50,00 €
Moderne Berg- und Höhenmedizin vermittelt aktuelles höhenmedizinisches und alpinistisches Faktenwissen und dessen Anwendung. Für Ausbilder, Bergsteiger und alpinmedizinisch interessierte Ärzte ist dieses Wissen unerlässlich. Professionelle Ausbilder, Bergführer und Ärzte müssen sich ständig fortbilden. Das Buch vermittelt die aktuellen Grundlagen zu praktisch allen Disziplinen des Bergsportes und außerdem für praktisch alle potenziellen Risikogruppen (z.B. Kinder, ältere Menschen, Schwangere). Detailliert werden auch die Faktoren systematisch erarbeitet, die für eine umfassende und spezifische alpin- und sportmedizinische Beratung notwendig sind.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1000
Veröffentlichungsjahr: 2011
Moderne Berg- und Höhenmedizin
Thomas Küpper ■ Klaas Ebel ■ Ulf Gieseler (Hrsg.)
Moderne Berg- und Höhenmedizin
Handbuch für Ausbilder, Bergsteiger und Ärzte
Mit 313 Abbildungen und 84 Tabellen
Herausgeber
Priv. Doz. Dr. med. Thomas Küpper, Facharzt für Arbeitsmedizin, Bergrettungs- und Expeditionsarzt, Reisemediziner; Lehrbeauftragter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen für die Fächer Sportmedizin, Flug- und Reisemedizin und Arbeitsmedizin sowie Koordinator des Qualifikationsprofils „Sport-, Flug- und Reisemedizin“ des Modellstudienganges. Besteigung von mehr als 60 Bergen über 4000 m weltweit.
Dipl. Ing. Msc. Klaas Ebel, Berechnungsingenieur im Bereich Vollfahrzeug Crashsimulation, Hobbyforscher im Bereich Schneephysik am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF , Davos, und am Institute for Materials and Processes and Centre for Materials Science and Engineering an der University of Edinburgh, Ausbilder im DAV. Ehemaliger Wettkampfkletterer auf nationaler Ebene, Erstbegehungen in Schottland, Besteigung von ca. 50 Bergen zwischen 3000 m und 4000 m weltweit und 16 Munroes in Schottland.
Dr. med. Ulf Gieseler, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologe, Angiologe, Intensiv-, Sport – und Reisemediziner. Ausbildung und Diplom zum Alpin- und Expeditionsarzt. Vormals 22 Jahre Chefarzt der Medizinischen Abteilung am Diakonissenkrankenhaus Speyer. Mitglied im Vorstand und Lehrteam der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin sowie Kursleiter der Alpinärztekurse. Expeditionsarzt im Himalaya, Südamerika, Alaska, Kaukasus. Besteigung von mehr als 50 Viertausendern in den Alpen. Weltweite Trekkingtouren sowie Expeditionen zum Mount McKinley, Cho Oyu, Alpamayo, Aconcagua u. a. Fachübungsleiter für Hochtouren und Sportklettern beim DAV.
Projektleitung
Gernot Keuchen, Stuttgart
Redaktionelle Koordination
Silvia Göhring, Heidelberg
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-87247-690-6
© 1. Auflage, Gentner Verlag, Stuttgart 2010
1. aktualisierte Neuproduktion 2011
Umschlaggestaltung: GreenTomato Süd GmbH, Stuttgart
Satz und Layout: Hilger VerlagsService, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net
Unseren Berg- und Bergrettungskameraden in dankbarer Erinnerung an viele schöne Stunden:
Reiner Schlupp
Peter Hierholzer
Andi Lambrigger
Edgar Brantschen
Gabriel Perren
Robert Baur
Denis Christin
Marc Perreten
Lieber einen Tag wie ein Tiger leben, als 1000 Jahre wie ein Schaf!
Tibetisches Sprichwort
Geleitwort
Die großen Gebirge der Welt wie der Himalaya, das Karakorum oder die Anden sind für die meisten Menschen heute leichter erreichbar als die europäischen Alpen vor 70 Jahren. Bergtouren aller Art erfreuen sich einer steigenden Popularität und Tausende suchen Höhen auf, in denen die akute Höhenkrankheit häufig ist. Die meisten derartigen Probleme können vermieden oder es kann zumindest ohne gravierende Konsequenzen mit ihnen umgegangen werden, allerdings nur, wenn die beteiligten Personen die notwendigen Kenntnisse besitzen, wie man diese Krankheiten vermeidet und wie man vorgeht, sollten sie doch auftreten. Dieses Wissen kann man aus zahlreichen Quellen schöpfen, allerdings gab es bislang noch kein derart umfassendes praxisrelevantes Werk in deutscher Sprache.
Das vorliegende Buch von Küpper, Ebel und Gieseler füllt diese Lücke. Die Autoren sind erfahrene Ärzte und Bergsteiger. Das Buch umfasst das breite Spektrum an relevanten Themen vollständig, einschließlich der zugrunde liegenden Informationen zur Physiologie der Höhenakklimatisation, der Pathophysiologie dieser Erkrankungen sowie der anderen alpinrelevanten Situationen. Ebenso werden Aspekte der Kameradenrettung und organisierten Bergrettung sowie der traumatischen Notfälle bearbeitet, natürlich auch Fragen des Trainings und der Trekking- bzw. Expeditionsvorbereitung.
Bereits seit Jahren ist Dr. Küpper eine der treibenden Kräfte hinter einer Reihe von Empfehlungen der Medizinischen Kommission der Union Internationale des Associations d’Alpinisme (UIAA MedCom). Jede dieser Empfehlungen hat ein spezifisches bergmedizinisches Thema und richtet sich sowohl an Ärzte als auch an medizinische Laien. Diese internationalen Richtlinien können von der UIAA-Webseite herunter geladen werden, das vorliegende Buch geht jedoch weit darüber hinaus und beinhaltet reichlich weiteres Material aus der umfangreichen Erfahrung der Autoren.
Die Autoren haben eine Fülle an Wissen und Ratschlägen in einem Buch zusammengefasst, was einen enormen Vorteil für die zunehmende Zahl derer darstellt, die in die wunderbare Welt der Berge gehen möchten und entsprechenden Rat suchen.
Wir gratulieren den Autoren zu diesem Übersichtswerk und wünschen ihnen viel Erfolg damit.
Jim MilledgeEhrenprofessor des UniversityCollege of LondonPast-Präsident der InternationalSociety for Mountain MedicineMember der UIAA MedCom
Buddha BasnyatPräsident der UIAA MedComNepal International ClinicKathmandu
Geleitwort
Mit der Zunahme des Alpintourismus steigt der Bedarf an bergmedizinischer Information für diese breit gefächerte und bunte Aktivität des Wanderns und Bergsteigens enorm. Dazu kommt, dass sich das betreffende medizinische Wissen rasant weiter entwickelt: Was gestern noch gültig war, kann morgen schon widerlegt und überholt sein.
Die Autoren dieses Buches bringen daher neben ihrer unbestrittenen Kompetenz auch sehr viel Mut auf, diesen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Nämlich, obwohl alles bergmedizinische Wissen im Fluss ist, mit diesem Buch quasi eine umfassende Standortbestimmung zu versuchen, die über das Erscheinungsdatum hinaus wenigstens eine Zeit lang Bestand hat. Wenn ihnen dieses Kunststück gelingt, dann Hut ab!
Franz Berghold
Internationale Lehrgänge für Alpinmedizin
Past-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin Kaprun
Geleitwort
Seit Jahrzehnten bemühen sich Organisationen, das Rettungswesen zu planen und zu verbessern. Europaweit ist ein dichtes Netz an Rettungs- und Notrufstationen, SOS-Posten, Materialdepots und Helibasen entstanden. Im Laufe der letzten Jahre ist das Mobilfunknetz so dicht geworden, dass es von fast überall möglich ist, einen Notruf zu geben. Speziell ausgebildete Rettungsleute ermöglichen dann eine rasche und gezielte Hilfe an Mitmenschen, die in Not geraten sind.
Trotzdem kann auf die Kameradenrettung, also die ersten Hilfsmaßnahmen durch die Begleiter, in den Bergen nicht verzichtet werden, ebenso natürlich nicht auf die Gefahrenprävention. Dieses Lehrbuch soll allen helfen, möglichst einfach die nötige Technik zu erlernen und zu verbessern. Dazu greifen die Autoren auf Bewährtes zurück, bieten aber auch den neuesten Stand von Technik und Medizin. Über allem steht der Präventionsgedanke, aber im Wissen, dass auch vorsichtige Menschen einmal in Not geraten können, wird systematisch aufgearbeitet, was zu tun ist, wenn die Prävention einmal versagt haben sollte und ein Notfall eingetreten ist.
In der Kameradenrettung und auch in der Prävention sind nach wie vor große Lücken zu schließen. Dazu ist dieses Buch bestens geeignet. Gut ausgebildete Personen können dem Verunfallten moralisch, medizinisch und technisch das Maximum an Hilfe geben. Dagegen verschlimmern unerfahrene, unsichere Retter die Situation. Aus diesem Grunde werden von erfahrenen, geschulten Personen ohne Prestigedenken Lehrbücher verfasst. Auch dieses Lehrbuch von Dr. Thomas Küpper und seinen Kollegen und Kameraden vereinfacht die Arbeit als Retter, sei es in der organisierten Rettung oder in der Kameradenhilfe und kann so zur Rettung von Leben beitragen. Dem Ausbilder erleichtert es durch seine übersichtliche Darstellung erheblich die Arbeit, ebenso dem Lernenden. Das Buch geht über ausschließlich für die Kameradenrettung relevante Inhalte weit hinaus und eignet sich gut für die Ausbildung der Bergrettungsleute. Einige Kapitel wenden sich mehr an Ärzte, andere mehr an Ausbilder, Bergretter und Bergsteiger – sie alle sind für die jeweilige Zielgruppe gut verständlich geschrieben. Einen großen Dank an die Herausgeber und Autoren, die zur Entstehung dieses umfassenden modernen Lehrbuches beigetragen haben!
Bruno Jelk
Rettungschef Zermatt/Schweiz
Verwaltungsrat und Präsident der Technischen Kommission KWRO
(Walliser Rettungsorganisation)
Präsident der IKAR-Kommission Bodenrettung
Stiftungsrat REGA
Geleitwort
Lebe deinen Traum, wenn nicht heute, dann morgen.
So lautet ein Satz, mit dem ich vor Jahren schon einmal ein Buch begann. Diese Träume sind es, die einen als Bergsportler so faszinieren, sie sind es, die einen immer wieder zum Training und zum Eingehen von Risiken motivieren. Aus den Träumen entstehen Vorhaben, zu denen man Pläne fasst und voll Vorfreude dem Tag der Abreise entgegenfiebert. Diese Vorfreude, die manchmal wie vor dem Weihnachtsfest in Kindertagen ist, lässt einen oft schon das Packen und Organisieren einer Tour genießen.
Wird die Sache dann real und man steht kurz vor der Verwirklichung, am Abend vor der Abfahrt, so mag man sich kaum von seinen Lieben verabschieden. Auch in der Nacht, bevor man einsteigt oder aus dem Basislager loszieht, plagen einen Schlaflosigkeit und Alpträume.
In diesen Alpträumen, einer ist am Anfang unseres Filmes „Am Limit“ dargestellt, erlebt man die Gefahr oder eben das geträumte Ereignis vorweg. Dies meinte ich nicht mit „Lebe Deine Träume“. Vielmehr machen einem diese Träume das Risiko bewusst, lassen einen eben die Gefahren, denen man sich aussetzt, quasi vorweg erleben. Man erlebt den Sturz, durchleidet bange Minuten und findet sich anschließend glücklicherweise in seinem sicheren Bett oder Schlafsack wieder.
Durch eine gute und umfassende Ausbildung ist es hoffentlich möglich, das zu erwartende Risiko möglichst genau abzuschätzen, um in keine Notlage zu geraten. Doch selbst, wenn man hinein geraten ist, muss sehen, wie man wieder herauskommt. Auch hier hilft eine fundierte Ausbildung, aber vor allem Erfahrung.
In der Bewusstwerdung der tödlichen Gefahr liegt die Sicherheit im Grenzgang. In der gefühlten Sicherheit ist die tödliche Gefahr jedoch nicht mehr kalkulierbar. Ist man sich nun der Risiken bewusst und kann sie einigermaßen einschätzen, so besteht immer noch die Möglichkeit, dass trotz aller Vorbereitung oder aller Erfahrung etwas schief geht.
Bei den Dreharbeiten zu unserem Film ist mein Bruder Alexander im leichten Gelände wegen eines ausgebrochenen Griffes 14 m gestürzt. Er hat keine bleibenden Schäden davongetragen, konnte aber erst einmal nicht mehr laufen. Wir haben ihn dann mit den Tragetechniken, die in diesem Buch vorgestellt sind, bis zum Auto geschafft.
Obwohl die alpinistischen Grundlagen umfassend dargestellt werden, man also gezeigt bekommt, wie man es richtig macht oder was man vorher, also bei der Planung beachten sollte, werden auch intensiv Rettungs- und Erste Hilfetechniken vermittelt. Man könnte also, wenn man in eine Notsituation geraten ist, nachschlage,n wie es dann weitergeht, wenn etwas schief gegangen ist. Man kann im Schlafsack oder im Bett also das vorliegende Buch in die Hand nehmen und nachschlagen, was man evtl. falsch gemacht hat oder sogar versuchen, eine Rettungsstrategie zu erarbeiten.
Um sowohl in der Prävention von Unfällen wie auch in den Rettungstechniken fit zu sein, sollte man diese in regelmäßigen Abständen, genau wie Klettern oder Kondition, trainieren. So ist die Wahrscheinlichkeit am größten, nicht in prekäre Situationen zu geraten. Gerät man trotzdem hinein, so hat man zumindest eher die Möglichkeit sich zu retten, um noch viele Träume zu leben …
Dieses Buch soll durch Trainings-, Ernährungs- und Akklimatisationshinweise von Medizinern aus den jeweiligen Fachgebieten helfen, noch viele Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es werden alle wichtigen Knoten und Seiltechniken anhand von Bildern erklärt und ein Einstieg in die probabilistische Lawinenkunde gegeben. Damit wird auf die Risiken im Bergsport und auf deren Vermeidung eingegangen.
Das Wichtigste ist aber, dass man auf sein Bauchgefühl hört. Wenn man sich nicht 100%ig fühlt, muss man eben doppelt aufpassen und darf das Gefühl nicht als unwichtig abtun.
Hier schreiben Ärzte, Wissenschaftler, ein Bergführer, ein Rechtsanwalt und ein Ingenieur, aber man findet nie den klassischen erhobenen Zeigefinger oder sogar Verbote, sondern immer Hinweise auf Risiken oder Gefahren. Es wird sogar erklärt, worauf man bei verschiedenen Vorerkrankungen achten muss, um trotzdem losziehen zu können. Hier wird niemand vorschlagen, dass man seine Gesundheit durch „Zuhausebleiben“ schont und damit seine Träume nicht lebt.
Thomas Huber
Vorwort der Herausgeber
Auch der vernünftigste Bergsteiger oder Höhensportler kommt irgendwann einmal in eine Gefahrensituation, aus der dann sehr plötzlich eine Notsituation oder ein Unfall entstehen kann. Überlegtes, zügiges und zielstrebiges Handeln an solch einem besonderen Unfallort ist nicht nur für den Verunglückten, sondern auch für seine(n) Seilpartner(in) oder die Begleiter oft lebenswichtig.
„Der Unfallort im Gebirge unterscheidet sich von dem im Flachland dadurch, dass er viel schöner ist, aber höher liegt, keine Waagerechten kennt, kein Dach hat, fast immer zu heiß oder zu kalt und oft nass ist; ein Arzt kann nicht erreicht werden und das Sanitätsauto kann nicht vorfahren; auch der Hubschrauber kommt nur untertags und bei guter Sicht.“G. Neureuther
Besser kann man die Rahmenbedingungen kaum beschreiben! Aus diesen Besonderheiten des alpinen Notfallortes ergeben sich besondere Verhaltensweisen, mit denen man sich bereits vor einer Bergfahrt auseinandergesetzt haben sollte. Nur durch gedankliches „Durchspielen“ möglicher Notsituationen und Üben der entsprechenden Maßnahmen kann man im Ernstfall relativ sicher sein, zügig richtig zu handeln. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Prävention von Notfällen. Dazu gehört ein solides Grundwissen an höhenmedizinischen Kenntnissen ebenso wie das Beachten spezifischer Anforderungen an Bergsteiger mit Vorerkrankungen oder an Arbeitnehmer, die in großer Höhe oder isobarer Hypoxie tätig werden müssen.
Mit diesem Buch wenden sich die Herausgeber an alle, die ihren Aufenthalt in der Höhe verantwortungsbewusst planen und durchführen wollen oder die andere dazu anleiten und beraten, sei es als Bergführer, Ausbilder, Ärzte oder schlicht als Bergsteiger. Es ist als Hilfe gedacht, gefährlichen Situationen vorzubeugen oder sie jedenfalls rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen sowie eventuell notwendige erste Rettungsmaßnahmen entweder selbst durchzuführen oder die organisierte Rettung wesentlich zu beschleunigen. Die Zielgruppen bedeuten natürlich, dass das Buch einen gewissen Spagat leisten muss. Naturgemäß sind einzelne Kapitel daher etwas theorielastiger, während andere unmittelbar praxisnah sind.
Der Denkansatz dieses Buches ist der Versuch, aus medizinischem Blickwinkel einen Bogen zu spannen, der von der alpinen Gefahr und ihrer primären Prävention als optimale Lösung über die Notsituation und die Sofortmaßnahmen zur endgültigen Rettung führt. „Rettung“ bedeutet dabei nicht unbedingt, dass ein Unfall bereits eingetreten sein muss. Vorbeugung, z. B. in Form eines rechtzeitigen Rückzugs, solange Betroffene bei beginnender Höhenkrankheit noch aktionsfähig sind, ist auch eine Form von Rettung. Es handelt sich bei den beschriebenen Techniken ausschließlich um solche, die mit der normalen Ausrüstung einer Seilschaft durchführbar sind – solide Ausrüstungsplanung einschließlich Erste-Hilfe-Material vorausgesetzt – und die sich in der Praxis bewährt haben. Die Themenschwerpunkte basieren dabei auf aktuellen Forschungsergebnissen.
An das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen kann nicht eindringlich genug appelliert werden. Sowohl moralisch als auch juristisch besteht eine Pflicht zur Hilfeleistung. Jeder, der an einem Unfall unmittelbar oder als Beobachter beteiligt ist, ist dem Geschädigten gegenüber verpflichtet, innerhalb eines zumutbaren Rahmens Hilfe zu leisten. Dieser Rahmen wird von den Juristen beim Bergsteigen als sog. „Risikosport“ deutlich höher angesetzt als bei „Normalbürgern“!
Um ein überschaubares Format nicht zu überschreiten, müssen alle nicht wirklich wesentlichen rein wissenschaftlichen Hintergrundinformationen weggelassen werden. Dieses Buch ist kein Physiologiebuch, auch kein Kletterlehrbuch oder ein reines Erste-Hilfe-Handbuch. Alpine Grundkenntnisse werden ebenso vorausgesetzt wie einige Grundlagen der normalen Ersten Hilfe, wie beispielsweise Verbände.
Der Inhalt dieses Buches wurde mit den Lehraussagen der Medizinischen Kommission der UIAA (Union Internationale des Associations d’Alpinisme), des Ausbildungsreferates des Deutschen Alpenvereins (DAV), der Bergwacht des Deutschen Roten Kreuzes, der Schweizer Bergrettung, des Österreichischen Bergrettungsdienstes und der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin (ÖGAHM) abgestimmt. Auch wenn Abweichungen im Detail unvermeidbar sind: Man wird nicht durch widersprüchliche Lehraussagen verwirrt werden! So ist das vorliegende Buch auch zur Ausbildung und zum Selbststudium für die Bergrettungsdienste sowie zur Vorbereitung von Trekkings und Expeditionen geeignet.
Die Herausgeber möchten an dieser Stelle den beteiligten Kollegen von der UIAA MedCom und der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin für ihr Engagement, ihren fachlichen Rat und ihre Unterstützung herzlich danken.
In diesem Sinne bergheil (oder besser talheil?)
Thomas Küpper
Klaas Ebel
Ulf Gieseler
Inhaltsverzeichnis
Geleitwort (J. Milledge, B. Basnyat)
Geleitwort (F. Berghold)
Geleitwort (B. Jelk)
Geleitwort (T. Huber)
Vorwort der Herausgeber
Abkürzungsverzeichnis
I Grundlagen
1 Geschichte der Höhenmedizin
T. Küpper
2 Physiologie des Aufenthaltes in mittlerer, großer und extremer Höhe
K. Ebel, W. Domej, U. Gieseler, A. Morrison, R. Waanders, N. Netzer, M. Faulhaber, B. Jelk, T. Küpper
3 Belastung, Leistungsfähigkeit und Training
U. Gieseler, M. Burtscher, M. Faulhaber
4 Alpine Risikofaktoren und Gefahrenprävention
K. Ebel, T. Küpper
5 Biwakieren
K. Ebel
II Rettungstechniken und Hilfe bei Verletzungen im Gebirge
6 Rettungstechniken
K. Ebel, T. Küpper
7 Notfallort im Gebirge – Erste Maßnahmen
T. Küpper, D. Wermelskirchen, A. Hemmerling
8 Verletzungen
T. Küpper, A. Hemmerling
III Spezifische Erkrankungen und Notfälle
9 Spezifische Erkrankungen und Notfälle im Hochgebirge
U. Gieseler, T. Küpper
10 Weitere akute Erkrankungen und Notfälle im Gebirge
T. Küpper, M. Mir, M. Mazandarani, F. Lampert, M. Hettlich
11 Strategie der Kameradenrettung
T. Küpper
12 Die Tourenapotheke
T. Küpper
IV Bergsport bei bestehenden Gesundheitsrisiken
13 Bergsport bei bestehenden Gesundheitsrisiken
U. Gieseler, W. Domej
14 Besondere Personengruppen in der Höhe
H. Meijer, A. Morrison, T. Küpper
V Sportklettern und Leistungssport
15 Sportklettern
V. Schöffl, T. Küpper, A. Morrison
16 Medikamentenmissbrauch und Doping im Alpinismus und beim Sportklettern .
U. Hefti
VI Ausbildung und Prophylaxe
17 Gesundheitsprophylaxe an den Bergen der Welt
T. Küpper, B. Rieke
18 Alpinmedizinische Ausbildung
T. Küpper, P. Peters
VII Berufsbedingter Höhenaufenthalt
19 Berufsbedingter Höhenaufenthalt
T. Küpper
VIII Rechtliche Fragen
20 Rechtsfragen beim Notfall im Gelände und beim Höhenaufenthalt
M. Kostuj, T. Küpper
IX Alpinmedizinisches Wörterbuch
21 Alpinmedizinisches Wörterbuch
T. Küpper
X Alpine Geschichte als Teil der Weltgeschichte
22 Alpine Geschichte als Teil der Weltgeschichte
B. Diedring
XI Anhang
Medikamente unter klimatischen Extrembedingungen
T. Küpper
Biografien der Herausgeber
Autorenverzeichnis
Register
Abkürzungsverzeichnis
AaDO2
alveoloarterielle Sauerstoffpartialdruckdifferenz
ALS
Advanced Life Support (erweiterte Wiederbelebungsmaßnahmen)
AMS
Acute Mountain Sickness (akute Höhenkrankheit)
BLS
Basic Life Support (Basismaßnahmen der Wiederbelebung)
BMI
Body Mass Index
CO2
Kohlendioxid
COPD
Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung
DAV
Deutscher Alpenverein
DLE
Duration of Limited Exposure
EIB
Belastungsabhängige Bronchokonsriktion (exercise-induced bronchoconstriction)
FiO2
Anteil an Sauerstoff in der Einatmungsluft
HAC
Höhenhusten (High Altitude Cough)
HACE
High Altitude Cerebral Edema (Höhenhirnödem)
HAPE
High Altitude Pulmonary Edema (Höhenlungenödem)
HAPH
Hypoxieassoziierte pulmonalarterielle Hypertonie
hm
Höhenmeter
HMS
Halbmastwurfsicherung
HMV
Herz-Minuten-Volumen
HOPS
Hirnorganisches Psychosyndrom
HPV
Hypoxieassoziierte pulmonalarterielle Vasokonstriktion
HVR
hypoxieinduzierte Atemreaktion (hypoxic ventilatory drive)
IH
Intermittierende Hypoxie
kg KG
Kilogramm Körpergewicht
LF
Lichtschutzfaktor
MED
Mittlere erythemwirksame Dosis
MRT
Magnetresonanztomographie
NACA
National Advisory Committee for Aviation
O2
Sauerstoff
ORS
Orale Rehydratationslösung
paCO2
Arterieller Kohlendioxidpartialdruck
paO2
Arterieller Sauerstoffpartialdruck
pCO2
Kohlendioxidpartialdruck
PH
Wasserstoffionenkonzentration
pN2
Stickstoffpartialdruck
PO2
Sauerstoffpartialdruck
PWC170
Arbeit in Watt bei einem Belastungspuls von 170/min.
SaO2
Arterielle Sauerstoffsättigung
SHT
Schädel-Hirn-Trauma
UIAA
Union Internationale des Associations d’Alpinisme, der Zusammenschluss der (meisten) alpinen Vereinigungen der Welt
UV
Ultraviolett (-Strahlung)
VO2max
Maximale Sauerstoffaufnahmekapazität
Vorderseite: Lawinenabgang am Mt. Hunter/Alaska (Foto: U. Gieseler)
1 Geschichte der Höhenmedizin
T. Küpper
Die aktuellen Fragen, Erfolge und Probleme der Höhenmedizin wie die Sicherheit am Berg insgesamt sind nur vor dem Hintergrund der langen Entwicklung zu sehen. Bereits in der Frühzeit waren die wenigen Menschen, die in die Berge gingen, bereits erstaunlich gut für die dort unwirtlichen Bedingungen ausgerüstet – „Ötzi“ ist ein schönes Beispiel dafür. Steigeisenähnliche Geräte sind aus der Römerzeit bekannt. Die höhenmedizinische Forschung des 19. Jahrhunderts lieferte bahnbrechende, in vielen Bereichen auch heute noch relevante Ergebnisse.
1.1 Frühe Zeugnisse
Der Fund der Gletschermumie „Ötzi“ im Jahre 1991 in 3210 m Höhe wenig unterhalb des als „Hauslabjoch“ bekannten, korrekt als „Tisenjoch“ bezeichneten Überganges am Similaun bot Anlass zu zahlreichen Spekulationen über den Grund für seinen Höhenaufenthalt und die Umstände seines Todes vor 5300 Jahren in eben dieser Höhe. Letztere wurden von der Gerichtsmedizin mehrere Jahre übersehen: Mord durch Pfeilschuss in den Rücken durch einen gezielten, aus einer Entfernung von etwa 80 m erfolgten Schuss. Der Grund, warum er sich zum Zeitpunkt seines Todes in der Nähe des Tisenjochs befand, ist weiterhin spekulativ, jedoch muss man davon ausgehen, dass in früher Zeit ein konkreter Anlass des täglichen Lebens bestehen musste, um sich den unwirtlichen Bedingungen der Hochregionen auszusetzen. Heute würde man solche Aufenthalte – wenn sie nicht der Flucht dienten – als „berufsbedingt“ bezeichnen.
Die einzige Ausnahme dürften Kulthandlungen auf heiligen Gipfeln gewesen sein, die jedoch zumindest für die beteiligten Geistlichen ebenfalls „berufsbedingt“ waren. Im Rahmen derartiger Kulthandlungen erreichten südamerikanische Völker bereits sehr früh Höhen weit über 6500 m, was durch die zahlreichen Funde von Inkamumien belegt wird. Im Gegensatz zur Gegenwart, in der der weitaus überwiegende Teil der Höhenaufenthalte privater Natur ist, sind solche oder Aufenthalte aus wissenschaftlicher Neugier oder sonstigen außerberuflichen und nichtrituellen Gründen vor der Neuzeit nicht überliefert.
Ohne die Herstellung eines direkten Zusammenhangs mit der Höhe wurden schon sehr früh empirisch höhen- und leistungsphysiologische Beobachtungen gemacht und dabei aus retrospektiver Sicht geradezu lehrbuchartig akute Höhenerkrankungen beschrieben. Eine der ältesten überlieferten Quellen ist die Schrift des Chinesen Hui Jiao, der mit seinem Kameraden im Jahre 403 v. Chr. die Seidenstraße bereiste und über diesen in etwa 5000 m Höhe Folgendes berichtete: „Hui Jing ging es sehr schlecht, er hatte Schaum vor dem Mund und verlor rapide an Kraft und fiel in Ohnmacht. Zuletzt fiel er tot in den Schnee“. Diese Symptomatik würde man heute als Höhenlungenödem zusammenfassen. Da derartige Reisen ausschließlich zu geschäftlichen, politischen oder militärischen Zwecken unternommen wurden, verstarb Hui Jing im Rahmen des ersten schriftlich überlieferten höhenbedingten tödlichen Arbeitsunfalls. Etwa aus der gleichen Zeit stammen Steigeisen aus Bronze aus dem Hallstätter Gräberfeld. Sie waren teilweise als 3-Zacker, überwiegend jedoch als 6-Zacker konstruiert, ähnlich derer, wie sie in der Frühzeit des „klassischen“ Alpinismus 2000 Jahre später noch benutzt wurden. Etwa 350 Jahre nach Hui Jiao heißen Teile des Himalaya bei den Chinesen „Kopfschmerzberge“, ein Hinweis auf die damalige Kenntnis des bekanntesten Symptoms der Höhenkrankheit.
Fallbeispiel. Neben Priestern, die sich als frühe Bergsteiger zu heiligen Stätten betätigten, waren Militärs die ersten, die sich um „alpine Technik“ kümmerten: Bei der Eroberung der als uneinnehmbar geltenden Festung auf dem sogalischen Felsen im Jahre 327 v. Chr., auf dem der sogalische Herrscher Oxyartes seine Frau und seine Töchter vor ihm in Sicherheit bringen wollte, stattete Alexander der Große, nachdem seine Forderung nach Übergabe der Festung von den Verteidigern mit dem Kommentar abgelehnt wurde, dazu bräuche er „Männer mit Flügeln“, 300 „bergsteigerisch erfahrene“ (was auch immer das damals war) Soldaten mit Seilen und Mauerhaken aus. Diese erkletterten dann die Festung. Daraufhin unterwarf sich Oxyartes und bot Alexander die Hand seiner Tochter an. Dies ist der erste Beleg über die Verwendung von Seil und Haken zum Klettern. Über Verluste, Stürze und Kletterunfälle berichten die Quellen nichts.
Rein empirisch wurde im Laufe der Jahrhunderte die Dauerakklimatisationsgrenze gefunden: Aucanquilchen, eine Siedlung der Inkas im 15. Jahrhundert n. Chr., ist mit 5340 m die höchste dauerhaft bewohnte Ortschaft der Geschichte. Es handelte sich hierbei um eine „Schlafstadt“ für die 600 m höher gelegenen Silberbergwerke, zu denen jeden Tag aufgestiegen wurde. Man muss davon ausgehen, dass ausreichende Erfahrung über Akklimatisation und High Altitude Deterioration (körperlicher Verfall bei zu langem Aufenthalt oberhalb der Dauerakklimatisationsgrenze, die heute mit etwa 5300 m ü. NN angenommen wird, vorhanden waren, da ansonsten ein wirtschaftlicher Betrieb der Bergwerke auch unter Berücksichtigung der damaligen Arbeitsverhältnisse (niedrigste Lohnkosten bei 10- bis 12-Stunden-Tagen) nicht möglich gewesen wäre.
Ab 1527 führte Mogul Mirza Mohammed Haidar einen Feldzug auf dem tibetischen Plateau (4000–5000 m). Dabei beklagt er sich bitter über die Leistungsschwäche seiner Truppen und beschrieb bei seinen Soldaten Schwäche, Atemnot und Halluzinationen bis hin zu Koma und Tod. Zumindest bei einigen seiner Soldaten dürfte es sich nach dieser Beschreibung um ein Höhenhirnödem (HACE) gehandelt haben. Im weiteren Verlauf des Feldzugs fand dann 1531 die Mongoleninvasion in Ladakh und Westtibet statt. In den Berichten wird detailliert die akute Höhenkrankheit (AMS, „yas“) als Krankheit beschrieben, die die Tibeter „damgiri“ oder kurz „dam“ („krampfhaftes Atmen“) oder auch „dugri“ („Gift der Berge“) nannten.
Exkurs. Dem Jesuitenpater Acosta wird die erste Beschreibung der akuten Höhenkrankheit („acute mountain sickness“, AMS) zugeschrieben. Abgesehen davon, dass der Ort der Beschreibung umstritten ist, da die Landschaften später umbenannt wurden, ist streng genommen auch die Tatsache falsch, dass Acosta der „Entdecker“ der AMS ist. Wie oben dargelegt, waren bereits 2000 Jahre früher sowohl die Symptome beschrieben als auch die Gegenden bekannt, in denen sie beobachtet wurden. Weder die alten Chinesen, Mongolen oder Tibeter noch Acosta konnten allerdings wissen, was der pathophysiologisch ursächliche Mechanismus der allgemein schwächeren Leistungsfähigkeit und der Krankheitssymptome in der Höhe war. Dies war erst durch die Arbeiten von Garpar Berti, Evangelista Torricelli und Florin Périer möglich. Obwohl es Bertis Verdienst war, das erste Barometer zu entwickeln, wurde er später nahezu vergessen: Die Druckeinheit hieß nach seinem Konkurrenten zunächst „Torr“. Auch Périer ist vergessen, seitdem sein Cousin Pascal seine Beobachtungen publizierte, und heute wird dieser mit der SI-Einheit für den Druck geehrt. Die Arbeiten der drei Genannten bewiesen, dass die Atmosphäre ein Eigengewicht besitzt und dass dieses mit zunehmender Höhe abnimmt.
1.2 Die „klassische Zeit“ des Alpinismus
Horace Benedict de Saussure machte bei seiner ersten Montblanc-Besteigung im Jahre 1786 die ersten im heutigen Sinne als systematisch-wissenschaftlich zu bezeichnenden Beobachtungen. Als Grund für die beobachteten Veränderungen von Atem- und Herzrhythmus, Leistungsfähigkeit und AMS-Symptomen konstatierte er im Gegensatz zu manchen deutlich späteren Autoren zutreffend: „Die Druckabnahme ist die Ursache“. Auch wenn manche höhenmedizinische Erkenntnis des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus heutiger Sicht revidiert werden muss: Nach über 2000 Jahren Empirie hatte man begonnen, systematisch und quantitativ Daten zu erheben und auszuwerten, (Arbeits-)Leistung wurde messbar.
Das hinderte viele Mediziner jedoch keineswegs, sich weiterhin freier Spekulation über die Ursachen der Höhenerkrankung hinzugeben, wobei vor allem Ausdünstungen von Pflanzen und Mineralien diskutiert wurden. Hauptverdächtige waren Rhabarber, Heidekraut, Ringelblume, Antimon und Blei. Die Tatsache, dass die genannten Pflanzen in großer Höhe gar nicht und Blei und Antimon allenfalls lokal in nennenswerter Menge vorkommen, spielte bei dieser „wissenschaftlichen“ Diskussion offenbar keinerlei Rolle. Mayer-Ahrens machte 1854 in Zürich die Geschwindigkeit des Verdunstens von Körperflüssigkeit, die Lichtintensität, die Expansion von Darmgasen und eine Schwäche des Hüftgelenkes verantwortlich, wobei insbesondere Letztere von seinen Zeitgenossen großen Zuspruch fand. Auch wenn Meyer-Ahrens’ Aussagen heute eher als Anekdoten zu betrachten sind – eines hatte er jedoch offensichtlich zumindest geahnt: den multifaktoriellen Charakter der Einflüsse und der Auswirkung des Höhenklimas auf den Organismus. Die Auffassung eines seiner Zeitgenossen, eines amerikanischen Chirurgen, mutet dagegen fast modern-paramedizinisch an: Ursache der Höhenkrankheit sei der Erdmagnetismus.
Abb. 1.1: a Angelo Mosso (1846–1910), einer der großen Physiologen der „klassischen“ Zeit (aus Zuntz 1906). b Die Forschungsstation „Regina Margherita“ (4560 m) auf dem Gipfel der Signalkuppe im Monte Rosa-Massiv (Foto aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, aus Loewy 1931)
Fast parallel zu Saussures Untersuchungen trat ein Wandel bezüglich des Höhenaufenthaltes ein: Zunehmend rückte der sportliche Aspekt, insbesondere durch die Mitglieder des Britischen Alpenvereins, in den Vordergrund, arbeitsmedizinischleistungsphysiologische Gedanken wurden sekundär. Paul Berts epochales Werk „La pression barométrique“ bedeutete im Jahre 1878 den Beginn einer enormen wissenschaftlichen Aktivität auch heute noch bekannter Größen wie Zuntz und Mosso (Abb. 1.1a), aber auch fast vergessener Wissenschaftler wie Viault, Müntz, Jaquet, Miescher, Durig und anderer. Paul Bert formulierte dabei als Erster das „Gesetz des Sauerstoffpartialdruckes“, der unter den Gasen der Atmosphäre allein für die höhenbedingten Reaktionen des Organismus oder dessen Tod verantwortlich sei. Zuntz erkannte bereits früh auffällige Unterschiede zwischen Resultaten aus hypobaren Kammern und solchen, die in der Höhe ermittelt worden waren (Abb. 1.1b).
1.3 Das 20. und 21. Jahrhundert
Um die Wende zum 20. Jahrhundert standen sowohl den Alpinisten als auch den beruflich in der Höhe Aktiven zum Thema „Höhenaufenthalt“ die folgenden, besonders relevanten Ergebnisse zur Verfügung: Mit zunehmender Höhe nimmt die Leistungsfähigkeit ab, ursächlich verantwortlich ist die Abnahme des Sauerstoffdruckes. Die Organe sind unterschiedlich sauerstoffempfindlich, besonders empfindlich ist das Gehirn. In 4500 m Höhe beträgt der Mehrverbrauch an Energie für die gleiche Arbeitsleistung wie im Tal 14–27 % (Abb. 1.2).
Abb. 1.2: Mobile Messapparatur von N. Zuntz für seine leistungsphysiologischen Studien auf der Margheritahütte (4560 m) in den Jahren 1895–1903 (aus Zuntz 1906)
In der Höhe treten im Laufe der Zeit Adaptationsprozesse des Körpers ein, für die übereinstimmend die „Sauerstoffarmut“ als ursächlicher Reiz angesehen wurde. Mit der Höhe nimmt zusätzlich zur Hypoxie die Klimabelastung des Organismus zu. So nimmt die Temperatur um 0,63 °C pro 100 Höhenmetern ab. Diese Abnahme ist unabhängig von der geografischen Breite, schwankt jedoch leicht mit der Jahreszeit. Zudem nimmt die Wärmestrahlung weit überproportional zu, weil das Infrarotlicht durch den abnehmenden Wasserdampfgehalt der Luft immer weniger absorbiert wird (Abb. 1.3 und 1.4).
Abb. 1.3: Messapparatur von N. Zuntz für seine Studien zur Atemphysiologie 1895 auf der Margheritahütte (4560 m) (aus Zuntz 1906)
Mit diesem Wissen erreicht der Herzog der Abruzzen im Jahre 1909 immerhin 7500 m Höhe, 1924 wird Norton am Mount Everest in 8580 m Höhe zuletzt gesichtet und Kellas sagt aufgrund theoretischer Überlegungen bereits im Jahre 1920 voraus, dass eine Besteigung des Mount Everest (Chomolungma, 8848 m) vermutlich ohne Zusatzsauerstoff möglich sei. Die mit der Höhe drastisch zunehmenden physiologischen Probleme gingen nach der Höhendifferenz zwischen dem Punkt des Scheiterns der meisten „klassischen“ Expeditionen in ca. 8500 m Höhe und dem Everestgipfel als „Problem der letzten 1000 Fuß“ in die Geschichte der Alpinistik ein. Dieses Problem wurde erst 1953 von Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay, die im Gegensatz zu Norton und anderen Zusatzsauerstoff verwendeten, und von Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 ohne Zusatzsauerstoff gelöst, 1980 von Messner sogar im Alleingang.
Abb. 1.4: Mossos Konstruktion zur Messung von Atembewegungen für die Margheritahütten-Expedition 1894 (aus: Mosso 1899). Mit dieser einfachen Anordnung konnten erstaunlich„saubere“ Messungen durchgeführt werden (vgl. Abb. 2.28)
Das besondere Verdienst von Zuntz, Mosso, von Schroetter und ihrer Kollegen war die erstmalige Kombination von Feld- und Laborversuchen. Hier wies Zuntz als Erster auf die bestehenden Unterschiede zwischen den Ergebnissen der Feld- und denen der Laborversuche hin. Er erkannte, dass die multifaktoriellen Einflüsse des Hochgebirges auf den Menschen in Laborversuchen nicht simulierbar sind.
Neuentwicklungen und Verbesserungen führten nach dem 2. Weltkrieg zu einer Unzahl an Versuchen und Ergebnissen. Die systematische Entwicklung der Fahrradergometrie durch die Arbeitsgruppe um Hollmann, die Verbesserung von Respirationsmessapparaten und die Etablierung des Laktats als Parameter für die (Ausdauer-)Leistungsfähigkeit seien beispielhaft für diese Entwicklung genannt. Selbstverständlich wurden alle diese neuen Techniken auch von der Höhenmedizin genutzt – eine detaillierte Beschreibung würde Bände füllen. Stellvertretend sei auf den Großversuch „Operation Everest II“ der amerikanischen Luftwaffe unter Ch. Houston hingewiesen, bei der in einem Druckkammerversuch der „Aufstieg“ auf den Mt. Everest simuliert wurde.
Ein Gedanke drängt sich unvermeidlich auf, wenn man die Geschichte der Höhenmedizin Revue passieren lässt: Die wirklich bahnbrechenden Ergebnisse liegen schon lange zurück, danach folgten überwiegend nur Details. Gerade vor dem Hintergrund der scheinbaren Allmacht heutiger Messtechnologie ist eine gehörige Portion Ehrfurcht vor den wissenschaftlichen Leistungen der „Alten“ angebracht.
In den letzten Jahren ist eine doppelte Entwicklung in der Höhenmedizin feststellbar, zum einen hin zu einer Spezialisierung, andererseits in die Breite. Die Spezialisierung führte beispielsweise zu einer detaillierten, wenn auch noch lange nicht vollständigen Untersuchung der Mechanismen der Höhenkrankheit, der genetischen Grundlagen und der Optimierung der Therapie. Parallel wurden immer weitere Aspekte und medizinische Fächer in die Höhenmedizin einbezogen und die Ausbildung einer größeren Zahl an Ärzten zur Beratung von Bergsteigern und Expeditionen oder Untersuchung von arbeitsmedizinischen Fragestellungen bei Höhenaufenthalt und alpiner (Luft-)Rettung durchgeführt.
Trotz aller inzwischen vorhandenen Detailkenntnisse bleiben jedoch offene Fragen. So existiert abgesehen vom altbekannten, jedoch recht störanfälligen Ruhepuls nach wie vor kein Parameter, der den aktuellen Grad der Akklimatisation quantifizierbar macht oder die Vorhersage der individuellen Höhentauglichkeit ermöglicht. Auch ist nicht wirklich bekannt, wie lange eine einmal erfolgte Akklimatisation anhält, wenn man die Höhe verlässt. Noch weniger ist darüber bekannt, welche Auswirkungen ein regelmäßiger Kurzaufenthalt in der Höhe hat (sog. „intermittierende Hypoxie“). Somit haben auch zukünftige Wissenschaftlergenerationen noch genug zu tun.
Weiterführende Literatur
Bert P. La Pression Barométrique. Recherches de Physiologie Expérimentale. Paris: Masson, 1878.
Loewy A. Physiologie des Höhenklimas. Monographien aus dem Gesamtgebiet der Physiologie der Pflanzen und der Tiere, Bd. 26. Berlin. Springer, 1932.
Mosso A. Der Mensch auf den Hochalpen. Leipzig: Von Veit, 1899.
Zuntz N, Loewy A, Müller F, Caspari W. Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen. Berlin: Bong, 1906.
