Mörderische Freiheit - Birgit Svensson - E-Book

Mörderische Freiheit E-Book

Birgit Svensson

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Beschreibung

In der Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens nimmt der Irak eine Schlüsselstellung ein. Mit dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen 2003 und dem Sturz Saddam Husseins, wurde nicht nur einer der zahlreichen Despoten der Region entmachtet. Eine ganze Region geriet in Bewegung. Die Arabellion in mehreren Ländern des Nahen und Mittleren Ostens wäre, wenn überhaupt, ohne den Sturz Saddam Husseins nicht so schnell erfolgt. Heute bestimmen Korruption, Vetternwirtschaft und Verteilungskämpfe, die zuweilen blutig ausgetragen werden, den politischen Alltag des Landes. Der politische Scherbenhaufen begünstigte den Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die ihren Ursprung im Zweistromland hat. In spannenden Reportagen erzählt Brigitte Svensson von einem Irak, wie ihn im Westen kaum einer kennt. Der Irak ist mehr als nur ein Tummelplatz des IS und anderer militanter Gruppierungen. Und die Herausforderungen, denen er sich stellen muss, reichen weiter. Ob es um den Fluch und Segen des Öls geht, die missglückte Wiederherstellung eines Justizsystems, über die Lage der Frauen im Irak oder über die Jugend dort – das mitreißende Buch zeigt einen Irak zwischen Himmel und Hölle.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Birgit Svensson

Mörderische Freiheit

15 Jahre zwischen Himmel und Hölle im Irak

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © rasoulali/shutterstock

Karte: Peter Palm, Berlin

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN E-Book 978-3-451-81321-4

ISBN Print 978-3-451-38177-5

Inhalt

Schlüsselland Irak

Kapitel 1: Wie ich in den Irak kam

Es begann mit einer Lüge

Von Katar nach Kuwait

Per Anhalter nach Basra

Öl für Lebensmittel

Kapitel 2: Die Weichenstellung zur Hölle

Alibaba und die Räuberfalle

Hallas – es reicht

Abu Ghraib und kein Ende

Bosheit oder Naivität? Verschwörung oder ­Kardinalfehler?

Bremer und der Proporz

Kapitel 3: Bürgerkrieg

Immer wieder Falludscha

Sahwa heißt Erwachen

Entführungen sind der Albtraum

Der Terror ist überall

Nachtrag

Kapitel 4: Daesh oder die Terrormiliz IS

Wo alles begann

Amerikaner gehen, der Terror kommt

Premier Maliki stellt ein Ultimatum

Soldaten laufen weg

Furchtlos in Bagdad

Kapitel 5: Minderheiten

Die Jesiden haben kein Vertrauen mehr

Christen im Irak in Bedrängnis

Die Turkmenen mucken auf

Kapitel 6: Öl – mehr Fluch als Segen

Mit Obama nach Basra

Die Gier nach Öl

Amerikanische Firmen außen vor

Zankapfel Kirkuk

Kapitel 7: Frauen im Irak

Frauenpower am Tigris

Mit den Augen von Inana

Schreiben zum Überleben

Iraks Bräute werden immer jünger

Kapitel 8: Justiz

Im Gerichtssaal mit Saddam Hussein

Tribunal als Politshow

Paralleljustiz

Kapitel 9: Jugend und Politik

Neue Zeitrechnung

Alsterwasser am Tigris

Frieden ist noch immer nicht in Sicht

Kapitel 10: Bagdad, Mon Amour

Eine Liebeserklärung an die irakische Hauptstadt

Von der Spree an den Tigris

Masgouf und Gemar

Der Garten Eden trocknet aus

Epilog

Chronologie nach 15 Jahren Irak

Bibliographie

Karte

Über die Autorin

Schlüsselland Irak

Der Irak ist das Schlüsselland für die Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens. Der Irak ist das Schicksal für die Region: Nahe Vergangenheit und Zukunft liegen hier eng beieinander. Doch das Schicksal ist dieses Mal nicht die Verbreitung einer Hochkultur wie zu Zeiten Mesopotamiens, sondern eines weltumspannenden Terrors, der in Afghanistan begann, sich im Irak fortsetzte und dort vervollständigte. Die Kriege in Syrien, Libyen, Jemen und jetzt auch in der Türkei mit den Kurden sind die Folge. Die Krisen am Golf, im Libanon, die Flüchtlingskatastrophe in Jordanien, die Stellvertreterkriege zwischen Saudi-Arabien, dem Iran und Israel, der Terror in Ägypten wären ohne das Desaster im Irak schwer vorstellbar. Die Region sähe heute völlig anders aus. Ohne das Erstarken extremistischer religiöser Gruppen, dem die US-Administration tatenlos zusah, wäre der Bürgerkrieg in Syrien längst zu Ende, und im Jemen hätte er gar nicht erst begonnen. Ohne das Erstarken Irans, das durch das Machtvakuum im Irak begünstigt wurde, würde sich Saudi-Arabien nicht so massiv herausgefordert fühlen. Blutige Konflikte um die Vormachtstellung im Nahen Osten sind die Folge, die sich zu Weltkriegen auswachsen. Die neue Weltordnung der Amerikaner, wie sie sie in ihrer Hybris mit der Invasion in den Irak 2003 schaffen wollten, wurde zum Scherbenhaufen der Weltpolitik.

Einen Zusammenhang zwischen der sogenannten Arabellion in den Ländern Tunesien und Ägypten mit dem Desaster im Irak bezweifeln viele. Ich dagegen bin überzeugt, dass die Aufstände dort sehr wohl mit der Entwicklung im Irak zusammenhängen. Die Tatsache, dass ein »großer arabischer Führer« wie Saddam Hussein gestürzt werden konnte, hinterließ Spuren bei der jungen Bevölkerung Arabiens. Seine Unverwundbarkeit war plötzlich nicht mehr gegeben, alles wurde möglich. Die bewusste Demütigung des vermeintlich Unantastbaren, als er aus dem Erdloch herausgezogen und verhaftet wurde, verfehlte nicht die psychologische Wirkung. Das Foto, das Saddam verwahrlost und zerzaust zeigt, als er eine Speichelprobe zur Identitätsfeststellung abgeben musste, ging um die Welt und prägte sich in das Gedächtnis vieler, vor allem junger Menschen der Region ein. Dadurch wuchs die Begehrlichkeit, auch andere Gewaltherrscher loszuwerden. Der Dominoeffekt, auf den George W. Bush bei der Invasion in den Irak spekulierte, setzte also tatsächlich ein, verkehrte sich jedoch in das Gegenteil dessen, was der damalige US-Präsident erreichen wollte. Nicht Demokraten sind im Nahen und Mittleren Osten auf dem Vormarsch, sondern Autokraten, Diktatoren und Gewaltherrscher, die weit brutaler, rücksichtsloser und gewalttätiger sind als vordem. Oft mit dem Argument, keinen zweiten Irak zu wollen, lassen Regime wie das syrische und das ägyptische ihr Land eher untergehen, als dass sie Kompromisse eingehen, um Macht und Ressourcen zu teilen.

Viele Einwohner der Region sahen, sosehr sie sich Saddam zum Teufel wünschten, in der Invasion im Irak 2003 eine neue Demütigung und erinnerten sich an 1798, als Napoleon mit überlegenen Waffen in ihre Welt einbrach und nach Jahrhunderten islamischer Glanzzeit die westliche Überlegenheit demonstrierte. Oder an 1916, als durch das britisch-französische Sykes-Picot-­Abkommen die Region willkürlich auseinandergerissen und den Kolonialmächten zugeteilt wurde. Oder an 1967, als der ihnen aufgezwungene Nachbarstaat Israel im Sechstagekrieg die Ägypter und Syrer vernichtend schlug. Oder an 2001, als ihnen nach den Terroranschlägen in New York und Washington kollektive Verachtung und Misstrauen entgegengebracht wurde. Vor allem junge Araber unter 25 Jahren, die die Mehrheit in den meisten Ländern im Nahen Osten bilden, machen diese Entwicklungen für die heutige Misere verantwortlich und klagen die westlichen Länder an, zu lange die Lähmung ihrer Gesellschaften durch die Unterstützung der autokratischen Herrscher mit befördert zu haben – Vetternwirtschaft und Korruption inbegriffen. Der sich schnell formierende internationale Widerstand gegen die westlich dominierte Kriegsallianz im Irak vereinte Unzufriedene, Frustrierte und Wütende aus der ganzen Region.

Seitdem verlaufen unzählige Fronten aus dem Irak hinaus. Dabei werden Allianzen sichtbar, die vor 2003 undenkbar waren. Die sunnitisch-wahhabitischen Länder Saudi-Arabien und Katar, Verbündete des Westens, finanzierten ab 2005 den irakischen Widerstand gegen die US-geführte Allianz genauso wie der fundamentalistisch schiitische Iran. Teheran ließ Kämpfer der sunnitischen Terrororganisation al-Qaida ungehindert von Afghanistan in den Irak ziehen und stattete sie zuweilen sogar mit Geld und Proviant aus. Aus Syrien wurden Waffen und Munition auf einer Schmuggelroute über Rabia nach Mossul und in die Provinz Anbar geleitet, gekauft mit Geld aus Riad, Doha und anderen Golfstaaten. Die Befürchtung war groß, dass nach Saddam Hussein auch weitere Despoten der Region dem Untergang geweiht sein könnten. Der Irak durfte also nicht der Auslöser für einen Umbruch im Nahen Osten werden. Und wurde es dennoch. Jetzt sind sogar die einstigen Terrorfinanziers im Irak Saudi-Arabien und Katar verfeindet.

Zwar führen Israel und Iran schon lange einen Krieg der Stellvertreter und Geheimdienste. Die Islamische Republik rüstete noch vor dem Sturz Saddam Husseins die Hisbollahmiliz im Libanon mit mehr als 100 000 Raketen aus und versorgte die radikalislamische palästinensische Hamas mit Waffen und Geld. Hier wird deutlich, dass es sich eben nicht um einen Religionskonflikt handelt. Es geht um pure Machtinteressen. Während die Mitglieder der Hisbollah im Libanon Schiiten sind, ist Hamas rein sunnitisch. Jerusalem befürchtete deshalb von Anfang an, dass Irans Unterstützung letztlich die Absicht verfolgt, Israel zu vernichten. Doch erst der enorme Einflusszuwachs des Ajatollah-Regimes im Irak und der dadurch realisierbar werdende schiitische Halbmond unter der Ägide Teherans verschärft die Konturen und lässt die Absichten deutlich erkennen. Saudi-Arabien sieht seine bisherige Vormachtstellung in den arabischen Ländern gefährdet und tut derzeit alles, den Einfluss Irans einzudämmen. Von Damaskus bis ins jemenitische Sanaa befindet sich die gesamte arabische Welt mittlerweile in der Geiselhaft dieser beiden Regionalmächte. Sogar das ebenfalls wahhabitisch geprägte Katar bekam den Zorn der saudischen Glaubensbrüder zu spüren. Für den Versuch einer Annäherung an Teheran kassierte der Emir in Doha einen Boykott des Golfkooperationsrates unter der Führung Saudi-Arabiens.

Dafür geht Riad immer mehr Verbindungen mit dem Erzfeind Israel ein. Nach dem Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund, werden vermehrt gemeinsame Absprachen getroffen, Aktionen koordiniert und Absichten bekundet. Die Palästinenser im Westjordanland, die sich stets der Unterstützung Saudi-Arabiens und der Golfstaaten gegen Israel gewiss sein konnten, mussten nun mit ansehen, dass die Verlegung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem keinen Flächenbrand der Empörung in der arabischen Welt auslöste, wie es früher noch der Fall gewesen wäre. Die Israelis jubelten, die Saudis schwiegen, die Proteste blieben auf die Palästinensergebiete beschränkt. Wären die Spannungen zwischen Teheran und Riad nicht so gravierend, hätte der gesamte Nahe und Mittlere Osten eine Protestwelle nach der anderen verzeichnet. Denn sowohl Saudi-Arabien als auch Iran hatten jahrelang das Existenzrecht Israels in Abrede gestellt.

In Syrien tritt dieser Schattenkrieg seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 noch offener zutage. Die Schmuggelroute über das irakische Rabia funktioniert nun in die andere Richtung. Aus al-Qaida ist der IS geworden, dessen Operationsbasis zunächst Syrien wird. Saudi-Arabien und auch Katar unterstützen islamistische Gruppen wie al-Nusra, die gegen Baschar al-Assad kämpfen, Teheran schickt militärische Ausrüstung und Truppen zur Unterstützung des Diktators. Der Irak indes unterstützt nahezu alle Bürgerkriegsparteien, je nach Zugehörigkeit. Im Vielvölkerstaat zwischen Euphrat und Tigris halten die schiitisch geprägte Regierung in Bagdad und die von Teheran unterstützten Schiitenmilizen zum Machthaber in Damaskus. Assad erhält Kämpfer aus Basra, Nadschaf, Kerbela. Nahezu wöchentlich kommen Särge mit toten irakischen Milizionären aus Syrien im Süden des Irak an. Nachdem sie die Terrormiliz IS aus dem irakischen Norden weitgehend vertrieben haben, kämpfen sie jetzt weiter in Syrien. Dort allerdings geht es nicht nur wie im Irak allein gegen den IS, sondern gegen unterschiedliche Gruppierungen. So finden sich sunnitische Milizionäre, die noch vor einigen Monaten zusammen mit ihren Stammesführern Ramadi oder Falludscha in der irakischen Provinz Anbar vom IS befreiten, in den Reihen der Freien Syrischen Armee oder dessen, was vom ursprünglichen Widerstand gegen Machthaber Assad noch übrig ist. Auch extreme sunnitische Rebellengruppen werden von den irakischen Stammesmilizen unterstützt. Ihre Kooperation mit Saudi-Arabien ist ein offenes Geheimnis. Irakische Kurden wiederum unterstützen ihre Volksgenossen in Nordsyrien gegen die Intervention der Türkei. Das Schicksal des Irak setzt sich also in Syrien fort.

Doch fünfzehn Jahre nach der Invasion im Irak und dem Sturz Saddam Husseins ändert sich das Bild allmählich. Die jungen Einwohner des Landes machen nicht mehr so sehr die Amerikaner und Briten verantwortlich für die Misere in ihrem Land. Sie schimpfen auf ihre eigenen Politiker, die es die ganzen Jahre nicht vermocht haben, das Land neu zu strukturieren und ihnen eine lebenswerte Perspektive zu geben. Junge Leute bekommen kaum Aufstiegschancen, geschweige denn einen Arbeitsplatz. Millionen von Petro-Dollars verschwinden in den Taschen der politisch Verantwortlichen. Diese haben jahrelang die religiöse Karte gespielt und damit ihre Macht gefestigt. Die Diktatur Saddam Husseins wurde durch das Diktat der Religion ersetzt. Seit 2005 stellte die fundamentalistisch schiitische Dawa-Partei stets den Regierungschef in Bagdad. Erst das Jahr 2018 scheint einen Wendepunkt zu markieren. Nicht nur, dass der Volksmund eine neue Zeitrechnung – vor und nach dem IS – eingeführt hat. Auch die Protestbewegung, die es zwar schon seit 2014 gibt, gewinnt jetzt an Bedeutung. Zumeist junge Leute gehen in Scharen auf die Straße, fordern bessere Lebensbedingungen, Arbeitsplätze, Reformen, einen effektiven Kampf gegen Korruption und die Abkehr vom religiösen Fundamentalismus. Es habe noch nie so viele Atheisten im Irak gegeben wie heute, berichten Universitätsstudenten landesweit.

Für mich ist die Jugend im Irak der Hoffnungsträger. Sie allein kann eine Wende herbeiführen. Es sind die jungen Iraker, die derzeit über ethnische und religiöse Grenzen hinweg denken und agieren, während ihre Eltern und Großeltern darin gefangen sind. Es sind die jungen Iraker, die für die Einheit ihres Landes eintreten und sich den Fliehkräften und Separatisten entgegenstellen. Ganz bewusst heiraten junge Schiiten Sunniten, sogenannte Sushi-Ehen sind zumindest in Bagdad gerade in Mode. Es sind die jungen Iraker, die im Mai 2018 zur Parlamentswahl gingen, säkulare und gemischt ethnische Parteien wählten. Es sind junge Frauen, die voranschreiten und Zeichen setzen. Bagdad ist die einzige Stadt in der arabischen Welt, die von einer Frau als Oberbürgermeisterin regiert wird. Sie sei heute zwar noch die einzige Frau im Nahen und Mittleren Osten, sagt sie. »Aber nach mir werden noch weitere kommen.« Schon steht die Vermutung im Raum, dass eine Irakerin bald die erste Regierungschefin der Region werden könnte.

Das Faszinierende am Irak sind seine Menschen, die so viel erlitten und gekämpft haben, gedemütigt wurden, geschlagen und gefoltert. Die aber immer wieder auferstanden sind, ihre Würde bewahrt haben und voller Hoffnung in die Zukunft blicken. »Wenn du Überlebenstraining haben willst, komm zu uns nach Bagdad«, sagt meine Freundin oft. »Hier lernst du, was es heißt zu leben.« Ich habe es gelernt – fünfzehn Jahre lang – und werde Bagdad auch weiter als meine zweite Heimat behalten. Meine ­Reportagen sind deshalb den Menschen im Irak gewidmet.

Kapitel 1: Wie ich in den Irak kam

Es begann mit einer Lüge

Schon eine Stunde vor der Pressekonferenz ist im Briefing-Room des Medienzentrums beim Central Command (Centcom) in Katar kein Sitzplatz mehr zu bekommen. Drei Tage haben die mehr als 600 Journalisten, Kameraleute, Fotografen und technischen Mitarbeiter gewartet. Nun endlich wollen sie den Mann sehen, bei dem alle Kommandofäden zusammenlaufen: General Tommy Franks, Oberkommandierender der Truppen im Irakkrieg. Er ist bekannt dafür, dass er sich ungern in den Medien zeigt. Und seine erste Pressekonferenz, so wird gemutmaßt, könnte auch für längere Zeit seine letzte sein. Doch dem ist nicht so. Franks wird sich noch öfters zur Lage im Irak äußern.

Wochen, gar Monate verbrachten vor allem amerikanische Medienvertreter im Golfemirat Katar und warteten, bis US-Präsident George W. Bush das »Go« für den Einmarsch der von den Amerikanern geführten Kriegsallianz in den Irak gab. Nachdem am 5. Februar 2003 der damalige US-Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat seine angeblichen Beweise für den Besitz von Massenvernichtungswaffen vortrug, war klar, die USA ziehen in den Krieg gegen Saddam Hussein. Daran konnte auch die engagierte Rede des deutschen Außenministers Joschka Fischer auf der Münchner Sicherheitskonferenz drei Tage später nichts mehr ändern. Die Entscheidung sei bereits gefallen gewesen, so Fischer später, der Kriegsgrund »fabriziert«. Zehn Jahre danach gesteht der einzige von den Amerikanern herangezogene Zeuge mit dem Decknamen »Curveball«, seine Angaben seien alle Lügen gewesen, die fahrbaren Biolabors, die Powell als Zeichnung in New York präsentierte, glatt erfunden. Joschka Fischers Satz in München, »I am not convinced« – »Ich bin nicht überzeugt«, ist in die Geschichte eingegangen. Deutschland hält sich raus, war die Konsequenz.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Pressekonferenz im Centcom sind auch die Stehplätze rar geworden. Die Kameras sind aufnahmebereit, an den Mikrofonen werden die letzten Soundchecks gemacht. Eine attraktive NBC-Moderatorin steigt auf ihren Stuhl und spricht ungerührt von den neugierigen Blicken ringsum ihre Anmoderation in die Kamera. Als sie sich setzt, gibt es spontanen Beifall.

Willkommen im Camp Al-Sailiya. In einem Industriegebiet, rund zwanzig Kilometer von der katarischen Hauptstadt Doha entfernt, hat sich das Zentralkommando für den Irakkrieg niedergelassen. Das Ambiente erinnert an einen deutsch-deutschen Grenzübergang zu Mauerzeiten: Stacheldrahtverhaue, Betonelemente, die zu Slalomfahrten zwingen, Schützenpanzer, die alles bewachen. Auf mehr als hundert Hektar erstreckt sich dahinter eine Ansammlung von Wellblechhütten, alle im grau-gelblichen Farbton der katarischen Wüste. Schon Mitte der Neunzigerjahre haben die Amerikaner das Stück Land erworben. Doch erst zehn Jahre später wird es von Bedeutung. Nie zuvor, seitdem aus Perlenfischern Ölscheichs wurden, hat die Halbinsel im Persischen Golf so viel Aufmerksamkeit erfahren wie in der ersten Hälfte des Jahres 2003. Die amerikanischen Fernsehanstalten, die ganze Etagen in Dohas Hotels mieteten, ließen ihre Korrespondenten zum Zeitvertreib alles drehen, was Unterhaltungswert hat. Plötzlich flimmerten Reportagen über die traditionellen Handelsschiffe, Daus genannt, ebenso über die Bildschirme wie das x-te Interview mit Katars Ölminister. Auch der katarische Nachrichtensender, Al Jazeera, erfreute sich regen internationalen Interesses. Seine Journalisten wurden begehrte Gesprächspartner. Heute ist der Sender in vielen arabischen Ländern geächtet, ja sogar verboten. Katar selbst versucht sich seitdem als Mitspieler im Kampf der Regionalmächte. Die Amerikaner, die nach wie vor das Centcom in Doha unterhalten, vermitteln im Streit zwischen dem Golfemirat und Saudi-Arabien. Der Irakkrieg und die Folgen haben sie entzweit. Davon mehr im nächsten Kapitel.

Punkt 17 Uhr betritt Tommy Franks die Bühne. In seinem Gefolge ein weiterer US-General, ein britischer Luftmarschall, ein australischer Konteradmiral sowie – für viele überraschend – ein dänischer und ein holländischer Offizier. Die Kriegsallianz zeigt Flagge. Franks spricht konzentriert und ruhig. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 seien Marschflugkörper auf Bagdad abgeschossen worden. Die Operation »Iraqi Freedom« zur Befreiung des Irak habe begonnen. Der General führt die Kriegsziele auf: Aufspüren und Vernichten von Massenvernichtungswaffen, Beseitigung des Regimes von Saddam Hussein, Bekämpfen terroristischer Aktivitäten und Verbindungen. Punkt 7 der Liste ist die Sicherung der Ölfelder, Punkt 8 die Hilfe beim Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung im Irak. Alles Notwendige dazu habe Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – »my boss«, sagt Franks – bereits erklärt. Dessen Wandlung entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Während Rumsfeld jetzt als einer der Hauptbefürworter eines Militärschlags gegen Saddam Hussein gilt, holte er eben diesen aus der diplomatischen Isolation heraus, als der Diktator in Bagdad Krieg gegen die Ajatollahs in Iran führte. Im Dezember 1983 reiste der Amerikaner als Sonderbotschafter Ronald Reagans in den Irak, traf Saddam Hussein und besiegelte damit die Unterstützung der USA. Washington leistete daraufhin militärische Aufklärung durch AWACS-Flugzeuge, eröffnete ein CIA-Büro in Bagdad und schickte Militärberater. Zwanzig Jahre später greifen die USA den Irak an und Donald Rumsfeld ist erneut an vorderster Front. Dieses Mal gegen Saddam Hussein.

Noch nie wurde ein Krieg derart als Medienereignis inszeniert wie dieser. Ununterbrochen flimmern die neuesten Aufnahmen vom Golf auf die Bildschirme in der ganzen Welt. Drei Sender senden dabei rund um die Uhr: CNN, Al Jazeera und Al-Arabiya. Sie alle zeigen zwar noch die kleinste Facette des blutigen Geschäfts, doch unterschwellig ergreifen sie eindeutig Partei. Stoisch verkündet der irakische Informationsminister, Mohammed Said al-Sahhaf, den alle in Doha salopp »Baghdad Bob« nennen, seine Durchhalteparolen. In einem bei CNN eingeblendeten Fenster feuern amerikanische Panzer und Geschütze. Die Aussage ist eindeutig: Das Regime in Bagdad hat keine Chance. Senderwechsel, Blickwechsel: Al Jazeera zeigt irakische Soldaten, die wütend ihre Fäuste und Gewehre schütteln. In den Krankenhäusern leiden die Opfer der Bombenangriffe. Als CNN-Reporter aus dem Irak ausgewiesen werden, kauft der US-Sender die Bilder von Al Jazeera, der somit zum absoluten »Marktführer« auf dem Nachrichtenfernsehmarkt wird. Mit Einschaltquoten von fünfzig Millionen Zuschauern ist der katarische Sender die Nummer eins der Kriegsberichterstatter. Für Al-Arabiya ist der Irakkrieg die erste große Bewährungsprobe. Mit saudischem Geld finanziert und in Dubai angesiedelt, soll er eine Konkurrenz zu Al Jazeera darstellen, was ihm später auch gelingt. Heute hat Al-Arabiya mehr Zuschauer als der Sender aus Katar, auch weil seine Journalisten zurückhaltender sind in der Bewertung der Situation. Während Al Jazeera in einigen Ländern, wie beispielsweise Ägypten, vom Netz genommen und seine Journalisten verhaftet oder des Landes verwiesen wurden, ist es um die Mitarbeiter von Al-Arabiya bislang ruhig geblieben.

Schon in den ersten Wochen des Irakkrieges zeichnet sich die Konfrontation mit Al Jazeera ab, die bis heute anhält. Die Amerikaner werfen dem aus der britischen BBC hervorgegangenen ­Programm Parteinahme vor. Der damalige Chefredakteur von Al Jazeera, Ibrahim Helal, ein Ägypter, wehrt sich nachdrücklich: »Die Zuschauer sollen begreifen, dass dies kein Videospiel ist, sondern Krieg.« Inzwischen ist Helal in Ägypten in Abwesenheit wegen Terrorunterstützung zum Tode verurteilt worden.

Während CNN und andere amerikanische Medien 2003 unmissverständlich die Botschaft »Wir sind die Guten, wir werden siegen« rüberbringt, vermittelt Al Jazeera, was Millionen Araber damals denken: »Wir sind gegen diesen Krieg, und wir fühlen mit den Irakern.« Auch später übt der Sender keinerlei Zurückhaltung und geriert sich als Sprachrohr des irakischen Widerstands gegen die amerikanische Besatzung. Spektakulär präsentiert Al Jazeera nahezu jedes noch so brutale Video, das seinen Journalisten meist exklusiv von der Terrororganisation al-Qaida zugespielt wird. Darin werden zumeist westliche Geiseln gezeigt, die politische Forderungen an ihre Regierungen stellen. Im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit dürfte der Amerikaner Nicholas Berg geblieben sein, der vor laufender Kamera enthauptet wurde. In den Bürgerkriegsjahren 2006/07 und 2008 wird das Büro von Al Jazeera in Bagdad geschlossen. Die irakische Übergangsregierung, die der US-Administration folgt, betitelt den Sender als eine Gefahr für den Frieden im Land. Trotzdem muss die Pionierarbeit von Al Jazeera als erstem arabischen Nachrichtenkanal gewürdigt werden, auch wenn eine zunehmende Ideologisierung vor allem des arabischsprachigen Programms inzwischen viel Kritik einbringt.

Als sich Tommy Franks den Fragen der Journalisten im Presseraum des Centcom stellt, geht es zu wie in einer Schulstunde. Zwanzig Arme gehen hoch, aber dran kommen fast nur die in der ersten Reihe. Dort sitzen die Vertreter der großen amerikanischen und britischen Fernsehsender, Radiostationen, Zeitungen und Nachrichtenagenturen. Einige ruft Franks mit ihren Vornamen auf – man kennt sich. Der General antwortet locker, auch schlagfertig. Aber er sagt wenig. Nein, bisher habe man keine Massenvernichtungswaffen gefunden, »aber es wird kommen«. Hier irrt er gewaltig. Weder er noch seine Nachfolger werden den Kriegsgrund Nummer eins je finden. Ja, fährt Franks fort, in Umm Qasr, dem Ölhafen vor Basra, habe ein Soldat die amerikanische Flagge gehisst, aber gleich wieder eingezogen: »Wir kommen als Befreier, nicht als Besatzer.« Nur zwei Wochen später wird ein GI der fallenden Bronzestatue von Saddam Hussein am Firdus-Platz in Bagdad die Stars and Stripes überstülpen und damit in die Geschichtsbücher eingehen. Der Anspruch der Amerikaner auf den Irak ist jetzt nicht mehr zu leugnen.

»Warum auch«, sagen die amerikanischen Medienvertreter im Camp Al-Sailiya, »wir bringen doch den Irakern die Freiheit«. Dass sie die Guten sind, darin herrscht Übereinstimmung und daran gibt es keinen Zweifel. Ausnahmslos sind alle auf ihren Feldherrn George W. Bush im Weißen Haus eingeschworen. Selbst die sonst kritische New York Times oder Washington Post blasen das Hohelied des Krieges. Bei den Briefings im Centcom gibt es nur Zustimmung und wohlwollende Fragen. Franks hat es leicht. Andere Medienvertreter kommen nur selten zu Wort. Journalisten aus Ländern, die nicht an diesem Krieg teilnehmen, haben indes keine Chance, Hintergrundinformationen zu bekommen. Interviews mit amerikanischen oder britischen Generälen werden ihnen nicht genehmigt, höchstens der holländische oder dänische Offizier ist für ein Gespräch bereit. Ansonsten bleiben den deutschen und französischen Journalisten nur Informationen aus zweiter oder gar dritter Hand, wenn beispielsweise ein britischer Kollege sein Wissen weitergibt. Man lässt uns spüren, dass unsere Länder Häretiker sind, Abtrünnige, die da nicht mitmachen wollen. Diese Haltung finde ich auch in Bagdad wieder, bei den Pressekonferenzen dort. Erst als sich das Blatt wendet und der Irak ins Chaos zu versinken droht, kommen amerikanische Journalisten plötzlich auf uns und die französischen Kollegen zu und fragen nach unserer Meinung.

»Embedded« ist das Zauberwort der Kriegsberichterstattung 2003. Die US-Streitkräfte haben ein diesbezügliches Programm für die Berichterstattung ihrer Invasion aufgelegt. Eingebettet mit den Truppen, dürfen die Journalisten hautnah dabei sein. Natürlich sind die Berichte entsprechend perspektivisch. In den ersten drei Wochen bis zum Fall von Bagdad kommen zehn eingebettete Journalisten ums Leben. Auch der Focus-Reporter Christian Liebig wird bei einem irakischen Raketenangriff auf die 2. Brigade der 3. Infanteriedivision in Bagdad getötet. Unvergesslich ist der widersinnige US-Angriff auf das Hotel Palestine am Tigrisufer, bei dem zwei Mitarbeiter der britischen Nachrichtenagentur Reuters sterben und drei weitere westliche Journalisten verletzt werden. Ich entscheide, mich nicht mit den Truppen einbetten zu lassen, was ich mit einer einzigen Ausnahme bis zum Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak Ende 2011 durchhalte.

Am 22. Mai reicht Tommy Franks seinen Rücktritt als Oberkommandierender der Kriegsallianz im Irak ein, drei Wochen nachdem George W. Bush das Ende der Mission – »mission accomplished« – erklärt hatte. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bot dem Viersternegeneral den herausragenden Posten des Chief of Staff of the Army an. Dieser lehnte jedoch ab. Nur wenige Wochen später begann der Terror, der den Irak an den Abgrund treiben sollte.

Von Katar nach Kuwait

Gut eine Flugstunde ist das Zentralkommando in Katar, in dem der Kriegseinsatz koordiniert, geleitet und befehligt wird, von der Truppenbasis in Kuwait entfernt. Stündlich fliegen Maschinen hin und her. In den ersten Tagen des Krieges spielen sich am Flughafen in Kuwait-City dramatische Szenen ab. Tausende Menschen stehen an den Flugschaltern, bepackt mit riesigen Koffern oder auch nur lose zusammengeschnürten Paketen. Sie wollen nur noch weg. Die Angst vor einem Giftgasangriff treibt sie in die Flucht. Vor allem Fremdarbeiter aus Indien und anderen fernöstlichen Staaten, aber auch Ägypter wollen nach Hause. Der Schwarzhandel mit Flugtickets blüht. Als zwei Raketeneinschläge im Norden Kuwaits gemeldet werden, setzt Panik ein. Das Trauma des zweiten Golfkriegs von 1990, als der Irak Kuwait besetzte, wird wieder lebendig. Fast jede einheimische kuwaitische Familie hat ein furchtbares Erlebnis mit Irakern zu berichten. Die Angst sitzt tief. Manche haben sie in Hass umgewandelt.

Mein Kollege von der FAZ wird eingebettet mit den Truppen, die vom Norden in den Irak einmarschieren sollen. Doch das türkische Parlament hat den geplanten Aufmarsch von 62 000 US-Soldaten und die Stationierung von mehr als 300 Flugzeugen und Hubschraubern für den Aufbau einer Nordfront abgelehnt. Der Krieg beginnt ohne die 4. Division. Als deren Gerätschaften, Soldaten, militärische Ausrüstung und Journalisten in Kuwait ankommen, sind die anderen Truppenverbände bereits kurz vor Bagdad. Im Norden machen die Kurden den Job für die Amerikaner, erobern Kirkuk und auch Mossul. Ich erhalte den Auftrag, die Deutschen in Kuwait zu besuchen.

Ihr ganzer Stolz im »German Village« ist die Palme, die sie eigenhändig gepflanzt haben. Und das kleine Stück Rollrasen davor. »Schon deshalb bekommen wir immer wieder Besuch, die anderen finden es unheimlich gemütlich bei uns.« Der große kräftige Mann ist Bundeswehrhauptmann und Kompanieführer in dem seit Anfang 2002 in Kuwait stationierten ABC-Kontingent. Sechs Fuchs-Spürpanzer mit dem schwarzen Kreuz der Bundeswehr fahren Patrouille in Kuwait-City. »Auf Wunsch der kuwaitischen Regierung«, wie der Hauptmann betont. Der Fuchs kann nukleare, biologische oder chemische Waffen aufspüren. Kuwait befürchtet dementsprechende Angriffe aus dem Irak. Die deutschen Spezialpanzer können bei einem Einsatz von A-, B- oder C-Waffen feststellen, um welche Kampfstoffe es sich handelt. Sie können das betroffene Gebiet markieren und den Einsatzkräften wichtige Hinweise für Warnungen oder Evakuierungen geben. Auch das Dekontaminieren von Personen ist möglich.

Die 85 Bundeswehrsoldaten sind mit ihrem »Deutschen Dorf« Teil des Camps Doha in Kuwait, wo ansonsten Soldaten der Kriegsallianz, vor allem Amerikaner und Briten, stationiert sind und auf ihren Einsatz im Irak warten. Die Deutschen indes patrouillieren zwei Mal pro Tag mit ihren Panzern durch Kuwait-City, entlang der Uferpromenade am Golf, über die diversen Ringstraßen bis zum Beginn der Wüste, wo sich das Kraftwerk befindet, das die 2,2 Millionen Einwohner Kuwaits mit Strom versorgt. Der Kontrast, den die deutschen Soldaten bei ihren täglichen Touren sehen, könnte größer nicht sein. Hinter der siebten Ringstraße grast eine Kamelherde, ein Stück weiter ein paar Ziegen. Stadteinwärts erstrecken sich Industrieparks, Gewerbegebiete und Wohnviertel. An der ersten Ringstraße dann, im Zentrum, Banken- und Hoteltürme, überragt vom »Freedom Tower«, dem 380 Meter hohen Fernsehturm und Wahrzeichen der Stadt. An jeder roten Ampel bleibt der Fuchs stehen, umgeben vom dichten Feierabendverkehr. Doch niemand kümmert sich um den Panzer. Den Anblick von Militärfahrzeugen sind die Kuwaiter gewohnt. So geht es Tag für Tag: jeden Morgen und jeden Abend für mehrere Stunden Patrouille in Kuwait-City. Präsenz zeigen. Als Bagdad am 9. April fällt, wird in Kuwait gefeiert. Die Menschen bejubeln das Ende von Saddam Hussein, der so viel Leid über ihr Land gebracht habe.

Fünfzehn Jahre später ist die Aussöhnung zwischen beiden Staaten auf einem guten Weg. Der Irak hat die Reparationszahlungen beglichen, die ihm nach dem Kuwaitkrieg auferlegt wurden. Die restriktiven Visabestimmungen sind gelockert, der Handel mit dem Nachbarn blüht. Im Februar 2018 organisiert Kuwait die bislang größte Geberkonferenz für den von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) schwer zerstörten Irak und wird mit mehr als einer Milliarde Dollar für den Wiederaufbau selbst zu einem der größten Geldgeber.

Per Anhalter nach Basra

Wie ein Phantom dominiert der Irak Gespräche und Gedanken in Katar und Kuwait in den ersten Monaten des Jahres 2003. Es gibt kein anderes Thema. Wie wird sich die Situation entwickeln? Werden die Amerikaner ihre Ziele erreichen? Hält die Kriegsallianz? Der Einmarsch erfolgte ohne UN-Mandat. Welche Konsequenzen wird das haben? Welche Rolle werden Deutschland und Frankreich spielen? Werden sich die beiden Länder auch weiterhin raushalten oder sich am Aufbau beteiligen? Und was denken eigentlich die Iraker? Fragen über Fragen. Ich mache mich auf Richtung Irak.

Der Taxifahrer fährt nur bis an die Grenze. Weiter gehe es nicht, meint er. Dann müsse ich alleine schauen, wie ich vorwärtskäme. Fünfzig Kilometer durch die Wüste. Kuwait ist heiß, staubig und nicht gerade einladend. Der Reichtum, den das Emirat am Golf seit der Entdeckung des Öls befallen hat, kann auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Extrembedingungen herrschen. Im Sommer ist es kaum auszuhalten. Die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren. Drei Baracken im Wüstensand. Der Fahrer kassiert siebzig Dollar, und weg ist er.

Im Schatten des Mercedes-Lasters ist es einigermaßen auszuhalten. »Willi Betz« steht, etwas verwaschen, in leuchtend gelber Farbe auf der grauen Abdeckplane des Trucks. Wie das Fuhrwerk des schwäbischen Spediteurs an den kuwaitisch-irakischen Grenzort Abdaly gelangt ist, lässt sich unschwer erahnen. Mit dem Krieg winkt kuwaitischen Unternehmen das ganz große Geschäft. Hunderttausende Tonnen von Hilfsgütern gilt es in das Nachbarland zu schaffen. Die Lieferungen setzen nahezu zeitgleich mit den Truppentransporten ein. Die Kuwaiter kaufen auf dem internationalen Markt alles, was Räder hat und dreißig Tonnen schleppen kann. So kommt auch »Willi Betz« nach Kuwait. Husseini heißt sein jetziger Fahrer. Er ist Ägypter, trägt ein schmuddeliges gelbes Poloshirt und hat fast keine Zähne mehr im Mund. Trotzdem lacht er oft und gern. Wohin er fahre? »Basra«, die Antwort. Ob er mich mitnehmen könne? »No problem.« Er müsse noch seine Frachtpapiere abstempeln lassen, eine halbe Stunde würde das dauern, länger nicht. Als er meinen skeptischen Blick auf die rund hundert ebenfalls wartenden Lkw bemerkt, lacht er und sagt wieder: »No problem.«

Husseinis Ladung besteht aus 1200 Kartons. Jeder enthält 24,5 Kilo Pflanzenöl in Dosen, angereichert mit Vitamin A. »USAID« steht auf den Boxen. Mindestens sechs weitere Trucks haben an diesem Tag die gleiche Fracht geladen. Andere transportieren Reis, Mehl, Trockenmilch, Energiekekse. Nach gut einer Stunde kommt Husseini wieder. Die Tür muss man mit Gewalt zuknallen, Scheibenwischer und Seitenspiegel sind mit Wäscheleine festgebunden, der Motor röhrt gewaltig. Aber das Gefährt rollt. Zunächst allerdings nur 500 Meter. Passkontrolle auf kuwaitischer Seite. Rund eine Stunde warten auf den Ausreisestempel. Danach kommt nichts. Keine Grenzkontrolle zum Irak, nicht mal ein Beamter oder sonst jemand, der den Grenzübertritt signalisiert. »Open door« – offenes Haus – für jedermann. Ob das mal gut geht, denke ich still. Später stellt sich heraus, dass viele Ungebetene durch diese offenen Türen gingen, die schließlich dem Irak und der ganzen Welt zum Verhängnis wurden.

Dass wir Kuwait verlassen haben, wird aber trotzdem schnell deutlich. Krasser können die Gegensätze nicht sein. Wo im reichen Emirat mondäne Wohnhäuser mit grünen Vorgärten, blitzenden Karossen und reich gefüllten Geschäften das Straßenbild bestimmen, herrscht gleich nebenan ein Bild der Armut und Verwüstung. Statt Häuser sieht man Trümmerhaufen. Ein paar Kinder stehen am Straßenrand, zerlumpt, und halten die Hände auf. Doch sie betteln nicht etwa um Kaugummi oder Schokolade, wie es sonst in der Region üblich ist – sie haben Hunger. Ein Mann springt zu Husseini aufs Trittbrett und redet hastig auf den Fahrer ein. Sein Kind sei todkrank, ob er ihm etwas Trockenmilch aus Kuwait mitbringen könne, sonst sterbe das Baby. Husseini verspricht es. »Bukra«, sagt er, morgen, »wenn ich wiederkomme.«

Diese Bilder von hungernden Kindern auf der einen Seite und dem Überfluss auf der anderen lassen mich auch nach fünfzehn Jahren nicht los. Der Zorn auf Saddam Hussein, der seine Bevölkerung hungern ließ, während er trotz Embargo in seinem Palast in Bagdad ein angenehmes Leben führte, hat sich tief in mein Bewusstsein eingegraben. Für einen Augenblick denke ich, dass Deutschland sich vielleicht doch an der Kriegsallianz hätte beteiligen sollen, um diesen Schurken loszuwerden. Doch der Kriegsgrund war ein anderer. Hätte er einen humanitären Hintergrund gehabt, hätten Deutschland und auch Frankreich sich nicht entziehen können.

Wie viele Kinder an Hunger aufgrund der bislang schwersten Wirtschaftssanktionen, die jemals gegen ein Land verhängt wurden, starben, ist schwer festzustellen. Richard Garfield, Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der Columbia University in den USA, gelangt in seinen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Zahl der gestorbenen Kinder zwischen 1991 und 2002 auf bis zu 530 000 wuchs. Ihm zufolge ist ein solch dramatischer Anstieg der Kindersterblichkeit »fast unbekannt in der Literatur zum Thema«. Zu noch erschreckenderen Zahlen kommt Tim Dyson, Professor für Bevölkerungswissenschaften an der London School of Economics, in einer Studie von 2006. Er schätzt, dass zwischen 1990 und 2003 etwa 660 000 bis 880 000 irakische Kinder unter fünf Jahren aufgrund des Zusammenbruchs der irakischen Ökonomie gestorben sind.

Öl für Lebensmittel

Die irakische Bevölkerung bezahlte also einen hohen Preis dafür, dass ihre Führung Kuwait annektieren wollte. Die Vereinten Nationen reagierten mit äußerster Härte. Als eine internationale Allianz unter Führung der USA mit George Bush Vater als Präsident die Iraker aus Kuwait vertrieben hatte und das Emirat befreit war, blieben die Sanktionen nach wie vor in Kraft, wurden teilweise sogar noch verschärft. Der Irak hatte einen Krieg verloren und kapituliert. Sein Volk war erschöpft und traumatisiert. Und doch blieb sein Diktator am Leben. Wie mir der spätere Koordinator des »Öl für Lebensmittel«-Programms der UNO, Hans-Christof Graf von Sponeck, in einem Gespräch in Freiburg sagte, hätten Untersuchungen der Vereinten Nationen ausführliche und glaubhafte Belege dafür geliefert, dass bereits in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre die Unterernährung und die Sterberate vor allem bei Kindern drastisch anstieg. Ansteckende Krankheiten wie Masern, Kinderlähmung, Typhus und Mangelerkrankungen wie Marasmus und Kwashiorkor, die vordem im Irak unbekannt waren, breiteten sich plötzlich in epidemischem Ausmaß aus. Infolgedessen wuchs der Druck auf die irakische Regierung und den UN-Sicherheitsrat, zu einer Vereinbarung über die humanitären Bedürfnisse zu kommen, um eine völlige Verelendung der irakischen Bevölkerung abzuwenden. Die Regierung in Bagdad stellte sich allerdings als schwieriger und zögerlicher Verhandlungspartner heraus, so von Sponeck. Das »Öl für Lebensmittel«-Programm trat erst 1996 in Kraft. Dem Irak wurde damit erlaubt, auf dem Weltmarkt Öl gegen humanitäre Güter, vor allem Lebensmittel und Medikamente, einzutauschen. Die UNO überwachte das Programm.

Graf von Sponeck trat 1998 seinen Dienst im Canal Hotel in Bagdad an, dem Hauptquartier der UNO damals. Schon zu der Zeit galt das Programm als problematisch. Die Iraker meinten, dass ein Instrument gebildet wurde, das für sie da ist. »Dem war aber nicht so«, sagt von Sponeck. Stattdessen hätten strukturelle Probleme wie Budgetbeschränkungen und Programmverzögerungen, ein schwerfälliger Apparat und vor allem die Politik einiger ständiger Mitglieder im Weltsicherheitsrat die rapide Verarmung der irakischen Bevölkerung und den Tod vieler unschuldiger Menschen verursacht. Dadurch sei ein schizophrenes Bild über die UNO entstanden. »Das konnte ich nicht mehr mittragen.« Anfang 2000 trat von Sponeck aus Protest von seinem UN-Posten zurück. Später wurden Korruptionsvorwürfe laut, die alle am Programm Beteiligten betrafen. Irakische Zeitungen druckten 2004 lange Listen mit Namen von Firmen, UN-Mitarbeitern und irakischen Staatsangestellten, die sich alle an dieser so gepriesenen humanitären Maßnahme bereicherten. 2005 folgte ein 500 Seiten umfassender Bericht zum Thema. Demnach haben mehr als die Hälfte der insgesamt 4500 Unternehmen, die im Rahmen des UN-Hilfsprogramms »Öl für Lebensmittel« mit dem irakischen Regime unter dem gestürzten Diktator Saddam Hussein Geschäfte abwickelten, Schmiergelder in Milliardenhöhe an Bagdad gezahlt und von illegalen Preisaufschlägen profitiert. Auch deutsche Firmen wie Siemens waren darunter.

Das Scheitern der UNO und damit der Weltgemeinschaft im Irak mit dem Embargo hatte tödliche Konsequenzen. Nicht nur behaupten viele Iraker heute, dass die UN-Sanktionen die eigentlichen Massenvernichtungswaffen waren, die sie hatten. Am 19. August 2003 begann der Terror im Irak mit einem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der UNO in Bagdad im Canal Hotel. Ziel war das ehemalige Büro von Hans-Christof Graf von Sponeck, wo dann der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen, Sérgio Vieira de Mello, untergebracht war. Das Büro und die angrenzenden Büros existieren nicht mehr, das Hotel wurde komplett zerstört. De Mello und weitere 21 UN-Mitarbeiter wurden getötet, über hundert Personen verletzt. Der Autobombenanschlag war der Auftakt von al-Qaida im Irak. Ihr Gründer und Anführer, der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, bekannte sich dazu. Das Inferno nahm seinen Lauf.