Mord in Jütland: Ein blutroter Tag - Inger Gammelgaard Madsen - E-Book

Mord in Jütland: Ein blutroter Tag E-Book

Inger Gammelgaard Madsen

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Beschreibung

Ein entführtes Kind - ein unaufgeklärter Mordfall… Ermittler Roland Benito von der dänischen Erfolgsautorin ist zurück! Odense, Dänemark. Ermittler Roland Benito ermittelt in den eigenen Reihen: Der 6-jährige Sohn eines Polizisten wurde vor den Augen seiner Eltern entführt. Sein Vater steht im Verdacht einer skrupellosen Verbrecherbande Geld gestohlen zu haben. Hat der Kollege die Tragödie selbst zu verschulden - oder steckt womöglich etwas viel Abgründigeres dahinter? Zur gleichen Zeit wird in Aarhus eine junge Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die ungewöhnlichen Umstände ihres Todes rufen die Journalistin Anne Larson auf den Plan. Bei ihren Recherchen stößt sie auf einen alten Mordfall, der nie aufgeklärt werden konnte. Der Täter befindet sich noch immer auf der Flucht, doch dann taucht eine neue Spur auf … Der neunte Band der gefeierten Scandi-Crime-Reihe der dänischen Bestsellerautorin (auch bekannt unter dem Titel »Blutstaub«), bei der jeder Band unabhängig gelesen werden kann: Als Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich sowie als eBook bei dotbooks. - Fesselnde Spannung für die Fans der Bestseller von Jens Jussi Adler-Olsen und Jo Nesbø - Ein Kommissar, eine Journalistin und die abgründigsten Fälle Skandinaviens

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Odense, Dänemark. Ermittler Roland Benito ermittelt in den eigenen Reihen: Der 6-jährige Sohn eines Polizisten wurde vor den Augen seiner Eltern entführt. Sein Vater steht im Verdacht einer skrupellosen Verbrecherbande Geld gestohlen zu haben. Hat der Kollege die Tragödie selbst zu verschulden – oder steckt womöglich etwas viel Abgründigeres dahinter?

 

Zur gleichen Zeit wird in Aarhus eine junge Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die ungewöhnlichen Umstände ihres Todes rufen die Journalistin Anne Larson auf den Plan. Bei ihren Recherchen stößt sie auf einen alten Mordfall, der nie aufgeklärt werden konnte. Der Täter befindet sich noch immer auf der Flucht, doch dann taucht eine neue Spur auf …

eBook-Neuausgabe Januar 2026

Die dänische Originalausgabe erschien erstmals 2016 unter dem Originaltitel »Blodregn« bei Forlaget Farfalla. Die deutsche Erstausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Blutstaub« im Osburg Verlag

Copyright © der dänischen Originalausgabe 2016 Forlaget Farfalla

Copyright © der deutschen Erstausgabe Osburg Verlag Hamburg 2018

Copyright © der eBook-Ausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: HildenDesign unter Verwendung von Motiven von pexels.com/grzegorz lewandowski

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (fb)

 

ISBN 978-3-96898-375-2

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Inger Gammelgaard Madsen

Mord in Jütland: Ein blutroter Tag

Thriller

Aus dem Dänischen von Kirsten Vesper

 

Wenn Stürme über den Wüstensand der Sahara fegen, können die starken Winde große Mengen dieses feinen, roten Sandstaubs hoch hinaus in die Atmosphäre transportieren, über das Mittelmeer und tausende Kilometer weiter. Wenn der Staub vom Regen erfasst wird und die Tropfen auf die Erde fallen, sind sie rot wie Blut gefärbt. Das nennt man Blutregen.

Prolog

 

Mittelmeer

 

Die letzten Sonnenstrahlen kämpften dagegen an, ganz in den schwarzen Wolken zu verschwinden, die sich langsam am Himmel ausgebreitet hatten. Nun gaben sie nach und wurden verschluckt. Es frischte auf. Das Meer wirkte auf einmal schwarz wie Öl.

Die Möwe tauchte, wurde aber von dem Windmessgerät erschreckt, das plötzlich schnell im Wind surrte, der von Süden kommend stärker wurde. Der Wind hob die Federn der Möwe und schob sie weg, hoch hinauf zum drohenden Himmel. Sie schwebte im Aufwind und beobachtete all die anderen Möwen, die sich gierig an der Beute unter ihr bedienten. Dann siegte der Hunger über die Furcht, sie tauchte wieder und wurde auf dem Weg nach unten von schweren, kalten Spritzern aus dem Meer getroffen, das in zornigen und gewaltigen Aufruhr geriet, als versuchte es, den hässlichen, toten, schweren Metallkasten zu bekämpfen, der passiv auf der Meeresoberfläche schaukelte. Wie Magensäure, die einen schädlichen Fremdkörper auflösen wollte. Es war eine große Möwe und die anderen wichen ein bisschen, als sie mit lauten Schreien landete, und schritten zurück in den schleimigen Matsch aus Blut und Salzwasser auf dem übelriechenden, glatten Deck. Sie schlug mit den Flügeln, um das Gleichgewicht zu halten. Die Krallen fanden Halt an der Beute und der Schnabel fing instinktiv an, an den blutigen Teilen des Fleisches zu zerren. Weitere Möwen kamen hinzu. Der Schwarm schrie lauter und wilder, als wollte er das zunehmende Tosen des Meeres übertönen. Es gab einen Kampf zwischen den Männchen um einen Leckerbissen. Eine hohe Welle spülte über die Reling und traf sie. Widerwillig ließen sie ab und kreisten im Schwarm, auf eine Möglichkeit wartend, wieder zu tauchen. Einige hatten das Glück gehabt, einen Happen im Schnabel mitzunehmen und verschwanden mit Rückenwind in Richtung Land. Schließlich gaben die anderen auf und drehten ebenfalls um. Der Wind war zu stark. Die Möwen erreichten schreiend mit gefüllten Bäuchen das Land und suchten Schutz vor dem Unwetter. Das Frachtschiff war wieder seinem eigenen Schicksal in der schäumenden Gewalt des Meeres überlassen. Ungefähr zehn Kilometer weiter konnte man die Lichter der Stadt im Landesinneren erahnen. Das Schiff war auf Kurs in die Gegenrichtung, nur gesteuert von der unkontrollierten und unsanften Führung des Sturms. In weniger als einer halben Stunde würde es direkt an die Küste des kleinen Badeortes Palizzi Marina in Süditalien krachen. Falls nicht die Wellen, die es wie riesige Krakenarme umschlossen, vermochten, es vorher mit sich in die Tiefe zu ziehen.

Kapitel 1

 

Der Staub kitzelte irritierend in seiner Nase. Er nieste. Ein Bild in dem Pappkarton, den er gerade geöffnet hatte, fesselte seine Aufmerksamkeit. Er hob es hoch. Es waren Tante Giovanna und Salvatore, fotografiert mit den blaugrauen Kegeln des Vesuvs vor einem leicht bewölkten Himmel und dem ruhigen, blauen Tyrrhenischen Meer im Hintergrund. Sie saßen auf der Mauer am Meer an der Via Nazario Mauro in Neapel unter einer dieser hübschen, alten, dreiflammigen Straßenlaternen, die er liebte. Rolands Mund wurde trocken. Aber nicht aufgrund der nostalgischen Gefühle wegen der Laternen. Wer hatte seinerzeit dieses Foto gemacht? Salvatore musste darauf dreizehn Jahre alt sein, zwei Jahre, bevor er ermordet wurde. Warum lag es eigentlich hier? Es sollte aufgestellt sein. Oben im Wohnzimmer. Er starrte lange darauf. Spürte den Druck im Brustkorb und wie sein Atem schneller ging. Dann wickelte er es wieder in eine von 2009 datierte Zeitungsseite und legte es vorsichtig zurück in die Kiste, wobei ihm einfiel, warum es nicht aufgestellt war. Damit sie nicht jeden Tag an Salvatores Schicksal erinnert wurden.

»Es ist ja nur für eine Weile«, sagte Rikke hinter ihm wie eine Fortsetzung der gedämpften Unterhaltung, die sie geführt hatten, bevor sie mit einem Stapel gefüllter Pappkartons die Treppe hoch verschwand. Roland, der immer noch in die Erinnerungen an Salvatore vertieft war und nicht gehört hatte, dass sie zurückgekommen war, zuckte zusammen. Rikke nahm einen weiteren Pappkarton, um ihn nach oben auf den Anhänger zu schleppen, der zur Mülldeponie gefahren werden sollte. Irene war oben in der Küche. Sie bereite zusammen mit Marianna das Pfingstessen vor. Ab und zu hörte er seine Enkelin lachen; das Geräusch erhellte ein bisschen die düstere Stimmung, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Sie würden draußen im Garten sitzen. Das Wetter war gut. Viel zu gut, um hier unten in einem dunklen, staubigen Keller zu stehen.

»Den Karton hier darfst du nicht wegschmeißen«, sagte er heiser und schob ihn mit dem Fuß in eine Ecke, weg von den anderen Kisten.

»Mama hat ein riesengroßes Herz, dafür lieben wir sie doch, stimmt’s? Wovor hast du Angst?«, fuhr seine Tochter fort.

»Ich habe keine Angst, Rikke. Aber wir wissen ja nicht, wer die sind.

»Sie sind Menschen in Not, Papa. Und sie haben keinen Platz zum Wohnen!«

Rikke drehte ihm mit einem neuen Stapel Kartons im Arm den Rücken zu und ging damit die Kellertreppe hoch.

Roland antwortete nicht. Wie Irene ihn dazu hatte überreden können, verstand er immer noch nicht, aber ihren Argumenten konnte man selten etwas entgegenhalten. Und sie war aufgeblüht, seit sie als Freiwillige für die Dänische Flüchtlingshilfe arbeitete. Und natürlich hatte sie recht. In nächster Zeit würden viel mehr Flüchtlinge nach Aarhus kommen als angenommen, und die Gemeinde hatte es schwer, Platz zu finden. Es ist unsere Pflicht zu helfen, sagte Irene. Aber ganz Europa hatte Probleme, Platz zu finden. Roland putzte sich die Nase und schaute sich um. Sie wurden des Chaos allmählich Herr. Die Zimmer der Mädchen, die seit ihrem Auszug vor langer Zeit ungenutzt waren, waren instand gesetzt worden und nun, da der Keller aufgeräumt und geputzt war, konnte man hier mehrere Betten aufstellen. Nur übergangsweise. Darauf musste er Irene festnageln. Nur, bis die Gemeinde geeignete Unterkünfte für sie gefunden hatte.

Er hörte das Poltern auf der Treppe und schaute auf.

»Ich habe den Staubsauger dabei. Sind wir dann nicht auch bald fertig?«, meinte Rikke und steckte den Stecker rein. Der Apparat röhrte, sodass man schreien musste, um ihn zu übertönen.

»Doch! Ist Tim schon da?«

»Ja, er deckt zusammen mit Marianna den Tisch!«, rief sie und er musste vor der Düse des Staubsaugers flüchten, die vor und zurück um seine Füße herum fuhr.

»Wollte er nicht den Anhänger zur Deponie fahren?«

»Ja, das macht er nach dem Essen!«

Roland verließ den Lärm im Keller und eilte die Treppe hinauf. Angolo stand oben bereit und wedelte mit dem Schwanz. Er hatte kläglich gewinselt, als Roland morgens die Stufen hinuntergegangen war. Der Schäferhund konnte nach der Schulteroperation vor ein paar Jahren keine Treppen mehr laufen. Der Tierarzt hatte prognostiziert, der Hund würde nie wieder normal gehen können. Er humpelte mit Irene um die Wette. Sie teilten das gleiche Schicksal. Roland griff mit beiden Händen in das dicke Fell um den Hals des Hundes und schüttelte es liebevoll, während er ihn gedämpft zum Spielen aufforderte; dann erstarrte er, als er durch die offene Terrassentür die Stimmen im Garten hörte. Dagnys gurrende Stimme tat ihm in den Ohren weh und Carl Ernsts beständiger Tabakhusten folgte. Der Truthahn und die Krähe, wie Roland seine Schwiegereltern gerne nannte. Natürlich nur, wenn niemand es hörte. Der voluminöse Körper seiner Schwiegermutter mit vorgewölbter Brustpartie und zitterndem, fettem Truthahnhals und die magere, zusammengesunkene, verschreckte Erscheinung seines Schwiegervaters und sein Gesicht mit den schmalen, eingefallenen Wangen samt des schnarrenden Hustens hatten diese Assoziationen hervorgerufen. Wie diese Kombination einen Schwan, wie er Irene bezeichnete, hatte hervorbringen können, darüber hatte er sich oft gewundert. Selbstverständlich hielten sie sich über Pfingsten bei dem schönen Wetter in ihrem Zelt auf dem Blommehaven Campingplatz beim Adlerhorst auf. Angolo legte die Ohren an und zog sich ein wenig von den Geräuschen zurück. Roland nickte verständnisvoll und ließ den Hund los. Es war verblüffend, wie Tiere sich erinnerten. Angolo verduftete in der Regel, sobald er ihr Auto hörte. Wie Roland es am liebsten auch tun würde. Dagny hatte dem Hund mal unter dem Tisch mit einem spitzen Schuh einen Tritt versetzt, als sie dachte, niemand würde es bemerken. Damals war Angolo ein Welpe und hatte noch nicht gelernt, in seinem Körbchen zu bleiben, wenn Gäste zum Essen kamen. Es war spannender, unterm Tisch zu liegen und zu sehen, ob ein Leckerbissen runterfiel, und das tat er in der Regel bei Dagnys Stuhl. Sie machte auch kein Geheimnis daraus, dass sie Hunde nicht ausstehen konnte. Überhaupt hielt sie mit ihrer Meinung selten hinterm Berg. Eine Eigenschaft, die Roland normalerweise für lobenswert hielt, aber nicht bei Dagny. Ihre Ansichten ließen ihn in der Regel die Kontrolle über sein Temperament verlieren. Irene warf ihm vor, er wolle die Äußerungen ihrer Mutter als provokant auffassen, egal, was sie sagte, und dass es deswegen immer so schiefginge. Nur um Irenes willen hatte er daher angefangen die Zähne zusammenzubeißen und zu versuchen, die Wut und die Sticheleien zu ignorieren, die die Schwiegermutter ihm entgegengackerte. Und es war nicht nur, weil er sie falsch verstand.

»Ich wusste nicht, dass sie kommen wollten«, flüsterte Irene beinahe entschuldigend, als er sich neben sie stellte und die Hände in der Spüle wusch. Er warf einen Blick aus dem Fenster und sah die Familie im Garten. Marianna war dabei, Gläser auf den Tisch zu stellen, und Tim unterhielt sich mit Carl Ernst, der nicht überraschend Rolands Stammplatz gewählt hatte und völlig desinteressiert an Tims Redeschwall weiter oben etwas betrachtete. Das Dach natürlich. Die Villa war ursprünglich Irenes Elternhaus gewesen, das sie den Schwiegereltern abgekauft hatten, da sie in etwas Kleineres in der Stadt ziehen wollten. Der Schwiegervater hatte Roland immer kritisiert, er vernachlässige das Dach. Sie hatten auch geplant, es instand zu setzen, aber dann war das mit Irene passiert, was den Großteil der Ersparnisse aufgebraucht hatte – oder besser gesagt: alle. Von diesem Teil von Irenes Operation wussten Dagny und Carl Ernst nichts, sie waren sich trotz allem einig gewesen, es zu verschweigen, obwohl Irene ihren Eltern normalerweise alles anvertraute. Seiner Meinung nach viel zu viel. Dagny lief umher und betrachtete die Bepflanzung. Viele der Bäume und Büsche hatte sie selbst ausgewählt und gepflanzt, damals, als die Villa ihnen gehörte, und die Inspektion lief ganz sicher darauf hinaus, sich zu vergewissern, dass sie korrekt gehegt und beschnitten wurden. Zweifelsohne waren weitere Vorwürfe im Anzug.

»Jetzt mach nicht so ein Gesicht – und lass das Brummen«, flüsterte Irene weiter mit einem kleinen, tadelnden Lächeln.

»Was für ein Gesicht?«, fragte er und trocknete, ohne den Blick von den Geschehnissen im Garten abzuwenden, die Hände am Geschirrtuch, das am Griff der obersten Schublade hing.

»Du bist schon bereit, in die Offensive zu gehen, das kann ich dir ansehen, und du knurrst wie ein Löwe, der eine Beute ausgewählt hat.«

»Quatsch!« Roland lächelte überzeugend und küsste sie auf die Wange. »Soll ich was mit rausnehmen?«

»Den Schnaps. Das wird Papa freuen«, sagte sie und blinzelte ihm neckend zu.

Es zog nur ein bisschen in dem einen Bein, wenn sie ging. Er bemerkte, dass sie sich schmerzlich bemühte, damit nicht zu viele Fragen zu ihrem Gesundheitszustand kamen. Die Krücken waren nicht an ihrem üblichen Platz in der Ecke, sondern sicher im Flurschrank versteckt. Irene hasste es, über ihre Behinderung zu sprechen. Aber er verstand sie gut und der Drang, sich neben Angolo im Korb in der Wohnzimmerecke zusammenzukauern, war beinahe unwiderstehlich. Die Schwiegereltern hatten ihm nie verziehen, dass er Irene an jenem Abend allein gelassen hatte. Sie wussten offensichtlich nicht, dass er selbst es sich auch nicht verziehen hatte.

Die Schnapsflasche war eiskalt, aber es fühlte sich an den Fingern wie eine Verbrennung an, als er sie nach einem tiefen Atemzug raus in den Garten trug, zusammen mit dem Currysalat, den Irene vergessen hatte mitzunehmen. Es gelang ihm, wenige Sekunden bevor er den Tisch erreichte, das Lächeln aufzusetzen.

»Ach, Rolando, bist du auch hier?«, schnatterte Dagny, sobald sie ihn sah. »Ich dachte, du wärst arbeiten, wie immer.«

»Rolando hat doch den Job gewechselt, Mama. Er ist nicht mehr bei der Polizei, deswegen muss er nur, wenn er Dienst hat, vielleicht Überstunden machen, aber das passiert glücklicherweise selten«, antwortete Irene für ihn und streichelte ihm beruhigend den Rücken. »Und dafür bin ich sehr dankbar«, fügte sie hinzu.

»Ach ja, du bist ja jetzt bei der DUP, das hatte ich ganz vergessen. Jetzt stellst du deinen eigenen Leuten nach.«

Wenn er das Lächeln als humorvoll oder freundlich hätte interpretieren sollen und nicht als höhnisch, dann wären seine Fähigkeiten als Menschenkenner völlig auf dem Holzweg gewesen. Er setzte sich und öffnete den Schnaps.

»Ich stelle niemandem nach, Dagny. Auch Polizisten haben ein Recht auf gerechte Ermittlungen, wenn sie einer Gesetzwidrigkeit beschuldigt werden. Genau wie wir anderen. Ich arbeite im Dienste der Wahrheit. Willkommen und schöne Pfingsten!«, sagte er und erhob das Glas, als alle eingeschenkt bekommen hatten.

Die Blutbuche warf einen angenehmen Schatten auf den Tisch und die Temperatur war perfekt. Der Duft der Juniblumen des Gartens dominierte. Besonders von der Magnolie mit den großen, rosafarbenen, tulpenähnlich geformten Blüten, deren Duft beinahe den Hering übertünchte, mit dem Roland sich gerade eindeckte. Die Unterhaltung bei Tisch war gedämpft und wechselseitig mit dem Sitznachbarn, nur Marianna war zwischendurch ein bisschen laut, bis sie der Blick ihrer Urgroßmutter traf. Dagny hingegen war schweigsam, während sie sich vollstopfte. Hätte Angolo gesehen, was ihm entging, wäre er sicher aus seinem Versteck gekommen. Wenn er sich getraut hätte. Roland fühlte sich allmählich ruhiger und atmete einigermaßen normal. Vielleicht war das eine der seltenen Zusammenkünfte, bei denen es nicht völlig schieflief. Vielleicht weil Rikke, Tim und Marianna auch hier waren. Aber jetzt ging der Schnaps Carl Ernst ins Blut, er hustete und mit roten Wangen nahm er schließlich das Dach in Angriff.

»Es würde es sehr verschönern, dieses Moos und die Algen zu entfernen, Schwiegersohn«, sagte er so laut, dass alle am Tisch aufhörten zu essen und ihn anschauten. Es kam auch nicht oft vor, dass er einfach das Wort ergriff. Normalerweise musste man ihn ansprechen, bevor er etwas sagte.

»Wir haben auch vor, das …«, begann Roland.

»Ja, es wäre besser gewesen, das Geld dafür zu verwenden, statt die alten Zimmer und den Keller zu renovieren. Wozu eigentlich?«, unterbrach Dagny und wandte ihm so schnell das Gesicht zu, dass das Kinnfett schwabbelte.

»Weil da doch jemand wohnen soll, Omi«, erklärte Marianna erwachsen und Roland krümmte sich innerlich. Sein Blick suchte Irene. Er wusste nicht, wie viel sie ihren Eltern erzählt hatte. Ob sie überhaupt von ihrem Job bei der Dänischen Flüchtlingshilfe gehört hatten. Vermutlich nicht.

»Wer soll da wohnen? Irene, du willst doch wohl keine Obdachlosen beherbergen?!«

»Das sind keine Obdachlosen, Mama.«

Irene legte Messer und Gabel auf den Teller und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Rüstete sich zum Kampf, das konnte er sehen. Nun musste sie sich daran erinnern, dass die Äußerungen ihrer Mutter nicht provozierend waren.

»Das sind Afrikaner, Omi«, war Marianna behilflich.

»Afrikaner?!«

Dagnys Ausbruch klang, als wäre ihr etwas im Hals stecken geblieben. Schön wär’s.

»Die Gemeinde kann nicht alle Flüchtlinge unterbringen, die gerade ins Land kommen.«

»Wer kann das, Irene? Ich habe natürlich die Bilder im Fernsehen gesehen, aber wir können doch nicht ganz Afrika hier in Dänemark wohnen lassen, oder!«

»Das ist ja nicht ganz Afrika, Mama. Aber wenn wir mit einer Unterkunft helfen können, bis die Gemeinde eine bessere Lösung findet, dann tun wir das.«

»Ich finde es menschlich und lobenswert, was Mama und Papa machen. Diese armen Menschen haben viel durchgemacht, also müssen wir ihnen helfen«, sagte Rikke ernst.

Tim nickte.

»Ist das wirklich wahr, Irene? Ihr wisst ja nicht, wer die sind!«, unterbrach Dagny. »Vielleicht sind das die, die Leute köpfen und Terroranschläge ausführen!«

Mariannas Augen waren groß und kugelrund geworden, während sie mit offenem Mund lauschte. Sie sprang von ihrem Stuhl und lief zu Irene. »Stimmt das, Oma? Können die euch köpfen?«

»Nein, meine Süße. Natürlich können die das nicht. Das sind nicht die, die hierherkommen. Die flüchten nämlich vor denen, die Leute köpfen wollen. Geh mal rein und guck, ob Angolo nicht ein bisschen Gesellschaft braucht. Sein Ball liegt in der Garage.«

Marianna lächelte erleichtert und lief ins Haus. Kurz darauf hörten sie Angolo begeistert bellen und Marianna lachen. Am Tisch war es still geworden. Roland empfand es als seine Pflicht zu übernehmen.

»Die Flüchtlinge wohnen nur übergangsweise hier, und der PET, der Inlandsnachrichten- und Sicherheitsdienst, hat unter Kontrolle, wer ins Land kommt.«

»Ach, glaubst du wirklich, Rolando? Das würde mich sehr erstaunen! Die haben doch überhaupt nichts unter Kontrolle. Diese Menschen pilgern doch nur hierher, um Anteil an unseren Gütern zu bekommen. Wir können es uns nicht einmal leisten, für die unsrigen zu sorgen.

»Zynische Menschenschmuggler sind schuld an dieser gefährlichen Flucht über das Mittelmeer. Die muss man stoppen«, unterbrach Tim und machte ein Bier auf.

»Ja, und die sind richtig geschickt darin, den Fremden zu erzählen, wie sie nach Dänemark kommen und Asyl und eine Familienzusammenführung erreichen. Und dafür benutzen sie doch alle dieselbe Geschichte: sie wurden gefoltert und werden getötet, falls sie zurückkehren.

Dagnys Blick war voller Trotz und Überzeugung. Roland spürte die Ameisen im Nacken. Jetzt bissen sie und er biss die Zähne zusammen.

»Und wir beklagen uns hier in Dänemark. Denk an Lampedusa, Sizilien und Süditalien, ganz zu schweigen von Griechenland und den griechischen Inseln, wo die Bootsflüchtlinge stranden – die, die überleben. Die können sie nicht zurückschicken, die Flüchtlingslager sind überfüllt und wir anderen im übrigen Europa wollen keine aufnehmen, was sollen die dann machen?«, sagte Irene. Sie reichte ihrem Vater, der abwartend mit einem Stück nacktem Roggenbrot dasaß, die Butter.

»Ja, warum haben die das italienische Hilfsprogramm Mare Nostrum eingestellt?«, fragte Rikke und schaute zu Roland, als ob er das wüsste, bloß weil er italienische Gene hatte.

»Das wurde in der EU beschlossen, um Geld zu sparen, als sie von den Italienern um Hilfe gebeten wurde. Das war sicher ein teures Projekt. Jedenfalls hat die EU die Verantwortung durch das Programm Triton übernommen. Aber das ist nicht so effektiv wie Mare Nostrum es war, weil es statt um Rettung um verstärkte Grenzkontrollen geht«, erklärte Irene.

»Tatsächlich ist es unsere eigene Schuld, dass sie flüchten, weil wir uns zusammen mit den USA in ihre Landesregierungen eingemischt und einige ihrer Staatsoberhäupter ausgerottet haben. Wir wissen nie, wem wir eigentlich helfen und welche Folgen es hat. Kollaps und Bürgerkriege sind in der Regel das Resultat. Die Flüchtlinge sind ein heißes Eisen für die EU. In mehreren Mitgliedsländern steht ein Wahlkampf kurz bevor, in dem gerade die Flüchtlingspolitik Hauptthema ist«, kämpfte Tim hartnäckig weiter.

»So ein Unsinn!« Dagny schnaubte. »Wir sind doch nicht schuld an ihrem Unglück. Was wollen die eigentlich hier? Die mögen unseren Glauben, unser Essen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nicht. Warum schicken wir sie nicht einfach weiter nach Grönland, die haben doch Platz da oben? Oder in die osteuropäischen Länder? Aber, oh nein, da wollen die aber nicht wohnen, denn das kann man ja frei wählen, wenn man ein Flüchtling ist.« Sie machte Anführungszeichen mit den Fingern, sodass das Goldarmband klimperte. »Die wollen nur nach Dänemark, um Sozialhilfe zu kriegen und sich fortzupflanzen, und natürlich sorgen die dafür, ein paar Kinder zu kriegen, während sie sich trotz Ausweisung im Asylzentrum aufhalten – dann sind sie irgendwie davor geschützt, dazu gezwungen zu werden, dahin zurückzukehren, wo sie herkommen. Die benutzen die Kinder!« Dagny leerte hitzig ihr Schnapsglas. »Währenddessen bekommen dänische Frauen nicht genug Kinder, also wer soll Marianna versorgen, wenn sie alt ist? Warum habt ihr nicht mehr Kinder gekriegt?« Sie starrte Rikke und Tim vorwurfsvoll an.

Roland hatte wieder einen besorgten Augenkontakt mit Irene. Noch ein empfindliches Thema. Es tat ihm weh zu sehen, dass Rikke Tränen in den Augen hatte.

»Wir haben alles probiert, Oma.« Sie sah ratlos zu Tim, der beschlossen hatte sich darauf zu konzentrieren, dem Hering ein Ende zu bereiten. »Wir konnten einfach keine weiteren Kinder bekommen. Okay!« Ihre Stimme zitterte. »Der einzige Ausweg wäre, einen Samenspender zu nutzen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du das begrüßen würdest!«

»Wenn es ein dänischer Mann wäre, könnte ja wohl nichts dabei passieren,« murmelte Dagny, schielte auf Rolands südländische Haut, die in der Sommersonne noch dunkler geworden war, und merkte nun immerhin, dass sie sich in die Nesseln gesetzt hatte.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein! Nimm nur mal meine alte Schulfreundin, die gerade herausgefunden hat, dass ihr Vater nicht ihr richtiger Vater ist. Die Eltern haben einen Spender benutzt und es ihr nicht erzählt. Jetzt will sie ihn finden und das ist nicht leicht, weil er anonym ist.«

»Wer denn?«, fragte Irene und sah verständlicherweise eine Möglichkeit, von dem anderen Thema wegzukommen.

»Silje.«

»Silje? Ich dachte, du hättest keinen Kontakt mehr zu ihr.«

»Ich habe sie auf Facebook gefunden. Sie hat dort nach ihrem Vater gesucht. Sie und ihr Mann sind gerade nach Skäde Bakker gezogen, sie wohnen nicht weit weg von uns. Ihr Mann ist übrigens Sohn vietnamesischer Bootsflüchtlinge und hat seine eigene, gut laufende IT-Firma mit mehreren Angestellten. Was sagst du dazu, Oma?!«

Dagny lächelte nachsichtig. »Das war eine ganz andere Art Bootsflüchtlinge, die damals in den 70er und 8oer-Jahren kamen. Arbeitsam und ehrlich. Diese Art Menschen ist hier willkommen. Die haben nicht unser Leben bedroht und wollten nicht unser Land übernehmen und die Scharia einführen.«

Carl Ernst war immer noch damit beschäftigt, das Dach zu betrachten, während er mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen pulte und aussah, als warte er immer noch auf Antwort über den Zustand des Daches.

»Also du darfst nicht alle über einen Kamm scheren, Mama! Die Medien haben ein verkehrtes Bild von Leuten aus bestimmten Gegenden und mit einer anderen Kultur und einem anderen Glauben gezeichnet.«

»Die Medien«, lachte Dagny leise. »Gibst du jetzt denen die Schuld?«

»Ja, wem sonst? Woher hast du denn dein Wissen? Kennst du vielleicht einen einzigen Afrikaner oder Moslem?«

»Natürlich nicht, meine Liebe. Von so etwas halte ich mich fern und das solltest du auch tun! Wir kommen jedenfalls nicht mehr zu Besuch, wenn die hier einziehen. Mit diesen Menschen kommt nur Unglück ins Land. Glaub mir!«

Roland tat der Kiefer weh vom Zähnezusammenbeißen und es war unmöglich weiterzumachen. »Irene arbeitet ehrenamtlich für die Dänische Flüchtlingshilfe, Dagny. Die wissen es doch wohl am besten!« Seine Stimme klang knurrend und Irene schaute ihn besorgt an, sagte aber nichts.

»Wie naiv du doch bist, Rolando. Die leben von den Flüchtlingen. Wenn die nicht wären, hätten sie keinen Job und könnten sich ihre Luxusautos nicht leisten.«

»Nein, jetzt hörst du aber auf, Mutti!«

Irene stand schnell auf, stützte sich einen Augenblick auf dem Tisch ab und sammelte danach die fast leeren Teller in einem zügigeren Tempo zusammen, als es für sie normal war.

»Ja, Oma, du bist gerade echt ein bisschen auf Krawall gebürstet!«, fand Rikke wütend und half ihrer Mutter mit den leeren Tellern.

Das war’s dann also mit der Pfingstidylle. Roland stand ebenfalls auf und nahm ein paar der Schüsseln, an denen die Fliegen allmählich Interesse zeigten. Vielleicht war die Idee mit diesen Flüchtlingen gar nicht so schlecht. Wenn sie Dagny fernhalten konnten, taten sie auch ihm einen Gefallen.

»Wer will noch ein kaltes Bier?«, fragte er, bevor er Irene und Rikke nach drinnen folgte.

Kapitel 2

 

Vizepolizeidirektor Anker Dahl sah sich im Zimmer um und fühlte sich wie ein Eindringling auf verbotenem Terrain. Insgesamt wirkte das Aufgebot in dem kleinen Raum völlig fehl am Platz.

»Ich stand mal neben einer Frau in einer Buchhandlung, die die Verkäuferin um einen Kriminalroman mit schönen Morden bat. Ich habe überlegt, was sie wohl meinte – vielleicht ist das hier so etwas?«, sagte Niels Nyborg leise hinter ihm, als wolle er die anscheinend schlafende, junge Frau im Bett nicht stören. Er schniefte. Die Augen über dem Mundschutz waren rot und tränten. Es wirkte wie eine Allergie, unter der in dieser Jahreszeit mit zunehmendem Pollenflug viele litten.

»Sie wurde identifiziert. Zuzanna Johansen. Zuzanna mit Z«, unterbrach Natalie Davidsen. Für einen Rechtsmediziner gab es keine schönen Morde.

»Wer hat sie gefunden?«, fragte Anker Dahl. Er konnte den Blick nicht von der jungen Frau abwenden. Er hatte das Gefühl, wie wenn er vorsichtig die Tür zu Robins Zimmer einen Spalt öffnete und seinen schlafenden Sohn im Bett betrachtete. Sicherheit. Ruhe. Keine Gefahr. Das signalisierte auch dieser Tatort. Denn es war ein Tatort, das hatte Natalie Davidsen gerade festgestellt.

Sie hatte auf Anker Dahl gewartet, der an einem solchen Pfingsten mit anderen Dingen beschäftigt war als mit Tatorten. Natalie war mit der Leichenschau fertig und stand ein Stück entfernt vom Bett vor dem Fenster und packte ihre Sachen zusammen. Die Gardinen waren zurückgezogen. Das Fenster war offen. Eine Amsel sang lustig auf einem Giebel in der Nähe. Natalie schaute auf ihre Uhr, als habe sie an einem Feiertag auch andere Pläne. Wer hatte das nicht?

»Die Mutter«, antwortete Niels und schaute aus dem Fenster. »Die Mutter hat sie gefunden. Ich habe sie nach Hause geschickt, sie stand unter Schock. Sie war schon früher hier gewesen, dachte aber, ihre Tochter schliefe noch. So sieht es ja auch aus. Deswegen ist sie wieder gegangen, aber als sie später mit Zuzanna verabredet war und die nicht auftauchte, ist sie zurückgekommen und konnte sie nicht wecken.«

»Ist das ihre Wohnung?«

»Sie wohnte zur Miete.«

»Einbruchsspuren?«

»Nein, sie muss den Täter selbst reingelassen haben.«

»War das Fenster offen?«, machte Anker Dahl weiter, während er die obligatorischen Latex-Handschuhe überstreifte.

»Ja, vielleicht hat die Mutter es aufgemacht. Hier war es sicher ziemlich stickig.«

»Stickig? Liegt sie schon lange hier?«

»Vorläufig schätze ich, der Todeszeitpunkt war vor ungefähr sieben bis acht Stunden. Also ungefähr um fünf oder sechs Uhr heute Morgen«, sagte Natalie und hob demonstrativ ihren Koffer hoch, um zu signalisieren, dass sie mit ihrer Arbeit fertig war.

»Hatte die Mutter einen Wohnungsschlüssel?«

»Ja, die Eltern haben sich offenbar um die Katze gekümmert, wenn die Tochter nicht zu Hause war«, teilte Niels schniefend mit.

»Die Katze?« Anker Dahl schaute sich suchend um.

»Ja, die ist nicht hier«, bestätigte Niels. »Zum Glück. Ich vertrage diese Tierchen nicht.«

Anker Dahl betrachtete wieder das glühende Gesicht des Beamten. Es reichte offenbar, dass das Tier hier gewesen war.

»Die Mutter hat sofort den Hausarzt angerufen. Er hat einen Herzstillstand diagnostiziert, aber es hat ihn doch gewundert. Zuzanna war gesund und munter und erst 19. Sportlich aktiv, sagte die Mutter.«

Niels unterdrückte ein Niesen.

»Die Pille, Gendefekt, Herzfehler?«, schlug Anker Dahl vor.

Natalie übernahm. »Vasovagaler Schock, deswegen meinte ich, du solltest sie sehen, bevor ich sie mit in die Rechtsmedizin nehme.«

»Vasovagaler … Ohnmacht?« Anker Dahl ging näher ans Bett.

»Eine vasovagale Reaktion ist in Wirklichkeit ein gewöhnlicher Zustand, der alle treffen kann, die plötzlich einen niedrigen Blutdruck oder langsamen Puls entwickeln, was dazu führt, dass das Gehirn zu wenig Blut bekommt. Sie kann von Angst, Schmerzen und unangenehmen Erlebnissen ausgelöst werden. Die Bewusstlosigkeit dauert normalerweise nur wenige Sekunden bis wenige Minuten und die Person sollte so schnell wie möglich liegen. Aber es kann auch lebensgefährlich sein. Ein vasovagaler Schock kann nach Druck auf zwei bestimmte entgegengesetzte Punkte am Hals eintreten.«

»Also Mord?«

»Wahrscheinlich. Du kannst die Spuren an ihrem Hals sehen.«

Anker Dahl beugte sich übers Bett, um sie in Augenschein zu nehmen.

»Ja, die sind auf dem gebräunten Hals nicht leicht zu sehen. Man könnte meinen, sie war vor Kurzem im Süden. Oder im Solarium. Ein Druck auf diese beiden Punkte muss nur wenige Minuten erfolgen, bis das Herz stoppt.«

»Aber man sollte wohl wissen, wo man drückt?«

»Das kann bei einem Unfall passieren, natürlich, zum Beispiel bei Asphyxiophilie.«

»Gibt es denn Anzeichen für sexuellen Missbrauch?«

»Nein, auf den ersten Blick nicht. Sieht sehr professionell aus. Es sind ausschließlich Spuren auf den Punkten aufgetreten, die den Tod zur Folge haben. Hier wurde nicht nach den richtigen getastet. Der Täter oder die Täterin wusste, was er oder sie tat.«

Anker Dahl nickte. Jetzt hatte er die Würgemale entdeckt.

»Kannst du davon Fingerabdrücke nehmen?«, fragte er, richtete sich auf und stieß gegen Niels Nyborg, der dicht hinter ihm stand, um ebenfalls besser sehen zu können.

»Ich bezweifle es, aber versuche es natürlich.«

»Sie liegt fast, als wäre sie so drapiert worden. Würde sie so friedlich und entspannt auf der Seite liegen, die Hände auf dem Kissen, wenn sie erwürgt worden wäre? Sie sieht aus wie jemand, der zugedeckt wurde«, meinte Niels.

Anker Dahl schenkte ihm ein schnelles, anerkennendes Nicken und schaute zu Natalie. »Ist das hier im Bett passiert? Vielleicht, während sie schlief?«

»Ich weiß nicht viel mehr, bis ich sie näher untersucht habe. Und jetzt sollten wir lieber Platz für die Kriminaltechniker machen, damit sie Spuren sichern können.«

Erst jetzt bemerkte Anker Dahl die weiß gekleideten Gespenster mit grünem Haarnetz und Mundschutz in der Küche. In dem kleinen Zimmer war nicht genug Platz für sie alle.

»Untersucht, ob jemand durchs Fenster reingekommen ist, und wir müssen abklären, ob der Mord hier passiert ist oder ob sie bewegt wurde«, wies er den ersten Techniker an. Dieser nickte.

»Das hier ist ja nicht makaber. Kein Blut oder eine Tatwaffe, meine ich. Aber wir werden natürlich alles tun, was wir können«, sagte die Stimme hinter dem Mundschutz. Die Augen lächelten nicht.

Anker Dahl überlegte, ob Sarkasmus in der Stimme lag, ließ es aber gut sein. Er zog den weißen Schutzanzug, die Schuhüberzieher und die Handschuhe aus, als er in den Flur kam. Niels Nyborg hinter ihm tat es ihm gleich.

»Ja, die Gäste würden wohl ein wenig protestieren, wenn wir in diesem Aufzug zurück an den Pfingsttisch kämen«, sagte er.

Anker Dahl nickte und lächelte gezwungen. Es gab an seinem Pfingsttisch schon genug Proteste, obgleich sie schweigend stattfanden. Mehrere Familienmitglieder, die sonst normalerweise Pfingsten zusammen mit ihnen gefeiert hatten, hatten dieses Jahr abgesagt. Wegen anderer Vorhaben. Aber es gab ein deutliches Muster dahin gehend, dass die, die abgesagt hatten, alte Freunde von Valdemar Dahl waren. Sein armer, blinder Vater, der nun wegen der Unbarmherzigkeit seines treulosen Sohnes hinter Gittern litt. Die gleiche Haltung ihm gegenüber hatte er bei seinen Mitarbeitern bemerkt, aber in einem etwas anderen Sinne. Wie der Vater, so der Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder so etwas in der Art. So dachten sie. Oder bildete er sich das bloß ein? Wie Ann-Marie sagte. Er schaute zu Niels Nyborg, der sich mit seinen langen Beinen aus dem Overall kämpfte. Sie hatten eine ähnliche Statur, Anker Dahl war es auch schwergefallen, die Hosenbeine über die Schuhe zu streifen. Niels hatte nichts zu Valdemar Dahl gesagt. Gar nichts. Das hatte niemand im Polizeipräsidium, aber genau das – das Schweigen – vermittelte ihm das Gefühl des Misstrauens. Wie in seiner Familie. Er hatte keine Ahnung, was sie glaubten und dachten. Aber statt es anzusprechen, hatte er sich entschieden, es zu ignorieren. Es konnte ihm egal sein. Er war zum Vizepolizeidirektor ernannt worden, wie es ihm der Polizeidirektor versprochen hatte. Der ehemalige Vizepolizeidirektor Kurt Olsen war in den Ruhestand gegangen und hatte ihm etwas widerwillig seinen Stuhl und sein Büro überlassen. Jetzt war er derjenige, der bestimmte. Wenn in dem Respekt Verachtung mitschwang, machte es ihm nichts aus. Er hatte auf seinem Weg an die Spitze ein bisschen was von allem probiert und würde sicher viel Schlimmeres erleben, bis er ganz oben war.

»Wurden die Nachbarn verhört?«, fragte er Niels Nyborg, der sich gerade mit dem Rücken zu ihm aufrichtete. Der Beamte drehte sich um und guckte ihn mit offenem Mund an. Nase und Augen liefen in dem angeschwollenen Gesicht um die Wette.

»Nein, noch nicht.«

»Mach es jetzt, solange du hier bist und es eventuellen Zeugen in frischer Erinnerung ist. Die meisten sind sicher zu Hause an einem Pfingsttag. Wir müssen auch klären, wo sich Zuzanna Johansen gestern Abend aufgehalten hat und mit wem sie zusammen war.«

Anker Dahl eilte hinaus. Er hatte den Plan, ins Polizeipräsidium zu fahren und zu arbeiten, jetzt, da er eine Chance hatte, dem Familientreffen zu entkommen, das sich wie eine Pflicht anfühlte für die paar Gäste, die für Hering und Schnaps angerückt waren. Und sie fühlten sich Ann-Marie und Robin verpflichtet. Nicht ihm.

Er blieb vor dem Haus hinter dem leicht flatternden Absperrband stehen und betrachtete das offene Fenster zu der Wohnung, die im Erdgeschoss lag. Die Lundbyesgade war eine ruhige Straße. Besonders an Pfingsten. Keine Menschenseele war zu sehen. Viele hatten sicher die Pfingstsonne tanzen gesehen und er befürchtete, dass es schwer werden könnte, nüchterne, glaubwürdige Zeugen zu finden.

Während er in der Sonne stand, sah er die Katze sich nähern. Ganz weiß und den Schwanz hochgereckt. Sie saß einen Augenblick lang unterm Fenster und schaute nach oben. Sie trug ein Halsband. Anker Dahl ging zu ihr. Sie wirkte zahm und miaute. War ihretwegen das Fenster offen? Konnte sie wirklich hoch- und hineinspringen? Vielleicht, wenn sie den Stromkasten oder das abgestellte Fahrrad als Sprungbrett benutzte. Was würde sie erzählen können?

Er setzte sich auf die Treppenstufe und versuchte, sie zu sich zu locken. Er war kein Katzenliebhaber, streckte aber dennoch die Hand aus, um ihr übers Fell zu streichen, doch die Katze wich nervös zurück. Nun war es so, dass es tatsächlich die Katzen waren, die ihn nicht liebten, musste er erkennen; was genau sie an ihm nicht leiden konnten, wusste er nicht. Vielleicht war es sein Geruch, vielleicht der bohrende Blick, vor dem auch alle anderen Respekt hatten. Er konnte die Techniker drinnen in der Wohnung rumoren hören, sicher war es das, was die Katze am Hochspringen hinderte. Er nutzte ihre Unaufmerksamkeit, warf sich nach vorn, erwischte sie und hielt sie fest. Kitto hieß sie. Das stand auf der runden Katzenmarke, die am Halsband befestigt war mit einer eingravierten Pfote auf der Vorderseite. Die Adresse passte. Das Erste, was er bemerke war, dass ihr Fell schwach nach Parfum duftete. Die Katze zappelte und zerkratzte seine Hände und Arme, dann spürte er etwas im Rückenfell der Katze an seinen Fingern kleben. Als er sich vorstellte, was es sein könnte, ließ er sie angewidert runter. Kitto sah scheu zu ihm auf, als er ihr obendrein einen Schubs mit dem Fuß gab, um sie zum Verschwinden zu bringen. Sie spurtete weg und verschwand unter einem geparkten Auto. Dann realisierte er, was das an seinen Fingern und der hellen Windjacke war. Es war Blut.

Kapitel 3

 

»Doch nicht den Schlips, Kurt!« Eves Stimme klang vorwurfsvoll.

»Welchen dann?« Kurt Olsen zerrte vor dem Badezimmerspiegel grimmig seine Lieblingskrawatte vom Hemdkragen.

»Den, den du von mir zum Vatertag geschenkt gekriegt hast zum Beispiel.«

Sie stellte sich neben ihn an das Doppelwaschbecken und musterte zufrieden ihr eigenes Spiegelbild, richtete sich die Haare ein wenig und frischte den Lippenstift auf. Korallenrot. Ja, damit sie zum Schlips passte, knurrte Kurt innerlich, während er ihn gehorsam aus dem Garderobenschrank holte, wo alle seine schicken Krawatten in Reih und Glied am Krawattenhalter hingen. Selbst die riefen bei ihm nostalgische Erinnerungen an sein vergangenes Arbeitsleben hervor. Er erinnerte sich, welche Krawatte er bei jeder einzelnen Pressekonferenz im Polizeipräsidium getragen hatte.

»Warum müssen wir auch so verdammt schick sein«, knurrte er weiter, als er wieder neben Eve vor dem Spiegel stand und routiniert seinen doppelten Windsorknoten band. »Das ist doch verflixt nochmal nur ein Abendessen – sogar in unserem eigenen Zuhause.«

Nachdem sie beide in Rente gegangen waren, konnten sie ihr Sommerhaus durchaus als ihr Zuhause bezeichnen. Auf jeden Fall im Sommer.

»Du weißt, wie tadellos Poul Erik und Lissi immer gekleidet sind, nicht? Ihre Ausstrahlung zeigt, wie gut es ihnen geht.«

»Hmm. Sie verkauft Klecksereien, die sie feine Kunst nennt, und er lebt von – Scheiße. Was ist daran schick?«

»Scheiße? Was ist das für eine Ausdrucksweise, Kurt! Lissi hat erzählt, dass Poul Erik einen riesigen Auftrag für die neue Verbrennungsanlage bekommen hat. Nicht aller Abfall ist Scheiße. Viel wird zur Wiederverwertung weiterverkauft, erzählte Lissi. Sie helfen damit, die Umwelt der gesamten Erde zu verbessern. Und wie kannst du die Werke in ihrer Galerie nur Klecksereien nennen?! Wir haben selbst ein paar davon im Wohnzimmer hängen.«

Kurt Olsen schüttelte den Kopf. Wenn es nach ihm ginge, würde diese Art Kunst auch nicht an den Wänden hängen.

»Es ist doch bewundernswert, dass sie beide selbstständig arbeiten und weitermachen, obwohl sie sich schon längst hätten zurückziehen können. Viele könnten etwas von ihnen lernen«, fuhr Eve enthusiastisch fort. Sie holte ihre vergoldete Georg Jensen-Margeriten-Halskette aus der Schublade und legte sie an, zusammen mit den passenden Ohrringen, während Kurt Olsen überlegte, ob die Worte als Vorwurf an ihn gemeint waren.

Es war schon bewundernswert, was Eves Freunde geleistet hatten. Aber machten sie weiter? Was taten sie eigentlich? Es kam ihm so vor, als ob sie immer auf Reisen wären. Eve musste das Datum für die Einladung verschieben, weil sie auf einer Kreuzfahrt ans Nordkap waren, also wie viel hatten sie eigentlich mit ihren Firmen zu tun? Darum kümmerten sich sicher andere.

»Lissi ist doch nur in ihrer Galerie, wenn irgendein bekannter Künstler, mit dem sie sich gerne für irgendeine Zeitung fotografieren lassen will, da ausstellt«, murmelte er.

Eve senkte die Parfümflasche und schaute ihn im Spiegel wütend an.

»Was hast du denn für eine Laune? Die darfst du gerne ändern, bevor die Gäste kommen. Vielleicht war es doch zu früh für deine Entscheidung, deinen Ruhestand zu genießen!«

Es war gar nicht seine Entscheidung gewesen, schon in Rente zu gehen. Das wusste Eve bloß nicht. Tatsächlich hatte er es im letzten Augenblick bereut und versucht, den Polizeidirektor zu überreden, ein bisschen länger bleiben zu dürfen. Zumindest, bis ein wenig Ruhe eingekehrt war um den Neuen, nach dem Skandal in seiner Familie, wo der Vater – ebenfalls ein alter Polizeibeamter – wegen Mordes verhaftet worden war. Aber der Polizeidirektor hatte Anker Dahl in die Stellung gehoben, und es war – aus einem ihm unbekannten Grund – offenbar unmöglich, die Beförderung ungeachtet der Umstände zu verschieben. Wenn das die Belohnung für die Aufklärung des letzten großen Mordfalls war, dann konnte Anker Dahl ja nicht allein dafür belohnt werden. Das war ein Team-Einsatz gewesen, wie alle Polizeiarbeit es nun einmal war, und sie hatten alle gemeinsam mitgewirkt. Nicht zuletzt er selbst. Einfach die Lorbeeren für die Arbeit anderer zu ernten, das mochte er nicht. Er selbst hatte nie … okay, vielleicht ein paar Mal, aber dann auch nur, weil Roland Benito die Ehre und Aufmerksamkeit nicht mochte, also warum sollte er dann nicht? Irgendwer musste es ja.

»Jetzt mach mal hin mit diesem Schlips, Kurt. Du musst auch noch die Weine raussuchen« drängte Eve und tänzelte aus dem Bad, duftend wie ein Rosenstrauch. Mit Dornen.

 

Mit dem zweiten befreundeten Paar, das an diesem Abend am Elsegårde Strand ankam, war Kurt Olsen sehr viel mehr auf einer Ebene. Obwohl auch sie seiner Meinung nach einen komischen Beruf hatten. Aber Emil Kraz war nicht humorlos, wenn er sich ›Bankdirektor‹ nannte.

»Also ich verstehe das mit diesen Halmen nicht, Emil, das klingt ja fast wie Landwirtschaft«, sagte Lissi und sah ihren Nebenmann über den Rand der Sonnenbrille hinweg an. Sie hatten sich entschieden, den Tisch draußen auf der großen Terrasse zu decken, jetzt, wo das Wetter so gut war, und Kurt hatte schnell viel bessere Laune bekommen, als er die Weine probiert hatte, die er zum Abendessen servieren wollte. Das Meeresrauschen unter der Böschung am Ende der großen Rasenfläche half auch dabei, die Erregung zu dämpfen, von der er nicht wusste, woher sie kam.

»Ein Halm ist ein Plastikrohr mit der Menge Spermien, die man für eine Insemination benötigt«, erklärte Ella Kraz, da ihr Mann den Mund mit Entenbrust vollgestopft hatte und nicht antworten konnte.

»Wie viel ist das?«, wollte Lissi wissen.

»Ein halber Milliliter«, antwortete Ella.

»Dann sagt er also, dass die Samenzellen in einem Plastikrohr bei minus 196° Celsius aufbewahrt werden, bis sie in irgendeine Frau gesteckt werden, um ihr Ei zu befruchten?«

Emil Kraz nickte bestätigend, während er kaute. »Das Wichtigste für uns als Samenbank ist es, dafür zu sorgen, dass der Halm nicht weniger als fünf Millionen Samenzellen guter Qualität enthält«, fügte er hinzu.

Lissi kicherte und stieß Poul Erik den Ellbogen in die Seite. »Die könntest du nicht liefern, was, Schatz?«, Das Gesicht ihres Mannes rötete sich noch mehr als normal. Aber er trug weder Krawatte noch Anzug. Als tadellos gekleidet galt dieses Mal nur seine Frau und sobald Kurt Olsen die beiden ankommen sah und die Kleidung registrierte, hatte er sich beeilt, den korallenroten Schlips zu entfernen und in die Hosentasche zu stopfen. Eve hatte es nicht geschafft, es zu verhindern.

»Und stimmt es wirklich, dass der Spender sich einfach entscheiden kann, anonym zu bleiben?«, fragte Kurt und nippte am Wein.

»Ja, es gibt mehrere Möglichkeiten für den Samenspender, falls du interessiert bist, Kurt«, entgegnete Emil spöttisch. »Als anonymer Samenspender wirst du immer vollständig anonym bleiben. Du lieferst bloß deine Spermien bei einer Samenbank ab, am besten natürlich bei uns, dann schicken wir die weiter an die Kliniken.«

»Die Frau – oder das Paar – weiß also nichts darüber, was das für ein Typ ist, der der Vater ihres Kindes ist?«, schauderte Lissi.

»Die Information über die Haar- und Augenfarbe, die Größe, das Gewicht und die Hautfarbe des Spenders kann man natürlich angeben. Danach suchen viele ihren Spender aus.«

»Gilt das in beide Richtungen?«, fragte Lissi wieder interessierter.

Emil nickte. »Selbstverständlich. Der Samenspender kann auch nie erfahren, wer seine Spermien bekommen hat und wer seine Kinder sind. Der Spender kann auch ›erweitertes Spenderprofil‹ wählen, was bedeutet, dass er in einem gewissen Umfang nicht anonym ist. Samenspender mit diesem Profil sind bei uns mit einer Nummer registriert. Darunter sind detaillierte persönliche Informationen hinterlegt über beispielsweise Werdegang, Familienverhältnisse, ethnische Herkunft und anderes, was von Belang sein könnte. Darüber hinaus können Stimmproben, Babyfotos und so etwas abgegeben werden.«

Emil nahm einen Mundvoll Wein und nickte Kurt Olsen anerkennend zu, der sich stolz aufrichtete. Roland Benito hatte ihm diesen charakteristischen Weißwein über seine Tante in Neapel beschafft. Er stammte von einem kleinen Weingut in der Nähe des Vulkans.

»Das würde ich wohl bevorzugen, wenn es um mich ginge«, beteuerte Lissi. »Man muss doch wissen, dass es keine Person ist, die krank im Kopf ist.«

»Das kannst du ja anhand dieser Informationen trotzdem nicht wissen«, meinte Eve. Kurt ärgerte sich bloß darüber, dass der Fokus von seinem guten Wein abgelenkt worden war, über den er sehr viel lieber sprechen wollte.

»Der Spender bleibt auf diese Art immer noch geschützt. Wenn alle Informationen auf den Tisch sollen, muss man ›offener Samenspender‹ wählen. Hier hat der Spender unterschrieben, dass die Kinder ihn kontaktieren können, wenn sie 18 geworden sind.«

»Was ist dann mit Unterhaltspflicht und so etwas?«, fragte Poul Erik.

Emil schüttelte den Kopf. »Der Spender hat den Kindern gegenüber keinerlei juristische Verpflichtungen oder Rechte und die Kinder wiederum haben keinen Erbanspruch gegenüber dem Spender.«

»Ich würde mich das trotzdem nicht trauen«, beschloss Eve.

»Das ist für dich wohl auch nicht mehr aktuell, oder, Eve? Aber viele junge Menschen haben das verzweifelte Bedürfnis nach unserer Hilfe, ganz zu schweigen von alleinstehenden Frauen oder Homosexuellen, bei denen es in der Natur der Sache liegt, dass sie selbst keine Kinder bekommen können«, predigte Ella.

Poul Erik setzte an, etwas zu sagen, schwieg aber. Kurt Olsen wusste, was er sagen wollte. Freisinn hatte ihm noch nie gelegen.

»Du kannst dich auch entscheiden, deinen eigenen Samenspender zu nehmen, fuhr Ella fort wie bei einem Verkaufsgespräch. »Du wählst den Mann selbst aus, er muss dann nur einwilligen, seine Spermien zur künstlichen Befruchtung zu spenden, dann kümmern wir uns um den Rest.«

»Ich habe gelesen, dass ein Samenspender Vater von über hundert Kindern werden kann. Ist das nicht ein bisschen – unnormal?«, wandte Poul Erik ein.

Kurt Olsen schenkte sich Wein nach.

Eve hielt Kurt ihr Glas hin, damit er auch ihr nachschenken konnte.

»Wenn du das vermeiden willst, kannst du die Spermien deines Spenders reservieren oder dir das alleinige Nutzungsrecht für ihn kaufen«, erklärte Ella Kraz.

»Na, ist es nicht Zeit für ein bisschen Nachtisch?«, unterbrach Kurt Olsen und stand auf. Die Damen halfen ihm dabei, die leeren Teller in die Küche zu tragen und setzten sich anschließend wieder in den Garten. Durch das Fenster sah er, dass sie all ihre Aufmerksamkeit immer noch auf den ›Bankdirektor‹ und seine Gattin gerichtet hatten. Er schnaubte leicht, während er im Kühlschrank die Schüssel mit diversen Früchten und Schokolade fand, in der das Eis angerichtet werden sollte.

»Ich mach das schon, Schatz«, sagte Eve hinter ihm und nahm sie ihm ab. Er konnte an ihren Augen ablesen und an ihrer Stimme hören, dass der Wein schon seine Wirkung zeigte. Sie wurde immer leicht betrunken, dazu brauchte es nicht sehr viel.

»Geh nur wieder raus zu den anderen, ich kümmere mich darum, Kurt«, sagte sie, als er stehen blieb.

»All dieses Gerede über Spermien ist ja nicht besonders interessant, kann ich dir nicht helfen?«

Eve gab ihm einen leichten Klaps. »Jetzt geh schon raus. Dann sprich mit Poul Erik über den großen Auftrag, den er für die Verbrennung bekommen hat, er scheint das Thema auch nicht sonderlich spannend zu finden«, flüsterte sie. »Nimm das hier mit raus.«

Sie reichte ihm den Dessertwein, den er aus seinem Weinschrank geholt hatte. Samen oder Scheiße in einer Verbrennung liefen doch auf dasselbe hinaus.

Eine kühle Brise hob seinen spärlichen Pony, als er wieder zurück in den Garten kam. Lissi und Emil waren auf den Rasen gerückt, wo sie sicher ihr Samen-Gespräch weiterführten. Sie hatten beide eine Zigarette angezündet. Der Geruch erreichte den Tisch, wo Kurt die Flasche abstellte.

»Mochtest du den Weißwein, Poul Erik?«, fragte er und setzte sich neben ihn.

»Ja, das kann man wohl sagen. Ausgezeichneter Wein. Aber was hast du da?«

»Das ist ein Moscato. Fürs Dessert. Möchtest du probieren?«

Poul Erik nickte begeistert. »Lissi fährt, daher schenk ruhig ordentlich ein«, flüsterte er. »Das Italienische hat es dir wohl angetan, was?«, fuhr er fort, während Kurt randvoll einschenkte.

»Ja, mein Kriminalkommissar … äh, ein ehemaliger Kollege ist Italiener und hat mir einigen guten Wein besorgt.

Kurt Olsen räusperte sich, da er auf einmal einen Frosch im Hals hatte.

»Vermisst du den Job?«, fragte Poul Erik, der die Sehnsucht in seinem Gesicht gesehen haben musste.

»Tja, ab und zu. Dreiundvierzig Jahre am selben Arbeitsplatz geben einem ja ein gewisses … Zugehörigkeitsgefühl.«

Er drehte das Glas und schaute auf den Rebensaft, der darin schwenkte.

»Ja, das ist klar. Deswegen mache ich auch weiter. Nur zu Hause zu sein, liegt mir nicht.«

»Verbrennung läuft ja wohl ganz gut. Wie ich hörte, habt ihr einen großen Auftrag bekommen.«

»Ja, ich kann mir vorstellen, dass Lissi es sicher Eve erzählt hat«, gluckste Poul Erik vergnügt. »Wusstest du, dass wir in Dänemark Abfallexperten sind? Wir sind faktisch Europameister. Die neue Anlage hat eine viel größere Kapazität als die alte, aber ich kann noch nicht so sehr ins Detail gehen. Der Vertrag ist noch nicht in trockenen Tüchern, doch wir sprechen hier wohl über einen größeren Milliardengewinn.«

Kurt Olsen nickte und hörte mit halbem Ohr dem anderen Tischgespräch zu, das sich immer noch um Spenderkinder und Ethik drehte. Lissi und Emil waren an ihre Plätze zurückgekehrt, und als Eve mit dem Nachtisch kam, waren ihre Gedanken schon wieder ganz woanders.

Kapitel 4

 

Äthiopien

 

Die Räder des roten Samsonite-Trolleys schrammten über den marmorähnlichen Boden, als sie ihn mit einer kalten und schwitzigen Hand hinter sich her zog. Die Schweißproduktion war erhöht worden während des Transports in einem voll besetzten Flughafenbus und ließ die Bluse an der Haut kleben. Sie konnte nicht beurteilen, ob der Boden aus echtem Marmor war, aber es würde sie nicht wundern. Die Eindrücke überraschten erneut. Sie hatte erwartet, in einer Wüste zu landen. Jedenfalls in einer trockenen, flachen Umgebung, stattdessen war es grün mit hohen, üppigen Bergen. Hier hatte sie sich Dreck und Armut vorgestellt und dann war es moderne Architektur, auf die sie in der klimatisierten Ankunftshalle traf. Sie war bis hoch zur Decke mit einer kunstvollen weiß gestrichenen Rohrkonstruktion ausgestaltet. Die Sonne schien zwischen den Rohren durch die Oberlichtfenster und zeichnete abstrakte Sonnenstrahlen auf den blanken Boden. Sicher die Absicht des Architekten mit dem Design. Es gab Unmengen von Duty Free Shops mit einer Auswahl, die sie noch nirgendwo sonst gesehen hatte. Exotische Düfte aus Cafés und Restaurants wogten von allen Seiten. Ein Geschäft hatte mehrere Schaufenster mit afrikanischen Gebrauchsgegenständen: Webteppiche, handgeschnitzte Holzschalen, Figuren, Masken und Trommeln. Es war unmöglich, das Ganze zu sehen, ohne anzuhalten, doch dafür hatte sie leider keine Zeit.

Silje stellte den Trolley ab, wischte sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn und nahm sich einen Augenblick, um den Weg zum Gate zu finden. Der Text auf den gelben Schildern an der Decke war auf Englisch und Amharisch. Ein Baby weinte herzzerreißend, laut und kontinuierlich. Das Geräusch hallte in dem großen Gebäude. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es dauerte nicht lange, bis sie das nächste Flugzeug erwischen sollte, und wie ging es dann gleich weiter? Würde sie dort abgeholt werden? Das Ganze war so schnell gegangen. Es hatte so viel zu erledigen gegeben. Informationen, Anlernen, und Papiere, die beschafft werden mussten. Visum. Die Arbeitserlaubnis, die gerade erst bewilligt worden war und die ganze zwölf Bilder von ihr erforderte. Typisch, würde ihre Mutter sagen, du hörst nie ordentlich zu, wenn man dir etwas sagt. Und wie hätte sie das gekonnt mit all dem anderen, das ihr schon vorher im Kopf herumschwirrte? Es war ihre Schuld. Mamas. Sie bereute trotzdem, dass sie abgereist war, ohne sich richtig zu verabschieden, aber sie ertrug einfach keine weiteren Fragen, Vorwürfe und Warnungen. Du kannst da unten gekidnappt und geköpft werden. Was willst du tun, wenn du ihn findest? Er will ja nicht gefunden werden, Schätzchen. Das ist es nicht wert! Du kannst dich mit irgendwas anstecken. Ebola zum Beispiel. Denk dran, Schutzkleidung anzuziehen – und so weiter, und so fort. Es half nicht zu erklären, dass Ebola in Westafrika ausgebrochen war und nicht dort, wo sie sein würde. Im Übrigen war sie gegen die Krankheiten, mit denen sie sich vermeintlich anstecken konnte, geimpft worden. Aber ihre Mutter machte weiter: Was ist mit Tao und Anya? Der hoch geschätzte Schwiegersohn und das Enkelkind. Tao kam schon klar, und jetzt war er dran, sich allein um Anya zu kümmern. Seit sie geheiratet hatten und in die Villa in Skåde Bakker südlich von Aarhus gezogen waren, war er immer wieder für seine Firma auf Geschäftsreise gegangen, ohne einen Augenblick darüber nachzudenken, dass sie mit Anya allein war. Es war notwendig, damit sie den Lebensstandard aufrechterhalten konnten, den sie sich wünschten. Den Tao sich wünschte. Als sie aus ihrem Job in der Personalabteilung des Aarhuser Krankenhauses wegen Kürzungen entlassen wurde, hatten sie darüber gesprochen, ob sie in seiner IT-Firma angestellt werden könnte, aber es würde erst in einem Monat eine freie Stelle geben.

Sie setzte sich verloren auf einen Stuhl und betrachtete das Leben im Flughafen. Ein Geschäftsmann in einem satinglänzenden, dunklen Anzug, weißen Hemd und passenden Seidenslippern ging ruhig vorbei, als ob er auf jemanden wartete. Ihm musste warm sein, dachte sie, und zog ihre dünne Bluse aus, um ein bisschen Luft an die Haut zu lassen. Er lächelte ihr zu. Die Zähne leuchteten in dem schwarzen Gesicht auf. Weiße, dachte er sicher. Vertragen die Hitze nicht. Die halten gar nichts aus. Und es gab hier nicht viele von ihnen. Den Weißen. Hier waren sie diejenigen, die auffielen. Trotzdem lächelten all die dunklen Gesichter um sie herum. Eine Frau mit orangefarbenem Kopftuch und bunten Gewändern schenkte ihr auch ein strahlendes Lächeln. Im Schlepptau hatte sie ein kleines Mädchen in einem gelben Prinzessinnenkleid, das die kohlschwarzen Haare in einer Flut aus kleinen Zöpfen um ein süßes mahagonibraunes Gesicht trug. Sofort dachte sie an Anya und spürte das heftige Verlangen, sie zu umarmen, an ihren weichen Haaren zu riechen und ihr immer wieder zu erzählen, dass sie bald wieder zu Hause sein würde. Dass sie nur neun Mal schlafen musste. Das kleine, schwarze Mädchen schaute sie verschlossen und erstaunt an mit großen Rehaugen, umkränzt von dichten, schwarzen Wimpern. Es waren sicher ihre helle Haut und die blonden Haare, die das Mädchen wunderten. Vielleicht ihre markanten blauen Augen. Zuletzt musste das Mädchen den Kopf ganz herumdrehen, um sie zu sehen, als die Mutter sie weiterzog. Falls es ihre Mutter war. Wer wusste das?

Der Druck in der Brust verursachte ihr wieder Atemnot, dieses Mal noch quälender als zuvor. Es war ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte. Wut, Trauer, Versagen? Sie wusste es nicht. Ein bisschen von allem und viel mehr. Sie liebte ihren Vater über alles auf der Welt, sie hatten eine Verbindung, die alle im Bekanntenkreis bemerkt hatten. Einige Freundinnen nannten sie sogar zu viel. Neid, hatte sie gemeint, und kümmerte sich nicht darum. Deswegen hatte sie das, was sie verstehen musste, erst nicht geglaubt. Das konnte nicht stimmen. Das konnte einfach nicht stimmen! Aber schließlich begriff sie, dass es wahr war. Eine Wahrheit, die ihr Leben auf den Kopf stellte, ihre Existenzgrundlage und Identität. Ob sie es wohl je erfahren hätte, wenn das Schicksal es nicht entschieden hätte? Die Krankheit und Diagnose ihres Vaters. Huntington. Eine erbliche und tödliche Krankheit, die oft im Alter von 35 bis 45 ausbricht. Und was war mit Anya? Hatte sie die Krankheit auch geerbt? Sie war in Panik geraten. Wollte nicht, dass ihr Vater auf diese Weise sterben sollte und wollte es auch selbst nicht. Dann war ihre Mutter endlich widerwillig mit der Wahrheit herausgerückt. Glaubte, sie könnte sie damit trösten. Sie und Anya waren bezüglich dieser Erbkrankheit außer Gefahr, da der Mann, den sie als ihren Vater liebte, gar nicht ihr Vater war. Nicht ihr richtiger Vater. Stattdessen war es ein unbekannter Mann, ein Samenspender, von dem nicht mal ihre Mutter wusste, wer er war. Sie wünschte, dass alles beim Alten geblieben wäre, dass sie nie dieses sechsunddreißig Jahre lang so wohlgehütete Familiengeheimnis erfahren hätte. Dann würde sie nicht hier sitzen.

Sie zupfte am Griff des Trolleys, guckte nach unten auf ihre Sandalen und bemerkte einen braunen Fleck auf der weißen Piratenhose, sicher von dem Kaffee, den sie im Flugzeug verschüttet hatte. Unwichtige Dinge. Dinge, an die sie viel lieber denken wollte. Etwas, mit dem sie leichter umgehen konnte.

Sie schaute schnell auf, als sich eine Frau neben sie setzte. Sie hatte sie auch im Flugzeug von Kopenhagen und beim Umstieg am Frankfurter Flughafen gesehen. Dann war sie doch nicht die Einzige mit heller Haut und blonden Haaren und es fühlte sich irgendwie beruhigend an. Es war auch nicht unnatürlich, dass sich die Frau neben sie setzte. Wenn man auf fremdem Grund war, suchte man seinesgleichen. Deswegen gab es in Dänemark so viele Ghettos. Die Frau war Fotografin, wie sie an der Ausrüstung erkennen konnte, die sie als Handgepäck mitschleppte. Sie holte eine dänische Fotozeitschrift aus der Tasche, lächelte ihr zu und sah hinein.

»Sind Sie Fotografin?«, konnte sie es nicht lassen zu fragen.

»Sie sind Dänin!«, rief die Frau überrascht, dann nickte sie.

»Ja. Ich arbeite als Freelancer.«

»Kommen Sie aus Kopenhagen?«, fragte Silje weiter. Sie musste mit irgendjemandem sprechen und an etwas anderes denken.

»Nein, ich bin aus Jütland. Was ist mit Ihnen?«

»Aarhus. Ja, ich bin gerade erst nach Aarhus gezogen, zusammen mit meinem Mann und unserer Tochter, Anya. Sie ist sieben.«

Die Frau lächelte noch überraschter. »Ich habe mein ganzes Leben in Aarhus gewohnt. Jetzt bin ich nach Djursland gezogen. Mein Vater, ach, das ist eine längere Geschichte.«

»Witzig, dass wir nun zufällig beide an einem Flughafen in Äthiopien sitzen. Wo wollen Sie hin?«

»Ich fliege weiter nach Gambella.«

»Um dort zu fotografieren?«

»Ja, ich habe einen Fotoauftrag angenommen, der wohl etwas außerhalb meines normalen Gebiets liegt, aber es klang sehr spannend und ich musste mal ein bisschen wegkommen.«

Die Frau blätterte zu der vorigen Seite in dem Magazin auf ihrem Schoß zurück und zeigte ihr ein Bild eines zerbombten Hauses, wo ein kleiner, nackter Junge mit tränennassem Gesicht auf einer schmutzigen Treppe saß. Silje spürte sofort den Kloß im Hals. Der Junge sah verletzlich und verlassen aus, als sei er der einzig Verbliebene in einer zerbombten Welt.

»Das wurde in Syrien von einem Kollegen gemacht für ein Magazin, das für das Dänische Rote Kreuz herausgegeben wird, und für das bin ich jetzt auch unterwegs.«

»Um eine Reportage zu machen?« Sie hatte nie selbst fotografiert. Tao war der, der die Kamera hatte und sich damit auskannte.

»Ja, ich soll für das Magazin ein Foto-Essay über Flüchtlinge machen. Wo wollen Sie hin?«

»Ich fliege nach Asossa und da geht’s dann weiter in ein Flüchtlingslager. Ich arbeite für Ärzte ohne Grenzen.«

»Das klingt spannend.«

Silje richtete sich auf und lauschte der Stimme im Lautsprecher. Sie hatte ihn bisher nur als gleichgütiges, monotones Hintergrundrauschen wahrgenommen, aber als ihr Name genannt wurde, hörte sie zu. Jetzt wurde es wiederholt: »Silje Vuong! Please go to the gate!«

»Sind Sie das?«, fragte die Frau.

Schnell stand sie auf. »Ja, das bin ich. Ich sollte mich lieber beeilen.«

»Schön, Sie getroffen zu haben, Silje.«