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Martin Wauer, das "Alter Ego" des Autors, erlebt die 80er Jahre der beiden deutschen Staaten bis zur Wende und der Wiedervereinigung. Mit breitem Fakten- und Insiderwissen schildert Schultze in Teil II der Trilogie die Wendegeschichte seiner Generation, wie man es so noch nicht lesen konnte. Sein Held erlebt aber nach den "Nachtmahren" der poststalinistischen DDR nur ein "Morgenrosa" des Anschlusses der DDR an die BRD, ohne dass er seine Ideale mit dieser "Wiedervereinigung" in Erfüllung gehen sieht. Ein "Muss" vor allem für die Geschichtsinteressierten, die nach 1989 geboren worden sind!
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Christian Friedrich Schultze
Morgenrosa
Die Geschichte einer doppelten Desillusionierung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Martin Luther
Galileoleo Galilei
George Orwell
Michail Gorbatschow
Willy Brandt
Mahatma Gandhi
Nelson Mandela
Impressum neobooks
Martin Wauer war mit dem Nachtzug von Budapest in Berlin angekommen. Die Hauptstadt der DDR, Rumpfstadt mit antifaschistischem Schutzwall gegen Westberlin, Millionenmetropole mit Enklavencharakter, Zentrum von Baudenkmälern der deutschen Kaiserzeit, war sein Zuhause. Der internationale schwedische Fernzug traf mit fünfzig Minuten Verspätung auf dem Ostbahnhof ein. Für wenige Privilegierte, vornehmlich schwedische und andere westliche Staatsbürger, fuhr er via Stralsund und Saßnitz im Bauch der Fähre Trelleborg weiter bis nach Malmö.
Als Wauer mit seinem kleinen Rollkoffer im Schlepptau aus dem ungemütlichen, nur mit düsteren Farbanstrichen versehenen, um diese frühe Zeit wenig bevölkerten, Hauptbahnhof der DDR-Hauptstadt hinaus ins Freie trat, nieselte es und die Wolken hingen tief. Dieses allgemeine Grau störte seine Stimmung merkwürdigerweise nicht. Im Gegenteil, er war froh, dass er diesen Entschluss gefasst und sich durch seinen Cousin daran nicht hatte irre machen lassen.
In Ostberlin mutete das Wetter eher herbstlich an und es war merklich kühler, als es in der hochsommerlichen ungarischen Metropole gewesen war, die er erst gestern Abend verlassen hatte.
Es war ein schmerzlicher und bedrückender Abschied gewesen. Aber er fühlte sich dennoch erleichtert wie nach einem gelungenem Befreiungsschlag. Die Lähmung der Resignation, die sein Gemüt seit mehr als drei Jahren in einer Art babylonischer Gefangenschaft gehalten hatte, war wie durch Zauber verschwunden. Er stand schwer in der Schuld Roberts, das wusste er. Auch war ihm klar, dass sein lieber und besorgter Vetter nach all den Jahren und den oftmals unter schwierigen Bedingungen organisierten Begegnungen, die stets unter Einhaltung konspirativer Regeln stattfanden, kaum verstehen konnte, dass er nach all dem, so kurz vor dem fast sicheren Ziel, noch absprang. Sie waren so nahe am Ergebnis ihrer langen Vorbereitungen gewesen! Ganz abgesehen davon, dass der österreichische Pass, den Robert besorgt hatte, auch nicht gerade billig gewesen war.
Umso krasser war die Kehrtwende, die Martin Wauer nach tagelangem Warten in der ungarischen Hauptstadt auf den Cousin und die von ihm engagierten Verbindungsleute plötzlich, nachdem sie endlich bereit gestanden hatten, vollzogen hatte. Aber nachdem sich der Mann jahrelang mit seiner Desillusionierung in der realsozialistischen Gesellschaft der DDR herumgequält und seine Flucht in den Westen vorbereitet hatte, wusste er in der lebensfrohen Magyarenstadt eines Abends nach jener Bachschen h-moll-Messe in der Pester Matthäuskirche plötzlich, was und wohin er wollte.
Er gehörte nicht in diesen abendländischen Kapitalismus, Willy Brandt hin und Ronald Reagan her. Es musste im Osten etwas passieren. Er war nicht der einzige, der dieses Gefühl hatte. Auch in den Diskussionen unter den Genossen ging es seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns und dem darauf folgenden Ausreisestrom beliebter und bekannter Künstler und den Auseinandersetzungen mit anders denkenden Sozialisten wie Robert Havemann um wichtige Fragen der weiteren Gestaltung eines demokratischen Sozialismus, obwohl diese Vokabel in den formelhaften Verlautbarungen der Partei- und Staatsführung neuerdings nicht mehr angewandt wurde.
In Polen hatten bereits ernsthafte politische Kämpfe stattgefunden und selbst in der Deutschen Demokratischen Republik konnten sie einem nicht mehr alles verbieten. Es kam, darüber war er sich im klaren, darauf an, was sich in der Sowjetunion entwickeln würde. Stalin und Mao waren immerhin längst tot. Und die Vietnamesen würden den von den US-Amerikanern unterstützten Pol Pot früher oder später niederringen. Die merkwürdigen Worte des alten Lehrers, den sein im März verstorbener Vater, Karl Wauer, hin und wieder zitiert hatte, gewannen jetzt eine ganz andere Bedeutung. Und auch die prophetischen Ahnungen Dostojewskis schienen angesichts der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ganz allmählich Wirklichkeit zu werden: „Im Osten geht die Sonne auf – im Westen ist ihr Untergang vorbereitet.
Auch wenn sich Wauer noch nicht ganz sicher war, ob mit diesen Weissagungen Russland, China oder die Länder Mittelasiens gemeint waren, konnte man doch mit einiger Aufmerksamkeit spüren, dass seit den Massenstreiks und der Gründung der Solidarnosz in Polen 1980 und seit dem Berliner Appell von Robert Havemann und Rainer Eppelmann Anfang des Jahres, im Osten etwas in Bewegung geraten war. Er würde dabei sein. Das hatte er sich in den Budapester Nächten geschworen. Er würde gegen die Nachtmahre der stalinschen Vergangenheit in den Krieg ziehen und für einen freien Sozialismus kämpfen. Und er würde sich viel mehr als bisher um seinen Sohn Lothar kümmern…
Er musste nicht lange auf die S-Bahn in Richtung Ostkreuz warten. Um diese frühe Zeit am Tage waren die Waggons nahezu leer. Was würde er als nächstes tun? Hatte man ihn in Budapest beobachtet? Würde Manfred Schäfer ihm Bescheid geben, ob der Stasibeauftragte des Betriebes einen besonderen Überwachungsauftrag für ihn hatte? Wie würde Helga ihn empfangen? Würde sie sich nach den Monaten, die seit ihrem letzten Zusammensein vergangen waren, überhaupt noch mit ihm treffen, oder hatte sie schon längst einen anderen neben ihrem Mann, den sie nach dem Eklat am Heiligabend 1981 wohl doch nicht verlassen hatte.
Wauer war seinem Chef dankbar, dass der sich für einen Telefonanschluss für seine kleine Wohnung eingesetzt hatte. Immer wieder hatte der Generaldirektor helfend eingegriffen, seit Wauer von Schwarze Pumpe in den Berliner Baubetrieb gewechselt und dort den Projektierungsbereich für den Hochbau übernommen und weiter aufgebaut hatte. Besonders in den Monaten, als er sich von Barbara und Lothar trennte, einschließlich der Zeit der Scheidung und des Kampfes um den Kindesumgang, hatte die verständnisvolle Unterstützung des Chefs und die unkomplizierte Atmosphäre im Leitungszirkel gut getan. Dem Einfluss Weißheimers und M.S. war es auch zu verdanken, dass er nicht allzu lange auf diese Einraumwohnung im vierten Stock eines Altbaus in Nähe des S-Bahnhofs Warschauer Straße warten musste. Zwar war die Fahrt mit S- und U-Bahn mit Umsteigen auf dem Alexanderplatz in die Projektierungsbüros des Kombinates, die in Mitte lagen, etwas länger als vordem. Aber Wauer wusste, dass es viele brave Bürger und sogar Genossen gab, die trotz langer Anmeldezeiten immer noch weit hinten auf den Wartelisten für eigenen Wohnraum rangierten.
Ein Privatanschluss eines Telefons war ein ebenso großes Privileg und konnte für einen Normalbürger wie ihn nur mit außerordentlicher dienstlicher Notwendigkeit begründet werden. Es mochte wohl richtig sein, dass es manche für besser hielten, nur aus Telefonzellen zu telefonieren. Aber dort konnte man keine Anrufe empfangen und außerdem war mindestens jede zweite öffentliche Fernsprecheinheit defekt. Richtig stolz aber war Wauer darauf, dass er mit Hilfe Weißheimers sogar in den Besitz eines Tastentelefons gekommen war.
Als er die Wohnungstür aufgeschlossen und den kleinen Vorraum betreten hatte, beschlich ihn einen kurzen Augenblick das Gefühl, dass er nicht allein sei. Er musste lächeln und beruhigte sich gleich wieder. So wichtig war er für die Organe nun auch nicht! Und versuchte Republikflucht war ihm im Fall seiner Dienstreise nach Budapest kaum nachzuweisen. Er hatte alle dienstlichen Aufträge im Partnerwerk erledigt und war sogar einen Abend mit Ferenc und Kati im Budapester Nachtleben unterwegs gewesen. Sie hatten ihn erst in die Oper und dann in einen der unvermeidlichen Weinkeller mit ungarischer Zigeunermusik eingeladen.
Das Hotel, in dem er gewohnt hatte, hatten die Budapester Kollegen gebucht und auch bezahlt, so war das auf Gegenseitigkeit üblich. Die Dinge hatten also nach außen ihre vollkommene sozialistische Ordnung.
Das Westgeld, welches Robert nicht hatte wiederhaben wollen, musste gut versteckt werden, falls man ihn doch überwachte. Und das schizophrene Reden, welches man in der Öffentlichkeit und unter Kollegen pflegte, musste am Telefon eben zur Perfektion getrieben werden. So hoffte er, dass im Betrieb alles wie bisher gewohnt weiterging. Schließlich verstand er sich mit den Kollegen und seinem Chef wirklich sehr gut und selbst mit dem Parteisekretär gab es so etwas wie ein kollegiales Verhältnis.
Es war nicht so, dass man in den Parteiversammlungen überhaupt nichts sagen konnte. Nur wenn man als Dauerstänkerer aufzufallen begann, war der betriebliche Sekretär erst mal verpflichtet, ein klärendes Gespräch zu führen. Solch eine Unterhaltung war natürlich absurdes Theater, denn weder dieser kleine Funktionär der Parteigruppe, noch der abweichlerische Genosse sagten auch nur annähernd das, was sie wirklich dachten. Und Fritz Rauch war weder ein Stalinist noch ein wirklicher Denunziant, so dass solche Pflichtübungen zwar Zeit kosteten, aber niemandem etwas schadeten.
Wauer schmiss sein Köfferchen auf das kleine Ledersofa in seinem Arbeitszimmer, inspizierte kurz Schlafzimmer, Wohnküche und Bad, holte die Post aus dem Postkasten und begann dann auszupacken. Er nahm die Mappe aus dem Koffer und begann, die Scheine der westdeutschen Währung vorsichtig aus ihren Verklebungen zwischen den Blättern der Unterlagen, die er für seine Dienstberatungen in Budapest benötigt hatte, zu lösen und zählte nochmal dieses Geld. Es waren zweitausend Westmark, ein kleines Vermögen für einen Ostangestellten, wenig für einen Westmanager wie Robert.
Er machte ein Bündel aus den Scheinen, spannte einen Gummi darum und ließ es in die Vase fallen, die in der oberen Etage seines Bücherregals stand. Ob das ein gutes Versteck war, bezweifelte er selber. Er hoffte, dass ihm bald ein besseres einfiel. Den teuer erworbenen österreichischen Pass mit sich zu führen, hatte er sich nicht getraut. Sie vernichteten ihn mit widersprüchlichsten Gefühlen gemeinsam auf der Margareteninsel, indem sie ihn feierlich verbrannten. Er war ziemlich unruhig und darauf gespannt, was ihm die nächsten Wochen bringen würden. Er würde am frühen Abend versuchen, Helga zu erreichen. Nachdem er seine Reiseutensilien aufgeräumt und die Wohnung gelüftet hatte, setzte er sich hin, und schrieb einen Brief an Barbara und Lothar, die seit zwei Jahren in Frankfurt an der Oder lebten und arbeiteten. Er bat sie, möglichst schnell einen Termin zu nennen, wann er ein Vaterwochenende mit Lothar, möglichst in Berlin, verbringen konnte und schrieb die dienstliche und die private Telefonnummer dazu.
Er klebte den Brief zu, pappte eine Briefmarke darauf und machte sich zum Ausgehen fertig, um den Umschlag zum Postkasten bringen zu können. Er musste auch noch Lebensmittel in der HO-Halle einkaufen, denn der Kühlschrank war leer. Er hatte ihn, bevor er nach Ungarn aufgebrochen war, ordentlich abgetaut und mit offener Tür stehen lassen. In den nächsten Wochen musste er alles Inventar wieder ranholen, welches er vor seiner Abreise verkauft oder anderswo untergebracht hatte. Eine aufreibende Aufgabe!
Morgen jährte sich der Mauerbau zum einundzwanzigsten Male.
Er hatte wenig geschlafen während der nächtlichen Heimfahrt im Zug. Robert, die Inkarnation an Anstand und Freundlichkeit, hatte ihn noch zum Nyugati pu, dem Westbahnhof auf der östlichen Pester Seite, von welchem aber die meisten Züge in Richtung Westen abfuhren, begleitet, noch einen starken ungarischen Kaffee mit ihm getrunken und immer wieder geseufzt und ihn gefragt, ob er sicher sei, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und er diese lange vorbereitete Chance wirklich verstreichen lassen wolle. Wauer wunderte sich, dass ihm der Abschied, so schwer er auch war, keine tieferen Schmerzen bereitete. Er war sich auch sicher, dass er Robert in nicht allzu ferner Zeit wiedersehen würde und sprach mit ihm auch darüber. Nach den neuen Abkommen zwischen den beiden deutschen Staaten war es für Westdeutsche leichter, ihre Verwandten in der DDR zu besuchen. Bisher hatten sie sich nur das eine Mal zur Beerdigung von Wauers Vater im März dieses Jahres in Großschönau in Ostsachsen getroffen. Vorangegangen waren die Treffen in Prag und Warschau. Gerade, wenn er an Warschau dachte und an die Gespräche zu dritt mit seiner Geliebten Helga, überkam ihn wieder das Gefühl von Gewissheit, dass es richtig war, im Osten zu bleiben.
Mit dem gleichmäßigen Hämmern der Waggonräder über den Schienenstößen der altertümlich verlegten Bahngleise war er in der ersten Stunde eingeschlummert, dann aber vom Schaffner und den Grenzkontrolleuren zur Tschechoslowakischen Grenze unsanft geweckt worden. Danach konnte er lange nicht mehr einschlafen. Ihm fiel ein, dass er seit dem Polenbesuch im Herbst 1981 wenig aufmerksam gegenüber den Dingen um ihn herum gewesen war. Einerseits war er von der fixen Idee besessen gewesen, nach drüben abzuhauen und er hatte allerhand mit den Vorbereitungen dazu zu tun gehabt. Andererseits saß der Schock des Weihnachtsfestes des vergangenen Jahres, als ihn Helga inmitten der kleinbürgerlichen weihnachtlichen Idylle seiner neu bezogenen Wohnung wegen der Kindsfrage von einer Minute auf die andere verlassen hatte, noch viel zu tief.
Im Grunde, das wusste er im Tiefsten seines Herzens, waren jene ersten Monate des Jahres 1982, als sie ihm so schmerzhaft fehlte und dann auch noch sein von ihm ungeliebter Vater elendiglich an Krebs gestorben war, die Zeit, die ihn zu seinem Entschluss gebracht hatte, die DDR verlassen zu wollen. Barbara, seine Geschiedene, hatte ihm zudem allerhand Schwierigkeiten wegen des Umgangs mit Lothar gemacht. Bis auf ein paar Tage im Sommer des letzten Jahres und zum Begräbnis des Großvaters im März, hatte sie jegliche Besuche unterbunden. Aber Lothar war jetzt zehn Jahre alt und die Zeit war reif, sich wieder, so gut es ging, um einen Umgang mit ihm zu bemühen. Zeit heilt Wunden! Warum sollte sich in dieser Sache nichts bessern lassen?
Natürlich hatten auch die politischen Entwicklungen, vor allem in Polen, dazu beigetragen, dass sich sein Wunsch, dem Arbeiter- und Bauernstaat den Rücken zu kehren, ständig verstärkt hatte. Der polnische General Wojciech Jaruzelski hatte am 13. Dezember unter massivem sowjetischen Druck das Kriegsrecht über Polen ausgerufen und die Solidarnosz1 verboten. Der Westen hatte den NATO-Doppelbeschluss verkündet und in den USA hatte der Schauspieler Ronald Reagan, ein republikanischer Hardliner, die Präsidentschaftswahlen souverän gewonnen. Dieser ordnete sogleich den Bau einer Neutronenbombe an. Eine neue heiße Phase des kalten Krieges zwischen den NATO-Staaten und dem sozialistischen Lager war eingeläutet worden.
Dass der König von Spanien in Madrid durch persönlichen Einsatz einen Putsch francophiler Militärs verhindert hatte, wurde im Osten kaum wahrgenommen. Auch der Falklandkrieg der Engländer und Argentinier um eine Inselgruppe im Südpazifik, auf der es nur wenige einstmals englische Siedler gab, drang kaum ins Bewusstsein der DDR-Bürger.
Für die meisten Menschen in der DDR war womöglich der Besuch des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, den Erich Honecker am 11. Dezember im Schloss Hubertusstock am Werbellinsee empfing, am bedeutsamsten. Die Bürger des antifaschistischen deutschen Staates waren mit den existenzielleren Sorgen ihres täglichen Versorgungskleinkrieges und des Kampfes um die Erfüllung des gerade beschlossenen neuen Fünfjahresplans der Staats- und Parteiführung beschäftigt. Dass in China Hu Yaobang neuer Staatsführer wurde und in Amsterdam und in Bonn Hunderttausende gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstriert hatten, interessierte sie weniger. Und dass im April Matthias Domaschk, ein Jenaer evangelischer Dissident, festgenommen wurde und kurz darauf unter mysteriösen Umständen im Stasigefängnis verstarb, oder dass der MfS-Hauptmann Werner Teske wegen seiner Vorbereitungen zum Seitenwechsel hingerichtet wurde, erfuhren die DDR-Bürger erst 1990.
Vorläufig schrieb man das Jahr 1982 – nach christlich berichtigter gregorianischer Zeitrechnung. Nach islamischem Kalender war es das Jahr 1402 und nach jüdischer Zeitenzählung das Jahr 5742. Der Maya-Kalender interessierte zu dieser Zeit in der DDR niemanden, denn größere Ereignisse warfen ihre Schatten voraus.
Am 13. November 1983 jährte sich der Geburtstag des mitteldeutschen Reformators Martin Luther aus Eisleben zum fünfhundertsten Male. Die DDR-Führung, durchaus geschichtsbewußt und kulturell beflissen, musste diesem Datum von Weltbedeutung Tribut zollen. Man war gezwungen, irgendwie mit Luther umzugehen, obwohl man bislang nur Thomas Müntzer richtig hatte gelten lassen. Aber auch die Parteiführung war deutsch und es war gut, nicht nur Karl Marx, Friedrich Engels, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu den deutschen Revolutionären zählen zu können. Mit Goethe, Schiller, Lessing und Herder war es ja auch irgendwie gegangen.
Und so beobachtete nicht nur Martin Wauer, der seinen Vornamen vermutlich wegen seines Vaters Vorliebe für den frommen Reformator bekommen hatte, eine merkwürdige Annäherung zwischen der SED und der Evangelischen Kirche Ostdeutschlands im Rahmen der Vorbereitungen des Lutherjahres 1983.
Zahlreiche Lutherstätten in kirchlichem oder staatlichem Besitz wurden mit erheblichem Kostenaufwand, der für die DDR-Führung nicht einfach aus dem Handgelenk zu schütteln war, restauriert. Mehrere Ausstellungen wurden vorbereitet und ein reger Reiseverkehr zwischen Ost und West setzte wegen der Vorbereitungen für dieses Ereignis ein. Koordination zwischen Staat und Kirche war dringlich, sollte das Ereignis auch ein staatspolitischer Erfolg werden. Bücher wurden gedruckt, Symposien veranstaltet. Sogar das Fernsehen strahlte Sendungen über Luther aus, darunter einen Fünfteiler mit Ulrich Thein in der Hauptrolle, der großen Eindruck auf das gesamtdeutsche Fernsehvolk machte. Was ging in den Köpfen und dem Geiste der Menschen, ausgelöst durch diese Luthermania, wirklich vor?
Die evangelische Kirche war natürlich bestrebt, die Deutungshoheit über Martin Luthers Leben und Werk zu bewahren. Es war zwar nicht das erste Mal, dass man es nicht nur ihr überließ zu interpretieren, welchen geistigen Strom der Thüringer in Bewegung gebracht hatte und vielleicht wieder bringen konnte. Auch die Nazis hatten Luther heroisiert und ihn wegen seiner antijüdischen Schriften in jener Zeit geradezu usurpiert. Aber hatte wirklich nur die Kirche das Recht zu sagen, wer Luther war oder gewesen sein könnte?
Luther war Fundamentalist gewesen. Mit den Pervertierungen der Lehren des Augustinus und noch viel mehr der Bergpredigt durch die katholische Kirche konnte sich der Augustinermönch nach seiner Romreise nicht mehr abfinden. Und heute? Sollten er, Wauer, und viele seiner Genossen, weiter die Pervertierung Marx´scher Revolutionsgedanken durch Lenin und vor allem durch Stalin hinnehmen? War es Luther mit seinen Gedanken von der Freiheit eines Christenmenschen oder die Erfindung des Buchdrucks, oder beides, die letztlich die Aufklärung in Europa in Gang gebracht hatten?
Fest stand: Martin Luther hatte den Deutschen eine einheitliche Schriftsprache geschenkt und schon das allein machte ihn zu einem Giganten der Menschheit, weil es ohne ihn weder Lessings „Nathan der Weise“ noch Schillers „Don Carlos“ oder Goethes „Faust“ gegeben hätte. Wauer staunte, welche geistige Bewegung in die ostdeutsche Gesellschaft durch das bevorstehende Lutherjahr gekommen war. Auch unter den Kollegen und unter den Genossen im Parteilehrjahr nahmen die Diskussionen dazu kein Ende.
Eine veritable Unruhe hatte sich in ihm breit gemacht, bevor er wirklich begann, die Tasten des Telefons niederzudrücken. Nachdem er den Brief an Lothar zum Postkasten gebracht, seine Einkäufe getätigt, den Kühlschrank eingeräumt und seine Wohnung aufgeräumt hatte, schenkte er sich von dem aus der Kaufhalle mitgebrachten Wodka mindestens fünfzig Gramm in ein Saftglas ein und mixte daraus durch Zugabe von Vitacola den inzwischen republikweit beliebten Softdrink mit besonderer Wirkung. Er stellte das Telefon auf den Couchtisch und versuchte, eine bequeme Haltung auf seinem kleinen schwarzen Ledersofa zu finden. Er wollte entspannt klingen, wenn er mit ihr sprach. Er hatte nicht einmal vergessen, einen Zettel und einen Kugelschreiber parat zu legen, falls es etwas zum Aufschreiben gab.
Er ärgerte sich darüber, dass er nicht gelassen bleiben konnte. Was hing denn ab von diesem Kontakt? Würde sein künftiges Leben besser oder schlechter verlaufen, je nachdem, wie das Telefonat ausging? Von dem zweiten Glas, das er mittlerweile zurecht gemacht hatte, trank er nur einen Schluck, denn er wollte keinesfalls, dass sie bemerkte, dass er versucht hatte, sein Gemüt zu beruhigen und seine Zunge mit Alkohol etwas zu lösen. Mein Gott – er war jetzt siebenunddreißig Jahre alt, hatte einige Affären und eine Ehe hinter sich und seinen Vater begraben; er war doch kein Pennäler mehr!...
Wauer wählte ihre Nummer.
„Ja bitte!“, meldete sie sich, nachdem vier Einwähltöne verklungen waren, er kurz aufgelegt und dann noch einmal gewählt hatte. Das war von Anfang an ihr Erkennungszeichen gewesen.
„Ich bin´s, ich bin wieder hier in Berlin.“
„Ja klar,“ erwiderte sie, „ich hab´s gemerkt und damit gerechnet, dass du dich meldest.“
„Wie geht es dir? Geht es dir gut?“ Er stotterte leicht und bemerkte, dass er gerade etwas tautologisch gesprochen hatte.
„Es geht mir gut, den Umständen entsprechend. Was ist mit Dir?“
„Es geht mir auch gut. Das heißt, im Prinzip. Ich denke, es geht mir gut.“
„Das heißt also, dass nicht alles OK ist, oder?“
„Na ja, im Grunde ist alles OK. Können wir uns sehen?“ Und nachdem eine kurze Pause entstanden war, fügte er „bitte“ hinzu.
“Bist du sicher, dass du mich sehen willst?“, fragte sie zurück.
„Du hattest angeordnet, dass ich Ruhe geben soll, bis du dich meldest. Du hast dich aber nicht gemeldet!“
„Ja, reg dich nicht auf. Das war schließlich auch ein Scheißweihnachten voriges Jahr. Es ging mir danach nicht besonders. Aber jetzt geht es mir vielleicht besser. Also gut. Wo wollen wir uns treffen?“
„Na, am einfachsten ist es ja wohl bei mir. Es gibt da keine Veränderungen seit dem Jahreswechsel. Du musst nur kommen.“
Sie überlegte einen Moment. Dann sagte sie: „OK, ich komme morgen Abend rüber, da können wir Verschiedenes feiern. Mach bisschen Salat. Ich bringe dir was zu trinken mit. Hauptsache, du hast ein paar Flaschen Bier da, was anderes brauchst du nicht zu kaufen.“
Er zögerte ebenfalls ein wenig und hoffte, dass sie es nicht gemerkt hatte. Wieso sagte sie, dass sie ihm etwas zu trinken mitbrächte? „OK“, sagte er, „bleibst du da?“
„Wieso willst du das wissen? Das weiß ich doch heute noch nicht! Hängt doch wohl nicht alleine von mir ab“, antwortete sie spitz.
Sie hielt ihre langen Wimpern einige Sekunden gesenkt, als er die Türe nach dem vier-plus-eins-Klingelzeichen öffnete und sah ihn dann mit einem leicht schelmischen Zug um den Mund von unten herauf an, bevor sie sich auf die Zehenspitzen stellte und einen Kuss auf seinen Mund andeutete.
„Gutes Konditionstraining, die vier Treppen hier hoch. Nimm mal bitte meine Tasche, aber sei vorsichtig“, begrüßte sie ihn, etwas außer Atem, bevor sie in den kleinen Vorraum schlüpfte. „Es soll wieder wärmer werden. Wie war es in Budapest?“
Ihre Umhängetasche war schwerer, als sie aussah. Es klapperte gläsern, als er sie absetzte.
„Es war schön sommerlich und warm; mit blauem Himmel.“ Er hängte ihre Jeansjacke in den Schrank. Täuschte er sich, oder war sie etwas voller geworden seit ihrer Trennung im Dezember ´81? Jedenfalls schien es ihm, als ob sie im Gesicht ein wenig runder wirkte, als er sie in Erinnerung hatte. Und ihre Augen schienen von noch dunklerem Grau. Das konnte aber auch der Widerschein dieser mickrigen Deckenleuchte in seinem Miniflur sein.
Sie nahm ihre Tasche, ging hinein, stellte eine Flasche Rotkäppchen „trocken“ und einen Balvenie, der erkennbar aus dem Intershop war, auf den Tisch. Dann ließ sie sich ohne weiteres in das Sofa fallen. Ihre flachen Schuhe hatte sie im Vorraum abgestreift. Sie hatte einen kurzen Jeansrock an, einen bläulichgrauen, leichten Pulli mit erheblichem V-Ausschnitt, der ihre Brustansätze deutlich blicken ließ. Es war der schöne Busen wie je, nur etwas voller. Und er sah mit irgendwie ganz neuem Bewusstsein ihre schlanken, langen, durchaus trainierten Beine und ihre wohlgeformten Füße, die er so gerne massiert hatte. Nachdem Wauer das alles registriert hatte fragte er: „Soll ich erst mal etwas zu essen hinstellen?“
„Ja, klar, auch. Aber gib mir erst mal ein Bier, ich verdurste.“
Wauer stellte zwei Flaschen „Berliner“ auf den Tisch und ein Tulpenglas dazu.
„Brauch ich nicht – schon vergessen?“
Wenn sie nicht in Gesellschaft waren, tranken sie ihr Bier stets aus der Flasche, weil sie sich einbildeten, dass es da frischer schmeckte. War das das Zeichen dafür, dass sie noch die alte war? Er öffnete die Flaschen in Baustellenmanier; indem er die Kronkorken mit dem jeweils anderen Flaschenhalsende ausschnippste. Dann stellte er die Salatschüssel und zwei kleine Kompottschalen hin, brachte den Teller mit Schnittchen, die er in dem Glauben bereitet hatte, dass diese ihren Geschmack träfen, sowie das Besteck und setze sich in den dunklen Korbswinger, der die einzige Sitzalternative am kleinen Couchtisch zum Ledersofa war. Er prostete ihr mit der Bierflasche zu. Plötzlich sprang sie noch mal auf, lief zum Telefonanschluss und zog den Stecker.
„muss uns keiner stören! Herzliche Glückwünsche zum Jahrestag“, sagte sie und lachte ihr dunkles, kehliges Lachen. „Ist schon witzig, dass du ausgerechnet zum 13. August wiedergekommen bist.“
„Ja, es gibt wirklich Gründe zum Feiern. Ich wollte weg, ehrlich. Es war alles eingerührt. Ich hab dann plötzlich kehrt gemacht. Es wäre auch die endgültige Trennung von Lothar gewesen.“
„Und von mir natürlich“, ergänzte sie mit einem kleinen, mokanten Lächeln.
Sie schwiegen eine Weile, während sie an ihren Bierflaschen nippten.
„Du solltest dir zur Feier des Tages was von dem Whisky nehmen. Eberhard trinkt ihn nicht und hat ihn mir überlassen. Es ist wesentlich besser als Wodka. Gibt es bei dir was von deiner exklusiven Musik?“, fragte sie nach einer Weile. Sie hatte sich umgesehen und vermisste seine Plattensammlung. Es standen nur noch wenige Ausgaben im Regal.
Wauer holte zwei kleine Gläser, von denen er dachte, dass sie sich für Whisky eigneten, und zündete die dicke Kerze an, die ihm seine Mutter beim letzten Aufenthalt in Großschönau mitgegeben hatte. Sie stammte aus der Oberlausitzer Kerzenfabrik in Ebersbach und stellte angeblich eine Rarität dar. Als er ihr einschenken wollte, lehnte sie ab.
„Ich noch nicht, bitte“, lächelte sie, indem sie an ihm vorbei sah. „Aber koste mal, es ist wirklich was Feines.“
Wauer war irritiert. Wollte sie ihn auf etwas vorbereiten? Er wäre auch ohne Alkohol sofort mit ihr ins Bett gegangen. Er stellte fest, dass seine Gefühle ihr gegenüber keinen Deut gelitten hatten. Er hatte ein gutes Gewissen und musste keinerlei Abbitten leisten, denn schließlich war sie es gewesen, die ihn von einer Sekunde auf die andere verlassen und sich seither nicht mehr gemeldet hatte. Die Gründe hatte Wauer ahnen können, aber keinesfalls verstanden.
Schon wenn sie sich ein wenig auf dem Sofa hin und her räkelte und ihr Busen im Ausschnitt auf und ab quoll, hätte er sofort über sie herfallen wollen. Aber er fühlte, dass dies ein Fehler gewesen wäre und sie sich erst gegeneinander erklären mussten, ehe es vielleicht irgendwie weiter ging.
„Was wirst du jetzt tun?“, fragte sie ihn mit ihrem typischen, leicht verschleierten Blick, den sie durch ihre halb geschlossen dunklen Lider schickte.
„Nichts. Das heißt, ich werde zur Arbeit gehen. Aber ich werde in der Partei konsequenter auftreten. Was jetzt hier ringsherum im sozialistischen Lager geschieht, ist reichlich widersprüchlich. Und Widersprüche müssen diskutiert werden. Das opportunistische Duckmäusertum der Mehrheit ist schädlich für eine freie Gesellschaft.“
„Das ist richtig!“ Sie lächelte ihr sphinxhaftes Lächeln. „Opportunismus ist das Lebensprinzip. Da sollte man mal ganz konsequent dagegen angehen.“
„Bist du zum Streiten hergekommen? Ich bin froh, dass ich mich jetzt zu etwas durchgerungen habe, das ich für das Richtige halte. Ich glaube auch ziemlich fest, dass es das Richtige ist“, sagte er mit leicht gereiztem Unterton.
„Ist mir schon lieber, als wenn du so ein indolenter Karrierebonze sein wolltest. Obwohl man nicht weiß, was die polnischen Katholiken und die Solidarnosz machen würden, wenn sie an die Macht kämen. War dein Cousin sehr traurig?“
Wauer kostete von dem Balvenie. Es war einfach wunderbar, wie die Blume des Whiskys in seinen Gaumen und in seine Nebenhöhlen wanderte und dann, nachdem er die Probe hinuntergeschluckt hatte, tief in seinem Rachen viele Sekunden melodisch nachbrannte. Wie machten die sowas?
„Danke dir für dein Geschenk“, sagte er, schon froher. „Ja, er war sehr geschafft und wir haben natürlich nochmal lange miteinander geredet. Er ist ein guter Mensch, aber er ist von einem anderen Stern. Ich bin, während ich wartete, dass er endlich in Budapest eintrifft, in Bachs h-moll-Messe gegangen, die sie zufällig in der alten Matthäuskirche aufführten. Da ist mir aufgegangen, dass ich da drüben überhaupt nicht anwurzeln könnte. Obwohl sie sicher das einfachere Leben haben. Und die machen ökonomisch bestimmt weniger Scheiße als wir. Aber ich denke, dass wir hier nach dem Biermann-Rausschmiss nicht mehr nur einfach die Schnauze halten können. Der Sozialismus ist Gerechtigkeit. Gerechtigkeit aber sieht anders aus, als das, was derzeit bei uns läuft.“
Helga Nowak schwieg. Sie nippte wieder an ihrem Bier. Dann sagte sie unvermittelt: „Ich bin schwanger, im dritten Monat, ich weiß es seit vorgestern.“ Dabei schlug sie wie stets in ihrer unnachahmlichen Art die Lider hoch und sah ihn voll an. „Der Vater ist Eberhard.“
Irgendetwas fasste Wauer kalt in die Eingeweide. Er holte tief Luft. Nicht dass er sich schon ein gemeinsames Leben mit ihr vorgestellt hatte. Aber dass sie bereits eine ganz andere Zukunft ins Auge gefasst hatte, ohne ihn, schockierte ihn dennoch zutiefst. Er atmete nochmal tief durch. Dann goss er sich einen zweiten Whisky ins Glas und trank ihn in langsamen Zügen.
„Zufällig oder geplant?“, fragte er mit belegter Stimme.
„Geplant,“ antwortete sie, atmete ihrerseits heftig ein und aus und fügte hinzu: „Allerdings nur von mir.“
„Wie, nur von dir?“, fragte er noch mal.
„Ich habe gerechnet, gewartet, bis ich maximal empfänglich war, habe Eberhard besoffen gemacht und mich dann von ihm schwängern lassen - ganz einfach.“
Wauer wartete eine Weile. Ihm fiel einfach nicht ein, was er jetzt sagen könnte. „Weiß er es?“, brachte er schließlich heraus.
„Ja klar.“ Und nach einer Pause ergänzte sie: „Er freut sich drauf, sagte er.“
Wauer versuchte, sich in ihre Lage zu versetzen. Nach dem Geschehen am Heiligen Abend im vergangenen Jahr musste sie davon ausgehen, dass er nicht zu ihr stand, nicht mit ihr zusammenleben und kein Kind mit ihr haben wollte. Dann hatte sie offenbar mitbekommen, dass er sich nach dem Westen absetzen wollte. Alle Gespräche und das gemeinsame Treffen mit Robert während der heißen Warschauer Tage ließen nur diese Vermutung zu. Also entschloss sie sich, indem sie bei ihrem Mann blieb, der einen hohen Posten im Außenministerium hatte und ihr materielle Sicherheit bot, sich das Kind anzuschaffen, das sie wollte. Sie war fast dreißig und für DDR-Verhältnisse ein Altgebärende. Wauer konnte es nachvollziehen und das entschied sein vernünftiges Verhalten für die nächsten Stunden und den Fortgang ihrer beider unvorhersehbaren Zukunft.
Er sagte: „Ist mir, glaube ich, klar, was du willst. Ich hab´s dir nicht gerade leicht gemacht damals. Es war aber auch eine sehr verworrene Situation. Glaub mir, dass ich es auch nicht gerade leicht hatte?“
„Du warst an diesem Abend so eine Enttäuschung für mich, mein Lieber. Es war so klar, dass wir an jenem Christtag hätten ein Kind machen müssen – und du hast geblockt!!“
Sie hatte mein Lieber gesagt, erstmals an diesem Abend. Es war nicht das, was sie sonst alles zu ihm sagte, um ihm ihre Liebe auch verbal zu zeigen, aber es war ein viel versprechender Anfang. Ein Anfang wovon? Von einem Verhältnis zu dritt mit einem Kind, zu welchem sie ihn, er kannte sie, schnellstmöglich zum Ersatzvater machen würde?
„Und was machen wir jetzt?“, fragte er nach einer Weile leise.
„Ich hab keinen Plan. Erst seit deinem nächtliche Anruf aus Budapest weiß ich, dass es dich wieder gibt. Ich hatte sogar schon mal überlegt, wie ich dich auffinden könnte, falls du im Westen bist. Über deinen Cousin hätte ich das bestimmt ´rausbekommen. Eines Tages hätte ich es probiert. Uns wird was einfallen. Es ist jetzt so vieles in Bewegung.
Ich habe ziemliche Angst vor der Zukunft. Was wirst du tun? Was werden unsere Bonzen machen? Wird es Krieg geben? Wenn sie weiter so stur bleiben und den Doppelbeschluss2 durchsetzen, kann es leicht mal losgehen. Dann wird Mitteleuropa ein atomares Schlachtfeld. Reichlich verrückt, in dieser Zeit noch ein Kind in die Welt zu setzen, nicht wahr?“, sprudelte es aus ihr heraus.
Was weiß ich über sie?, dachte Wauer. Ahne ich auch nur, wie allein sie war? Ich habe mich vor allem mit mir beschäftigt, anstatt mit ihr und dem Sohn.
„Komm, lass uns was trinken und den Rachmaninov anhören, dann geht´s uns besser“, sagte er. „Und uns wird sicher was einfallen. Iss jetzt was! Was darfst du trinken?“
„Na, gib mal bisschen Sekt zum Bier,“ antwortete sie, während er die Schallplatten heraussuchte.
Sie hatte demonstrativ Platz gemacht und ihn aufs Sofa beordert. Nachdem sie ein Schälchen seines Salats und ein halbes Schnittchen vertilgt hatte und er den Sektkorken vorsichtig unter dem charakteristischen Zischen gezogen hatte, sagte sie nach dem ersten Zuprosten übergangslos: „Guck mal, was ich jetzt für geile Titten habe.“
Sie hatte schon immer aufregende Brüste gehabt, aber jetzt, das musste Wauer zugeben, waren sie noch fantastischer. Es wurde für die beiden eine schöne Nacht an diesem einundzwanzigsten Jahrestag des Baus des antifaschistischen Schutzwalls.
Und es war, als wäre dazwischen nichts Böses gewesen.
Im Betrieb ging der alltägliche Trott der sozialistischen Planerfüllung weiter, wie vor Wauers Ungarnbesuch. Er spürte mit seinem Projektierungsteam die Schwierigkeiten, die stündlich dabei auftraten, nicht so hautnah, wie die Tiefbaubrigaden auf der neuen Baustelle am Kraftwerk Berlin-Lichtenberg.
Wie stets, haperte es nicht nur bei der Anlieferung der Baustoffe. Es fehlten oft die Spezialfacharbeiter, weil viele krank feierten; oder die Maschinen streikten, weil Ersatzteile für längere Zeit auf sich warten ließen oder alles auf einmal. Nur manchmal mussten einige Leute von der Projektierungsabteilung raus auf die Baustellen, wo der Hochbau gerade begann, weil es die Abnahmekontrollen erforderten. In den Kollegenkreisen und im Parteilehrjahr unterhielt man sich über die Weltereignisse; natürlich im Stil der Arbeiterdiktatur. Auch dabei nahm das bevorstehende Lutherjahr, die Rolle der Kirchen im Lande und die seltsamen Treffen zwischen Vertretern der Staatsführung und der Kirchenoberen breiten Raum ein.
Im September wurde Helmut Schmidt durch Helmut Kohl als Bundeskanzler abgelöst und plötzlich gab es in der Bundesrepublik eine schwarz-gelbe Regierung, weil das vom aus Halle an der Saale stammenden FDP-Politiker, Hans-Dietrich Genscher, gegen den sozialdemokratischen Bundeskanzler angeschobene konstruktive Misstrauensvotum vom christdemokratischen Herausforderer Helmut Kohl mit immerhin 21 Mehrstimmen gewonnen wurde. Da waren auch in der DDR nicht nur Politiker enttäuscht.
Und noch eine Veränderung erschütterte im Spätherbst 1982 das sozialistische Lager. Am 12. November wurde Juri Wladimirowitsch Andropow, der bisherige langjährige KGB-Chef, zum Generalsektretär der KPdSU für den verstorbenen und nur 13 Monate im Amte waltenden Konstantin Tschernenko bestimmt, der dem ebenfalls soeben verstorbenen vormaligen Parteichef Leonid Breshnew gefolgt war. Nach Andropows Machtübernahme mehrten sich die Anzeichen dafür, dass die Zeit der geistigen und ökonomischen Stagnation in der Sowjetunion vorüber sein könnte. Erstmals im sowjet-kommunistischen Teil der Welt gelangten Informationen über mangelnde Arbeitsproduktivität, niedriges Arbeitsbewusstsein der sowjetischen Werktätigen, Alkoholismus und Kriminalität in die Öffentlichkeit.
Andropow hatte darüber vor hohen Parteifunktionären referiert. Der ökonomische Anreiz für die Betriebe und eine gewisse Eigenständigkeit in Planung, Produktion und Vertragswesen Grundlage müssten erhöht werden, um schnellere ökonomische Erfolge zu erzielen. In der DDR horchten die Direktoren und Generaldirektoren auf und alle waren gespannt, ob von diesen hehren Plänen etwas in die Tat umgesetzt wurde. Denn solche und ähnliche Veränderungen wünschte man sich im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat ebenfalls sehr.
Helga Nowak besuchte Martin Wauer seit ihrer Wiedervereinigung im August an den meisten Wochenenden und mindestens noch einmal in der Woche. Ab Mitte Oktober fiel es ihr zunehmend schwerer, die vier Stockwerke herauf zu seiner Wohnung zu klettern. Sie war zwar eine schlanke Schwangere, aber ihr Bäuchlein war doch erheblich gewachsen und Wauer wunderte sich, wie weit die zarte Haut und das sportliche Gewebe ihres Unterleibes zur Ausdehnung in der Lage war.
Ihrem Liebesleben tat dies keinen Abbruch und der Oberlausitzer genoss zum ersten Mal in seinem Leben ausgiebigen Sex mit einer Schwangeren. Immer, wenn seine Geliebte einen ihrer extraordinären Orgasmen bekam, um die er sie heimlich immer ein wenig beneidete, sonderten ihre dunklen, kräftig veränderten Brustwarzen ein Sekret ab, dass er, wie die Hebammen, als ihre Hexenmilch betitelte. Und sie war eine Hexe, das stand für ihn fest.
Wauer hatte es vermieden, sie zu fragen, wie sie sich ihre weitere, wie er meinte, gemeinsame Zukunft vorstellte, nachdem sie beim ersten diesbezüglichen Versuch ziemlich unwirsch geworden war.
„Sie erst mal zu, was aus deiner Zukunft mit deinem Jungen wird“, hatte sie geantwortet und ihm bedeutet, dass für solcherlei Fragen auch noch Zeit sei, wenn das Kind heil auf die Welt gekommen wäre. Dass es ein gutes, gesundes und kräftiges Kind werden würde, davon war sie zutiefst überzeugt. Jedenfalls war ihr nichts anzumerken von irgendwelchen Ängsten wegen Erbkrankheiten oder Missbildungen.
Bei dem regen Geschlechtsverkehr, den sie miteinander trieben, müsse es einfach ein temperamentvolles und lebensfrohes Kind werden. Zu anderen Zeiten saß sie, wenn sie bei Wauer war, stundenlang ruhig im gut gepolsterten Korbswinger und hörte Musik aus seiner üppigen Plattensammlung, die er vom Boden des Hauses, in dem seine Mutter noch wohnte, zurückgeholt hatte. Er hatte von seinen Ausflügen nach Budapest und Prag stets Ausgaben westlicher Rockmusik mitgebracht, die es in der DDR nur ganz selten legal zu kaufen gab. Dafür leistete er sich hier viele der außerordentlich guten Aufnahmen des klassischen Repertoires, die neuerdings in so genannter DMM-Qualität auf die schwarzen Vinylscheiben gepresst wurden. Helga glaubte, dass Musik jeden Genres förderlich für ihr Baby wäre. Die Wissenschaft war geteilter Meinung, ob Musik überhaupt irgendeine Wirkung auf Föten ausübe.
In Wauers Projektierungsabteilung wie auch in der Kombinatsleitung herrschte nach seiner Rückkehr von seiner einwöchigen Dienstreise in die ungarische Hauptstadt, um die ihn der eine oder andere beneidet hatte, zunächst kollegiale Freundlichkeit und gute Atmosphäre. Wauer erzählte dem Chef Manfred Schäfer, der von allen Leitungsmitgliedern nur „M.S.“ genannt wurde, von seinen Erlebnissen mit den ungarischen Kollegen und unterbreitete seine Arbeits- und Verhandlungsergebnisse. Auch mit anderen Kollegen wurde über Budapest, seine freiheitliche Atmosphäre und seine ziemlich eigenständige Politik im Rahmen des Comecon gegenüber dem Westen diskutiert.
Natürlich fuhren auch andere Ostberliner, so oft es sich bei all den Umständen einrichten ließ, dorthin ein Visum und vor allem Umtauschbescheinigungen für ein paar Forint zu bekommen, gerne in die ein weltoffenes Flair verströmende ungarische Metropole oder an den beliebten Plattensee mit den zahlreichen Weinhöhlen an seinem Nordufer. Gerade auch deswegen waren viele Kolleginnen und Kollegen an den Erlebnissen interessiert, die einer, der sogar auf Betriebskosten dorthin reisen durfte, dabei gehabt hatte. Wauer gab gern und eloquent Auskunft, verschwieg dabei aber vor allem seine Begegnung mit seinem Cousin Robert und seine wilde Nacht mit dieser Susza, der musizierenden Edelnutte, im Rundhotel „International“.
Nachdem seit seiner Rückkehr etwa drei Wochen vergangen waren, geschah etwas, das Wauer innerlich aufhorchen ließ und das er als eher ungewöhnlich einstufte. Er wurde vom Kaderleiter, Genossen Uwe Singer, zu einer Unterredung eingeladen. Dessen Dienstzimmer in der vierten Etage des Verwaltungsgebäudes war ziemlich spartanisch eingerichtet, sah man einmal von dem großen Schreibtisch und dem ebenso überdimensionalen Besprechungstisch, an dem mindestens zwölf Kollegen Platz finden konnten, ab. Beide waren, ebenso wie die Wandregale und die beiden Aktenkleiderschränke, in originaler Esche furniert, die allerdings schon ziemlich nachgegilbt wirkte. Diese Möbel entsprangen schlichter, aber gediegener Tischlerarbeit, die man so heute nur noch in Einzelanfertigung bekam und die deshalb von den üblichen Spanplatten-Büromöbeln angenehm abstachen. Über allem hing in noch größerer Ausführung als üblich das Farbfoto des Parteiführers Erich Honecker.
Singer bedeutete Wauer, nachdem sie sich wie gewöhnlich begrüßt hatten, dass er am großen Besprechungstisch Platz nehmen solle und setzte sich ihm ohne irgendwelche Papiere oder Unterlagen gegenüber.
„Na, Spaß gehabt in Budapest?“, fragte er, die Unterhaltung beginnend.
„Klar doch, in Budapest immer, weißt du doch, Uwe.“
„Haben sie dich wieder mit ihrem Tokayer traktiert?“
„Nee, ich trinke doch keinen so schweren Weißwein. Kati und Ferenc wussten das noch. Deshalb gab es guten trockenen Rotwein, manchmal Birnenschnaps dazu; merkwürdige Mischung“, erwiderte Wauer.
„Und - seid ihr mit allem klar gekommen. Werden sie uns die Projekte und die Baugruppen rechtzeitig liefern können?“
Wauer stutzte. Seit wann interessierte sich der Herrscher über die Personalakten für Einzelheiten der Produktion und der Projektierung? Er würde in der nächsten Leitungssitzung ohnehin erfahren, wie es um die Planerfüllung und die Vertragserfüllungen stand und sich wie immer dabei langweilen.
„Unterschriftsreif war jedenfalls alles, was wir mit ihnen vereinbart haben. Nun müssen noch die großen Chefs ran. M.S. muss ja die Sache auch noch vom Außenministerium absegnen lassen“, antwortete er vorsichtig.
„Hast du ´ne Ahnung, warum sie dich ausgerechnet ins Rundhotel einquartiert hatten?“, fragte Singer plötzlich.
„Wieso, da waren wir das letzte Mal doch auch?“
„Das ist zwei Jahre her!“, bemerkte Singer.
„Ja und? Ist was passiert in den zwei Jahren?“
„Vieles“, meinte Singer jetzt gedehnt. „Besonders in Polen. Hat man dich da angequatscht? Neuerdings verkehren dort, wie man hört, auch viele Westler und reichlich Nutten.“
„Mich hat niemand angequatscht“, sagte Wauer trocken. „Allerdings habe ich einen Abend in der Himmelsbar verbracht und mit einigen schönen Ungarinnen geflirtet. Die meisten haben ja mal bei uns gearbeitet oder studiert und sprechen ganz gut deutsch.“
„Und verdienen sich bisschen Westgeld nebenbei“, ergänzte Singer.
Wauer spitzte die Ohren. Hatten sie ihn doch überwacht? Wussten sie mehr oder sogar alles? Aber wenn sie wirklich etwas wussten, dann hätten sie ihn bereits ganz anders in die Mangel genommen. Es musste um etwas anderes gehen.
„Mann, weißt du wie viele Mädchen sich hier im Domhotel oder zur Messe in Leipzig ein paar blaue Kacheln3 dazu verdienen. Sex ist eben ein sicheres Geschäft und kann ganz ohne besondere Diplome und Prüfungen betrieben werden. Ist ja auch irgendwie bemerkenswert, dass Manager aller Länder und besonders der oberen Etagen so gern ´rumvögeln. Dann hätten wir eben keine Intershops aufmachen dürfen“, deklamierte er ungehalten.
„Na, reg dich nicht gleich auf, Martin. Du weißt doch, dass du im sicherheitsrelevanten Bereich arbeitest. Da unterstehst du nun mal besonderen Regeln.“
„Klar, weiß ich das! Sagt irgend jemand, dass ich sie breche oder gebrochen habe?“ Wauer wollte es wissen. Am besten, wenn das jetzt geklärt wurde.
„Sagt niemand. Aber unser Bau in Lichtenberg erregt, sagen wir mal, auch internationales Interesse. Ich brauche dir doch nicht zu erklären, dass der Westen genau wissen möchte, wo wir stehen“, entgegnete Singer.
„Wenn wir schon mal was mit Weltniveau bauen, haben wir die Schweden oder Finnen doch sowieso dabei.“
„Klar doch. Aber wir müssen dennoch vorsichtig sein. Und es geht ja auch gar nicht nur darum, dass es irgendwelche Agenten erfahren, sondern dass unser Laden nicht in den Verruf kommt, dass er Kollegen mit Sicherheitsrisiko beschäftigt.“
„Mann, Uwe, nun lass´ doch die Katze aus dem Sack. Du kannst doch tacheles mit mir reden, ich bin doch nicht der Klassenfeind!“ Wauer war jetzt klar, woher der Wind wehte. Sie hatten herausbekommen, dass er sich mit Robert schrieb oder irgendwas in dieser Richtung, Prag, Großschönau, Warschau. Hoffentlich nicht sogar Budapest!
„Also, es ist so“, begann Singer, „man überprüft uns gerade wegen des Lichtenberger Baus. Und da haben wir festgestellt, dass du einen Vetter in Dingsda, in München hast, mit dem du dich sogar hin und wieder schreibst und den du voriges Jahr auch in Polen getroffen hast. Und das finden die Genossen von der Sicherheit überhaupt nicht so gut. Deshalb soll ich mit dir reden. Vielleicht könnte eine Aussprache mit den Genossen organisiert werden. Sie wollen mit dir reden.“
Wauer war schlagartig klar, dass er in einer Zwickmühle saß. Sagte er nein, wüssten sie, was sie zu tun hätten. Sagte er ja, war er ihnen ebenfalls ausgeliefert. Er überlegte fieberhaft. Dann sagte er: „Ja, warum nicht, warum sollten wir uns nicht mal unterhalten. Kommt ja darauf an, was sie von mir wollen und was ich machen muss. Ich werde mich ja wohl nicht gerade im Nahkampf ausbilden lassen müssen.“
„OK, ich arrangiere das. Unser Kontaktmann wird mal abends hierher kommen. Ich sag dir Bescheid.“
Es war schon merkwürdig, dass selbst der hundertprozentige Genosse Uwe Singer offensichtlich gewisse Schwierigkeiten hatte, auf diesem Terrain zum operieren. Als Kaderleiter hatte er ständigen Kontakt zu den Genossen von der inneren Staatssicherheit zu halten. Er wusste, dass bei der Stasi eine zweite Akte über die mittleren und höheren Kader geführt wurde. Und trotzdem war es keine Routine für ihn, den Mittelsmann herzugeben.
Wauer musste eine Entscheidung treffen. Das war ihm klar. Beunruhigt überlegte er, wie er aus dieser Klemme herauskommen könnte. Denn so naiv war er lange nicht mehr, dass ihm nicht bewusst war, wenn er nur den kleinen Finger böte, dass sie den ganzen Kerl nehmen würden. Und das wiederum würde bedeuten, dass er sein ganzes Umfeld für den Rest seines Lebens würde belügen und betrügen müssen. Eigentlich wusste er bereits heute, dass es das nicht wert war. Sein quälender Bewusstseinswandel bis zum Tage der h-moll-Messe in Budapest konnte doch nicht umsonst gewesen sein!
Die folgenden Arbeitstage vergingen aber, als wäre nichts geschehen. Beim nächsten Treffen zum so genannten Parteilehrjahr war das Thema „Martin Luther, Reformator, und die Lehren für die sozialistische Revolution“ dran. Das war ein scharfer Stoff!
Und es beschäftigte nicht nur die Oberen und die Kirche. Im kommenden Jahr fand das „Lutherjahr“ in ganz Deutschland, vor allem aber auch in der DDR statt, weil fast alle Lutherstätten im Osten Deutschlands lagen. Eisenach, die Wartburg, Wittenberg und Leipzig, alles war hier. Diesmal hatte der Westen bis auf Worms nicht viel zu bieten. Und bei aller ideologischen Indoktriniertheit der Partei- und Staatsführung – es war eben auch ein gutes Devisengeschäft zu erwarten. Da musste man schon einmal ein paar Kompromisse eingehen! Es mutete überaus merkwürdig an, wenn man Honecker und Genossen mit den Kirchenführern aus Ost und West über die Abläufe des Jahres 1983 verhandeln sah. Einmal saßen sie sogar in der „dicken Marie“4 zu Greifswald zusammen auf den vorderen Kirchenbänken…
Martin Wauer, dem in dieser Zeit immer bewusster wurde, dass ihm sein streng lutheranischer Vater den Vornamen des Augustinermönchs mit Bedacht gegeben hatte, wollte nun mehr über diesen mittelalterlichen Mönch wissen. Ihm genügte das fünfteilige Filmwerk, das das Fernsehen der DDR mit Ullrich Thein in der Hauptrolle ausgestrahlt hatte, als Erklärungsmuster nicht. Er glaubte, dass die Verantwortlichen für diese Produktion wenig Spielraum für die Darstellung des wahren Lebens des Thüringers gehabt hatten. Dies stimmte zwar, wie es sich herausstellte, so nicht. Aber Wauer blieb misstrauisch. Er beschaffte sich einschlägige Literatur und vertraute lieber auf die von ihm selbst recherchierten Quellen. Wie stets in solcher Situation, half ihm dabei Helga.
Nur der Teufel wusste, wo sie immer die passende Westliteratur herbekam. Aber auch der glaubte Wauer mittlerweile nicht mehr alles. Die Broschüren enthielten allerdings einige ins Neudeutsche übertragene problematische Luthertexte. Las die heute noch irgend jemand? Wauer war beeindruckt, was er da heraus bekam.
Eigentlich hatte Luther dasselbe Problem wie er. Er verzweifelte an der Doppelbödigkeit der Moral seiner Kirche, die öffentlich Wasser predigte, die Bergpredigt des Gottessohnes Christus über alles hob und für sich selbst und ihr bevorzugtes Leben eine Unterdrückungshierarchie aufgebaut hatte, die ihresgleichen suchte. Und weil Luther an Gottes und Jesus Christus Existenz glaubte, setzte er die 97 Thesen5 über die Falschheit des Ablasshandels in die Welt, just in dem Moment, als die Erfindung des Buchdrucks eine beachtliche Vervielfältigung seiner Schriften ermöglichte. Und damit begann eine Entwicklung, die er selber nicht vorhergesehen hatte.
Mutig war der Mann gewesen! Er hatte nicht widerrufen, wie viele andere vor ihm, die ebenfalls durchblickten. Und er hatte, getreu seinen Überzeugungen von der Sinnlosigkeit des Zölibates, eine lebenstüchtige adelige Nonne geheiratet und mit ihr ein halbes Dutzend Kinder gezeugt. Aber wie passten zu diesen Taten seine Schriften zu den Juden und zu den aufständischen Bauern?
Hatte er Recht darin gehabt oder war er, wie die meisten Menschen, den Weg von links unten in der Jugend nach rechts oben im Alter gegangen? Mit welcher räudigen Sprache dieser Theologieprofessor über Juden und Bauernaufstände herzog, war schon ebenso außerordentlich, wie seine Sprachmächtigkeit bei seinen Bibelübersetzungen, mit denen er den Deutschen endlich eine einigermaßen einheitliche Schriftsprache gegeben hatte.
Konnte Martin Luther für Martin Wauer ein Vorbild sein? In einer Hinsicht wohl schon: Er fiel niemals um! Er war nur sich selbst treu, mitsamt seiner unbegreiflichen Frömmigkeit. Wauer wollte es sich merken.
In der Parteilehrjahrsdiskussion war Wauer der Bestvorbereitete. Uwe Singer und Fritz Rauch waren dennoch nicht dankbar für Wauers Beiträge. Sie schwammen im faktischen Nichtwissen. Den übrigen Genossen, vielleicht aber sogar ihnen als Parteileitung des Betriebes, wurde der Aktualitätsbezug des Lutherschen Lebens ziemlich offenbar. Fing hier die Zukunft an?
Am Montag nach dem ersten Wochenende des Wiedersehens mit seiner schwangeren Geliebten lag ein Brief aus Frankfurt im Briefkasten. Barbara hatte nicht angerufen, sondern stattdessen eine kurze Nachricht geschrieben, dass Lothar am 28. August für das Wochenende nach Berlin kommen könne. Der Zug käme 10:01 Uhr in Karlshorst an und führe am Sonntag 16:17 Uhr von da nach Frankfurt an die Oder zurück. Sie bat um Pünktlichkeit bei Abholung und Rückfahrt. Und sie schlug vor, dass die Reiserei, wie sie es nannte, monatlich abgewechselt werden sollte und er möge sich doch bald über ihre unterbreiteten Vorschläge äußern. Wauer schrieb zurück, dass alles so in Ordnung sei und er den Sohn wie vorgeschlagen am Bahnhof abholen werde.
Es war wieder wärmer geworden in Deutschlands Osten. Wauer war rechtzeitig mit der S-Bahn vom Warschauer Platz losgefahren, die wenigen Stationen bis Karlshorst, wo sein Sohn an diesem Sonnabend für lächerliche eineinhalb Tage zum ersten Vater-Umgangs-Wochenende seit bald drei Jahren eintreffen sollte. Karlshorst besaß gerade mal zwei Fernbahnsteige, über die aber der Eisenbahnverkehr in die östliche Richtung Fürstenwalde-Frankfurt-Oder und südlich um die Frontstadt Berlin herum nach Potsdam und Brandenburg abgewickelt wurde.
