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Tierdetektiv Colin Butcher hat alle Hände voll zu tun, im Alleingang ausgebüchste und gestohlene Katzen aufzuspüren. Also beschließt er, Unterstützung anzuheuern: am besten eine mit vier Pfoten und wuscheligem Fell! Am Ende einer langen Suche lernt Colin Molly kennen, eine Cockerspanielhündin, die von ihren vorherigen Besitzern als untrainierbar und widerspenstig eingestuft wurde. Doch Colin findet sofort Gefallen an Molly und ist von ihrem Charisma und ihrer Intelligenz spontan begeistert. Und sein Instinkt ist goldrichtig, denn sein tierischer Sidekick entpuppt sich als wahres Naturtalent. Zusammen löst das unschlagbare Team zahlreiche Fälle von gekidnappten oder mysteriös verschwundenen Katzen in Südengland. Sogar eine geheimnisvolle Schatztruhe spürt die kleine Miss Marple in Hundeform wieder auf! Diese Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft wird die die Herzen sowohl von Hunde- als auch Katzenfans erwärmen.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das Buch
Molly & ich erzählt die herzergreifende Geschichte einer Freundschaft zwischen der aufgeweckten Cockerspaniel-Hündin Molly und dem Ex-Polizisten Colin Butcher. Von ihren vorherigen Besitzern als untrainierbar und widerspenstig eingestuft, findet Molly dank der Liebe und Hingabe ihres neuen Herrchens eine neue Bestimmung: Als erste Hundedetektivin der Welt unterstützt sie Colin auf der Suche nach verschollenen Haustieren in Südengland. Während sie ihre spannenden Fälle lösen, treffen sie auf unheimliche Gestalten, geraten in manchmal gefährliche Situationen und schließen neue Freundschaften. Am allerwichtigsten aber ist, dass sie einander gefunden haben!
Colin Butcher
mit Joanne Lake
Molly & ich
Freunde fürs Leben und Haustier-Detektive auf heißer Spur
Aus dem Englischen übersetztvon Antje Althans und Juliane Lochner
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Molly & Me. How One Man and His Dog Became a Crime-Solving Duo bei Michael Joseph, einem Imprint von Penguin Random House UK, London. Veröffentlicht in Kooperation mit YM&U, London.Antje Althans dankt dem Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen und der Kunststiftung NRW für die Unterstützung der übersetzerischen Arbeit.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Deutsche Erstausgabe Juli 2019
Copyright © 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright der Originalausgabe © 2019 Colin Butcher
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,
unter Vewendung von Fotos von © Rachel Oates
Fotos im Bildteil: © Colin Butcher,
© Renu Williams (Foto 10 und 11) und
© Katy Thatcher (Foto 21)
Lektorat: Marion Preuß
MP · Herstellung: kw
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-23903-9V001
www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:
1. Mollys erste Bewährungsprobe
2. Auf der Erfolgsspur
3. Vom Privatschnüffler zum Tierdetektiv
4. Der Katalysator für eine Veränderung
5. Ein Pionierprojekt
6. Eine bemerkenswerte Rettung
7. Talent und Drill auf Bramble Hill
8. Phillip, Holly und Racker Molly
9. Bringt Buffy zurück
10. Der Blauglöckchenwald
11. Die Hündin und die Schlange
12. Die Katze und das Hausboot
13. Ein Alptraum in Notting Hill
14. Eine vermisste Katze und ein mürrischer Nachbar
15. Molly und die ausgewanderten Katzen
16. Der Ausreißer von Brixton
Epilog
Danksagung
Bildteil
Für David
Vom Volk werden sie Spürhunde genannt. Diese Hunde sind von so phänomenaler Klugheit, dass sie nach Dieben suchen und sie nur anhand des Geruchs der gestohlenen Waren verfolgen.
– The History and Croniklis of Scotland (1536) von John Bellenden (schottische Übersetzung von Hector Boeces Historia Gentis Scotorum)
Am Freitag, den 3. Februar 2017, um neun Uhr morgens, klingelte das Telefon. Meine Assistentin Sam hatte sich gerade an ihren Schreibtisch gesetzt, ihren Computer hochgefahren und ihren ersten Schluck Espresso getrunken, während ich mich draußen in der Auffahrt der Bramble Hill Farm befand und mich bereitmachte, Molly in der frühen Morgensonne Bewegung zu verschaffen. Meine Cockerspaniel-Hündin war seit dem Aufstehen schon so lebhaft gewesen, dass sie die Lladró-Lieblingsvase meiner Freundin Sarah im Hausflur umgestoßen hatte, und musste überschüssige Energie abbauen.
»UK Pet Detectives«, meldete sich Sam. »Können wir Ihnen helfen?«
»Das hoffe ich sehr«, antwortete eine bedrückte Stimme. »Unsere Katze Rusty ist verschwunden. Wir haben überall nach ihr gesucht und können sie nirgends finden. Wir sind mit unserem Latein am Ende, deshalb wenden wir uns an Sie.«
Tim war Grafikdesigner und lebte mit seiner Freundin Jasmine, die als Physiotherapeutin arbeitete, in der Stadt St Albans in Hertfordshire. Sie sparten eisern für die Anzahlung auf ein Einfamilienhaus, wohnten jedoch bis dahin in einer ruhigen Sackgasse in einer einfachen Mietwohnung. Die beiden liebten Katzen und hatten die kleine Rusty, eine Katze aus dem Tierheim mit schwarz-weiß-kupferrotem Fell, mandelförmigen Augen und einem langen flauschigen Schwanz, voll Freude in ihrem Leben willkommen geheißen. Da die Wohnung recht beengt war und viele ihrer persönlichen Sachen noch in Kartons verpackt waren, ließen sie ihre Katze oft nach draußen. Dort lief sie dann auf der halbmondförmigen Straße herum, faulenzte in Einfahrten und saß auf Türschwellen, entfernte sich jedoch nie zu weit und kam nie spät nach Hause.
Doch am vorigen Freitag war Rusty nicht aufgekreuzt, um sich ihren gedünsteten Schellfisch abzuholen, ihren allwöchentlichen Leckerbissen; da sie verrückt nach frischem Fisch war, waren ihre Besitzer völlig perplex.
»Es ist einfach so untypisch«, erklärte Tim. »Wir haben das ganze Wochenende über alle Straßen und Gärten abgesucht und sogar Flugblätter und Plakate gedruckt, aber sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir wissen nicht mehr weiter.«
»Das tut mir leid«, sagte Sam, die selbst Katzenbesitzerin war und ihren Schmerz aufrichtig nachempfinden konnte. »Überlassen Sie das mir. Ich rede mit meinem Chef und melde mich wieder bei Ihnen.«
Sie stürzte sofort an das große Schiebefenster und riss es hoch.
»COLIN!«, schrie sie, worauf Molly und ich, die wir mit großen Schritten auf die Wiese zusteuerten, wie angewurzelt stehenblieben. »Nach eurer Trainingseinheit musst du unbedingt kurz bei mir reinschauen. Ich glaube, ich habe Mollys ersten richtigen Auftrag erhalten …«
Eine halbe Stunde später saß ich im Büro und sprach mit Sam über Rustys Verschwinden, während Molly erschöpft ein Nickerchen machte. Mein Puls beschleunigte sich, als meine Kollegin mir von ihrem Gespräch mit Tim erzählte und mir die Umstände des vermissten Haustieres erläuterte. Wenn unser allererster Auftrag, eine Katze aufzuspüren, ein Erfolg werden sollte, mussten die Suchbedingungen so günstig wie möglich sein, und dieser Fall schien alle Kriterien zu erfüllen. Erstens kam Rusty aus einem Ein-Katzen-Haushalt, was es mir ermöglichte, eine vernünftige Haarprobe zu bekommen, die Molly die beste Voraussetzung bot, den Geruch zu isolieren und der vermissten Katze zuzuordnen. Zweitens war die Mieze seit weniger als einer Woche verschwunden, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, sie lebend zu finden. Dass das Wetter windstill und beständig war, für Anfang Februar eigentlich ungewöhnlich, wirkte sich ebenfalls zu unseren Gunsten aus. Starker Wind oder Niederschlag in jeglicher Form (zum Beispiel Regen, Schnee oder Nebel) hätten den Katzengeruch abgeschwächt und sich störend auf die überempfindliche Nase meines Hundes ausgewirkt.
Als ehemaliger Militärangehöriger kannte ich mich zum Glück mit allen meteorologischen und topografischen Aspekten gut aus. Vor meinem langen Berufsweg bei der Polizei hatte ich über ein Jahrzehnt bei der Royal Navy gedient, was in mir ein starkes Interesse an Wetter, Klima und Küstennavigation geweckt hatte. In meiner Kajüte auf der HMSIllustrious hatte ich den Lernstoff über all diese Sachthemen regelrecht verschlungen und meine naturwissenschaftlichen Fachkenntnisse über Luftmassen, Frontensysteme und Kartografie erweitert, wodurch ich zu einer Art Fachmann geworden war. Damals ahnte ich nicht, wie nützlich mir dieses Wissen einmal sein würde.
Im Dezember 2016 hatte Molly bei einer in Milton Keynes ansässigen Wohltätigkeitsorganisation namens Medical Detection Dogs (MDD) ein intensives Geruchserkennungstraining absolviert. Seitdem hatten sie und ich im Hauptquartier meiner Detektei auf der Bramble Hill Farm unzählige Übungssituationen durchgespielt und als Vorbereitung auf unsere erste richtige Suche nach einer vermissten Katze unsere Fertigkeiten verbessert. Obwohl ich schon lange fest davon überzeugt gewesen war, dass Molly und ich das erforderliche Kompetenzniveau erreicht hatten, hatten wir erst grünes Licht bekommen, nachdem ich Videoaufnahmen unseres Trainings an die Experten bei MDD geschickt hatte.
»Nach allem, was wir gesehen haben, glauben wir, dass ihr beide für eure erste richtige Suchaktion bereit seid«, hatten sie gesagt, worauf mir ein Kribbeln über den Rücken gelaufen war. »Eure Interaktion und eure Teamarbeit sind herausragend, und von unserer Seite aus seid ihr startklar.«
Und nach Sams Telefongespräch hatte ich endlich die Aussicht, mit Molly an meiner Seite eine richtige Suche zum Erfolg zu führen. Ich verspürte eine Mischung aus Hochgefühl und Beklommenheit, denn es war so viel Zeit und Energie in die Entwicklung meiner innovativen Katzenspürhund-Idee geflossen (fünf Jahre, um genau zu sein), dass ich mir jetzt, wo ich endlich meine perfekte Assistentin gefunden hatte, sehnlichst den entscheidenden »Machbarkeitsnachweis« wünschte, um zu beweisen, dass sich unsere ganze harte Arbeit gelohnt hatte.
»Es könnte so weit sein«, sagte ich zu Sam. »Das könnte Mollys erste Bewährungsprobe sein.«
»Du meine Güte, wie aufregend!«, strahlte meine Kollegin.
An diesem Abend telefonierte ich etwa eine Stunde mit Tim, um so viele Hintergrundinformationen wie möglich von ihm einzuholen. Ich erkundigte mich, ob es irgendwelche Auslöser gegeben haben könnte, die Rusty in die Flucht geschlagen hatten (zum Beispiel Unruhe in der Familie oder ein ihr feindlich gesonnener Artgenosse). Doch Tim beharrte darauf, dass sich seiner Einschätzung nach nichts verändert hatte.
»Die ältere Dame aus der Wohnung gegenüber ist letzte Woche gestorben, was sehr verstörend war«, sagte er. »Aber ansonsten war hier alles ziemlich normal.«
In ihrem eigenen Viertel hatte niemand Rusty gesehen, doch an jenem Morgen hatten zwei Zeugen aus einem ein paar Meilen entfernten Dorf angerufen und angegeben, bei sich im Garten eine Katze gesehen zu haben, die Rustys Beschreibung entsprach.
»Ich habe meine Zweifel, dass es unsere Katze ist, weil sie sich noch nie so weit fortgewagt hat«, gestand Tim. »Doch wir möchten Sie trotzdem bitten, der Sache nachzugehen.«
»Ich helfe Ihnen sehr gern«, antwortete ich, bevor ich ganz nebenbei erwähnte, dass ich in Begleitung einer vierbeinigen Kollegin käme.
»Meine Cockerspaniel-Hündin Molly wird mitkommen«, erklärte ich. »Sie hat einen respektablen Geruchssinn und verbellt Katzen nicht, weshalb sie sehr hilfreich sein könnte. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.«
Ich spielte ihre Rolle ganz bewusst herunter, um weder Molly noch mich zu sehr unter Druck zu setzen.
»Kein Problem«, antwortete Tim. »Alles, was uns beim Aufspüren von Rusty helfen könnte, ist mir recht.«
An jenem Abend arbeitete ich bis spät in die Nacht. Während Sarah neben mir schlief, studierte ich digitale Landkarten, Stadtpläne und Fotos der Gegend um St Albans. Um Molly und mir die beste Chance zu geben, die vermisste Katze zu finden, war es wichtig, so viel wie möglich über das Gebiet in Erfahrung zu bringen. Als ich kurz vorm Wegnicken war, fuhr ich meinen Laptop herunter und sah wie jeden Abend nach Molly. Sie spürte, dass ich durch den Türspalt lugte, hob den Kopf und öffnete schläfrig ein Auge.
»Wir haben einen großen Tag vor uns, junge Dame«, flüsterte ich. »Wir sehen uns morgen in aller Frühe.«
Ja, ich weiß, Herrchen, schien Molly zu sagen. Wie wär’s also, wenn du mich schlafen ließest?
Sie hielt meinen Blick ein paar Sekunden, bevor sie sich eng zusammenrollte und weiterschlummerte.
Wir verließen das Haus um fünf Uhr morgens. Die Wettervorhersage hatte zutreffend einen kühlen und wolkigen Tag mit einer leichten Brise angekündigt: perfekte Bedingungen für unsere große Suche, wie ich hoffte. Sarah war früh aufgestanden, um uns nachzuwinken, da sie wusste, wie wichtig die nächsten Stunden für uns waren. Sie hatte meine langen Vorbereitungen auf diesen Moment miterlebt und war sich bewusst, wie viel er mir bedeutete.
»Ich hoffe, es klappt alles, Schatz.« Sie hatte gelächelt, und ich traute meinen Augen nicht, als sie sanft, aber vorsichtig, den glänzenden schwarzen Kopf meiner Hündin tätschelte, bevor sie auch ihr viel Glück wünschte. Sarah hatte sich noch nicht ganz an Molly gewöhnt (sie war, formulieren wir es mal so, keine Hundefreundin), und dies war eine seltene Geste der Zuneigung.
Meine Hündin nahm sie mit Begeisterung entgegen und schleckte meiner Freundin zum Dank mit nasser Zunge die Hand ab. Ich musste schmunzeln, als ich mir vorstellte, wie Sarah schnurstracks zur antiseptischen Flüssigseife flitzen würde, sobald sie wieder ins Haus käme.
Nach der zweistündigen Autofahrt von West Sussex nach Hertfordshire begrüßten mich Tim und Jasmine vor ihrem modernen vierstöckigen Wohnblock. Sie waren jung, beide blond und wirkten sportlich (ich schätzte sie auf Mitte zwanzig), doch beide hatten diesen niedergeschlagenen Gesichtsausdruck, den ich nur zu gut kannte. Wie viele meiner Klienten vor ihnen waren sie krank vor Sorge, weil ihr geliebtes Haustier ausgerissen war.
Mein Blick fiel auf ein Riesenplakat in ihrem Vorderfenster. BITTEHILFMIR, ICHHABEMICHVERLAUFEN, verkündete es. KANNSTDUMIRHELFEN, WIEDERNACHHAUSEZUFINDEN?
Als Hintergrund des gedruckten Textes diente ein wunderschönes Foto der verschwundenen Samtpfote. Rusty war eine hübsche Katze mit einem freundlichen Gesicht; durch den weißen Brustlatz, die weißen Beine und die zwei schwarzen Flecken über den Augen sah sie aus wie Batman in Katzengestalt.
»Ich wünschte, alle meine Klienten hätten etwas so Professionelles vorzuweisen«, sagte ich.
»Mein Beruf als Grafikdesigner erweist sich manchmal als nützlich …«, antwortete Tim mit einem müden Lächeln.
»Und unsere Rusty lässt sich traumhaft gut fotografieren«, fügte Jasmine wehmütig hinzu.
Ich folgte dem Paar ins Haus und ließ Molly mit ihren Lieblingsspielzeugen im sicher verschlossenen Wagen zurück (wie immer so, dass ich sie im Auge behalten konnte). Ich wusste, dass sie beim Betreten einer fremden Wohnung unter massiver Reizüberflutung leiden würde, und wollte, dass sie so ruhig wie möglich blieb. Außerdem war es unerlässlich, dass sie sich ausschließlich auf Rustys Geruch konzentrieren konnte, sollte ich das Glück haben, eine geeignete Probe zu bekommen.
Dann entwarfen wir drei einen Schlachtplan. Jasmine musste an dem Morgen zur Arbeit (montags wurden in der Klinik viele Patienten mit Sportverletzungen vorstellig), weshalb Tim Molly und mich allein auf der Suche begleiten würde. Unsere erste Anlaufstation würde das Nachbardorf sein, in dem es zwei Katzensichtungen gegeben hatte. Doch bevor wir losfuhren, stellte ich noch eine Frage.
»Ich weiß, das klingt vielleicht merkwürdig, aber hätten Sie etwas dagegen, wenn ich eine Probe von Rustys Katzenhaaren nehmen würde?«, fragte ich vorsichtig. »Molly ist ein ausgebildeter Spürhund und – man weiß ja nie – kann vielleicht eine Geruchsspur aufnehmen.«
Ich hielt den Ball flach und spielte unsere Fähigkeiten bewusst herunter. Ich musste Tims Erwartungen dämpfen, damit er nicht glaubte, dass der Einsatz eines Suchhundes Rustys Auffinden garantieren würde.
»Ja klar, nur zu«, antwortete er. »Sie verliert massenhaft Haare. Ihr Katzenbett ist voll davon.«
Also holte ich mein sterilisiertes Marmeladenglas hervor und füllte ein Büschel weißlicher Haare hinein; mehr als genug, damit Molly ihre fantastische Nase hineinstecken konnte.
Das Dörfchen Broomfield bestand aus einer Handvoll kleiner Cottages inmitten mehrerer Morgen sehr alten Waldgebiets. Auf den Grasstreifen, die das Sträßchen säumten, wuchsen dicht an dicht Osterglocken und Narzissen, deren Blütenblätter und -trompeten eine Farbpalette von Vanilleweiß bis Dottergelb aufwiesen. Nester bauende Amseln, die Strohhalme und dünne Zweige fest in den Schnäbeln hielten, huschten von Hecken zu Sträuchern. Wir parkten auf dem Parkplatz eines Pubs, wo ich Molly ihr Spezialgeschirr anlegte und den Reißverschluss meiner UKPD-Fleecejacke hochzog. Diesen Übergang vom Haustier- zum Arbeitsmodus hatten sie und ich auf der Bramble Hill Farm schon oft geübt, und das Anlegen unserer Uniform war stets ein wichtiger Teil dieser Routine gewesen. Ich war sehr aufgeregt, setzte jedoch alles daran, professionell aufzutreten. Doch Molly bemerkte meine Nervosität und begann zu winseln und sich in ihrer Box im Kreis zu drehen.
Während Tim und ich unsere Umgebung inspizierten, erhob sich ein frischer Wind, der so stark war, dass er uns die Haare zerzauste. Das war nicht vorhergesagt, dachte ich bei mir. Als ich zum Horizont blickte, sah ich die verräterischen Anzeichen einer sich nähernden Warmfront. Ich wusste, sie würde für den Rest des Tages beständigen Wind bringen, gefolgt von Regen. Ich überschlug rasch die Windgeschwindigkeit; meiner Schätzung nach blieben uns noch etwa sechs Stunden, bevor uns das erste Regenband erreichte.
»Wir müssen jetzt wirklich loslegen, Tim«, sagte ich mit einem Blick auf meine Uhr.
»Okay«, antwortete er. »Dann mal los.«
Tim und ich ermittelten rasch die zwei Gärten, in denen Rusty angeblich gesehen worden war. Sie lagen an gegenüberliegenden Seiten der Straße, und zum Glück gewährten uns beide Familien Zugang. Dann, tief durchatmend und mit Herzrasen, führte ich Molly Rustys Katzenhaarprobe zum ersten Mal zu. Ich sah, wie Tims Augen vor Überraschung und Faszination groß wurden, als ich das Marmeladenglas aufschraubte und es nach meinem üblichen Kommando »Toma« (die spanische Übersetzung von »Nimm«) Molly vor die Nase hielt. Dieses unverwechselbare Wort hatten Mollys Ausbilder bei MDD sorgfältig ausgewählt, da sie es im Haus oder in einem anderen Zusammenhang niemals hören würde.
Sie inhalierte den Geruch, wartete auf meinen üblichen Befehl »Such, such« und rannte schwanzwedelnd in den ersten Garten.
»Oh, wow …«, staunte mein Auftraggeber, der langsam kapierte, dass Molly keine gewöhnliche Hündin war. »Ist sie … ist sie dafür abgerichtet?«
»Ja«, bestätigte ich lächelnd. »Aber Tim, Sie müssen wissen, dass dies ihre erste richtige Suche ist, und es wäre Ihnen – und auch Molly gegenüber – unfair, Ihnen etwas zu versprechen. Aber sie wird ihr Bestes geben, Rusty aufzuspüren. Das kann ich Ihnen versichern.«
Molly suchte überall – unter einer Stechpalme, im Gewächshaus, hinter dem Komposthaufen –, aber ohne Erfolg. Die ganze Zeit über nahm sie immer öfter Blickkontakt zu mir auf, was, wie ich von unseren vielen Übungsdurchgängen wusste, bedeutete, dass sie das Areal gründlich durchsucht hatte.
Hier ist keine Katze, Herrchen … Gehen wir … interpretierte ich ihre Körpersprache.
Im zweiten Garten lief es ganz ähnlich. Molly konnte keine Fährte ausfindig machen; deshalb (so groß war mein Vertrauen in sie) konnte ich nur mutmaßen, dass Rusty sich dort nie aufgehalten hatte. Doch als ich meine Hündin mit dem Befehl »Molly, komm« zurückrief, entdeckte ich plötzlich eine schwarzgrau-lohfarbene Katze, die über den Rasen schlich. Als sie näher kam, blinzelte ich.
Du liebe Güte, dachte ich. Kommt da Rusty auf mich zu? Hat Molly einen schlechten Tag?
»DASISTSIE!«, schrie die Hausbesitzerin aus ihrem Küchenfenster. »Das ist die Katze, die ich gesehen habe!«
Tim erschreckte sich fast zu Tode, doch seine Reaktion beim Anblick des Tieres sprach Bände. Auch Molly war unbeeindruckt geblieben, was mir alles hätte sagen müssen, was ich wissen musste.
»Das ist sie nicht«, sagte mein Auftraggeber und schüttelte traurig den Kopf. »Dieselbe Färbung, aber anders gemustert. Und Rusty hat eine sehr ulkige halb rosa, halb schwarze Nase. Ich würde sie überall erkennen.«
Nach dieser Verwechslung trotteten wir enttäuscht zum Pub, um einen Kaffee zu trinken, während Molly geräuschvoll aus einer großen Wasserschale schlabberte. Wenn sie auf einer Suche war, brauchte sie viele Auszeiten und viel zu trinken, und ich achtete sehr darauf, sie nie zu überfordern. Ich wollte nicht, dass sie an Geruchsermüdung litt (auch als »Nasenblindheit« bekannt), wodurch sie ihre Fähigkeit verlieren würde, einen bestimmten Geruch zu isolieren.
Tim nutzte die Gelegenheit, seine Freundin auf den neusten Stand zu bringen.
Noch kein Glück, Jaz, simste er ihr. Melde mich wieder. Küsse.
Um mehr Hinweise auf Rustys Verschwinden zu erhalten, bohrte ich ein bisschen tiefer nach und fragte Tim über sein Wohnviertel aus. Als die Sprache erneut auf die verstorbene alte Dame im Mietshaus kam, drängte ich auf weitere Informationen. Tim zufolge war sie eines natürlichen Todes gestorben und ihre Leiche innerhalb von Stunden in einem Krankenwagen weggebracht worden. Dieses Detail brachte mich ins Grübeln.
»Wissen Sie noch, an welchem Tag Ihre Nachbarin verstorben ist?«, fragte ich.
»Ähm, da muss ich nachdenken«, antwortete er und zählte an seinen Fingern zurück. »Am Freitag. Ja, es muss letzten Freitag gewesen sein.«
»Derselbe Tag, an dem Rusty verschwand?«
Tim stutzte und legte die Stirn in Falten.
»Ja … Ich glaube schon. Ich weiß, was Sie denken, Colin, aber Rusty hatte Angst vor Autos. Sie verbindet sie mit Tierarztbesuchen.«
»Private Sanitätsfahrzeuge sind aber üblicherweise keine normalen Autos«, erklärte ich. Als Polizeibeamter hatte ich es mit vielen plötzlichen Todesfällen zu tun gehabt und Dutzende solcher Fahrzeuge gesehen, und die meisten davon waren große, geräumige Kleinbusse mit verdunkelten Fenstern und leicht zugänglichen Rampen. »Okay«, sagte ich, während sich mein Detektivinstinkt einschaltete. »Geben Sie mir ein paar Minuten? Ich muss ein paar Telefongespräche führen.«
»Ja, natürlich«, antwortete Tim. »Ich gehe nach draußen, um eine zu rauchen. Ich habe letztes Jahr aufgehört, aber seit Rustys Verschwinden hatte ich einen Rückfall.«
Ich rief den zuständigen Hausarzt an, der mich informierte, dass die alte Dame über neunzig und bei ihm in Langzeitbehandlung gewesen war, weshalb ihr Tod als »abzusehen« eingestuft worden war und er den Totenschein an Ort und Stelle ohne Beteiligung der Polizei hatte ausstellen können. Danach war die Leiche der Frau von einer privaten Ambulanz zur Leichenhalle des Bestattungsunternehmers in Stonebridge (etwa eine Meile vom Haus meiner Klienten entfernt) transportiert worden. Nach Aussage des dortigen Personals hatte das Fahrzeug, ein großer dunkelblauer Minibus, den Rest des Tages draußen vor ihren Büroräumen geparkt. Langsam, aber sicher setzten sich die Puzzleteile zusammen.
Mit der rundum erholten Molly im Schlepptau lief ich hinaus auf den Parkplatz, wo wir Tim an der Motorhaube lehnend vorfanden, der seinen ausgedrückten Zigarettenstummel geschickt in einen Abfalleimer schnipste.
»Okay«, sagte ich forsch. »Ich glaube langsam, es handelt sich um einen Fall versehentlichen Transports.«
Ich informierte ihn, dass eine sehr reelle Möglichkeit bestünde, dass Rusty sich vor dem Mietshaus unbemerkt in die Ambulanz des Bestattungsunternehmers geschlichen hatte – vielleicht über die Rampe – und infolgedessen mitgefahren war. Die Zeitabfolge der Ereignisse war stimmig, und es würde ihr plötzliches Verschwinden erklären.
»Nächster Halt Stonebridge«, sagte ich und gab Tim ein Zeichen, wieder in den Wagen zu steigen.
Auch wenn die Empfangsdame des Bestattungsunternehmers die Fahrtroute der Ambulanz am fraglichen Tag bestätigte, so hatte sie doch nichts davon gehört, dass darin eine Katze vorgefunden worden sei. Sie räumte jedoch ein, dass die Hecktüren des Fahrzeugs zu vielen Gelegenheiten geöffnet und wieder geschlossen worden waren: erstens zum Transport der verstorbenen Frau und zweitens, um dem Autowäscher, der einmal pro Woche kam, die Arbeit zu erleichtern.
»Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr helfen kann«, sagte sie, »aber vielleicht sollten sie mit den Damen vom Postamt nebenan sprechen. Wenn es Neuigkeiten oder Klatsch und Tratsch gibt, wissen sie darüber Bescheid. Aber Vorsicht«, warnte sie uns grinsend, »wenn Sie nicht aufpassen, kauen die Ihnen das Ohr ab.«
Damit lag sie nicht falsch. Die Damen hinter der Ladentheke schlossen Molly sofort ins Herz, ebenso wie der attraktive 1,83 Meter große Mann, der seine arme kleine Katze verloren hatte. Nachdem sie unsere Geschichte gehört hatten, willigten sie ein, eines von Tims Plakaten an der Anschlagtafel auszuhängen. Während ich den Suchaufruf mit ein paar Reißzwecken fest anheftete, kam ein älterer Herr herein, warf einen Blick auf Rustys Foto und schnappte nach Luft.
»Diese Katze hat heute Morgen auf unserem Zaun gesessen, da bin ich mir sicher«, verkündete er. »Wunderschönes Geschöpf, hübscher buschiger Schwanz. Ich erinnere mich, wie meine Frau sagte, sie hätte sie noch nie zuvor gesehen. Ach ja, und sie hatte eine wirklich komische Nase …«
Tim packte mich aufgeregt am Arm. Vielleicht lag ich mit meiner Ambulanz-Theorie goldrichtig.
»Könnten Sie uns vielleicht zu Ihrem Garten bringen?«, fragte ich.
»Ich hebe nur schnell meine Rente ab, alter Junge.« Er lächelte. »Aber kommen Sie unbedingt mit mir.«
Zehn Minuten später hockte ich vor der ziegelroten Doppelhaushälfe des alten Mr Renshaw, hielt das Marmeladenglas fest in der Hand und ging zum zweiten Mal an diesem Tag mit Molly die Geruchschnüffel-Routine durch. Mit Rustys Geruch in der Nase spurtete sie in den Garten hinterm Haus und führte innerhalb von Sekunden – ratzfatz – mitten auf dem Rasen ihr sogenanntes »Ablegen« aus, Mollys typisches Erfolgssignal. Diese prompte Reaktion war ihr bei Medical Detection Dogs eingebläut worden, damit sie ihren Hundeführer alarmieren konnte, ohne die gesuchte Katze zu verschrecken. »Ablegen« hieß für sie, sich reglos und still flach hinzulegen, mit ausgestreckten Vorderpfoten, die Hinterbeine unter dem Körper, den Kopf erhoben und Blickkontakt zu mir haltend. Ihr Körper zitterte vor Erregung und Verzückung über den »Sieg« und vor freudiger Erwartung, für ihre Leistung belohnt zu werden. Mein Herz fing an, wie eine Trommel zu schlagen. Wir hatten das so oft bei uns auf der Bramble Hill Farm geübt, doch dies war das erste Mal, dass ich sah, wie sie es für einen Klienten ausführte.
»Was hat das zu bedeuten?«, flüsterte Tim, als er Molly zitternd vor uns liegen sah.
»Sie zeigt an, dass sie eine hohe Konzentration von Rustys Geruch wahrgenommen hat«, antwortete ich. »Daher können Sie sich ziemlich sicher sein, dass Ihre Katze vor Kurzem hier gewesen ist. Wir müssen nur herausfinden, wo sie sich jetzt befindet.«
Während Tim, von dieser Aussicht aufgemuntert, eine SMS an Jasmine schickte, belohnte ich Molly für die getane Arbeit; immerhin hatte sie den Geruch aufgespürt, auch wenn wir die Katze selbst nicht angetroffen hatten. Ihre favorisierten Blutwurst-Leckerlis verputzte sie in einer Millisekunde.
Mithilfe meines meteorologischen Fachwissens versuchte ich herauszufinden, warum Molly sich exakt in der Mitte des Gartens abgelegt hatte und warum sich der Geruch an diesem bestimmten Punkt angesammelt hatte. Ich stellte mich genau an die Stelle, wo Molly gelegen hatte, und hielt das Gesicht in den Wind. Die Brise wehte direkt über den Zaun, und ich wusste, dass dies die Luft nach oben gedrückt hatte, wodurch sie sich wie eine Welle über den Rasen gewälzt und den Geruch genau an die Stelle getrieben hatte, die Molly angezeigt hatte.
Was für ein braves Mädchen, dachte ich bei mir. Sie lag goldrichtig.
Da Rusty sich höchstwahrscheinlich in der unmittelbaren Umgebung aufhielt, war es jetzt wichtig, mein ganzes Vertrauen in Molly zu setzen und mich einer strategischen und systematischen Herangehensweise zu bedienen. Zuallererst mussten wir das Suchgebiet, so gut es ging, eingrenzen. Auf Mr Renshaws Straßenseite standen etwa dreißig Häuser. Von ihren langen, achtzehn Meter umfassenden Gärten ausgehend erstreckte sich eine riesige Fläche urbaren Ackerlands. Da wir durch die Suche im falschen Dorf schon einen halben Tag verloren hatten, mussten wir so schnell wie möglich die Grundstücke lokalisieren, die uns am vielversprechendsten erschienen. Deshalb beschloss ich, Molly an dem geschotterten Fußweg entlangzuführen, der die Gärten der Anwohner von den Feldern der Bauern trennte. Als wir an einigen der benachbarten Doppelhäuser vorbeikamen, bemerkte ich, dass Molly fokussierter wurde und sich mehrfach um 180 Grad drehte. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss, da dies oft ein sicheres Zeichen dafür war, dass sie etwas Wichtiges entdeckt hatte.
»Tim, könnten Sie mir einen Gefallen tun und an die Türen der Hausbewohner klopfen?«, fragte ich. »Molly will unbedingt hinein, und wir brauchen ihre Erlaubnis.«
Das erste Haus, Nummer 36, wurde von zwei achtzigjährigen Schwestern bewohnt, die, obwohl sie angesichts des ganzen Wirbels leicht perplex waren, gern bereit waren, uns ihr Grundstück absuchen zu lassen.
Das werden die armen alten Damen noch bereuen, dachte ich, als Molly pfeilschnell durch das hintere Tor schoss und in einen der makellosesten Gärten flitzte, den ich je gesehen hatte.
»Mein Gott, hier sieht’s aus wie bei der Chelsea Flower Show«, flüsterte Tim.
»Wenn Molly da drin fertig ist, nicht mehr«, antwortete ich trocken.
Meine aufgeregte Hündin lief im Slalom um dekorative Vogeltränken und japanische Topfpflanzen herum und wühlte dabei den gepflegten Rasen auf. Dann kraxelte sie einen alpinen Steingarten hinauf und mähte mit ihrem sausenden Schwanz die Blütenköpfe der hauchdünnen Alpenveilchen ab.
»Das tut mir wirklich leid«, sagte ich zu den Schwestern. »Ich kann sie an die Leine nehmen, wenn Ihnen das lieber ist.«
»Auf keinen Fall!«, antwortete eine. »Das ist faszinierend …«
Dann machte Molly eine Vollbremsung und vollführte eine weitere 180-Grad-Drehung, bevor sie in Richtung des frisch gestrichenen Gartenzauns abschwenkte und mit ihren scharfen Krallen an den dunkelgrünen Paneelen herunterschrammte. Ihr Intensitätsniveau stieg an, und ich musste den Grund wissen.
Was willst du mir sagen, Molls, fragte ich mich und kam mir ein bisschen vor wie Sherlock Holmes, der Dr. Watson ausquetscht.
Ich will nach nebenan, ich will nach nebenan, schien sie zu sagen, während ihr Blick zur Orientierung meinen suchte. Lass. Mich. Nach. Nebenan. Gehen.
»Hab etwas Geduld, Molly«, flüsterte ich.
Ich spähte über den Zaun. Eine Frau mittleren Alters und ein Teenager, Mutter und Sohn, vermutete ich, standen auf ihrer Terrasse und reckten die Hälse. Der Lärm und die Unruhe, die vom Haus der Schwestern ausgingen, beunruhigten sie. Ihr Garten war nicht so kunstvoll angelegt wie der ihrer Nachbarinnen, hatte aber ein imposantes Gartenhaus mit Glasfassade und eine großflächige Holzterrasse vorzuweisen.
»Dürfen wir herüberkommen?«, rief ich, erzählte ihnen eine gekürzte Version der Ereignisse und rannte dann mit Molly und Tim im Schlepptau zu ihrer Eingangspforte. Derweil hatte sich draußen auf dem Gehsteig eine kleine Menschentraube gebildet, darunter war auch eine der Damen von der Post. Die Nachricht von der verschwundenen Katze und dem Spürhund hatte sich offensichtlich herumgesprochen.
Ich gab meiner Hündin das Zeichen zum Weitermachen. Während Tim und ich ihr nachfolgten, stürmte Molly, die nicht mehr zu halten war, durch den Garten des Hauses Nummer 38 und schnappte sich, ohne Halt zu machen, eine Speckschwarte, die für die Vögel ausgelegt worden war. Sie sprang auf die Terrasse, wirbelte zu mir herum, nahm Blickkontakt zu mir auf und vollführte, während ihr ein Stück Speckschwarte aus dem Maul hing, das nachdrücklichste »Ablegen«, das ich je gesehen hatte.
»Oh mein Gott, sie zittert wieder«, flüsterte Tim mit bebender Stimme. »Hat sie sie gefunden?«
»Einen Moment …«, sagte ich, bevor ich mich verstohlen zum Gartenhaus schlich und durch die einen Spalt offenstehende Glastür lugte. In einer dunklen Ecke saß auf einem blauen Kissen eine Katze. Eine weiß-schwarz-kupferrote Katze. Eine mandeläugige Katze mit buschigem Schwanz. Eine Katze mit einer schwarz-rosa Nase.
»RUSTY!«, rief Tim, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle halten konnte. »Meine Katze!!! Molly hat meine Katze gefunden!!!«
»Eine Katze? Nie-maals …«, sagte der Sohn im Teenageralter schleppend, der eindeutig keine Ahnung hatte, dass im Gartenhaus seiner Familie eine Katze zur Untermiete wohnte.
»Das passiert eben, wenn dein Dad die Tür nicht richtig verschließt«, mokierte sich seine Mutter. »Das arme Ding.«
Doch in Sekundenschnelle hatte das Unheil seinen Lauf genommen. Vielleicht hatte Rusty vom Johlen und Brüllen ihres Besitzers Angst bekommen, denn sie schoss aus dem Gartenhaus, raste die Einfahrt hinab und sauste durch eine Reihe von Vorgärten. Tim rannte hinter ihr her, nahm die Ligusterhecken wie ein olympischer Hürdenläufer und hob Rusty schließlich unter einem Haselnussstrauch hervor. Ich eilte mit Molly an der Leine hinterher und fand ihn mit seiner Katze auf dem Arm auf dem Gehsteig vor, während ihm Freudentränen über die Wangen strömten.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, schluchzte er. »Ich kann einfach nicht glauben, dass Sie sie gefunden haben. Danke, Colin. Danke, Molly. Ich danke Ihnen so sehr.«
Von den versammelten Zaungästen ertönte spontaner Applaus.
»Das Aufregendste, das seit Jahren hier im Dorf passiert ist«, sagte einer lachend.
»Besser als Mission: Impossible«, gluckste ein anderer.
Die Schwestern von Nummer 36 erlaubten Tim, Rusty eine Weile ins Haus zu bringen, wo sie eine ganze Schüssel voll Wasser gluckerte und einen Beutel Katzenfutter verschlang, den ein Nachbar gespendet hatte. Während Tim am Küchentisch saß, informierte er Jasmine über die gute Nachricht, die gerade im Zug nach Hause saß und sich prompt in Tränen auflöste, und schilderte ihr dann die Ereignisse des Tages.
Er erzählte ihr, dass Rusty fast sicher in der Ambulanz des Leichenbestatters mit nach Stonebridge gefahren und irgendwann herausgekrochen war. Danach war sie auf der Suche nach Schutz, Wärme, Futter und Wasser – die Grundbedürfnisse einer jeden Katze – im Dorf herumgestromert und in Nummer 38 übergesiedelt. Diese Entscheidung hatte sich als sehr klug erwiesen. Das Gartenhaus hatte ihr als Zuflucht gedient, während die proteinreichen Speckschwarten (ebenso wie das Wasser aus den Vogeltränken nebenan) ihr die lebenswichtige Versorgung geboten hatten.
»Colin sagt, sie ist ein helles Köpfchen«, sagte Tim halb lachend, halb weinend.
Nachdem Tim aufgelegt hatte, stand ich auf, verabschiedete mich und lief zu den grünen Feldern jenseits der Gärten. Der Himmel war jetzt dunkel, schwere Wolken zogen auf, doch in meinem Kopf und meinem Herzen kam es mir wie ein wunderschöner Sommertag vor. Als ich alles so richtig begriff, bekam ich feuchte Augen. Vor vier langen Jahren hatte ich begonnen, einen Katzenspürhund zu suchen und auszubilden, und hatte geglaubt, dass ich dafür nur sechs Monate bräuchte. Ich hatte Hunderte von Stunden über die Sinnesorgane von Hunden recherchiert, war Tausende von Meilen gereist, um mich mit den besten Fachleuten auf diesem Gebiet zu treffen, und hatte gegen viel Widerstand und Feindseligkeit ankämpfen müssen. So viele Leute hatten mir gesagt, meine Idee sei nicht durchführbar, und angedeutet, dass ich töricht sei und Wahnvorstellungen hätte.
Doch jetzt, in diesem winzig kleinen Winkel von Hertfordshire, hatte ich endlich meinen Machbarkeitsnachweis, und Molly und ich hatten den Fall unter Einsatz unserer detektivischen Fähigkeiten à la Holmes und Watson gelöst und ein Haustier wieder mit seinem Besitzer vereint. Ich hatte die strategische und analytische Rolle übernommen und aus meiner Fülle von Ermittlungserfahrung geschöpft, um die Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten Rustys Verbleib betreffend einzuschätzen und die Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Zeugen zu beurteilen. Meine Partnerin Molly – energiegeladen, willensstark und mit einer fantastischen natürlichen Begabung gesegnet – hatte sich als mein perfektes Gegenstück erwiesen, und durch unsere Teamarbeit hatten wir unseren Auftrag kompetent und professionell erfüllt.
Ich kniete mich hin und streichelte sanft Mollys Gesicht, da ich wusste, wie gern sie durch Berührungen unsere emotionale Bindung vertiefte.
»Kannst du es fassen, Molly?« Ich lächelte, als sie sachte an meiner Handfläche knabberte. »Wir haben tatsächlich unsere erste verschwundene Katze gefunden!«
Nachdem ich mich verstohlen umgesehen hatte, um sicherzugehen, dass wir allein waren, sprang ich in die Luft und schrie, so laut ich nur konnte: »JA!« Zuerst war Molly überrascht, doch dann hüpfte auch sie in die Höhe und begann, ihr ureigenes »JA!« herauszubellen. Wir tollten wie zwei verrückte Märzhasen über das Feld und bemerkten den heftigen Regen nicht, der eingesetzt hatte.
Meine Fähigkeiten, Haustiere aufzuspüren, lassen sich wahrscheinlich auf den Sommer des Jahres 1989 zurückführen, als ich zur Polizei in Surrey ging. In meiner Anfangszeit als Streifenpolizist hatte ich mich daran gewöhnt, es mit allen möglichen Straftaten zu tun zu haben. Von Körperverletzung bis hin zu Brandstiftung und von Wilderei bis zu Taschendiebstahl war ich mit vielen bedrohlichen Situationen und widerwärtigen Charakteren konfrontiert worden. Doch als Berufsanfänger bekam ich auch einige der banaleren Vorfälle zugeteilt.
»Sie mögen doch Hunde, PC Butcher, da wird das hier ganz Ihr Fall sein«, sagte mein Vorgesetzter grinsend, als er mir an einem Herbstmorgen das Anzeigeformular aushändigte.
»Ein älteres Mütterchen mit einer entlaufenen Katze in Farnham. Total durchgeknallt. Glaubt, ihr Nachbar hätte sie geklaut.«
Er hatte recht, ich mochte Tiere sehr und hatte seit meiner Kindheit eine lange Reihe von Hunden, Katzen, Vögeln und Nagern besessen. Dennoch keimten in mir Zweifel auf, ob dieser Fall für die fast kaputtgesparte, überbeanspruchte »C«-Wache vorrangig war.
»Ist das nicht ein bisschen, äh, trivial?«, fragte ich.
»Im Gegenteil«, erwiderte mein Vorgesetzter. »Es ist wichtig, dass wir in der Gemeinde sichtbar sind, ob es sich um eine vermisste Katze oder einen davongelaufenen Hund handelt. Bringt die Bürger auf unsere Seite. Also ziehen Sie ab.«
Mir war es damals nicht klar, doch der Umgang mit diesen scheinbar nichtigen Problemen sollte mir später ungeheuer helfen. Den Stadtteil kennenzulernen und sich das Vertrauen der Anwohner zu sichern, war bei der Untersuchung schwerer Verbrechen oft entscheidend.
Irene, eine grauhaarige Endsiebzigerin, die über ihrem Kleid eine rüschenbesetzte Schürze trug, öffnete freundlich lächelnd die Haustür. Als ich ihr ins Wohnzimmer folgte, kam ich nicht umhin, die vielen überwiegend katzenförmigen Ornamente aus Plastik und Keramik zu bemerken, die eng gedrängt auf jedem Bord, Kaminsims und Fensterbrett standen. Die Kissen auf dem Sofa waren mit Kätzchen bestickt, und über ihrem Kamin befand sich eine Fotogalerie mit Katzen diverser Rassen und Jahrgänge, wahrscheinlich die, die ihr über die Jahre gehört hatten. Hier lebte eine hingebungsvolle Katzenliebhaberin, das stand fest.
»Die kommen frisch aus dem Ofen«, sagte sie und stellte eine Dose mit Bananenmuffins auf den Couchtisch. »Bedienen Sie sich doch, Lieber.«
Während ich mir den Kuchen schmecken ließ, befragte ich Irene über ihre vermisste Mieze, die, wie ich folgerte, seit über zwei Tagen ausgeblieben war. Ich bekam heraus, dass Irene regelmäßig Krach mit Cliff, ihrem unmittelbaren Nachbarn und Meistergärtner, hatte, der wie sie in Rente war und Anstoß daran genommen hatte, dass die kleine Polly sein Gemüsebeet als Durchgangsklo missbraucht hatte. Er schleuderte mit schöner Regelmäßigkeit Verwünschungen über den Zaun (und die Ärgernis erregende Substanz dazu). Das Verhältnis der beiden war inzwischen ausgesprochen angespannt.
»Ihr dreckiges Mistvieh hat SCHONWIEDER meine Zwiebeln ausgegraben!«, hatte er eines Morgens gebrüllt und wütend seinen dreckigen Spaten geschwungen.
»Sie gibt nur ihrer Natur nach, Sie alter Bock«, hatte sie scharf erwidert. »Und soll das nicht sogar gut für Ihren Boden sein?«
Als ihr Liebling Polly unerwartet stiften gegangen war, hatte Irene sofort Fremdeinwirkung gewittert, die Schuld auf Cliff geschoben und die Fehde neu entfacht.
»Wollen Sie sehen, wie Polly aussieht?«, fragte Irene und schob mir über den Couchtisch einen kleinen silbernen Bilderrahmen zu. Auf dem Foto sah mir eine wohlgenährte, rundgesichtige rötlichbraun-schwarze Katze mit grimmigen lindgrünen Augen entgegen.
»Donnerwetter, sie sieht aus, als könnte sie auf sich aufpassen«, staunte ich.
»Ja, sie teilt genauso viel aus, wie sie einsteckt«, grinste Irene, »aber sie hat auch eine weiche Seite und ist ungemein freundlich. Sie sitzt oft auf der Mauer vor meinem Haus und miaut die Kinder an, die auf dem Weg zur Schule sind.«
Als sie Pollys Bild im Geiste vor sich sah, erstarb das Lächeln der Frau, und sie starrte ausdruckslos zu Boden. Mir fiel auf, wie zerbrechlich und verletzlich sie wirkte, und ich verspürte Gewissensbisse, als ich mich an mein Gespräch mit meinem Vorgesetzten erinnerte. Für Irene war das nicht trivial.
»Ich sorge mich sehr um sie, Officer«, sagte sie und blickte verzweifelt zu mir auf.
»Keine Sorge«, tröstete ich sie. »Ich bin mir sicher, Sie finden sie wieder. Aber Sie müssen mir erklären, warum Sie Ihren Nachbarn eventuell für verantwortlich halten.«
Diese Frage munterte sie ein bisschen auf, und sie schilderte mir einen Zwischenfall, der sich am Anfang der Woche ereignet hatte. Sie und Cliff hatten einen neuen Streit begonnen. Sie hatte Anstoß an seiner großzügigen Dosierung von Schneckenkorn genommen (»Sie wollen nur meine Polly vergiften.« ), und die Situation war so eskaliert, dass sie die Polizei gerufen hatte.
Ich verputzte meinen zweiten Bananenmuffin bis auf den letzten Krümel (an manchen Tagen schob ich ohne Pause eine Achtstundenschicht, weshalb Snacks immer willkommen waren), bevor ich einwilligte, ihrem Erzfeind einen Besuch abzustatten. Ich musste seine Version der Geschichte einholen.
Cliff hatte eindeutig nicht damit gerechnet, vor seiner Haustür einen Polizeibeamten vorzufinden. Sein Gesicht lief puterrot an, als ich ihm den Grund für meinen Besuch nannte, und er zog ein Taschentuch hervor, um sich die Schweißtröpfchen von der Stirn zu tupfen.
Im Haus gab er eine widersprüchliche Geschichte zum Besten, behauptete, dass Irene »verdammt nochmal überreagierte«, und dass er, auch wenn er von Pollys Toilettengewohnheiten keineswegs beeindruckt war, weder das Haustier noch seine Besitzerin bedroht hätte.
»Die Frau ist von ihrer verfluchten Katze besessen, Officer«, schimpfte er. »Erst neulich hat sie mich beschuldigt, sie vergiften zu wollen, dabei habe ich nur Schneckenkorn verstreut.«
Dann, nach sanften Überredungskünsten, erlaubte er mir, den Garten hinter seinem Haus abzusuchen, von dem sein gepflegtes Gemüsebeet mehr als die Hälfte beanspruchte. Ich nutzte die Gelegenheit, Cliffs Garage, sein Treibhaus und seinen Gartenschuppen gründlich zu untersuchen, während Farnhams Antwort auf Alan Titchmarsh von seinen preisgekrönten Artischocken schwärmte. Zu meiner Enttäuschung waren die einzigen Lebewesen, die ich antraf, Käfer, Spinnen und Asseln.
Doch als ich Zugang zu seinem Keller verlangte, dessen Tür direkt zum Garten führte, röteten sich seine Wangen wieder.
»Haben Sie einen Rechtsanspruch auf eine Durchsuchung?«, polterte er.
»Nein«, antwortete ich. »Aber wenn ich Sie wegen Verdachts auf Katzendiebstahl festnehmen würde, hätte ich die Befugnis, alles zu durchsuchen, was ich will. Also darf ich mich bitte kurz umsehen?«
»Na schön«, seufzte er, als ihm klar wurde, dass sich der Polizeineuling nicht abschrecken ließe. »Nur zu!«
Ich entriegelte die Kellertür, und – schwups – aus dem Dunkeln tapste eine zornig wirkende, schmutzverkrustete Katze mit Schildpattzeichnung. Sie sprang über ein Katzenklo, schoss zur Tür heraus und erklomm den Zaun, bevor sie in die Arme ihrer verzückten Besitzerin sprang.
Ich starrte den ausgekochten Katzenentführer an, der sich am Kopf kratzte und verlegen von einem Fuß auf den anderen trat.
»Möchten Sie mir das erklären, Cliff?«
»Sie hat auf meine Pastinaken gepinkelt, Officer«, rechtfertigte er sich. »Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht, und diesem Katzenvieh musste eine Lektion erteilt werden.«
Weiter erklärte mir der alte Mann, dass er Polly nur ein paar Tage im Keller habe lassen wollen, und beteuerte immer wieder, dass er sie mit reichlich Futter und Wasser versorgt hatte.
»Ich kriege doch keinen Ärger, oder?«, fragte er ängstlich.
»Dieses Mal wahrscheinlich nicht«, antwortete ich. »Aber ich finde wirklich, sie hätten das besser handhaben können, Cliff. Ich werde mir alle Mühe geben, die Sache mit Irene zu klären, aber wenn wir im Revier auch nur noch einen Anruf bekommen – nur einen einzigen –, klopfe ich wieder an Ihrer Tür. Lassen Sie sich das gesagt sein.«
»Ich verstehe«, murmelte er. »Es wird nicht wieder vorkommen, ich verspreche es.«
Ich entriegelte die Gartentür und verabschiedete mich von ihm. Einen Augenblick später hörte ich eine Stimme über die Einfahrt hinter mir herbrüllen.
»Ich habe mich gefragt, Officer … hätten Sie und Ihre Kollegen gern eine Kiste King Edwards?«, rief Cliff. »Heute Morgen frisch geerntet.«
»Danke für das Angebot«, rief ich zurück. »Aber vielleicht würde sich Ihre Nachbarin darüber freuen. Sehen Sie es als Friedensangebot.«
In nur drei Jahren war ich zum Rang des Sergeant aufgestiegen, und mit wachsender Verantwortung konnte ich für konkrete Fälle und Vorkommnisse meinen eigenen Stab bestimmen. Das schloss, wie ich erfreut feststellte, eine enge Zusammenarbeit mit der Polizeihund-Abteilung ein. Meist zog ich die Hilfe von Deutschen Schäferhunden heran, wahrscheinlich die typischsten und am leichtesten erkennbaren aller Polizeihunde. Diese vielseitigen und belastbaren »Allzweckhunde« wurden dazu ausgebildet, unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu arbeiten, ob es um das Verfolgen und Stellen von Tatverdächtigen ging (allein ihr einschüchterndes Bellen brachte oft schon den Erfolg), die Kontrolle großer Menschenmassen oder die Suche nach Vermissten. Einige der kleineren, agileren Deutschen Schäferhunde wurden auch in anderen fachspezifischen Funktionen eingesetzt: Leichensuchhunde wurden zum Beispiel abgerichtet, den Geruch verwesender Leichen aufzuspüren, und Waffensuchhunde wurden trainiert, versteckte Schusswaffen und Munition zu finden.
Einer meiner liebsten Polizeihunde war ein langhaariger Koloss mit dem Spitznamen Wolf, der in seinen fünf Dienstjahren einen hervorragenden Ruf erlangt hatte. Aufgrund seiner unglaublichen Kraft und Leistungsstärke ging eine bedrohliche Aura von ihm aus, die auch die härtesten Schurken in Angst und Schrecken versetzte.
»Gerate nie zwischen Wolf und seine Beute«, hatte mich ein Kollege einmal gewarnt, »denn er wird dir mit Freude ein großes Stück aus dem Hintern beißen. Sein Biss ist schlimmer als sein Bellen, und das will was heißen.«
1992 hatte er mir eines Freitagabends geholfen, eine Gruppe Fallschirmjäger festzunehmen, die die kurze Fahrt von ihrer Garnison in Aldershot nach Farnham angetreten hatten, um Junggesellenabschied zu feiern. Nach einer bierseligen Kneipentour hatten sie einen Streit mit einem Imbisswagen-Besitzer vom Zaun gebrochen – anscheinend wegen der Qualität seiner Burger –, der zur Folge gehabt hatte, dass die volltrunkenen Soldaten das Fahrzeug mitsamt dem armen Kerl darin umkippten. Dann waren sie über diese grausame und feige Tat johlend in die Dunkelheit geflohen. Ein Zeuge hatte einen Notruf abgesetzt, und ich war mit Wolf und seinem Hundeführer Barry als Erster am Tatort eingetroffen.
Der Imbisswagen-Besitzer, ein kleiner, untersetzter Grieche aus Zypern, hatte es irgendwie geschafft, durch die Verkaufsluke herauszukriechen. Benommen und durcheinander kam er hervor. Seine lockigen Haare waren mit gesottenen Zwiebeln verfilzt, sein weißer Kittel von Saucenflecken à la Jackson Pollock übersät. Eine Kolonne aus Softgetränk-Dosen rollte über die Hauptstraße, von denen die meisten vergnügt von Passanten aufgesammelt und geöffnet wurden.
Unbeteiligten Zuschauern mag das ganze Schauspiel komisch vorgekommen sein, doch mir war nicht nach Lachen zumute. Für mich war das eine äußerst ernste Angelegenheit. Wäre es dem Mann nicht gelungen, der herumfliegenden Fritteuse auszuweichen, hätte er am Körper verheerende Verbrennungen davontragen können. Seine brutalen Peiniger mussten gefasst werden, und zwar schnell.
»Sie versuchen mich zu töten«, murmelte er, sichtlich erschüttert und aufgewühlt, während ich über Funk einen Krankenwagen rief. »Diese Soldaten, sie versuchen mich zu töten.«
»In welche Richtung sind sie gelaufen, Sir?«, fragte ich, worauf er müde in Richtung der nahegelegenen West Street deutete. Wolf, Barry und ich lieferten uns eine heiße Verfolgungsjagd und kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein halbes Dutzend Männer, alle mit ähnlich schlankem Körperbau und raspelkurzen Haaren, sportlich über eine gut dreieinhalb Meter hohe Backsteinmauer kletterten. Ohne Zweifel hatten sie das auf dem Hindernisparcours der Armee geübt, doch diesmal, bedauerlich für sie, fanden sie sich in einem umschlossenen Hof wieder. Sie saßen in der Falle.
»POLIZEI!«, brüllte ich, als wir uns der Mauer näherten. »Ihr steckt in ernsten Schwierigkeiten. Tut euch einen Gefallen und stellt euch.«
Auf der anderen Seite hörte ich fieberhaftes Flüstern, verbunden mit betrunkenem Prusten und Kichern.
»Okay«, rief ich. »Ihr müsst zurück über die Mauer klettern und euch freiwillig stellen, sonst schicke ich einen Polizeihund rüber.«
Bei der bloßen Erwähnung des Wortes »Hund« bäumte sich Wolf auf und knurrte, worauf Barry fest an der Leine zog, um den Riesenhund zurückzuhalten.
Plötzlich schleuderte einer der Soldaten einen Ziegelstein über die Mauer, der nur Zentimeter an meinem linken Ohr vorbeizischte, bevor er dumpf auf dem Gehsteig aufprallte. Es war höchste Zeit, meinen Trumpf auszuspielen. Ich nickte Barry feierlich zu, trat wie so oft zu diesen Gelegenheiten zurück und beobachtete die Interaktion zwischen Hund und Hundeführer. Wolfs Leine wurde gelockert, und er bekam ein spezielles Zeichen, das ihn veranlasste, wie verrückt zu bellen.
»Spring hoch«, kam das nächste Kommando, und als Wolf flink die Mauer hinaufkraxelte, versetzte Barry seinem Hinterteil einen Stoß, damit er sich auf den Hof herunterfallen lassen konnte.
Was folgte, war eine grauenerregende Kakofonie aus menschlichen Schreien und Hundeknurren, die einen zusammenzucken ließ, während Wolf die Verdächtigen auf seine unnachahmliche Art einschüchterte. Einer nach dem anderen kamen die vor Angst wie gelähmten Soldaten – die meisten von ihnen mit zerrissener Kleidung und Bissspuren – über die Mauer gepurzelt und bekamen sofort von den Polizeikollegen, die zur Verstärkung zum Tatort gekommen waren, Handschellen angelegt. Der Junggesellenabschied hatte zum Glück ein jähes und ernüchterndes Ende gefunden, und ein Aufenthalt in Polizeigewahrsam wartete auf sie. Darüber hinaus würde der unglückselige Imbisswagen-Besitzer wahrscheinlich in Zukunft irgendeine Form von Gerechtigkeit erfahren. Das gehört zum Service, wie wir gern sagen.
Während das Polizeifahrzeug davonbrauste, wies Barry Wolf an, wieder zurück zu uns über die Mauer zu springen, was er mit seiner gewohnten Folgebereitschaft tat. Seine Belohnung war eine zehnminütige Spieleinheit mit einem dicken Kautschuk-Frisbee auf einem Parkplatz, und ich musste lächeln, als ich zusah, wie er sich mühelos von einer geifernden, zähnefletschenden Bestie in ein verspieltes rehäugiges Hündchen verwandelte.
Als er seine wohlverdiente Herumtollerei beendet hatte, gab ich diesem unglaublichen Vierbeiner einen kräftigen Klaps auf den Hintern. Dieses hochqualifizierte Tier hatte seine Arbeit erledigt und uns geholfen, diese Idioten zu schnappen und einzusperren.
»Das hätten wir niemals ohne dich geschafft, Kumpel«, sagte ich lächelnd. »Niemals.«
Mit dem unvergleichlichen Wolf zu arbeiten war eine Ehre und ein Privileg. In meinen Augen war er nicht nur ein Polizeihund; er war ein unbezahlbares vollständiges Mitglied der Belegschaft, das mit uns arbeitete, nicht für uns.
Meine Rekrutierung zur Kripo in Surrey im Mai 1993 war ein unglaublich stolzer Moment für mich. Jahrelang hatte ich davon geträumt, Kriminalbeamter zu werden (der investigative Aspekt der Polizeiarbeit hatte mich schon immer fasziniert), und war überglücklich, als ich grünes Licht bekam, meine Uniform an den Nagel zu hängen und sie durch einen schicken blauen Anzug zu ersetzen.
Ich wurde damit beauftragt, die Einheit zur Verbrechensbekämpfung in Guildford anzuführen, die es in erster Linie mit Drogenbekämpfung zu tun hatte. Mitte der 1990er-Jahre hatte es einen großen Anstieg von Drogenmissbrauch gegeben, und viele Städte und Dörfer in Surrey wurden von harten Drogen wie Heroin, Kokain und Ecstasy überschwemmt. Beunruhigenderweise hatte die Grafschaft auch einen starken Anstieg harter Drogen erlebt, die gestreckt (oder »gepanscht«) wurden, um den Gewinn der Dealer zu maximieren. Meine Kollegen und ich beschlagnahmten regelmäßig Rauschgift, das mit billigeren Wirkstoffen gestreckt worden war, die von Waschpulver und Backnatron bis hin zu Ziegelmehl und Maisstärke reichten. Diese hochgefährliche, höchst unschöne Praktik gefährdete Hunderte von Leben, und ich machte es zu meinem persönlichen Kreuzzug, die Straßen von diesen rücksichtslosen Dealern zu befreien.
Jedes neue Mitglied meines Teams musste an einem einwöchigen Praktikum bei unserer Drogenrehabilitationseinheit teilnehmen. Ich wollte, dass sie aus erster Hand miterlebten, wie viel Schaden Drogenmissbrauch im Leben der Menschen anrichtete und wie hart andere Dienststellen arbeiteten, um die Nachfrage zu verringern. Außerdem sollten meine Beamten verstehen, wie wichtig ihre Rolle innerhalb der Drogenbekämpfungseinheit war.
»Es geht nicht nur darum, die Schuldigen zu schnappen und sie einzubuchten«, betonte ich in meinen regelmäßigen Motivationsappellen immer wieder. »Es geht darum, mit der Gemeinde zusammenzuarbeiten und etwas Konkretes zu bewirken.«
Ich hatte das große Glück, ein großartiges Team aus Kripobeamten zur Verfügung zu haben. Doch genauso entscheidend waren die speziell ausgebildeten Drogenspürhunde. Die überwiegende Mehrheit waren Cockerspaniels, deren angeborene Eigenschaften und Merkmale sich perfekt für diese ganz besondere Rolle anboten. Was diese fantastischen Hunde außer ihrer angeborenen Intelligenz, ihrem Gehorsam und ihrer Flinkheit von anderen Rassen unterschied, war ihr phänomenales Geruchssystem. Ihr Geruchssinn war zehn- bis hunderttausendmal stärker als der eines Menschen, was sie dazu befähigte, einer Fährte zu folgen oder einen speziellen Geruch zu entschlüsseln, der für die Nase eines Durchschnittsmannes oder einer Durchschnittsfrau nicht wahrnehmbar war.
Und nicht nur das: Ihre Befähigung zu suchen, war so ökonomisch und ihr Jagdtrieb so effektiv, dass sie in der Lage waren, großflächige oder schwer zugängliche Areale viel schneller abzudecken als ein Polizeibeamter. Ich kam zu der Erkenntnis, dass die hypersensible Nase eines Cockerspaniels eines der feinsten Instrumente in unserer Verbrechensbekämpfungseinheit war, wenn nicht sogar einer der wertvollsten Aktivposten der heutigen Polizeiarbeit.
Die Drogenspürhunde und ihre designierten Hundeführer unterzogen sich im Hauptquartier der Polizei von Surrey vier Monate lang einer umfangreichen Ausbildung, um ihr Tauglichkeitszeugnis zu erlangen. Der Hund durchlief ein intensives Geruchserkennungsprogramm und wurde ausgebildet, den spezifischen Geruch von Rauschgift zu identifizieren. Bei jedem erfolgreichen Fund wurden die Hunde mit Spieleinheiten mit ihren Lieblingsspielzeugen belohnt.
Ich trank in der Pause gern einen Tee mit den Hundeführern, von denen mich die meisten bereitwillig mit Geschichten über die Heldentaten und Abenteuer ihrer Hunde unterhielten. Sie waren vernarrt in ihre vierbeinigen Begleiter und entwickelten oft eine enge und liebevolle Bindung zu ihnen, obwohl die Tiere eigentlich der Polizei gehörten. Tatsächlich war es wohlbekannt, dass die meisten Hundeführer ihre gesamte polizeiliche Laufbahn in der Hundesektion verbrachten.
Ich hatte stets eine große Schwäche für Cockerspaniels gehabt. Ich liebte ihr Temperament, ihre Loyalität und ihren Überschwang, und deshalb war es ein Vergnügen, bei der Kripo mit ihnen zu arbeiten. Ich setzte sie regelmäßig bei Drogenrazzien ein und staunte, wenn sie flink illegale Substanzen orteten und sich oft in die winzigsten, unzugänglichsten Lücken quetschten, um sie zu bergen. Anders als die »Allzweckhunde« waren diese Spürhunde nicht darauf abgerichtet, Aggression oder Drohverhalten zu zeigen, doch ihre Energie und ihr Eifer prädestinierten sie für diese Aufgabe.
Manche Hunde waren versierter als andere, hatte ich festgestellt, und oft einen ganz bestimmten Hundeführer angefordert, wenn ich wusste, dass er einen speziellen Spürhund dabeihatte. Ein typisches Beispiel war Rainbow, eine außergewöhnlich talentierte leberfarbene Cockerspaniel-Hündin mit bernsteinfarbenen Augen, die gewohnheitsmäßig jeden mit einem lustigen Popo-Rutschen begrüßte. Sie war der beste Spürhund bei der Polizei von Surrey, mit der höchsten Erfolgsquote, und arbeitete mit einem genialen Hundeführer namens John zusammen. Ich weiß noch, wie ich einmal mit offenem Mund dabei zusah, wie diese beeindruckende Hündin einen versteckten Vorrat an Amphetaminen fand, der in diverse Schichten Stanniolpapier eingewickelt, unter einer Matratze versteckt und – noch als zusätzliche Ablenkung – mit Chilipulver bestreut worden war. Der Täter hatte geglaubt, uns einen Schritt voraus zu sein, dabei jedoch Rainbows Können und Intellekt unterschätzt.
John und Rainbow hatten eine fantastische, enge Beziehung und eine fast telepathische Verbindung. Immer wenn ich eine wichtige Drogenrazzia koordinieren musste, forderte ich die Hilfe dieses erfahrenen Zweigespanns an und war ungeheuer frustriert, wenn sie aus welchem Grund auch immer nicht verfügbar waren.
»Tut mir leid, Detective Sergeant Butcher, aber sie sind an dem Tag für einen anderen Fall vorgemerkt«, informierte mich ein Inspektor dann, und mir wurde schwer ums Herz.
Genau das passierte im August 1994, als ich einen Tipp bekam, dass ein ortsansässiger Serientäter, ein zwielichtiger Typ namens Darren, mit harten Drogen dealte. Er war noch nicht lange aus dem Gefängnis entlassen und auf Bewährung draußen. Doch das hatte ihn offensichtlich nicht abgeschreckt. Wir vermuteten, dass er seine Lieferungen auch noch gepanscht hatte, da es in der Gegend immer mehr drogenbedingte Überdosen und Notfälle gab, wenn er seine Ware anbot.
»Er hat mehr verdammte Besucher als ein Buchmacher kurz vorm Pferderennen«, bemerkte ein Mitarbeiter aus meinem Überwachungsteam, der in den vorausgegangenen zwei Wochen Zeuge eines fließbandartigen Kommens und Gehens in Darrens Wohnung gewesen war und Dutzende Kleinkriminelle erkannt hatte.
Wie es schien, hatten wir es mit einer Ein-Mann-Verbrechenswelle zu tun, und ich war entschlossen, Darren aus dem Verkehr zu ziehen und wieder einzubuchten. Dass er auf Bewährung draußen war, hieß, dass er nach jeder Wiederholungstat ohne Wenn und Aber schnurstracks wieder in den Knast wandern würde.
Ich erstellte akribisch ausgearbeitete Pläne für eine frühmorgendliche Razzia in seiner Wohnung (er wohnte in einer heruntergekommenen Siedlung) und forderte natürlich die Unterstützung von John und Rainbow an. Doch kurz vor meiner Einsatzbesprechung um vier Uhr morgens mit meinem Durchsuchungsteam wurde ich informiert, dass John anderweitig gebraucht wurde. Er arbeitete auch mit einem Waffensuchhund, einem English Springer Spaniel namens Sparky, und sie waren zu einem Einsatz einer Sonderabteilung in Woking abgezogen worden. Zu behaupten, ich sei ernüchtert gewesen, wäre untertrieben. Trotzdem zog ich die Razzia wie geplant durch, musste aber ein Ersatzteam aus Hund und Führer berufen, das John und Rainbow meiner Meinung nach nicht das Wasser reichen konnte.
»POLIZEI … BLEIBENSIE, WOSIESIND!«, brüllte meine Einsatztruppe, als sie sich an jenem Morgen gewaltsam Zugang zu Darrens Wohnung verschaffte. Als der Verdächtige seinen verschlafenen Auftritt hatte, fiel mir auf, dass er sich seit unserer letzten Begegnung, als er in Guildford im Staatsgericht auf der Anklagebank saß, nicht viel verändert hatte. Er war dünn und schlaksig, hatte blasse narbige Haut und schlaffes mausgraues Haar und trug seine übliche 24-Stunden-Uniform aus weißem T-Shirt und grauer Jogginghose.
»Guten Morgen, Darren«, begrüßte ich ihn freundlich, während er mich mit Verachtung beäugte. »Schön, Sie wiederzusehen. Wir würden uns gern umsehen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Ich ließ den Durchsuchungsbeschluss in seine schwitzige Hand fallen und gab den Befehl, mit der Durchsuchung zu beginnen. Die Wohnung war klamm und schmuddelig, mit sich ablösenden Tapeten, abgelatschten Teppichen und einem akuten Mangel an Möbeln. Wenn ihr Bewohner Drogengeld einstrich, wie wir vermuteten, gab er es ganz sicher nicht bei IKEA aus.
Obwohl wir die Wohnung auf den Kopf stellten, und trotz größter Bemühungen des Ersatzspürhundes waren wir bis vormittags immer noch nicht auf die harten Drogen gestoßen. Alles, was wir gefunden hatten, war ein kleines Tütchen Marihuana (zum Eigengebrauch, behauptete Darren) sowie die üblichen Utensilien wie Waage, Folie und Rizla-Zigarettenpapier. Das alles lief auf ein Bagatelldelikt hinaus, was nicht mein gewünschtes Resultat war. Aber es ermöglichte mir, unseren Verdächtigen aufgrund einer sogenannten »Nebenbeschuldigung« festzunehmen. Das gab mir ein bisschen mehr Zeit, die Wohnung zu untersuchen und seinen Drogenvorrat zu finden.
Darren blieb locker.
»Ich sage Ihnen doch, Mr Butcher, hier ist nichts versteckt«, behauptete er schleppend und fuhr sich mit der Hand durch seine strähnigen Haare. »Ich bin jetzt auf dem Weg der Tugend. Ich will mir sogar eine anständige Arbeit suchen. Sie verschwenden Ihre Zeit.«
Als die Uhrzeiger auf Nachmittag vorrückten, war meine Frustration gestiegen. Suchaktionen waren hinsichtlich Zeit, Personal und Ressourcen ungeheuer aufwendig, und nach Stand der Dinge würde ich mich unangenehmen Fragen durch meinen knallharten Chief Superintendent stellen müssen. Doch aufgrund aller Informationen, die ich erhalten hatte, war ich weiterhin überzeugt, dass in diesen Räumlichkeiten harte Drogen versteckt waren; wir mussten sie nur finden.
Als ich den Einsatz schweren Herzens abbrechen wollte – den Großteil des Durchsuchungsteams, einschließlich den Spürhund und seinen Führer, hatte ich schon weggeschickt –, erwachte mein Funkgerät rauschend zum Leben: Jemand wollte mich unten auf dem Parkplatz treffen.
Als ich dort ankam, erblickte ich zu meiner großen Freude John, der an der Motorhaube seines Einsatzwagens lehnte, und Rainbow, die brav zu seinen Füßen saß.
»Der Einsatz mit Sparky war früher zu Ende als vorgesehen, Sarge, deshalb sind wir auf gut Glück vorbeigekommen, falls die Durchsuchung noch läuft«, erklärte er. »Können Sie unsere Hilfe noch brauchen?«
»Und ob«, antwortete ich grinsend und gab ihnen ein Zeichen, mir nach oben zu folgen.
Ich muss sagen, ich habe schon schönere Küchen gesehen als Darrens. Dieser lange, schmale Raum war vom Boden bis zur Decke schmutzverkrustet und mit vollen Abfalleimern und ungespülten Pfannen übersät. Vom Fensterbrett hing eine ausgetrocknete Graslilie, und darüber warf sich eine Dreiergruppe aus Schmeißfliegen bei dem verzweifelten Versuch, an die frische Luft zu kommen und die Freiheit wiederzuerlangen, gegen die schmuddeligen, gesprungenen Glasscheiben.
Mein Bauchgefühl riet mir, die Suche in der Küche wiederaufzunehmen. Also führte ich John und Rainbow hinein, wobei Letztere in dem vollen Bewusstsein, einen Auftrag erledigen zu müssen, ungeduldig an ihrer Leine zog. Der mit Handschellen gefesselte Darren und der festnehmende Beamte folgten ihnen; dass der Verdächtige der Durchsuchung beiwohnt, ist Standardverfahren.
»Okay, wir fangen auf Bodenhöhe an«, instruierte ich John, der seine Hündin intensiv ansah und ihr den Befehl »Rainbow, such!« gab. Mit seinem Glasgower Akzent klang »Rainbow« wie »Rambo«, was ich für diesen zähen und furchtlosen kleinen Spaniel ziemlich passend fand.
Während John systematisch jede Schranktür und jedes kleine Fach öffnete, schoss Rainbow wie ein Feuerwerkskörper hinein und schnupperte mit ihrer glänzend schwarzen Nase in jede Ecke, während sie heftig mit dem Schwanz wedelte. Sie war so begabt und intelligent, dass man ihr nicht jede Sekunde barsche Kommandos geben musste; John beobachtete und überwachte sie nur, prüfte und deutete jedes verräterische Anzeichen sowie ihre aufschlussreiche Körpersprache. Ich beobachtete interessiert, wie sie sich mitunter aufgeregt um sich selbst drehte – als ob sie gelegentlich einen interessanten Hauch von etwas wahrnahm –, doch es war klar, dass sie den Jackpot noch nicht geknackt hatte.
Diesen tüchtigen kleinen Spaniel bei der Arbeit zu beobachten, schien Darren sehr zu verunsichern, der zunehmend zappelig und fahrig wurde.
»Ich hasse Hunde«, murmelte er und sah Rainbow wütend an, während sie unter dem Gefrier-Kühlschrank und um seine gammeligen Turnschuhe herumschnüffelte. »Und allergisch bin ich auch gegen sie. Sehen Sie nur, ich krieg schon Nesselausschlag.«
Ich ignorierte unseren Verdächtigen, der theatralisch sein Hosenbein hochkrempelte – seine Ablenkungsversuche machten auf mich keinen Eindruck –, und gab John ein Zeichen, die Taktik zu ändern und unseren Spürhund eine Stufe weiter oben einzusetzen.
