Mobbing zulassen, entstehen Umtriebe und unnötige Kosten.
Nicht nur die Mobbingopfer sind in ihrer Leistungsfähigkeit massiv eingeschränkt, auch die Mobber verschwenden einen Grossteil ihrer Arbeitskraft für ihre bösartigen Machenschaften. Weitere Arbeitsausfälle entstehen durch Sitzungen, Gespräche und andere Massnahmen, mit denen man versucht, das Mobbingproblem in den Griff zu kriegen. Dazu kommen Kosten für erhöhte Fluktuation.
Enorm ist zudem der finanzielle Schaden für die gesamte Volkswirtschaft, wenn Mobbingopfer krank, arbeitslos oder invalid werden. Die durch Mobbing verursachten Kosten werden in der Schweiz auf über vier Milliarden Franken jährlich geschätzt.
Nach monatelangen Anfeindungen und unhaltbaren Verdächtigungen durch ihren Vorgesetzten war die 42-jährige Alexandra W. mit ihren Kräften am Ende. Die Folgen des schweren Mobbings: ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt, monatelange Therapie und eine fast einjährige Arbeitsunfähigkeit. In einem langwierigen Mediationsverfahren suchte man nach Lösungen. Schliesslich verliessen als Folge der Querelen vier Personen den Betrieb, mussten ersetzt und ihre Nachfolger eingearbeitet werden. Alexandra W.s Erwerbsausfall zahlte zuerst die Krankentaggeld- und anschliessend monatelang die Arbeitslosenversicherung.
Ist sexuelle Belästigung auch Mobbing?
Mobbing ist ein längerer Prozess. Einzelne Vorfälle sowie Auseinandersetzungen zwischen gleich starken Kontrahenten fallen nicht darunter. Das gilt auch für die sexuelle Belästigung (siehe Seite 105). Sie kann Teil eines Mobbingprozesses sein; ein einmaliger Übergriff aber ist kein Mobbing. Ebenso wenig handelt es sich bei folgenden Ärgernissen um Mobbing:
Allgemein schlechtes Arbeitsklima, generell rauer Umgangston Gelegentliche Wutausbrüche oder verbale Entgleisungen Machtgehabe und problematisches Führungsverhalten der Chefin, unter dem alle leiden Vorübergehende Eskalation einer schwierigen Situation Einmalige oder seltene als ungerecht empfundene Kritik an der Arbeitsleistung durch VorgesetzteEin Arzt verlor ohne Vorwarnung Knall auf Fall seinen Titel als stellvertretender Chefarzt und wurde auch aus einer Kommission ausgeschlossen. Darauf klagte er wegen Mobbing. Er machte ausserdem geltend, sein Chef habe sich abschätzig über ihn geäussert und als er sich beim Direktor beschwert habe, habe dieser ihm nicht geholfen, sondern Nachweise über seine laufenden Weiterbildungen verlangt. Laut Bundesgericht handelte es sich hier nicht um Mobbing. Das Vorgehen rund um die Absetzung war zwar verletzend, es habe aber keine Folge feindseliger Handlungen stattgefunden. Der Arzt konnte weiterarbeiten, sein Salär wurde nicht gesenkt (Urteil 4D_22/2013 vom 19.9.2013).
Die Wurzeln des Übels
Wo verschiedene Menschen in einem Betrieb zusammenarbeiten, gibt es Reibereien, Konflikte, Stress. Das ist normal. Konflikte können sogar positive Impulse liefern, sofern sie offen und fair ausgetragen werden. Oft geschieht aber gerade das nicht.
Ungelöste Konflikte sind eine häufige Ursache für Mobbinghandlungen. Dabei gibt es die verschiedensten Auslöser und Spielarten. Hier ein paar Beispiele:
Ein Sündenbock muss her
Anstatt ein Problem direkt anzugehen, wird der Streitpunkt von der sachlichen auf die persönliche Ebene verschoben. Anstatt Lösungen zu suchen oder gar Fehler einzugestehen, erscheint es bequemer, Sündenböcke an den Pranger zu stellen, zu demütigen und schliesslich auszuschalten.
Der Firma XY steht eine Umorganisation bevor. Aufgaben werden neu verteilt, die Abteilungen umstrukturiert. Zwei Mitarbeitende haben sachliche Bedenken, äussern ihre Vorbehalte und präsentieren Gegenkonzepte. Statt die Anliegen der beiden ernst zu nehmen und ihnen mit sachlichen Argumenten zu begegnen, beginnen die Vorgesetzten einen Kleinkrieg gegen die «Rebellen». Der Geschäftsführer macht sich lustig über sie, bezeichnet sie als Ewiggestrige, hetzt die Befürworter der neuen Organisationsstruktur gegen sie auf und stellt die Qualität ihrer Arbeit infrage. Das eigentliche Problem, die möglichen Schwächen der Neuorganisation, wird nicht thematisiert.
Mangelhafte Strukturen und Kompetenzverteilungen
Wenn Zuständigkeiten nicht klar verteilt sind, Aufgabengebiete sich überschneiden und Vorgesetzte ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, können Mitarbeitende versucht sein, ihre «Gärtchen» selbst abzustecken, prestigeträchtige Aufgaben an sich zu reissen und Seilschaften zu bilden, um ihre Position zu verteidigen – nicht immer mit fairen Mitteln. Wer sich dann der inoffiziellen Hackordnung nicht beugt, riskiert, ausgegrenzt und schikaniert zu werden.
Andere wiederum fühlen sich vielleicht unsicher, gestresst oder nicht gebührend ernst genommen. Auch dies kann Aggressionen gegenüber Kolleginnen und Kollegen auslösen. Im folgenden Fall haben die Führungskräfte gleich zweimal versagt:
In einem Team, das weitgehend sich selbst überlassen bleibt, hat sich Paola B. eigenmächtig als Teamleiterin etabliert. Da «von oben» niemand eingreift, fügen sich die anderen zähneknirschend. Als ein neuer Chef die Abteilung übernimmt, akzeptiert er die inoffizielle Hierarchie nicht mehr. Er macht Frau B. klar, dass sie auf der gleichen Stufe steht wie die anderen auch. Paola B. versucht, ihre Position zu verteidigen. Doch nun kippen die Machtverhältnisse: Die Kollegen verbünden sich. Paola B. wird ausgegrenzt und schikaniert, bis sie schliesslich geht.
Leistungs- und Kostenspardruck
Übermässiger Stress, strenge Leistungsvorgaben und das Betonen quantitativ messbarer Ziele verhindern ein Wir-Gefühl und führen zu Konkurrenzdenken und Ellenbogenmentalität. Konflikte werden nach dem Gewinner/Verlierer-Prinzip gelöst. Warum sollte man auch gemeinsam am gleichen Strick ziehen, wenn es lohnender ist, für sich zu schauen und andere auszustechen?
Wer im Konkurrenzstreit nicht mithalten kann, wird verdrängt oder beginnt seinerseits, erfolgreichere Kollegen anzuschwärzen und auszutricksen. Stehen Entlassungen bevor, kann es zum eigentlichen Verdrängungskampf kommen.
Zu viel Stress, fehlende Strukturen, inkompetente Chefs sind ein Nährboden für Mobbing.
Inkompetente, unsichere Vorgesetzte
Studien zeigen, dass Mobbing sehr oft auch von Vorgesetzten ausgeht. Meist hat das mit Überforderung zu tun. Unsichere Führungskräfte fühlen sich durch ehrgeizige oder kritische Untergebene in ihrer Autorität bedroht. Statt die Fähigkeiten kompetenter Mitarbeitender im Interesse der Firma zu nutzen und sie zu fördern, machen sie alles, um sie zu bremsen, ihre Ideen abzuwürgen, ihnen spannende Aufgaben zu entziehen und sie mit diffuser, unsachlicher Kritik zu verunsichern.
Und so werden häufig gerade gute Leute demontiert und fertiggemacht. Kraft ihrer Funktion haben es Chefs weitgehend in der Hand, Untergebene mit allerhand Bosheiten in die Knie zu zwingen und schlussendlich zu vertreiben.
Die Eventmanagerin Eva K. ist bei den Stammkunden beliebt, die lieber mit ihr verhandeln als mit der Chefin. Das ärgert diese sehr. Sie beginnt Eva K. zu schikanieren. Sie kontrolliert ihre Untergebene ständig und gibt widersprüchliche Weisungen. So schärft sie ihr ein, sie dürfe den Kunden nicht erlauben, bei Anlässen eigene Getränke mitzubringen. Selbst geht sie dann aber hin und erlaubt es doch. Eva K. ist vor den Kunden blamiert. «Mit der Zeit konnte ich ihr nichts mehr recht machen», erzählt sie. «Fragte ich zum Beispiel, ob ich Waren bestellen solle, hiess es: Nicht nötig, es hat noch genug. Zwei Tage später wurde ich beschimpft, weil ich zu wenig bestellt hätte. Irgendwann war mir klar: In diesem Betrieb hatte ich nichts mehr verloren.»
Neid, Eifersucht, Ablenken von eigenen Schwächen
Auch das Gefühl, zu kurz zu kommen, sowie Neid auf die Stellung, das Salär oder die vermeintliche Bevorzugung anderer können zu Mobbing führen, ebenso der Wettbewerb um die Gunst der Vorgesetzten oder um eine Beförderung. Natürlich können auch Führungskräfte von Untergebenen gemobbt werden. Für jemanden, der selbst gern Chef geworden wäre, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, dem oder der Neuen in den Rücken zu fallen und Vorhaben zu torpedieren.
Nicht selten ist Mobbing zudem ein Ablenkungsmanöver: Mobber haben häufig eine negative Einstellung zur Leistung. Anstatt sich selbst anzustrengen, machen sie lieber andere runter.
Schlecht durchgeführte Veränderungsprozesse
Veränderungen in der Arbeitssituation eines Teams wie Chefwechsel, Umstrukturierungen oder Fusionen sind heikle Vorgänge. Ob Change-Prozesse als positiv oder negativ wahrgenommen werden, hängt von den Rahmenbedingungen ab: Wurde frühzeitig und offen kommuniziert, wurden die Mitarbeitenden einbezogen? Sind die geplanten Änderungen plausibel? Werden Nachteile mit Begleitmassnahmen abgefedert?
Wenn ja, wird die Belegschaft in der Regel mitziehen. Wenn nicht, sind Konflikte programmiert: Unruhe, brodelnde Gerüchteküche, Absprachen hinter den Kulissen, Gerangel um die «besten Plätze» – vor allem auch, wenn Entlassungen zur Diskussion stehen.
Hinweis | Wer zuschaut, ist mitschuldig Mobbinghandlungen bleiben in aller Regel nicht unbemerkt. Verantwortung tragen daher nicht nur die Mobber selbst, sondern auch die Kolleginnen, die schweigend zusehen, sowie vor allem die Vorgesetzten, die – obwohl sie es in der Hand hätten – nichts unternehmen, um die üblen Machenschaften zu stoppen. Dass Führungskräfte damit ihre gesetzlichen Pflichten verletzen, lesen Sie auf Seite 77.
Die Situation der Mobbingopfer
Mobbing kann jeden und jede treffen. Das typische Mobbingopfer gibt es nicht. Betroffen sind Männer und Frauen jeglichen Alters, unabhängig von ihrem beruflichen Status, ihrem Aussehen und dem Zivilstand.
Mobbing ist auch kein Frauenproblem, wie häufig behauptet wird. Allerdings wenden sich deutlich mehr Frauen als Männer an spezialisierte Beratungsstellen. Männer neigen eher dazu, ihre Probleme allein lösen zu wollen.
Jeder kann ins Abseits geraten
Es trifft nicht zu, dass nur überempfindliche Menschen oder «geborene Opfer» unter Mobbing leiden. Zwar laufen schwächere Personen, die besonders harmoniebedürftig sind und Mühe haben, für ihre Interessen einzutreten, eher Gefahr, gemobbt zu werden. Aber nicht nur sie: Untersuchungen haben gezeigt, dass Personen, die sich in irgendeiner Form von ihren Kolleginnen und Kollegen unterscheiden, eher zu Mobbingopfern werden, etwa Menschen mit Behinderung, Homosexuelle oder ausländische Mitarbeitende. Die einzige Frau unter lauter Männern kann ebenfalls Zielscheibe sein. Bekannt wurden sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz Fälle von Polizistinnen, die von ihren männlichen Kollegen massiv gemobbt wurden.
Anders als die anderen ist aber auch der Ältere unter den Jungen, die besonders Attraktive unter den Durchschnittstypen, der Neue unter den Altgedienten oder die besonders Tüchtige, die den beschaulichen Büroalltag der weniger engagierten Kollegen zu stören droht oder gar zur Konkurrenz für den Chef wird. Häufige Mobbingopfer sind zudem Personen, die sich erlaubt haben, auf Missstände innerhalb des Betriebs hinzuweisen, sogenannte Whistleblower. Dafür gibt es ein prominentes Beispiel:
Yasmine Motarjemi, international renommierte Kaderfrau bei Nestlé, deckte wiederholt Missstände rund um die Lebensmittelsicherheit auf. Von einem neuen Vorgesetzten wurde sie deswegen diskreditiert und hinterhältig gemobbt, wie ein Gericht später feststellte. Er gab ihr schlechte Leistungsbewertungen, entzog ihr Verantwortung und schloss sie von Sitzungen aus. Schliesslich löste er ihr ganzes Team auf. Als sich die Frau wehrte, wurde sie entlassen. Rund zwölf Jahre kämpfte sie gegen den Konzern, bis ihr schliesslich eine namhafte Entschädigung zugesprochen wurde (siehe Seite 84).
Schlafstörungen, Depressionen, Arbeitsunfähigkeit
Für die Mobbingopfer werden die feindseligen Angriffe zur unerträglichen Belastung. Da viele Mobbinghandlungen keiner vernünftigen Logik folgen, beginnen Betroffene, an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln und sich selbst zu hinterfragen. Ihre Gedanken kreisen ständig um das Erlebte im verzweifelten Bemühen, die Vorgänge zu verstehen und eine Lösung zu finden. Viele bezeichnen den Prozess als Spirale, die sich immer weiter nach unten dreht.
