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Seit der politischen Wende 1989 hat die Mongolei einen schwierigen Weg zurück gelegt. Die Transformation in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft brachte Fortschritte, aber auch Fehlentwicklungen. Die Herausforderungen der kommenden Jahre sind nicht kleiner geworden. Dieser Band ist eine Sammlung von Analysen und Beschreibungen zur Mongolei aus den letzten zehn Jahren, die ein lebendiges Bild von der Entwicklung des Landes vermitteln. 120 Fotos des Autors ergänzen seine Ausführungen.
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2022
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VORWORT
EINLEITUNG
ALLGEMEINES
Steckbrief Mongolei
Die Mongolei aus der Sicht eines Ost-West-Pendlers
Das Kuwait Nordost-Asiens? - Der Aufbruch
Ist die Mongolei noch zu retten?
BEZIEHUNGEN DEUTSCHLAND - MONGOLEI
Deutsche Technologie als Maßstab - Rohstoffpartner Mongolei
The Song »Chinghis Khan« is quite a hit even now
Freundschaft oder Interessen - Was bestimmt eigentlich das deutsch-mongolische Verhältnis?
Anmerkungen zu 40 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Mongolei
Die Mongolistik: Ein Orchideenfach?
Wie sichere ich die Rohstoffversorgung?
Deutsch-Mongolische Hochschule für Rohstoffe und Technologie (DMHT)
Interview mit dem Rektor der DMHT
The old days are over: Germany’s Development Cooperation with Mongolia and Foreign Policy
WIRTSCHAFT
Grundfragen der mongolischen Wirtschaft
KMU in der Mongolei: Das Beispiel Hasu Megawatt
Mongolei - Der Modernisierungsbedarf ist riesig
Ressourcennationalismus: Wem gehören die Bodenschätze?
INNENPOLITIK - GESELLSCHAFT
Gesellschaftliche Entwicklung auf Basis der Rohstoffe.
Metropole Ulan Bator - Rapide Urbanisierung in der Mongolei
Die Mongolei - mehr als Rohstoffe
Gibt es eine Zivilgesellschaft in der Mongolei?
Luftverschmutzung in Ulan Bator
-
ein ungelöstes Problem
Die Legislaturperiode 2012-2016: Die Schwächen des politischen Systems der Mongolei
Bemerkungen zum Zustand der Demokratie in der Mongolei
Die Verfassungsänderungen in der Mongolei 2020 - ein Fortschritt?
Welche weiteren Verfassungsänderungen sind nötig?
AUSSENPOLITIK
Mongolia’s Third Neighbour Policy
Die Mongolei und China – eine strategische Partnerschaft
Japan und die Mongolei
Die geostrategische Lage der Mongolei
TOURISMUS
Mit der Transsib in die Mongolei
Die Mongolei gestern und heute
Eisfest auf dem Khuvsgul-See
Reisen in der Mongolei
NACHTRAG
Putin, Ukraine and Mongolia
Finnlandisierung der Mongolei - Ein Modell für die Zukunft?
FOTONACHWEIS
Das Motorrad konkurriert mit dem Pferd als Transportmittel.
Ich habe Peter Schaller im Sommer 2011 kennengelernt, als er gerade seinen Dienst als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Ulan Bator angetreten hatte. Schnell bauten wir dienstlich und privat ein gutes Verhältnis auf, und unsere freundschaftliche Beziehung besteht noch heute.
In meiner mehr als zwanzigjährigen politischen Karriere habe ich stets für die Intensivierung der deutsch-mongolischen Beziehungen gearbeitet, und tue dies auch weiterhin. Ein gutes bilaterales Verhältnis ist mir als Absolvent der Humboldt Universität in Berlin, den vielfältige Kontakte und wertvolle Erfahrungen mit Deutschland verbinden, ein Herzensanliegen. Peter Schaller hat mich dabei tatkräftig unterstützt, als er Botschafter war und auch jetzt. Wir ziehen an einem Strang.
In unseren Gesprächen steht eine Frage im Vordergrund: Wie ist der Transformationsprozess der Mongolei in den letzten 30 Jahren verlaufen, welche negativen Entwicklungen haben sich herausgebildet, und wie können diese angegangen werden? Neben positiven Aspekten gibt es viel Anlass zur Kritik, die ich selbst auch in meinem letzten Buch übe, das Peter in seiner lesenswerten Rezension vorstellt.
Die Mongolei befindet sich seit der politischen Wende 1989/90 in einer komplexen Situation, die für Regierung und Gesellschaft immer noch eine große Herausforderung darstellt. Die Mongolei ist mehr als Rohstoffe und Nomadenromantik. Die in diesem Buch versammelten Aufsätze mitsamt der ausführlichen Einleitung verdeutlichen diese Multidimensionalität. Peter Schaller stellt meine Heimat aus verschiedenen Blickwinkeln dar und vermittelt damit ein zutreffendes und lebendiges Bild der politischen und gesellschaftlichen Realität. Er spart nicht an Kritik, Ratschlägen und Empfehlungen, aber gleichzeitig wird deutlich, dass er die Mongolei mag, und dass er ihr eine gute Zukunft wünscht. Ich will dazu folgendes mongolisches Sprichwort zitieren: “Nimm die Worte eines weisen Mannes als Rat an. Wenn man sich um ein gutes Wort recht kümmert, dann geht es im Herzen auf”. Peter hat Bücher über verschiedene Länder geschrieben, wo er dienstlich tätig war. Insbesondere möchte ich hier hervorheben, dass seine Veröffentlichungen über die Mongolei in mongolischen und internationalen Medien die Wirklichkeit widerspiegeln. Sie sind beste Nachschlagewerke, um die Mongolei richtig zu verstehen.
Im Januar 2024 feiern wir den 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Mongolei und der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Buch erscheint damit zur rechten Zeit, um eines der wichtigsten Nachschlagwerke und Pflichtlektüre zu werden für jeden, der sich mit der Mongolei beschäftigt.
Ich wünsche, dass viele Leser Zugang zu dem Buch finden und dass es so wie Peter selbst, ein herausragender Beitrag zur Entwicklung der deutsch-mongolischen Beziehungen wird, eine Brücke aus Papier zwischen unseren Völkern. Ich wünsche Peter weiterhin alles Gute für sein persönliches Leben und für weitere interessante Beiträge zur Völkerverständigung!
Dendev Terbishdagva Berlin, im April 2022
(Ehemaliger Abgeordneter des Mongolischen Großen Staatskhurals, Botschafter der Mongolei in Deutschland, Minister und stellvertretender Premierminister der Mongolei a.D.)
Dieser Band ist eine Sammlung von Artikeln, Konferenzbeiträgen, Reden und Interviews aus der Zeit von 2011 bis 2022.
Die Beiträge geben einen Überblick über die wesentlichen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Aspekte der Mongolei, ihrer Entwicklung als Transformationsland nach der gesellschaftlichen Wende von vor dreißig Jahren und auch der deutsch-mongolischen Beziehungen. Die Artikel sind in 6 thematischen Kapiteln zusammen gefasst und meist chronologisch angeordnet. Von der Chronologie bin ich mitunter abgewichen, um einzelne Beiträge thematisch zu bündeln. Erscheinungsjahr und -ort der Beiträge sind angegeben. Eine ausführliche Einleitung stellt die Beiträge in einen Gesamtzusammenhang und führt in die wichtigsten Problemfelder ein.
Wie bei einer solchen Sammlung nicht zu vermeiden, überschneiden sich einige Fragestellungen. So ist zum Beispiel der bis heute ungelöste Streit um die Ausbeutung des Rohstofflagers Oyu Tolgoi ein unter verschiedenen Blickwinkeln relevantes Thema. Die Artikel sind teilweise entweder im Text selbst oder in der Einleitung aktualisiert worden.
Angesichts meiner Ausrichtung auf (Zentral- und Nordost)Asien, wo ich in über 30 Jahren Tätigkeit als Diplomat die Mehrheit meiner Einsätze hatte, war es keine Frage, dass ich mich 2011, als meine letzte Verwendung anstand, aus einer Liste von Hauptstädten auf verschiedenen Kontinenten auf den Posten des Botschafters in der Mongolei bewarb und diesen glücklicherweise bekam. Der Wermutstropfen war nur, dass die Dauer meines Aufenthaltes wegen des vorgeschriebenen Pensionsalters auf zwei Jahre limitiert war. Ich hätte gerne mehr Zeit auf diesem Posten verbracht. Nach meiner Pensionierung 2013 habe ich die Mongolei wiederholt besucht.
Mein Leben als Diplomat war ein Pendeln zwischen Ost und West. In dem Kapitel Die Mongolei aus der Sicht eines Ost-West-Pendlers gebe ich einen Überblick über mein Interesse an der riesigen Region Eurasien und meine beruflichen Stationen unter besonderer Berücksichtigung der Mongolei.
Die Mongolei wurde 1989/90 ein Transformationsland, das die Planwirtschaft und das sozialistische Gesellschaftsmodell aufgab und Marktwirtschaft und Demokratie einführte. Nach dieser Wende und dem Verlust der massiven Alimentierung durch die Sowjetunion beziehungsweise Russland stürzte die Wirtschaft des Landes ungebremst ab und erreichte erst nach 20 Jahren wieder den Stand von 1989. Seit 2011 schwankt das BIP zwischen 10-13 Mrd. US-Dollar. Mit anderen Worten, die Entwicklung der Mongolei stagniert. Die Regierungen und die sie tragenden politischen Parteien waren bisher nicht in der Lage, das Land erfolgreich und nachhaltig zu entwickeln.
Als ich 2011 meinen Dienst in Ulan Bator antrat, war die Mongolei in einer politisch und wirtschaftlich hochinteressanten Situation. Mit einem Wirtschaftswachstum von 17%, einem der damals höchsten weltweit, setzte das Land zu einem verblüffenden Höhenflug an. Plötzlich eröffnete sich die Perspektive eines Kuwaits oder einer Schweiz in Nordostasien. Das Wachstum war zwar fast ausschließlich auf Milliardeninvestitionen in die Kupfer- und Goldmine Oyu Tolgoi zurück zu führen und erfolgte auf Basis eines niedrigen BIP, aber es wurde als Initialzündung gesehen. Jetzt würden sich auch andere internationale Konzerne engagieren und die Mongolei könnte sich auf Basis ihrer Rohstoffe breit entwickeln. Ein Land mit drei Millionen Einwohnern und derart massiven Bodenschätzen war quasi verdammt dazu, reich zu werden. Diese Situation beschreiben die Beiträge Das Kuwait Nordost-Asiens?- Der Aufbruch 2011 und Metropole Ulan Bator - Rapide Urbanisierung in der Mongolei.
In der Mongolei herrschte damals eine Goldgräberstimmung. Das Ausland schaute auf das bislang kaum beachtete Land, das die Perspektive eröffnete, die Rohstoffprobleme der Welt, insbesondere die von China dominierte Verfügbarkeit Seltener Erden, zu lösen oder zumindest abzumildern. Das war besonders für Deutschland interessant, ein rohstoffarmes Land, in dem die für moderne Technologien erforderlichen Bodenschätze fehlen. Im Oktober 2011 wurde während des Besuchs von Bundeskanzlerin Merkel das sogenannte Rohstoffabkommen zwischen Deutschland und der Mongolei unterzeichnet, das erste dieser Art weltweit. Der Beitrag Wie sichere ich die Rohstoffversorgung? greift diesen Themenkreis auf. Die Idee war, eine besondere völkerrechtliche Basis für die Ausbeutung und für den Bezug von Rohstoffen zu legen.
Für die deutsche Industrie zeichnete sich angesichts des zu erwartenden Booms ein neuer Markt ab. Nicht so sehr im Bereich des direkten Rohstoffabbaus, sondern dem der Zulieferindustrie für den Bergbau und generell in der notwendigen Modernisierung der Infrastruktur des Landes in all ihren Facetten. Entwicklung der Infrastruktur und Bergbau gehören zusammen. Schließlich war Deutschland der Technologie-Exportweltmeister. Einen Eindruck des Potentials vermittelt der Artikel Deutsche Technologie als Maßstab. Rohstoffpartner Mongolei und das Interview Mongolei - Der Modernisierungsbedarf ist riesig.
Die Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft waren gewaltig. Es ging um einen groß angelegten sozialen Wandel. Dieser Wandel betraf die gesamte Gesellschaft, wie mein Beitrag Die Mongolei - mehr als Rohstoffe zeigt. Die Entwicklung musste gestaltet werden und konnte nicht naturwüchsig ablaufen. Im Grunde ging es neben einem ganzen Bündel an Aspekten um die Frage, auch wenn dies so klar nie ausgedrückt wurde, in welche Richtung sich die Mongolei entwickeln sollte, nämlich der (neo)liberalen, kapitalistischen und von den USA repräsentierten Gesellschaft, oder einer sozialen Marktwirtschaft beziehungsweise einem Wohlfahrtsstaat gemäß dem deutschen oder skandinavischen Modell. Es entspricht nicht der komplexen Wirklichkeit, die Mongolei weitgehend auf ihre Rohstoffe, ihre machtpolitische Blüte unter Dschingis Khan und das Nomadentum zu reduzieren, wie dies in den Medien durchweg geschieht.
Ein damit zusammenhängendes Problem ist die Frage der Wertefundamente der mongolischen Gesellschaft. So weit ich es sehe, gibt es keine von der Masse der Gesellschaft geteilten und als verbindlich erachteten Werte, die als Orientierung quer durch alle Schichten dienen und auf deren Grundlage man eine gemeinsame Zielrichtung definieren könnte. Das wird auch in der deutschen Gesellschaft mit ihrer stärkeren Ausdifferenzierung und der Betonung des Individualismus immer schwieriger. Auf einer Mongolei-Konferenz in Ulan Bator habe ich dieses Problem so ausgedrückt:
»Es spielt eine ganz wichtige Rolle, dass man auch die inneren Verhältnisse so gestaltet, dass es hier so weit wie möglich eine Einheit zwischen Bevölkerung und Regierung oder Elite gibt.
Ich habe neulich mit einem bekannten Minister gesprochen und ihm versucht zu erklären, was eigentlich das Wirtschaftswunder in Deutschland bedeutete. Das Wirtschaftswunder in Deutschland war nur möglich, weil es einen gemeinsamen Willen in der Bevölkerung, aus verschiedenen Gründen, gab. Hauptsächlich natürlich ein niedergeschlagenes Deutschland, Zuwanderung von Millionen aus den Ostgebieten. Es war das Ziel, das Land wieder aufzubauen. Es gab eine Überzeugung, eine breite Basis gemeinsamer Werte und gemeinsamer Überzeugungen, die damals verfolgt wurden.
Ich bin mir nicht sicher, ob man in der Mongolei schon so weit ist, eine solche Basis gemeinsamer Überzeugung und gemeinsamer Zielrichtung zu besitzen. Ich finde, bei aller Diskussion um Wirtschaftswachstum und Wirtschaftsentwicklung und um internationale Fragen darf man diesen Aspekt nicht unberücksichtigt lassen, der ist ganz wichtig: Die Frage, gibt es eine Wertebasis, erst einmal, wie sieht sie aus, und dann, wie wird sie von der Masse der Bevölkerung geteilt. Ohne dass man diesen inneren Zusammenhang einer Bevölkerung, eines Staatsvolkes hat, ist es schwer, sich zu entwickeln.«1
Die Frage nach den Wertefundamenten berührt die Überlegung, inwieweit sich bereits eine Zivilgesellschaft nach unserem Verständnis in der Mongolei entwickelt hat. Demokratie und Zivilgesellschaft sind untrennbar. Die Mongolei ist hier noch nicht so weit. Diese Problematik behandeln u.a. die Beiträge Gesellschaftliche Entwicklung auf Basis der Rohstoffe und Gibt es eine Zivilgesellschaft in der Mongolei?
Theoretisch hatte die Mongolei einen großen Vorteil. Der wirtschaftliche Aufschwung erfolgte relativ spät, erst 20 Jahre nach der Wende 1989/1990. Die Entwicklung stagnierte bis zum »Urknall« 2010/2011. 2011 erschien mir die Mongolei wie ein großes Labor, wo man von den guten und den schlechten Erfahrungen der anderen Transformationsländer profitieren konnte, deren wirtschaftliche Grundlage Rohstoffe waren, wie Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Länder, die in einer anderen Situation waren, konnten ebenso ihre Erfahrungen beisteuern, gute wie im Falle von Norwegen, und weniger gute wie in Nigeria. Jetzt hatte der Staat, hatte die Regierung zum ersten Mal finanzielle Mittel, um das Land und die Gesellschaft wirklich zu entwickeln. Man musste nicht erst die eigenen negativen Erfahrungen machen und die damit verbundenen Einbußen und Rückschläge hinnehmen, sondern konnte auf einen breiten internationalen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Den berühmten »Rohstoff-Fluch« und die »holländische Krankheit« hatten andere vorher durchgemacht. Die Voraussetzungen waren gut, kostspielige Irrwege zu vermeiden.
Jedoch gab es in der mongolischen Gesellschaft keine Diskussion um diese Fragen und um die große Richtung, in die sich die Mongolei entwickeln sollte. Stattdessen stand eine Erscheinung im Vordergrund, die ich in dem Aufsatz Ressourcennationalismus: Wem gehören die Bodenschätze? aufgreife. Aufgeheizt durch die Parlamentswahlen 2012, einen großen Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Staatspräsidenten N. Enkhbayar, in dem der Verdacht nie völlig ausgeräumt werden konnte, dass hier politische Motive die wichtigsten Antriebe waren, sowie Unzufriedenheit vor allem im Parlament über den Vertrag zur Ausbeutung des Lagers Oyu Tolgoi, kam es zu einer Agitation nicht nur gegen Oyu Tolgoi selbst, sondern gegen das Tätigwerden ausländischer Konzerne in der Rohstoffwirtschaft der Mongolei überhaupt. Politische Gegner unterstellten der amtierenden Regierung und vor allem dem damaligen Staatspräsidenten Ts. Elbegdorj, der immer stärker das aussenpolitische Aushängeschild der Mongolei geworden war, sein Land an das Ausland zu verkaufen und ausländischen Konzernen freie Hand zu lassen, um die Mongolei auszubeuten. Dahinter stand immer auch der Vorwurf, dass dies verbunden war mit einer persönlichen Bereicherung der maßgeblichen Politiker. Dabei ist jedem Beobachter klar, dass die Mongolei aus eigener Kraft ihre Bodenschätze nicht ausbeuten kann und auf ausländisches Know-how und Kapital angewiesen ist. Dieser Ressourcennationalismus und die Auffassung, dass man alles allein machen kann, ist ein wesentliches Element der mongolischen Politik, eine Art Leitmotiv.
Am Köcheln gehalten wurde und wird dieser Streit durch die jahrelangen und bis heute nicht gelösten Auseinandersetzungen um den Vertrag zur Ausbeutung des Vorkommens Oyu Tolgoi. Der Streit bricht immer wieder auf und vergiftet das politische und gesellschaftliche Leben. Diese dauernden Auseinandersetzungen haben das Vertrauen der internationalen Wirtschaft zerstört, die bei Investitionen auf stabile Rahmenbedingungen und Rechtssicherheit setzt, und der Mongolei Milliarden an ausländischen Direktinvestitionen und damit Entwicklungschancen gekostet. Der Streit um Oyu Tolgoi spielt in fast allen Analysen des politischen Systems der Mongolei eine Rolle (siehe Bemerkungen zum Zustand der Demokratie in der Mongolei). Zu Beginn des Jahres 2021 setzte der neue Regierungschef L. Oyun-Erdene diesen Streit -wieder einmal- auf die politische Tagesordnung, was zeigt, dass der Konflikt mit seinen nachteiligen Folgen weiter schwelt (siehe Grundfragen der mongolischen Wirtschaft).
Ich gehörte 2011 zu den optimistischen Beobachtern der Mongolei und war damit nicht allein. Zwar waren die gravierenden Mängel des politischen Systems deutlich, aber ich sah diese angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Möglichkeiten als nicht so schwerwiegend an. In öffentlichen Äußerungen habe ich das damals auch so ausgedrückt. Man wünschte sich ja, dass ein so durch die Systemwende gebeuteltes Land wie die Mongolei sich nun endlich entschieden nach vorne bewegen würde. Es ist Aufgabe eines Botschafters, das Verbindende zwischen zwei Ländern und die Möglichkeiten zu betonen, das bilaterale Verhältnis zu verbessern und zu erweitern und mitzuhelfen, dass sich die Situation im Lande bessert. Das heißt nicht, Kritik zu verschweigen, aber dies muss in einer Form passieren, die nicht verletzt und nicht angreift und die Kommunikation durch unbedachte Äußerungen gefährdet. Außerdem war nicht zu erwarten, dass ein dem eigenen Kulturkreis fremdes System, das die westliche Demokratie für die Mongolei darstellt, ohne Schwierigkeiten auf die eigene Gesellschaft übertragen werden konnte. Je länger ich mich aber mit der Mongolei beschäftigte, umso deutlicher wurde mir bewusst, dass das politische System mit schweren Fehlern behaftet ist, die weitreichende Korrekturen verlangen. Dies machten mir auch meine Besuche in der Mongolei nach Eintritt in den Ruhestand und meine Gespräche dort deutlich. In dem Abschnitt INNENPOLITIK-GESELLSCHAFT stelle ich diesen Problemkreis dar.
Die Mongolei hat sich in den letzten Jahren in die falsche Richtung entwickelt. Die Euphorie von vor 10 Jahren ist einer Ernüchterung gewichen. Im Grunde haben die mongolischen Regierungen, hat die politisch-ökonomische Elite, die das Land seit 30 Jahren steuert, aus den Möglichkeiten, die sich vor einem Jahrzehnt abzeichneten, wenig gemacht. Alle Kennziffern, sei es Korruptionsindex (CPI), Index der menschlichen Entwicklung (HDI) oder Demokratieindex, zeigen, dass die Fortschritte insgesamt bescheiden sind. Der mongolische Politiker D. Terbishdagva, der in den letzten 20 Jahren als Diplomat, Abgeordneter des Großen Staatskhurals und Mitglied diverser Regierungen eine führende Rolle in der mongolischen Politik spielte, kommt in seinem 2020 auf Deutsch veröffentlichten Buch zu demselben Ergebnis (siehe meine Rezension Ist die Mongolei noch zu retten?). Die Mongolei hat ohne Zweifel ein großes Entwicklungspotential, aber bislang wurde es nicht effektiv genutzt.
Die Mongolei ist in wichtigen Merkmalen ihres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zu einem »Rentierstaat« geworden, wo das Staatsbudget hauptsächlich aus dem Rohstoff-Export finanziert wird. Rente in rohstoffreichen Staaten bezeichnet den vergleichsweise »mühelosen« Gewinn für den Besitzer der Ressource, der einen im Vergleich zu den Gewinnungskosten exorbitanten Gewinn erzielt, der über der »normalen« Kapitalverzinsung liegt. Das deutlichste Beispiel sind die Förderkosten für Rohöl in den Staaten des Nahen Ostens, die nur einen Bruchteil des Ölpreises ausmachen.
Obwohl die Mongolei eine Privatwirtschaft ist, kontrolliert der Staat über seine Gesellschaften die wichtigsten derzeit ausgebeuteten und gewinnbringenden strategischen Rohstoffvorkommen und damit die Wirtschaft des Landes. Dies sind vor allem die Kupfer- und Molybdän-Mine Erdenet und das Kohlelager Tavan Tolgoi. Im Falle des Kupfer- und Goldlagers Oyu Tolgoi, das sich im Ausbau befindet und bei voller Leistung der viertgrößte Kupferabbau der Welt sein wird, hält der Staat eine Beteiligung von 34%. Oyu Tolgoi wird, sobald es voll produziert, ein Viertel bis ein Drittel zum Staatsbudget beitragen. Bei dieser Sachlage wird der Staat zum wichtigsten Faktor in der Verteilung von Reichtum und Einkommen. Die mongolische Gesellschaft ist zu einer »rent-seeking society« geworden, in der »sich alles um die Verfügungsmacht über die Renten und um die Verteilung der Einnahmen dreht«. Dies hat drei wichtige Gruppen hervorgebracht: Eine Klasse von Eigentümern beziehungsweise von Verwaltern des Reichtums, bedienendes und schützendes Personal und Teile der Staatsbürokratie. 2 Der übrige Teil der Gesellschaft entspricht wahrscheinlich ziemlich genau dem Rest der Bevölkerung, nämlich den 30 Prozent, die unterhalb der Armutsgrenze leben.
Rentierstaaten weisen folgende zentrale Merkmale auf: Die Legitimität der Regierung wird durch soziale Wohltaten und eine Beschäftigungsausweitung des öffentlichen Sektors erkauft; statt Parteien bestimmen Bewegungen und Gruppen das politische Leben, die die Regierung unterstützen und von dieser unterstützt werden, und es wird ein Machtapparat finanziert, der die herrschende Klasse in der Verfügung über die Ressourceneinnahmen schützt.3
Nun hat sich die Mongolei nicht zu einem der autoritären Systeme entwickelt wie etwa Russland oder die rohstoffreichen zentralasiatischen Staaten. Es gibt nicht den rücksichtslos eingesetzten und umfassenden Machtapparat wie in Russland und ehemaligen Sowjetrepubliken wie Kasachstan und Turkmenistan. Auch ist der Staat finanziell nicht so gut ausgestattet, dass er »rücksichtslos« soziale Wohltaten austeilen kann. Allerdings sind ökonomisch unsinnige und gesellschaftlich schädliche Geldgeschenke und Versprechen vor den Parlamentswahlen üblich, und die Parteien sind reine Klientelorganisationen, die ihre Gefolgschaft mit Staatsposten versorgen und die Staatsbetriebe ausplündern, was immer wiederkehrende Korruptionsskandale und die undurchsichtige Verwendung von Geldanleihen zeigen. 4 Und zu den »ergiebigsten« Einnahmequellen gehört für Angehörige des Staatsapparates, insbesondere Regierungsmitglieder, die Vergabe von Bergbaulizenzen oder aber der undurchsichtige Erwerb von Rohstoff-Vorkommen.
Die Mongolei musste kein autoritäres Regime einführen. Die Herrschaftsmechanismen sind subtiler. Die Elite beherrscht das Land durch eine in dreißig Jahren etablierte Verquickung von Wirtschaft und Politik und nutzt dies zur eigenen Bereicherung. Die Mongolei ist eine Oligarchie, die es geschafft hat, die Fassade einer Demokratie aufrecht zu erhalten.
Diese Entwicklung war nicht unvermeidlich:
»Offenbar gibt es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Ressourcenausstattung und den ihr zugeschriebenen Konsequenzen. Wichtig ist der Kontext, wie die Beispiele Holland und Norwegen zeigen: Länder, die am Beginn eines Ressourcenbooms konsolidierte Demokratien waren, werden vom Ressourcenfluch nicht oder kaum betroffen. Wichtig ist die Stärke der Institutionen.«5
Die Schwäche der Institutionen ist eines der hervorstechenden Kennzeichen der Mongolei. Die Gewaltenteilung ist unvollkommen und die Justiz ist nicht unabhängig. Staat und Wirtschaft sind Beute der Parteien, die im Grunde nur Organisationen zur Bereicherung ihrer Mitglieder sind.
»Hoch entwickelte Staaten können die Mechanismen des Ressourcenfluchs außer Kraft setzen (…). Ökonometrische Analysen, die eine Vielzahl von Ländern einbeziehen, lassen nur einen schwachen Zusammenhang zwischen dem Umfang des Ressourcenreichtums und der Ausprägung der Merkmale eines Rentierstaats erkennen. Mit empirischen Daten läßt sich sogar die These untermauern, es gebe keinen Ressourcenfluch an sich, sondern alles hänge davon ab, wie Gesellschaften mit ihrem Ressourcenreichtum umgehen.«6
Rentierstaaten sind auch dadurch gekennzeichnet, dass sich neben dem Rohstoffsektor andere Bereiche der Wirtschaft kaum entwicklen. Man exportiert unverarbeitete Rohstoffe und ist darüber hinaus auf dem Weltmarkt nicht oder kaum präsent. Kleine und mittlere Betriebe, in entwickelten Volkswirtschaften wie der deutschen und westeuropäischen das Rückgrat des wirtschaftlichen Lebens, sind unterrepräsentiert (siehe den Artikel KMU in der Mongolei: Das Beispiel Hasu Megawatt).
Die große Frage ist, ob sich dieses System aus sich heraus ändern kann. Bislang war es dazu offensichtlich nicht in der Lage. Dafür ist die Elite zu fest etabliert und zu sehr Nutznießer der Verhältnisse und sorgt über ihre Rekrutierungsmechanismen dafür, dass der Nachwuchs »richtig« sozialisiert wird. Die Masse der mongolischen Politiker arbeitet für sich selbst, und eine Orientierung auf die Erfordernisse zur Entwicklung des Landes oder auf das Gemeinwohl fehlt. Die jüngsten Verfassungsänderungen sind ein Beweis dafür, dass weitreichende Maßnahmen zur Umgestaltung des politischen Systems unterlassen wurden, was ich in dem Beitrag Die Verfassungsänderungen in der Mongolei 2020 - ein Fortschritt? sowie Welche weiteren Verfassungsänderungen sind nötig? darstelle.
Meine Kritik und die Tatsache, dass ich mich immer wieder auch auf Deutschland beziehe und unter Verweis auf das deutsche Beispiel mögliche Veränderungen aufzeige, soll nicht heißen, dass ich das deutsche politische System als der Weisheit letzten Schluss und makelloses Vorbild sehe und der Mongolei »vorschreiben« will, was sie zu tun hat. Die Mongolei und ihre Bevölkerung müssen selbst entscheiden, welchen Weg sie einschlagen.
Die deutsche Demokratie und die deutsche Gesellschaft haben ihre fehlerhaften Entwicklungen, wie überhaupt die Demokratie als System ihre grundlegenden Schwächen hat. Churchill bezeichnete einst die Demokratie als die beste aller schlechten Staatsformen. Aber sie hat auch grundlegende Stärken, die andere Systeme nicht aufweisen. Im Vergleich zur Mongolei gibt es zudem einen wesentlichen Aspekt, der die unterschiedlichen Dimensionen aufzeigt: Deutschland ist ein reiches Land, das aufgrund vieler Faktoren sein Potential entfalten kann, und ist nicht ohne Grund die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Deutschland kann »aus dem Vollen schöpfen« und sich Fehlentwicklungen und Reibungsverluste »leisten«, so unangenehm und unnötig sie auch sind. Die Mongolei befindet sich jedoch in einer prekären politischen und wirtschaftlichen Situation und muss große »Fehler« vermeiden.7
Die prekäre Lage zeigt sich neben der Innen- und Wirtschaftspolitik auch in der Außenpolitik, wie die Arbeiten in dem gleichnamigen Kapitel verdeutlichen, insbesondere der Aufsatz Die geostrategische Lage der Mongolei, der grundlegende Zusammenhänge darstellt. Kein Land entkommt seiner Geographie, was sich bei der Mongolei besonders eindrücklich an ihrer berühmten »Sandwich-Lage« zwischen China und Russland und ihrem Status als Binnenland zeigt.
Im Großen und Ganzen war die Außenpolitik der Mongolei erfolgreich. Nach der Systemwende vor 30 Jahren hat sich das Land erfolgreich in die internationale Gemeinschaft integriert. Der große Schwachpunkt jedoch ist die fast völlige ökonomische Abhängigkeit von China, die zunehmend den außenpolitischen Erfolg gefährdet. Diese Abhängigkeit zumindest zu mildern, ist die größte aussenpolitische Herausforderung der Zukunft. Dazu muss man die mongolische Wirtschaft als Gesamtheit betrachten und auch hier konsequent grundlegende Weichenstellungen vornehmen, was allerdings bisher keine mongolische Regierung geschafft hat. Wirtschaftliche Stärke (oder Schwäche) hängt unmittelbar mit der Außenpolitik zusammen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Mongolei von China zeigt, dass einer der konstituierenden Begriffe der mongolischen Außenpolitik, nämlich das Konzept des »Dritten Nachbarn« und der Grundsatz der »ökonomischen Sicherheit« eine Deklaration ist, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung findet. Der Begriff des »Dritten Nachbarn« ist ein politisches Mantra geworden, das durch seine unablässige Wiederholung nicht realitätsgerechter wird. Die Beziehungen zu China sind überhaupt das beherrschende Thema der mongolischen Außenpolitik, an dem sich die zukünftige Stellung der Mongolei in der Welt, und manche sagen auch: ihre Souveränität entscheidet (siehe den Aufsatz Die Mongolei und China - eine strategische Partnerschaft). Politik und Wirtschaft hängen eng zusammen.
Die wirtschaftlichen Probleme werden in dem Artikel Grundfragen der mongolischen Wirtschaft aufgezeigt. Die extreme Abhängigkeit der mongolischen Wirtschaft vom Kohleexport nach China ist nicht nur wegen der durchschlagenden Wirkung der Veränderungen im Preis des Rohstoffs und der Konjunkturentwicklung in China bedenklich, sondern auf längere Sicht vor allem dadurch, dass im Zuge der weltweiten Bekämpfung des Klimawandels die Kohle als Energieträger an Bedeutung verlieren wird, mit anderen Worten, der Wert der riesigen Kohlevorräte der Mongolei tendenziell schrumpft. Dies beeinträchtigt entschieden die Fähigkeit des Landes, Einkommen zu generieren. Anders ausgedrückt: Die Mongolei hat nur noch begrenzt Zeit, ihren wichtigsten Rohstoff zu nutzen, um die eigene wirtschaftliche Basis zu diversifizieren und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu mildern. Jede Regierung muss der Wirtschaft ihre höchste Aufmerksamkeit widmen und Erfolg erzielen. Der bekannte Ausspruch des ehemaligen Präsidenten Clinton »It’s the economy, stupid« gilt auch und besonders für die Mongolei.
Den Problemkreis der Abhängigkeit von China und des Konzeptes des »Dritten Nachbarn« habe ich 2013 auf einer Konferenz so zusammen gefasst. Schon damals waren die großen Linien zu erkennen:
»Die äusseren Einflüsse -das ist mein Eindruck- werden immer stärker, immer gefährlicher für die Mongolei. Die Mongolei ist dabei, noch stärker eine Art Scharnier zwischen Ost und West zu werden. Sie wird in die Auseinandersetzung der drei großen Mächte einbezogen, die wir alle kennen. Russland, China, die USA, aber dann auch natürlich die kleineren, aber diese drei speziell, die die Absicht haben, die Mongolei - ich möchte mal etwas übertrieben sagen: zu vereinnahmen, aber ich glaube, der Ausdruck ist nicht falsch- und sie für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Man kann das auch als ‚Buhlen um die Mongolei‘ bezeichnen. Ein so kleiner Staat läuft natürlich Gefahr, irgendwann mal diesem Druck nachgeben zu müssen, mehr als man will, und insofern ist eine Art ‚Ausbalancier-Politik‘ natürlich ganz wichtig. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine solche Politik nur funktionieren kann, wenn die mongolische Regierung ein viel stärkeres Augenmerk darauf richtet, die Wirtschaftsbeziehungen gleichmäßiger zu entwickeln. Der Begriff der Drittnachbarpolitik bleibt leer, inhaltslos und ohne Substanz, wenn er nicht durch breite und ausdifferenzierte Wirtschaftsbeziehungen unterfüttert wird. (…) Ich sehe es als eine der größten Herausforderungen der Mongolei an, sich gegenüber dem südlichen Nachbarn zu behaupten. Gegenüber dem südlichen Nachbarn kann man das nur, wenn man die Wirtschaftsbeziehungen zum Westen und zu den anderen demokratischen Staaten in Asien ausbaut.«8
Ein eigenes Kapitel ist den BEZIEHUNGEN DEUTSCHLAND-MONGOLEI gewidmet. Die Beziehungen sind problemlos, wie dies meine Rede Anmerkungen zu 40 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Mongolei zeigt. Auch die Ausführungen zu Freundschaft oder Interessen – Was bestimmt eigentlich das deutschmongolische Verhältnis? verdeutlichen dies. Aber es gibt ein großes Manko: Der bilaterale Wirtschaftsaustausch befindet sich seit Jahren auf einem niedrigen Niveau. Es ist nicht gelungen, das Potential auszuschöpfen. Zwar wurde jahrelang über diverse Großprojekte wie zum Beispiel eine Kohleverflüssigungsanlage gesprochen, und auch erste Schritte zum Kohleabbau in Tavan Tolgoi wurden umgesetzt, aber nichts wurde verwirklicht. Die Mongolei ist nicht der Rohstofflieferant geworden, von Seltenen Erden ganz zu schweigen, wie dies beide Seiten mit dem Rohstoffabkommen induzieren wollten. Die Gründe, weshalb dies nicht gelungen ist und dieser Zustand sich auf absehbare Zeit kaum ändern wird, sind vielfältig. Auf deutscher Seite dürfte der Hauptgrund sein, dass die deutsche Wirtschaft ihren Bedarf auf den Weltmärkten decken kann und davor zurück schreckt, sich langfristig mit Großprojekten in der Mongolei zu engagieren.
Die mongolische Seite hat diese Einschätzung selbst mit verursacht. Der andauernde Streit um Oyu Tolgoi, die fehlende Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Gerichte, Korruption und fehlende beziehungsweise eine marode Infrastruktur, die die Erschließungskosten für Rohstoffvorkommen in die Höhe treibt, sowie Finanzierungsfragen haben ein wenig förderliches Investitionsklima für deutsche Firmen geschaffen.
Ein Erfolg ist die Deutsch-Mongolische Hochschule, deren Aufbau nach dem Besuch von Bundeskanzlerin Merkel 2011 in Angriff genommen wurde. Für mich ist diese Hochschule eines der wichtigsten Felder der bilateralen Kooperation mit positiven, langfristigen Wirkungen für die mongolische Wirtschaft und Gesellschaft. Der Artikel Deutsch-Mongolische Hochschule für Rohstoffe und Technologie (DMHT) beschreibt Gründung und Aufbau der Universität und das Interview German-Mongolian Institute for Resources and Technology (GMIT) vermittelt Details zu Zielsetzung und Arbeitsweise der Universität.
In den letzten Jahren wurde deutlich, dass die Mongolei innerhalb der außenpolitischen Prioritäten Deutschlands einen untergeordneten Platz einnimmt. Das ändert nichts daran, dass es weiterhin in unserem Interesse liegt, mit der Mongolei ein »normales« und wohlwollendes diplomatisches Verhältnis der Kooperation, auch in internationalen Organisationen und der vor allem auch gesellschaftlichen Kontakte zu unterhalten. Nur muss man anerkennen, dass die Mongolei keinen bevorzugten Platz (mehr) einnimmt. Dies zeigt sich deutlich an der Neuordnung der weltweiten deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), wo die Mongolei nicht mehr direkter Partner ist. Der Aufsatz The old days are over: Germany’s Development Cooperation with Mongolia and Foreign Policy untersucht dies.
Der letzte Abschnitt enthält Aufsätze zu touristischen Aspekten der Mongolei. Am Anfang diese Kapitels steht die Schilderung meiner Versetzungsreise mit der Bahn von St. Petersburg, wo ich drei Jahre als Generalkonsul tätig war, über Moskau nach Ulan Bator 2011. Jeder, der ein wirkliches Gespür für die Entfernung zwischen Europa und der Mongolei bekommen möchte, sollte bei einer Reise in die Mongolei eine Richtung per Bahn zurücklegen.
Vor 2011 war ich zweimal in der Mongolei, nämlich 1984 und 1993. Aus 1993 zeige ich eine Anzahl Bilder, die auch die damalige schwierige Situation des Landes verdeutlichen, und wie sich zaghaft eine neue Gesellschaft entwickelte. Zwei äußere Zeichen zeigten den Aufbruch in die neue Zeit: Es gab die ersten westlichen Autos, und in Ulan Bator kleideten sich die Menschen in aus China und Russland herbei geschaffte Jeans und Freizeitjacken. Mit diesen Farbtupfern wurde die ehemalige sozialistische Tristesse nur umso deutlicher. Die Hauptstadt war weiterhin ein grau-braunes, wenig inspirierendes großes Dorf, das eine Laune der Geschichte in die Steppe gesetzt hatte. Auf dem Lande hatte sich noch weniger als in der Hauptstadt geändert.
2011 bot Ulan Bator ein ganz anderes Bild. Die Stadt war lebendig, dynamisch und bunt geworden. Überall wurde gebaut, der Verkehr war kaum noch zu bändigen, und die Stadt platzte aus allen Nähten. Das Kapitel Die Mongolei - gestern und heute zeigt diesen Wandel.
Die Mongolei ist keine gewöhnliche touristische Destination und noch nicht vom Massentourismus erobert. Der von den entwickelten Zielen in der Welt verwöhnte Besucher wird von der touristischen Infrastruktur mitunter enttäuscht sein und muss Abstriche machen. Aber gerade diese Unzulänglichkeiten sind der Reiz. Der Massentourismus und der forcierte Ausbau der Infrastruktur hätten das Risiko, gerade das zu gefährden, weshalb man in die Mongolei kommt, nämlich ihre Ursprünglichkeit in den ländlichen Gebieten, die Einsamkeit und die grandiose Natur und Landschaft und die damit verwobenen materiellen und immateriellen Zeugnisse ihrer Geschichte, die in dieser Kombination einmalig sind.
Je ausgiebiger man sich mit einem Land beschäftigt, desto komplexer stellt es sich dar. Man erkennt neue Zusammenhänge, die Perspektiven und Gewichtungen verschieben sich. Dies spiegelt sich auch in den hier präsentierten Beiträgen.
Meine Artikel sind kritisch, und ich nehme kein Blatt vor den Mund. Die Kritik ist keine Abwertung. Ich beschreibe die Mongolei so, wie sie ist. Dieses Buch enthält sich der Reiseführer-Prosa. Ich muss die Verhältnisse nicht schönschreiben, um Touristen in die Mongolei zu locken und meine Arbeit zu verkaufen. Ich versuche einfach, ein realistisches Bild zu vermitteln, und dazu gehört Lob wie auch Kritik.
In der Mongolei war mir meine Frau Angelika, wie schon in den zwanzig Jahren zuvor, eine treue und hilfreiche Begleiterin. Ihr ist dieses ungewöhnliche Land an’s Herz gewachsen, genau wie mir, und nicht zuletzt deshalb widme ich ihr dieses Buch.
1 Schaller, Peter: Beziehungen zwischen Deutschland und der Mongolei - Stand und Perspektiven. Schlusswort (Audio-Mitschnitt). In: Barkmann, Udo (Hg.): Mongolisch-deutsche Beziehungen – gegenwärtiger Stand und Perspektiven. Ulaanbaatar 2013, S. 301f (Text leicht überarbeitet).
2 Götz, Roland: Postsowjetischer Ressourcenfluch? Reichtum und Autoritarismus. In: Osteuropa, 61. Jahrgang, Heft 7, Juli 2011, S. 3-23.
3 Götz a.a.O., S. 6.
4 Der bekannte Journalist und unermüdliche Kritiker der mongolischen Politik D. Jargalsaikhan drückt dies so aus: »There is a Mongolian saying ‚You will not go hungry, if you follow the live-stock‘. It is now said that one will not go hungry if one follows a political party.« Jargalsaikhan, Dambardajaa: The secret of smart government. Discussions on the making of good public governance. Ulaanbaatar 2014, S. 278.
5 Götz, a.a.O., S. 6.
6 Götz, a.a.O., S. 7.
7 Jargalsaikhan, a.a.O., S. 302, stellt fest: »When the world economy catches a cough, Mongolia directly catches a cold. Furthermore, when the world economy has a cold, Mongolia is already in the emergency room on a life support machine. It is all because Mongolia is too vulnerable.«
8 Schaller, Peter: Beziehungen zwischen Deutschland und der Mongolei - Stand und Perspektiven. Schlusswort (Audio-Mitschnitt). In: Barkmann, Udo (Hg.): Mongolisch-deutsche Beziehungen – gegenwärtiger Stand und Perspektiven. Ulaanbaatar 2013, S. 300f. (Der Text wurde leicht überarbeitet).
Die Mongolei ist ein recht unbekanntes Land. Deshalb möchte ich einen Überblick zu den grundlegenden Fakten von Geographie, Geschichte, Wirtschaft, politischem System und zur Kultur geben. Diese Übersicht und die nachfolgenden Kapitel zeigen, dass sich die Mongolei nicht auf eine Nomadenromantik begrenzen lässt. 9 Vielmehr haben das Land und seine Menschen nicht nur eine komplizierte Geschichte, sondern eine noch kompliziertere Gegenwart.
1. GEOGRAPHIE
Die Mongolei ist ein zentralasiatischer Flächenstaat zwischen Russland (Sibirien) und China, den beiden einzigen Nachbarn. Die Staatsgrenze mit Russland ist 3.485 km, die mit China 4.677 km lang. Die Mongolei verfügt über keinen direkten Zugang zum Meer und gehört damit zur Gruppe der Binnenstaaten oder »Landlocked Countries (LLC)«. Unter den LLC ist sie nach der Fläche der zweitgrößte Staat. Alle Verkehrsverbindungen nach außerhalb führen durch fremdes Territorium, nämlich Russland und China. Diese »Sandwich-Lage« der Mongolei zwischen zwei übermächtigen Nachbarn hat die mongolische Geschichte immer gekennzeichnet. Sie ist auch heute noch einer der wichtigsten Faktoren, die Wirtschaft und Außenpolitik der Mongolei bestimmen.
Die Landesfläche beträgt 1.564 Millionen qkm und ist damit etwa 4,5 mal größer als Deutschland. Nach der Fläche rangiert die Mongolei an 18. Stelle in der Welt und in Asien hat sie den 6. Platz. Geographisch ist die Mongolei ein flaches Hochbecken, das von Gebirgen begrenzt ist. Das Klima ist extrem kontinental und im wesentlichen semi-arid mit großen Unterschieden zwischen Nord und Süd.
Die Nordmongolei gehört zu den südlichen Ausläufern der sibirischen Taiga und ist mit Wald bedeckt, die Zentral- und Ostmongolei ist Teil der mit Gras bewachsenen eurasischen Steppenzone. Diese Steppenzone erstreckt sich über ein riesiges Gebiet und reicht von der Mandschurei bis nach Europa. Wegen Überweidung ist in der Mongolei heutzutage das wogende Grasmeer, das früher die Steppe auszeichnete, kaum noch zu finden. Im Süden liegt die Wüste Gobi, eine Halbwüste beziehungsweise Wüstensteppe, die hauptsächlich aus Schotter und Sand besteht. In ihr finden sich ausgedehnte Ablagerungen von Flugsand und Löß. Der Westen ist durch die bis über 4000 m reichenden Hochgebirge Altai und Tschangai mit eingeschlossenen Becken gekennzeichnet.
Die meisten Niederschläge fallen im Norden und im Westen, vorwiegend im Sommer. Die Schneedecke ist im Winter, außer im Norden und Westen und auf den Gebirgszügen, vergleichsweise dünn. Die beträchtlich nördliche Lage wie auch die mittlere Landeshöhe von rund 1500 Metern, womit die Mongolei einer der höchstgelegenen Staaten der Welt ist, äußern sich in einem sehr kalten Winter. Temperaturen bis zu minus 50 Grad sind vor allem im hochgelegenen Westen möglich. In der Zentralmongolei sind minus 40 Grad üblich. Hauptkennzeichen des Klimas sind extreme Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter, die bis zu 80 Grad C° betragen können, wie auch zwischen Tag und Nacht mit bis zu 20 Grad. Da weitgehend trocken und ohne Bewölkung, zählt die Mongolei mit 257 Sonnentagen im Jahr zu den sonnenreichsten Ländern. Die Sonneneinstrahlung ist aufgrund der Höhenlage sehr intensiv.
Alle größeren Flüsse und stehenden Gewässer befinden sich im Norden und Westen. Der größte Fluss ist die Selenge, die nach Russland in den Baikalsee fließt. Ihr größter Nebenfluss, der Orkhon, spielt in der mongolischen Geschichte eine große Rolle. Der bekannteste See ist der Huvsgul im Nordwesten, der auch »kleiner Bruder« des Baikalsee genannt wird. Der Huvsgul enthält rund 70 Prozent des Trinkwassers des Landes und 0,4 Prozent der Weltvorräte. Es ist der zweigrößte See Asiens mit Wasser in Trinkqualität.
Die Mongolei ist vom weltweiten Klimawandel betroffen. Die Erwärmung liegt über dem Weltdurchschnitt. In den letzten Jahren trocknen immer mehr Flüsse und stehende Gewässer aus. Der zunehmende Bergbau, darunter auch ein ausgedehnter illegaler, der besonders durch die Missachtung von Umweltschutzstandards gekennzeichnet ist, hat zu Umweltproblemen geführt.
2. BEVÖLKERUNG
Die Bevölkerung umfasst knapp 3,3 Mio. (Stand 2021) und ist ethnisch sehr homogen. 94% sind Mongolen. Rund 5 % sind Kasachen, etwas mehr als 1 Prozent Tuwiner. Beide Minderheiten siedeln hauptsächlich im Westen und Nordwesten der Mongolei. Die Landeshauptstadt ist Ulan Bator (Ulaanbaatar), die bei weitem größte Stadt des Landes. Mit etwas mehr als 1,4 Mio. Einwohnern (Stand 2021) lebt fast die Hälfte der Bevölkerung in der Hauptstadt.
Die Landessprache ist Mongolisch. Die Bevölkerungsdichte beträgt rund 2 Einwohner/qkm. Die Mongolei ist damit das am dünnsten besiedelte Land der Welt. Da fast die Hälfte der Bevölkerung in Ulan Bator lebt, ist die Besiedlung der ländlichen Gebiete noch wesentlich dünner als die auf die gesamte Landesfläche bezogene Durchschnittszahl. Der Altersaufbau ist durch einen vergleichsweise hohen Anteil an jungen Menschen gekennzeichnet. 27 % sind unter 15 Jahre alt. Der Anteil der über 65jährigen beträgt knapp 4 %.
Steppe im Frühling.
Schnee-Gebirge in der West-Mongolei.
Eines der Kennzeichen Ulan Bators sind die Jurtenviertel (Gerviertel), die vor allem am nördlichen und westlichen Stadtrand liegen. Sie sind durch den ungeordneten Zuzug aus den ländlichen Gebieten entstanden und dehnen sich weiter aus. Die nächst größeren Städte Erdenet und Darchan liegen bei rund 80.000 Einwohnern. Die übrigen Städte sind wesentlich kleiner. Ulan Bator ist durch eine hohe Luftverschmutzung im Winter gekennzeichnet und zählt zu den am stärkten verschmutzten Städten der Welt.10
Die vorherrschende Religion ist der lamaistische Buddhismus. Aufgrund der Dominanz dieses Glaubens versteht sich die Mongolei als einziger buddhistischer Staat der Welt. Die kasachische Minderheit bekennt sich zum Islam. Darüber hinaus gibt es eine geringe Anzahl Christen. In der Mongolei gilt die Religionsfreiheit.
3. GESCHICHTE
Die Mongolei ist seit frühester Zeit besiedelt. Zeugnis dieser vorgeschichtlichen Besiedlung sind Steingräber, die sich überall im Lande finden. Im 3. Jahrhundert v. Chr. entstand das Reich der Hunnen (Xiongnu) auf mongolischem Gebiet. Das Hunnenreich gilt als erste staatliche Organisation der Mongolen. 600 Jahre später, im 3. Jahrhundert n. Chr., dringen die Hunnen nach dem Zerfall des Xiongnu-Reiches nach Europa vor und sind mit ein Auslöser der Völkerwanderung. Die Hunnen werden unter ihrem bekanntesten Anführer Attila auf den Katalaunischen Feldern (in der Champagne) zurück geschlagen und ziehen sich nach Osten zurück. Vom 6.-12. Jahrhundert n. Chr. besiedeln Turkvölker das Gebiet der Mongolei und gründen dort Reiche. Materielle Nachweise der Turkvölker sind Grabstätten und Steinanlagen.
Das Reich Dschingis Khans und seiner Nachfolger ist der Höhepunkt der mongolischen Geschichte. Dschingis Khan wird 1162 als Temudschin geboren. Ihm gelingt es als Klanchef der Kijat-Mongolen mit Glück und Entschlossenheit, die Mongolenstämme zu vereinen. 1206 wird er durch alle mongolischen, türkischen und tatarischen Steppenvölker zum »höchsten Herrscher« (Dschingis Khan) gewählt. Dieses Datum der Reichsgründung hat zentrale Bedeutung für Selbstverständnis und Nationalgefühl der heutigen Mongolei. In Kriegszügen zwischen 1206-25 erobert Dschingis Khan Nord- und Nordostchina sowie das heutige Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan, Teile des Iran und der Türkei. Er etabliert eine Rechtsordnung (Jassa-Gesetz), die er konsequent durchsetzt. Das mongolische Gesetz gilt im ganzen Reich und schafft stabile und sichere Verhältnisse (pax mongolica). Unter Dschingis Khans Nachfolgern wird Karakorum, westlich des heutigen Ulan Bator in der vom Fluss Orkhon durchflossenen Ebene gelegen, Hauptstadt und Mittelpunkt eines geordneten und straff regierten Weltreiches.
Nahe der »Geierschlucht« bei Dalanzadgad.
Khentii Gebirge.
1227 stirbt Dschingis Khan. Sein Reich wird unter seine vier Söhne Dschöti, Tschagatai, Tulul und Ogödei aufgeteilt. Ogödei wird Großkhan. Dschingis Khans Söhne und Enkel setzen die Eroberungen fort. Ogödei vollendet die Unterwerfung Nordchinas und Persiens. Der Enkel Batu stößt nördlich des Kaspischen Meeres nach Westen vor. Die nordrussischen Fürstentümer werden im Winterfeldzug 1237/38 vernichtet. Kiew fällt 1240. Danach dringen die Mongolen in die Walachei, nach Ungarn und nach Polen ein. 1241 vernichten sie ein deutsch-polnisches Ritterheer in der Schlacht bei Liegnitz (Wahlstatt). Ein paar Tage später schlägt ein zweites Mongolenheer die Streitmacht des ungarischen Königs. Das mongolische Herr setzt seinen Zug nach Westen aber nicht fort, sondern kehrt wegen des Todes des Großkhans Ogödei und der damit nötigen Wahl eines Nachfolgers nach Osten zurück.
Auf der Höhe seiner Macht ist das mongolische Reich das größte Landreich der Geschichte. Es umfasst etwa ein Drittel der damals bekannten Welt.
Das 14. und 15. Jahrhundert sieht den Niedergang der mongolischen Teilreiche. Mit dem Tode des Großkhans Möngke (1259) geht die Einheit des Mongolenreichs zu Ende. Die Reiche im Osten (Reich des Großkhans - Tibet, China, Mongolei und Nordostasien bis zum Amur), das Khanat der Goldenen Horde (Westsibirien, Russland einschließlich Ukraine) und das Reich der Ilkh-Khane (Persien, Kaukasus, Osttürkei) gehen eigene Wege und zerfallen. Die Autorität des Großkhans beschränkt sich auf das östliche Reich.
Nach etwa 100 Jahren zerbrechen das Ilkh-Khanat und das Reich des Großkhans: 1388 erobert die Ming Dynastie die Hauptstadt Karakorum. Das Reich der Goldenen Horde in Russland hat länger Bestand. Es wird zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom russischen Zaren Iwan III. endgültig zerschlagen; 1502 zerstören Kosaken die Hauptstadt Sarai an der Wolga.
Yaks im Arkhangai Aimag.
Neolithisches Grab in der Gobi.
In den folgenden Jahrhunderten beherrscht die Mandschu-Dynastie die Mongolei (ab 1644 Qing-Dynastie), die ein Vasallenstaat wird. Die mongolische Oberschicht arbeitet mit den chinesischen Herrschern zusammen und erhält von diesen wirtschaftliche und soziale Privilegien. Im 19. Jahrhundert dringen chinesische Bauern weit in die südliche Mongolei vor (in China Innere Mongolei genannt) und lassen sich auf den besten Weidegründen als Ackerbauern nieder. Chinesische Handelshäuser, bei denen einfache Mongolen wie auch die Oberschicht hoffnungslos verschuldet sind, dominieren das wirtschaftliche Leben.
Anfang des 20. Jahrhunderts organisiert sich Widerstand gegen die chinesische Herrschaft. Den Zusammenbruch der Qing-Dynastie 1911 nutzen die Mongolen, um mit russischer Unterstützung die Mongolei für unabhängig zu erklären. Die Chinesen werden vertrieben. Staatsoberhaupt wird der achte Bogd Gegen als geistliches und weltliches Oberhaupt, der zum Bogd Khan ernannt wird.
Im zwischen der (Äußeren) Mongolei, China und Russland geschlossenen Vertrag von Kjachta 1915 erhält China die Kontrolle über die Innere Mongolei, die (Äußere) Mongolei wird selbständig. 1918 nutzt China die Schwäche des als Folge der Oktoberrevolution im Bürgerkrieg befindlichen Russlands zum Einmarsch in die Mongolei, die kapituliert. Der russische Bürgerkrieg greift auf die Mongolei über. Der antibolschewistische »weiße« Zarengeneral Baron von Ungern-Sternberg zieht sich 1920 vor den erstarkenden Sowjets in die Mongolei zurück und erobert im Februar 1921 die mongolische Hauptstadt Urga (Ulan Bator) und vertreibt die Chinesen. Er gibt seinen Truppen die Stadt zur Plünderung frei. Gemeinsam mit der neuaufgestellten Mongolischen Revolutionären Volksarmee unter Sukhbaatar erobern die bolschewistischen »roten« Truppen im Juli 1921 Urga. Das von Ungern-Sternberg errichtete Terrorregime ist damit zu Ende. Seine Terrorherrschaft verschonte auch nicht die Mongolen, die ihn als Befreier von den Chinesen gesehen hatten. Ungern-Sternberg wird im Herbst desselben Jahres in Nowosibirsk hingerichtet.
Ungern-Sternberg ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Völker aufgrund ihrer geschichtlichen Erfahrung urteilen. Sieht der Westen den Baron als halb verrückten Psychopathen, so haben die Mongolen trotz des Terrors ein positives Bild: Für sie hat Ungern-Sternberg die Mongolei von den Chinesen befreit, indem er Urga eroberte.
Nach dem Tode des Bogd Khan 1924 verabschiedet die Mongolei am 26. November desselben Jahres eine am sowjetischen Modell ausgerichtete Verfassung. Als Mongolische Volksrepublik wird die Mongolei nach der Sowjetunion der zweite kommunistische Staat der Welt.
In den folgenden Jahrzehnten wird das Land nach dem Vorbild der UdSSR wirtschaftlich und gesellschaftlich umgestaltet. Die Nomaden werden kollektiviert und in Kolchosen sowjetischer Prägung gezwungen. In den 1960er-Jahren beginnt eine auf den Bodenschätzen basierende Industrialisierung einschließlich der Gründung von Bergbaustädten wie Darchan und Erdenet. Sowjetische Geologen erkunden mit ihren mongolischen Kollegen sowie solchen aus anderen Ländern des RGW, wie etwa der DDR und der Tschechoslowakei, die Rohstoff-Lagerstätten des Landes. Zehntausende junge Menschen werden zur beruflichen Ausbildung und zum Studium in die UdSSR sowie in andere sozialistischen Staaten geschickt. Ein großer Anteil wird in der DDR ausgebildet. Es entsteht eine Basisinfrastruktur einschließlich eines Gesundheits- und Bildungssystems. Die finanzielle und materielle Unterstützung der UdSSR ist enorm. Von strategischer Bedeutung ist der Bau der 1955 fertiggestellten Transmongolischen Eisenbahn von der russischen Grenze nach China als Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn. Sie wird zur Lebensader der Mongolei.
Vier Generationen - Gandan Kloster (Ulan Bator).
Ein Hirte schmückt sein Pferd - Zentralmongolei.
Die Mongolische Revolutionäre Volkspartei als kommunistische Einheitspartei ist Befehlsempfänger des Kreml. Selbst von am stalinistischen Vorbild orientierten Säuberungen bleibt das Land nicht verschont. 1937/38 erreicht die Repression von politischen Gegnern und Religionsvertretern einen Höhepunkt. Die Mönche werden aus den Klöstern vertrieben und die Klöster werden zerstört. Nur das Gandan-Kloster in Ulan Bator bleibt erhalten und dient der kommunistischen Propaganda zur Demonstration angeblicher religiöser Toleranz.
Die Mongolei ist ein sowjetischer Satellitenstaat ohne wirkliche eigene Aktionsmöglichkeiten. Sie dient der UdSSR als Puffer und Verteidigungszone gegen das einst verbündete, nach dem Schisma der kommunistischen Weltbewegung zu Beginn der 1960er-Jahre aber verfeindete China. Die sowjetische Truppenpräsenz im Lande ist beträchtlich.
Wie in der Sowjetunion und den europäischen sozialistischen Staaten gerät im Laufe der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die kommunistische Partei der Mongolei an ihre Grenzen. Die durch Gorbatschows Glasnost eingeleitete politische Wende in der UdSSR und in ihrer jeweils spezifischen Ausprägung in den europäischen Volksdemokratien erreicht auch die Mongolei. 1989 formiert sich die politische Opposition. Das sozialistische System bricht 1990 nach friedlichen Demonstrationen in Ulan Bator zusammen. Am 29.06.1990 werden die ersten freien Parlamentswahlen abgehalten. Seitdem entwickelt sich die Mongolei zu einem demokratischen und marktwirtschaftlichen Staat und einer freiheitlichen Gesellschaft. Die Demokratie hat jedoch erhebliche Schwächen.
4. POLITISCHES SYSTEM
1992 schuf sich die Mongolei mit einer neuen Verfassung einen Rahmen, der den neuen Entwicklungen im Lande Rechnung trug. Der Sozialismus wurde entsorgt. Seitdem hat sich die Mongolei in Richtung Demokratie und Markwirtschaft entwickelt. Der Transformationsprozess zeigt in allen Dimensionen Fortschritte, die in vielen Bereichen über das in anderen Transformationsländern Erreichte hinausgehen. Das politische System hat aber gravierende Ungleichgewichte zwischen den drei Gewalten, die auch durch die neuesten Verfassungsänderungen von 2020 nicht beseitigt wurden. Die verfassungsmäßig vorgegebenen Rechte und Befugnisse von Präsident, Regierungschef und Parlament konkurrieren miteinander. Die Rechtsprechung unterliegt politischer Einflussnahme. Die Mängel des politischen Systems führen dazu, dass die Mongolei ihre prinzipiell gegebenen Entwicklungschancen nicht voll ausschöpfen kann.
Naadam-Pferderennen auf dem Lande.
Hirte in der Gobi.
Laut Verfassung ist die Mongolei eine Republik mit parlamentarischer Demokratie und Gewaltenteilung (Parlament, Regierung, Rechtsprechung) und dem Rechtsstaatsprinzip verpflichtet. Das Parlament (Großer Staatskhural) ist die höchste Macht im Staate. Die Stellung des Staatspräsidenten ist als Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates und Oberkommandierender der Streitkräfte recht stark. Der Präsident kann gegen Gesetze sein Veto einlegen und kann nur mit einer Zweidrittel-Mehrheit des Parlaments überstimmt werden. Die Macht des Regierungschefs ist durch die beherrschende Stellung des Parlaments wie auch die Position des Staatspräsidenten beschnitten. Das Parlament wird in allgemeinen und freien Wahlen für jeweils vier Jahre gewählt. Der Präsident wird in einer nationalen Wahl für 6 Jahre gewählt; eine Wiederwahl ist nicht möglich. 11 Verwaltungsmäßig gliedert sich das Land in 21 Aimags (mit Provinzen vergleichbar) und weiteren Untergliederungen in jeder Provinz.
Die Mongolei bekennt sich zu den Menschen- und Bürgerrechten, der Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft und zu einer auf Ausgleich und Frieden gerichteten Außenpolitik. Sie ist Mitglied aller wichtigen internationalen Organisationen und auch der OSZE.
Der in den letzten Jahren durch den Rohstoffboom ausgelöste gesellschaftliche Wandel stellt Regierung und Gesellschaft vor große Herausforderungen. Es kommt darauf an, Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen zu vermeiden und den Zusammenhalt der Gesellschaft durch eine Vermögensverteilung zu sichern, die insbesondere den Anteil der Armen drastisch verringert (landesweit etwa ein Drittel), den ausgewogenen Zugang zu Arbeit und weiterführender Bildung sichert sowie die Lebensbedingungen u.a. durch den Ausbau der Infrastruktur verbessert. Zudem muss die ökologisch prekäre Situation des Landes bekämpft werden. Zu den Bedrohungen zählen u.a. Desertifikation, Überweidung, Wasser- und Luftverschmutzung in den größeren Städten sowie die ökologische Belastung durch den Abbau von Rohstoffen. Besondere ökologische und infrastrukturelle Probleme stellt die immer weiter wachsende Hauptstadt Ulan Bator, in der fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung lebt. Die Luftverschmutzung in den Wintermonaten ist zwar geringer geworden, ist aber weiterhin eine große Belastung.
Regierungssitz mit Dschingis Khan-Statue in Ulan Bator.
Gebäude des Außenministeriums in Ulan Bator (Vordergrund).
5. AUSSENPOLITIK
Die Außenpolitik der Mongolei ist durch ihre geostrategische Position zwischen den beiden großen Nachbarn Russland und China bestimmt (Sandwich-Lage). Die Mongolei ist auf ein ausgewogenes und gedeihliches Verhältnis mit diesen Staaten angewiesen.
Eingeklemmt zwischen zwei übermächtigen Nachbarn, hat die Mongolei das Konzept des »Dritten Nachbarn« entwickelt. Sie sucht, um Gegengewichte zu schaffen, eine stärkere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den führenden asiatischen Demokratien und Wirtschaftsmächten (hauptsächlich Japan und Südkorea), den USA sowie Europa und der EU, und hier vor allem mit Deutschland. 2013 haben die EU und die Mongolei ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen abgeschlossen, das die Grundlage für eine weitere Entwicklung der Beziehungen in allen Bereichen legt. Die Mongolei orientiert sich explizit an europäischen/westlichen gesellschaftlichen und politischen Normen und Werten, ohne jedoch ihre eigene Tradition und Kultur zu vernachlässigen.
Ein weiterer wichtiger Grundstein der mongolischen Außenpolitik ist ihre engagierte Mitarbeit in internationalen Organisationen, wozu auch Friedensmissionen der UNO gehören. In der »Gemeinschaft der Demokratien« konzentriert sich die Mongolei auf Demokratieförderung und -erziehung vor allem in Asien. Sie ist Partnerland der NATO und hat Beobachterstatus in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit.
6. WIRTSCHAFT
Der Mongolei bieten sich auf der Grundlage ihres Rohstoffreichtums gute Chancen, eine wohlhabende Gesellschaft aufzubauen, sofern die richtigen rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen beziehungsweise verbessert und vor allem gesichert werden.
Die Mongolei verfügt über große Vorkommen vor allem an Kohle (einschließlich besonders hochwertiger Sorten), an Gold, Kupfer, Eisenerz, an wertvollen Metallen (wie z.B. Zinn, Molybdän) und Flussspat, einschließlich Seltener Erden und Uran. Alle Elemente des Periodensystems sind vertreten. Die Mongolei ist zwar ein rohstoffreiches Land, aber gemessen an den einzelnen bisher explorierten Vorkommen gehört sie nicht zu den Top-Ten-Ländern der Erde. Die einzige Ausnahme ist Flussspat (Fluorit), der nicht nur in Unmengen vorkommt, sondern auch in hohen Konzentrationen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Land geologisch nur unzureichend erforscht ist. Weitere Entdeckungen bedeutender Vorkommen sind zu erwarten, so dass sich die weltweite Einordnung der Mongolei ändern kann und sehr wahrscheinlich auch wird. Speziell bei hochwertiger Kohle werden signifikante Lager vermutet.
Die zentralen Lagerstätten befinden sich schwerpunktmäßig im Süden des Landes in der Wüste Gobi nahe der chinesischen Grenze. Herausragend sind die Kohlelager von Tavan Tolgoi sowie die Gold-, Silber- und Kupferlagerstätte Oyu Tolgoi. Sie zählen zu den bedeutendsten ihrer Art weltweit. Oyu Tolgoi ist für den Löwenanteil der bisherigen Investitionen in der Mongolei verantwortlich. Ebenso spielen die Gold-, Kupfer -, Silber- und Molybdänlager von Erdenet, deren Ausbeutung bereits zu sozialistischer Zeit begann, eine herausragende Rolle. Der Bergbau trägt 30% zum BIP bei. Die Industrie, hier insbesondere der Bausektor, umfasst 32%, die Landwirtschaft rund 15%, Transport und Handel kommen auf etwas mehr als 20 Prozent. Sogenannte strategische Rohstofflager behält der Staat unter seiner Kontrolle. Die Handelsbilanz der Mongolei zeigt die typische Struktur einer Volkswirtschaft, die auf dem Export von unverarbeiteten Rohstoffen basiert und auf die fast vollständige Einfuhr von Maschinen, Ausrüstungen und Fertigprodukten angewiesen ist. Die Hauptdestination für Exporte ist die Volksrepublik China mit fast 90 %.
Die Mongolei ist bei Erdölprodukten und Treibstoff völlig auf Importe angewiesen. Sie bezieht 90% ihres Treibstoffes und sonstiger Rohölderivate aus Russland und 4% aus China, und die restlichen 1% stammen aus anderen Quellen. Der steigende Bedarf an Elektrizität ist zu einem Viertel nur mit Importen aus Russland und China zu decken.
Wertschöpfungsketten existieren kaum und schöpfen das Potential nur zu einem geringen Teil aus (Eisen- und Kupferkonzentrat, verarbeitete Kaschmirwolle). Die Diversifizierung der Wirtschaft, die die Abhängigkeit von Rohstoffexporten mildern und Einkünfte steigern könnte, kommt kaum voran. Kleine und mittlere Unternehmen sind unterrepräsentiert. Ein landesweites Problem ist ausreichend qualifiziertes Personal in praktischen und Handwerks-Berufen.
Der Rohstoffboom hat der Mongolei 2011 ein Wachstum von knapp über 17% beschert. In den Folgejahren aber ging das Wachstum bedeutend zurück und stieg 2019 wieder an. Die Ursachen dieser großen Schwankungen waren eine verfehlte Wirtschafts- und Investitionspolitik sowie die volatile Preisentwicklung der Rohstoffmärkte.
Das Pro-Kopf-Einkommen betrug 2019 rund 4.200 USD bei allerdings sehr ungleichmäßiger Vermögensverteilung. 2020 war es auf knapp unter 4.000 USD gefallen; für die folgenden Jahre wird ein Anstieg erwartet. Rund ein Drittel der Bevölkerung gilt als arm. Die Armut ist konzentriert auf die Randgebiete Ulan Bators (Zuwanderung aus dem Lande) sowie anderer größerer Städte, die sogenannten Ger-Viertel.
Die traditionelle Nomadenwirtschaft ist in der Mongolei weiterhin verbreitet. Die Zahl der Viehzüchterfamilien hat sich zwar durch Abwanderung vor allem nach Ulan Bator in den letzten Jahren stetig verringert, die Zahl der Tiere hat aber zugenommen und erreichte mit der letzten Zählung 2021 den Rekordwert von 67,3 Millionen. Besondere Bedeutung hat die Kaschmirziege. Mongolisches Kaschmir gilt als das beste der Welt. Der größte Teil der Wolle wird jedoch unverarbeitet mit Schwerpunkt nach China exportiert, womit die Möglichkeiten einer Wertschöpfung nicht ausgenutzt werden. Der enorme Viehbestand gilt wegen Überweidung der empfindlichen Grassteppe, verbunden mit einem Klimawandel, der die Austrocknung des Landes verstärkt, als sich verschärfendes ökologisches Problem (Desertifikation).
Die Verkehrsinfrastruktur des Landes ist unterentwickelt. Das Netz von asphaltierten Straßen, das in den letzten Jahren auf etwa 7.000 Kilometer erweitert wurde, ist angesichts der Größe des Landes viel zu gering. Die Hauptstrecke der Eisenbahn, d.h. die Transmongolische Bahn als Teil der Verbindung Moskau-Peking, die von der russischen Grenze von Nord nach Süd durch die Mongolei läuft mit Ulan Bator als Hauptstation, ist einspurig und modernisierungsbedürftig. Ein groß angelegtes Programm zum Ausbau des Eisenbahnnetzes in Ost-West-Richtung sowie Stichbahnen für den Rohstofftransport von der Wüste Gobi nach China sollen die Mongolei besser erschließen und insbesondere die durch den LKW-Transport von Rohstoffen nach China verursachte Umweltbelastung in der Gobi mindern. Das Programm stagniert aber.
Die Wirtschaft des Landes hat mit schwierigen natürlichen und geographischen Bedingungen zu kämpfen. Die Hauptlagerstätten für Rohstoffe in der Wüste Gobi liegen in niederschlagsarmen Gebieten, wo man auf fossiles, im Boden liegendes Wasser zurückgreifen muss, da das Oberflächenwasser nicht ausreicht. Die extreme Kälte im Winter stellt Menschen und Material vor besondere Herausforderungen. Die Erschließung und Versorgung neuer Lagerstätten ist wegen fehlender Verkehrsinfrastruktur aufwändig.
Als Binnenstaat hat die Mongolei keinen direkten Zugang zum Meer, was die Transporte in beide Richtungen verteuert. Die Verbindungen zum Pazifik laufen durch China bzw. den Fernen Osten Russlands, die nach Europa durch Sibirien und Westrussland. Hier ist die Mongolei auf gedeihliches Miteinander mit den beiden großen Nachbarn angewiesen.
Die Mongolei hat einen riesigen Modernisierungsbedarf in allen Bereichen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Sie benötigt neue Eisenbahnlinien, Straßen, Brücken, Flughäfen. Das landesweite Stromnetz sowie die Produktionskapazitäten müssen ausgebaut werden, um den steigenden Energiebedarf zu befriedigen. Das elektrische Verteilernetz muss sicherer werden. Anlagen zur Aufbereitung von Abwasser sind entweder nicht existent oder völlig überaltert. Das Wasserversorgungssystem muss modernisiert werden, auch um horrende Verluste zu vermeiden. Der rationelle Umgang mit Frischwasser ist angesichts des ariden Klimas und zunehmender Austrocknung durch den weltweiten Klimawandel ein dringendes Gebot. Müllentsorgung, Mülldeponie und Müllverwertung sind unzureichend. Angesichts des kalten Klimas ist die energetische Sanierung der bestehenden Bausubstanz eine Priorität.
Kohlelager in Tavan Tolgoi.
Mine in Erdenet.
Die Erzeugung von Wärme und Elektrizität basiert in der Mongolei fast völlig auf Kohle. Dies wird in absehbarer Zukunft die Basis der Versorgung bleiben. Hier gibt es Bedarf an der Modernisierung bestehender sowie dem Bau neuer, die Umwelt möglichst wenig belastender Kraftwerke. Die nationale Planung sieht ergänzend die Nutzung erneuerbarer Energien vor mit Schwerpunkt Wind- und Sonnenenergie, wozu sich die Mongolei aufgrund ihrer klimatischen Verhältnisse anbietet. Der erste große Windpark wurde 2013 im zentralen Töv Aimag gebaut. Andere folgten, sie decken aber nur einen Bruchteil des Bedarfs. Auch Biomasse ist angesichts des starken Viehbestandes im Gespräch.
Drängende Probleme hat Ulan Bator, wo fast die Hälfte der Bevölkerung lebt. Der gesamte Bereich kommunaler Dienstleistungen, Verkehrs- und Stadtplanung ist unterentwickelt. Die Hauptstadt benötigt ein modernes öffentliches Nahverkehrssystem, Brücken, Umgehungsstraßen und Fußgängerunterführungen. Verbesserungen der letzten Jahre reichen nicht. Die ausgedehnten Jurtensiedlungen am Rande der Hauptstadt müssen saniert werden. Besondere Dringlichkeit hat in Ulan Bator die Bekämpfung der Luftverschmutzung in den Wintermonaten.
Die Landwirtschaft hat ebenfalls Verbesserungsbedarf. Rationelle und moderne Produktionsweisen in Tierhaltung und Ackerbau sind gefragt. Die enormen Fleischreserven werden nur unzureichend genutzt, insbesondere zum Export. Erste Erfolge sind in den letzten Jahren sichtbar. Hier kommt es darauf an, eine qualitativ gleichmäßige und stabile Produktion sicher zu stellen. Mongolisches Fleisch ist »Biofleisch«, da die Tiere ganzjährig auf den Weiden sind und sich von natürlich wachsenden Gräsern und Kräutern ernähren, die für ein kräftiges Fleisch-Aroma sorgen.
Das Gesundheitswesen ist dringend modernisierungsbedürftig. Oft ist selbst die grundlegende Hygiene nicht gesichert. Wer es sich leisten kann, der reist für schwierigere Eingriffe und Behandlungen nach China, Südkorea oder Europa.
Die touristische Infrastruktur ist dünn. Das betrifft vor allem die ländlichen Gebiete. In den Provinzstädten finden sich kaum Hotels für höhere Ansprüche. Die von den Urlaubern bevorzugten Jurten (Ger)-Camps, ohne die eine Mongolei-Reise nicht denkbar ist, erfüllen nur teilweise die Erwartungen der Gäste.
7. KULTUR
Die traditionelle nomadische Kultur unterscheidet sich bedeutend von der sesshafter Völker, und der Konflikt zwischen sesshaften und nomadischen Völkern bestimmte über weite Epochen die eurasische Geschichte. Der Nomade muss immer beweglich sein. Er kann sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht belasten. Die unstete Lebensweise und der begrenzte Raum einer Jurte schränken die Möglichkeiten ein, sich mit materiellen Gütern zu umgeben.
Die nomadische Kultur und das gesellschaftliche Bewusstsein leben von den mündlich in Geschichten und Erzählungen sowie in Liedern und Gesängen von Generation zu Generation weiter gegebenen Traditionen. Musik und Gesang spielen eine große Rolle. Die nomadische Kultur ist keine der Schrift, der Bücher und Paläste.
Auch in der mongolischen Küche zeigt sich die Einfachheit der Lebensweise. Sie besteht traditionell aus gekochtem Fleisch und Milchprodukten.
Eine besondere Ausprägung des mongolischen Gesangs ist der Kehlkopfgesang (Obertongesang). In Begleitung der berühmten Pferdekopfgeige ist er ein eigenständiges Merkmal der mongolischen Kultur und seit 2010 Bestandteil des immateriellen Menschheitserbes der UNESCO. Die traditionelle Musik, zu der auch verschiedene Saiten- und Blasinstrumente sowie Trommeln gehören, spielt auch heute noch eine große Rolle.
Genauso wichtig für das kulturelle Selbstverständnis sind die traditionellen Sportarten Bogenschießen, Reiten und Ringkampf, deren Etablierung auf Dschingis Khan zurückgeht. Sie werden während des jährlich stattfindenden Naadam-Festes im ganzen Lande praktiziert. Mongolische Ringer reüssierten nach der politischen Wende in Japan als Sumo-Ringer. Die erfolgreichsten von ihnen sind in der Mongolei sehr populär.
Die Nomaden sind aufgrund ihrer Lebensweise der Natur enger verbunden als der sesshafte Mensch. Sie respektieren die Natur und greifen nur so stark in ihre Umwelt ein, wie für das Überleben notwendig ist. Über tausende von Jahren hat sich bei ihnen ein Gefühl für das zerbrechliche Gleichgewicht ihrer natürlichen Umgebung entwickelt. Die Erde ist heilig und darf nicht verletzt werden. Nomaden leben im Rhythmus der Jahreszeiten und im Einklang der natürlichen Ordnung der Dinge. Die Grundidee des industriellen Zeitalters, nämlich die Natur zur Ausbeutung für menschliche Zwecke zu unterwerfen, ist dem Nomaden fremd.
Ein Ausdruck dieser Naturverbundenheit und speziellen Spiritualität ist der Schamanismus/Tengrismus. Mit der Religionsfreiheit seit der Wende ist nicht nur der Buddhismus wieder aufgelebt, sondern auch dieser Naturglaube. Die Eingriffe des Bergbaus in die Natur und die ökologischen Folgen bringen den Nomaden mit seinen jahrtausendealten Vorstellungen in einen Gegensatz zur Ausbeutung der Rohstoffvorkommen, was auch in der politischen Diskussion eine Rolle spielt.
Die Mongolei ist stolz auf ihren Status als buddhistisches Land, denn der Buddhismus ist mangels fehlender anderer Glaubensgemeinschaften von Gewicht praktisch eine Staatsreligion. Dies drückte sich 2014 in der Einsetzung des 9. Bogd als spirituellen Führer der mongolischen Buddhisten aus. Der Bogd ist dem Dalai Lama »unterstellt«. Damit knüpft der mongolische Buddhismus an eine jahrhundertealte Tradition an, die bis ins 17. Jahrhundert (1635) zurück reicht. Der letzte (achte) Bogd Khan herrschte als geistlicher und weltlicher Herrscher von 1911 bis zu seinem Tode 1924. Danach wurde mit der Einführung des Sozialismus der Buddhismus unterdrückt.
Holzgerüst einer Jurte (Ger).
Container-Reparaturwerkstatt (Sainschand).
