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In dem Varieté "Fortuna"der Kreisstadt Fasenau überrascht eine Poledance-Darstellerin den dort angestellten Kellner beim Versuch, die Tageskasse zu entwenden. Zur Verschleierung der Tat und um die Zeugin zum Schweigen zu bringen, schlägt er sie nieder. Zusätzlich legt er einen Brand. Trotz größter Bemühungen kann der Tod der Zeugin nicht verhindert werden. Aufwendige forensische und kriminalpolizeiliche Ermittlungen führen letztlich zur Aufklärung.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Werner A Korn
Mord im Varieté
Praxisorientierter Kriminalroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
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Mord im Varieté
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Impressum neobooks
Praxisorientierter Kriminalroman
Werner A. Korn
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die des öffentlichen Vortrags sowie die Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch in einzelnen Teilen. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Die Personen, Handlungen und Orte sind frei erfunden. Sie sind jedoch von wahren Vorkommnissen inspiriert.
Impressum:
Texte: © 2018 Werner A. Korn
Umschlagbild: © 2018 Marco Mendez
Verlag: Werner A. Korn
Chiemseestr. 13
83233 Bernau am Chiemsee
epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Bernd Breitstein, Kriminalhauptkommissar und Leiter des ersten Mordkommissariats im Polizeipräsidium der Stadt Fasenau, hatte sich mit zwei seiner Wanderfreunde zum Sommerfest ›Johannisfeuer‹ auf dem Berggasthof ›Flori-Alm‹ verabredet. Der Gasthof liegt auf einer Hochebene, ca. 200 Meter unterhalb des 1 665 Meter hohen, markanten vielzackigen ›Ritzstein‹ in den Bayerischen Voralpen. Für viele naturverbundene Urlauber und bergbegeisterte Ausflügler zählt dieser Berg als Tagestour zu einem der bevorzugten Ziele. Mit ein paar Mitgliedern des Wandervereins ›Edelweiß‹ war der Kriminalhauptkommissar schon einige Male in diesem Gebiet unterwegs gewesen. Immer wieder faszinierten ihn der traumhaften Ausblicke auf die gewaltige Alpenkette und in die hügelige Landschaft des Voralpenlandes.
Die Bayerischen Voralpen sind eine bis 2 086 Meter über NHN hohe Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen in Deutschland und Österreich. Normalhöhennull (NHN) ist der Begriff der Bezugsfläche für das Nullniveau mit der Höhenangabe über dem Meeresspiegel, früher Seehöhe oder als Normalnull (NN) bezeichnet. NHN wurde als neuer Begriff eingeführt, da die Höhenangaben des NN das Schwerefeld der Erde nicht berücksichtigten. Das Schwerefeld der Erde wird durch die Anziehung der Erdmasse, durch die Kreisbewegung und durch kleinere Auswirkungen wie die Gezeiten, z. B. Anziehung durch Mond und Sonne, bewirkt. Das Schwerefeld auf der Erdoberfläche und im Außenraum ist mit relativ geringen Abweichungen das einer Kugel. Die Anziehung ist am Pol aufgrund der Abplattung der Erde und der dort wegfallenden Zentrifugalkraft um ca. ein 200stel grösser als am Äquator. Mit zunehmender Entfernung von den anziehenden Massen verringert sich die Anziehung. So ist sie in einer Höhe von 3 000 Metern um ca. ein Tausendstel geringer als auf Meereshöhe. Neben diesen beiden Haupteffekten weist das Schwerefeld globale, regionale und lokale Unregelmäßigkeiten auf, da die Masse sowohl in der Erdkruste (Gebirge, Kontinentalplatten) als auch tiefer (im Erdmantel und -kern) nicht gleichmäßig verteilt ist. Mit der Umstellung auf NHN fand eine Anbindung an das europäische Nivellementnetz (UELN) statt. Seitdem bestehen bei den Höhenangaben zu den anderen daran angeschlossenen Ländern keine Abweichungen mehr.
Der bayerische Voralpenanteil besteht zwischen den Flüssen Loisach im Westen und Inn im Osten. Das Gebirge ist etwa 80 km lang und 20 bis 30 km breit. Der Begriff ist nicht politisch, sondern alpingeografisch definiert, denn kleine Teile liegen im österreichischen Bundesland Tirol.
Am Samstag, es war der 23. Juni, fuhr Bernd Breitstein früh um sechs Uhr in seinem alten, grauen Mercedes-Benz, den bereits seit Jahren ein ›H-Kennzeichen‹ zierte, zu den Wohnungen seiner Freunde. Er holte Rudi Reiser und Joachim Jarosch jeweils zu Hause ab. Auf der wenig frequentierten Landstraße durchquerte er kleinere Bauerndörfer, bis er schließlich in dem Bergdorf Reitwies ankam.
Da der Rudi Reiser, ein verheirateter im Innendienst des Hauptpostamtes von Fasenau beschäftigter Endvierziger, zum ersten Mal diese Wandertour mitmachte, erklärte ihm der Hauptkommissar einiges, wie es z.B. zur Namensfindung des Berggasthofes kam.
»Der heilige Florian war ein christlicher Märtyrer, der im 3. Jahrhundert lebte. Er ist Landespatron von Oberösterreich und Schutzpatron der Feuerwehr, Bierbrauer, Seifensieder und der Schornsteinfeger.«
Rudi Reiser fragte nach: »Geht auf diesen Märtyrer auch der Begriff der Floriansjünger zurück?«
»Genau. Ich sagte schon Schutzpatron der Feuerwehr. Der heilige Florian war Offizier in der römischen Armee und Oberbefehlshaber einer Einheit zur Feuerbekämpfung. Er wird auch in Bayern ganz besonders verehrt«, ergänzte Bernd Breitstein.
Nach einer guten halben Stunde erreichte die Gruppe in dem alten Mercedes über die kurvenreiche Landstraße den Parkplatz oberhalb der Ortschaft Reitwies. Der Kriminalbeamte parkte seinen mit großer Hingabe gepflegten Oldtimer, den er scherzhaft ›Meine gute alte Berta‹ nannte, auf einem von hohen Fichten beschatteten Stellplatz.
Alle verließen den Wagen und holten ihre vollgepackten Rucksäcke aus dem Kofferraum heraus. Geschmeidig zogen sie ihre robusten, wasserdichten, aus Nubukledern gefertigten und gewachsten Wanderschuhe an und schnallten sich ihre Rucksäcke um.
Bei einem wolkenlosen Himmel marschierten die drei Wanderer gemächlichen Schrittes im Gänsemarsch über die neu errichtete Holzbrücke eines Baches. Auf dem schmalen, teilweise von rötlichbraunen Moospolstern bedeckten Waldboden stiegen sie durch den Mischwald zu einer lichten Anhöhe hinauf. Spärlich fielen einige Sonnenstrahlen durch die dichten Äste der ihre Aufstiegsroute säumenden Fichten und Tannen. Den ausgeschilderten Weg über die geteerte Forststraße vermied die Gruppe. Bernd Breitstein bevorzugte den kürzeren, wenngleich etwas steileren Wanderpfad, den sogenannten Jägersteig.
Hauptkommissar Breitstein, der seine Wanderfreunde anführte, drehte sich nach einiger Zeit um und erklärte: »Die Hälfte der Strecke zur ›Flori-Alm‹ haben wir bald geschafft. Ich freu‘ mich schon auf eine klassische bayerische Brotzeit mit einem ›Obatzten‹ oder zwei ›Fleischpflanzerln‹. Und ganz besonders auf das ›Sonnwendfeuer‹ am Abend. Das wird ein einmaliges Erlebnis!«
Das ›Fleischpflanzerl‹ hat viele Namen. Was man in Altbayern ›Fleischpflanzerl‹ nennt, wird in Nordbayern als ›Fleischküchle‹ oder ›Fleischküchla‹, in Berlin als ›Bulette‹, in Niedersachsen als ›Frikadelle‹ und in Südthüringen als ›Hackhuller‹ bezeichnet. Die ›Buletten‹ sollen von den aus Frankreich geflüchteten Hugenotten im 17. Jahrhundert nach Berlin gekommen sein.
Der Name ›Fleischpflanzerl‹ stammt von dem altertümlichen Wort ›Fleischpfannzeltel‹. Als Zelte bezeichnete man flache Kuchen, die aus Fleisch in der Pfanne zubereitet wurden. Diese Zubereitung besteht für die ›Fleischpflanzerln‹ weiterhin unverändert. Der Begriff Lebzelten hat sich für Lebkuchen bis heute erhalten. Während früher das ›Fleischpflanzerl‹ meiste aus Fleischresten gebraten wurde, wird heute eine frisch zubereitete Mischung aus Schweine- und Rinderhack verwendet.
Der Lebzelter war früher ein Lebkuchenbäcker, der u.a. Lebzelten (Lebkuchen) herstellte. Eine Verbindung zu dem Wort ›Fleischpflanzerl‹ ist dabei jedoch nicht erkennbar. Aus dem ehemaligen Begriff ›Pfann(en)zeltel‹ entstand zunächst die gekürzte Form ›Pfanzl‹, später ›Pflanzl‹ und durch das Braten mit der Fleischmischung das ›Fleischpflanzerl‹.
›Obazda‹ (auch ›Obatzter‹ geschrieben) heißt so, weil er mit den Händen gemanscht wird. Denn das bayerische Wort bedeutet nichts anderes, als Angebatzter oder Angedrückter. Es handelt sich dabei übrigens um ein Käsegericht, das hauptsächlich aus reifem Camembert, Butter und Gewürzen besteht.
In Franken wird er als ›Gerupfter‹ bezeichnet. Dieses würzige Käsegericht ist aus keinem bayerischen Biergarten mehr wegzudenken.
Denn, ob Bayer oder Preiß (= Preuße, für den Bayern alle Nichtbayern), zur zünftigen Maß Bier gehört auch eine deftige Brotzeit. Auch wenn der ›Obazde‹ sich mittlerweile zur bayerischen Spezialität gemausert hat, wurde er aus der Not heraus geboren, den überreifen Weichkäse noch irgendwie zu verwerten.
Ein alter Camembert oder Brie schmeckt ziemlich kräftig (der Bayer sagt dazu ›rass‹) und das ist schließlich nicht jedermanns Geschmack. Mit Butter abgemildert und mit Paprikapulver gewürzt, wird jedoch aus dem ungeliebten Weißschimmelkäse, der mit seinem Gestank schon den Kühlschrank verpestet, ein Schmankerl.
Je nachdem wie reif also der Weichkäse ist, umso ›rasser‹ schmeckt auch der ›Obazde‹. Wer es für den Anfang lieber etwas milder probieren möchten, sollte darauf achten, dass der Camembert noch nicht ganz so alt ist. Aber auch mit der zugefügten Buttermenge lässt sich die Schärfe regulieren. Der echte ›Obazde‹ sollte mindestens 50 Prozent Käseanteil aufweisen.
Seit Mitte 2015 sind die Bezeichnungen ›Obazda‹ und ›Obatzter‹ geschützt: Nur wenn die Käsespezialität in Bayern zubereitet wird, darf sie einen dieser beiden Namen tragen. Wer somit in Berlin das tolle ›Obazda-Rezept‹ nachkocht, erhält noch lange keinen ›Obazden‹, sondern lediglich einen ›ogmachten Kas‹ (= angemachten Käse).
Seine ihm nachfolgenden Freunde blieben kurz stehen und bestätigten mit einem kurzen Kopfnicken erwartungsvoll ihre Vorfreude. Joachim Jarisch, der 55-jährige Witwer erwiderte tief nach Luft schnappend: »Es ist zwar etwas anstrengend, aber so ein ›Johannisfeuer‹ erlebt man halt nicht jeden Tag.«
»Und das ist gut so!«, ergänzte Rudi Reiser kurz und bündig. Er liebte es, ohne große Reden mit anderen, still in sich gekehrt und in alle Ruhe die Natur zu genießen. Ruckartig zog er den rechten Schultergurt seines Rucksackes, der ihm von seiner schmalen Schulter etwas herabgerutscht war, wieder hoch.
Schweigend und gleichmäßig atmete die Gruppe die modrig-würzige Waldluft ein. Im Gleichschritt stapften die Männer weiter.
In der Kreisstadt Fasenau lebten, wie die Erhebung der letzten Volkszählung ergeben hatte, 87 342 Einwohner. Zum dritten Mal leitete Hans Habermann, der aus einer äußerst christlichen Großbauernfamilie stammte, als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Nach der Erbbrauchverordnung, dem allgemeinen regionalen Recht für die landwirtschaftlichen Betriebe, galt das Hoferbrecht des Ältesten. Daher hatte sein erstgeborener Bruder Josef den über 300 Jahre alten Hof einmal zu übernehmen. Hans Habermann begann nach der Fachhochschulreife seine Beamtenlaufbahn beim Finanzamt in Fasenau. Während seiner Beamtenzeit wurde er bis zum jüngsten Oberinspektor befördert. Durch sein Engagement im Vorstand der in Bayern jahrzehntelang staatstragenden Partei mit den christlich-sozialen Grundsätzen, folgte er einer Berufung zum Kämmerer der Kreisstadt Fasenau. Einige Jahre später erreichte er mit seiner Wahl zum hauptberuflichen Oberbürgermeister eine wesentlich höhere Beamtenposition.
Schon als jungen Beamten verheiratete ihn sein Vater
mit Eva Ehrfeldner, der jüngsten Tochter des weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten Bäcker- und Konditormeisters Erich Ehrfeldner. Dieser war Inhaber sowie Leiter einer Großbäckerei und -konditorei mit 65 Mitarbeitern, die überwiegend ihre Ausbildung in dem Betrieb absolviert hatten. Täglich wurden im Umkreis von 50 Kilometern 37 Filialen mit Frischware beliefert. In den Großbetrieb hatte er seinen unverheirateten Sohn Erwin, der einmal alles weiterführen sollte, eingebunden.
Zum Familienbesitz zählte in der Stadt auch ein vierstöckiges Wohngebäude mit einer Verkaufsniederlassung und dem Stadtcafé ›Zur schönen Kuni‹ am Maxplatz. Erich Ehrfeldner hatte das alte Anwesen - es stammte aus den 30iger Jahren - in den 60iger Jahren erworben. »Leider viel zu teuer gekauft und dann viel zu aufwendig renoviert«, äußerte er gelegentlich sich selbst etwas bedauernd im privaten Kreis. Vor seinem Hauskauf betrieben in den dort gemieteten Räumen im Parterre schon seine Eltern das Café, benannt nach dem Stadtplatz als ›Max-Café‹. Den neuen Namen für das Café hatte seine Mutter Kunigunde Ehrfeldner kreiert. Sie war nach Abschluss des Lyzeums auf den Redouten der Stadt eine häufig von jungen Männern umschwärmte, sehr elegante Erscheinung gewesen. Auf diesen traditionellen Ballfesten trafen sich damals in Kostümen und Masken verkleidete Damen und Herren aus den besseren Kreisen der Stadt. Sie vergnügten sich zu der spritzigen, rassigen und klassischen Tanz- und Tafelmusik eines Salonorchesters. Einige der tanzfreudigen Damen versteckten ihr Gesicht den ganzen Abend hinter einer fantasievollen Maske, die sie erst um Mitternacht abnahmen. Auf einem der saalfüllenden Ballabende kürte die örtliche Faschingsgilde Kunigunde Ehrfeldner zur Ballkönigin. Ein paar neidvolle Damen tuschelten dazu: »Diese Auszeichnung hat sie nur einer großzügigen Spende ihres Mannes zu verdanken.« Das ›Max-Café‹ wurde kurze Zeit später in das Café ›Zur schönen Kuni‹ unbenannt.
Vor einem Jahr erfolgte eine umfassende Reno-vierung und Erweiterung des mit altem Mobiliar ausgestatteten Tagescafés für 60 Gäste.
Seit der Eröffnung durch den in Fasenau beliebten Vater des heutigen Besitzers zählten viele Stammgäste aus der Stadt sowie eine betuchte Laufkundschaft zum Kundenkreis. Besonders ältere Herrschaften schätzten die hervorragenden Kuchen- und Tortenspezialitäten und das vielfältige Kaffeeangebot. Mit einem großen finanziellen Aufwand und viel Liebe zum Detail entstand ein stimmiges Ambiente. An den hellgrauen Wänden hingen Intarsienbilder, die in naturgetreuer und künstlerischer Vollendung von Blumengirlanden umrahmte historische Ansichten und Denkmäler aus der Stadt zeigten. Die antiken aus Messing gefertigten Wandstrahler bewirkten eine dezente Ausleuchtung dieser einmaligen Dekorationsstücke. Die Besucher saßen in gepolsterten, komfortablen Sesseln, Stühlen mit Armlehnen oder auf Eckbänken, bezogen mit bordeauxrotem Stoff, die selbst bei einem langzeitigen Aufenthalt ein bequemes Sitzgefühl vermittelten. Mit den kleinen Blumengebinden, die in geschliffenen Glasvasen auf den runden oder ovalen Marmortischen abgestellt waren, unterstrich die Familie Ehrfeldner ihre Wertschätzung gegenüber ihren Gästen. Das gedimmte Licht der Deckenbeleuchtung sowie die weißen, transparenten Fenstergardinen schufen zusammen mit den bodenlangen, ockerfarbenen Dekoschals und den grauweißen Bodenfliesen in Natursteinoptik eine behagliche Wohlfühlatmosphäre. Aus der gläsernen und formschönen Verkaufstheke wählten die Kunden ihre Spezialitäten an Gebäck, Kuchen oder Torten selbst aus.
Weit weniger Wohlstand war Waltraud Weininger in die Wiege gelegt worden. In dem fränkischen Dorf Hinterreitach, das mit 325 Einwohnern zum kleinsten im gesamten Landkreis zählte, erblickte sie als fünftes Kind eines Kleinbauern die Welt.
Von ihrer Mutter gottgefällig nach der lutherischen Lehre erzogen, verlief ihre Kindheit ohne besondere Vorkommnisse. Schon früh musste sie teilweise mit den größeren Geschwistern das Versorgen der Tiere sowie die jahreszeitlich anfallenden, schweren Arbeiten in der Landwirtschaft übernehmen.
In den Schulferien holte sie ihr Onkel Max von Zuhause ab. Sie verbrachte dann die Zeit bei ihm und seiner Frau in Nürnberg. Dort betrieb dieser Bruder ihrer Mutter einen Supermarkt, in dem Waldtraud als Ferienjob die Verkaufsregale auffüllte und Arbeiten im Lager ausführte.
Dass in dem kleinen Dorf Hinterreitach keinem Einwohner etwas entging und sich Neuigkeiten wie mit Schlägen auf Buschtrommeln verbreiteten, gehörte zu
dieser anteilnehmenden Gemeinschaft dazu.
An einem windstillen und sonnigen Aprilsonntag bemerkte eine Nachbarin nach dem Kirchgang, wie dieser Onkel aus der Stadt mit dem Auto das Mädchen vom Haus der Familie Weiniger abholte. »Na, wieder ein Mäulchen weniger zu füttern!«, sprach sie später Waltrauds Mutter zwar derb in der Wortwahl, aber mitfühlend aus eigener Erkenntnis, darauf an.
»Unsere Traudl ist sehr gerne bei meinem Bruder in der Stadt. Ihm tut’s nicht weh und uns tut‘s gut!«, bestätigte die Mutter dazu aus voller Überzeugung.
Nach der vierten Klasse in der öffentlichen Grund-schule im Nachbardorf nahm der Onkel Max die Waltraud ganz in seine kinderlose Familie auf. Sie besuchte von da an in Nürnberg eine Realschule.
In Absprache mit ihrer Familie sollte Waldtraud Weininger nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machen; dann mit ihrem Onkel zusammenarbeiten und später einmal alleine die Geschäftsleitung des florierenden Supermarktes übernehmen.
»In unserem Dorf sahen wir für unsere Traudl keine rechte Zukunft«, erklärte ihre Mutter auf die anfangs häufig gestellten Fragen der ›Röckefrauen‹ des örtlichen Trachtenvereins diese Entscheidung.
Am ersten Samstag im Juli hatte in der Stadt Fasenau, in der Nähe des Stadtparks, das neue Varieté ›Fortuna‹ seine Eröffnung.
Bisher gab es in der Stadt noch kein Lokal, in dem akrobatische, künstlerische, musikalische und tänzerische Darbietungen aufgeführt wurden. Mit einer Poledance-Performance begeisterten ab 20 Uhr auf einer Bühne junge, schmalhüftige und langhaarige Tänzerinnen die staunenden Besucher. Die Damen zeigten in den fünf- bis neunminütigen Auftritten den Erfolg ihrer anstrengenden Trainingsmaßnahmen für einen perfekten Muskelaufbau, sowie für eine gelungene Figurstraffung. Sie führten mit ihren gelegentlich durchaus erotisch anmutenden Bewegungen und Verrenkungen auch eine Vereinigung von ästhetischen Bewegungen vor. Diese Poledance-Darbietungen erforderten von ihnen Kraft und Fitness. Sie waren akrobatisch, ohne in die Trivialität des Stripperinnenmilieus abzugleiten.
In früheren Zeiten nutzte man das erste und zweite Stockwerk dieses Anwesens mit jeweils acht Fremdenzimmern, zwei Toiletten und einem Duschbad pro Etage, als ›Pension Fuchs‹ für Montagearbeiter oder Handlungsreisende. Damals lebten die Hausbesitzer in der Parterrewohnung, wo sich auch der Frühstücksraum für die Pensionsgäste befand.
Nachdem die betagten Eigentümer verstorben und weder die Gästezimmer noch die Wohnung in der bestehenden Ausstattung weiter zu vermieten waren, beschloss die Erbengemeinschaft nach einem jahrelangen Leerstand das Anwesen zu verkaufen. Keiner von ihnen konnte die hohen Kosten für die notwendigen Arbeiten zur Modernisierung und Renovierung des alten Hauses, das um 1910 erbaut worden war, aufbringen.
Da die Stadt ihr Vorkaufsrecht nicht beanspruchte, gab es nur noch zwei Kaufinteressenten. Der eine war der stadtbekannte Gastronom und Metzgermeister Albert Stolzer. Dieser plante eine Modernisierung des alten Gebäudes und im Parterre eine Diskothek für die Stadtjugend. Der Oberbürgermeister Hans Habermann war gegen dieses Vorhaben und verstand es, das mit seiner Fraktionsmehrheit im Stadtrat zu verhindern, was ihm die alteingesessene Familie Stolzer sehr verübelte.
Letztlich erwarb die Betreibergesellschaft ›Introfun GmbH‹, die ihren Hauptsitz auf der Kanalinsel Jersey hatte, diese Immobilie. Seit Jahren expandierte dieses aufstrebende Unternehmen erfolgreich in der gehobenen Vergnügungsgastronomie Deutschlands. In zwei Dutzend Städten betrieb diese Gesellschaft mit den erforderlichen Nachtlokal-Konzessionen bereits exklusive Lokale, in denen die unterschiedlichsten musikalischen und künstlerischen Darbietungen vorgeführt wurden.
In Abstimmung mit der Stadtverwaltung ließen die neuen Eigentümer eine Entkernung des gesamten Gebäudes und eine komplette Sanierung durchführen.
Die Arbeiter verschiedener Fachfirmen beseitigten u.a. die Asbestverkleidung an den Außenmauern. Andere entfernten alle Bodenbeläge, Fenster und Türen; ebenso die Gebäudetechnik, wie die alten Elektro-, Heizungs- und Sanitäranlagen. Da es sich nach der Feststellung durch das ›Amt für Archiv und Denkmalpflege‹ um ein für das Stadtbild charakteristisches Bauwerk handelte, musste die blau gestrichene Jugendstilfassade des Hauses und die halbrunden mit Blumenornamenten verzierten Erker erhalten bleiben, bzw. im Original wieder erstellt werden.
Im Untergeschoß entstanden eine Gastroküche mit den erforderlichen Lager- sowie Umkleideräumen für die Künstler und für das Personal. Im Parterre befanden sich das Varieté mit der Bühne und einer Bar. Im ersten Stock errichtete man die Wohnung und zwei Büros für die Geschäftsleitung. Da sich die Kosten für die Dachsanierung erheblich erhöht hatten, musste der neue Eigentümer den im zweiten Stock des Hauses geplanten Einbau von Künstlerappartements zurückzustellen. Die engagierten Künstler wurden bis auf Weiteres in den umliegenden Pensionen untergebracht werden.
