Mondsee Philomela - Jens Hanisch - E-Book

Mondsee Philomela E-Book

Jens Hanisch

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Beschreibung

"Johannas Leben ist eine einzige Lüge. Eine Illusion." - Eine schwerwiegende Anschuldigung. Zu welchem Mittel aber greift ein Mensch, der Welt mit Würde gegenüberzutreten? - "Soll ich lachen oder weinen?" wird Johanna ihren Freund Martin fragen. "Das große Lachen. Ist dies wirklich der Weisheit letzter Schluss?" Hamburg. Dem Gelingen seiner zwei Freunde auf der Spur richtet Michael, der Besitzer vom Café Kommunal, in Mondsee Philomela seine Aufmerksamkeit auf den inneren Konflikt des zutiefst verletzten Bedürfnisses nach Autonomie und auf das zehrende Verlangen nach Wiedergutmachung. Die Zurückweisung seitens der Mitmenschen, der Missbrauch sowie der Mangel an Anerkennung sind nur zwei mögliche Gründe, die dem Streben nach Identität den Weg versperren. Während Johanna als Malerin Zuflucht in ihrer Phantasie sucht, stieg Martin aus seinem Leben als Biologe aus. Und trotzdem die Vergangenheit ihre Schatten auf die Gegenwart wirft, trotzen die Freunde dem Vorwurf der Lebenslüge und führen ihrem natürlichen Willen gefolgt ein für sie im Einklang mit sich bejahenswertes Leben.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hamburg. Dem Gelingen seiner zwei Freunde auf der Spur richtet Michael, der Besitzer vom Café Kommunal, in Mondsee Philomela seine Aufmerksamkeit auf den inneren Konflikt des zutiefst verletzten Bedürfnisses nach Autonomie und auf das zehrende Verlangen nach Wiedergutmachung. Die Zurückweisung seitens der Mitmenschen, der Missbrauch sowie der Mangel an Anerkennung sind nur zwei mögliche Gründe, die dem Streben nach Identität den Weg versperren.

Während Johanna als Malerin Zuflucht in ihrer Phantasie sucht, stieg Martin aus seinem Leben als Biologe aus. Und trotzdem die Vergangenheit ihre Schatten auf die Gegenwart wirft, trotzen die Freunde dem Vorwurf der Lebenslüge und führen ihrem natürlichen Willen gefolgt ein für sie im Einklang mit sich bejahenswertes Leben.

Jens Hanisch, 1970 in Dortmund geboren, wuchs in Lüneburg auf. Er wohnte zwanzig Jahre lang in Hamburg und lebt seit 2013 in Norderstedt.

meinen Freunden

„Johannas Leben ist eine einzige Lüge. Eine Illusion“, behauptete Christian an jenem Freitagabend im August zu vorgerückter Stunde, als Johanna Hamburg zum ersten Mal verließ. Zu jener Zeit bildete er sich tatsächlich ein, die Ursache für Johannas überstürzte Abreise gekannt zu haben. Er verlieh seinen Worten eine solche Bestimmtheit, als hätte er die Wahrheit in ihrer reinsten Form ins rechte Licht gerückt, von der Martin und ich in demselben Augenblick ebenso wie er hätten überzeugt sein müssen. Knapp zwei Jahre später, an dem Abend, nachdem Johanna zum Flughafen gefahren war und zum zweiten Mal beabsichtigte, für eine unbestimmte Zeit ins Ausland zu fliegen, hätte Christian über sie mit hoher Wahrscheinlichkeit anders geurteilt.

Ich erinnere mich: Martin und Christian saßen am blank polierten Tresen im dämmrigen Licht des Café Kommunal. Ich spülte die übrig gebliebenen Gläser, kurz nachdem Johanna sich bei mir und Martin verabschiedet hatte. Stephan und Verena waren bereits vor Stunden gegangen. Christians Ton überraschte Martin, erstaunt sah er mich an. Johanna war keine fünf Minuten fort, als Christian derart schlecht über sie redete, was er sich in ihrer Gegenwart nie erlaubt hätte. Mit wenigen Worten meinte Christian tatsächlich das auszudrücken zu vermögen, was der Grund ihrer Entscheidung war. Er meinte, ihre Wünsche und Ziele sowie ihre Bedürfnisse auf ein Wort reduziert, überschaubar zusammenfassen zu können: Lebenslüge. Zum ersten Mal, seitdem Martin Christian kannte, sah er ihn ernsthaft feindselig an. – „Warum sprichst du schlecht über Johanna?“ fragte ich Christian forsch. „Was hat sie dir getan, dass du plötzlich abwertend über sie urteilst?“ „Michael“, lallte Christian gelangweilt, das Sprechen fiel ihm wie so häufig schwer. „Ihre Träume, ewig diese Träume, Portugal, die Südsee, stets verweilten ihre Gedanken in der Ferne, an anderen Orten, möglichst weit weg ihrer Heimat ...“, er stockte: „Hat dich das nie genervt?“ – Groll schwang in seiner Stimme, Neid. Ob mehr aus Verachtung als aus Verletztheit vermochte ich nicht zu sagen. Ob er eifersüchtig war? Darüber nachzudenken hatte Christian nicht die Zeit gefunden. – „Nein“, entgegnete Martin ärgerlich, befürchtete jedoch bereits in demselben Augenblick, dass sein Einwand in den Ohren Christians nahezu blauäugig klang. „Was könnte daran falsch sein, sich einen Platz für Träume zu bewahren?“ fragte er Christian mit leicht zusammengekniffenen Augen. – Ob Christians bodenloser Anschuldigung schien Martin fest davon überzeugt, dass es zu einer seiner Pflichten gehöre, für Johanna Partei zu ergreifen, für die Johanna, die eines Tages eher zufällig als erwartet in sein Leben trat. Bereits nach wenigen Tagen, nachdem sie Christian kennengelernt hatte, beklagte sie sich betrübt bei Martin über den Mangel, dass Christian sich nicht für einen ihrer Träume interessiere. Christians Vermessenheit, Johanna verstanden zu haben, geschweige denn einst gekannt zu haben, das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, über sie zu urteilen, setzte voraus, sich nicht nur dessen bewusst zu sein, was Johanna von sich der Öffentlichkeit preisgab, es setzte voraus, nicht nur über die Kenntnis ihrer Gewohnheiten und Alltäglichkeit sondern auch über die Absichten und Gedanken, ihre Träume, Wünsche und Bedürfnisse zu verfügen. Da Christian zudem nie das Interesse hegte, Johannas Ängste zu erkunden, hätte er ebenso wie niemand nicht den Anspruch erheben dürfen, sich ihrer abfällig zu bemächtigen.

Vom ersten Tag an schloss Johanna Vertrauen zu Martin, obwohl er sie an jenem Abend verletzte. Den Grund ihrer Trauer nannte sie ihm nicht zu jener Zeit, in der sie sich kennenlernten. Erst viel später, als sie nach gut einem Jahr nach Hamburg zurückkehrte, verriet sie ihm, warum sie damals zu weinen begann. Sie saß auf ihrem Bett und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Nachdem sie kurz nachgedacht hatte, zog sie die Beine an, umschloss diese mit beiden Armen und begann zu erzählen. An jenem Abend schien es Martin, als breite sie ihre gesamte Welt zu seinen Füßen aus. Wenige Monate später, an dem Tag, an dem Johanna Hamburg zum zweiten Mal verließ, saß Martin noch lange in ihrem Zimmer auf dem Fensterbrett. Er sah hinunter in den Hof, ging in die Küche, setzte Kaffee auf und sah hinunter auf die Straße. Ben, der junge schwarze Labrador, den Johanna erst im März aus dem Tierheim mit zu sich nach Hause genommen hatte, lag auf den kühlen Fliesen und schlief. Als Martin ins Zimmer zurückging und sich mit dem Becher in die untergehende Sonne auf das Fensterbrett setzte, trottete Ben ihm treu ergeben hinterher. Schräg links sah Martin in Stephans dunkle Wohnung, betrachtete den festen Stamm der alten Kastanie im Innenhof und dachte nach. Seiner Enttäuschung suchte er standzuhalten. Später malte er sich aus, welche attraktive Frau Stephan heute wohl im Schlafzimmer seiner Wohnung am Wickel haben würde.

Einige Stunden später im Kommunal bemerkte ich sofort, dass Martin keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten. Schweigsam saß er am Ende des Tresens und stierte in sein Glas. Er sah sich im Lokal um: Gelangweilte Gesichter, ein ernstes Gespräch, selten ein lautes herzhaftes Lachen. Jeder der Gäste schien überaus wichtig, in jedem Augenblick drohten sie aus Ernsthaftigkeit zu platzen. Stundenlang nuckelten sie an ihren Cocktails, selten waren es zwei. Trotzdem blieb Martin sitzen. Warum? Was erwartete ihn? Die Gewissheit, dass im Laufe dieses Abends nichts geschehen würde, war einsehbarer als sein Wunsch, dass das erwartete Ereignis über ihn hereinbrechen, dass Johanna plötzlich in der Tür stehen und ihm erklären würde, dass sie anders entschieden habe. Ich ließ Martin in Ruhe. Sobald er sein Glas ausgetrunken hatte, schenkte ich ihm nach, leerte den Aschenbecher und wandte mich dann den übrigen Gästen zu. Kurz bevor die letzten Gäste zahlten, betrat Roman das Kommunal. Mit wenigen Worten erzählte ich ihm, was geschehen war. Roman hörte mir aufmerksam zu. Er nickte kurz, nahm sein Glas Rotwein und setzte sich ans Klavier.

Ben saß rechts neben Martin auf dem Boden. Seinen Blick wandte er erwartungsvoll zur Tür. Aufgrund seiner Erfahrung, dass Johanna mit jedem Augenblick durch die Tür hereinkommen würde, um ihn wie üblich abzuholen und mit nach Hause zu nehmen, saß er aufrecht, von seinem Unglück nichts ahnend. In manch Mittagspause besuchten sie Martin im Park: Johanna die Hundeleine in der Hand schwingend, lief Ben schwanzwedelnd auf ihn zu. Sie setzten sich auf die Bank hinters Museum, aßen im Schatten der Bäume schmierige Croques und tranken eiskalte Cola. Anderntags saßen sie auf dem Holzsteg am Teich, folgten den ruhigen Bahnen der Enten und ließen die Beine baumeln, bis die Sonne unterging. Das letzte Mal jedoch, am Abend ihres Geburtstags, sie saßen bereits seit einigen Stunden auf der Bank, eröffnete Johanna ihm besonnen, dass es sie wieder in die Ferne ziehe. Ihre Worte trafen Martin wie ein Schlag von oben auf den Kopf. Schweigsam hörte er ihr zu, sprachlos vernahm er von fern das Signal eines mit der Flut einlaufenden Schiffes. Die Gründe ihrer Abreise verstand er nur allzu gut, gegen seine Enttäuschung vermochte er sich jedoch nicht zu wehren. Seiner Furcht vor der in Kürze wiederkehrenden Einsamkeit fühlte er sich nicht gewachsen. Er erinnerte sich an die Nachmittage, die sie am Elbufer in Richtung Klein Flottbek gingen: Die Frachter und Containerschiffe fuhren an ihnen flussaufwärts vorbei. Dieser Blick faszinierte Johanna. Stets fühlte sie sich von den Wassermassen überwältigt, die sich viele kilometerweit die Elbe hinauf und hinabschoben. Sehnsucht löste sich in ihr. Am Hang auf dem Rasen im Jenischpark träumte sie von der Ferne, vom Verreisen, vom Wunsch, Hamburg einfach zu verlassen. Ihre Heimat auf unbestimmte Zeit zu verlassen, ging einher mit der Einbildung, dass es ihr irgendwo in der Ferne besser ergehen würde. Stets fragte sie sich, wohin die Schiffe fuhren, suchte die Flaggen zu entziffern, nannte die Länder, die jeweils in Frage kamen, verlor sich träumend in Beschreibungen und Vorstellungen. Im Fernsehen sah sie regelmäßig Reportagen. Später griff sie nicht mehr auf Einbildungen zurück, sondern bediente sich unmittelbar ihrer eigenen Erfahrung. Im Schneidersitz auf ihrem großen Bett breitete sie Atlas, Landkarten und Bildbände vor sich aus. Sie zeigte Martin die Routen, die sie jeweils wählen würde. Auf ihre ruhig unzufriedene Art erzählte sie von den Ländern, der Landschaft, der Bevölkerung, ihrer typischen Lebensgewohnheiten. Sie ging ins Völkerkundemuseum, hielt sich oft stundenlang in der Antikensammlung auf oder besuchte Diavorträge im Amerikahaus. Das Geld, das sie benötigte, um in diese Länder zu reisen, besaß sie zu jener Zeit nicht. Die Hoffnung aber, eines Tages in all diese Länder zu reisen, die gab sie nie auf.

An solch Tagen saß Martin ihr gegenüber auf dem Fensterbrett. Unzählige Bilder hingen an den Wänden: Fotografien, Poster und Postkarten, aber auch Bilder, die Johanna gemalt hatte. Arbeiten, die nicht abgeschlossen waren, an denen Johanna arbeitete, lehnten schräg an der Wand. In der Nacht versperrte für gewöhnlich eine heruntergelassene braune Holzjalousie die Sicht. Die Konturen vom Innern ihres kleinen Zimmers, abgeschirmt vor den ungebetenen Augen Außenstehender, waren damit nur ungenau bis gar nicht zu erkennen. Auf dem Fußboden stand ein Ventilator für heiße Tage, Kleinkram lag achtlos auf dem Boden verstreut. Johannas Zimmer war nie aufgeräumt wie das schräg links nebenan. Ganz offensichtlich mietete die Nachbarwohnung ein anderer, ein ordentlicher Mensch. Auf der Innenseite der Tür eines weiß gestrichenen Wandschranks hingen Aktfotos, schwarzweiß Fotografien gutaussehender Frauen: Die eine Frau, ganz nackt, hob vorm Spiegel stehend beide Arme, um sich ihr dunkelblondes Haar nach hinten zu einem Zopf zu binden; die Brüste der Frau darunter wurden von der Spitze eines weißen Unterhemdes bedeckt, durch die ihre zarten rosa Brustwarzen schimmerten. Im Zimmer nebenan standen ein Tisch, vier Stühle, ein Bücherregal, Sofa, Fernseher und eine Musikanlage. An den Wänden hingen Bilder, gerahmte Kunstdrucke, Kandinsky und Renoir. Hinten in der Ecke des Raums erkannte Martin eine Palme, neben der eine Chromlampe stand.

Sobald eine Frau zu Besuch kam, verschloss Stephan die Tür des Wandschranks. Er wollte niemanden verschrecken und auch nicht in seine Seele blicken lassen. Johanna wusste dies, lange genug wohnte sie mit ihm Wand an Wand. Stephan liebte Frauen, sie waren seine Leidenschaft: Sandra, Maria, Susanne, Michaela und noch viele mehr. Es waren viele, die zu ihm kamen, viel zu viele, alle Namen hatte er sich nicht gemerkt. Jede von ihnen habe etwas Besonderes an sich, für keine entschied er sich endgültig. Stephan liebte Details, die Vielfältigkeit durch die sich jede einzelne auszeichne. Es sei sinnlos, nicht so zu empfinden. Andere Frauen nicht kennenlernen zu wollen, sich für eine zu entscheiden und die übrigen nicht zu beachten, sei verlorene Möglichkeit, Endgültigkeit. Jeder wolle er das Blut aus den Adern saugen und ihr Wesen erforschen, dies behauptete Stephan nicht nur einmal. Johanna vernahm die Geräusche nebenan: Nachts, frühmorgens, manchmal lange vor Mitternacht. Die Wände waren dünn, das Haus wurde wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gebaut. Johanna und Stephan trennte lediglich ein halber Backstein. Stets hörte sie andere Frauenstimmen, nicht einmal glich eine Stimme der gegangenen. Auf ihrem Bett liegend, folgte sie gespannt den Ereignissen nebenan. Manchmal war sie genervt, konnte häufig aufgrund der Lautstärke nicht einschlafen: Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf, drückte ihr Gesicht ins Kissen und stellte sich zwangsläufig vor, was nebenan geschah. Den Bildern in ihrem Kopf fühlte sie sich wehrlos ausgeliefert. Obwohl Johanna wusste, dass Stephan keine der Frauen zwang, ihm in seine Wohnung zu folgen – „Alle begleiten sie ihn freiwillig.“ –, zeigte sie sich mehr als nur einmal ob dieser Eigenart aufgebracht. Die einseitigen Interessen, die sich hinter seinem Verhalten verbargen, überzeugten sie kaum. Trotzdem freundete sie sich mit Stephan an. Sie lernte ihn im Vorbeigehen im Hausflur kennen. Als er sich bereit erklärte, ihren tropfenden Wasserhahn zu reparieren, kamen sie ins Gespräch.

Ein Haus lebt aufgrund der Geräusche, der Mensch lebt unter anderem durch seine Einbildung. War Stephan allein, lag er auf seinem Bett, starrte an die Decke und lauschte. Gern hätte er mit seinem Blick ein Loch in die Decke gebohrt. Neugier: Stundenlang saß Stephan auf dem Rand seiner Badewanne, wartete, rauchte und hoffte, irgendwelche akustischen Signale durch den Lüftungsschacht aus den übrigen Stockwerken zu hören. Sofern er welche vernahm, ordnete er diese den Gesichtern zu, die er gelegentlich im Hausflur traf. Stephan mochte diese Beschäftigung, sie langweilte ihn nie. Auf diese Weise meinte er, eine Möglichkeit gefunden zu haben, am Leben anderer Menschen teilhaben zu können. Mit der Vorstellung, in einem Einfamilienhaus am Stadtrand zu leben, hätte er sich nur schwer abfinden können. Hiermit verband er: keine Menschen, Leere, Einsamkeit, keine Phantasien und verlorene Einbildungen. In der Wohnung über ihm wohnte eine junge blonde Frau. Stephan kannte sie nicht, schätzte sie auf Ende zwanzig. Um halb elf, sofern er Zeit hatte und zu Hause war, hörte er ihre drängenden Laute, das helle Quietschen der Matratze und das hohle Stöhnen ihres Partners. Anschließend herrschte Ruhe. Stephan hörte noch das vereinzelte Stapfen nackter Füße, zweimal die Wasserspülung, den Wasserhahn, woraufhin es endgültig still wurde. Über ihm kehrte Nachtruhe ein: die Erholung vor und nach einem normalen Arbeitstag. Vielleicht arbeitete die Frau bei einer Versicherung, war Arzthelferin oder im öffentlichen Dienst beschäftigt. Jeden Falls arbeitete sie regelmäßig von Montag bis Freitag. Stephan gab ihr den Namen Ulrike, ihren Partner nannte er Frank. Frank übernachtete bei Ulrike unregelmäßig. Mal Mittwoch, mal Sonntag, Freitag oder Samstag, feste Tage gab es nicht. Tagelang regte sich in der Wohnung über ihm nichts, an manch Wochenende kehrte Ruhe ein. Hörte Stephan von oben keine Geräusche, vermutete er, dass Ulrike bei Frank übernachtete. Lauschte er angestrengt am späten Abend, dachte er an Regelmäßigkeit, Wiederholung, nicht als Ritual empfunden, Ulrike sprach gewiss von Liebe.

Als Johanna Stephan kennenlernte, trug er ein blauweiß kariertes Baumwollhemd, gemütlich und bequem. Abends, sobald er das Haus verließ, ging er selten ohne Jackett. Seine Wohnung meinte er für seine Begriffe stilvoll eingerichtet zu haben: Die Bilder hingen eingerahmt an den Wänden, Wohnzimmer und Schlafzimmer waren stets aufgeräumt, Badezimmer und Küche putzte er regelmäßig. Stephan beherrschte die Kunst, Frauen zu verführen, zeigte sich galant und verständnisvoll, hörte stets aufmerksam zu und erzählte Geschichten aus seiner Vergangenheit auf eine ganz besonders offene Art. Stephan erkannte die Bedürfnisse der Frauen sofort, war ein Frauenkenner, zumindest behauptete er dies von sich. Selten waren die Frauen älter als er. Stephan war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte dunkelbraunes, kurz geschnittenes Haar und eine schlanke, sehr gut trainierte Figur. Stephan roch am Haar der Frauen, schmeckte das Salz auf ihrer Haut und hatte eine Vorliebe für rasiertes Nackenhaar. Er las die Schilder ihrer Dessous, kramte in den Handtaschen, nicht ohne sich zuvor ihres Einverständnisses vergewissert zu haben, und studierte aufmerksam die Etiketten der Kosmetika. Ihre Körper bettete er auf Seidenbettwäsche, ein zweites Kissen hielt er stets griffbereit, morgens verließen die Frauen meist früh das Haus. – „Es ist keine Krankheit“, antwortete Johanna, als Martin sie einmal danach fragte. Stephan liebe das Leben ganz auf seine Art. – Johanna wäre nie die Idee gekommen, mit Stephan ein Verhältnis zu beginnen, sie flirtete nicht einmal mit ihm. Ganz davon abgesehen, versuchte Stephan nicht annähernd, Johanna zu verführen: Johanna entsprach nicht seinem Typ. Sie waren gute Nachbarn, entschieden beide für sich, dies bleiben zu wollen. Die Fronten zwischen ihnen waren geklärt, die Grenzen von vornherein gezogen. Gelegentlich unternahmen sie etwas miteinander, gingen ins Kino, tranken Kaffee, sie kochten zusammen oder besuchten Partys. Einige Male sahen sie gemeinsam Fern. Sie unterhielten sich angeregt, kaum ein aktuelles Ereignis ließen sie unkommentiert, vor allem aber versuchten sie zueinander aufrichtig zu sein wie nur möglich. Abends, sobald Stephan mit einer neuen Frau im Arm nebenan die Wohnungstür schloss, folgte Johanna bald lächelnd seinem Spiel: Es schien ihr gleich eines Sportwettkampfs. – „Kannst du dich überhaupt an alle Frauen erinnern, die bei dir waren?“ fragte Johanna. „Ich meine, führst du Buch oder so etwas, ist es eine Sammelwut?“ „Ich denke nicht“, antwortete er. „Das ist aber auch nicht wichtig.“ „Was ist dann wichtig?“ forschte sie nach. „Wichtig ist in erster Linie, wie man den Augenblick erlebt, wie man ihn gestaltet, was man aufnimmt und wahrnimmt. Wichtig ist, dass man Teile der Gegenwart gestaltet, als böten sie sich dir zum ersten und letzten Mal. Nichts ist auf Dauer angelegt, alles ist vergänglich.“ „Und du bist dir sicher, dass dies Treiben nicht langweilig werden könnte, dass sich nichts wiederholen oder zur Gewohnheit werden wird?“ Johanna blieb skeptisch. „Natürlich. Das Wesen der Sache schon, der Akt an sich, er birgt eine ganz gewisse Gefahr. Dennoch unterscheidet sich jede Frau von der nächsten, zumindest im Detail. Nie bist du dir sicher, was dich erwartet. Kann das langweilig werden, eine Gewohnheit?“ – Die Frau im Erdgeschoss, Frau Wontorek, zeigte sich empört über Stephans Verhalten: „Dies Haus ist doch kein Bordell!“ schimpfte sie einmal laut im Hausflur. Johanna verzichtete ihr gegenüber auf den Versuch der Einschränkung: Sofern das freiwillige Einverständnis der Teilhabenden die Freiheit Unbeteiligter nicht einschränkt, erfordert die Wahl derer Verwirklichung nicht ihrer Zustimmung.

Frau Wontorek war Witwe. Sie hatte, bis auf ihren Haushalt zu führen, keine weiteren Aufgaben oder Pflichten, fühlte sich jedoch stets für alles und jeden verantwortlich. Ein Mann von gegenüber, ein Studienrat, Frührentner oder sonstwas, das ist gleich – „Auf dem Klingelschild steht Mauritz.“ –, folgte den Ereignissen im Haus auf seine Art. Er wohnte auf der anderen Seite des Hofs, im fünften Stock des Hinterhauses. Abends saß er hinterm Fenster, bis Stephan die Vorhänge zuzog, das Licht löschte und ihm winkte. In der Hand hielt er ein Fernrohr. Herr Mauritz war ein Spanner, nicht gefährlich, aber gierig und besessen. Aufgrund eines Zufalls entdeckte Stephan nach einigen Monaten Fotos in Zeitschriften, Herr Mauritz verdiente damit sein Geld. Er fotografierte unentwegt. Aber nicht nur Stephan und Ulrike, Frank und Johanna waren Gegenstand der Reportagen, auch die übrigen Bewohner des Hauses zeigten sich bestürzt, als sie die Texte unter den Bildern lasen. Die Berichte waren frei erfunden. Wer diese schrieb, das wusste niemand. Ob der Mauritz oder die Redaktion selbst? Das spielte im Nachhinein keine Rolle. Als Johanna von der Geschichte erfuhr, war sie angeekelt und verletzt. Stephan stellte Herrn Mauritz zur Rede, nahm seine Kamera, zerschlug sie in Stücke, durchwühlte die ganze Wohnung und nahm das gesamte Fotomaterial in Beschlag. Wenige Tage später zog Herr Mauritz aus.

An manch Abend, an dem Martin sich im Kommunal aufhielt, am Tresen saß, rauchte und in der Regel einen Bourbon nach dem anderen trank, erschien Stephan. Ganz im Gegensatz zu Martin war er adrett gekleidet, stets hielt er eine andere Frau im Arm. Auch an jenem Abend, als Johanna Hamburg zum ersten Mal verließ. – „Wo hat Stephan diese Frauen her?“ – Das erfuhr Martin bis heute nicht. Stephan fragte er nie, war er sich sicher, dies von ihm nicht zu erfahren. – „Handelt es sich um eine Sucht? Erhöht es sein Selbstwertgefühl? Ist es eine Abnormität, ein Defekt oder sexuelles Zwangsverhalten? Gewiss fürchtet Stephan sich davor, alleine einzuschlafen.“ – Stephan war nicht dumm, das wusste Martin aus einem vorangegangenen Gespräch. Anwalt zu werden, war sein berufliches Ziel. – Einst entwickelte Stephan für sich einen Lebensplan, mit dessen Hilfe er gegen die ihm verbleibende Zeit anzukämpfen suchte, der er sich als Sterblicher ausgeliefert sah, der für Martin schwer nachvollziehbar war: „Seine Absicht, möglichst viele Frauen zu erobern, von ihnen Besitz zu ergreifen, wird ihn dieser Plan in absehbarer Zeit nicht in den Wahnsinn treiben?“ – An jenem Abend, an dem Martin sich mit Stephan unterhielt, ging Stephan früh nach Hause, es war noch keine Zwölf. An jenem Abend hielt Stephan ausnahmsweise keine Frau im Arm, Martin schien er einsam und frustriert.

Alle Frauen, die Stephan begleiteten, ähnelten einander, kaum eine unterschied sich von ihrer Vorgängerin. Stets war es der gleiche Typ, nichts zum Festhalten, die Bekanntschaft nicht auf Dauer angelegt. – „Vielleicht doch?“ „Manchmal bestimmt.“ – Martin wusste es nicht, konnte dies nicht mit Gewissheit sagen, da er sich mit keiner der Frauen unterhielt. Er betrachtete sie aus der Ferne, verstand aufgrund der lauten Musik kein einziges Wort, er lernte sie anhand ihrer Gestik und Mimik kennen. Allesamt hinterließen die Frauen bei ihm einen zahmen Eindruck. Er mutmaßte, dass sie mehr über ein sanftes Gemüt verfügten, dass sie nicht kämpferisch veranlagt seien, eher verfügbar. Vielleicht schätzten sie Stephan aufgrund ihrer Blauäugigkeit nicht richtig ein, durchschauten keine seiner einseitigen Absichten oder erlagen seinen rhetorischen Fähigkeiten. Ich schloss nicht aus: Die Frauen denken ebenfalls kalkuliert, gehen ebenso gut als Siegerinnen aus dem Rennen, da sie ganz genau wissen, was sie erwarten wird. Sie haben die gleichen Ambitionen, verfügen ebenso über die notwendige Entschlussfreudigkeit und die Mittelchen, zuckersüß und gerissen ihr Vorhaben ohne großartige Verzögerung in die Tat umzusetzen, das auch ihrerseits die Dauer einer Nacht nicht überschreiten wird. Auf diese Art bemerkte Stephan überhaupt nicht, dass er gleich eines Straßenköters von einer Frau zur nächsten Frau zog.

Stephan schien ein Künstler: Offenbar blind folgten die Frauen ihrem Jäger, waren sich der Folgen nicht bewusst. Einige von ihnen, dahingehend war sich Martin sicher, träumten bestimmt. Hypnotisiert von seinem Blick und seiner Art zu reden, schmiegten sie sich an Stephans Seite und schauten zu ihm mit großen Augen auf. Bewundernd folgte auch Martin seiner Gestik, beobachtete gespannt das sich ihm bietende Ereignis. Das Krankhafte der Situation, das er empfand, war ihm nicht neu, schien eher normal: Kennenlernen, unterhalten, ficken. Nie richtig, immer nur halbe Sachen, an der Oberfläche kratzend, selten in die Tiefe der Seele blickend. Eine Sache von höchstens drei Stunden, bis sie sich in die Augen sehen, die Hände fassen, stillschweigend eine Vereinbarung für die Nacht treffen. In wenigen Fällen verläuft der Abend anders.

Diese Situation versetzte Martin einen Stich: Sich in der Öffentlichkeit zu brüsten, ohne die Bedürfnisse oder Erwartungen des anderen zu respektieren, weckt den Eindruck, dass die Beteiligten sich zueinander unaufrichtig verhalten. Die Situation barg eine gewisse Unvollkommenheit, eine Rücksichtslosigkeit, die, hätte er auf sie hingewiesen, nie eingeräumt, sondern schön geredet worden wäre: Solange es Spaß macht und beide damit einverstanden sind! Vielleicht war Martin neidisch. Er verfügte nicht über Stephans Fähigkeiten. Dennoch: Trotz Stephans kurzfristiger Affären konnte Martin sich nicht gegen seine Einbildung wehren, dass Stephan grundsätzlich unzufrieden war. Obwohl er sich in Begleitung einer äußerst attraktiven Frau befand, langweilte er sich. Dieser Eindruck weckte sich stets, sofern Stephan den Kopf senkte und tief in seine Caipirinha sah. Die Angst, alleine einschlafen zu müssen, war stärker als der Wille, sich der Einsamkeit zu stellen. Die erwartete Furcht würde durch die Frau vertrieben werden, in den Schlaf würde er sich nicht zu winden haben.

Martin vermutete, dass Stephan sich selbst aus dem Wege ging: Er sucht sich seiner Furcht zu entziehen. Die schwer ausfindig zu machende, tief sitzende Angst, nicht die Anerkennung zu ernten, die Stephan sich erhoffte, die Stephan zum Erhalt seiner Persönlichkeit für überlebenswichtig hielt, dominierte sein Bewusstsein, diese nahm sein Handeln augenblicklich in Beschlag. Martin unterstellte Stephan, dieses Problem bereits erkannt zu haben, dass sein Leben sich als Illusion entpuppte, er sich jedoch entgegen all seiner Bestrebungen nicht imstande sah, sich von der Flucht in diese Ersatzwelt zu befreien. Stattdessen ertrug er sein Glück beinahe täglich mehr gelangweilt. Um zu besitzen, harrte Stephan in einer Art Glück aus. Das Warten schien ihm vergeblich, die Hoffnung hatte er im Laufe der Zeit aufgegeben. Stephan schien nicht wie manch andere Menschen auf etwas zu warten, das plötzlich eintreten könnte. Ganz im Gegenteil: Er schien fest davon überzeugt, dass es da nichts gab, auf das zu warten sich gelohnt hätte. Nahm Stephan eine Frau in den Arm, drückte er sie fest an sich. Und küsste er sie auf die Stirn, flog sein Blick weit durch den Raum. Teilnahmslos sah er über die Schulter an ihrem Haar vorbei. Er schaute sich im Lokal um, ob jemand ihn beobachtete. Ihre Blicke trafen sich, schnell sah Martin weg. Stephan schenkte dem keine Beachtung, sondern wandte seinen Blick an die ihm gegenüberliegende Wand. Leere sammelte sich in seinen Augen, ein glasiger Blick. Martin meinte, Resignation in ihm ausfindig zu machen. – Sie haben sich nichts zu erzählen, dachte Martin, nichts jedenfalls, worüber sie sich mit wahrhaftem Interesse unterhalten könnten. Gespräche, die Stephan an solch Abenden führt, gleichen häufig vorangegangenen, vergangenen, selten unterscheiden sie sich voneinander. Eine spezialisierte Gesellschaft wie die unsere lässt in vielen Fällen nichts anderes zu, als Themen zu finden, die von keinem gemeinsamen und daher wahrhaftigem Interesse sind, sondern nur solche, die durch Oberflächlichkeit geprägt stets gleiche Sätze bilden. Wenige zeigen die Bereitschaft, lang und ausführlich über ihren Beruf zu berichten, viele suchen die Zerstreuung, die Abwechslung, etwas das Farbe in den sonst tristen Alltag trägt. Kaum einer findet sich in der Lage, eine angeregte Unterhaltung zu führen, die der Erinnerung erhalten bleibt, es gibt kaum Themen, die wirklich von Belang gewesen wären, über die sich zu unterhalten gelohnt hätte. Eine Geschichte aus der Vergangenheit, aus der Kindheit, über die Eltern und Freunde, irgendetwas in dieser Art. Stets handelt es sich um dieselben Geschichten, Alltäglichkeiten, selten erzählen sie von der Gegenwart, Politik wird kaum ins Visier genommen, über die Zukunft nicht ohne Zögern öffentlich gesprochen. Kommunikation aber verkommt auf diese Weise zu stumpfsinnigem Geschwätz. Die übermäßige Vereinsamung erschwert das drängende Bedürfnis, die Gemeinsamkeiten zu finden, für die allein zu leben sich gelohnt hätte, nicht selten reduzieren sich gemeinsame Interessen auf Sex. – Die Frau, Martin gab ihr den Namen Verena, zog Stephan eng an sich. Sie drückte ihn hoffnungsvoll und schien glücklich, eine aufrichtige Eroberung für sich gewonnen zu haben. Lächelnd legte sie ihren linken Unterarm auf Stephans rechte Schulter, voll Erwartungen der nächsten Stunden.

Martin nahm nicht an, dass Stephan Verena anlog, ihr Geschichten erzählte oder falsche Hoffnungen weckte, ihr gar eine gemeinsame Zukunft in Aussicht stellte. Nein. Er war versucht, sich ihr gegenüber ehrlich zu erweisen, Unaufrichtigkeit, hoffte Martin, widerspricht seiner Natur. Die Routine verbot ihm, ihr Lügen oder Unwahrheiten aufzutischen, komplizierte Gespräche am darauf folgenden Morgen würden sich auf solch Weise erübrigen. – Das Leben dem Augenblick zu widmen, erklärte Stephan zu seiner Lebensphilosophie und er verkündete sie auch als solche. Johanna erzählte es Martin. Martin hielt dies für einen Trick: Eine langfristige Beziehung ziehe Stephan von vornherein nicht in Erwägung. Johanna bemerkte, dass es Frauen gebe, die von Gedanken dieser Art begeistert seien. „Männer, die für sich einen Lebensweg gefunden haben, die nicht weinerlich veranlagt sind oder ständig klagen, sondern die immer eine Geschichte, einen Ausweg oder eine Lösung parat halten, strahlen eine gewisse Faszination aus. Männer dieser Art verleihen dem Leben ein Stück Sinn, engen nicht ein und ergreifen keinen Besitz. Die Angst, zu viel von sich preis zu geben, bleibt unbegründet, gehegte Erwartungen bewegen sich auf recht niedrigem Niveau. Stephan hält stets ein Stück Mythos bereit, verteilt Verborgenes und Geheimnisvolles in kleinen Häppchen. Seine überzeugende Argumentation veranlasst die Frau, auf ihr inneres Ohr zu hören und gemäß ihrer Intuition zu handeln.“ – Stephans Worte zeigten Wirkung: Unauffällig berührte er Verenas Brust. Für Außenstehende kaum erkennbar, ganz flüchtig, für seine Absicht bedeutsam: Er spitzte Verena an. – Wieviel Brüste mochte er schon berührt haben, gestreichelt, geküsst und erregt? – Er wusste es nicht. Im Grunde genommen ging das Martin nichts an. Trotzdem, tagtäglich handelte es sich um ein und dasselbe Spiel, ein Kreislauf, für Stephan vielleicht die Hölle. Jeden Tag zwanghaft auf der Suche, auf der Jagd, schnell muss es gehen, der Abend ist kurz. Je widerspenstiger desto besser, es erfordert mehr Energie, mehr Tricks und Raffinesse. Liebe für den Augenblick, für eine Nacht, eine kurze Zeit, Liebe entpuppt sich zur Strategie. Stephans Leben reduzierte sich im Wesentlichen darauf, am darauf folgenden Morgen müde und erschöpft herrschaftlich eine Frau im Arm zu halten. Eine Eroberung für einige Stunden, ohne eine Spur in seiner Zukunft zu hinterlassen.

Stephan drang von außen durch Verenas schützende Hülle tief in ihr fest verschlossenes Seelenleben ein. Dezente Schminke, gepflegte Frisur, ausgewählte Kleidung, bestenfalls ein Kostüm, häufig ein kurzgeschnittener enganliegender Hosenanzug. Uniform angepasster Gleichartigkeit, dunkelgrau, anthrazit oder schwarz, dies alles bot ihr keinen Schutz. Stephans Worte griffen nach ihr, seine Hände nahmen ihren Körper in Beschlag, vorsichtig kratzte er an ihrem Wesen, bearbeitete und schmolz ihren Kern, ohne dass sie dies trunken seiner Worte bemerkte. Immer entschied er sich für dieselbe Methode, stets wählte er eine Frau, die sich ihm dankbar für das, was kommen würde, an den Hals warf. Die Hoffnung aufrecht erhaltend, dass es diesmal anders enden würde als das letzte Mal, wusste Stephan, dass nicht alle Frauen auf seine Tricks hereinfielen. Er wusste aber welche, und wenn nicht sofort, dann zumindest später, irgendwann bestimmt. Zu Beginn widerspenstig, skeptisch, selbstsicher und überzeugt, sich nicht austricksen zu lassen, wandten sie sich ihm später zu. Seinen Worten Glauben schenkend, meinten sie, sich ihm offenbaren zu können, unwissend, ihm dadurch die Angriffsfläche zu bieten, die er ausschließlich für seinen Erfolg benötigte. Ihre Gefühle ansprechend legte er sich sanft gleich einer Kette um ihren Hals. Er bestimmte die Spielregeln, er drückte sie berechnend, ihnen die Gewissheit verleihend, nach der sie sich sehnten.

Der Betrug wird nicht vor morgen früh auffliegen, die ersehnte Geborgenheit verschwunden sein, wie vom Erdboden geschluckt. Die Wahrheit und die Großzügigkeit, gepaart mit Lüge und Kalkulation zeichneten Stephans wohldurchdachte Strategie aus. Überzeugungen, Prinzipien oder Vorsichtsmaßnahmen zerflossen, wurden fortgetragen vom Hauch seiner Silben. Offenheit und Ehrlichkeit, der liebe verständnisvolle Blick, kleine Mittelchen seines Handwerks, diese sicherten seinen Erfolg. – Wonach suchte er? Was hoffte er zu finden? Wozu der ganze Aufwand? Stets die gleichen Fragen, Unterhaltungen und Antworten. – Morgen früh, sobald sich der Schwindel offenbaren und die Fragen auftauchen werden, die nach einer gemeinsamen Nacht unvermeidbar sind – nicht aus seinem Munde, zögernd, er ahnt, was kommen mag –, als Verena ihn zum letzten Mal in die Arme schließen wird, wird er auf seine Unschuld aufmerksam machen, er sei betrunken gewesen. Ein schüchterner treuer Blick, alles scheint in Ordnung. – Ein Schmeichler? Wohl nicht. – Trinken, nicht um betrunken zu sein, sondern um eine Erklärung, eine Rechtfertigung bereit zu halten, wie aus der Innentasche seines Jacketts gezogen. Griffbereit, alles andere als überzeugend, wird er dumm seine Entschuldigungen präsentieren, sich feige hinter seiner Unschuld verbergen. Anstatt die Wahrheit zu sagen, die Verena kennen, mit der sie gerechnet, und die sie für unvermeidbar gehalten haben wird, wird er einen schäbigen Ausweg suchen, sich seiner niederträchtigen Verlogenheit zu entziehen.

Verena liebkoste Stephan. Sie zog ihn eng an sich, während er sich weich an sie schmiegte, und schien mehr und mehr davon überzeugt, dass Stephan anders sei, als die übrigen Männer, die sie bisher auf solch Art und Weise kennenlernte. Martin schmunzelte, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars. Er ahnte, was kommen würde: Wie früh wird Verena morgen das Haus verlassen? Frau Wontorek wird es wissen. Wie früh wird Stephan Verena erklären, dass sich alles um einen Irrtum handle, dass sie sich getäuscht habe, mit dem, was sie von ihm erwartet hätte, das er ihr nicht erfüllen könne? Verena wird sich Stephan gegenüber nicht überrascht zeigen, sie wird ihre Sachen zusammen suchen, die Handtasche schließen, die er in der Nacht neugierig durchwühlte, wird schnell ihren BH zuknöpfen, in ihren Hosenanzug schlüpfen und sich ohne große Worte verabschieden. Stephan wird im Bett liegen bleiben, wird sie nicht freundlich an der Wohnungstür verabschieden, sondern warten, bis er erleichternd das Klicken seiner Wohnungstür hören wird. – War es Übermut? wird er sich laut in Verenas Gegenwart fragen. Sie wird ihn mit leeren, verständnislosen Augen ansehen, insgeheim jedoch recht zufrieden an die vergangenen Stunden zurückdenken. – Er, der angeblich einen Tick zu viel getrunken hat, wird die Lüge aufrecht erhalten, dass sie sich getäuscht habe; sie, die eigentlich die Betrogene sein sollte, wird mit etwas Wohlwollen, instinktiv ein Stück Glück erhascht zu haben, die Wohnung verlassen. Vielleicht wird Verena Stephan erklären, dass sie nichts anderes erwartet habe, wird ihn, aufgrund der Tatsache sich vor eigenem Schaden zu bewahren, ebenfalls belügen. Ganz bestimmt gibt es einige, die es entsprechend meinen, wie sie es sagen: Das war eine schöne Nacht. Keine Telefonnummer, kein Wiedersehen, bitte keine weiteren Verpflichtungen, keine gemeinsame Zukunft. Lediglich ein paar Stunden Zweisamkeit waren gefordert, für mehr ist kein Platz. Verena wird Stephan einen Abschiedskuss geben, bevor sie eilig die Wohnung verlassen wird. Eine Stunde habe sie Zeit, spätestens um neun Uhr habe sie im Büro zu sein. Einige Minuten später wird Stephan mit seiner Zeitung am Küchentisch sitzen, einen Kaffee aufsetzen und ein oder zwei flüchtige Gedanken an die Nacht verschwenden.

Martin vermutete, dass sich dieses Mal vom letzten nicht großartig unterscheiden würde: Der Alltag kehrt zurück, es ist acht Uhr. Stephan reißt die Fenster auf. Die nächsten Stunden wird er sich um seine Zukunft zu kümmern haben, sich pflichtbewusst seinem Studium widmen, lesen und lernen, bis sein Drang aufs Neue einsetzen wird. Immer wieder wird es der Duft der Freiheit sein, der sich morgens in seiner Wohnung ausbreiten wird. Martin meinte, ihn förmlich zu riechen: In diesem Fall ein widerlich muffiger Geruch. Leichtigkeit, durchmischt von Schlaf, Schweiß und Alkohol.

An jenem Abend geschah einige Stunden später das, was Johanna vielleicht in ihren kühnsten Träumen gehofft, was sie jedoch nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen oder zu erwarten wagte. Stephan und Verena waren vor kurzem gegangen, vor Martin stand ein neuer Bourbon, inzwischen rauchte er bestimmt die fünfzehnte Zigarette. Johanna stand hinter der Theke, leerte seinen Aschenbecher und wischte über den Tresen. Ab und an warfen sie sich amüsierte Blicke zu, Johanna schmunzelte an diesem Abend mehr als nur einmal.

Sie trug knallenge blaue Jeans. Ein erregender Anblick wie Martin fand. Ihre Brüste verbarg sie unter einem enganliegenden, kurzen roten Pullover, über den sie eine blaue Jeansweste gezogen hatte. Jedes Mal, sobald sie sich streckte, um ein frisches Glas aus dem Regal oberhalb des Tresens zu nehmen, entblößte sich ihr Bauchnabel: Er war gepierct. Martin fragte sich, ob sie auch tätowiert sei, ob sich eine Blume, etwa eine Rose rechts oberhalb ihres Hinterns befinde, ein keltisches, vielleicht aber auch ein japanisches Symbol auf ihrem rechten Oberarm. Auf ganz merkwürdige Weise schien Johanna im Gegensatz zu den vergangenen Wochen überraschend locker und gelöst. Außenstehende, die sie beobachteten, hätten kurzerhand den Eindruck gewinnen können, dass Johanna ein Mensch sei, der mit der Welt umzugehen gelernt habe, wie diese sich ihm zu erkennen gebe. Ohne kompliziert danach zu fragen, wie diese sein könne und welch unterschiedlichste Möglichkeiten sie berge, verhielt sie sich bedingter Widersprüchlichkeit und unvorteilhafter Eigenschaften ihrer Mitmenschen gegenüber der Art, wie sie diese vorfand. Ein Unbeteiligter hätte meinen können, dass Johanna weder vorwurfsvoll veranlagt, noch dass sie von einem Mitmenschen in irgendeiner Weise zu enttäuschen sei.

Während Martin zu Johanna hinübersah, nervte der betrunkene Christian. Johanna reagierte diesbezüglich großartig: Sie behandelte ihn wie eine Krankenschwester komplizierte Patienten der besonderen Art. Christian erzählte wieder einmal eine vollkommen unbedeutende Geschichte, die keinen interessierte, die in keinster Weise von Belang war, zudem mangelte es an der Pointe. Seine Geschichten verfügten nie über ein Ende, den Witz, den alle erwarteten, blieb er bis zum Schluss schuldig. In der Regel war er so betrunken, dass er bereits nach einigen Minuten nicht mehr wusste, was er eingangs zu erzählen beabsichtigt hatte. Dennoch: Wenn auch angenervt aufgrund seiner betrunkenen und aufdringlichen Art, ließ sich Johanna ihre gute Laune nicht verderben. Ganz im Gegenteil, sie schenkte ihm einen übermäßigen Teil ihrer Aufmerksamkeit. Dies jedoch auf eine kaum wahrnehmbare, übertrieben ironische Art. Ungeachtet der Tatsache, dass sie seit einigen Wochen eng befreundet waren, betrachtete sie es auch ihm gegenüber als eine Art Dienstleistung, ihn als Stammgast des Lokals fürsorglich und zuvorkommend zu behandeln.

Der Spott ihrer Stimme war nicht zu überhören, ihren Hohn nahm Martin auf äußerst befriedigende Weise amüsiert zur Kenntnis. Beobachtete er Johanna, hätte er sie aufgrund ihrer reservierten Art, sich Christian gegenüber zu verhalten, einfach unter seinen Arm klemmen und mit nach Hause nehmen können. Eine gewisse Zeit lang wunderte sich Martin über Johannas Wandel: Ihre Unentschlossenheit der letzten Wochen schien wie weggefegt. Etwas musste geschehen sein, dass sie sich Christian gegenüber plötzlich distanzierte. Ihm gegenüber an der Theke bemerkte er einen Mann, der ihm die Stunden zuvor nicht aufgefallen war: Der Mann saß allein, sprach mit niemandem außer mit Johanna. Er sah gut aus, trug einen Anzug, hatte eine gepflegte Erscheinung, kurzes dunkelbraunes Haar und eine schlanke Figur. Martin kannte den Mann nicht, auch ich hatte ihn nie zuvor im Kommunal gesehen. Irgendwie passte er nicht in die Gesellschaft. Er saß abseits, grenzte sich bewusst aus, schien sich in das Lokal verirrt zu haben, das zu betreten ihm höchst wahrscheinlich für gewöhnlich nie in den Sinn gekommen wäre. Der Mann machte Anstalten, niemanden außer Johanna kennenlernen zu wollen.

Welche Rolle spielt dieser Mann, der gegenüber an der Bar sitzt? Nimmt er seine Rolle unwillkürlich ein? Spielt er sie oder weiß er nicht, dass nicht er es war, der sie sich aneignete, sondern dass andere Menschen ihm diese Rolle verliehen, ihn wider seinen Willen in diese hineinzwängten, dass er machtlos den Folgen ausgeliefert sich zu wehren keine Veranlassung sieht? Stellte Martin sich diese Fragen, war ihm, als griffe er willkürlich in ein Regal unendlich vieler Möglichkeiten. Martin stellte sich den Mann vor, wie er ihn haben wollte: Er setzte ihn neben sich an die Theke des Kommunal, in einen Flieger über London, legte ihn aufs Bett neben Johanna oder ließ ihn an einer Haltestelle auf den Bus in Richtung Innenstadt warten. Alles war möglich, nichts schloss er aus. Er malte sich aus, wie sich der Mann in all diesen Situationen verhalten würde.

Der Mann schien bedrückt. Er bestellte ein kleines Bier, trank dies betont langsam, nicht zu hastig. Aufgrund seines entspannten Gesichtsausdrucks vermutete ich, dass er das Bier gerne trank und jeden einzelnen Schluck genoss. Anschließend bestellte er einen Espresso, saß weiterhin regungslos auf seinem Platz, beobachtete Johanna fortwährend und starrte ab und zu heimlich auf ihre engen Jeans. Etwas schien er im Sinn zu haben. Nach einer Weile winkte er Johanna zu sich, flüsterte ihr einige Worte ins Ohr, woraufhin sie ihn erstaunt ansah. Sie musterte ihn in einigem Abstand, sah ihn an, als kennte sie ihn, als wisse sie nur nicht mehr woher. Die Musik war sehr laut. Martin hörte nicht, was der Mann zu Johanna sagte. Johanna zog die Augenbrauen hoch und starrte ihn mit großen skeptischen Augen an. Kurz darauf lächelte sie. – „Du spinnst!“ sagte sie und wandte sich ab. – Sie begann dreckige Gläser zu spülen, lachte leise auf und tauchte