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Der Wald gab ihm Ruhe, inneren Frieden, aber auch Kraft. Hier konnte er sein, wie er war. Hier brauchte er sich nicht zu verstellen. Ein Adoptivsohn zerbricht an dem Wissen, von den leiblichen Eltern abgelehnt worden zu sein und rächt sich an seiner Umwelt. Die Handlung spielt in den Weiten Lapplands im Naturreservat Muddus, der diesem Buch den Titel verleiht.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Prolog
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Kapitel 23.
Kapitel 24.
Kapitel 25.
Kapitel 26.
Kapitel 27.
Kapitel 28.
Kapitel 29.
Kapitel 30.
Der Wald gab ihm Ruhe, inneren Frieden aber auch Kraft. Hier konnte er sein, wie er war. Hier brauchte er sich nicht zu verstellen. Hier konnte er alles herausschreien, wenn er sich immer wieder die gleiche Frage stellte und sein Schädel deswegen zu platzen drohte. Um eines beneidete er die Bäume, wenn er sie umarmte. Er hatte einmal gelesen, dass ein Baum, würde man ihn umarmen, dieser von seiner Kraft etwas abgeben würde. Er beneidete sie um ihre starken Wurzeln, er hatte keine. Jeder Mensch braucht Wurzeln, sie lenken, sie begleiten ins Leben, sie sind einfach immer da, sie wuchsen mit und ließen einen niemals los. Erdung braucht der Mensch, um allen Widrigkeiten im Leben Stand zu halten.
Kein Baum fragte, hast du dies, hast du jenes, du musst, du musst, du musst… Bäume waren seine Freunde geworden, sie ließen ihn einfach so, wie er war.
In den letzten Monaten hatten sie sich angefreundet, es hatte sich ergeben, einfach so. Bäume hörten zu, ohne zu hinterfragen, sie nahmen ihn mit ihren großen Armen auf und boten Schutz. Den einen oder anderen Tag hatte er sich genehmigt, hierher zu seinen Freunden zu kommen, statt in die Schule. Es waren immer mehr geworden. Sie fühlten, dass er Hilfe brauchte.
Dann fing sie an, rum zu zicken, sich von ihm zu entfernen. Das gefiel ihm nicht, ganz und gar nicht. Das musste er ändern und zwar bald. Der Plan war schon in seinem Kopf, er musste es nur tun. Bald, sehr bald, ehe es zu spät war.
Seine Zeit war endlich gekommen, jetzt wollte er alles klären, sich alles holen, was er solange vermisst hatte. Alles kotzte ihn an, sie konnten einfach kein Ersatz sein, denn sie waren nicht seine Eltern und würden es auch nie werden. Er hatte sich einen Panzer zugelegt, er wollte hart sein, niemand sollte zu ihm durchdringen, ihn weich spülen. Niemals würde er jemanden soweit an sich heranlassen, dass er ihn verletzen könnte, niemals. Andere verletzen, das gefiel ihm. Geil. Zu sehen, dass s i e litten und nicht er. Das war sein eigener Schutz. Der Panzer wurde dicker. Keine Gefühle haben, keine Gefühle zeigen, alles tot, tot, tot.
Tuva hatte einen langen Weg vor sich, wieder einmal, im Muddus. In Schwedens größtem Nationalpark zu arbeiten, bedeutete alles für sie, Job, Hobby und Lebensfreude zugleich. Wer hatte schon dieses Glück, wie oft hatte sie sich dieses Frage gestellt. Von Kindheit an hielt sie sich lieber draußen in der Natur auf, als vor dem PC oder Fernseher. Mit ihrem Großvater, der damals als Jagdaufseher tätig war, durch die endlosen Wälder Lapplands zu streifen, oder auf den mosaikartig angelegten Seen auf Bibersafari gehen, Höhlen zu erkunden und nachts unter freiem Himmel im Zelt zu schlafen. Aber auch im Winter mit dem Hundeschlitten durch die verschneite Landschaft zu gleiten, wenn die Natur sich unter der massigen Schneedecke ausruhte. Die klirrende Kälte im Gesicht zu spüren, wenn der glitzernde Schnee auf gepflügt wurde und die Hunde in ihrem Element waren. Stian verstand es, wunderbare gruselige Geschichten zu erzählen, aber Angst hatte Tuva nie. Ihr Großvater hatte lachende Augen, die so liebevoll und gutmütig waren, dass er selbst, wenn er ernst redete, nie ernst aussah. Oft hatte Tuva solche Situationen ausgenutzt, insbesondere, wenn er sie „erziehen“ wollte, hatte sie ihn damit aufgezogen. Dann endete das „ernste Gespräch“ wie er es nannte, immer in schallendem Gelächter, seines eingeschlossen.
Heute war sie erwachsen und streifte allein durch den Nationalpark, um nach dem Rechten zu sehen.
Ein kleines Zelt, Verpflegung, ihre Dienstwaffe und das Funktelefon waren ihre einzigen Begleiter. Ihre Aufgabe war es, im Park für Ordnung zu sorgen, Bootsstege zu reparieren, Touristenplätze zu inspizieren und nicht zuletzt die Population der Bären, Luchse und wilden Rentiere zu registrieren.
Funkverbindung hatte sie zur Station im Camp Äventyr in Malmberget, welches ihre Großeltern betrieben, seit dem Stian sein offizielles Amt niedergelegt hatte. In den Ferien kamen manchmal Schüler und Studenten, die sich in der Saison etwas dazuverdienen wollten. Auf dem Gelände standen 15 urige Holzhäuser, jedes gemütlich und individuell eingerichtet, sowie ein Haupthaus mit kleinem Restaurant und Sanitärbereich. Die Aufenthalte wurden einschließlich Verpflegung, Exkursionen mit Rentieren in den Park sowie Hundeschlittenfahrten im Winter angeboten. Zur Sauna gehörte seit kurzem auch ein Jacuzzi. Die Gäste waren hellauf begeistert, wenn sie erschöpft von ihren Wanderungen ins Camp zurückkehrten.
Mittsommer war gerade vorüber, die Natur zeigte sich in ihrer farbenfrohen Pracht und die ersten Moosbeeren leuchteten knallrot in Teppichdichte am Boden. Die Sonne ging nicht unter in dieser Jahreszeit und das glitzernde Wasser des Muddus Jaure funkelte selbst am Tag wie eine überdimensionale Schale voller Silber.
Tuva hatte sich an ihrem Stammplatz des Sees das kleine grüne Zelt aufgestellt und die kleinen Schmeckhappen, wie sie ihre Großmutter nannte, ausgepackt, die vom Mitsommerfest übrig waren. Es trennte sie ca. 25. km vom Camp. Der uralte verbeulte und verrußte Teekessel ihres Großvaters gab den ihr seit Kindertagen vertrauten Pfeifton von sich und sofort wurden die Erinnerungen aus eben dieser Zeit wieder wach, sogar die heimelige Stimme ihres Großvaters pustete er Tuva ins Ohr. Mit dieser Stimme assoziierte sie Schutz, grenzenloses Vertrauen und Geborgenheit. Das hatte sie stark gemacht für ihr Leben.
Dieses war geprägt von Mette und Stian, sie hatten ihr das Zuhause mit einer behüteten, glücklichen Kindheit gegeben, welches ihr von ihren leiblichen Eltern verwehrt blieb. Sie kannte sie nicht einmal. Voller Liebe und Dankbarkeit waren immer die Gedanken an ihre Großeltern. Aber auch jetzt noch bekam sie jedes Mal Verhaltensregeln mit auf den Weg, wenn sie für 2 bis 3 Tage in die Wildnis zog, um ihrer Arbeit nachzugehen. Das Zusammenleben mit ihren Großeltern gestaltete sich stets unkompliziert, denn Tuva wohnte zusammen mit ihnen in ihrem Haus auf dem riesigen Areal und hatte oben ihr eigenes Reich. Es war ein heimeliges Holzhaus mit der typisch nordisch roten Farbe mitten in einem liebevoll gepflegten Garten. Wildwuchs mit leuchtend bunten Stauden und Sträuchern bildeten eine harmonisch geordnete Unordnung. Ein weißer Metallzaun gab diesem Heim die optische Sicherheit und grenzte das Haus ein wenig von den Gästeunterkünften ab. Großeltern und Enkeltochter ließen sich gegenseitig den erforderlichen Freiraum ohne Kontrolle, waren aber stets für einander da. Hin und wieder führte Tuva auch eine Wandergruppe zum Muddus Wasserfall, wo das Schmelzwasser aus 42 m Höhe von den Bergen mit dem ewigen Schnee in einem gewaltigen Strom zu Tal rauscht. Die Luft in unmittelbare Umgebung war ständig mit einem hauchfeinen Nieselfilm durchzogen. In dieser Woche hatte sich keine Gruppe angemeldet und sie konnte in aller Ruhe den Steg für die Kanufahrer in Augenschein nehmen, der schon bessere Zeiten erlebt hatte. Erst zum Ende der Woche hatte eine Hand voll Lehrer aus Stockholm eben diesen Ausflug zum Wasserfall gebucht.
Es war still, sehr still, stiller als sonst, wenn es einfach nur still war. Die Geräusche des Waldes schienen einfach abgestellt. Tuva spürte eine leichte Anspannung. Im Nacken begannen sich die kleinen Haare auf zu richten. . ., sie atmete tief ein, behielt die klare Luft in ihren Lungen und blieb regungslos vor ihrem Zelt sitzen. Wären Elch oder Bär der Grund, gäben die kleineren Tiere Warntöne von sich, sie wusste es sowohl von Stian, als auch aus eigener Erfahrung. Aber auch ihre eigenen kognitiven Wahrnehmungen der vergangenen Jahre ließen jetzt keine Entspannung mehr zu. Ihre Waffe für den Notfall hatte sie griffbereit. Geübt lautlos griff sie nach ihrer Smith & Wesson KAl.38 und entsicherte sie in der rechten länglichen Beintasche ihrer Hose mit einem kurzen kaum wahrzunehmenden Klick, indem sie die linke Hand als Schallschutz darüber hielt. Mette hatte genau für diesen Zweck diese rechte untere Hosentasche vergrößert und mit Flies präpariert, nachdem sie vor nicht allzu langer Zeit eine unangenehme Begegnung mit einem verletzten Bären hatte. Sie arbeitete nun schon fast 3 Jahre in ihrem Job und konnte sich nicht erklären, warum sie diese diffuse Unruhe spürte. Es gab immer eine plausible Erklärung für alles, nur heute erschloss sich ihr keine. Sie saß ca. 30 Minuten in dieser Starre, was ihr ein fast bewegungsloser Blick nach links unten auf ihre Armbanduhr verriet. Nach weiteren 15 Minuten war es, als hätte sich die Natur nach einer überlangen Atempause zurück gemeldet mit allen Geräuschen, die sie zu bieten hatte .Aufgrund der vorausgegangenen fast unheimlichen Stille war dieses Empfinden extrem.
Tuvalus Herzschlag beruhigte sich wieder, sie erhob sich langsam und streckte ihre Beine nach vorn und hinten. Der Blutstrom der Extremitäten machte sich mit starkem Kribbeln bemerkbar und sie ging vorsichtig einige Schritte um ihr Zelt herum. Da es auch ein Vogelschutzgebiet war, in dem sie sich aufhielt, teilten ihr diese kleinen und großen Bewohner in voller Lautstärke mit, dass sie noch da waren. Tuva beschloss daher, nicht weiter umher zu laufen und früh in ihren Schlafsack zu krabbeln, damit sie früh am Morgen mit den Ausbesserungsarbeiten des Steges beginnen konnte. Danach stand noch eine weitere Touristenstation auf dem Plan. Sie löschte das kleine Feuer mit dem restlichen Tee, rollte sich in ihren Schlafsack und sehnte den entspannenden Schlaf herbei, was aber nicht funktionierte. Einerseits bemühte Sie sich, sich dieses Gefühl selbst zu erklären, andererseits begab sie sich damit aber auf ein Terrain, nämlich das unvermeidliche Eingeständnis. . . Angst zu haben. Stian sagte immer: " Kind, Angst ist ein schlechter Begleiter in diesem Beruf, dann solltest du darüber nachdenken, ob es vielleicht nicht der richtige für dich ist.
Als sie ihre Augen öffnete und auf die Uhr blickte, stellte sie fest, dass sie doch eingenickt war. 4.00 Uhr, sie war glücklich, diese unerklärliche Situation hinter sich gelassen, ohne panische oder unkontrollierte Fehlentscheidungen getroffen zu haben. Da es nach wie vor hell war, kochte sie sich einen Tee und aß eine Zimtschnecke. Die Natur gab alle vertrauten Geräusche her, die sie so liebte und doch . . . dieses alte ihr vertraute, unbeschwerte Gefühl war noch nicht in Gänze zurück. In ihren zahllosen Krimis, die sie verschlungen hatte, stand dann dieser banale Satz. . . das Gefühl beobachtet zu werden. Diese Ohnmacht war für Tuva unerträglich, denn sie hasste es, vor irgendjemandem oder irgendetwas Irrationalem Angst zu haben. Machtspiele und Erniedrigungen, all das kannte sie von der Schule zur genüge. Schließlich beobachten doch auch Tiere, mit diesem Gedanken wollte sie den neuen Tag beginnen. War es vielleicht doch nur ein übler Traum?
Tuva war schon immer ein wenig anders als ihre Klassenkameradinnen gewesen, schminkte sich nicht und hatte auch nicht das Bedürfnis in die Disko oder ins Kino zu gehen. Selbst dann wäre es alles nicht mal eben um die Ecke gewesen, dafür lag das Camp zu abgelegen. Sie hatte eine einzige Freundin. Sonja. Sonja hatte die gleichen Interessen wie sie. Aber noch vor Beendigung der Schule zog sie mit ihrer Familie nach Stockholm. Sie besuchten sich noch genau 2-mal gegenseitig, bis auch Sonja irgendwann vom Großstadtleben vereinnahmt wurde. Aber Tuva war nicht mehr traurig, heute nicht mehr. Sie war glücklich und zufrieden mit ihrem Leben, konnte ihren Arbeitsalltag selbst gestallten und Hobby mit Beruf verbinden. Der einzige, der ihr was zu sagen hatte, war Johan, Leiter des Umweltamtes in Stockholm. Einmal im Monat kam er zur Inspektion, wie er es nannte, ließ ihr aber freie Hand und kontrollierte sie nicht. Wenn Johan sich anmeldete, spürte Tuva jedes Mal ein gewisses Kribbeln im Bauch, was nicht im Entferntesten etwas mit der Unruhe gemein hatte, die sie in der vergangenen Nacht erleben musste. Er war einfach ein richtiger Kerl, nicht hübsch, hatte aber das gewisse Verwegene, immer gut gelaunt, so hatte sie ihn schon in der Schule wahrgenommen. Eigentlich war er genau so ein Außenseiter wie sie gewesen, aber die Mädchen hingen an ihm und er fühlte sich damals wohl gut in dieser Rolle. Ab und an träumte sie von ihm, dann erinnerte sie sich an Mettes Worte in ähnlichen Situationen:" Kind, manches muss einfach Traum bleiben. Tuva gestattete sich aber weiter zu träumen, was aber ihr Geheimnis blieb. Insbesondere dann, wenn sie wieder einmal bei den Besuchen in Johans Augen blickte und glauben wollte, dass er sie ein wenig anders ansah, nicht einfach nur so. Dann, ja dann träumte sie, dass er sie vielleicht ein wenig mehr wahrnahm, als eine Kollegin, die von den Besonderheiten und Vorkommnissen im Nationalpark berichtete. Unter den Bootsstegen lagen immer ein paar Ersatzbretter für den Notfall, so konnte sie die Reparatur schnell durchführen, das nötige Equipment hatte sie stets dabei. Nach getaner Arbeit packte sie ihre Utensilien zusammen und machte sich auf den Weg zur Touristenstation Eklund. Es gab immer wieder Touristen, die Ihren Müll nicht wieder mit zurück nahmen, sondern ihn einfach liegen ließen, oder auch sonst nicht sehr pfleglich mit der Natur umgingen.
Als sie den Platz erreichte, erblickte sie ein kleines Zelt und eine Feuerstelle. Tuva hielt ihre Hand darüber und spürte die noch vorhandene Restwärme. Das Zelt war geschlossen. Sie entschloss sich zu einem "Hey", bekam aber keine Antwort. Traute sich aber auch nicht, den Reißverschluss zu öffnen. Da war es wieder, dieses seltsame Gefühl. Verdammt, verdammt, verdammt, jeder kann doch hier zelten, sagte sie jetzt halb laut, als müsse sie jemanden anders beruhigen und nicht sich selbst, dafür sind diese Plätze doch da. Kein Restmüll, keine Auffälligkeiten, nichts, aber etwas störte sie. Wie oft hatte sie während ihrer Rundgänge Wanderer, Camper, Kanufahrer getroffen, auch Zelte gesehen, deren Besitzer unterwegs waren. Sie überlegte für einen kurzen Moment, die Umgebung abzusuchen, entschied sich aber dagegen. Sie ging weiter, schneller als sonst, sie wollte auf dem schnellsten Weg zurück zum Camp Äventyr. Der kalte Schweiß brach aus und lief in kleinen Rinnsalen Tuvas Rücken hinunter, kleinere Tropfen suchten sich nun auch noch ihre Wege durchs Gesicht in die Augen, es brannte höllisch. Verdammt, verdammt sagte sie erneut, jetzt aber laut, was geht hier vor. Sie erreichte eine kleine Lichtung und zwang sich dazu, auf einem Stein eine Atempause einzulegen. Mit vollen Atemzügen zog sie die frische nach Erde, Kräutern und Beeren durchtränkte Waldluft in ihren Körper und atmete langsam wieder aus. Der Atem beruhigte sich und die Schweißproduktion verlangsamte sich ebenfalls.
Reiß dich zusammen, du blöde Kuh, schnauzte Gus mit Blick nach hinten, ich kann dein Geheul nicht mehr ertragen. Corin konnte kaum noch laufen, Tränen und Rotze liefen ihr durchs Gesicht. Vermischten sich mit ihrem Mascara und verunstalteten ihr kleines blasses Gesicht zu einer lächerlichen Fratze. Sie hatte panische Angst vor seinen Gewaltausbrüchen, die nicht immer nur verbal abliefen, so wie jetzt. Vereinzelte abgewürgte Gluxer zeugten von ihren Anstrengungen, ihre Verzweiflung in den Griff zu bekommen. Es gelang ihr jedoch nicht und Gus blieb abrupt stehen. Corin trat ihm auf die Hacke, kam ins Straucheln und fiel kraftlos auf den Boden. Gus blickte angewidert auf sie hinab und trat hemmungslos zu. Corin rollte sich so gut es ging wie ein Igel zusammen, was zur Folge hatte, dass er völlig ausrastete. Seine Tritte trafen sie abwechselnd in Bauch und Rücken. Das Weinen war nur noch ein leises Wimmern, wie von einem Kleinkind. Hör auf, hör endlich auf, ich ertrag dich nicht mehr, du bist ein Nichts, ein Niemand, und so überflüssig wie der Pickel an meinem Arsch. Bitte lass mich nicht allein, du hast es mir versprochen, wimmerte sie. Versprochen, spuckte er, versprochen habe ich gar nichts, Speichel lief in kleinen Fäden an seinem Kinn herunter, dir schon gar nichts. Du, du. . . wer bist du denn, eine Marionette, niemals eine eigene Meinung, hängst an mir wir eine Klette, vollkommen lebensunfähig, fragst immer nur, was jetzt, man. . .
Schleimst dich bei dieser Sozialfotze ein und tust so, als wäre es dein Mutter. Sie ist nicht deine Mutter, sie sind nicht unsere Eltern. Er spuckte diese Worte angewidert auf Corin, auf den Boden. Willst du gar nicht wissen, wo du herkommst? Corin wusste, dass nur sie ganz allein schuld war an dieser scheußlichen Misere. Nur sie allein. Einige Male hatte sie versucht, sich von Gus zu entfernen, es war gescheitert. Kläglich gescheitert. Gus ließ es nicht zu. Niemals. Er hatte es ihr eingebrannt, nicht in die Haut, sondern in ihre verkrüppelte Seele, in ihr fremd gesteuertes Hirn. Sie musste es tausende Male schreiben und aufsagen, immer und immer wieder wie ein Schulkind. Irgendwann hatte er ihren Widerstand gebrochen und sie hatte nur noch das getan, was er wollte. Sie hatte sich aufgegeben und das gefiel ihm. Dann war Gus lieb. Vor langer Zeit empfand sie es als Seelenverwandtschaft, zumindest war es ihre subjektive Wahrnehmung davon. Es stimmte einfach alles, so hatte es sich angefühlt für Corin, wohl nur für Corin. Just in diesem Moment konnte es nicht deutlicher sein, er betrachtete sie als Eigentum, erteilte Befehle, forderte unbedingten Gehorsam und erlaubte keinen Widerspruch, warf ihr aber auf der anderen Seite totale Unselbständigkeit vor, er war ein Narzisst mit zwei Gesichtern.
Beide kamen sie aus Familien oder was von ihnen übrig war, durch Drogen und Alkohol zerstört. Gus Mutter und Corins Vater hatten sich bei einer ihrer zahllosen Entziehungskuren in Stockholm kennengelernt, irgendwann ihre Unfähigkeiten akzeptiert und in den allermiesesten Katakomben der Großstadt ihr Leben weggeschmissen. Ihre Kinder waren kleine hilflose Wesen, die das Leben auf den Straßen in vollendeter Brutalität kennenlernt hatten. Der Zufall wollte es, dass sie beide zusammen bei einer Pflegefamilie landeten. Sie hatten sich beide an den Händen gehalten, als Streetworker sie aufgriffen, nachdem sie in einem völlig verwahrlosten Zustand neben ihren Eltern lagen, die nicht ansprechbar waren.
Der letzte Tritt gegen ihren Kopf war derart heftig, dass ein Geräusch entstand, welches selbst ihn erschreckte. Corin, Corin, komm schon, hör auf mit dem Quatsch, er klatschte ihr mit der flachen Hand rechts und links ins Gesicht, spiel hier kein Theater. Sie gab keinen Mucks von sich, auch als er die Trinkflasche über ihrem Kopf entleerte. Er packte sie am Arm, schleifte sie zurück in die kleine Senke vor der Höhle, die sie ca. 200m rückwärts passiert hatten. Trat mit seinen Füßen solange gegen ihren Körper, bis sie in der Höhle lag und stopfte die Öffnung mit Holz und Sträuchern zu. Dann versuchte er die Schleifspuren mit Ästen und Laub zu verwischen.
Lisbeth und Kristof, arbeiteten als Sozialpädagogen in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Deren Eltern, sofern es sie denn überhaupt noch gab, waren in der Regel mit allem überfordert, mit ihrem eigenen Leben schon lange. Sie konnten selbst keine Kinder bekommen. Es dauerte nicht lange und sie entschieden sich, diese beiden kleinen Menschen zu adoptieren und ihr lang ersehntes Familienglück schien perfekt. Gus und Corin fühlten sich vom ersten Tag an wohl bei ihnen. Die beiden kleinen Menschen genossen das heimelige Haus, die gemeinsamen Mahlzeiten, die Liebe und Zuwendung, das Leben, das sie bislang nicht kannten. Corin war nur ein paar Monate älter als Gus. Als die beiden das 10.Lebensjahr erreicht hatten, beschlossen ihre Pflegeeltern sie über ihre Herkunft aufzuklären, bevor andere es in ihrer Boshaftigkeit übernahmen.
Lisbeth plagten schon Tage vorher Magenschmerzen und sie hatte sich alle erdenklichen Szenarien ausgemalt. Kristof hingegen war völlig gelassen und entspannt. Dass Gus aber so reagierte, nachdem Kristof in straffer fast emotionsloser Form seine Erklärung abhandelte, das hatten sie nicht erwartet. Er saß auf der Bettkante während Gus sich zur Wand drehte und sich die Decke über den Kopf zog. Er sagte kein einziges Wort. Fragte und sagte nichts, auch zu keinem späteren Zeitpunkt, zu diesem Thema. Kristof verließ leise das Zimmer und schloss die Tür.
Corin hingegen hatte die Decke bis zur Nasenspritze gezogen und starrte Lisbeth mit weit aufgerissenen Augen an. Möchtest du noch mehr wissen oder mich dazu etwas fragen, mein Liebes. Corin nickte kaum wahrnehmbar mit dem Kopf. Kanntest du meine Eltern, sprach sie in ihre Bettdecke? Nein, dein Vater war sehr krank, bemühte sie sich vorsichtig, und konnte sich nicht mehr um dich kümmern. Und meine Mutter? Deine Mutter hat dich bei deinem Vater zurückgelassen und ist einfach verschwunden. Irgendwann hat dein Vater Gus mit seiner Mutter kennengelernt und sie haben beide gemeinsam versucht, für euch da zu sein. Aber das Leben auf der Strasse mit zwei kleinen Kindern ist schwer und so hat sich das Jugendamt um euch gekümmert. Kristof und ich konnten keine eigenen Kinder bekommen und so beschlossen wir euch zu adoptieren. Als wir euch beide das erste Mal sahen, wussten wir es sofort, ihr solltet es sein. Ein hilfloser Versuch, Corin von weiteren Fragen abzuhalten. Ihr konntet gerade laufen und standet vor uns, hieltet euch an den Händen, als wolltet ihr jedem sagen: uns gibt es nur zusammen. Lebt er wohl noch, mein Vater? Vor dieser Frage hatte Lisbeth am meisten Angst gehabt. Sie entschied sich aber für die einzige Antwort, die ehrliche: nein, er ist vor ungefähr 5 Jahren gestorben, das hat uns das Jugendamt mitgeteilt.
Völlig überrascht von der Antwort eines zehnjährigen Mädchens: wir haben euch und ihr seid unsere Eltern, streckte Corin ihre Arme aus und zog Lisbeth zu sich ins Bett. Lisbeth versuchte ihre Tränen zu unterdrücken, was ihr aber nicht gelang. Warum weinst du Mama? Lisbeth traute ihren Ohren nicht, Corin hatte ganz betont Mama gesagt. Weil wir unendlich glücklich und dankbar sind, dass wir euch beide haben. Bitte hab keine Scheu, du kannst mich alles fragen, was dich bedrückt. Heute Abend nicht mehr, vielleicht morgen. . . Schlaf gut mein geliebtes Kind und träum etwas Schönes. Lisbeth verließ leise das Zimmer, ihr war das Herz aufgegangen bei der Reaktion dieses Kindes. Obwohl sie große Erleichterung empfand, spürte sie fast gleichzeitig, dass es mit Gus nicht so einfach werden würde. Corin war sanftmütig und immer zufrieden. Gus war eigentlich genau das Gegenteil. Kristof erklärte es immer mit den Worten: das sind Jungens, ich war auch so. Lisbeth und Kristof saßen in dieser Nacht noch lange in der Küche.
Um Corin müssen wir uns wohl keine großen Gedanken machen, sagte Lisbeth. Ach, um Gus auch nicht, der hat nichts dazu gesagt. Verwundert schaute Lisbeth ihn an und sagte nur: Kristof, genau deswegen, genau deswegen! Du wirst es nicht glauben, aber so habe ich es bei ihm erwartet, das macht die Angelegenheit gefährlich, denk an meine Worte. Was ihr Frauen nur immer habt, nehmt es doch einfach mal so hin und macht nicht immer ein Drama aus allem.
Lisbeth sollte Recht behalten. Gus wurde rebellischer, hielt sich nicht mehr an Zeitabsprachen, wurde unzuverlässig. Es war ein schleichender Prozess. Lisbeth war so manches Mal versucht, diese Veränderungen mit der Pubertät zu entschuldigen. Hätte sie nicht gleichzeitig festgestellt, wie Gus ganz subtil Einfluss auf Corin nahm. Da Lisbeth aufgrund dieser einschneidenden Veränderungen automatisch sensibler reagierte, blieb ihr nichts verborgen, nicht die kleinste Kleinigkeit.
In Gus stecken zwei Persönlichkeiten. Der Gus, der ganz lieb sein konnte, wenn er etwas wollte und der Gus, der seinen Willen nicht bekam. Sein Gesicht veränderte sich dann schlagartig derart, dass Lisbeth es nicht in Worte fassen konnte, hätte sie es beschreiben sollen. Und nicht nur das Gesicht, sondern die ganze Körperhaltung, ja sogar die Stimme ergaben einen völlig fremden Menschen. Corin fing ebenfalls an, sich zu verändern. Pubertäre Grenzüberschreitungen, nannte es Kristof. Lisbeth hätte es gern auch so gesehen. Tat sie auch, aber nicht lange. Eben diese fand Corin irgendwann interessanter und cooler und schloss sich Gus einfach an. Ein ganz neues Gefühl, eine winzige Knospe, die in ihr zu sprießen begann . Rebellischer zu sein, einfach mal den eigenen Kopf durchsetzen, Widerworte geben und die verdutzten Blicke der Eltern zu erleben. Ein Hochgefühl, welches sie genoss. Aber für sie gab es Grenzen, sie wollte nicht respektlos sein und ihnen weh tun. Manchmal wollte sie das nicht, wie Gus sich benahm, aber sie traute sich dann auch nicht, etwas zu sagen. Später. . . schob sie es auf, gleichzeitig wollte sie aber Gus auch nicht in den Rücken fallen. Die Atmosphäre im Haus veränderte sich. Corin merkte sehr wohl, dass Gus begann, über sie zu bestimmen, ihre Entscheidungen, waren sie einmal anders als seine, nicht zu akzeptieren. Warum konnte nicht alles so bleiben, wie es war, warum war alles nur immer für eine bestimmte Zeit. Nicht konnte man festhalten für die Ewigkeit. Sie war doch zufrieden mit ihrem Leben. Das ist doch alles normal, in der Schule läuft es und sie müssen doch ihre Grenzen austesten. Lisbeth war es leid, immer dagegen zu halten und wünschte sich, er habe Recht. In der Schule lief es nicht, jedenfalls nicht bei Gus. Als zufällig ein persönlicher Kontakt zwischen Lehrerin und Lisbeth zustande kam, fiel Lisbeth aus allen Wolken. Gus hatte schon etliche Tage gefehlt, immer mal wieder, und seine Leistungen gingen den Bach runter, hinzu kamen einige Unterschriften, die eindeutig von ihm gefälscht waren. Lisbeth war außer sich, als sie Inga Lund in dem kleinen Buchladen traf und diese kurz berichtete, wie es um den Jungen stand. Lisbeth versprach, die Angelegenheit zu beordnen und vereinbarte schon für den nächsten Tag einen Termin in der Schule, welche sie beide auch schon als Kinder besucht hatten. Als Lisbeth schon fast zur Tür hinaus war, fragte Frau Lund nur: sind ihre Kinder krank? Lisbeth war sprachlos, tat so, als habe sie nichts mehr gehört und rannte zum Auto, in dem Kristof auf sie wartete. Als sie kurz berichtet hatte, was sie gerade erfahren hatte, sagte Kristof nur: bitte sag jetzt nicht, du hättest es alles gewusst oder kommen sehen oder wer weiß, was noch....Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich darüber noch triumphieren könnte? Wie gut kennst du mich eigentlich? Entschuldige bitte, so habe ich es nicht gemeint. Dann sag so etwas auch nicht. Wenn sie heute nicht in der Schule waren, was haben sie dann gemacht? Wir werden gleich als erstes ihre Zimmer inspizieren, denn zuhause waren sie ja heute Vormittag nicht.
Als sie die Auffahrt passierten, sprang Lisbeth aus dem Auto, obwohl es noch gar nicht richtig stand, blieb mit ihrer Tasche am Gurt hängen und verdrehte sich den Arm. Kristof zog es vor, den Mund zu halten. Die Worte "pass auf" blieben ungehört im Auto, denn die Tür flog mit einem lauten Knall zu, ehe Kristof ausgeatmet hatte. Er folgte seiner Frau langsam, wohl ahnend, was ihn im Haus erwartete. Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel und er den Schlüssel wie in Zeitlupe in die Schale des kleinen Telefontisches legte, als sei es ein rohes Ei, kam Lisbeth schon wieder herunter gerannt. Sie sind beide weg, ihre Rucksäcke und diverse Kleidungsstücke ebenfalls.
Was hat das zu bedeuten? Ich weiß es nicht, ich weiß es doch leider auch nicht. Dieser fast gequälte Unterton zeigten ihr, dass er keine beschwichtigende Ausrede mehr parat hatte. Gehören wir auch zu den Eltern, die nichts mitbekommen, was ihre Kinder anstellen, was ist hier schief gelaufen? Lisbeth, beruhige dich, vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung, antwortete Kristof aber nicht ganz so überzeugend, wie er selber feststellen musste. Ich geh in die Garage und sehe nach, was dort fehlt. Lisbeth traute sich kaum ihm zu folgen, was sie aber dennoch tat. Das kleine grüne Zelt und die beiden Schlafsäcke fehlen. . .
