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Zwei junge Kunsthistorikerinnen kommen in ihrem Museum einem Netzwerk von Kunst-Fälschern auf die Spur. Es geht um das ganz große Geschäft: eine Bande aus Provinz-Politikern, Bankern und Museums-Angestellten betreibt den systematischen Austausch der kostbaren Originalwerke gegen wertlose Fälschungen. Zudem werden gefälschte Leihgaben eingeschleust, um sie im Anschluss als vorgeblich echte Meisterwerke für Millionensummen auf dem internationalen Kunstmarkt zu platzieren. Verräterische Spuren an den Gemälden, ein schrecklicher Unfall, Intrigen, Brandstiftung und ein Mord führen die beiden "Ermittlerinnen" in einen Sumpf aus Betrug, Korruption und Habgier. Wer steckt hinter den Verbrechen? Welche Rolle spielen der Generaldirektor, der Kurator und die im Museumsbeirat versammelte Provinz-Elite? Die beiden Kunsthistorikerinnen tauchen tief in die kriminellen Strukturen des Museums-Netzwerks ein: Sie dokumentieren die nächtlichen Austausch-Aktionen der Bande, recherchieren in Italien, in einem süddeutschen Fälscheratelier und bei einem betrügerischen Schweizer Kunsthändler.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2014
Namen, Schauplätze und Geschehnisse in Mordsfälschung sind Fantasieprodukte des Autors und werden rein fiktional verwendet.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Schauplätzen oder Personen, ob lebendig oder tot, wäre rein zufällig.
Matti Gold
Mordsfälschung
©2014 Matti Gold
Entwurf Cover: Matti Gold. Gestaltung: UlinneDesign, 48485 Neuenkirchen
Abbildungen Cover: ©maglara – fotolia; ©zerbor - fotolia
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-8791-8 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
So eine Fälschung muss man nur in ein Museum geben.
Dann lässt man sie lange genug hängen und dann ist sie eines Tages echt.
Elmyr de Hory
Kunstsachverständige werden leider selten richtig gehängt.
Kurt Tucholsky
1.
Seit mehr als drei Monaten hatte sie nichts mehr angerührt. Ihr Schreibtisch lag unter einer dicken Staubschicht. Ein Jahr lang hatte sie die einschlägige Literatur durchforstet, hatte Dutzende von Gesprächen mit Museumsleuten, Händlern, Kunst-Experten und der Polizei geführt und dabei Unmengen von Material zusammengetragen. Jetzt wurde es zeitlich eng. In zwei Wochen musste sie ihrem Doktorvater die bisherigen Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren - oder aber eine sehr gute Ausrede.
Als erstes befreite sie ihren Schreibtischstuhl von einem windschiefen Stapel Bücher und allerlei Unterlagen. Sie setzte sich, drehte sich eine Weile und betrachtete die Materialberge, die sich in einem Radius von gut einem Meter rund um den Arbeitsplatz türmten. Eine erste Maßnahme wäre es, den Schreibtisch aufzuräumen. Dann könnte sie die Stapel am Fußboden durchsehen. Es kostete sie noch etliche Ablenkungsmanöver und mehrere Tassen Kaffee, bis sie endlich loslegte.
Sie trug die Staubschichten ab und begann, die verstreuten Notizen, Listen, Fotos und Zeitungsausschnitte der letzten Monate durchzusehen und zu ordnen.
Unter einem der Stapel fand sie auch das lang vermisste ‘Kunstfälschers Handbuch’ wieder. Sie blieb amüsiert an einem Absatz hängen, den sie gelb markiert hatte: „1562 bekam ein Fälscher nicht nur lebenslänglich (…), er kam an den Pranger, es wurden ihm die Ohren abgeschnitten, ein Nasenloch wurde aufgeschlitzt und sein Land eingezogen.“
Gegen Abend wusste sie wieder, was der letzte Stand war, welche Überlegungen zur Struktur der Arbeit sie schon angestellt hatte, welche Kapitel geschrieben oder zumindest angelegt waren und wie es weitergehen könnte. Alles, was sich in den letzten Monaten angesammelt hatte, war fein säuberlich auf die entsprechenden Themen-Ordner verteilt.
Wahrscheinlich hatte sich vor ihr noch nie jemand so gründlich mit dem Thema der Fälschung in der Kunst beschäftigt. Sie hatte versucht, alle wichtigen Aspekte zu berücksichtigen. Was zeichnete ein Original aus? Was eine Kopie, eine Replik, eine Nachbildung? Was war eine Variante, eine Variation, eine Fassung, was ein Pasticcio, ein Plagiat, eine Fälschung? War der Kult um das Original nur ein clever inszenierter Popanz?
Beim Aufräumen fand sie auch den Ordner zu den ‘Daten und Fakten’ wieder. Kenner der Szene schätzten, hieß es in einem einschlägigen Artikel, dass es sich bei mindestens siebzig Prozent aller am Kunstmarkt kursierenden Objekte um Falschware handelt. Davon werden aber nur zwei Prozent jemals enttarnt.
Herstellung und Vertrieb von Fälschungen sind also ein lukratives und nahezu risikofreies Metier - der ideale Tummelplatz für windige Betrüger, die sich ein wenig in der Kunstszene auskennen oder sich zumindest von erfahrenen und betrugsaffinen Kunst-Experten beraten lassen. In Deutschland werden Produktion und Vertrieb von Kunstfälschungen immer noch wie eine Art Kavaliersdelikt behandelt. Dasselbe gilt für das Ausstellen falscher Expertisen, also der Dokumente, die Fälschungen erst marktgängig machen.
Ein Fälscher muss im unwahrscheinlichen Fall seiner Enttarnung nur mit einer kleinen Bewährungsstrafe rechnen. Und ein sogenannter Experte, der Fälschungen mit Expertisen ausstattet, hat sogar gar keine Konsequenzen zu befürchten. Expertisen sind Gutachten ‘ohne Gewähr’. Wird eine Fälschung samt falscher Expertise enttarnt, braucht der Experte nur stur darauf zu beharren, dass er aufgrund seiner ganz persönlichen ‘stilkritischen Kriterien’ von der Echtheit des Werks überzeugt sei - und ist aus dem Schneider.
Es war inzwischen zwei Uhr nachts und das Thema hatte sie wieder gepackt.
2.
Vor vier Monaten war ihr Lieblings-Onkel gestorben, der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Von ihm hatte sie fast alles, was von Belang war, gelernt: Lesen, Schwimmen, Segeln, Kochen, Zelten, Feuer machen, Ski laufen und natürlich alles über die Kunst. Er hatte sie von klein auf mit zu Kunstauktionen geschleppt, zu Ausstellungen in Galerien, Museen und Künstlerateliers. Sie sei das einzige Kind auf der Welt, das ihn nicht nervte, meinte er einmal -und er war der einzige Erwachsene, den sie wirklich ernst nehmen konnte. Beiden war hohles Geschwätz und Lärm aller Art unerträglich. Sie verständigten sich meist wortlos, oft nur mit einem kurzen Seitenblick. Sie mochten dieselben Menschen und fanden dieselben indiskutabel.
Und nun war er tot. Tagelang lag sie apathisch auf dem Sofa und ging in Gedanken wieder und wieder die letzten Telefonate durch. Er hatte sie noch wenige Stunden vor seinem Tod angerufen. Eigentlich hatte er wie immer geklungen. Seltsam fand sie, dass er in der Mittagszeit anrufen hatte. Sonst rief er prinzipiell nach neun Uhr abends an. Auf ihre Frage, was denn los sei, knarzte er etwas ungehalten, nichts, gar nichts sei los, er wolle nur an ihre Verabredung am Samstag erinnern. Sie hatte daraufhin im Scherz gefragt, ob sie schon jemals ein Treffen mit ihm vergessen hätte.
Sie hätte sich sofort ins Auto setzen müssen, um nach ihm zu sehen. Irgendetwas bedrückte ihn, das spürte sie. Wie sich später herausstellte, war es am Vormittag nach einem schrecklichen Streit zum endgültigen Bruch mit seiner Tochter gekommen.
Eine Woche nach der Beerdigung erhielt sie die Mitteilung, dass sie, Lucienne Lampert, von ihrem Onkel als Erbin eingesetzt worden war. Er hatte ihr eine größere Summe Bares und ein Wertpapierdepot vermacht. Mit der Annahme der Erbschaft, so erklärte ihr der Notar, gehe sie allerdings eine besondere Verpflichtung ein, die die Kunstsammlung ihres Onkels betraf. Seinem letzten Willen zufolge sollte seine Sammlung als Dauerleihgabe an ein Museum gehen. Es müsste ein Haus sein, das sich die Werke nicht nur einverleiben, sondern sich verpflichten würde, sie in einem bestimmten Turnus angemessen zu präsentieren. Ein seriöses Museum sollte es sein, mit dem Schwerpunkt Kubismus. Er hatte hierzu einige Notizen hinterlassen, sowohl zu den in Frage kommenden Museen wie auch zu seinen Ausstellungsideen. Eine abschließende Meinung hatte er sich noch nicht gebildet. Wie jeder andere gesunde Sechzigjährige war er davon ausgegangen, dass ihm noch viel Zeit für seine letzten Verfügungen bleiben würde.
Das Testament sah unter anderem vor, dass Luc sich durch eine mindestens einmonatige Mitarbeit im Museum ihrer Wahl davon überzeugen sollte, dass es sich um eine wissenschaftlich und finanziell gut aufgestellte Institution handelte. Erst danach und nach ihrem uneingeschränkt positiven Votum sollte alles Weitere durch den Notar abgewickelt werden. Ihr Onkel hatte in seinen Ideenskizzen drei Museen benannt, darunter eines, das in relativer Nähe zu Köln lag. Das Haus hatte eine stadtgeschichtliche Abteilung und eine, die einem Vertreter des Kubismus gewidmet war, Maurizio Mink. Mink war vor über hundert Jahren im Städtchen Mohndorf als Moritz Mink zur Welt gekommen, war aber nach seiner Schulzeit nach Italien ausgewandert.
Luc selbst hatte es noch nie nach Mohndorf verschlagen, obwohl der Ort nur circa hundert Kilometer von Köln entfernt lag. Die Negativ-Schlagzeilen um einen Bauskandal hatte sie nur am Rande zur Kenntnis genommen. Ihr Onkel allerdings hatte die Vorgänge um die Museums-Eröffnung, den Größenwahn der Kleinstadt-Politiker, vor allem aber die Schlagzeilen um die Millionen, die beim Bau des Museums in dunklen Kanälen verschwunden waren, genau beobachtet und mehrfach mit bissigen Kommentaren bedacht. Einige Monate vor seinem Tod war aber eine neue Leiterin für die Kubismus-Abteilung eingestellt worden. Er kannte sie aus einem anderen Zusammenhang und schätzte ihre Arbeit. In der Folge fielen seine Kommentare etwas milder aus. Vielleicht könnte es ja doch noch was werden mit dem Laden, meinte er einmal mit einer hochgezogenen Augenbraue.
Im Vergleich zu den anderen Häusern auf der Liste hatte dieses Museum einen entscheidenden praktischen Vorteil: Sie würde für ihr Praktikum nicht ans andere Ende Deutschlands ziehen müssen, sondern könnte in Köln bleiben und parallel zum Job weiter an ihrer Dissertation werkeln. Zwei bis drei Stunden Fahrt pro Arbeitstag wären für die Dauer eines Monats gut auszuhalten, dachte sie. Sie vereinbarte mit der neuen Leiterin einen Termin, um in Erfahrung zu bringen, ob überhaupt Interesse an der Sammlung ihres Onkels bestünde und ob sie probeweise für ein paar Wochen im Museumsteam mitarbeiten könne.
Schon wenige Tage später war alles in trockenen Tüchern. Sie konnte ihr Praktikum Anfang Januar antreten. Ihre Aufgabe würde darin bestehen, der Leiterin der Sammlung im Tagesgeschäft zu
assistieren und die Inventarisierung einer alten Sammlung in Angriff zu nehmen.
Die Sammlung ihres Onkels wäre dem Museum ebenso willkommen wie Lucs Mitarbeit, hieß es kurz darauf auch ganz formell von Seiten des Generaldirektors, Dr. Midas Reismann-Stilz.
3.
In der Nacht war der Winter eingebrochen, und zwar mit aller Macht. Nach einer zweistündigen, zum Teil lebensgefährlichen Fahrt traf sie um neun Uhr auf dem Mitarbeiter-Parkplatz des Museums ein.
Die Mink-Sammlung war im vorderen Seitenflügel untergebracht. Erst vor kurzem hatte man diesen Teil des Hauses saniert, umgebaut und das Ganze mittels der üblichen Weiße-Klötzchen-Architektur auf modisch-museal getrimmt. Die Substanz war allerdings nach wie vor sichtlich marode. Der neue Verputz blätterte bereits vielerorts wieder großflächig ab. Derart feuchtes Gemäuer und das bei einem Museum mit Ölgemälden, hochempfindlichen Zeichnungen und Graphiken?
Der Eisregen wurde heftiger und sie beeilte sich, zum Verwaltungseingang zu gelangen. Obwohl es schon kurz nach neun Uhr war, schien sie das einzige menschliche Wesen auf dem gesamten Museumsareal zu sein. Das Haus wirkte seltsam unbelebt und abweisend. Irgendwie hat das alles ein ganz schlechtes Karma, dachte sie, als sie sich den Schnee von den Hosenbeinen schüttelte und läutete. Der Summer ertönte und sie drückte die Tür auf. Ein junges Mädchen schälte sich gerade aus ihrem Mantel und den Gummistiefeln. Ihr Name sei Frida, stellte sie sich vor, und sie arbeite hier während der Ferien als Schülerpraktikantin.
Schon etwas seltsam, dass man eine Schülerin hier ganz allein in der Verwaltung sitzen lässt, dachte Luc leicht irritiert.
In den Büros herrschte gähnende Leere. Die Schreibtische waren verwaist, die Computerbildschirme und Tastaturen abgedeckt.
Das sei hier normal, meinte Frida mit ironischem Unterton, als sie Lucs Blick bemerkte. Und vor elf sei außer ihr sowieso nie jemand da. Sie führte Luc erst einmal durch die Büroräume, zeigte ihr die Bibliothek, das kleine Archiv und die Teeküche. Bei einem Kaffee erfuhr Luc alles, was Frida über die hausinternen Abläufe und die übrigen Mitarbeiter wusste. Sie berichtete auch von einem Autounfall ihrer Chefin, der sich kurz vor den Feiertagen ereignet hatte. Sie sei schwer verletzt worden und liege immer noch im Krankenhaus, fügte sie bedrückt hinzu.
Am Ende des Rundgangs fragte Luc nach dem Lagerort der Sammlung, die sie inventarisieren sollte. Frida zuckte bedauernd mit den Schultern. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, aber wir können ja gemeinsam danach suchen.” Das fängt ja gut an, dachte Luc. Kein Arbeitsplatz, keine Sammlung, keine Chefin und dann auch noch diese dumpfe, beklemmende Atmosphäre. Alles andere als vertrauenerweckend, der Laden …
Gegen elf Uhr trudelte der stellvertretende Leiter der Sammlung ein. Sein Name war Hessler. Er gab Luc vom ersten Moment an zu verstehen, dass sie hier nur ein höchst ungern geduldetes Subjekt war. Eine verwöhnte, reiche Göre, die dank einer Laune des Schicksals über eine millionenschwere Kunstsammlung verfügen konnte, drückte sein gehässiger Blick unmissverständlich aus.
Er glaubte offenbar, einem imaginären Publikum lautstark erläutern zu müssen, dass er ab sofort die Geschicke des Hauses lenken würde. Luc musste sich zusammenreißen, um angesichts seiner verschwurbelten Formulierungen und übertriebenen Gestik
nicht die Augen zu verdrehen. Offenbar ein Größenwahnsinniger, dachte sie, einer, der glaubt, der Job des stellvertretenden Abteilungsleiters in einem Provinzmuseum sei so etwas ähnliches wie der des Weltenherrschers.
Besonders irritierend war, dass er während seines gesamten Monologs etwa fünfundvierzig Grad an den beiden jungen Frauen vorbei sah. Immerhin hatten sie so die Gelegenheit, ihr Gegenüber ausgiebig zu mustern. Er war klein, gedrungen, stark übergewichtig und hatte teigig-verschwommene Gesichtszüge. Er sonderte einen beißenden Geruch ab, der seinem Gegenüber selbst auf zwei Meter Entfernung den Atem nahm: Eine gefährliche Spezialmischung aus Mottenkugeln, Nikotin, altem Haartalg und noch älterem Schweiß. Die kleinen Augen flatterten nervös unter den schwer überhängenden Augenlidern. Aus dem schmallippigen Mund ragten bräunliche Zahnstümpfe, das Resthaar war gelbstichig blondiert.
Er hatte den seltsamen Tick, beim Reden den kurzen Hals in die Höhe und das Kinn nach vorne zu recken. Luc überlegte gerade, an welchen Vogel sie diese zuckende und gleichzeitig pickende Bewegung erinnerte, als Hessler seinen Vortrag unvermittelt abbrach, sich wie ein Roboter umdrehte, den Raum verließ und die Tür hinter sich zu donnerte.
„Na so was. Eigentlich wollte ich von ihm nur erfahren, wo ich meinen Arbeitsplatz einrichten kann, wo sich die Sammlung befindet und wann er mich einarbeitet”, meinte Luc irritiert und belustigt zugleich. Sie ahnte schon, dass sie auf keine ihrer Fragen eine Antwort erhalten würde, nicht heute, nicht morgen und nicht irgendwann.
„Die Sache mit dem schlechten Karma wäre damit schon mal geklärt”, meinte sie lakonisch zu Frida.
Während ihres Studiums hatte sie eine ganze Reihe von Museums-Praktika absolviert und dabei immer wieder mit den branchentypischen schrägen Vögeln zu tun gehabt. Aber dieses Exemplar hier toppte wirklich alles. Sie nahm sich vor, einen möglichst großen Bogen um Hessler zu machen, wann immer es möglich war.
Die restlichen Stunden ihres ersten Arbeitstages nutzte sie dazu, die Museumssäle und die dort ausgestellten Werke kennenzulernen. Sie blätterte die Kataloge des Hauses durch und stellte sich den Mitarbeitern an der Kasse und im Café vor. In den Ausstellungsräumen lief ihr mehrfach eine hochblondierte, hektisch wirkende Frau vom Architekturbüro über den Weg. Frida hatte am Vormittag unter anderem berichtet, dass nun schon zum dritten Mal nach dem Umbau massive Baumängel beseitigt werden mussten. Offenbar hatte man von Architekten- und Bauherrenseite her ganz vergessen, bei der vorgeblichen Sanierung die marode Bausubstanz zu berücksichtigen. Nicht bekannt war, wo die für die Sanierungsmaßnahme freigegebenen Millionen abgeblieben waren. Allerdings schien das auch niemanden ernsthaft zu interessieren. Diejenigen, deren Job es gewesen wäre, nachzufragen, wie beispielsweise der Baudezernent oder die Opposition, waren offensichtlich ruhig gestellt worden.
Am Vormittag wurde eine niederländische Seniorengruppe durch das Museum geschleust, am Nachmittag ein Damenkränzchen, das ähnlich gelangweilt wirkte wie die Besucher vom
Vormittag. Schon nach zwanzig Minuten Museumsluft steuerten sie das Café mit dem üppigen Kuchenbuffet an. Besucher waren in diesem Museum offenbar generell Mangelware.
Frida hatte am Vormittag erwähnt, dass die jährlichen Besucherzahlen auch nach diversen Manipulationen an der Statistik nur im vierstelligen Bereich lagen - inklusive all der Schulkinder, die zwangsweise durch das Haus geschleust wurden.
Als erstes nahm sie die technische Ausstattung der Ausstellungsräume unter die Lupe. Die hohe Luftfeuchtigkeit in den Räumen war deutlich spürbar. Wie sah es in Sachen Bildsicherungen aus? Gab es eine Videoüberwachung, Brandmelder, ausreichend Wachleute? Sie rüttelte vorsichtig an einigen Bildern und hob sie leicht an. Die Bilder waren nur an einfachen Haken aufgehängt, Bildsicherungen gab es nicht. Die kleineren Formate hätte sie also problemlos von der Wand nehmen und in ihre Handtasche stecken können. An diesem Nachmittag war ein einziger Wachmann für das gesamte Haus eingeteilt. Eine Videoüberwachung existierte nicht.
Eigentlich hatte sie schon an diesem ersten Tag genug gesehen. Sie wollte der Sache aber eine faire Chance geben und zumindest so lange warten, bis sie mit der Leiterin gesprochen hatte und sich ein Bild davon machen konnte, wohin es mit dem Haus gehen sollte.
Ihre Hoffnung, direkt beim ersten Anlauf den richtigen Ort für die Sammlung ihres Onkels zu finden, war wohl ein wenig zu optimistisch gewesen.
4.
Am nächsten Tag versuchte sie erneut, Hessler auf die anstehende Inventarisierung anzusprechen. Immerhin hatte sie inzwischen herausgefunden, dass sich die in Rede stehende Sammlung im Keller befand. Die Kellertür war jedoch mit einem dicken, verrosteten Vorhängeschloss abgesperrt. Hessler ließ sie auf ihre Frage nach dem Schlüssel mit einem genervten ‘nicht jetzt’ abblitzen. Auf ihre per Email wiederholte Frage erhielt sie keine Antwort. Gut, dachte sie, dann versuchen wir es eben auf einem anderen Weg. Sie machte sich auf die Suche nach dem Hausmeister. Und tatsächlich, Hausmeister Kaczmarek half ihr bereitwillig aus und vertraute ihr seinen Kellerschlüssel an. Wenig später stieg sie gemeinsam mit Frida die morsche Holztreppe in den Keller hinab, um die Sammlung in Augenschein zu nehmen und sich einen ersten Überblick zu verschaffen.
Eine einzelne, nackte Glühbirne erleuchtete den zugemüllten Raum. Alles war voller Dreck und Spinnweben. An verschiedenen Stellen tropfte es von der Decke und am Boden hatten sich bereits kleine Wasserlachen gebildet. Der Geruch, der ihnen entgegen schlug, nahm ihnen schier den Atem.
„Es riecht nach Moder und Verwesung - man möchte gar nicht wissen, was hier alles in den Ecken liegt”, meinte Luc und presste sich ein Taschentuch vor die Nase.
Sie stieß gegen einen am Boden stehenden Entfeuchter. Mit einem glucksenden Geräusch schwappte die eingedickte, gelbe Brühe gegen die Wände des Geräts. Auf der Wasseroberfläche trieben
allerlei undefinierbare Partikel und ein paar Dutzend tote Insekten. Auch auf dem Grafikschrank türmten sich Abfälle aller Art. Vorsichtig zog sie eine Schublade nach der anderen auf. Sie hatte schon fast erwartet, dass der Zustand der Objekte nicht der allerbeste sein würde, aber der Anblick dieser Sammlung war einfach nur erschreckend. Fast sämtliche Graphiken, Fotos und Zeichnungen waren feucht, viele mit Schimmel überzogen. Einige waren in den seitlichen Schubladenlauf geraten. Offenbar hatte man sie mit Gewalt in bereits überfüllte Fächer gequetscht. Die Schäden waren verheerend: Die Zeichnungen und Graphiken waren geknickt, geknautscht und eingerissen. Kleine schwarze Käfer, aufgescheucht vom ungewohnten Licht, krabbelten über die Blätter.
„Das muss wohl alles erst einmal zum Restaurator. Ich glaube aber nicht, dass da noch viel zu retten ist”, meinte Luc tonlos. Im hinteren Bereich des Raums standen einige großformatige Leinwände. Sie waren von Spinnweben und Schimmel überzogen und lehnten nackt und bloß an der feuchten Kellerwand. Offenbar handelte es sich um Jugend- und Frühwerke von Meister Mink.
In einer anderen Ecke des Raums entdeckten sie hinter Umzugskartons eine niedrige Abstellkammer. Am Boden lagen durcheinandergewürfelt circa zwanzig alte Ordner der Mohndorfer Stadtverwaltung. Einer davon war mit ‘Mink’ beschriftet. Luc zog ihn mit spitzen Fingern hervor und nahm ihn mit in den Hauptraum, um ihn unter der Glühbirne etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Ordner enthielt neben allgemeiner Büro-Korrespondenz einige Dokumente aus den achtziger Jahren, die vielversprechend aussahen. Es handelte sich um Rechnungen zu Ankäufen des Museums bei einer Kölner Kunsthandlung.
Die Rechnungen wiesen den Ankauf einiger sehr teurer Fotografien aus. Rechnungsempfänger war die Stadtverwaltung Mohndorf, als Lieferadresse war das Museum angegeben.
„Dem Preis nach müssten das absolute Spitzenfotos sein. Im Museum hängen sie nicht, das wäre mir gestern sofort aufgefallen. Aber dann müssten sie doch eigentlich hier im Schrank zu finden sein, oder?” meinte Luc und runzelte die Stirn.
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Warum sollte man wertvolle Fotos in diesem Feuchtbiotop vergammeln lassen?” gab Frida zurück.
Luc legte die Stirn in Falten. „Möglicherweise, weil sie im Grunde wertlos sind”, deutete sie an.
In der untersten Schublade des Schranks fanden sie schließlich die Fotos, die zu den Rechnungen gehörten. Dank der Titel auf den Rückseiten ließen sie sich leicht zuordnen. Frida nahm sie vorsichtig aus der Schublade und legte sie auf dem Tisch aus.
„Genau das habe ich vermutet”, murmelte Luc. „Diese Rechnungen belegen den Ankauf sogenannter Vintages, also von Erstabzügen aus den dreißiger oder vierziger Jahren. Tatsächlich haben wir hier aber Abzüge vor uns, die bestenfalls aus den achtziger Jahren stammen. Das heißt: Sie wurden als vorgebliche Vintages zu Höchstpreisen angekauft, sind aber nicht viel mehr wert als Kopien aus dem Copy-Shop.”
Der Verkäufer der Fotos war laut Rechnungskopf ein Kunsthändler namens Wolpertinger. Der Herr war kein Unbekannter für Luc. Ihr Onkel hatte sie in ihrer Jugend - wohl zur Schulung ihres
Urteilsvermögens - nicht nur durch die seriösen, sondern auch durch die als unseriös geltenden Auktionshäuser, Kunsthandlungen und Galerien des Landes geschleppt.
Wolpertinger war im Rheinland berühmt-berüchtigt als Verkäufer von Kunst-Kitsch der übelsten Sorte. Luc waren die bronzenen Frauenfiguren, die sich hüllenlos auf Großwildkatzen und anderem Trägermaterial räkelten, noch in lebhafter Erinnerung. Man könne es kaum glauben, hatte ihr Onkel die Schaufensterauslage von Wolpertinger kommentiert, aber dieses unsägliche Zeug verkaufe sich wie geschnitten Brot.
Neben der großen Auswahl an Erotik-Kitsch war Wolpertinger spezialisiert auf Deals der besonders diskreten Art, also auf Kunstkäufe in bar und ohne Rechnung. Offenbar gab es im Einzugsgebiet der Galerie viele Kunstfreunde mit rauen Mengen an Schwarzgeld unterm Kopfkissen, die es gern in Wolpertingers Hallen trugen. Die Geschäfte liefen auf jeden Fall wie geschmiert.
Zur Begrüßung und Auflockerung gab es bei Wolpertinger erst einmal das eine oder andere Gläschen ‘Puffbrause’, wie der Händler sein Lieblingsgetränk mit einem peinlich-anbiedernden Augenzwinkern nannte. Auch Luc und ihrem Onkel wurde bereits beim Betreten der Galerieräume ein Glas aufgenötigt. Ihr Onkel hatte kühl abgelehnt. Ihm waren Gestalten wie Wolpertinger zuwider.
Im Allgemeinen wurde der nichts Böses ahnende, potentielle Wolpertinger-Kunde erst einmal leicht alkoholisiert und dann geschickt auf seine Kaufkraft und Zahlungs-Gewohnheiten hin abgeklopft, erklärte ihr Onkel später.
Im Beisein der vielfach gelifteten und blondierten Gattin Wolpertinger, die die Aufgabe hatte, für kreischend gute Laune und einen nicht versiegenden Nachschub an Schampus zu sorgen, wurde dann zügig ein Verkauf angebahnt, und zwar so, dass der Kunde gar nicht richtig mitbekam, wie ihm geschah.
5.
Am nächsten Morgen versuchte Luc erneut, Hessler auf die Bestandsliste anzusprechen. „Es gibt keine Liste. Es ist alles hier drin”, antwortete er mit gepresster Stimme und klopfte sich heftig gegen die rechte Schläfe. Luc beobachtete interessiert die großen, sich dunkelrot einfärbenden Flecken, die sich in Sekundenschnelle vom Stummelhals über das ganze Gesicht ausbreiteten. Hessler bemerkte ihren Blick, verzog die Augen zu Schlitzen und warf ihr einen hasserfüllten Blick zu. Dann drehte er sich abrupt um und warf die Tür hinter sich zu.
Luc sah ihm entgeistert nach. „Gute Güte. Den reitet wirklich der Teufel. Natürlich existieren Listen, und zwar mit Sicherheit nicht nur in seinem Kopf”, meinte sie zu Frida.
