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David McWilliams

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Beschreibung

»Die Geschichte des Geldes ist die Geschichte der Menschheit selbst.«

Geld: Objekt unserer Begierden, Treiber gesellschaftlichen Wandels, größte Erfindung der Menschheit. Es bringt uns Freiheit und schränkt uns ein, beflügelt und verdirbt uns. Für die einen ist Geld der Stolperstein auf dem Weg zu einer freien und gerechten Gesellschaft; für die anderen der entscheidende Faktor, der die Menschheit zum Erfolg geführt hat.

David McWilliams untersucht die Beziehung zwischen uns Menschen und dem Geld – von Tontafeln in Mesopotamien über Münzen im antiken Griechenland, von der Mathematik im mittelalterlichen arabischen Raum bis zur Französischen Revolution, und vom Aufstieg des US-Dollars bis hin zu den heutigen Kryptowährungen. Money nimmt uns mit auf eine gleichermaßen fundierte wie unterhaltsame finanzgeschichtliche Reise – und erzählt dabei ganz nebenbei die Geschichte der Menschheit neu.

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Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Geld: Objekt unserer Begierden, Treiber gesellschaftlichen Wandels, größte Erfindung der Menschheit. Es bringt uns Freiheit und schränkt uns ein, beflügelt und verdirbt uns. Für die einen ist Geld der Stolperstein auf dem Weg zu einer freien und gerechten Gesellschaft; für die anderen der entscheidende Faktor, der die Menschheit zum Erfolg geführt hat.

David McWilliams untersucht die Beziehung zwischen uns Menschen und dem Geld – von Tontafeln in Mesopotamien über Münzen im antiken Griechenland, von der Mathematik im mittelalterlichen arabischen Raum bis zur Französischen Revolution und vom Aufstieg des US-Dollars bis hin zu den heutigen Kryptowährungen. Money nimmt uns mit auf eine gleichermaßen fundierte wie unterhaltsame finanzgeschichtliche Reise – und erzählt dabei ganz nebenbei die Geschichte der Menschheit neu.

Autor

David McWilliams ist ein international renommierter Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor. Nach Stationen bei der irischen Zentralbank, der UBS und der Banque Nationale de Paris wurde er Fakultätsmitglied der Business School am Trinity College in Dublin. McWilliams ist Autor von fünf Büchern, schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Irish Times, veröffentlicht regelmäßig Beiträge in der Financial Times und ist Gründer des weltweit einzigartigen Comedy- und Wirtschaftsfestivals Kilkenomics. Er lebt in Dublin, Irland.

DAVID McWILLIAMS

MONEY

Eine Geschichte der Menschheit aus Perspektive des Geldes

Aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux

Mit einem Vorwort von Michael Lewis

Die englische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Money: A Story of Humanity« bei Simon & Schuster UK, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe Oktober 2025

Copyright © 2024 der Originalausgabe: David McWilliams

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Birthe Vogelmann

Umschlag: Uno Werbeagentur, München, nach einem Entwurf von Matt Johnson / S&S ART Department

Umschlagmotiv: unter Verwendung von Bildmaterial von gettyimages/CSA Images

Karten S. 9-12: © Martin Lubikowski

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

EB ∙ TA

ISBN 978-3-641-33541-0V001

www.goldmann-verlag.de

Für Sian, für alles

Inhalt

Vorwort

Einführung

Teil eins Antikes Geld

1 Geld am Anfang

2 An den Flüssen Babylons

3 Von Verträgen zu Münzen

4 Geld und der griechische Geist

5 Das Kreditimperium

Teil zwei Mittelalterliches Geld

6 Niedergang der feudalen Wirtschaft

7 Sarazenen-Magie

8 Von der Dunkelheit zum Licht

9 Gottes Drucker

Teil drei Revolutionäres Geld

10 Unsichtbares Geld

11 Der Vater der monetären Ökonomie

12 Der Bischof des Geldes

13 Geld und die amerikanische Republik

Teil vier Modernes Geld

14 Empirismus und die evolutionäre Wirtschaft

15 Geld vor Gericht

16 Yellow Brick Road

17 Geld im Modernismus

18 In den Abgrund

Teil fünf Geld Ohne Grenzen

19 Wer kontrolliert das Geld?

20 Die Psychologie des Geldes

21 Die Entwicklung des Geldes

Dank

Anmerkungen

Hinweis zur weiterführenden Literatur

Personen- und Sachregister

Bildteil

Vorwort

Zu den faszinierendsten Aspekten dieses Buches gehört, wie es Geld mit wichtigen historischen Ereignissen verknüpft. Selbst wenn Sie wüssten, dass verschiedene römische Kaiser ihren Lebensstil durch die Entwertung ihrer Währungen finanzierten, hätten Sie wahrscheinlich nie erkannt, wie eng der Zusammenbruch des Römischen Reiches mit der Währungsentwertung verbunden war. Und wer hätte gedacht, dass Charles Darwin ein Vermögen verlor, als er mit Eisenbahnaktien spekulierte, und dass seine Evolutionstheorie teilweise seinem Interesse an der Wirtschaft entsprang? David McWilliams hat nicht nur eine Geschichte der Innovationen in Geld und Finanzen verfasst. Er hat überzeugend dargelegt, welche Bedeutung diese Geschichte hat.

Der Kern seines Arguments lautet: Wo Geld – und Finanzinnovationen – vorhanden sind, passieren alle möglichen wertvollen Dinge, die eben nicht eintreten, wenn diese beiden Parameter fehlen. Der Außenhandel ist ein augenscheinliches Beispiel dafür, aber es gibt viele deutlich weniger offensichtliche. Die Geschichte der Finanzinnovationen lässt sich beispielsweise ziemlich gut mit der Geschichte der Kunst abbilden – zumindest so, wie Kunstgeschichte üblicherweise verstanden wird. Jeder Reisende, der eine Pilgerreise zu den Heiligtümern der westlichen Zivilisation unternommen hat – das antike Griechenland, das Florenz der Renaissance, die Niederlande des 17. Jahrhunderts –, hat obendrein, ohne es zu wissen, die Geschichte der Finanzinnovation bereist. Jeder große Kunstboom scheint durch die Erfindung einer Version der Kreditausfallversicherung ausgelöst worden zu sein.

McWilliams’ Skizzen von Finanzinnovatoren sind eine weitere Quelle der Freude. Es scheint eine feste Regel zu geben, dass die Männer – und es scheinen ausnahmslos Männer gewesen zu sein –, die sich an Finanzinnovationen beteiligen, auch diejenigen sind, von denen man hofft, dass Ihre Tochter ihnen nie begegnet. Johannes Gutenberg, Papst Pius II., John Law – McWilliams’ Erzählung ist ein Staffellauf von Betrügern, die den Stab an Schurken weitergeben, die ihn ihrerseits an Schwindler weiterreichen. Das Geldteam hat ein einzigartiges Talent: das Vertrauen anderer Leute zu gewinnen, um mit deren Geld neue Dinge zu tun.

Vertrauen wird auf diesen Seiten natürlich zu einem zentralen Thema. Die verschiedenen Erfindungen im Bereich von Geld und Finanzen – Münzen, Bilanzen, doppelte Buchführung, Reservewährungen, Papiergeld, Zentralbanken, Hypotheken und so weiter – sind jeweils Ausdruck einer Art von Vertrauen, das bestehen bleibt egal wie sehr es missbraucht wird. Zur selben Zeit, als die Niederländer beispielsweise ihre berühmte Tulpenblase schufen, erfanden sie auch die ewige Anleihe – ein Darlehen, das nie zurückgezahlt wird. »Können Sie sich vorstellen«, fragt McWilliams, »wie groß das Vertrauen in Geld in einer Gesellschaft sein muss, damit Menschen einen Kredit finanzieren, von dem sie wissen, dass er nie zurückgezahlt wird, und dies dennoch als eine kluge Form des Sparens betrachten?« Es ist, als hätten wir uns alle stillschweigend darauf geeinigt, dass das Vertrauen in die Finanzwelt zu wertvoll ist, um es aufzugeben.

Kryptowährungen sind offensichtlich die neueste Wendung in dieser Geschichte. Sie sind aus Misstrauen gegenüber Regierungen und Banken entstanden und haben letztlich dasselbe Vertrauensbedürfnis wieder bedient, dieses Vertrauen jedoch auf die übliche Weise verletzt. McWilliams begreift das, was gerade in der Geschichte des Geldes geschieht, als einen Krieg um das Recht, vertrauenswürdig zu sein. »Ein großer Kampf in den kommenden Jahren«, schreibt er, »wird zwischen privatem Geld stattfinden, das von privaten Einrichtungen ausgegeben wird, und öffentlichem Geld, das von den Organen des Staates im Namen des Bürgers ausgegeben wird.« Was auch immer die Zukunft bringt, McWilliams verdient, dass wir ihm bei diesem Thema vertrauen. Irgendjemand muss ja vertrauenswürdig sein.

Michael Lewis, Wirtschaftsjournalist und Autor, Mai 2024

Einführung

Geld fällt vom Himmel

Stellen Sie sich Geld vor, das vom Himmel fällt. Würden Sie einen Zehner in Ihrer Tasche verschwinden lassen, ohne es jemandem zu erzählen? Wahrscheinlich würden die meisten von uns lieber ein paar Scheine einstecken, als die Behörden zu informieren.

Auf diese Reaktion setzte Hitler, als er auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs plante, Millionen Pfund über ganz Großbritannien abzuwerfen. Hitler verstand, was passiert, wenn Geld an Wert verliert. Er hatte die Hyperinflation der Weimarer Republik erlebt und war sich bewusst, dass Geld eine einzigartige Waffe ist. Geld kann ein Land destabilisieren, eine Ansicht, die er mit seinem ideologischen Feind Wladimir Lenin teilte, der bemerkte, dass der einfachste Weg, eine Gesellschaft zu untergraben, darin bestünde, »ihre Währung zu entwerten«.

In einem Interview mit dem Daily Chronicle in London, das am 23. April 1919 veröffentlicht wurde, soll Lenin gesagt haben, er habe einen Plan, die Macht des Geldes zu vernichten, um auf diese Weise das zu zerstören, was nach der Oktoberrevolution von 1917 vom alten russischen Staat übrig geblieben war:

»Hunderttausende Rubelnoten werden täglich von unserem Finanzministerium ausgegeben … mit der Absicht, den Wert des Geldes zu zerstören … Der einfachste Weg, den Geist des Kapitalismus auszurotten, ist daher, das Land mit Banknoten von hohem Nennwert zu überschwemmen, ohne jegliche finanzielle Garantie. Schon jetzt ist die Hundertrubelnote in Russland fast wertlos. Bald wird selbst der einfachste Bauer erkennen, dass es sich nur um einen Fetzen Papier handelt … und die große Illusion des Wertes und der Macht des Geldes, auf der der kapitalistische Staat beruht, wird zerstört sein.«1

Hitler und Lenin standen ideologisch auf unterschiedlichen Seiten, aber sie verstanden beide die phänomenale Macht des Geldes: Wer das Geld untergräbt, untergräbt das Gefüge der Gesellschaft. Der Plan der Luftwaffe, Millionen von Banknoten über Großbritannien abzuwerfen, war streng geheim und nur einigen wenigen hochrangigen Nazis bekannt. Wenn auch einige ehrliche Untertanen des Königs sich an die Behörden wenden würden, ging Hitler dennoch davon aus, dass die meisten Briten ein paar Scheine unter die Matratze stopfen würden. Er würde ein Volk, das Napoleon bekanntlich als geldbesessene »Nation von Ladenbesitzern« abtat, gegen sich selbst aufbringen. Indem dieses Falschgeld im ganzen Land in Umlauf gebracht würde, würde die Inflation das System zerreißen, insbesondere da so viele britische Wirtschaftsressourcen in die Kriegsanstrengungen flossen. Es wurden nur wenige Konsumgüter und lebensnotwendige Dinge gehandelt, daher würden die Preise schwanken. Unter solchen Bedingungen der Entbehrung würde die Flut neuen Geldes die britischen Preise in die Höhe treiben und Panik auslösen. Hitler hoffte, dass die zuvor ruhigen und gehorsamen Briten einen Moment des Feuers im Theater erleben würden. Sie würden ausflippen, und das folgende Chaos würde ihren Geist des Blitzkrieges auf den Kopf stellen und die Kriegsanstrengungen gefährden.

Im Juli 1942 ging Hitlers neue Waffe in Produktion. Es sollte die größte Fälschung werden, die die Welt je gesehen hatte. Ein Telegramm wurde an die Kommandanten der Konzentrationslager geschickt, in dem nach Druckern, Graveuren, Künstlern, Koloristen, Schriftsetzern, Papierexperten und ehemaligen Bankangestellten verlangt wurde. Für die Operation wurden auch Mathematiker und Codeknacker benötigt, um die Zahlenfolge des Pfund Sterling zu entschlüsseln. Eine äußerst verzweifelte Kohorte traumatisierter, ausgemergelter Männer humpelte aus Lagern im ganzen Dritten Reich nach Sachsenhausen. Diese 142 Seelen wurden damit beauftragt, die Bank of England auszurauben.

Die Fälscher im Konzentrationslager druckten gefälschte Pfundnoten im Wert von 132 610 945 Pfund, was heute etwa 7,5 Milliarden Pfund entspricht.2 Um diese Banknoten über Großbritannien abzuwerfen, wären ganze Staffeln deutscher Bomber nötig gewesen, die Hitler noch zur Verfügung standen, als der Plan im Mai 1942 ausgeheckt wurde. Doch als die gefälschten Banknoten 1943 fertig waren, hatte sich die Kriegslage bereits geändert.3 Deutschland verlor auf dem Schlachtfeld, die Ressourcen der Luftwaffe wurden in Russland erschöpft, und die Kriegsanstrengungen reichten nicht aus, um die Flugzeuge für den Massenabwurf bereitzuhalten.

Im Gegensatz zu Hitler, der die Bank of England nicht kontrollierte, konnte Lenin die offizielle russische Münzstätte aktivieren und so das von ihm ersehnte Chaos anrichten. Beide Männer verfolgten ähnliche Ziele: Sie wollten, wie Lenin sagte, »die große Illusion vom Wert und der Macht des Geldes« zerstören. Beide Diktatoren, zwei dämonische Beobachter der Psychologie, kannten die menschliche Schwäche, die Dynamik von Menschenmengen und die Abgründe, in die Menschen sinken können.

Geld kann mächtiger sein als Religion, Ideologie oder Armeen. Wer mit Geld spielt, spielt mit weit mehr als dem Preissystem, der Inflation und der Wirtschaft – er spielt mit den Köpfen der Menschen. Die Geschichte von Hitlers Geldfälschung verdeutlicht die Macht des Geldes.

Der blinde Fleck der Ökonomen

Die globale Diskussion über Geld wurde von meinem Stamm gekapert. Wie Hohepriester einer neuen Religion haben wir Ökonomen es uns zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Geheimnisse des Geldes zu erklären. Meine Karriere als Geldökonom begann in der Zentralbank Irlands, dem Tabernakel, in dem Geld aus dem Nichts gezaubert wird. Ähnlich wie ein katholischer Priester die Hostie bei der Heiligen Kommunion in den Leib Christi verwandelt, nehmen Zentralbanker wertloses Papier und verwandeln es in Geld. Wie es bei Wundern so ist: Es ist beeindruckend. Wir alle glauben daran, und deshalb muss es real sein. Aber ist es wirklich real? Tatsächlich ist Geld abstrakt und hat nur dann einen Wert, solange der Rest von uns (oder ein ausreichend großer Teil von uns) daran glaubt. Geld ist, wie der Glaube, ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft.

Von der Zentralbank wechselte ich zum Investmentbanking, wo das von der Zentralbank heraufbeschworene Geld in eine andere Form von Geld umgewandelt wird, ein aufrührerisches Versprechen, das wir Kredit nennen. Zentralbanken und Geschäftsbanken regieren gemeinsam die Welt des Geldes und kontrollieren, wie viel es davon gibt, wer es bekommt und zu welchem Preis. Diese Institutionen sind der Schlüssel zur mechanischen Geschichte des Geldes und können erklären, wie es durch die Wirtschaft geschleust wird. Ökonomen können Ihnen sagen, was zu tun ist, wenn es zu viel oder zu wenig davon gibt. Aber das Verständnis der Rohrleitungen – wie Geld durch das Wirtschaftssystem fließt – erfasst nicht den interessanten Teil der Geschichte. Ein Klempner versteht vielleicht, wie Wasser durch die Rohre fließt, kann aber möglicherweise nicht erklären, warum Wasser lebensnotwendig ist. Der aufregendste Aspekt des Geldes ist, was es mit uns macht: wie es uns verändert, was es uns zu tun ermöglicht und wie es unsere tiefsten Triebe hervorruft – einige davon gut, einige entsetzlich. Obwohl ich seit vielen Jahren ein vollwertiges Mitglied des Ökonomenstamms bin, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die meisten seiner Angehörigen Geld nicht wirklich verstehen.

Ökonomen nehmen dem Geld den Spaß. Geld ist eine hochemotionale Substanz und kann grenzüberschreitend, sexy, gefährlich und bewusstseinsverändernd sein. Geld ist Macht, ist Herrschaft, aber es kann auch Befreiung sein. Geld erkauft Unabhängigkeit. Geld motiviert uns und setzt menschliche Energie frei, und was wir mit der Energie machen, wenn wir sie haben, bleibt uns überlassen. Manche wollen die Potenziale des Geldes unter mehreren aufteilen, andere wollen es für sich selbst horten. Geld drängt sich der menschlichen Moral nicht auf, es verstärkt sie. Wenn eine Person glaubt, dass Gier gut ist, wird sie sich entsprechend mit Geld verhalten. Wenn sie an Gleichheit und Menschenrechte glaubt, kann sie Geld verwenden, um diese Ziele zu erreichen. Der Punkt ist, dass wir uns Geld ausdenken; es verändert sich, wenn wir uns verändern, und umgekehrt verändert es uns.

Ob es uns gefällt oder nicht, heute dreht sich unsere ganze Welt um diese seltsame, erfundene Vorstellung, die Lenin als »große Illusion« bezeichnete. Geld wurde vor Tausenden von Jahren eingeführt und steht im Mittelpunkt der modernen Kultur – eine universelle Sprache, die von reichen Investoren im Hightech-Silicon-Valley und mittellosen Rikschafahrern in Alt-Delhi verstanden wird. Menschen, die Tausende von Kilometern voneinander entfernt leben und weder die Sprache des anderen sprechen noch dessen Bräuche kennen, verstehen Geld und sprechen durch Geld miteinander. Geld ist eine Kraft, die den Fluss von Menschen, Waren und Ideen rund um den Globus diktiert. Unsere Bemühungen und Talente werden daran gemessen; ebenso die Zukunft. Wie wir sehen werden, war eine der frühesten Eigenschaften des Geldes, den Preis von heute auf morgen festzulegen. Was ist der Zinssatz anderes als der Preis der Zeit, ausgedrückt durch Geld? Wenn Sie eine Hypothek mit dreißigjähriger Laufzeit aufnehmen, denken Sie zwar nicht unbedingt darüber nach, aber Sie malen sich ein Bild davon, wie Ihre Lebensumstände in dreißig Jahren beschaffen sein könnten. Tatsächlich stellen Sie sich Ihre Zukunft durch Geld vor.

Geld definiert die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Käufer und Verkäufer, Händler und Hersteller. Aber nicht nur das: Es definiert auch die Verbindung zwischen Regierten und Regierenden, Staat und Bürger. Geld erschließt Vergnügen, setzt einen Preis für Gelüste, Kunst und Kreativität fest. Es motiviert uns, etwas erreichen zu wollen, zu erfinden und Risiken einzugehen. Geld bringt auch die dunkle Seite der Menschheit zum Vorschein, es ruft Gier, Neid, Hass, Gewalt und natürlich Kolonialismus hervor, der so oft von der Aussicht auf enorme finanzielle Gewinne getrieben wurde. Geld ist komplex, weil Menschen komplex sind.

Ein magisches Werkzeug

Geld ist eine geniale Technologie, die Menschen erfunden haben, damit wir in einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt besser zurechtkommen. Wir stellen uns Geld normalerweise nicht als Werkzeug oder Technologie vor. Es ist ja nicht so, dass wir nicht über Geld nachdenken; wir tun es tatsächlich und wahrscheinlich mehr, als uns lieb ist. Wir brauchen es zum Leben, und aufgrund dieser Dringlichkeit haben wir selten den Luxus, auf andere Weise darüber nachzudenken. Wenn Sie nicht genug Cash haben, machen Sie sich Gedanken darüber, wie Sie mehr bekommen könnten. Wenn Sie viel davon haben, sorgen Sie sich darum, es nicht zu verlieren. Die meisten von uns hätten gern etwas mehr Geld, und wenn wir einen einfachen Weg finden könnten, es zu bekommen, würden wir uns wahrscheinlich für diese Option entscheiden. Mit Geld kauft man Freiheit: Das wesentliche Versprechen, das es so attraktiv macht, ist, dass Sie, ausgestattet mit Geld, Ihre Welt verändern können, indem Sie mehr Kontrolle über Ihr Leben gewinnen.

Angesichts der zentralen Rolle von Geld in unserem Leben denken wir selten abstrakt darüber nach. Wir halten nicht inne, um uns relativ einfache Fragen zu stellen, etwa: Was ist Geld? Woher kommt es? Kann es knapp werden? Können wir mehr davon erzeugen? Vielleicht ist dieses Fehlen konzeptioneller Fragen ein Maßstab für den wahren Erfolg des Geldes. Solange es fließt und die Welt am Laufen hält, sind wir froh, dass es Geld gibt, ohne auf die Einzelheiten seiner Entstehung einzugehen.

In der Vergangenheit haben wir uns bei dem Versuch, die Entwicklung unserer Vorfahren zu erklären, oft auf eine Energiequelle oder eine physikalische Technologie konzentriert, die ihren Fortschritt unterstützt hat – zum Beispiel die Erfindung des Rades, die Entdeckung der Kohle oder das Aufkommen des Pfluges. Aber was ist mit den sozialen Technologien, die uns geholfen haben, uns bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele zu organisieren, indem sie die Zusammenarbeit verbesserten? Eines dieser Werkzeuge war die Sprache, die die Menschen im Laufe von Zehntausenden von Jahren entwickelt hatten, um auf eine anspruchsvollere, präzisere und gemeinschaftlichere Weise miteinander zu kommunizieren. Doch erst mit dem Aufkommen der Landwirtschaft vor ein paar tausend Jahren kam die soziale Zusammenarbeit so richtig in Schwung. Die Menschen verbrachten ihre Zeit nicht mehr nur mit der Familie und der erweiterten Verwandtschaft, sondern begannen, in viel größeren, dauerhaften Siedlungen mit Fremden zusammenzuleben.

Jeder von uns hat das Mantra gehört, dass Geld die Wurzel allen Übels ist, doch Geld ist auch ein Instrument des Friedens. Anstatt ihre Nachbarn für Nahrung und Besitz umzubringen, lernten die neuerdings sesshaften Bauerngesellschaften, mit Geld zu handeln. Geld bot eine Alternative zum Krieg, anstatt ein Grund dafür zu sein. Wenn wir zu ausgehandelten Preisen miteinander und mit verschiedenen Stämmen tauschen können, warum sollten wir dann noch kämpfen?

Der Handel ermöglichte ein Element friedlicheren Zusammenlebens zwischen Völkern, sogar zwischen völlig Fremden aus verschiedenen Regionen und Kulturen. Wir tauschten nicht nur Waren aus, sondern auch Ideen, Normen und Innovationen und übernahmen sie. Seit der Einführung der Landwirtschaft war die Menschheit auf einen Entwicklungskurs eingestellt, der schließlich zu Städten, Nationen und Imperien mit zentralisierten Machtstrukturen und sozialen Hierarchien führen sollte. Als Jäger und Sammler waren wir in einen Kampf mit Mutter Natur verwickelt, doch als die Menschen begannen, das Land zu kolonisieren, erzeugten wir Nahrungsmittelüberschüsse, die vom Staat besteuert werden konnten. Wir erfanden die Schrift, Geometrie, Astronomie, Zahlen, Mathematik, Philosophie, Architektur und politische Theorie – allesamt Dinge, die wir als Zivilisation bezeichnen. Die Zahnräder der menschlichen Zivilisation drehten sich mit einem technologischen Fortschritt nach dem anderen: der Domestizierung von Tieren, der Kultivierung und Kreuzung verschiedener Pflanzen, verbesserten Methoden der Nahrungsmittellagerung, der Verteilung und dem Transport von Gütern über das Meer. Geld war eine grundlegende, oft übersehene Technologie, die das menschliche Gedeihen untermauerte und belebte.

Je komplexer unsere Gesellschaften sich entfalteten, desto stärker wurde das Geld in ihnen verankert. Frühe Zivilisationen, die Geld einführten, erlangten einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen, was zu Innovationen führte, die die Geschichte der modernen Menschheit radikal veränderten. Wir werden sehen, dass Geld eine umwälzende Technologie ist und dass seine neuen Formen alte Systeme kontinuierlich auf den Kopf stellen – in einer steten monetären Evolution, welche wiederum in einer Rückkopplungsschleife eine wirtschaftliche, soziale und politische Evolution auslöst.

Plutophyten

In den letzten 5000 Jahren hat Geld die Menschheit und unsere Beziehungen untereinander und zum Rest des Planeten tiefgreifend verändert. Es ist wohl die prägende Technologie des Homo sapiens. Wir haben uns gemeinsam mit dem Geld entwickelt: Wir haben das Geld geprägt, aber das Geld hat auch uns geprägt. Anthropologen bezeichnen den Menschen oft als eine »Pyrophyten«-Art: eine, die vom Feuer geformt wird.4 Der rote Faden, der die Beobachtungen in diesem Buch verbindet, ist, dass wir im Laufe der letzten fünf Jahrtausende zu einer Plutophyten-Art geworden sind – ich entschuldige mich bei allen Sprachpuristen, dass ich dieses Wort erfunden habe –, also zu einer Art, die sich an Geld angepasst hat und von ihm angepasst wurde. 400 000 Jahre lang war das Feuer die Technologie, die die menschliche Entwicklung am meisten beeinflusst hat. Dieses Buch vertritt die These, dass die entscheidende Technologie, die die Menschheit in den letzten 5000 Jahren geprägt hat, das Geld war. Wir waren eine Pyrophyten-Art, sind aber allmählich zu einer Plutophyten-Art geworden. Dieses Buch handelt von der Beziehung zwischen einem neugierigen Affen und einer wundersamen Technologie.

Im Gegensatz zu anderen Technologien ist Geld vergänglich. Es ist in unseren Köpfen abgebildet und stellt einen Wert dar, ist jedoch an sich wertlos. Damit Geld funktioniert, ist ein Sprung der geistigen Abstraktion erforderlich. Widersinnigerweise ist Geld nicht wertvoll, wenn es knapp ist, sondern wenn es im Überfluss vorhanden ist. In diesem Sinne ähnelt es einer anderen wundersamen menschlichen Technologie: der Sprache. Beide sind Massenphänomene. Wie bei der Sprache wird Geld umso wertvoller, je mehr Menschen es verwenden. So wie Dialekte in größere, nützlichere Sprachen integriert werden, geschieht das auch mit verschiedenen Geldformen, die ursprünglich für den Handel innerhalb kleiner Gruppen konzipiert wurden, indem sie in größere, nützlichere und anpassungsfähigere Geldformen integriert werden. Der US-Dollar ist heute die bekannteste von ihnen.

Die zentrale Eigenschaft des Geldes – einen universellen Wert darzustellen, der von allen verstanden und akzeptiert wird – ist eine der Grundlagen organisierter Gesellschaften heute. Geld hat sich als eine der verführerischsten und beständigsten Ideen der letzten fünf Jahrtausende erwiesen. Im Laufe der Zeit wurden alle anderweitig organisierten komplexen menschlichen Gesellschaften – auf Landbesitz gestützte Feudalsysteme, aristokratische Hierarchien oder kommunistische Nirvanas – letztlich durch Gesellschaften ersetzt, die auf Geld basieren.

Vom Jäger und Sammler zum Datensammler

Sie, lieber Leser und liebe Leserin, werden sich gleich auf eine Reise mit einem Ökonomen begeben, der, so kann man wohl sagen, ein wenig skeptisch gegenüber der Fähigkeit seines eigenen Stammes geworden ist, die Geschichte des Geldes zu erzählen. Wir werden uns viele Kulturen ansehen, die bei der Entwicklung des Geldes eine Rolle gespielt haben, und beobachten, wie jede einzelne davon Innovationen hervorbrachte. Wir werden sehen, dass die Fertigkeit im Umgang mit Geld mit anderen innovativen Durchbrüchen wie Schreiben, Rechnen, Recht, Demokratie und Philosophie zusammenfiel. Diese Koevolution wirft die Frage auf: War Geld der Grund für andere Entwicklungen, oder führten jene zur Entwicklung des Geldes? Was war das Huhn und was das Ei?

Wir beginnen in Afrika mit den ersten archäologischen Belegen für das Zählen, bei dem es sich möglicherweise sogar um eine rudimentäre Buchführung handelte – etwas, das wir nicht unbedingt mit der Steinzeit in Verbindung bringen. Von dort aus bewegen wir uns zum frühen Geld in den städtischen Siedlungen Mesopotamiens um 3500 v. Chr. Wir werden sehen, dass die griechische Zivilisation mit ihren Vorstellungen von Logik, Demokratie und Philosophie auf Handel und Münzwesen basierte und dass das große Römische Imperium nicht nur auf Eroberung, sondern auch auf Kredit aufgebaut war. Die Verwendung von Geld nahm im frühen Mittelalter in Europa ab, ebenso wie einige andere Eckpfeiler der klassischen Zivilisation. Weil weniger Geld im Umlauf war, wurde der Fortschritt aufgehalten. Doch das Wiederaufkommen des Geldes im elften Jahrhundert trieb Westeuropa in Richtung der florentinischen Entwicklung und läutete die Renaissance und später die Reformation ein. Wir werden das Geld im revolutionären Zeitalter von der niederländischen Republik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts bis hin zu den amerikanischen und französischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts untersuchen. Die dunkle Seite des Geldes wird durch die europäische Kolonisierung offenbart, als die Interessen des Geldes gegen die Menschenwürde ausgespielt wurden – und bedauerlicherweise hat das Geld gewonnen. Wir werden die Verbindung zwischen Geld, liberalem Denken und intellektuellem Fortschritt im 19. Jahrhundert untersuchen und uns dabei von Darwins Theorien über die Moderne bis in die Gegenwart bewegen.

Wir werden sehen, dass jeder Durchbruch in der Anwendung des Geldes – wie der Zinssatz, die Einführung von Münzen oder die Verwendung von Bilanzen – zu weiteren Innovationen führte, wobei eine Entwicklung als Startrampe für die nächste diente. Die Geschichten in jedem Kapitel sind notwendigerweise selektiv und konzentrieren sich auf Innovationen im Geldbereich, die meiner Meinung nach die Verbindung zwischen Geld und menschlichem Fortschritt erklären können, wobei eines aus dem anderen folgt und jedes die Geschichte der Zivilisation vorantreibt. Dies ist ein Buch, das in Dublin von einem weißen, fast rosaroten Iren geschrieben wurde. Wäre es von jemand anderem und zudem woanders geschrieben worden, wären die Beispiele anders und ebenso gültig. Ich hoffe, Sie finden die Geschichten, die ich ausgewählt habe, beim Lesen genauso lebendig und interessant, wie ich sie beim Schreiben fand.

Unterwegs treffen wir Kushim, den ersten Menschen, dessen Name in schriftlicher Form überliefert ist, dazu Xenophon, den ersten Ökonomen der Welt, die Kaiser Nero und Vespasian; und Jesus selbst. Wir tauchen ein in die Welten von Dante, Fibonacci, Gutenberg und Peter dem Großen und verbringen Zeit mit Jonathan Swift, Charles Talleyrand und Alexander Hamilton, bevor wir Charles Darwin, Roger Casement, James Joyce und Judy Garland einen Besuch abstatten. Vor einem Date mit Kryptowährungen lernen wir den größten Fälscher der Welt kennen, stürzen uns in das Chaos der Fox-News-Studios in New York am Tag der Bear-Stearns-Pleite im Jahr 2008 und treffen die Menschen, die heute das globale Geld kontrollieren.

In der griechischen Mythologie wurde Prometheus von Zeus dafür bestraft, dass er den Menschen das Feuer gab, eine Technologie, die so mächtig war, dass Zeus fürchtete, wir würden die Götter damit überwältigen. Die Griechen erkannten, dass die Beherrschung des Feuers einen tiefgreifenden Wandel in der Beziehung zwischen den Menschen und dem Rest des Planeten bedeutete. Sie stellten sich vor, dass die Menschen aus den vier Elementen Erde, Wind, Feuer und Wasser geschaffen wurden. Diese Kräfte formten ihr Universum. Vor etwa 5000 Jahren erfanden wir eine weitere Kraft, ein fünftes Element: Geld. Wenn Feuer die prometheische Kraft der antiken Welt war, dann ist Geld die prometheische Kraft der modernen Zeit. Der schlaue Affe hat die Welt, im Guten wie im Schlechten, auf eine Weise geformt, die meiner Meinung nach ohne Geld unmöglich gewesen wäre.

Die Geschichte des Geldes ist die Geschichte der Menschheit selbst.

Teil einsAntikes Geld

1 Geld am Anfang

Eine Datenbank aus der Steinzeit?

Im Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften in Brüssel liegt der Ishango-Knochen, der auf etwa 18 000 v. Chr. datiert wird. Er wurde 1950 an den Ufern des Kongo entdeckt, etwa ein Jahrhundert, nachdem europäische Kolonisten erstmals von den kommerziellen Möglichkeiten begeistert waren, die der damals noch weitgehend unerforschte Fluss eröffnete. Der Kongo, der durch Zentralafrika fließt, war und ist die Lebensader der Region. Er dient seit Jahrtausenden als Handelsroute.

Der Ishango-Knochen ist der Oberschenkelknochen eines Pavians, in den eine Reihe von Kerben eingeritzt sind. Über den Zweck des Artefakts sind sich die Archäologen uneinig, aber es wird spekuliert, dass jede Kerbe einen Betrag anzeigt, den jemand einem anderem schuldet, und dass die Kerben insgesamt einen Handel oder eine Reihe von Gutschriften und Belastungen bedeuten. Einkerbungen im Knochen könnten Hinweise darauf gewesen sein, dass die Geschäfte bezahlt wurden oder dass sie noch ausstehen.5 Wenn der Ishango-Knochen tatsächlich ein kommerzielles Kerbholz war, stellen seine Kerben auch das erste bekannte Beispiel für Wert dar, ein hochentwickeltes Konzept. Einen Wert beizumessen ist eine Übung in abstraktem Denken, nicht zuletzt, weil das, was ich schätze, und der Preis, den ich für etwas zu zahlen bereit bin, völlig anders sein kann als das, was Sie bewerten und was Sie bereit wären, für denselben Gegenstand zu zahlen.

Um dieses Problem zu lösen: Könnten unsere afrikanischen Vorfahren eine rudimentäre Form des Handels entwickelt haben, für die sie Buchführung brauchten? Da die Geschichte der Menschheit in Afrika beginnt, sollte es uns nicht überraschen, wenn auch die Geschichte des Geldes dort beginnt. Trotz aller Vermutungen wissen wir tatsächlich, dass diese Afrikaner mit Zahlen gearbeitet haben. Der Ishango-Knochen ist eine sehr frühe Aufzeichnungstechnologie, und wenn diese Vorfahren gezählt haben, um Handel zu treiben, waren es wahrscheinlich Menschen, die die Basiswährung darstellten. Die Sklaverei war die Erbsünde des Geldes.

In Standarddarstellungen der Geschichte unserer Spezies wanderten die Menschen umher, ließen sich nieder und wanderten weiter, bevor sie um 5000 v. Chr. in kleinen Gemeinschaften sesshaft wurden, die sich weitgehend um Geld herum organisierten. Aber die Ishango-Knochen-Theorie des frühen Handels legt nahe, dass unsere afrikanischen Vorfahren möglicherweise schon viel früher über Geld nachgedacht haben. Die Menschen, die den Ishango-Knochen einkerbten, waren Jäger und Sammler an der Schwelle zu einer neuen Welt. Im Mittelpunkt ihrer alten Steinzeitgesellschaft stand die Technologie, die Zeus Angst machte: das Feuer.

Evas Küche

Archäologen, Anthropologen, Biologen und Althistoriker haben betont, wie sehr unsere Domestizierung als Spezies vom Feuer abhängig war. Der amerikanische Anthropologe James C. Scott geht noch weiter und bezeichnet uns als eine an Feuer angepasste oder »pyrophytische« Spezies.6 Unsere Körper veränderten sich, als wir uns an das Feuer anpassten, unsere Umwelt wurde durch das Feuer verändert, ebenso die Tiere, die wir jagten und mit denen wir lebten. Obwohl wir noch immer nomadisch lebten, wurde der Umfang unserer Jagd- und Sammeltätigkeiten geringer, als wir das Feuer nutzten. Dadurch stellten wir sicher, dass immer mehr Nährstoffe mit immer weniger Aufwand verfügbar wurden.

Die Menschheit nutzt das Feuer seit über 400 000 Jahren. Das Feuer ermöglichte es uns, uns im Laufe der Jahreszeiten in verschiedenen Lagern niederzulassen. Wir haben vielleicht das Bild eines Jägers und Sammlers im Kopf, der ziellos umherstreift, wahllos Nahrung sucht, kaum Kontrolle über seine Umgebung hat und ganz den Launen der Natur ausgeliefert ist. Es ist aber sinnvoller, sich Jäger und Sammler als Menschen mit einem Organisationssystem vorzustellen – man könnte es eine frühe Wirtschaft nennen. Keine Wirtschaft mit Währungen, Steuern und dergleichen, sondern im Sinne einer sozialen Struktur mit Hierarchien, die der Stamm verstand.

Während der Wirtschaft der Nomaden war der Großteil der Erde von dichtem, fast undurchdringlichem Wald bedeckt. Indem sie diese Landschaft umgestalteten, konnten die Nomaden ihr tägliches Leben erleichtern. Diese Jäger und Sammler beobachteten, dass natürliche Waldbrände riesige Flächen zerstörten und Verstecke und Nester von Tieren freilegten, die die Menschen essen konnten. Ihnen musste auffallen, wie sich die Vegetation nach den Bränden rapide veränderte und schnell wachsende Gräser den dichten Wald ersetzten.7

Die evolutionäre Bedeutung des Feuers kann kaum überschätzt werden. Feuer bedeutete, dass wir kochen konnten. Nahrung ist Energie, und eine größere Vielfalt an Nahrungsmitteln bedeutet mehr Energie. Vor dem Gebrauch des Feuers ernährten sich die Menschen von rohen tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln. Feuer ermöglichte uns eine viel leichter verdauliche Ernährung: Das Kochen übernimmt einen Großteil des Kauens und Verdauens für uns und liefert uns mehr Kalorien mit weniger Aufwand. Diese Art der Nahrungszubereitung bekam auch eine soziale Dimension, da das Essen rund um die Feuerstelle den Stamm festigte. Wir können uns unsere Vorfahren vorstellen, wie sie sich um das Feuer versammelten, kochten, kauten, plauderten, sich wärmten, flirteten, Klatsch austauschten, die Sterne betrachteten, sich das Universum vorstellten und Geschichten erzählten.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Menschen, die vor 17 000 Jahren in Lascaux im heutigen Frankreich die Höhlenmalereien anfertigten – mit ihren Pferden, Hirschen und anderen einheimischen Wildtieren –, die Bilder gemeinsam am Lagerfeuer erfanden. Feuer war eine zeitsparende Technologie: Es eröffnete Raum, um sich mit abstrakten Begriffen wie Malerei, Selbstdarstellung und Kunst zu beschäftigen und der Fantasie freien Lauf zu lassen.

Bevölkerungsexplosion

Zwischen 12 000 und 9000 v. Chr. entstand die Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmond, in Mittelamerika und China.8 Es gibt keine Beweise dafür, dass diese Völker voneinander gelernt haben; jede Zivilisation muss die Landwirtschaft als Reaktion auf eine größere elementare Kraft entwickelt haben. Diese größere Kraft war die globale Erwärmung.

Während der Eiszeit war der Planet nicht nur viel kälter, da Eisschichten einen Großteil der heutigen nördlichen Hemisphäre bedeckten, sondern vor allem auch viel trockener. In Irland assoziieren wir Kälte oft mit Nässe, aber wenn es wirklich kalt ist, gibt es viel weniger Verdunstung, weniger Wolken und weniger Regen. Unsere Welt war in der Eiszeit kalt und trocken, was bedeutet, dass Pflanzen nur schwer wachsen konnten. In diesem Klima ist Landwirtschaft keine Option: Es ist zu riskant, sich bei der Energieproduktion auf ein einzelnes Stück Land zu verlassen.

Als die Temperaturen stiegen und die Eiskappen schmolzen, erlebten wir eine plötzliche Fülle des Lebens. Die Welt wurde wärmer und feuchter, und die Menschen begannen, an Orten zu leben, an denen sie am intensivsten Nahrung anbauen konnten. Dies geschah nicht über Nacht; es dauerte wahrscheinlich Tausende von Jahren, in denen Jäger und Sammler nach Nahrung suchten und jagten und nebenbei ein wenig Landwirtschaft betrieben. Teilzeitlandwirtschaft war wahrscheinlich über Jahrtausende die Norm, bis wir bessere Bauern wurden. Bedenken Sie: Hier geht es um Energie. Wie viel von ihr können wir aus der Landwirtschaft gewinnen, wie intensiv können wir wieder anbauen, und wie stabil können wir diese Energiequelle machen? Nach und nach wurde Getreide zu einer beständigeren Energiequelle.

Die Menschen lebten in winzigen Dörfern, in denen immer noch Jäger und Sammler umherzogen, und suchten nach Nutzpflanzen, die sowohl Nährwert boten als auch einfach anzubauen, schnell zu ernten und leicht zu lagern waren. Getreide war da genau das Richtige. Es wuchs leicht, bot hohe Erträge, konnte schnell angebaut und innerhalb weniger Monate nach der Aussaat geerntet werden. Die Evolution war allerdings auch gut zum Getreide: Es war selbstbestäubend. Diese Eigenschaften des Getreides waren ausschlaggebend, um nomadische Jäger zur Sesshaftigkeit zu bewegen. Angesichts der allgemein gestiegenen Fruchtbarkeit des wärmeren Planeten, der Entstehung der Landwirtschaft und der Domestizierung von Tieren zur leichten Proteingewinnung könnten wir erwarten, dass die menschliche Bevölkerung schnell gewachsen wäre. Aber das war nicht der Fall.

Die ersten paar tausend Jahre der Sesshaftigkeit waren für die Menschheit ein epidemiologischer Holocaust. Als wir begannen, das Umherziehen gegen die Landwirtschaft einzutauschen, wüteten unter den ersten Bauern Tierkrankheiten wie Grippe, Masern, Pocken, Typhus und Seuchen aller Art. Krankheitserreger sprangen von kürzlich domestizierten Tieren auf hilflose Menschen über, deren Immunsystem noch nie mit diesen mikroskopischen Eindringlingen in Berührung gekommen war. In den ersten paar tausend Jahren der Domestizierung, von etwa 10 000 v. Chr. bis etwa 5000 v. Chr., stellten Kuh und Schwein für uns Menschen eine ebenso große Bedrohung dar wie wir für sie.

Demografen der Antike schätzten die menschliche Bevölkerung des Planeten im Jahr 10 000 v. Chr. auf etwa vier Millionen. 5000 Jahre später war diese Bevölkerung auf nur fünf Millionen angewachsen, das Wachstum wurde durch verheerende Pandemien gebremst. Das nomadische Immunsystem, das die Bauern geerbt hatten, war nicht darauf vorbereitet. Es dauerte viele Generationen der Evolution, um Immunität aufzubauen.

Um 5000 v. Chr. war die Evolution auf dem Vormarsch – sie gab Überlebenscodes weiter, die es dem Immunsystem ermöglichten, Eindringlinge zu identifizieren und die Bevölkerung widerstandsfähiger gegen eine zunehmende Zahl bekannter Krankheitserreger zu machen. Zu dieser Zeit schien die menschliche Bevölkerung stark zu wachsen. Als Jesus die Geldverleiher aus dem Tempel warf, betrug die Bevölkerung etwa 100 Millionen Menschen, eine zwanzigfache Zunahme in nur 5000 Jahren.

Bewältigungsmechanismen

Mit unserer Sesshaftigkeit wurden unsere Gemeinschaften größer und komplizierter, doch einige unserer Jäger- und Sammlereigenschaften blieben uns erhalten. Eine solche Eigenschaft ist das, was Anthropologen die soziale Fähigkeit nennen. Als der britische Anthropologe Robin Dunbar zu verstehen versuchte, warum verschiedene Primaten unterschiedlich große Gehirne hatten, fragte er sich, ob die Größe der sozialen Gruppe des Primaten mit seiner Gehirngröße korrelierte.9 Es stellte sich heraus, dass dem tatsächlich so war: Der Neokortex, der Teil unseres Gehirns, der für komplexes Denken und Schlussfolgern zuständig ist, wächst bei Primaten im Verhältnis zur Anzahl der Artgenossen, mit denen sie wahrscheinlich zusammenleben werden. Gehirne entwickeln sich, um mit der Anzahl der sozialen Kontakte umzugehen, die wir haben werden. Menschen, die den größten Teil ihres Lebens in kleinen Nomadengruppen auf Nahrungssuche waren, haben Gehirne, die sich für den Umgang mit kleinen Gruppen entwickelt haben. Das Aufkommen von Landwirtschaft und Häuslichkeit bedeutete, dass wir evolutionär gesehen ganz plötzlich, innerhalb von nur ein paar tausend Jahren, in viel größeren Gemeinschaften lebten. Das menschliche Gehirn brauchte Werkzeuge – oder Technologien –, um diese neue Komplexität zu verstehen.

Wir neigen dazu, beim Begriff »Technologie« an physische Technologien zu denken, wie einen Hammer oder ein Auto, aber es gibt auch soziale Technologien. Diese helfen Menschen, in großen Gruppen effizienter zu arbeiten; dazu gehören Sprache, Recht und Religion. Diese sozialen Werkzeuge, die mit der Urbanisierung entstanden, entwickelten sich gemeinsam und organisierten die kollektive menschliche Energie um gemeinsame Ziele herum, die von klaren Regelwerken bestimmt wurden. Geld ist ebenfalls eine soziale Technologie, ein Bewältigungsmechanismus, den die Menschen erfunden haben, um mit diesem abrupten Wandel unserer Lebensweise umzugehen.

Für die Jäger und Sammler waren die Herausforderungen der Natur in Bezug auf Nahrung und Obdach die Probleme kleiner Gruppen. Die Herausforderungen der Domestizierung hingegen waren die Probleme großer Gruppen oder das, was wir organisatorische Herausforderungen nennen könnten. Gesundheit, Wohlstand, Verteilung, Umgang und Handel mit Fremden und das Zurechtkommen mit vielen Menschen, die dicht an dicht leben – das sind komplizierte Probleme.

Einst ernährten wir uns von Getreide, und wir befanden uns auf einem Weg, der dem modernen Beobachter allmählich vertraut vorkommt. Es ist kein Zufall, dass menschliche Zivilisationen in genau den Breitengraden entstanden, die für den Getreideanbau geeignet waren, vom Fruchtbaren Halbmond über die zentralchinesischen Ebenen bis nach Mesoamerika. Als die Weltbevölkerung in den letzten fünf Jahrtausenden v. Chr. von fünf Millionen auf 100 Millionen anstieg, waren an den Orten, an denen die Bevölkerung am spektakulärsten wuchs, soziale Technologien erforderlich, um damit fertigzuwerden. Dies sind zugleich die Orte, an denen wir die ersten Beweise für Geld und seine engen Begleiter finden: die Schrift und die organisierte Religion.

Getreide hatte eine Reihe von Eigenschaften, die den Menschen und das menschliche Zusammenleben grundlegend veränderten. Es konnte angebaut, geerntet und dann gelagert werden, wodurch ein Energieüberschuss erzeugt wurde, der im Laufe der Zeit verteilt werden konnte. Wir ernten, was wir säen. Entscheidend war, dass die Gemeinschaft mit einem Getreideüberschuss ein Wertesystem aufbauen konnte, das auf einer leicht verständlichen Maßeinheit basierte: Eine bestimmte Getreidemenge entsprach etwas anderem, beispielsweise der Tagesarbeit eines Arbeiters, wodurch eine Relation zwischen dem Preis von Lebensmitteln und dem Preis von allem anderen hergestellt wurde.

Frühes Geld basierte auf Getreide; Getreide verlieh Geld einen universellen Wert. In Sumer (im heutigen Süd-Zentral-Irak) beispielsweise entsprach ein Schekel einem Scheffel Gerste.10 Der Schekel konnte leicht gezählt und gehandelt werden. Der Kornspeicher, eine der wichtigsten Institutionen in jeder antiken Stadt, regulierte die Getreideversorgung und damit die Geldversorgung, ähnlich einer modernen Zentralbank. Je mehr Getreide, desto besser die Ernte, desto mehr Geld war im Umlauf. Mit einer Geldbasis, die an eine Ware wie Getreide gebunden war und durch sie einen inneren Wert erhielt, konnten Soll und Haben, Vermögen und Schulden – die Grundlagen von Bilanzen – leicht bewertet werden. Die Getreideökonomien erwirtschafteten Überschüsse, die dann vom Staat besteuert werden konnten, wodurch den Herrschern und ihren Bürokraten ein Anteil blieb. Je größer der Getreideüberschuss, desto produktiver war die Landwirtschaft einer Gesellschaft, und desto komplexer wurde das soziale Gefüge. Eine Gesellschaft, die mehr leistet, als sich nur von ihren landwirtschaftlichen Erträgen zu ernähren, wird anspruchsvoller. Sie kann Priester, Soldaten, Händler, Kaufleute und Schreiber ebenso ernähren wie die Aristokratie, die Königsfamilie und verschiedene andere Mitläufer.

Getreidebasiertes Geld katapultierte die Menschheit aus einer Welt, die von der natürlichen Technologie des Feuers bestimmt war, in eine Welt, die von einer menschlichen Technologie, dem Geld, angetrieben wurde. Der prometheische Staffelstab wurde weitergegeben. Dies sollte nicht über Nacht geschehen, aber es war vorgezeichnet, wo die Reise hingehen sollte.

2 An den Flüssen Babylons

Schlaflose Nächte

Vor mehr als 5000 Jahren erhielt ein Mann namens Kushim in Mesopotamien – dem Ort, an dem laut den Griechen Zeus und Prometheus die Menschen schufen – eine Ladung Gerste geliefert, höchstwahrscheinlich, um Bier zu brauen.11 Er lieh sie sich für einen bestimmten Zeitraum: Der Vertrag sah vor, dass Kushim zweieinhalb Jahre Zeit hatte, das Darlehen zurückzuzahlen. Bei einem jährlichen Zinssatz von 33,33 %, der in sumerischer Zeit üblich war, war Kushim in der Klemme.12 Er hatte zweieinhalb Jahre Zeit, das Bier zu brauen, es zu verkaufen, Einnahmen zu erzielen und seine Kosten zu begleichen, sein Darlehen zurückzuzahlen und diesen Kreislauf neu zu starten. Und natürlich konnte dabei etwas schiefgehen. Es fällt uns nicht schwer, Kushims finanzielle Sorgen zu verstehen. Konnte er das Bier rechtzeitig fertigstellen? Würde er bezahlt werden? Welcher Verzugszinssatz würde anfallen, wenn er scheiterte? Da es in der Antike nicht ungewöhnlich war, dass der Kreditnehmer selbst oder seine Kinder als Sicherheiten fungierten, kann man mit Fug und Recht sagen, dass viel auf dem Spiel stand.

Wir können uns Kushim vorstellen, wie er spät in der Nacht für eine Rekordernte betet. Er hat sich gerade Gerste geliehen. Um das Geld zurückzuzahlen, muss er mehr Gerste zu einem vernünftigen Preis bekommen. Das Letzte, was er braucht, ist eine schlechte Ernte, die den Preis der Gerste in die Höhe treiben würde. Andererseits fällt der Preis der Gerste, wenn es eine Rekordernte gibt, und Kushim ist im Plus. Der Zinssatz ist hier der entscheidende Preis, denn er ist es, der den Kreditgeber dazu bewegt, Kushim die Gerste zu leihen. Dies ist auch der Preis, zu dem Kushim, der Kreditnehmer, gerne Geschäfte macht, und er wird den Zinssatz in seine Kalkulation von Preis, Kosten und Gewinn einberechnet haben. Die Schwankung des zukünftigen Gerstenpreises ist der Risikofaktor.

Wenn man sich Kushims schlaflose Nächte und seine finanziellen Probleme vorstellt, fühlt er sich an wie einer von uns. Die Tatsache, dass er Zinsen zahlen musste, impliziert auch, dass sich Geld zu diesem Zeitpunkt so weit entwickelt hatte, dass es – obwohl es etwas war, das für etwas anderes stand – so wertvoll geworden war, dass es seinen eigenen Preis hatte, der völlig losgelöst von allem Realen war. Mit den Schulden kam die Vorstellung vom Wert der Zeit und damit das Konzept des Geldpreises: der Zinssatz.

Dieses Konzept, das uns heute alltäglich ist, war eine transformierende Anwendung des Geldes.

Der Preis des Geldes

Der Zinssatz machte Geld selbst zu einer Ware, die mit ihrem eigenen Preis gehandelt, verliehen und geliehen werden konnte. Die Entwicklung des Zinssatzes war ein enormer Sprung nach vorn, weil dies uns ermöglichte, unsere gegenwärtige wirtschaftliche Realität mit einem imaginären zukünftigen Szenario zu verbinden. Wenn der Zinssatz zu niedrig ist, wird ein Kreditgeber kein Geld für die Zukunft verleihen, und die kommerzielle Reise der Investitionen in die Zukunft endet. Und wenn der Zinssatz zu hoch ist, wird ein realistischer Kreditnehmer dies nicht mitmachen, und die Investitionen werden zurückgehen. Ohne Investitionen in die Zukunft gibt es keine Innovation und nur wenig Fortschritt. Der Zinssatz bot den Menschen genügend Sicherheit, um zu verleihen, und genügend Anreiz, mit dem geliehenen Geld zu investieren, sodass das Einkommen zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern hin und her floss. Der Zinssatz ist nicht nur ein Preis; er ist auch ein Code, eine Mini-Enzyklopädie mit Informationen über die Person, der wir Geld leihen, über die Erfolgschancen, das Risiko in der Region, die Konkurrenz auf dem Markt, die technologische Infrastruktur und eine ganze Reihe anderer Variablen.

Um zu sehen, wie das Leihen und Verleihen die Weltanschauung einer Person verändert, betrachten wir, was der Zinssatz mit der Zeitwahrnehmung der Menschen macht. Stellen Sie sich vor, Sie leihen jemandem fünf Jahre lang Geld zu einem Zinssatz von 10 Prozent pro Jahr. Dieser Zinssatz sagt uns, dass das geliehene Geld einen Preis hat, der das Risiko widerspiegelt, dass Sie es nicht zurückbekommen, sowie die Opportunitätskosten wiedergibt, die dadurch entstehen, dass man das Geld nicht selbst ausgibt. Je länger die Laufzeit des Kredits ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie es nicht zurückbekommen, weil dies weiter in der Zukunft liegt – die per Definition nicht vorhersehbar ist –, und desto länger müssen Sie warten, bevor Sie das Geld selbst ausgeben können. Damit sich dies für den Kreditgeber lohnt, muss Geld einen Preis haben: Kosten für den Kreditnehmer und Einnahmen für den Kreditgeber. Dieser Preis berücksichtigt den Wert der Zeit. Anders ausgedrückt: Ein Spatz in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach.

Der Zinssatz war eine Revolution: Zum ersten Mal konnte ein Kreditnehmer zukünftiges Einkommen nutzen, um in der Gegenwart Geld auszugeben. Diese Innovation war unerlässlich, um Einkommen zu generieren und zu verhindern, dass Geld von denen gehortet wird, die es haben, und es für diejenigen verfügbar zu machen, die es wollen, wie unser Held Kushim. Stellen Sie sich vor, Sie könnten den Wert der Zeit in einer Gesellschaft begreifen, die noch versucht, überhaupt erst einmal Naturphänomene wie den Sonnenaufgang und -untergang zu verstehen. Was den Sumerern an praktischem Verständnis der natürlichen Welt fehlte, machten sie durch ihre Fähigkeit zum abstrakten Denken wett. Die Sumerer waren den Launen der Ernte und dem Rhythmus der Natur ausgeliefert und wurden von Hunger und Krankheiten geplagt. Sie beschäftigten sich in einem hohen Grad geistiger Abstraktion mit dem Wert der Zeit in einer Umgebung, in der Konzepte wie Risiko, Belohnung und Wahrscheinlichkeit alltägliche Themen waren. In Geldangelegenheiten waren unsere Vorfahren überraschend modern. Die Sumerer setzten beispielsweise nicht nur einfache Zinsen, sondern Zinseszinsen ein, bei denen die geschuldete Geldsumme mit der Zeit exponentiell wächst.13 Ist es da ein Wunder, dass Kushim sich Sorgen machte?

Gewichte, Schrift und Geld

Kushims Gerstengeschäft an sich ist schon interessant genug. Aber Kushim hat noch eine weitere Besonderheit: Sein Name ist der erste, der in der Menschheitsgeschichte aufgezeichnet wurde. Die erste Person, deren Namen wir kennen und über deren Leben wir spekulieren können, war kein mächtiger König oder ein weiser Mann mit direkter Verbindung zu den Göttern. Er war ein ganz gewöhnlicher Kerl, unser Freund Kushim. In einem Dokument, das in Keilschrift verfasst ist und viele hundert Jahre älter ist als das große sumerischeGilgamesch-Epos, wird Kushim damals erwähnt, als er irgendwann zwischen 3400 und 3000 v. Chr. seine eigene Brauerei betrieb.

Es ist vielleicht nicht die romantischste Entstehungsgeschichte, aber eine unserer genialsten Technologien, die Schrift, entstand aufgrund einer anderen bahnbrechenden Technologie: Geld. Geld war das Erste, worüber wir schrieben. Und indem wir über Geld schrieben, schrieben wir auch über Gewichte.

Während eines Großteils der Wirtschaftsgeschichte drehte sich bei Geld alles um Gewichte. Die Menschen tauschten alle möglichen Dinge miteinander – Gerste, Öl, Vieh, Bier – und der geschuldete Betrag wurde in einem Gewicht ausgedrückt. In Mesopotamien wurde der Schekel bereits 3000 v. Chr. eingeführt und bezog sich auf einen Scheffel Getreide.14 Abhängig von Bedingungen wie der Ernte variierte die Getreidemenge in einem Schekel. Der Wert des Schekels – was auf Alt-Hebräisch »wiegen« bedeutet – schwankte.

Gold, Silber und Kupfer wurden gewogen und in Schekel ausgedrückt, um Geschäfte am Ende eines bestimmten Zeitraums, beispielsweise eines Monats oder eines Jahres, abzuwickeln. Archäologen sind zu dem Schluss gekommen, dass normalerweise die Edelmetalle selbst nicht ausgetauscht wurden; vielmehr gab es große Barren, die fast wie eine Vermögensreserve gelagert wurden.15 Anstatt die Barren auszutauschen, notierten die Leute, die etwas schuldeten und denen etwas geschuldet wurde, ihr Soll und ihr Haben auf einer Tafel, eine Weiterentwicklung des Ishango-Knochens. Diese Schulden wurden regelmäßig durch die Übertragung von Vermögenswerten wie Sklaven oder Getreide beglichen. Der alltägliche Handel in Mesopotamien basierte auf Gerste im Wert von einem Schekel, mit der kleine Geschäfte und Schulden zwischen Händlern innerhalb der Stadt beglichen wurden. Das bedeutet, dass der Schekelliquidewar. Im Gegensatz zu etwas Illiquidem wie Eigentum konnte sein Wert leicht freigesetzt und übertragen werden.

Es war äußerst einfach, Geschäfte abzuwickeln, weil jeder die Regeln verstand, und es gab selten einen plötzlichen Mangel an Gerste, weil die Kornspeicher Überschüsse lagerten. Wenn lokale Händler mit Käufern anderer Länder Geschäfte machten, akzeptierten sie einen Block Silber als Gegenleistung für ihre Waren. Da es in der Region keine Silberminen gab und nur sehr wenige Hinweise auf Bergbau in der Gegend vorhanden sind, müssen die Handelsstädte der sumerischen Zivilisation ihre landwirtschaftlichen Überschüsse mit Ausländern meilenweit von ihrer Heimat entfernt gegen Silber eingetauscht haben. Wie sonst hätten sie es in die Hände bekommen sollen?

Der Ishnuna-Kodex, das älteste bekannte schriftliche Gesetz, das vermutlich aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. stammt, wurde 1945 in Bagdad in der Gegend von Tell Harmal gefunden.16 Diese Gesetze beschreiben Werte, die in Silberschekeln ausgedrückt werden:

»Der Preis für einen Gur Gerste ist ein Schekel Silber. Der Preis für drei Qas reines Öl ist ein Schekel Silber. Der Preis für einen Sut und fünf Qas Sesamöl ist ein Schekel Silber. Der Preis für sechs Sut Wolle ist ein Schekel Silber. Der Preis für zwei Gur Salz ist ein Schekel Silber. Der Preis für ein Hal Saatgut entspricht einem Schekel Silber.«17

Gewichte wurden streng vom Staat kontrolliert und hatten in frühen Zivilisationen eine hohe Priorität. Die Unveränderlichkeit der Gewichte galt als entscheidend für das effiziente Funktionieren der antiken Wirtschaft. Wie es im Alten Testament heißt: »Falsche Waage ist dem Herrn ein Gräuel, aber völliges Gewicht ist sein Wohlgefallen.«18 Was vielleicht beiläufig klingt – zum Beispiel war die griechische Währung von der Antike bis zur Einführung des Euro die Drachme, was »Handvoll« bedeutet –, war in Wirklichkeit ernst zu nehmen. Der Ursprung der Drachme, wie der des Schekels, unterstreicht die klare Verbindung zwischen Gewichten und Geld, welche die Antike durchzog.

Die Geschichte der Zivilisation kommt manchmal in großen Dramen daher. Die Schlachten, Helden und Mythen dominieren dabei. Aber es gibt noch eine andere Geschichte: die des Eintönigen, des Alltäglichen – die öde, bürokratische, sich wiederholende Realität der Verwaltung von Orten. Staaten erfordern im Alltagsbetrieb Koordination. Und Koordination erfordert Listen. Listen über Bevölkerung, Land, Besitz, Produktivität, Tiere, Erträge, Getreidevorräte. Zentralisierte Staaten funktionieren über Steuern, und die funktionieren nur, wenn der Steuereintreiber weiß, wen er besteuern muss, wo er die Menschen findet und wie viel er von ihnen zu verlangen hat. Er braucht Quittungen, Lieferzeiten, Mengen und Vergleiche. Ein Staat ohne Statistiken ist kein Staat. Die Liste ist daher ein grundlegendes Instrument der zentralisierten Herrschaft.

Als wir von Kushim hören, hatte sich bereits ein ganzes Rechtssystem um Eigentumsrechte herum entwickelt. Landwirtschaft ohne Eigentumsrechte zu betreiben, ist schwierig, und Geld ermöglicht es, diese Eigentumsrechte liquide zu machen und ihnen einen Wert zu verleihen. Das sumerische Recht war weitgehend kommerziell, was unterstreicht, wie zentral Eigentumsrechte, Rechtsstreitigkeiten und der Rechtsberuf in der Gesellschaft waren. Keilschrift, die frühe Schrift, wurde entwickelt, um den Handel im Auge zu behalten.

Schrift, Gesetze und Geld entstanden als Reaktion auf Urbanisierung und politische Komplexität. Von all diesen Technologien war Geld wohl die verführerischste und nützlichste, weil es so viele andere Dinge ermöglichte.

Geld und Zahlen

In den alten mesopotamischen Städten mussten die Menschen mit zunehmendem Handel wissen, wer wem wie viel schuldete. Rechnungsbücher waren unverzichtbar. Jemand musste Notizen machen, damit die Stadt dem Schuldenkarussell folgen konnte. Je mehr die Sumerer Handel trieben, desto fließender mussten sie in grundlegenden Berechnungen sein; ein Händler, der nicht rechnen kann, wird nicht lange durchhalten.

Ursprünglich zählten die Menschen mit ihren Fingern, was die Fünfer- und Zehnerstruktur als Basiszahlen weitgehend erklärt. Viele antike Kulturen zählten mit Fingern und Zehen, wobei die Zwanzig die Grundlage bildete. Denken Sie an das französische Wort für achtzig: quatre-vingt. Während Englischsprachige diese Zahl achtzig nennen – acht Zehner –, nennen die Franzosen dieselbe Zahl vier Zwanziger. Offensichtlich müssen einige Stämme, die sich schon lange in Frankreich herumtrieben, ehe Cäsar aufkreuzte, die Basis Zwanzig verwendet und alle ihre Ziffern zum Rechnen eingesetzt haben. Trotz zahlloser Invasionen und neuer Kulturen, die alte überlagerten, verwenden die Franzosen in ihrer Sprache immer noch die Basis Zwanzig.

Die Sumerer entwickelten die Zahl Sechzig als Basis. Diese Wahl war eine technologische Innovation, da Geld und Handel eine Zahl erforderten, die durch viele kleinere Zahlen teilbar war (und 60 ist durch 30, 20, 15, 12, 10, 6, 5, 4, 3 und 2 teilbar). Für die Sumerer war 60 eine magische Zahl. Heute sieht man ein Echo der alten Sumerer in der Tatsache, dass eine Minute 60 Sekunden und eine Stunde 60 Minuten hat. Der Handelsbasar erforderte Pragmatismus statt Eleganz: Wenn man in einer monetarisierten Gesellschaft die grundlegenden Berechnungen nicht verstand, stieg die Wahrscheinlichkeit, abgezockt zu werden. Die Einführung von Geld zwang die Menschen, in Zahlen zu denken.

Mit den in der Gesellschaft zirkulierenden Schulden kamen finanzielle Durchbrüche. Wenn ich Ihnen in Mesopotamien etwas schuldete und jemand anderes mir etwas schuldete, konnte ich mich zurückziehen und der Vertrag konnte zwischen Ihnen, meinem Gläubiger, und der nächsten Person, meinem Schuldner, neu abgeschlossen werden. Bereits 3000 v. Chr. wurde eine Art Schuldschein geboren, fast wie ein Scheck des 20. Jahrhunderts.

Die erste Kalkulationstabelle

Wir neigen zu der Annahme, dass Cashflow-Modelle eine neue Innovation sind, und in unserer Welt werden jedes Jahr kluge junge Leute mit Abschlüssen der besten Universitäten von Banken eingestellt, um Finanzberichte zu erstellen, in denen beurteilt wird, ob ein Unternehmen unter- oder überbewertet ist. Ihre datengesteuerten Finanzprognosen, basierend auf Einnahmen und Kosten, bilden die Grundlage für Kreditentscheidungen. Die ersten MBAs (AdÜ: Studienabschlüsse) wurden Studenten in den 1920er Jahren angeboten, aber der Zinssatz in der Antike brachte finanzielle Innovationen zu einer Zeit hervor, als die Menschen noch an die Götter glaubten, Tiere für die Ernte opferten und die Innereien von Hühnern untersuchten, um das Wetter vorherzusagen. Die Händler von Sumer verfügten über ein Maß an finanzieller Raffinesse, das äußerst beeindruckend ist.

Archäologen haben eine beschriftete Tafel aus der mesopotamischen Stadt Drehem entdeckt, die auf etwa 2100 v. Chr. datiert wird und die als die erste Kalkulationstabelle der Welt beschrieben werden könnte.19 Die Zeilen und Spalten zeigen ein erstaunliches frühes Beispiel für Finanzsoftware. Die Tafel enthält Projektionen und Vorhersagen über eine Investition in einen Viehzuchtbetrieb. Wie die heutigen Investitionsmodelle enthält sie Annahmen über Geburten und Todesfälle von Tieren, dazu Vorhersagen über Fruchtbarkeit, Futtermittel und andere Inputs, was zu einem spezifischen Gewinn- und Verlustmodell für den Betrieb zum geltenden Zinssatz führt.20 Diese Technologie ermöglichte es Investoren, verschiedene Szenarien mit Verhältnissen und Formeln einzufügen, was eine Zahl auf der anderen Seite des Modells lieferte.

Die Drehem-Tafel ist ein mehrjähriges »Modell« für einen Viehzuchtbetrieb mit Wachstumsprognosen auf Grundlage der Milcherträge der Kühe. In Bezug auf Finanzplanung und Kalkulationstabellenanalyse ist sie nicht meilenweit von der Art von Businessplan entfernt, den Start-up-Unternehmen heute verwenden, um Kapital aufzutreiben. Dieses alte Keilschriftmodell enthält verschiedene Szenarien mit hohem und niedrigem Wachstum, die auf Faktoren wie der Sterblichkeit von Tieren basieren. Auch wenn es sich nicht ganz um ein »Gewinn je Aktie«-Modell handelt, ist es nicht weit davon entfernt. Die Tabelle bedeutet, dass die Sumerer mehr als 2000 Jahre v. Chr. über Finanzen, Zinsen, Geld und Handel auf eine Weise nachdachten, die Unternehmen in der Zukunft bewerten konnte. Sie beurteilten, welche Erträge und Gewinne erzielt werden könnten und wie sich diese nicht nur auf das Endergebnis, sondern auf den Gesamtwert des Unternehmens auswirkten.

Die sumerische Zivilisation entwickelte die Schrift, die Buchhaltung, ein komplexes Rechtssystem und eine ausgeklügelte Finanzarchitektur, die alle auf dem Zinssatz basierten. Im Kern verlieh der Zinssatz der Zeit einen Wert. Dies war ein atemberaubendes Maß an abstraktem Denken, das zu einem Kapitalmarkt führte, der von Kreditnehmern und -gebern finanziert wurde. Der Zinssatz nahm etwas Statisches wie Silber und gab ihm Beweglichkeit. Unter den Sumerern wurde Geld lebendig und setzte menschliche Energie frei, was am besten durch Kushims Risikobereitschaft verkörpert wird. Mit Zinsen wird Geld dynamisch: Silber als Geld ist mehr wert als Silber als Schmuck, weil es beim Verleihen Zinsen einbringen kann und Zinsen Einkommen sind. Bei den Sumerern brachte Geld tatsächlich mehr Geld ein.

Raffiniert, wie sie waren, hatten die Sumerer – und ihre Nachfolger in der Region, die Babylonier – kommerzielle und organisatorische Systeme auf der Grundlage von Verträgen geschaffen. Geld war noch immer in den Köpfen der Menschen, aber bald sollte es in unseren Taschen sein, und sobald Geld in unseren Taschen war, sollte der Handel explodieren, angetrieben von einer gewaltigen monetären Innovation: von Münzen.

3 Von Verträgen zu Münzen

Wurde Midas hereingelegt?

Midas war ein armer, aber ungewöhnlich großzügiger König eines ausgedörrten Landes namens Phrygien, durch das der Fluss Paktolos floss. Midas war groß darin, Fremde aufzunehmen, und trotz seiner bescheidenen Verhältnisse öffnete er Besuchern seine Tür. Einer der Fremden, der an seinem Tisch landete, war Silenus, der Ziehvater von Dionysos, dem Gott der guten Zeiten, der langen Nächte und der allgemeinen Ausschweifungen. Wie es seine Art war, rollte Midas dem Fremden den roten Teppich aus und bot ihm alles an, was er an mageren Vorräten besaß. Beeindruckt von dieser spontanen Großzügigkeit erzählte Silenus, der selbst gerne den einen oder anderen Krug Wein zu sich nahm, Dionysos die Geschichte dieses armen, aber wohltätigen Königs. Als Anerkennung für seine Gastfreundschaft, die keine Fragen stellte, erfüllte Dionysos Midas einen Wunsch.21

Der antike Midas litt unter einer modernen Krankheit: Statusangst. Er trug den Titel eines Königs, hatte aber kein Geld. Der Kontrast zwischen seinen königlichen Vorstellungen und seinen geschrumpften Kassen führte dazu, dass er sich selbst als Quelle des Spotts und des Mitleids sah. Geld konnte dies ändern. Midas bat darum, dass alles, was er berührte, in Gold verwandelt werden möge. Heutzutage ist der Name Midas gleichbedeutend mit Kurzsichtigkeit, Gier und Habsucht, aber bei näherer Betrachtung war Midas nur ein vom Glück verlassener, anständiger Mann, der eine Pause brauchte. Leider hatte er sein wirtschaftliches Experiment nicht durchdacht. Er berührte einen Apfel; dieser verwandelte sich in Gold und wurde dadurch wertvoll, aber nutzlos; dekorativ, aber ungenießbar. Seine geliebte Tochter lief herbei, um ihren gütigen Vater zu umarmen, und auch sie verwandelte sich in Gold. Als der verzweifelte Midas seine Torheit erkannte, flehte er Dionysos an, ihn von diesem Fluch zu befreien.

Dionysos, ein fröhlicher Gott mit verzeihendem Gemüt, hatte Mitleid mit Midas, erinnerte sich an seine frühere Bescheidenheit und Großzügigkeit und sagte ihm, er solle im nahegelegenen Paktolos baden. (Der Fluss ist seit langem ausgetrocknet, aber man nimmt an, dass dies in Zentralanatolien in der Nähe des Berges Tmolos geschah.22) Der Legende nach nahm der Fluss, als der überglückliche Midas badete und sich von Gold befreite, eine glitzernde, gelbliche Farbe an und floss über vor Edelmetall, wodurch Midas reich werden konnte, ohne dass alles, was er berührte, zu Gold wurde. Die Nachfolger von Midas’ Land, die Lyder, wurden mit einem Goldvorrat gesegnet, den die Legende Dionysos’ Großzügigkeit zuschrieb.

Die Griechen versuchten mit diesem Mythos zu erklären, wie ein Reich entstanden war, das Goldmünzen als Währung verwendete und ein riesiges Handelsnetz von Persien bis zur Ägäis aufbaute. Der Fluss Paktolos glänzte tatsächlich wie Gold, aber nicht, weil König Midas darin badete. Der Paktolos transportierte eine Legierung namens Elektrum, auch als Weißgold bekannt. (Das Wort elektrisch stammt vom altgriechischen Wort elector und bedeutet »der, der glänzt«.23) Gold wurde von den Babyloniern vor allem als Schmuck geschätzt. Aber die Lyder machten etwas Neues. Sie schmolzen Gold und schufen ein brandneues Wirtschaftssystem auf der Grundlage von Münzen.24 Das virtuelle Geld der Sumerer, das auf Verträgen, Gesetzen, Schulden und einem variablen Zinssatz basierte, sollte sich in Form von Gold-, Silber- und Kupfermünzen in physisches Geld verwandeln. Dies war der Moment, in dem sich Gold vom Schmuckstück zum Geld transformierte, was zu einem allgemein akzeptierten Geldsystem führte, in dem ein Stück Metall, das vor seiner Prägung nutzlos war, in etwas viel Wertvolleres verwandelt wurde.

Münzprägung ist eine ziemliche abstrakte Angelegenheit. Die Akzeptanz von Münzen erfordert von den Menschen, einen neuen Glauben anzunehmen, in dem Wertmarken Werte »repräsentieren«. Im Tabernakel des menschlichen Geistes fungiert die Münze als Abkürzung, die den Wert einer immensen Palette realer Güter und Erfahrungen in einem universell verständlichen winzigen Stück tragbaren Metalls darstellt. Dieses Stück Metall, das in eine Münze verwandelt und durch einen Stempel validiert wurde, erhält einen Wert, der über den intrinsischen Wert des Metalls selbst hinausgeht. Diese Abstraktion ermöglichte es den Menschen, in einer weitaus komplexeren Welt zu agieren, als dies vor der Erfindung der Münzen möglich war.

In diesem Kapitel geht es um diese Transformation. Es geht um symbolisches Geld. Von der Buchhaltung und einer Ära, in der Schulden von Zeit zu Zeit beglichen wurden, bewegen wir uns in ein System, das Münzen für den täglichen Handel verwendet. Während dieser Periode ging die Gesellschaft von Getreide in einem Lagerhaus zu Münzen in der Tasche über. Mit ihnen verlagerten sich Handel, Geld und Transaktionen von einmaligen Verrechnungsereignissen zu einem Teil des alltäglichen Lebens.

Die Lyder