Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dem bunten Epochenauftakt der Reformpädagogik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, mit dem, so Heiner Barz in seinem Beitrag zum Kursbuch 193, die emphatische Rede vom Eigenrecht des Kindes aufkam, folgte zunächst die Konsolidierung der alternativen Konzepte und später – nach einigen verstörenden Skandalen – die (selbst)kritische Auseinandersetzung mit den problematischen Anteilen der jeweiligen Strömungen. Inzwischen gehe es aber auch in ihnen vorrangig darum, Perspektiven zu entwickeln, die den kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen sind – Stichwort: Reformpädagogik 4.0. So sollte zum Beispiel, meint der Autor, die oft "bemerkenswert kenntnisfreie" Skepsis insbesondere der deutschen Pädagogik gegenüber dem Einsatz elektronischer Medien im Unterricht – wiewohl von deren Segnungen auch keine schulischen Wunder zu erwarten seien – einer eher pragmatisch orientierten Haltung Platz machen und die Annäherung an die Lebenswirklichkeit der heutigen Schüler gewagt werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 29
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Inhalt
Heiner BarzMontessori & Co.Eine kurze Geschichte der Reformpädagogik
Der Autor
Impressum
Heiner BarzMontessori & Co.Eine kurze Geschichte der Reformpädagogik
Pädagogische Reformer gab es zu allen Zeiten. Seit es Schulen und Akademien, also in irgendeiner Form institutionalisiertes Lernen mit Lehrern und Lernenden gibt, gibt es auch die Kritik daran. Kritik, die sich vielleicht in erster Linie »nur« gegen die Konkurrenz richtete – wie etwa bei Platon, der schon vor über 2000 Jahren den Sophisten vorwarf, sich auf überzeugende Rhetorik statt auf die Inhalte und den Wahrheitsanspruch zu konzentrieren. Ein anderes Mal wurde Methodeninnovation gefordert – wie schon im ersten multimedialen Unterrichtswerk der Geschichte, im berühmten Orbis sensualium pictus (»Die sichtbare Welt«, eine Art bebildertes Sachkundebuch) des Johann Amos Comenius aus dem Jahr 1658. Nie zuvor jedoch hatte eine derart breite und bunte Bewegung die Pädagogen aller Länder ergriffen wie in der Zeit, die als Epoche der Reformpädagogik Eingang in die pädagogische Geschichtsschreibung gefunden hat. In programmatischen Streitschriften – 1900 erschien etwa Ellen Keys Das Jahrhundert des Kindes – und auf zahllosen Kongressen verschaffte sich eine mehr oder weniger stark explizierte, umfassende Kultur- und Bildungskritik Gehör.
Trotz aller Vielfalt und Buntheit der unterschiedlichen Richtungen und Protagonisten lassen sich einige wesentliche Gemeinsamkeiten der pädagogischen Aufbruchsstimmung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts identifizieren. Zentral ist die emphatische Betonung des Eigenrechts des Kindes, die in einer Pädagogik vom Kinde aus verwirklicht werden soll. Das schöpferische Gestalten liefert ein zentrales Paradigma, Kunst in den verschiedenen Sparten (zum Beispiel immer wieder Tanz, Theater, Kunsthandwerk) wird als Erziehungsmittel wichtig. Erziehen selbst soll als künstlerischer Akt verstanden werden. Nicht einzelne Fertigkeiten und Facetten des Menschen, der ganze Mensch soll Gegenstand der ganzheitlichen Menschenbildung werden. Insbesondere sollen Bildung und Erziehung aus ihrer Verengung auf die intellektuelle Dimension befreit werden und den Menschen als körperliches, emotionales und soziales Wesen ansprechen. Schülerinnen und Schülern soll aktive Selbsttätigkeit ermöglicht werden. Die natürliche Lernfreude übernimmt die steuernde Funktion – anstelle von rigiden Vorgaben der Inhalte, Methoden und Organisationsformen, die oft nur mit Zwang durchgesetzt werden können. Ein harmonisches, partnerschaftliches Konzept der Schule als Lebensraum soll durch bewusst gestaltete Räume, manchmal in besonderer Architektur, unterstützt werden. Auch Feste und Feiern haben einen hohen Stellenwert. Den alten pädagogischen Konzepten wird ein neues, oft geradezu religiös verklärtes neues Konzept entgegengestellt, das letztlich den Neuen Menschen hervorbringen beziehungsweise ermöglichen soll.
Die praktische Verwirklichung dieses theoretischen Programms war das Anliegen der nicht nur in Deutschland, sondern international in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in großer Zahl entstehenden pädagogischen Reformprojekte. Ob man an John Dewey (1859–1952) in den USA, an Anton Semjonowitsch Makarenko (1888–1939) in der Sowjetunion, an Maria Montessori (1870–1952) in Italien, an Célestin Freinet (1896–1966) in Frankreich, an Alexander Sutherland Neill (1883–1973) in England oder an Rudolf Steiner (1861–1925) in Österreich-Ungarn denkt, der in Deutschland seine erste Schule konzipierte und in der Schweiz den Hauptsitz seiner Bewegung installierte – die Ideen der Erneuerung der Gesellschaft durch Bildung und die Ausarbeitung neuer Bildungskonzepte waren von Anfang an ein internationales Programm. Ein Programm, dem jeweils auch ein weltanschaulich grundiertes Sendungsbewusstsein zugrunde lag, insofern die pädagogischen Bemühungen letztlich auch immer mit gesellschaftspolitischen Zielen verknüpft waren. Man wollte nicht nur diese oder jene Erziehungsmethode einführen, dieses oder jenes Bildungsziel erneuern – man wollte nicht weniger als den Boden bereiten für einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft. Wobei in diesem kulturrevolutionären Impetus – wie wir heute wissen – ebenso viele Chancen wie Gefahren enthalten waren.
Pädagogische Meisterdenker und ihre Kritiker
