Most Wanted Billionaire - Annika Martin - E-Book

Most Wanted Billionaire E-Book

Annika Martin

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Weckruf der anderen Art ...

Als Assistentin Lizzie Cooper den Auftrag bekommt, eine neue Weckruf-Agentur für ihren Chef zu engagieren, denkt sie sich: Das kann doch nicht so schwer sein. Viele Telefonate später merkt sie, dass es eine schier unlösbare Aufgabe zu sein scheint, denn ihr Chef hat bereits alle Agenturen mit seiner überheblichen und arroganten Art vergrault. Wenn Lizzie ihren Job behalten will, bleibt ihr nichts anderes übrig als heimlich selbst jeden Morgen anzurufen. Zugegeben Lizzie ist nicht das netteste Wake-up Callgirl. 4:30 Uhr morgens ist einfach nicht ihre beste Tageszeit, aber Theo Drummond scheint ihre bestimmende und genervte Art mitten in der Nacht nicht zu stören. Im Gegenteil! Ihre Gespräche sind intensiv, heiß und absolut verboten. Denn Theo ist immer noch ihr Boss, der niemals erfahren darf, dass die Frau, der er all seine tiefsten Geheimnisse offenbart hat, seine Assistentin ist!

"Die Anziehungskraft zwischen Lizzie und Theo ist heiß und so unglaublich gut! Ein Must-Read!" USA TODAY'S HEA BLOG

Band 2 der MOST-WANTED-Reihe von New-York-Times-Bestseller-Autorin Annika Martin




Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 443

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

TitelZu diesem Buch12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637EpilogLeseprobeDanksagungDie AutorinDie Romane von Annika Martin bei LYXImpressum

ANNIKA MARTIN

Most Wanted Billionaire

Ins Deutsche übertragen von Sabine Neumann und Nina Restemeier

Zu diesem Buch

Als Assistentin Lizzie Cooper den Auftrag bekommt, eine neue Weckruf-Agentur für ihren Chef zu engagieren, denkt sie sich: Das kann doch nicht so schwer sein. Viele Telefonate später merkt sie, dass es eine schier unlösbare Aufgabe zu sein scheint, denn ihr Chef hat bereits alle Agenturen mit seiner überheblichen und arroganten Art vergrault. Wenn Lizzie ihren Job behalten will, bleibt ihr nichts anderes übrig als heimlich selbst jeden Morgen anzurufen. Zugegeben Lizzie ist nicht das netteste Wake-up Callgirl. 4:30 Uhr morgens ist einfach nicht ihre beste Tageszeit, aber Theo Drummond scheint ihre bestimmende und genervte Art mitten in der Nacht nicht zu stören. Im Gegenteil! Ihre Gespräche sind intensiv, heiß und absolut verboten. Denn Theo ist immer noch ihr Boss, der niemals erfahren darf, dass die Frau, der er all seine tiefsten Geheimnisse offenbart hat, seine Assistentin ist! 

1

Lizzie

Rückblickend hätte ich die Warnsignale wohl bemerken müssen.

Den außergewöhnlich hohen Einstellungsbonus zum Beispiel, der erst nach dreißig Tagen fällig wird.

Ich meine, in welchem Job hält man bitte keine dreißig Tage durch? Das ging mir jedenfalls durch den Kopf, als ich mich auf die Stelle bewarb.

Und dann diese seltsamen Blicke, die meine Kollegen mir zuwarfen, als ich durch das Büro ging und mich als die neue Social-Media-Managerin von Vossameer Inc. vorstellte. »Ich bin hier, um euer Online-Image aufzupolieren«, erklärte ich.

Im Aufzug, auf der Etage der Unternehmenskommunikation, unten in der schicken, eleganten Lobby – überall diese seltsamen Blicke. Das eine oder andere verunsicherte Lächeln. Der Mund einer Frau, der sich zu einem erschrockenen »O« formte, bevor sie sich mir ihrerseits vorstellte.

Zuerst verbuchte ich all das unter unternehmensweiter Ahnungslosigkeit, was Social Media angeht. Schließlich hatte Vossameer noch nicht mal eine Facebook-Seite, als ich vor drei Wochen hier anfing.

Doch jetzt, während ich meiner Chefin Sasha dabei zusehe, wie sie stirnrunzelnd die PowerPoint-Präsentation durchgeht, die ich zusammengestellt habe, um ihr zu demonstrieren, wie gut ich meinen Job gemacht habe, grüble ich doch ein bisschen mehr über diese Warnsignale nach.

Sie klickt sich auf eine Seite mit Beispielen meiner erfolgreichen, auf das Unternehmen zugeschnittenen Posts sowie einer Grafik meiner beeindruckenden Interaktionsstatistik.

Sie atmet tief ein. Zuckt zusammen.

Was?

Ihr könnt mir glauben, die Sache mit den Facebook-Interaktionen war kein Kinderspiel. Das spannendste Produkt bei Vossameer ist ein Gel mit blutstillender Wirkung, das zur Wundheilung eingesetzt wird.

Ein weiteres Zusammenzucken. Noch mehr Stirnrunzeln.

War ich etwa die ganze Zeit diejenige, die hier keine Ahnung hatte? Habe ich die Blicke, die mir meine neuen Kollegen zuwarfen, falsch interpretiert?

War ich hier wie ein Reisender in Transsilvanien, der allen Dorfbewohnern aufgeregt erzählt, dass er jetzt in einem fantastischen, leer stehenden Schloss wohnt? OMG, ich habe das ganze Schloss für mich, weil der Besitzer nur nachts rauskommt. Ist das nicht großartig? Ein Volltreffer! High Five!

Ich halte den Atem an, während Sasha von Seite zu Seite klickt.

Sasha trägt einen strengen blonden Bob, mit Vorliebe maritime Outfits und ein Make-up à la Cruella De Vil. Wobei Letzteres vielleicht einfach an einem schlecht beleuchteten Badezimmerspiegel liegt.

»Mmh …«, macht sie schließlich. Und das ist definitiv kein Oh-wie-lecker-Mmh. Sondern ein Oh-oh-Mmh.

»Gibt es ein Problem?«, frage ich.

Sie schüttelt nur den Kopf. Als wäre das Problem überhaupt nicht in Worte zu fassen. Als hätte sie mich um einen Zwischenbericht gebeten, und ich hätte ihr eine Handvoll Erdnussschalen gegeben, nicht ohne vorher von jeder einzelnen erst noch das Salz abzulecken.

Sie klickt sich zu einer weiteren Grafik positiver Ergebnisse, und zwischen ihren dunklen, dramatisch geschwungenen Augenbrauen bildet sich erneut eine tiefe Furche – ich sehe, wie sie sich auf dem Bildschirm spiegelt.

»Die Interaktionszahlen sind bereits besser als die unserer Wettbewerber«, betone ich.

Grillengezirpe.

Nein, eigentlich noch nicht mal das. Mit kleinen Insekten, die fröhlich in einem Feld vor sich hinzirpen, hat das hier nichts zu tun. Was ich höre, ist vielmehr das trübselige Schweigen von Pflastersteinen auf einem verlassenen Parkplatz.

Sasha klickt weiter. Mein Entwurf für die Webseite.

»Du wolltest, dass wir mit unserer Webseite bei Google ganz oben erscheinen«, erinnere ich sie. »Das tun wir jetzt, aber wir werden noch besser ranken, wenn die neue Homepage online ist. Die Leute werden dann auf jeden Fall länger auf unserer Seite bleiben.«

Glaubt mir, das ist echt nett formuliert. Momentan sieht die Vossameer-Webseite aus, als wäre sie 1998 von depressiven Robotern entworfen worden.

Aber als Milliarden-Dollar-Unternehmen brauchst du natürlich auch keine hübsche Webseite. Vossameer könnte genauso gut überhaupt keinen Internetauftritt haben, und trotzdem würden gigantische Gesundheitskonzerne Unsummen für lebensrettende medizinische Gelprodukte bezahlen.

Aber neuerdings ist das Ziel hier im Unternehmen, mit der Locke Foundation zusammenzuarbeiten, einer hoch angesehenen gemeinnützigen Stiftung.

Und dafür muss man online natürlich schon was hermachen.

Deshalb wurde ich eingestellt. Das ist mein Job.

Wenn man nach Vossameer googelt, ist der erste Treffer ein Forbes-Artikel über den geheimnisvollen CEO Theo Drummond, den man in neun Worten zusammenfassen kann: Er ist ein Arschloch, aber seine Produkte retten Leben.

Und das ist nicht der einzige Beitrag. Es gibt tonnenweise Artikel, die Mr Drummond als eigenbrötlerisches Genie darstellen. Als schroffen Menschenfeind. Als griesgrämiges Arschloch.

Ich habe den berühmt-berüchtigten Mr Drummond noch nie getroffen, aber die Sache mit dem Arschloch ist nicht so schwer vorstellbar. Es gibt überall Indizien.

Die Angestellten hier sind ängstlich, als erwarteten sie, jeden Augenblick gefeuert oder vielleicht enthauptet zu werden. Die Firmenzentrale besteht aus glattem grauen Marmor und Metall und wirkt wie ein elegantes, leicht futuristisches Gefängnis. Deko oder eine persönliche Note sind nicht erlaubt, nicht mal auf dem eigenen Schreibtisch.

Selbst das Äußere des Gebäudes ist unerbittlich – ein moderner, grauer Betonbunker mit akkuraten Reihen exakt gleichgroßer Fenster. Eine Studie strengster Geometrie.

Mr Drummond mag keinen Firlefanz, hat Sasha mir mal erklärt. Bei Vossameer geht es um lebensrettende Produkte, nicht um Luftschlangen.

An meinem zweiten Tag hatte ich eine große Dose mit selbst gebackenen Keksen mitgebracht, und die Leute wären fast von ihren Stühlen gekippt. Wie sich herausstellte, dürfen wir keine Leckereien für die Allgemeinheit mitbringen. Niemals.

Das hier ist ein Büro, kein Buffet, verkündete Sasha.

Ich bin inzwischen ganz gut darin, in solchen Äußerungen die Arschloch-DNA von Mr Drummond zu erkennen, und ich bin mir ziemlich sicher, diese gehörte dazu. Genauso wie der Luftschlangen-Kommentar. Das erkennt man an der humorlosen Schroffheit und daran, wie sich Sashas Stimme verändert und plötzlich ganz erstickt und angestrengt klingt.

Jeder hier ist besessen von Mr Drummond. Meine Kollegen fürchten ihn, wie unsere Vorfahren die Wetter- und Seuchengötter. Als wäre er wütend und rachsüchtig, aber dennoch glorreich. Und natürlich darf man niemals schlecht über ihn reden.

Niemand hier spricht jemals von Mr Drummond, ohne das Wort »großartig« nicht mindestens einmal zu verwenden. Vielleicht ist das im Mitarbeiterhandbuch irgendwo so vorgeschrieben.

Aber Sashas Besessenheit geht noch viel weiter – mehr in Richtung demutsvoller Liebe.

Wenn sie seinen Namen ausspricht, klingt das, als würde sie den Orakeln auf dem Olymp heilige Geheimnisse zuflüstern – Mr Drummond hier, Mr Drummond dort. Der großartige Mr Drummond.

»Mr Drummond ist nicht gerade der geselligste Mensch der Welt«, informierte mich Sasha atemlos an meinem ersten Tag. »Er hat extrem hohe Ansprüche – an sich selbst und an seine Mitarbeiter –, aber seine großartigen, bahnbrechenden Produkte retten jeden Tag Leben. Und die Arbeit, die wir leisten, um ihn dabei zu unterstützen, macht das möglich.« Und dann sah sie mir tief in die Augen und sagte: »Das ist der wichtigste Job, den du je haben wirst.«

Ich nickte nur und machte mir im Geiste eine Notiz, die Finger von jeglichen bunten Flüssigkeiten zu lassen.

Jetzt verschränke ich die Arme vor der Brust und warte, bis sich Sasha durch meine dem Untergang geweihte PowerPoint-Präsentation geklickt hat.

»Auf der nächsten Seite sind die Besuche auf der Webseite, die von Facebook kommen«, merke ich nervös an.

Sasha will die nächste Seite nicht sehen. Mit einem langen, rot lackierten Fingernagel, der mich an eine blutrote Rakete erinnert, deutet sie auf den Bildschirm und tippt auf das Bild eines alten Mannes, der die Hand eines Babys hält. Dann auf ein Foto eines glücklichen Brautpaares. »Was sollen diese Leute da?«

»Na ja, unser Marketing konzentrierte sich bisher auf die medizinischen Effekte unserer Produkte, aber das ist nicht das, was wir verkaufen, oder?«, erwidere ich. »Wir verkaufen mehr Zeit mit den Liebsten. Wir verkaufen Gesundheitsdienstleistern die Möglichkeit, Patienten mehr Zeit zu gewähren. Das ist unser wahres Produkt.«

Sie reckt den Hals und sieht zu mir hoch, als hätte ich etwas richtig Subversives gesagt. Das nichts mit dem Einmaleins des Marketings zu tun hat.

»Schau dir mal die Webseiten von Krankenhäusern oder Pharmaunternehmen an«, fahre ich fort. »Jetzt gleich. Lass uns mal nachsehen. Da wirst du lauter Fotos von glücklichen Menschen sehen, die ihr Leben miteinander genießen.«

Sasha holt ihr Smartphone hervor und gibt den Namen eines großen lokalen Krankenhauses ein. Glaubt sie mir nicht? Ich bin extrem erleichtert, das Foto einer Frau zu sehen, die in die Luft springt und dabei einen Seidenschal hinter sich herzieht.

Sasha macht ein überraschtes Gesicht.

Oh Mann, diese Firma.

Dieser Arsch Mr Drummond setzt seinen Mitarbeitern so sehr zu, dass sie gar kein eigenes Leben mehr haben. Die arme Sasha steckt bis zum Hals in Pressemitteilungen und Fallstudien. Aber mal im Ernst, haben die alle keinen Fernseher? Ist hier niemand jemals online?

»Es wäre ja auch ziemlich seltsam«, sage ich, »wenn Krankenhäuser auf ihren Webseiten Fotos von blutigen Skalpellen und hässlichen Operationsnarben hätten. Oder?« Ich ringe mir ein Lächeln ab.

Sasha erwidert es nicht.

Sie widmet sich wieder meiner PowerPoint-Präsentation. Eine Familie bei einem Picknick. Alte Menschen, die puzzeln. An einer Stelle holt sie tief Luft, als würden ihr die Fotos körperliche Qualen zufügen. »Mr Drummond wird das alles nicht gefallen«, sagt sie mit unheilverkündendem Tonfall. »Es wird ihm überhaupt nicht gefallen.«

Als hätte ich die letzten drei Wochen damit zugebracht, die Schreibtischschubladen meiner Kollegen mit Ping-Pong-Bällen zu füllen, anstatt meine Arbeit zu machen.

»Warum wird es ihm nicht gefallen?« Ich ärgere mich darüber, wie piepsig meine Stimme klingt.

Sasha schüttelt nur den Kopf.

»Die Sache ist: Meine Aufgabe war, die Online-Präsenz von Vossameer zu modernisieren und menschlicher zu gestalten … und Menschen identifizieren sich eben mit Menschen«, sage ich.

Wieder dieses trübsinnige Pflastersteinschweigen.

Wäre ich skrupelloser, würde ich ihnen einfach die langweilige Internetseite präsentieren, die sie haben wollen, und einen Facebook-Feed, den nie jemand besucht. Ich wäre längst über alle Berge, bevor sie merken würden, dass ich sie beschissen habe. Aber so bin ich nicht. Auch wenn ich vielleicht nur wegen des Bonus hier bin, habe ich doch vor, meine Arbeit gut zu machen.

»Nein, du hast wahrscheinlich recht. Mit den Menschen«, erwidert sie. »Schließlich sind es ja soziale Medien.«

»Ja, nicht wahr?«, stimme ich hoffnungsvoll zu.

»Mr Drummond will wirklich gerne mit dieser Stiftung zusammenarbeiten. Aber …« Sie deutet auf das Foto einer glücklichen Familie. Stößt einen winzigen, leisen Laut aus. Einen winzigen, leisen, ängstlichen Laut.

Hasst Mr Drummond vielleicht einfach glückliche Familien? Wird er anfangen, mit Stühlen zu werfen, wenn er sieht, wie ein kleiner Junge und sein Großvater zusammen eine Modelleisenbahn bauen?

Und wenn es so ist, warum macht er sich dann überhaupt die Mühe, lebensrettende Technologien zu erfinden?

»Was soll’s!« Sasha richtet sich auf. »Wer weiß, vielleicht gefällt es ihm doch.« Ihr Ton klingt seltsam. Viel zu fröhlich. »Mr Drummond sieht Dinge, die wir nicht sehen, tut Dinge aus Gründen, die wir nicht immer verstehen. Es ist großartig, dass er so geduldig mit uns ist.«

»Klar, okay«, sage ich.

»Ich will dich bei der Präsentation dabeihaben. Wir gehen nach der Mittagspause hoch.«

»Warte – was?« Ich verschlucke fast meine Zunge.

Ich soll da hoch? In die Höhle des Löwen?

»Du hilfst mir dabei, es ihm zu erklären.«

»Ich dachte, du würdest es ihm gerne … allein präsentieren.« Ich hatte schon öfter das Gefühl, dass Sasha meine Ideen als ihre eigenen ausgibt. Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde. Wie gesagt, ich bin nur für den Bonus hier.

»Du bist die Expertin.« Sie lächelt.

Heißt so viel wie: Wenn alles gut läuft, heimst sie die Lorbeeren ein. Wenn es schiefläuft, halte ich den Kopf hin.

Sie mustert mein Outfit, zuckt schon wieder zusammen.

Ich streiche meinen Blazer glatt. Ich trage einen grauen Hosenanzug mit einer weißen Bluse. Das Ganze sieht aus wie etwas, das eine stylishe Kriminalkommissarin tragen würde, zumindest in meiner Vorstellung. Sogar meine dunkelblonden Haare habe ich mir zu einem humorlosen Dutt hochgesteckt.

Was habe ich falsch gemacht?

Wobei hilflose Mädchenopfer normalerweise ja eher ein Nachthemd tragen.

»In Ordnung.« Sie winkt mich weg. »Wir sehen uns um 13:45 Uhr.«

Ich danke ihr und gehe die lange Reihe nicht ablenkender Schreibtische entlang.

An meinem Platz esse ich mein Truthahn-Sandwich und fühle mich dabei dem Untergang geweiht. Dann öffne ich leise meine Chipstüte. Das ist eine weitere Regel: Die Insassen von Gulag Vossameer dürfen keine unverhältnismäßigen Geräusche machen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben.

Außerdem dürfen sie keinerlei Essen zubereiten oder mitbringen, das unverhältnismäßig riecht. Mikrowellenpopcorn ist ausdrücklich verboten.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich mir in der Mikrowelle Popcorn zubereite – das mit extra viel Butter –, während ich in einem pinkfarbenen Minirock zu »Gimme More« von Britney Spears auf meinem Schreibtisch tanze.

Aber das geht leider erst, wenn der Bonus auf meinem Bankkonto ist. Ich brauche diesen Bonus wirklich dringend. Mehr als dringend.

Dafür muss ich nur noch sechs Werktage überstehen, heute nicht mitgerechnet. Sechs Tage kann man doch alles aushalten, oder?

Zwei Stunden später warten wir auf den Aufzug. Sasha sieht mich zum wohl zehnten Mal stirnrunzelnd an. »Sprich nur, wenn du angesprochen wirst. Verstanden?«

»Verstanden«, antworte ich.

»Werde nicht zu ausführlich«, sagt sie. »Du hast einen Hang dazu, zu ausführlich …«

Ich schlucke. »Verstanden. Keine detaillierten Ausführungen.«

Ich habe keinen offiziellen Marketing-Abschluss. Ich hatte mal eine Bäckerei, Cookie Madness, die dank meiner Arbeit auf Facebook und Instagram ziemlich berühmt wurde. Ich habe dafür sogar ein paar Auszeichnungen erhalten. Auszeichnungen, die mir zu diesem Job hier verholfen haben – das habe ich beim Vorstellungsgespräch gemerkt.

Der Gedanke an meine Bäckerei, die mir gestohlen wurde, tut noch immer weh. Mein Leben, das mir gestohlen wurde. Mein Traum. Gestohlen und zerstört.

Wir steigen in den Aufzug. Sasha drückt auf den Knopf für den fünfzehnten Stock. »Nicht jeder bekommt die Chance, ihn kennenzulernen«, sagt sie.

Juhu, denke ich, erwidere aber nichts. Ich nicke nur und lächle.

Während meiner Kochausbildung habe ich in vielen Restaurants gearbeitet und hatte eine Menge fieser Chefs. Fiese Chefs können ganz witzig sein, weil die Mitarbeiter so einen gemeinsamen Feind haben, über den sie tuscheln und lästern können. So entsteht ein gewisser Kameradschaftsgeist, wie eine Art Résistance am Arbeitsplatz.

Bei Vossameer gibt es noch nicht mal dieses kleine bisschen Spaß. Es ist echt traurig.

Im zehnten Stock werden wir kurz aufgehalten, weil ein paar Leute versuchen, einen Wagen in den Aufzug zu schieben. Sasha sieht nervös auf die Uhr.

Mein Plan ist, dem unnahbaren und tyrannischen Mr Drummond mit einer ausschließlichen Was-zur-Hölle-Haltung zu begegnen. Denn was für ein Chef leitet ein Unternehmen auf diese Weise?

Ich selbst habe immer versucht, für die fünf Mitarbeiter in meiner Bäckerei die perfekte Chefin zu sein, und dafür sehr viel mit positiver Bestärkung gearbeitet. Wenn jemand etwas gewagt hat, das nach hinten losging, habe ich denjenigen trotzdem gelobt, weil ich wollte, dass er oder sie sich weiterhin traut, neue Dinge auszuprobieren. Ich habe Individualität und Kreativität gefördert, und es hat sich wirklich ausgezahlt: Meine Mitarbeiter haben sich mit einigen großartigen Ideen eingebracht.

Wir erreichen den elften Stock. Die Leute mit dem Wagen steigen aus.

Es kursieren nicht viele Fotos von Mr Drummond in der Öffentlichkeit. Die meisten zeigen ihn in einer größeren Gruppe oder im Labor mit Schutzbrille. Als ich nach einem Foto für die Webseite fragte, sagte Sasha mir, dass Mr Drummond das nicht wolle. Das Bild, das er seiner Assistentin für Branchenevents zur Verfügung stellt, ist eine schwarz-weiße Strichzeichnung eines Laborgefäßes, aus dem zwei Blasen herauswabern.

Er zieht nicht gerne die Aufmerksamkeit auf sich, hat mir Bob aus der Personalabteilung mit gedämpfter Stimme erklärt.

Immer diese gedämpften Stimmen.

Als könnte der großartige Mr Drummond unsere Worte hören und sich so sehr darüber ärgern, dass er dabei seine ultrawichtigen, lebensrettenden Gedankengänge vergisst, und dann würde ein Schwarm Heuschrecken vom Himmel stürzen und sich über unsere geruchslosen Mittagessen hermachen.

Ein kleiner Tipp für die Insassen von Gulag Vossameer: Ihr müsst nicht mit gedämpfter Stimme sprechen, wenn ihr über Mr Drummond redet. Er ist kein allwissender Gott. Er hat kein fledermausartiges Gehör. Er ist kein Zauberer.

Er ist nur ein Mann!

Wenn man den Vorhang zur Seite zieht, bleibt nur das. Ein kontrollsüchtiges Arschloch von Mann mit einer Maschine, durch die seine Stimme laut und dröhnend klingt. So wie im Zauberer von Oz.

Kurz bevor wir den fünfzehnten Stock erreichen, kramt Sasha einen Taschenspiegel hervor und zieht ihren Lippenstift nach. Sie ist eine so schöne und clevere Frau, klug und gnadenlos.

Und auch wenn ich meistens ihre gnadenlose Seite zu spüren bekomme, tut sie mir doch leid.

Es tut mir leid, was dieser fiese Mann in ihr auslöst. Das ist einfach nicht richtig!

Ich will ihr sagen, dass sie ihre Zeit nicht mit einem Kontrollfreak wie Mr Drummond verplempern soll. Er ist nur ein ganz normaler Mann hinter einem Vorhang, will ich sagen. Deine fantastischen Schuhe haben mehr drauf als er!

Aber ich sage nichts.

Ihre Schuhe sind übrigens wirklich fantastisch – glänzende, skulptural wirkende High Heels in schlichtem Schwarz. Ihr Strickkleid ist körperbetont geschnitten, auf subtile Weise sexy, und sie trägt einen schicken Wollblazer darüber.

Sasha klappt den Taschenspiegel zu und sieht mich nervös an, als sich die Tür öffnet.

So nervös kenne ich sie überhaupt nicht. Es wirkt bedrohlich. Wie in einem Film, wenn das mächtigste Tier im Dschungel plötzlich das Weite sucht.

»Vermassele es nicht«, sagt sie.

»Keine Sorge!« Ich bemühe mich um ein beruhigendes Lächeln. »Du kannst dich auf mich verlassen.«

Sashas Stirnrunzeln wird durch ihre strengen Cruella-Brauen intensiviert. Erneut mustert sie mein Outfit. Erneut scheint ihr das, was sie sieht, nicht zu gefallen.

Dann gehen wir den langen Korridor der Strenge entlang.

Jetzt mache ich mir nicht nur über die Präsentation Gedanken, sondern auch über mein Outfit. In der Bäckerei musste ich mich nie businessmäßig kleiden. Ich bin so nervös, dass ich meine Halskette abnehme und sie in die Hosentasche gleiten lasse. Weniger Firlefanz.

Dann spült eine Welle des Ärgers über mich hinweg. Warum eigentlich? Ich habe die letzten drei Wochen damit verbracht, mir für diese Online-Präsenz den Hintern aufzureißen. Würde dieses Unternehmen nur ansatzweise kompetent geleitet, wäre ich jetzt stolz und glücklich und nur einen Hauch nervös. Und Sasha genauso. Wir würden beide darauf brennen, endlich Feedback zu bekommen, um darauf aufbauend die bestmögliche Webseite zu gestalten.

Stattdessen ist die Stimmung wie vor einer Hinrichtung.

Wir begegnen zwei besorgt wirkenden Chemikern, die aus einem der Labore herausgekommen sind. Labore gibt es auf jeder Etage. So ist das wohl, wenn der Chef Chemiker ist.

Dann erreichen wir Mr Drummonds Büro. Sasha klopft.

Eine gestresst aussehende Frau führt uns in einen großen Empfangsbereich mit Aktenschränken an den Wänden. »Er erwartet Sie«, flüstert sie und geht mit uns zu einer schwarzen Flügeltür hinüber.

Selbst ihre grauen Haare sehen aus, als hätten sie Angst, so drahtig, wie sie von ihrem Kopf abstehen.

Ich lächle. »Danke.«

Die beiden werfen sich einen Blick zu.

Was?

Ich werde hier gerade paranoid. Und wütend. Die Leute in diesem Unternehmen arbeiten so hart für diesen Typen, und wie dankt er es ihnen? Indem er sie dauerhaft nervös macht.

Die Empfangsdame klopft leise – zweimal – und öffnet dann eine der Türen.

Ich folge Sasha in ein chaotisches Büro voller Tafeln mit chemischen Elementen und Whiteboards voller wirr hingekritzelter Kreise und Striche und Buchstaben, als wäre irgendwo in der Nähe das Alphabet explodiert.

An den Wänden stehen Aktenschränke und Regale, beladen mit Kartons und Ordnern und Flaschen. Und mittendrin ein riesiger Arbeitstisch, auf dem sich Bücher und Notizblöcke neben einer vereinsamten Kaffeetasse und einem Laptop stapeln.

In einer düsteren Ecke auf der Rückseite des Raumes steht ein großer Schreibtisch aus Holz, völlig im Dunkeln, abgesehen von einem kleinen warmen Lichtschein aus einer einsamen Tischleuchte. Zwei schlichte Stühle stehen davor, wie zwei zu allem bereite Wachen.

Aber wo ist der großartige Mr Drummond? Warum tut seine Empfangsdame so, als sei er hier, wenn sein Büro doch leer ist?

An einer Seitenwand befindet sich eine Tür, die mit bunten Sicherheitsaufklebern beklebt ist. Auf einem davon steht »Kein Zutritt ohne Laborkittel und Schutzbrille«. Ein Labor also. Ist er dort drin?

Ich gehe langsam am Arbeitstisch vorbei. »Sieht so aus, als wäre Mr Großartig gerade woanders großartig«, murmele ich.

»Wie bitte?«, fragt Sasha.

»Sieht aus, als wäre er gerade woanders«, sage ich lauter.

Ich nähere mich dem Schreibtisch. Bin jetzt nahe genug, um plötzlich die eisgrauen Augen zu erkennen, die mich streng hinter einer schwarz umrandeten Brille anstarren. Umwerfende Augen. Wunderschöne Augen.

Mr Drummond.

Eine Welle der Angst rauscht durch mich hindurch. Hat er gehört, was ich gerade gesagt habe? Bitte nicht!

Mr Drummond steht auf und nimmt die Brille ab, ohne den Blick dabei von mir zu lösen.

Schluck.

Sein weißer Laborkittel steht offen, sodass der elegante graue Anzug darunter sichtbar wird. Mit der Anmut eines großen Raubtieres kommt er auf mich zu.

Aber das ist noch nicht mal das Bemerkenswerte an ihm.

Ob mit oder ohne Brille – er ist auf eine dramatische, theatralische, wilde Weise der bestaussehende Mann, der mir je begegnet ist. Seine Schönheit hat eine eigene Macht. Eine eigene Schwerkraft. Eine eigene Postleitzahl, irgendwo meilenweit hinter »Hör auf zu starren« und tief in der »Zum-Anbeten-schön«-Zone.

Doppel-schluck.

Sein dunkles Haar ist kurz und dicht, mit einer Struktur, die vermuten lässt, dass er Locken hätte, wenn er es wachsen lassen würde, aber hier bei Vossameer steht eben alles unter strikter Kontrolle.

Seine Augenbrauen sind rußgeschwärzt. Seine Lippen, im Moment Teil eines mehr als finsteren Gesichtsausdrucks, sind gefährlich üppig und wirken ein bisschen mitgenommen, mit diesem gewissen Bad-Boy-Effekt, auf den ich so stehe.

Ich schlucke, straffe die Schultern und rufe mir in Erinnerung, dass das hier der Kontrollfreak ist, der für die ernste, freudlose Atmosphäre bei Vossameer verantwortlich ist. Der grausame Erfinder des Mikrowellenpopcornverbots.

Dass er so extrem heiß ist, ist nur ein weiterer Punkt auf der Arschlochskala. Eine weitere Art, mit der er Menschen kontrolliert. Ihren Verstand zum Schmelzen und ihren Puls zum Rasen bringt.

»Wir haben die Social-Media- und Webseitenerneuerungspräsentation für Sie, Mr Drummond«, stammelt Sasha. »Zu Ihrer Durchsicht.«

Sein unzufriedener Blick ruht noch immer auf mir. Hat er meine Mr-Großartig-Bemerkung gehört? »Haben wir einen Termin?«, fragt er Sasha, ohne den Blick von mir abzuwenden.

»Ja«, antwortet Sasha.

Er vergräbt seine tintenbefleckten Hände in den Hosentaschen. »Und Sie sind …«

»Das ist Elizabeth Cooper. Meine neue Assistentin.«

»Sehr erfreut.« Ich hebe unsicher die Hand, frage mich, ob er uns Normalsterblichen überhaupt die Hand schüttelt.

Er schenkt mir ein kurzes Knurren und wendet sich dann Sasha zu. »Dann los. Wir sehen sie uns da drüben an.« Er deutet auf den Arbeitstisch.

Ich ziehe schnell meine Hand zurück, schließe sie um den Aktenordner, in dem meine Präsentation ist. O-kay!

Wenn ein neuer Mitarbeiter in meine geliebte Bäckerei kam, haben wir denjenigen empfangen wie ein lange verloren geglaubtes Familienmitglied, nicht wie eine Spinne, mit der man nichts zu tun haben will.

Wir gehen zum Tisch hinüber, wo Mr Drummond ein bisschen Platz schafft. Als er fertig ist, sieht er zu mir hoch, und für einen Augenblick habe ich das seltsame Gefühl, dass er genau weiß, was ich insgeheim von ihm halte, als gäbe es irgendeine unerklärliche Verbindung zwischen uns.

Oder, wer weiß, vielleicht ist er nicht nur der großartigste Chemiker und der furchtbarste CEO der Welt, sondern kann auch Gedanken lesen.

Er nimmt den Laptop von Sasha entgegen und stellt ihn so hin, wie er ihn haben möchte. Seine Hände sind ziemlich groß, mit langen Fingern. Kräftig, aber elegant. Ich kann meinen Blick nicht von ihm losreißen. Er hat wirklich irgendeine Art von magnetischer Anziehungskraft an sich.

Sasha stellt sich an den Laptop und öffnet die PowerPoint-Präsentation. Der Titel erscheint auf dem Bildschirm: Vossameer. Sympathisch. Menschlich. Engagiert.

Dann die Seite mit unserem Vorschlag für den neuen Slogan: »Wir helfen, Leben zu retten.« Sasha hat sich ihn ausgedacht. Eine echte Steigerung zu dem alten »Medizinische Antihämorrhagika.«

Mr Drummond runzelt die Stirn, als hätte er Probleme, die Worte zu verstehen. Dann stößt er ein einziges Wort hervor, triefend vor Ekel: »Nein.«

Sasha sieht mich an. Als wäre sie empört darüber, dass es etwas so Beleidigendes überhaupt in die Präsentation geschafft hat. »Das musst du rausnehmen, Lizzie.«

»Kein Problem«, sage ich und spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt.

Er klickt sich weiter durch die Präsentation. Liest alles – all die großartigen Ergebnisse meiner Arbeit. Und er wirkt nicht glücklich.

Schweißtropfen rinnen mir den Rücken hinunter.

Ich komme mir vor wie in einer verkehrten Welt. Gut ist schlecht. Unten ist oben. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so wichtig für mich wäre, diesen Job zu behalten, um den Bonus zu bekommen. Ich darf den Bonus nicht verlieren.

Aber es sieht nicht gerade gut für mich aus.

Plötzlich fühle ich mich genauso verzweifelt und hilflos wie an dem Abend, als mir klar wurde, dass das Leben, das ich mir aufgebaut hatte, in sich zusammengebrochen war. An dem Abend, an dem ich meine Konten leer vorfand und den Räumungsbescheid für die Bäckerei entdeckte, den mein Ex Mason vor mir versteckt hatte, gefolgt von Rechnungen von Kreditkarten, die ich überhaupt nicht kannte.

Mason hatte sich mein Vertrauen erschlichen, Schritt für Schritt, und mir dann alles genommen. Ich weiß, dass ich zum Teil selbst schuld bin. Ich war so in ihn verliebt. Blind vor Liebe.

Als ich die Polizei rief, war es schon zu spät. Mason war über alle Berge. Sie vermuteten, er habe sich auf irgendeine tropische Insel abgesetzt. Er hatte immer davon geträumt, in der Karibik zu leben. Das gehörte wahrscheinlich zu den wenigen ehrlichen Dingen, die er mir erzählt hat.

In den Tagen darauf wurde das gesamte Ausmaß der Dinge deutlich: Mason hatte unzählige Kredite im Namen von Cookie Madness und unter meinem Namen aufgenommen – unter anderem bei Kredithaien.

Echten Kredithaien.

Weshalb ich diesen Bonus hier so dringend brauche.

»Was sollen diese Picknickbilder?«, blafft Mr Drummond. »Was hat das mit uns zu tun? Ich leite hier ein pharmazeutisches Unternehmen, keinen Freizeitpark.«

Sasha sieht mich an. »Lizzie?«

Ich schaue auf den Bildschirm hinunter, spüre seinen Blick, der auf mir ruht, und zwinge mich dazu, aufrecht stehen zu bleiben und nicht vor Verzweiflung zu sterben.

Das Picknickfoto gehört zu meinen Favoriten. Die Skyline von Manhattan im Hintergrund. Ich liebe New York, und dank Mason muss ich jetzt hier weg und in günstigere Gefilde ziehen.

Sobald ich die Kredithaie losgeworden bin.

»Die Leute interessiert es nicht, woraus ihre Pflaster bestehen«, sage ich. »Es ist nicht die Qualität von Vossameer Gel, die ihnen wichtig ist …«

»Was reden Sie da?«, unterbricht mich Mr Drummond ungehalten. »Natürlich ist ihnen die Qualität wichtig.«

»Nein«, sage ich und sehe ihm in die Augen. »Was für sie zählt, ist, dass sie die Gelegenheit bekommen, glücklich zu sein, gemeinsam mit ihren Liebsten zu essen, ihre Kinder und Enkel aufwachsen zu sehen. Zusammen zu feiern. Sich aufeinander zu verlassen …« Ich bin kurz davor, in Tränen auszubrechen, als ich mir bewusst mache, was mir alles fehlen wird.

Mr Drummonds Blick wird noch intensiver, wenn das überhaupt möglich ist. Er sieht aus, als wolle er mir ein Loch ins Gesicht brennen.

»Also«, fahre ich fort, »haben diese Fotos eine Menge mit uns zu tun. Weil wir kein hämostatisches Gel verkaufen, sondern einen weiteren Tag. Wir verkaufen Möglichkeiten. Und geben medizinischem Personal die Macht, das alles wahr zu machen.«

Die Luft zwischen uns scheint zu pulsieren.

»So positionieren sich alle anderen medizinischen und pharmazeutischen Unternehmen ebenfalls«, füge ich hinzu, mit dem Gefühl, schlagende Argumente geliefert zu haben.

Mr Drummond neigt den Kopf. »Sehe ich aus, als würde es mich interessieren, was andere Unternehmen tun?«

Ich schlucke. »Okay.«

»Das war eine Frage«, sagt er. »Sehe ich so aus?«

Mein Herzschlag donnert in meinen Ohren. Im Ernst? Er will, dass ich eine rhetorische Frage beantworte? Ich hole tief Luft. »Ich denke nicht.«

»Da denken Sie richtig. Es interessiert mich nicht, was andere Unternehmen tun. Und all das … Kinder und ihre Teddybären und dieser ganze Kram …« Er deutet auf den Bildschirm, als wäre er sprachlos angesichts dieser Abscheulichkeiten, »hat auf unserer Webseite oder in unseren Feeds und wo immer nichts zu suchen …«

»Das habe ich ihr auch gesagt«, mischt sich Sasha ein. »Familien haben auf unserer Seite und in unseren Feeds nichts verloren.«

Ich schließe die Hände fester um meinen Aktenordner. »Was ist mit medizinischem Personal? Oder könnten wir vielleicht die Chemiker mehr hervorheben?« Hier gibt es eine ganze Armee von Chemikern, die alle nach Mr Drummonds Pfeife tanzen, sein persönliches Geschwader streberhafter Minions. Ich habe mit ein paar von ihnen im Aufzug gesprochen. Sie reden die ganze Zeit nur von der großartigen Gelegenheit, unter ihm arbeiten zu dürfen. Von ihm lernen zu dürfen. »Sie könnten davon erzählen, wie …«

»Wie wir ohne großes Brimborium unsere Ziele erreichen?«, schneidet Mr Drummond mir das Wort ab.

Es entsteht ein seltsames Schweigen, währenddessen mir klar wird, dass ich ihn inzwischen tatsächlich fast hasse. Ich habe mithilfe eines Buchs namens Vergeben und frei sein daran gearbeitet, eine Menge von dem Hass, den ich auf Mason habe, loszulassen, aber vielleicht hasse ich jetzt Mr Drummond. Und vielleicht tue ich es sogar gerne. Auf wundersame Weise gelingt mir ein Lächeln. »In den sozialen Medien auch? Keine Fotos von Menschen?«

Er zieht eine tiefschwarze Braue hoch.

»Okay, meine Aufgabe ist es, die Online-Präsenz von Vossameer zu modernisieren und menschlicher zu gestalten«, beginne ich mit zusammengebissenen Zähnen, »und Sie sagen, ich soll das tun, ohne dass auch nur irgendwo Menschen zu sehen sind.« Hört er mir zu? Hört er, wie bescheuert das ist? Als würde man mir sagen, ich solle so viel Krach wie möglich machen, ohne dabei einen Ton von mir zu geben.

Aber nein. Er stößt ein zustimmendes Grunzen hervor.

»Sehr gut, Mr Drummond«, sagt Sasha.

Ich starre auf eines der Whiteboards hinüber, auf dem das Alphabet explodiert ist, und sehne mir das Ende dieses Meetings herbei.

»Also haben wir alles geklärt?«, fragt er.

Ich beiße die Zähne zusammen und nicke, denn ich muss diesen Job unbedingt behalten. »Absolut.«

»Natürlich«, sagt Sasha. »Ich werde ihr helfen.«

Wir verschwinden schleunigst aus dem Büro. Auf dem Weg den Flur entlang und in den Aufzug hinein sagt Sasha keinen Ton. Dann schließt sich die Tür. »Du warst eine Katastrophe«, sagt sie. »Du hast ihm die ganze Zeit widersprochen. Ich musste für dich die Kastanien aus dem Feuer holen.«

Ich beiße mir auf die Lippe. Ganz ruhig bleiben, rede ich mir zu. Nimm es einfach hin. Es ist nicht mehr lange. »Nun denn«, sage ich. »Wir haben eine starke neue Vorgabe, mit der wir arbeiten können. Das ist gut.«

»Diese Fotos. Ich habe dir gesagt …«

»Betrachte sie als gelöscht«, erwidere ich.

»Und dein Outfit. Es hat hochgradig ablenkend auf Mr Drummond gewirkt. Das Mitarbeiterhandbuch verbietet offenherzige Outfits.«

Ich berühre den Kragen meiner Bluse. Ich habe alle Knöpfe geschlossen, außer den allerobersten. Aber wer schließt schon den allerobersten?

»Es ist auch viel zu körperbetont«, sagt sie. »Das hier ist ein Büro, keine Modenschau.«

Ich schließe schnell den obersten Knopf. Aber es geht nicht um das Outfit. Ihr hat es einfach nicht gefallen, dass sich Mr Drummond so auf mich konzentriert hat. Ich will ihr versichern, dass zwischen uns nichts als Abneigung lag, aber nervigerweise fand ich ihn tatsächlich attraktiv.

Und er hat mich wirklich oft angeschaut.

Blöde Situation.

Ich werde schneller gefeuert, als ich gucken kann, wenn sie glaubt, Mr Drummond könnte etwas für mich übrighaben.

»Ich werde darauf achten, mich angemessen zu kleiden«, sage ich. Was auch immer da für ein Funken war – ich ersticke ihn hier und jetzt. Lösche ihn. Zertrete ihn. Vernichte ihn.

Ich werde mich für Mr Drummond unsichtbar und unattraktiv machen. Im Geiste gehe ich meinen Kleiderschrank durch und versuche, das hässlichste, sackartigste Outfit überhaupt zu finden.

»Ich werde dich trotzdem für unangemessene Kleidung am Arbeitsplatz verwarnen müssen«, meint Sasha.

»Was?« Mein Puls rast. Drei Verwarnungen und ich bin raus. Mit zitternden Fingern kontrolliere ich die restlichen Knöpfe meiner Bluse. »Ich wusste nicht …«

»Jetzt weißt du es«, faucht sie.

2

Lizzie

Mia, meine Mitbewohnerin und die beste Freundin der Welt, angelt ein sackartiges graues Kleid vom Ständer bei der Heilsarmee auf der West 46th Street.

»Auf keinen Fall«, sage ich. »Ich will sie beschwichtigen, nicht verhöhnen.«

»Komm schon. So sieht sie, dass du dich bemühst«, entgegnet Mia. »Das will sie doch. Sie will, dass du unsichtbar wirst.«

Ich stöhne und nehme ihr das Kleid ab.

Mia sieht mich ernst an. »Hier ist Alarmstufe Rot angesagt. Wir müssen in Sachen Hässlichkeit mit scharfen Geschützen schießen, um zu verstecken, wie heiß du bist.«

Ich schnaube. Habe ich sie gerade als beste Freundin der Welt bezeichnet? Jetzt hält sie mir Crocs und eine Gürteltasche vor die Nase.

»Ich will unsichtbar werden, nicht wirken wie jemand, der gerade einen Nervenzusammenbruch erleidet!«

»Willst du den Job behalten oder nicht? Los, probier es an.«

Ich nehme das ganze Zeug und gehe zur Umkleidekabine. Bevor ich die Tür schließe, werfe ich Mia noch einen Blick zu. Sie hat ihr Smartphone in der Hand. »Wehe, ich sehe das auf Instagram«, rufe ich ihr zu.

»Machst du Witze? Für so was wurde Instagram erfunden.«

Ich ziehe mein kurzes Sweater-Kleid, meine Leggings und Stiefel aus und schlüpfe in das Sackkleid hinein. Es ist aus Leinen und am Kragen und an den Ärmeln mit weißer Spitze besetzt. Wahrscheinlich gibt es Leute, die es tatsächlich schön finden – Leute, die auf Amisch-Chic stehen. Wenn man damit irgendwo in der Prärie im Wind steht, sieht es vielleicht ganz okay aus.

Ich steige in die Crocs und schnalle mir die Gürteltasche um, auch wenn ich mir sicher bin, dass Mia das nicht ernst gemeint hat. Mit einem leicht dämlichen Gesichtsausdruck verlasse ich die Kabine.

»Oh mein Gott!« Mia lässt sich auf einen Stuhl fallen und vergräbt das Gesicht in den Händen. »Es ist perfekt. So traurig.«

»Du bist eine gute Freundin.«

Sie schnaubt, kommt zu mir und dreht mich um.

»Ich werde nicht mit Crocs an den Füßen in ein Bürogebäude in Manhattan spazieren. Auf gar keinen Fall.«

»Von mir aus. Lass sie weg.« Sie bindet mir die Haare im Nacken zu einem Pferdeschwanz und dreht mich dann wieder zu sich um. »Du siehst aus, als wärst du in einer religiösen Sekte oder so.«

»Juhu?«

Sie mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. »Jetzt müssen wir uns noch um dein Gesicht kümmern«, sagt sie. »Das stellt immer noch ein Problem dar.«

»Das hört sich nicht gut an.«

»Ach, du brauchst nur ein bisschen Schauspielunterricht«, meint sie. »Stell dir deinen Lieblingssnack vor …«

»Kekse aus meiner Bäckerei«, antworte ich traurig. »Die mag ich am liebsten.«

»Nein, nein, etwas anderes. Die Kekse erinnern dich an die Bäckerei und die Bäckerei macht dich traurig. Du magst doch alle Arten von Süßigkeiten. Wie wäre es mit Gummibärchen? Die liebst du doch.«

Ich nicke. Wenn wir ins Kino gehen, kaufe ich mir immer Gummibärchen.

»Ich will, dass du dir Gummibärchen vorstellst. Zeig mir mit deinem Gesicht, wie gerne du Gummibärchen magst. Jetzt sofort.«

Ich lächle und reiße die Augen auf.

»Okay, ein bisschen weniger. So sehr liebst du sie auch wieder nicht.«

Ich gehorche.

»Ja, genau! Jetzt kommt der nächste Schritt«, sagt Mia. »Denk an Gummibärchen, während du mir auf die Nase schaust. Nicht in die Augen, nur auf die Nase. So wirkst du distanziert und ein bisschen dümmlich.«

»Wow, Mia, wenn du keine Lust mehr auf deine Nebenjobs hast, wie wäre es mit einer Karriere als Umstyling-Expertin?« Mia hat tagsüber zwei verschiedene Jobs und ist abends Schauspielerin. Bisher ist ihre Karriere noch nicht so richtig in Fahrt gekommen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Ich finde sie jedenfalls großartig.

»Das hat eine absolut durchschlagende Wirkung. Guck mal.« Sie macht ein freundliches Gesicht und spricht mit meiner Nase. »Wirke ich jetzt nicht total dämlich? Wer guckt bloß ernsthaft so?«

»Oh mein Gott! Es ist, als wärst du gar nicht da!«

Ich übe, mit ihr zu reden, ohne ihr in die Augen zu sehen, und wir unterhalten uns eine Weile lachend im Laden. Dann wird Mia plötzlich ernst. »Du darfst ihm auf gar keinen Fall in die Augen schauen, nur für den Fall, dass deine Pupillen groß werden und Sasha das als Zeichen sexueller Anziehung deutet. Oder, noch schlimmer: er selbst.«

»Ich fühle mich nicht zu diesem Arschloch hingezogen und das werde ich auch nie«, sage ich.

»Du hast gesagt, er sei umwerfend.«

»Das heißt aber nicht, dass ich mich zu diesem Arschloch hingezogen fühle. Ich finde auch den Taj Mahal umwerfend, aber deswegen masturbiere ich noch lange nicht zu einem Foto davon.«

»Okay, das vertiefen wir jetzt lieber nicht.«

»Ich fühle mich wirklich nicht zu ihm hingezogen«, sage ich, während mein treuloses Hirn das Bild seiner weichen Bad-Boy-Lippen heraufbeschwört. »Ich habe der Männerwelt abgeschworen, und sollte ich aus irgendeinem bizarren Grund wieder eine Beziehung führen wollen, dann ganz sicher nicht mit jemandem, der ein noch kontrollsüchtigerer Arsch ist, als Mason es je war. Und was für ein Vollidiot! Guck woanders hin, Arschloch!«

Wir kaufen drei sackartige Kleider und gehen dann die 46th Street entlang. Es ist ein sonniger, frühlingshafter Märztag, und alle kriechen aus ihren Löchern, um die Sonne zu genießen. An der Art, wie sie das tun, kann man die Leute unterscheiden. Wenn die Einheimischen eine Pause einlegen, tun sie das hinter Feuerhydranten und Bäumen, um den Gehweg nicht zu blockieren. Die Touristen hingegen platzieren sich einfach irgendwo.

»Von jetzt an musst du bei jedem Kontakt mit Mr Drummond das Gegenteil von dem tun, was du bisher getan hast. Zum Beispiel diese Sache mit den Fotos, wo ihr unterschiedlicher Meinung wart und du ihm klar gesagt hast, warum er unrecht hat. Da hast du ihn angezweifelt.«

»Ja, aber ich war nett dabei«, knurre ich. »Im Gegensatz zu ihm.«

»Trotzdem hast du ihn angezweifelt, und ein Kerl wie er ist es nicht gewohnt, angezweifelt zu werden, also bist du aufgefallen, weil alle anderen ihm in den Arsch kriechen. Wenn du das nächste Mal mit ihm sprichst, musst du beeindruckt tun. Als wäre er so großartig.«

Ich stöhne.

»Warte kurz.« Mia bleibt vor einem Straßenverkäufer stehen, der Chanel-Plagiate verkauft. »Ich weiß, dass dir das schwerfallen wird«, sagt sie und geht in die Knie, um eine Tasche zu begutachten. Sie hält mir das schwarze, gesteppte Handtäschchen entgegen. »Gefällt sie dir?«

»Sieht viel zu sehr nach Kate Middleton aus«, erwidere ich.

Sie hängt sie zurück und greift stattdessen nach einer großen roten.

»Kylie Jenner. Nein, nein, nein.« Ich nehme ihr die Tasche ab, hänge sie zurück und ziehe Mia weiter. »Ich weiß nicht, ob ich dazu fähig bin, Mr Drummond in den Arsch zu kriechen. Das ist viel schwieriger, als bloß ein hässliches Kleid zu tragen. Ich weiß echt nicht, ob ich das kann.«

»Ich weiß, aber denk immer dran: Er ist nicht Mason. Er ist vielleicht kontrollsüchtig und arschig wie Mason, aber er ist nicht Mason, okay?«

»Okay.«

»Sobald er irgendwo aufkreuzt, tust du beeindruckt und fasziniert. Du musst nur noch morgen durchhalten, dann hast du das Wochenende zum Ausruhen, und danach ist es nur noch eine Woche. Das schaffst du.«

»Ich weiß nicht.«

»Doch, du schaffst das.« Sie zieht mich in Richtung Bordstein, um einem Typen mit einem Gebäckwagen auszuweichen. »Wir schaffen das zusammen.«

Ich drücke ihren Arm. »Es hilft wirklich enorm, dass du das sagst.«

»Ich bin immer bei dir. Auch, wenn du zurück nach Fargo ziehst. Ich werde immer das Teufelchen auf deiner Schulter sein, das dir zuflüstert: Nimm noch eine Extraportion Nachtisch.«

Ich seufze.

»Aber ich glaube, du wirst nicht umziehen«, fährt sie fort. »Ich glaube, du findest für deine neue Bäckerei einen tollen, spottbilligen Laden zur Miete, den du dir nicht entgehen lassen kannst.«

Ich sehe sie traurig an. »Einen tollen, spottbilligen Laden, den der Vermieter unbedingt an mich mit meiner beschissenen Kreditwürdigkeit vermieten will.«

»Es gibt immer noch Glücksgriffe dort draußen.«

»Nicht in dieser Stadt«, sage ich.

Mia erwidert nichts. Sie weiß, dass ich recht habe. Indem ich New York verlasse und wieder zu meinen Eltern nach Fargo ziehe, werde ich meine Mason-Schulden am schnellsten los. Dort kann ich mietfrei wohnen, meinen Kreditrahmen neu verhandeln und die Pizzeria meiner Familie für ein Catering-Unternehmen nutzen. In eineinhalb Jahren kann ich eine Menge Geld sparen und dann mit dem nötigen Kapital nach New York zurückkehren, um mir etwas Neues aufzubauen.

»Aber keine Angst, ich werde dir einen tollen Zwischenmieter besorgen«, sage ich. »Jemanden, der einen Freund oder eine Freundin mit eigener Bude hat. Und 18 Monate später – bäm.«

»Echte Freunde lassen ihre Freunde nicht bäm sagen«, entgegnet Mia.

Ich sehe sie mit einem gespielten Stirnrunzeln an.

»Ich frage mich, wie Mr Drummond im Bett ist«, sinniert sie. »Ob er beim Sex genauso ein Kontrollfreak ist?«

»Oh mein Gott! Ist das dein Ernst? Daran soll ich also denken, während ich seine Nase anstarre und mich von meiner Liebe zu Gummibärchen inspirieren lasse?«

»Gib doch zu, dass du dich das auch fragst.«

»Er ist bestimmt ein absoluter Versager. Seine überschwänglichste Reaktion ist ein Grunzen«, sage ich. »Was sagt uns das?«

Sie sieht mich lange mit ernster Miene an und flüstert dann feierlich: »Das sagt mir: Höhlenmensch.«

»Verdammte Scheiße, Mia. Im Ernst? Was soll das? Wie soll ich jetzt meine Pupillen kontrollieren?«

Aber genau das muss ich tun.

3

Lizzie

Am nächsten Morgen stehe ich in der eleganten, kühlen Lobby von Vossameer und warte mit einer Gruppe gut gekleideter Kollegen auf den Aufzug. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich alle die größte Mühe geben, mich in meinem derangierten Gaga-Outfit nicht anzustarren. Ein paar von ihnen verlieren den Kampf. Sie tun zwar so, als würden sie sich im Raum umschauen, aber es ist offensichtlich, dass sie in Wirklichkeit mich mustern.

In letzter Minute habe ich mich heute früh für einen Gürtel und gegen die Crocs entschieden. Aber trotzdem.

Ich texte Mia.

Ich: Mir kommen gerade echt Zweifel. Sind wir zu weit gegangen?

Mia: Neeeein! Zieh es einfach durch.

Ich: :/

Mia: Kinn hoch! Tu so, als fändest du es heiß. Du schaffst das.

Ich: Hier geht es um ein Horrorkleid, nicht um eine verkorkste Textzeile!

Mia: <3

Mia lässt nie zu, dass man sich von Kleinigkeiten aus der Fassung bringen lässt. Aber dieses Kleid ist keine Kleinigkeit. Es ist ein Zelt.

Ich atme tief durch. Irgendwie werde ich den heutigen Tag überstehen, und dann ist es nur noch eine Woche.

Im fünften Stock steige ich aus und gehe den Flur entlang zu den Räumen, in denen die Unternehmenskommunikation untergebracht ist. Betsy ist gerade am Telefon. Sie lächelt mir zu, und ich lächle ermutigt zurück.

Während ich mich Sashas Schreibtisch nähere, mache ich mich auf missbilligende Blicke unter den Cruella-Brauen gefasst, aber sie sieht einfach nur hoch, nickt und wendet sich dann wieder ihrer Arbeit zu, was ich als Zustimmung interpretiere.

Sie findet das Kleid gut! LOL

Mia antwortet mit einem lachenden Emoji, gefolgt von einem Höhlenmenschen, und ich drohe ihr damit, ihr Seife auf die Zahnbürste zu schmieren, wenn sie es am wenigsten erwartet.

Aber das Kleid war wohl wirklich der richtige Schritt. Nichts wird mich daran hindern, meinen Bonus zu bekommen und diese Kredithaie endlich zu bezahlen.

Früher dachte ich immer, solche Kredithaie, die zu dir nach Hause kommen und dir drohen, gäbe es nur in Filmen, aber nein, sie existieren tatsächlich. So viel habe ich einen Monat nach Masons Verschwinden gelernt, als einer von ihnen sich Zutritt zu unserem Wohngebäude verschaffte und vor unserer Tür stand, um die erste Rate einzukassieren.

Ich bin damals aus allen Wolken gefallen. Bis zum Auftritt dieses Kredithais waren die zwielichtigsten Gestalten in meinem Leben im größtenteils gentrifizierten Hell’s Kitchen ein oder zwei Barista bei Starbucks und vielleicht der eine oder andere leicht gruselige Uber-Fahrer gewesen.

Der Kredithai hatte ein riesiges Mondgesicht und zeigte mir einen Vertrag, den Mason unterschrieben hatte. Meine Unterschrift stand da auch, war aber eindeutig gefälscht. Das habe ich dem Typen gesagt, erzählte ihm, ich hätte den Vertrag überhaupt nicht unterschrieben, aber es war ihm egal. Als ich ihm sagte, mir wäre es aber nicht egal, holte er die Pistole hervor.

Inzwischen war Mia ebenfalls zur Tür gekommen, und wir starrten beide ungläubig die Waffe an. Keine von uns hatte jemals eine echte Pistole aus der Nähe gesehen, die nicht im Holster eines Polizisten steckte. Dass der Typ außerdem einen Ring am kleinen Finger trug, machte die ganze Szene ein wenig surreal.

»Drohen Sie uns allen Ernstes mit einer Pistole?«, fragte Mia.

»Wonach sieht das eurer Meinung nach aus?« Er richtete die Waffe auf meinen Kopf, und ich wäre fast in Ohnmacht gefallen.

»Du bringst Lenny sechstausend Dollar in den Carson’s-Store auf der Third Avenue in Murray Hill, oder es wird richtig ungemütlich für dich.«

»Bitte«, flehte ich zitternd. »Die erste Rate. Sechstausend. Carson’s. Verstanden.«

Dann verschwand er. Eine Stunde später zitterte ich immer noch.

Ich kratzte zweitausend zusammen – mehr konnte ich nicht auftreiben. Meine Eltern haben mir weitere zweitausend geliehen, und ich wusste, wie schwer das für sie war. Die Pizzeria unserer Familie läuft nach Feiertagen eher schleppend.

Mia half mir ebenfalls mit zweitausend Dollar aus, ihren gesamten Ersparnissen. Sie war einfach großartig. Sie wartete außerdem den exakt richtigen Zeitpunkt ab, um noch mal darauf hinzuweisen, dass der Kredithai Lenny hieß. »Lenny? Im Ernst?«, fragte sie, als wir am Abend bei einer Flasche Wein zusammensaßen. »Mehr Klischee geht wohl nicht, oder?«

»Ich weiß!«, flüsterte ich.

Demnächst ist eine weitere Rate fällig – vierzehntausend. Eine aberwitzige Summe für siebenundzwanzigjährige Frauen, die sich abrackern, um überhaupt ihre Miete in Manhattan bezahlen zu können.

Dank Mason stecke ich außerdem noch in weiteren Geldschwierigkeiten, aber Banken und Kreditkartenunternehmen kommen wenigstens nicht mit Ringen am kleinen Finger zu dir nach Hause und halten dir eine Knarre vors Gesicht.

Deshalb hat mir der Vossameer-Bonus auch so zugesagt: ein dicker Batzen Kohle in dreißig Tagen – zwölftausend plus mein normales Gehalt – direkt auf mein Konto überwiesen. Die dreißig Tage sind am Freitag vorbei, und am Sonntag ist die letzte Rate bei Lenny fällig – vierzehntausend.

Perfekt.

Wenn es so läuft, wie ich es mir vorstelle, gehe ich am Freitag gleich nach der Arbeit zur Bank, hebe alles in bar ab und bezahle Lenny in aller Frühe am Sonntagmorgen.

Wird dieser Vollstrecker-Typ mich wirklich erschießen, wenn ich das Geld nicht zusammenbekomme? Irgendwie kann ich das nicht so ganz glauben, aber ich will auch nicht unbedingt herausfinden, ob meine Theorie stimmt.

Sobald ich Lenny bezahlt habe, werde ich bei Vossameer kündigen. Und dann Ende des Monats zurück nach Fargo ziehen.

Wenn ich an diesen Teil meines Plans denke, könnte ich heulen, aber es führt nun mal kein Weg daran vorbei. Klar, meine Eltern vermisse ich schon. Ich bin ein Einzelkind, und wir drei waren immer eine eingeschworene Gemeinschaft.

Wie heißt es doch gleich so schön: Am tiefsten Punkt geht es nur nach oben, oder? Ich habe schon einmal mit nichts angefangen. Also schaffe ich es auch noch einmal.

Ich mache mich daran, neue Bilder für die Facebook-Posts von Vossameer zu finden. Hauptsächlich nutze ich das Logo in verschiedenen Größen sowie Fotos von der Verpackung unserer Gelprodukte.

Dann esse ich mein geruchloses Roastbeef-Käse-Sandwich an meinem Schreibtisch und denke darüber nach, dass ich in sieben Tagen ein freier Mensch bin.

Der Ärger fängt nach dem Mittagessen an. Sasha zitiert mich zu sich. Ich streiche mein Kleid glatt, an dem die vergangenen Stunden nicht spurlos vorbeigegangen sind, und mache mich auf den Weg zu Sashas Schreibtisch.

Als ich um die Ecke biege, dreht sich mir der Magen um.

Er ist da.

Mr Drummond.

Ich sehe nur seinen Hinterkopf, der über die Trennwände hinausragt. Klar, es gibt hier noch andere Männer, die genauso groß sind wie er und ebenfalls dunkle Haare haben, aber die Luft rund um Mr Drummond scheint irgendwie elektrisch aufgeladen zu sein. Als würde er sich auf einer anderen Frequenz bewegen als wir Normalsterblichen.

Ich bin wütend, aber zugleich auch aufgeregt.

Zwei Jungs aus der Designabteilung sind ebenfalls da, und Bertie, der Designpraktikant. Sasha ist aufgestanden und gibt einen bezaubernden Anblick ab, wie sie da an der Boxenwand lehnt. Aber ich sehe nur Mr Drummond. Er trägt einen normalen Anzug. Keinen Laborkittel.

Ich stelle mich neben Bertie, so weit von Mr Drummond entfernt wie möglich. Dann atme ich tief ein und denke an Gummibärchen. Ich meißele mir ein unbestimmtes Lächeln aufs Gesicht und starre seine Nase an. Er sieht mich direkt an. Mit unverwandtem, ehrlichem, fast schon unverblümtem Blick. Einem Blick, der mich versengt. Der mein Herz zum Hämmern bringt. Trotzdem starre ich weiter seine Nase an.

Du siehst mich nicht, denke ich. Hör auf zu gucken. Du siehst mich doch gar nicht.

Doch meinem fiesen, fiesen Gehirn gefällt es, dass er seine Aufmerksamkeit auf mich richtet. Weil er wunderschön ist. Und so imposant. Aus der Nähe fällt mir die kleine Narbe auf seiner Unterlippe auf, die seinem vollen Mund diesen besonderen Bad-Boy-Effekt verleiht. Als wäre er in einen richtig grausamen Faustkampf mit einem Kerl geraten, der seinen brutalen Treffer punktgenau landete, um damit vollkommene männliche Schönheit zu kreieren.

Äh.

Ich drehe mich zu Sasha um.

Noch immer spüre ich seinen Blick auf mir. Er wiegt schwer, drückt gegen meine Haut, bringt irgendetwas in mir zum Schmelzen. Ich kann ihn riechen. Wie letztes Mal duftet er nach Melone und Pfeffer.

Ich will ihn wütend anstarren, aber heute bin ich das genaue Gegenteil. Ich bin unterwürfig und einfältig.

»Okay«, sagt Sasha. »Jetzt sind endlich alle da.«

Ich starre auf Sashas sterilen Schreibtisch hinunter, anstatt in Mr Drummonds Augen, selbst als er das Wort ergreift. »Ich habe mich in das Thema Instagram eingelesen«, sagt er, »und würde gerne eine Strategie dazu entwickeln. Was halten Sie davon?«

Ich intensiviere meinen dämlichen Blick. Weil … Instagram?

Der unantastbar arrogante Chemiker ist von seinem hohen Ross gestiegen und hat das Wort Instagram in den Mund genommen. Hat er überhaupt einen Internetzugang?

Ich verspüre das Bedürfnis, mich zu ihm umzudrehen, um sicherzugehen, dass es wirklich seine Lippen waren, die diese Worte geformt haben, und nicht die irgendeines Witzbolds im Büro mit krassen Bauchrednerfähigkeiten.

Ich tue es nicht.

Lang gezogenes Schweigen.

Aha, denke ich, so hört es sich an, wenn fünf Leute fassungslos sind.

»Eure Meinungen?«, fragt Sasha. Sie will, dass wir anderen zuerst etwas sagen, damit sie dann Mr Drummonds Mienenspiel deuten kann, um herauszufinden, was davon er am wenigsten hasst. Leider scheint das der Plan aller Anwesenden zu sein.

Bert, der Praktikant, fasst sich ein Herz. »Hinsichtlich der Partnerschaft mit der Locke Foundation sollten wir das auf jeden Fall in Erwägung ziehen«, sagt er, was man sinngemäß übersetzen kann mit Ich will irgendetwas Bedeutungsvolles sagen, wofür ich nicht gefeuert werden kann. Bitte feuern Sie mich nicht!

Ich starre auf Sashas Schreibtisch hinunter und denke darüber nach, was für eine Farce ein Instagram-Account von Vossameer wäre, wenn man bedenkt, dass wir noch nicht mal das Wort Familien erwähnen geschweige denn Menschen zeigen dürfen.

Wie genau stellt der Typ sich das vor? Fotos von Verbänden auf einem schmutzigen Gehweg und dreckigen Kieselsteinen?

Wehmütig denke ich an den Instagram-Feed meiner Bäckerei zurück. Damals kamen ständig Leute herein und haben witzige Fotos von den Keksen gemacht, die ich zu allen möglichen Anlässen glasierte. Jeden Tag gab es ein anderes Thema.

Einer der Design-Jungs stimmt zu, dass man sich durchaus genauer damit befassen sollte. Er schlägt vor, sich mal bei der Konkurrenz »umzusehen«.

Ich merke, wie sich die Aufmerksamkeit auf mich richtet.

Ich lasse meinen leeren Blick zu Mr Drummonds Nase schweifen und denke an Gummibärchen. Tue so, als würde ich seine Nase studieren. Als wäre sie das Großartigste, was mir je begegnet ist. »Exzellente Idee. Wir sollten uns das genauer anschauen und einen Plan entwerfen. Das könnte großartig werden.«

Etwas ändert sich an seinem Gesichtsausdruck. Das merke ich auch mit dem Blick auf seine Nase gerichtet. Ist er überrascht? Ich lasse meinen dümmlich-bewundernden Blick zur Wand hinüberschweifen. Als wäre sie extrem beeindruckend.

Wenn er nach Spuren von Verärgerung sucht, wird er keine finden. Wenn er nach einer Frau sucht, die eigene Ideen hat und ihn für das größte Arschloch der Weltgeschichte hält, dann wird er sie hier nicht finden. Sie ist weg. Versteckt.

Ich starre die Wand in Grund und Boden. Nimm das!

Sasha schlägt einen Zeitplan vor.

Ich sehe zu Sasha hinüber und nicke bei allem, was sie sagt. Als würde ich an ihren Lippen kleben.

Schließlich wandert auch Mr Drummonds Blick zu Sasha hinüber. Sie hält die Instagram-Idee ebenfalls für großartig. Wir halten sie alle für großartig, weil Mr Drummond großartig ist und jedes Wort aus seinem Mund ein Diamant.

4

Theo